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Rezensionen verfasst von
Mario Pf. (Oberösterreich)
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Die Geschichte des Christentums: Glaube, Kirche, Tradition
Die Geschichte des Christentums: Glaube, Kirche, Tradition
von David Bentley Hart
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 14,99

6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Geschichte des Christentums lässt sich auch spannend erzählen, 15. September 2011
Natürlich eine jede "Geschichte des Christentums" kann stets nur ein Abriss sein, die verschiedenen Entwicklungslinien der christlichen Traditionen sind über die Jahrtausende längst zu weit verzweigt, um noch ohne Abstriche in einem Buch vereinigt zu werden. David Bentley Hart hat mit seinem Versuch das Unmögliche zu wagen jedoch sehr gute Arbeit geleistet. Der sehr bildreiche Band spannt den Bogen von den Heilserwartungen des Volkes Isreals bis zur Bestimmung eines möglichen Trends im 21. Jahrhundert, wo in Afrika, Asien und Südamerika pingstlerisch-charismatischen Bewegungen Erfolg beschieden sein dürfte.

Der prägende Aspekt für Harts Geschichte des Christentums, selbst umfangreiche Geschichten werden in einigen Seiten abgehandelt, träge und philisterhafte Episoden bleiben dem Leser also erspart. Dafür wird natürlich manch interessant-spannenderes auch nur kursorisch abgehackt. Auch inhaltlich ist in Harts ein Trend zu einem raschen und dabei überraschend spannend formulierten Geschichtsexkurs manifest. Die christlichen Märtyrer etwa, etabliert Hart als Opferkultverweigerer, die mit ihrem Verstoß gegen gesellschaftliche Konventionen die Dauerhaftigkeit eines auf drei Kontinente ausufernden Weltreichs auf die Probe stellen sollte. Ziemlich früh wagt es der orthodoxe Theologe und Philosoph sogar sich von der immer noch römisch-katholischen Perspektive der lateinischen "Kirchengeschichtsschreibung" abzusetzen und geht auch auf vom "Mainstream" abweichende Strömungen wie die theosophischen Anhänger der Gnosis ein. Abstecher in die Gelehrtenstadt Alexandria, die Religionspolitik Konstantin des Großen und die Entstehung des Mönchtums runden das von Hart gezeichnete Bild ab.

Wirklich faszinierend gestaltet Hart indessen die Geschichte der orientalischen Kirchen, wie in Äthiopien, Armenien und sogar Indien, zu denen man zwar nur grundlegendes erfährt, dieses Basiswissen wird jedoch gut vermittelt. Selbst die ersten Konzile und die unterschiedlichen Theorien zur Abstammung Jesus (wie den Adoptianismus) finden Erwähnung. Mit dem Jahr 410, in dem die arianisch-christlichen Westgoten bei ihrem Sturm auf Rom überraschenderweise doch die Kirchen weitgehend verschonten sieht Hart die Entstehung eines neuen westlichen Christentums gekommen. Die für lange Jahre global am weitesten verbreite Strömung waren jedoch die im Westen oft verdrängten Nestorianer, deren Missionare schon lange vor den Jesuiten nach China und Fernost gelangten. Das Schicksal der orientalischen Kirchen (darunter auch die Kopten) nimmt in Harts Darstellung überhaupt eine für das mitteleuropäische Auge überraschend prominente Stelle ein. Zugleich ist Harts Geschichte des Christentums auch eine der mit ihm untrennbar verbundenen Reiche, wie Blüte und Fall von Byzanz. Selbst dunkle Episoden der christlichen Geschichtsschreibung, wie die spanische Inquisition oder die Glaubenskriege werden nicht ausgespart und erhalten eigene Kapitel. Wobei außerdem erwähnt sei dass die Geburt neuer christlicher Religionsgemeinschaften durch die Reformation noch einmal zu einer Zunahme der "Erzählstränge" führt

Fazit:
Eine flüssig und spannend beschriebene Geschichte des Christentums, die nicht auf die lateinische Perspektive eingeschränkt ist.


Augustus: Prinzeps und Monarch
Augustus: Prinzeps und Monarch
von Dietmar Kienast
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,90

6 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Der politische Augustus, 15. September 2011
Augustus Biografien gibt es viele, doch nur wenige genießen das Prädikat "Standardwerk" und noch weniger von diesen sind auch für historisch interessierte Laien (für die im Gegensatz zum akademischen Publikum erzählerische Qualitäten eine Rolle spielen) ein überragender Lesegenuss. Dietmar Kienstas "Augustus: Prinzeps und Monarch" ist eine solche überaus gelungene Augustus-Biografie, die mit ihrem politischen Zugang zu Leben und Taten des ersten römischen Kaisers regelrecht fesseln kann.

Die eigentliche Biografie Augustus macht indessen vor allem die erste Hälfte des Werks aus, während sich die zweite mit Themen um Augustus Herrschaft auseinandersetzt. Während der biografische Anteil sich bemüht vor allem die Transformation des Kriegsherrn zum "Friedensfürsten" und der Republik zur Monarchie nachzuzeichnen, wird im Themen-Anteil schließlich auf konkrete Fragen zur augusteischen Ära eingegangen, die dessen Reichspolitik, die Festigung seiner Herrschaft und das Verhältnis des Prinzeps zu Senat, Rittern und Volk.

Kienast verzichtet auf Verklärung, Verdammung und sonstiges "Zurechtrücken" eines bei seinen Lesern bereits bestehenden Augustus-Bildes, er (und das macht den Standardwerk-Charakter des Buchs aus) zeichnet sein eigenes. Bei ihm steht zunächst einmal die Frage im Vordergrund ob Caesars Testament wirklich dem Zweck diente eine Dynastie zu begründen oder war es doch privater Natur? Viele Fragen wie diese konnten bis heute nie wirklich beantwortet werden und auch der Althistoriker Kienast will sich eine definitive Antwort nicht anmaßen, er hält nur die Fakten fest. Tatsachen wie dass man allein aus Caesars Testament noch nicht schließen kann dass dieser sich in Octavius einen direkten Nachfolger heranziehen wollte. Der junge Oktavian wurde von Caesar zwar gefördert, was Kienast ausgiebig untersucht, doch erst seine Stellung als magister equtium des Diktators hätte ihm während des Partherfeldzugs die Chance und Bühne geboten sich als "der" Erbe Caesars zu etablieren. Ungeachtetdessen war die Förderung Oktavians auch längst nicht so aussagekräftig über die Pläne des Diktators für seinen Großneffen wie sie manch andere Biografen inszeniert haben. Rein technisch war Gaius Octavius sogar ein homo novus, der nur mütterlicherseits mit Pompeius und den Juliern verwandt war. Die Octavii gehörten gerade einmal dem munizipalen Adel Italiens an, doch der junge Oktavian wuchs durchaus in einer halbwegs privilegierten Bankiersfamilie auf, etwas was seine Beziehung zu Geld und Vermögen nach Kienast durchaus prägen sollte.

Oktavians Aufstieg sollte erst mit Caesars Tod seinen Anfang nehmen, entsprechend verbindet Kienast diesen Abschnitt im Leben des späteren Augustus mit einer Darstellung der Probleme vor denen sich der Senat bei Caesars Tod gestellt sah. Von da an gilt Kienast Augenmerk vor allem der Art und Weise wie Oktavian seine ihm durch Caesars Testament und die Anerkennung dessen Veteranen verliehene Macht zu festigen und gegen Antonius Stellung zu beziehen begann. Der "ewige Zweite" hinter den Caesaren entpuppt sich bei Kienast jedoch nicht als verhinderter Heilsbringer und Republikbewahrer, sondern als mit seiner Prunkliebe und dynastischen Planungen für seine Kinder mit der Ptolemäerin Kleopatra an einen hellenistischen König erinnernder Gegenpol.

Und nach etwa 150 Seiten über Aufstieg, Sieg und Tod des Augustus ist man bereits bei der Aufarbeitung der politischen Aspekte der Herrschaft Augustus angelangt. Beginnend mit dessen Verhältnis zum Senat. Dabei stellt Kienast schon früh fest dass zu Augustus Zeiten durch die Bürgerkriege der Republik das Aussterben der alten Geschlechter bereits eine vollendete Tatsache war, so oder so hätten homines novi diese Lücke naturgemäß geschlossen, durch die Klientelpolitik der Triumvirn und die auch von Augustus praktizierte positive Diskriminierung dem Ritterstand angehörender Anhänger fand jedoch eine raschere Erosion der patrizischen Vormachtstellung statt. Ein noch interessanteres Kapitel ist das der Herrschaftssicherung gewidmete, in dem Kienast nicht nur die Propagierung Augustus Prinzipats behandelt, sondern auch Aspekte wie dessen Religionspolitik, mit der er sich eine Aura des Sakralen verleihen konnte. Doch selbst der politische Durchbruch Augustus als Prinzeps gerät bei Kienast zu einem brüchigen Bild des Friedens und der Althistoriker lässt klar zu Tage treten wie unsicher sich Augustus Herrschaft ungeachtet dessen Machtakkumulation gestaltete.

Nach Ausführungen zur Hofhaltung Augustus beschäftigt sich ein ganzes Kapitel samt Unterteilungen schließlich Militärwesen und Außenpolitik Augustus. Dabei gerät schon früh die Frage in den Mittelpunkt, ob das Imperium nicht mit zu wenig Legionen ausgestattet worden war. Kienast stellt diesbezüglich die Möglichkeit in den Raum dass Augustus Militärpolitik Ausdruck eines messerscharfen Kalküls war, hatte der Prinzeps die Truppen doch lange aus eigener Tasche bezahlen müssen. Anlass für die drastisch wirkende Beschränkung der Kampfstärke des Imperiums dürfte aber vorwiegend das Anliegen gewesen zu sein, die Heere als politischen Faktor auszuschalten. Nach Ausführungen zur Wirtschafts- und Baupolitik setzt sich Kapitel VII. schließlich mit einem in anderen Biografien nur angestriffenen Thema auseinander, der Reichspolitik Augustus, die aus einer Republik mit verbündeten Vasallenstaaten ein wahres Imperium formen sollte.

- Resümee -
Eine überragende Biografie, die soviel mehr ist als nur ein Lebensbild Augustus. Dietmar Kienast zeichnet nicht nur Oktavians Aufstieg nach, sondern setzt sich auf diesem Weg und darüber hinaus mit virulenten Fragen zur politischen Geschichte hinter Augustus Triumph auseinander. Detailliert, umfangreich und durch Kienasts angenehm lesbaren Erzählstil, sowie den mehr politisch- als kulturhistorischen Zugang zur Materie ein höchst lesenswertes Werk. Der einzige Makel ist lediglich die Verwendung manch lateinisierter (in lateinischer Schrift abgedruckter) Bezeichnungen.


Österreicher entdecken die Welt: Forscher  Abenteurer  Pioniere
Österreicher entdecken die Welt: Forscher Abenteurer Pioniere
von Hanne Egghardt
  Gebundene Ausgabe

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Vergessene Helden der österreichischen Entdeckergeschichte, 14. September 2011
Vom Selbstverständnis her ist das moderne kleinstaatliche Österreich keine Entdeckernation, einen Thomas Cook, Christopher Columbus oder Marco Polo können jedoch auch nur wenige Länder vorweisen. Anstatt Cook Inseln kann die österreichische Entdeckergeschichte (zumindest bisher) nur Kaiser Franz Josef Land aufbieten und diese Inselgruppe im Nordpolarmeer wurde auch schon von den bekanntesten österreichischen Pionieren, Julius von Payer und Carl Weyprecht entdeckt. Nachdem es Payer und Weyprecht samt ihrer Payer-Weyprecht-Expedition 2010 bereits in das ebenfalls im Styria Verlag erschiene Werk "Österreichs Helden zur See" Helmut Neuholds geschafft haben, finden sie sich in Hanne Egghardts "Österreicher entdecken die Welt" ein weiteres Mal in einem nur vordergründig unwahrscheinlichen Buch verewigt.

Österreicher entdeckten die Welt - schon vor Payer und Weyprecht, deren Nordpolexpedition mit dem Kapitel Arktis auch erst den Abschluss des Buchs bildet. Gegliedert ist das Werk nämlich in die Kapitel Orient & Ferner Osten, Amerika, Afrika, Neuseeland & Australien, Rund um die Welt und Arktis. Den Beginnt als Fernostreisender macht somit der 1623 in der oberösterreichischen Landeshauptstadt Linz geborene Johannes Grueber der auf seiner Reise nach China und zurück bis ins tibetische Lhasa vorstoßen konnte. Aber auch der 1661 in Brünn geborene Georg Joseph Kamel, Entdecker der Kamelie gehört zu den Österreichern die Geschichte schrieben. Gerade bei den Asienreisenden kristallisiert sich ein interessantes Muster heraus, den Jesuiten und katholischen Reisenden diente nämlich meist Portugal, dessen Kolonien Macao und Goa zum Ausgangspunkt für die weiteren Reisen in Asien wurden, als Sprungbrett für ihre Reise um die sprichwörtlich halbe Welt.

Aber es gibt österreichische Reisende mit klingenderen Namen, wie Alois Musil, den Großcousin des Dichters Robert Musil. Im ersten Weltkrieg avancierte Musil als Scheich Musa sogar zeitweise zum Gegenspieler Lawrence von Arabiens, doch wie so oft schreiben die Sieger die Geschichte und darin nimmt Musil eine winzige Rolle ein, so dass er im Gegensatz zu T. E. Lawrence fast vergessen ist.

Die meisten der von Egghardt vorgestellten Helden sind derart in Vergessenheit geraten dass man sie nur mit Vergleichen zu bekannteren Entdeckern samt ihren Entdeckungsleistungen wieder einordnen kann, wie den weltlichen Thaddäus Haenke, einen österreichischen Humboldt. Deutlich schillernder ist da schon die Karriere eines Freiherrn Rudolf Carl von Slatin, alias Slatin Pascha. Der Abenteurer, der vom kleinen österreichischen Leutnant im Dienste des britischen Empire mit 24 zum Bey aufstieg und im Sudan (was gewisse Erinnerungen zum Film Four Feathers weckt) das einheimische Aufgebot der Briten gegen die Mahdisten anführte. Dort trat er auch zum Islam über, um die Moral seiner Truppe im Kampf gegen die Rebellen zu heben. Doch der Bey scheiterte und fand sich 10 Jahre in den Fängen der Mahdisten wieder. Nach einem kurzen Intermezzo als entsprechend seines Ranges als ehemaliger Gouverneur ehrenvoll behandelten Mitglieds der Leibgarde des selbsternannten Mahdi wurde er sodann rasch in Eisen geschlagen, lebte 8 Monate im Kerker und dann als Haussklave Chalifa Abdullahs. Nach seiner Flucht stieg Slatin Pascha sogar in den britischen Adelsstand auf, schlug sich 1914 aber auf Seiten der Donaumonarchie und gehörte nach Kriegsende zur Friedensdelegation des zweimaligen Staatsgründers Karl Renner in St. Germain.

Gegenüber Slatin Paschas Lebensgeschichte verblassen natürlich die meisten anderen Kurzbiografien, abseits der obligatorischen Aufarbeitung der Leben von Julius Payer und Carl Weyprecht interessant sind aber noch der weiße Maorihäuptling Andreas Reischek (ein weiterer in Linz geborener) und die Weltreisende Ida Pfeiffer.

- Resümee -
Die Biografien der einzelnen Entdecker rangieren zwischen zwei und mehreren Seiten, entsprechend unterschiedlich ist auch der Informationsgehalt und Unterhaltungswert der Kurzbiografien ausgefallen. In Summe sind es jedoch faszinierende Lebensgeschichten die Hanne Egghardt zusammengestellt hat, von Reisenden, Forschern, Abenteurern und Entdeckern, die bis in die entferntesten Winkel der Erde vorstießen, dort manchmal sogar ihr Ende fanden oder auch die Rückkehr in die Heimat nicht verkrafteten.


Sklaverei: Im Inneren des Milliardengeschäfts Menschenhandel
Sklaverei: Im Inneren des Milliardengeschäfts Menschenhandel
von Lydia Cacho
  Gebundene Ausgabe

7 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Auf den Spuren der globalen Frauenhändler-Netzwerke, 14. September 2011
Sklaverei war schon in antiken Zeiten etwas das sich ebensoweit verbreiten konnte wie die Handelsbeziehungen von sklavenhaltenden Nationen reichten. In einer globalisierten Wirtschaft erstaunt es daher nicht, wenn wie Lydia Cacho beschreibt, chinesische Wanderarbeiter in Container gezwängt nach Mexiko geschmuggelt werden, um sich dort in den Fabriken mächtiger Kartelle zu Tode zu schuften. Um solchen globalen Netzwerken nachzuspüren muss man sich auf eine Weltreise begeben, um ihren Spuren zu folgen, etwas dass Lydia Cacho getan hat. Cachos Reise begann schon vor Jahren in Mexiko, als sich die engagierte Journalistin nicht unterkriegen ließ und die Machenschaften der ihre Geschäftsfeld längst über das Drogengeschäft hinaus ausdehnenden mexikanischen Kartelle aufdeckte. Ihre Enthüllungen haben Cacho Feinde gemacht und sie längst auch den verlängerten Arm der Organisierten Kriminalität spüren lassen.

Doch Cachos Weltreise auf den Spuren der Menschhändler (die erste Hälfte ihres Buchs) beginnt nicht im vom Drogenkrieg gebeutelten Mexiko, wo sich die Kartelle längst wie Krebs in die Sicherheitskräfte und Politik hineingefressen haben. Statt Mexiko City ist die erste Station Istanbul, wo sie sich mit dem Polizeibeamten Mahmut trifft. Mit einem zunehmenden Grad an Globalisierung hat nämlich auch der Menschenhandel einen Boom erlebt, der gerade auch die geostrategisch interessant gelegene Türkei nicht unberührt gelassen hat. Doch ist Prostitution in der Türkei eigentlich legal, anders in Israel/Palästina, der nächsten Station auf Cachos Reise, auf der sie nun schon sehr früh zu einem ersten Fazit gelangt. Je konservativer eine Gesellschaft desto akzeptierter scheint dort auch Gewalt sexueller Natur, was nicht einmal paradox ist, seit konservative Gesellschaften ja auch dazu neigen ihre Probleme unter den Teppich zu kehren und zu verdrängen. Nur so ist es vorstellbar dass Mädchen, sollte es ihn überhaupt gelingen sich zu befreien, ein noch schlimmeres Schicksal zustoßen kann, zumindest aus ihrer Sicht. Wird ihnen doch mit dem vollständigen Ehrverlust (und möglicherweise noch einer Ermordung durch Verwandte) gedroht, wenn Fotos oder andere aussagekräftige Beweise über ihr vermeintlich freiwilliges Tun an ihre Familien gelangen.

Frauenhandel und Zwangsprostitution nehmen weltweit zu und die offiziellen Erfolgsbilanzen wie in der Türkei, dürfen oft angezweifelt werden. Von der klassischen Zwangsprostitution einmal abgesehen trägt der Menschenhandel als moderne Sklaverei heute viele Gesichter, wie Organhandel oder illegale Beschäftigungsverhältnisse. Für letztere findet Cacho in Tel Aviv unter falschen Versprechungen ins Land gelockte ausländische Krankenschwestern, die für geringestmögliche Bezahlung in israelischen Altersheimen eingesetzt werden. Doch Menschenhandel ist kein Phänomen das nur die sich nach besseren Lebensumständen sehnende Bevölkerung von Entwicklungsländern in seine Klauen bekommen kann, auch in vermeintlichen Bei-uns-doch-nicht-Gesellschaften können junge Frauen (der große Schwachpunkt Lydia Cachos "Sklaverei" liegt wirklich darin dass sie sich allein auf den Frauenhandel konzentriert) in die Fänge skrupelloser Verbrecher gelangen. Cacho bringt dazu das Beispiel einer amerikanischen Sängerin ins Spiel, die sich auf ein Agenturangebot hin nach Japan begab. Mit dem Job als Club-Sängerin wurde es jedoch nichts, stattdessen durchlebte sie in den Händen der Yakuza ein wahres Martyrium. Nur sie konnte sich mit viel Glück befreien, andere Leidensgenossinnen konnten diese Gelegenheit gar nicht mehr ergreifen.

In Asien angelangt begibt sich Cacho nach Kamodscha, dem Hinterhof der Triaden, wo über die Jahre ein reger Pädophilen-Tourismus in Gang geraten ist. Der Handel mit Kindern, das wohl schändlichste Verbrechen der Menschenhändler nimmt jedoch schon in jüngsten Jahren seinen Anfang. Die betroffenen Jungen und Mädchen werden sogar regelrecht zu einem bestimmten Verhalten erzogen. Nur dadurch und das Drogengeschäft bleibt die kambodschanische Wirtschaft wohl überhaupt am Laufen und das Regime in Amt und Würden. Die chinesischen Triaden sind es auch, über die Cacho an dieser Stelle den globalen Blickwinkel ins Treffen führt, denn durch undurchsichtige "Investoren" werden chinesische Arbeiter und asiatische Frauen als Sex- und Arbeitssklaven bis nach Süd, Mittel- und Nordamerika geschmuggelt. Mit (schein)legalen Aufenthaltsgenehmigungen ausgestattet werden sie manipuliert, gebrochen und unter psychischen oder physisch verstärkten Druck gesetzt, woran sie früher oder später zugrundegehen. Die Mafia und ihre Klienten sind unterdessen in ihrem Zynismus kaum noch zu überbieten, nutzen sie doch den Diskurs um Feminismus und Sexarbeit, um ihre wenig lauteren Absichten dahinter zu verbergen.

In der systematisch aufgebauten Hälfte ihres Buchs geht Cacho schließlich auf die in den Reisen zu den Brennpunkten des Menschenhandels ausgesparten Themen ein. Hier untersucht Cacho nun welche Bedeutung der Menschenhandel für die Geldwäsche der Syndikate und Kartelle hat, aber auch wie die Mafia sich die Globalisierung zu Nutzen gemacht hat. Eine entscheidende Rolle spielt schließlich auch noch Cachos Auseinandersetzung mit den Zusammenhängen zwischen legaler und illegaler Prostitution, der Verschleierungstaktik der Menschenhändler und dem Diktum dass nur die Zivilgesellschaft eine Chance hat Menschenhandel zurückzudrängen.

- Resümee -
Der einzige Makel, Cacho beschränkt sich in ihrer Darstellung des globalen Menschenhandels vorwiegend auf den Frauenhandel, der immer noch den Löwenanteil der modernen Sklaverei ausmacht und auch das zugkräftigste Thema abgeben mag. Doch die engagierte Menschenrechtlerin führt auch aus, dass Zwangsprostiution nur eine Facette eines noch untere anderen erschreckenden Fratzen auftretenden Phänomens ist. Stilistisch ist Cachos Werk jedenfalls gut gelungen, weder setzt sie zu sehr auf moralische Entrüstung, wodurch das Buch nicht mit einem unnötigen Übermaß an Pathos überladen wirkt, noch stellt sie sich dabei durchwährend ins Rampenlicht. Eine Reportage ist es dennoch, aber eine sehr gute.
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Ideale Welten: Die Geschichte der Utopie
Ideale Welten: Die Geschichte der Utopie
von Gregory Claeys
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 29,95

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Utopien von Platon bis Asimov, 14. September 2011
Utopia, Atlantis und der Sonnenstaat, schon lange vor der offiziellen Geburt der Science Fiction als Literaturgenre waren Utopien ein fester Bestandteil der Philosophie und sei es als nur als Sehnsuchtsfantasien nach einem gerechteren Staatswesen. Die moderne Science Fiction ist zwar mehr am Unterhaltungswert als Weitläufigkeit utopischer Szenarien interessiert, ihr Einfluss durch diesen Schritt zur Popularisierung aber größer als je zuvor. Umso interessanter erscheint es angesichts dessen wenn ein britischer Historiker und Professor für Politisches Denken sich einer Geschichte der Utopien annimmt, war es doch sein Landsmann Thomas Morus der mit Utopia (aus dem Griechischen: nirgendwo) den Utopien ihren Namen gab. Und wen überrascht es da noch, dass Gregory Claeys "Ideale Welten" seinen Anfang wirklich in dessen Beschäftigung mit Morus Utopia genommen hat.

Die Geschichte der Utopien als Vorstellung von einem gesellschaftlichen Idealzustand beginnt natürlich bereits im klassischen Zeitalter. In diesen ist die Utopie die Welt wie sie war, bevor Prometheus das Feuer stahl und Pandora Verderben über die Welt brachte. Auch Lykurg und die Reformen Spartas, sowie Platons Staat reihen sich in die antiken Utopien. Doch auch in der christlich-jüdischen Tradition existiert mit der Vorstellung vom Garten Eden und dem mit ihm verlorenen Paradies ein der griechischen Version ähnliches Konzept. Durch die Bibel schließlich wurden zahlreiche christliche Splittergruppen zur Ausschmückung ihrer Utopien inspiriert, etwa die Wiedertäufer oder auch die Puritaner.

Doch sind Utopien nur eine europäische Angelegenheit? Diese Frage stellt Claeys in Kapitel 3 und beantwortet sie sogleich damit dass es etwa bei Hindus und in den chinesischen Philosophie-Religionstraditionen (vor allem dem Konfuzianismus) durchs Vorstellungen vom idealen Herrscher gab. Selbst der Islam kennt mit der Stilisierung des Kalifats in Medina als Goldenes Zeitalter auch eine weltweit bekannte Utopie. Claeys führt seine außereuropäischen Utopien schließlich bis Mahatma Ghandi.

Gregory Claeys persönlichen Höhepunkt (und den Dreh- und Angelpunkt des Werks) bildet indessen die Darstellung der Utopie als definiertes Genre mit Thomas Morus Utopia und den Implikationen der Entdeckung der neuen Welt für spätere Utopien. In Kapitel 5 geht der britische Historiker anschließend einer etwas ungewöhnlichen Frage nach, nämlich Einfluss Daniel Defoes Robinson Crusoe und Johnathan Swifts Gullivers Reisen auf utopisches Denken entfaltet haben. Natürlich nach der Entdeckung der Neuen Welt als Zäsur beschäftigt sich der Autor auch mit der Auswirkung von Revolution und Aufklärung. Einen weiteren interessanten Ansatz verfolgt Claeys in Kapitel 8 über die Idealen Städte, vom Mittelalter bis in die Moderne. Der Verwirklichung utopischer Vorstellungen am nächsten kommt indessen Kapitel 9, Utopia als Gemeinschaft. Von den Shakers bis zu den Hippies, wobei Claeys konstatiert dass das Auftreten dieser sich auch zur Aufgabe gesetzt hatte ein verlorengegangenes Gemeinschaftsgefühl wiederzugewinnen oder etwas neues aus diesem zu schmieden. Doch Claeys geht noch weiter, über die Mormonen, bis zum britischen Sozialismus und den dem von Robert Owen geschaffenen 2000 Seelen-Ort New Lanark. Kapitel 9 zeugt erstmals von utopischen Konzepten die im Modell wirklich ausprobiert wurden. Den Abschluss bilden schließlich Ausführungen zu Sozialismus, Kommunismus und Anarchie, sowie den Weg zur Science Fiction.

Ein Buch voller großartiger Ansätze und Ideen wie man eine Geschichte der Utopien zeichnen kann, chronologisch aufgebaut und hie und da mit biografischen Anmerkungskästchen versehen. Doch entpuppt sich Gregory Claeys ambitioniertes Projekt überraschend schnell als wenig mehr als ein kommentiertes Literaturverzeichnis (das mit entsprechend kleinerer Schrift, um Bilder und Biografie-Kästchen gekürzt den Anhang hätte bilden können), denn meistens unternimmt der Historiker wenig mehr als ein entscheidendes Buch als Meilenstein vorzustellen und schon geht es weiter. Es ist gewissermaßen nur eine Chronik. Und entsprechend dürftig ist oftmals auch der Informationsgehalt, der sich in aller Kürze zudem kaum durch eine originelle Argumentation oder Verknüpfungsleistung auszeichnen kann. Nur einige (für meinen Geschmack viel zu wenige) Kapitel sind inhaltsstärker geraten, der Rest wird knappest abgehandelt und vermittelt einem gerade einmal einen Überblick, den man sich auch schon anders erworben haben kann, vielleicht war das auch Claeys Zielsetzung. Selbst Themen wie Revolution und Aufklärung bleiben unterbelichtet während die literaturwissenschaftlich angehauchten Ausführungen zur Wirkung von Gullivers Reisen und Robinson Crusoe deutlich mehr in der Gunst des Autors gestanden zu haben scheinen.

Fazit:
Faszinierende Ansätze, doch das Buch bleibt bis wenige Ausnahmen hinter den Erwartungen zurück mehr als ein kommentiertes Literaturverzeichnis zu sein, denn an der utopischen Literatur hat Gregory Claeys seine Chronik der Utopien ausgerichtet. Zumindest einen Überblick kann das Buch jedoch vermitteln.


Erfolgreich lernen mit dem Lernprofil: Erkenne deinen persönlichen Lernstyp und finde deine optimale Lernstrategie.
Erfolgreich lernen mit dem Lernprofil: Erkenne deinen persönlichen Lernstyp und finde deine optimale Lernstrategie.
von Katharina Turecek
  Broschiert
Preis: EUR 19,90

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Richtig lernen mit dem Lernprofil, 13. September 2011
Lernen kann jeder, doch für nicht wenige ist es ein vergeblicher Prozess, viel vergeudete Zeit und die oft gut gemeinten Tipps diverser Ratgeber helfen auch nichts. Das kann schon daran liegen dass die entsprechenden Ratschläge für einen gänzlich anderen Lerntyp ausgelegt sind, etwas wogegen Dr. Katharina Tureceks Lernprofiltest Abhilfe schaffen kann. Den Lernprofiltest selbst, der als Essenz hinter dem nun vorliegenden Buch steckt und der Grund ist warum es nicht nur für die zunächst angegebene 9-13jährige Zielgruppe bzw. deren Eltern interessant ist, hat Turecek zwischen 2008 und 2011 entwickelt. Auch ältere Semester bekommen mit dem Lernprofiltest wertvolle Einsichten vermittelt, selbst wenn die daran anknüpfenden Tipps für die Ausschöpfung der eigenen Lernpotentiale etwas zu zielgruppenspezifisch sind.

Dass Tureceks Verfahren nicht einfach ein Produkt ihrer Kreativität ist, sondern auf einem wissenschaftlichen Fundament ruht erkennt man bereits daran, dass die Testfragen zunächst nicht erkennen lassen welches Lernpotential gerade angesprochen wird. Zudem orientiert sich das Auswertungsschema übrigens nicht an Kreuzchen in 3 bis 5 Kästchen, sondern deutlich flexibler auf einer Linie, die später abzumessen ist (und auch hier wird zunächst geschickt verschleiert wie das Schema funktioniert, um zur Ehrlichkeit anzuspornen). Für Lehrer ist es überdies, wie im Buch festgehalten, möglich den Test auch für Schulklassen anzufordern.

Schulischer Misserfolg kann viele verschiedene Ursachen haben, Mängel in der Motivation, Organisation, Konzentration, der Lerntechnik, dem Gedächtnis und der Wiedergabe von Wissen. Nach 60 Fragen ist man in der Lage seine Schwächen und Stärken auf einem durch seine Bildlichkeit eindeutigen Lernstern (einer Spider-Grafik) zu verorten. Natürlich, auch das hält Turecek fest, Lerntypen sind veränderbar (diese zu verändern sollen ja auch die entsprechen Tipps und Lernstrategien bewirken) und können auch fach- und themenabhängig sein (was an der Darbietung des Lernstoffs ebenso liegen kann wie der Motivation). Gute Lerner haben nur den Vorteil vielseitige Lerner zu sein, selbst dort wo einem Schüler beispielsweise die Motivation augenscheinlich fehlt, Turecek nennt einen Beispiel-Schüler mit einer Aversion gegenüber Mathematik, kann man durch eine Verknüpfung mit einem Thema für das er sich begeistern kann (im Beispiel Fußball und folglich die Bedeutung von Mathematik im Fußballsport) die Schwäche wieder ausgleichen.

Auf den Fragenteil folgt zunächst einmal eine Vorstellung der häufigsten Lernsterne und dazu passender Empfehlungen. Erst danach geht es ans "Eingemachte", den Tipps und Empfehlungen zur Verbesserung von Schwächen und damit der Optimierung des Lernsterns, damit Lernen keine vergebliche Liebesmüh mehr ist, sondern effizient und vor allem frustfreier.
Kommentar Kommentare (3) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Dec 18, 2013 2:53 PM CET


Der Tod wird euch finden: Al-Qaida und der Weg zum 11. September -
Der Tod wird euch finden: Al-Qaida und der Weg zum 11. September -
von Lawrence Wright
  Taschenbuch

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Die Geburt al Qaidas und der Auftakt zu 9/11, 11. September 2011
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Schon zum 5 Jahres-Jubiläum der 9/11 Anschläge veröffentliche Lawrence Wright 2006 "The Looming Tower. Al-Qaeda and the Road to 9/11" und gewann mit diesem Bestseller den renommierten Pulitzerpreis. Dadurch ist der Journalist und Autor als Mitglied des Council on Foreign Relations, der auch kurze Zeit an der American University in Kairo lehrte kein Unbekannter mehr. Was den Erfolg Wrights Buch ausmachte war es dass er als einer der ersten die Vorgeschichte 9/11 erfassen und den Aufstieg Bin Ladens nachzuzeichnen vermochte. Dabei standen ihm mit dem ehemaligen "counter-terrorism czar" Richard A. Clarke und dem zweifachen Pulitzerpreisträger Steve Coll (den ersten 2004 für 'Ghost Wars: The Secret History of the CIA, Afghanistan, and Bin Laden, from the Soviet Invasion to September 10, 2001', den zweiten 2008 für 'The Bin Ladens') wertvolle Quellen zur Verfügung, auf die er ebenso wie die erste große Welle von 9/11 Büchern elegant aufbauen konnte.

Wright beginnt seine Reise zu den Wurzeln Al Qaidas zunächst mit einem denkwürdigen St. Patricks Day 1996 als es den Agenten der "Alec" Station der CIA (zuständig für die Ermittlung in der Finanzierung von Terrororganisationen) gelang die Strafverfolgung, des damals noch als Terror-Finanzier aktenkundigen Osama Bin Ladens einzuleiten, nachdem dieser eine Fatwa gegen die USA veröffentlicht hatte. Doch noch stand die Jagd auf Bin Laden auf tönernen Füßen, der Mann erschien eher unbedeutend angesichts größerer Bedrohungen und auch die rechtliche Grundlage der Strafverfolgung des späteren Staatsfeinds Nr. 1 ruhte noch auf einem Gesetz aus der Bürgerkriegsära.

Der Weg nach 9/11 begann jedoch schon weit früher, man kann ihn gar, wie Lawrence Wright auf die Radikalisierung des Chefideologen der Muslimbrüder zurückführen, Sajid Qutb. Entsprechend beginnt Wright nach dem Prolog sein erstes Kapitel mit der USA-Reise des "Märtyrers" Qutb im November 1948. Der sich bereits in seinen 40ern befindende Beamte des ägyptischen Bildungsministeriums und ausgebildete Lehrer hatte gewissermaßen aus seiner Heimat fliehen müssen, da seine Schriften ihn beim ungeliebten König in Ungnade haben fallen lassen. Mit der Unterstützung von Freunden sollte Qutb auf "Studienreise" in die USA gehen, wohl auch in der Hoffnung der zornig-flammende Autor möge dort etwas abkühlen und liberaler werden. Doch genau das Gegenteil sollte eintreten. Zwischen Kairo und New York lagen Welten, der Kulturschock und Affronte wie der Kinsey-Report (den Qutb aufmerksam studierte und auf den er sich in späteren Schriften bezog, um die moralische Verkommenheit der Amerikaner zu geißeln) sorgten dafür dass Qutb bei seiner Rückkehr am 20. August 1950 einen noch radikaleren Weg beschritt. Seine Unnachgiebigkeit sollte ihm nach einem islamistisch motivierten Anschlag auf Präsident Nasser jedoch den Strang einbringen, der Tod machte aus Qutb jedoch umso mehr einen Märtyrer.

Das Erbe des Märtyrers Sajid Qutb sollte schließlich auch eine Generation von Männern beeinflussen, der auch Aiman al-Sawhiri angehörte. Osamas künftiger Stellvertreter nimmt die Hauptrolle in Kapitel 2 ein. Wright stellt seine "Protagonisten" also zunächst einmal getrennt vor. Sawahiri entstammte einer Ärztedynastie und wuchs in einer weltoffenen gutbürgerlichen Gegend auf, ähnlich wie Osama Bin Laden. Bin Laden und dessen Vater (womit Lawrence Wright ein wenig die gleiche Richtung einschlägt wie Steve Coll, der in seiner Familienbiografie 'The Bin Ladens' die Geschichte des Clans seit Mohammed Bin Ladens Ankunft im künftigen Saudi-Arabien aufarbeitete) gehörten zur Elite Saudi-Arabiens, doch zwischen den beiden Männer herrschte doch ein grober Unterschied, den Wright ausstellt. Während der Aufsteiger und erste Baumeister des Königs zwar auch bescheiden lebte und stark religiös geprägt schien, sein 17. Sohn sollte sich in Teenager-Jahren politisch und religiös schlichtweg radikalisieren. Wie dieser Prozess vonstatten ging ist das große Rätsel, dem auch Lawrence Wright nicht näher kommen kann. Dafür zeichnet er den weiteren Lebensweg Bin Landes nach.

Wie sich die politische Lage in Osamas Heimat Saudi-Arabien gestaltete erforscht Wright anhand des Schicksals Prinz Turki bin Faisal Al Sauds, dem Sohn König Faisals und langjährigen Chef des saudischen Auslandsgeheimdienstes. Er sollte zu einer zentralen Figur in der saudisch-amerikanischen Kooperation im sowjetischen Afghanistankrieg werden und damit auch in Kontakt zum Afghanistan-Kämpfer Bin Laden treten. Nach seinem Afghanistanerlebnis fand der treue Untertan des Königshauses dann auch nichts daran Prinz Turki 1989 vorzuschlagen mit einer Gruppe arabischer Freischärler in den marxistischen Südjemen einzufallen. Noch ehe sich Bin Laden über die Ablehnung dieses Plans Gedanken machen konnte vereinigten sich Süd- und Nordjemen jedoch überraschend und Bin Laden erkannte in Saddam Hussein eine noch drängendere Bedrohung für das Königreich. Zwar befand sich Saudi-Arabien technisch auf dem Stand sich selbst zu verteidigen, doch dem Königreich fehlte ein entsprechend ausgebildetes Heer, um im Falle eines weiteren Vordringen Saddams etwas entgegenzusetzen. Schon von Beginn der expansionistischen Phase Saddams drängt Bin Laden darauf nicht die Amerikaner ins Land zu holen, sondern eine eigene Armee zu schaffen, die den säkularen Diktator in die Schranken weisen sollte. Bin Laden bat sich an mit einer Gruppe von Afghanistanveteranen aus arbeitslosen arabischen Jugendlichen in kürzester ein Heer 100.000 Mann starkes Heer aufstellen zu können, doch schlussendlich setzte das Königshaus auf eine internationale Koalition unter der Führung der USA. Und Bin Laden hatte in der letzten verbliebenen Weltmacht ein neues Objekt für seine Obsession gefunden.

Bis wirklich die amerikanischen "Helden" Wrights Geschichtsexkurses in Erscheinung treten dauert es über die Hälfte des Buchs, doch dann sind es mit Richard A. Clarke in seiner Funktion als Chefkoordinator für Terrorismusbekämpfung im Weißen Haus und FBI Special Agent John O'Neill, dem Leiter der Abteilung für Terrorismusbekämpfung des Bureaus gleich die zwei "Lichtgestalten". Unterstützung erhalten beide durch einen "Supporting Cast" der neben Dan Coleman auch den Leiter der Alec Station Michael Scheuer umfasst. Bekannte Namen, wenn man sich mit einigen amerikanischen Werken über 9/11 und dem War on Terror bereits auseinandergesetzt. Vor allem O'Neill, der beim Einsturz der Twin Towers ums Leben kam und gewissermaßen den amerikanischen Märtyrer-Helden-Tod starb, nimmt in der zweiten Hälfte des Buchs neben Bin Laden die entscheidende Rolle ein, auch weil ihn Clarke sich nach Amtsantritt Bushs als Nachfolger gewünscht hätte. O'Neills präsente Rolle kommt auch daher, dass er als FBI-Agent die Ermittlung im Fall Al Qaida führte und damit die Anschläge in Al-Chubar und die USS Cole zu untersuchen hatte. Weil er beim FBI allerdings trotz seines Engagements nicht die Karriereleiter weiter hinaufsteigen und zum Leiter der bedeutenden New Yorker Außenstelle (womit er gar zum Assistant Director geworden wäre) trat er knapp vor 9/11 eine neue Arbeitsstelle als Sicherheitschef des World Trade Center an, welch bittere Ironie.

- Resümee -
Den Pulitzerpreis hat sich Lawrence Wrights Pulitzerpreis-gekröntes Werk vor allem verdient weil er es verstanden hat den First-Mover Advantage zu nutzen und sich eben als erster an eine durchgehende Geschichte über die Entwicklung Osama Bin Ladens, die Entstehung Al Qaidas und den Auftakt zu 9/11 zu verfassen. Dennoch liegt die große Stärke des Buchs darin welche Geschichte es da (gut aber nicht überragend) erzählt. Wright erzählt durchaus plastisch, bei den Beziehungsgeflechten und Charakterbildern bleibt er allerdings oft doch eher oberflächlich, allzu feinsinnig ist jedenfalls nicht unterwegs. Wrights Beschäftigung mit O'Neill wirkt zudem oft schon ein wenig zu sehr um Heroisierung bemüht, was vielleicht eine Geschmacksache sein mag, doch gerade Richard A. Clarke, der mit Against All Enemies eine Autobiografie über die Jagd nach Al Qaida verfasst hat tritt in den Hintergrund, ebenso wie auch Aiman al-Sawahiri auf die Rolle eines Nebendarstellers reduziert bleibt.

Fazit:
Unterm Strich ein durchaus lesenswertes Buch darüber wie Bin Laden die Al Qaida gründete und schon vor 9/11 von John O'Neill gejagt wurde, das aber auch seine Schwächen vorzuweisen hat und vor allem davon lebt dass erste und umfangreichste Buch über diese Geschichte gewesen zu sein.


Kein Feind in Sicht. Konfliktbilder und Bedrohungen der Zukunft
Kein Feind in Sicht. Konfliktbilder und Bedrohungen der Zukunft
von Walter Feichtinger
  Broschiert
Preis: EUR 29,90

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Die Suche nach neuen Bedrohungsszenarien, 9. September 2011
Es mögen zwar bereits zwei Jahrzehnte seit dem Ende des Kalten Kriegs ins Land gezogen sein, doch sicherheitspolitisch stehen viele Länder immer noch vor der Frage an welchen Bedrohungsszenarien und Gefahrenbildern man sich heutzutage ausrichten soll. Unter der Federführung der beiden namhaften Vertreter des Instituts für Friedenssicherung und Konfliktmanagement der österreichischen Landesverteidigungsakademie in Wien, Brigadier Walter Feichtinger und Oberst Anton Dengg, haben sich deutsche und österreichische Sicherheitsexperten eingefunden für den fünften Band der im Böhlau Verlag erscheinenden Reihe Internationale Sicherheit und Konfliktmanagement der Suche nach Bedrohungsszenarien der Zukunft nachzugehen.

Die augenscheinlich direkteste Bedrohung, die sich noch aus dem nuklearen Wettrüsten des Kalten Kriegs entspinnt greift dabei Feichtinger schon eingangs auf, die Verhinderung der Verbreitung von Nuklearwaffen. Dazu zitiert er auch den ehemaligen IAEO-Direktor und Friedensnobelpreisträger Mohammed El-Baradei, der in der Möglichkeit dass Atomwaffen in die Hände von Nichtstaatlichen (vordergründig Terroristen) gelangen könnten eine der größten sicherheitspolitischen Bedrohungen der kommenden Jahre sieht. Mit den großen Feindbildern, wie sie noch George W. Bush mit seiner Achse des Bösen zu zeichnen versuchte dürfte es auf absehbare Zeit vorbei sein.

Es ist Erich Vad der in seinem Kapitel zu neuen "geopolitischen Herausforderungen im Lichte des erweiterten Sicherheitsbegriffs" zudem konstatiert, dass asymmetrische Bedrohungen immer wahrscheinlicher werden, auch wenn die Vormachtstellung westlicher Nationen vordergründig durch den Aufstieg neuer regionaler Wirtschafts- und Machtzentren wie China herausgefordert wird. Ralph Thiele wiederum beschreibt unter dem Titel "Glorreiche Sieben? Probleme, Zugänge und innovative Ansätze bei der Entwicklung von Konfliktbilder" ein Sicherheitsbild im Wandel und wie die USA, EU, Russland, Indien, Japan, China und die Vereinten Nationen durch dieses vor völlig neue Herausforderungen gestellt werden. Die anhaltende Globalisierung hat einen neuen strategischen Terrorismus hervorgebracht, der moderne Technologien nutzen kann, doch dieser ist nicht das einzige Problem für die globale Sicherheitspolitik. Die Profileration, illegaler Waffenhandel und die wissenschaftlich belegbare Destabilisierung und Desintegration von Staaten nehmen ebenfalls zu. Die Bedrohungen werden also zunehmen asymmetrischere Gestalt an (die Grenzen zwischen Staatenkriegen, Religionskonflikten, Bandenkriminalität und Bürgerkriegen verschwimmen) und eine moderne Sicherheitspolitik hat sich nicht mehr vordringlich dem Schutz des Territoriums, sondern dem von Infrastruktur und Bevölkerung zu widmen.

Nicolas Schwank und Christoph Trinn präsentieren wiederum "Muster und Entwicklungstrends politischer Konflikte im Spiegel des Conflict Information Systems (CONIS) Heidelberg". Sie belegen damit empirisch einen tatsächlich dramatischen Anstieg Konflikte sogenannter mittlerer Intensität und in Verbindung mit diesen auch die zunehmende Involvierung nicht-staatlicher Akteure. Während sich Ralf Roloff konflikttheoretischen Betrachtungen widmet und Andrea K. Riemer neuen Akteuren und der Heterogenisierung von Macht befasst sich Franco Algieri mit der Bedeutung von Ordnungsmustern in der chinesischen Politik. Ähnlich wie Algieri beschäftigt sich auch Daniel Grotzky mit einer Großmacht im Wandel, nämlich Russland, wobei er gerade den strategischen Defiziten der russischen Außenpolitik nachgeht. Jochen Rehrl hingegen formuliert im Kapitel "Zukünftige Konfliktbilder im Lichte strategischer Konzepte" ausdrücklich die Perspektive der EU, ein deutlicher Kontrast zur US-zentrierten Sichtweise angloamerikanischer Autoren oder oft nationaleren Zugängen. Das letzte Kapitel vor den zusammenfassenden Bemerkungen der Herausgeber liefert Friedemann Müller über "Energieressourcen und klimatische Faktoren als sicherheitspolitische Herausforderungen", wobei er feststellt dass der Klimawandel als Konfliktmultiplaktor funktioniert.

- Resümee -
Die sicherheitspolitischen Bedrohungsszenarien für die nahe Zukunft sind zu vielfältig um sie in konkrete "Feindbilder" zu zwingen. So ist zwar kein Feind in Sicht, doch eine mannigfache Zahl an Gefahren. Als Fazit unter "Kein Feind in Sicht" kann also stehen, dass das Buch einen interessanten und vor allem weitgespannten Einblick in die sicherheitspolitischen Herausforderungen der nächsten Jahrzehnte erlaubt, natürlich ohne Garantien.


Macht im 21. Jahrhundert: Politische Strategien für ein neues Zeitalter
Macht im 21. Jahrhundert: Politische Strategien für ein neues Zeitalter
von Joseph Nye
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,99

8 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Smart Power und die USA im 21. Jahrhundert, 8. September 2011
Was Joseph Nye in "Macht im 21. Jahrhundert" unter dem Titel intelligente Macht (bzw. Smart Power) als neues politisches Konzept zu Markte trägt ist im Grunde wenig mehr als eine zwischen der Anwendung harter und weicher Macht abwägende Politik. Es verwundert nicht dass Nye dieses Misch-Konzept gerade in den ideologisierten Bush-Jahren entwickelt und in seinem Werk "Soft Power" publikumswirksam formuliert hat. Die Idee erscheint wenig revolutionär, neuartig und irgendwie nur als Auflehnung gegen die Außenpolitik der mit zwei Kriegen belasteten Bush-Administration gedacht. Wenig überraschend dass Nye infolgedessen gerade Barack Obama und dessen Außenministerin Hillary Clinton als Vertreter seines Konzepts von Smart Power präsentiert.

Mit "Macht im 21. Jahrhundert" (alias The Future of Power) ist der kurzzeitige stellvertretende US-Verteidigungsminister (1994-1995) der Clinton-Adminstration und renommierte US-Politologe Joseph Nye bemüht die Vorzüge einer ganz auf Obama zugeschnitten scheinenden multilateralen US-Außenpolitik hervorzuheben. Für den Begründer der Smart Power-Initiative ein geradezu missionarischer Auftrag, wobei man als europäischer Leser zunächst einmal irritiert von der Begeisterung für ein derart simples Patentrezept sein dürfte. Doch für Nye scheint der Schwenk der US-Politik von Unilateralismus zu Multilateralrismus wirklich die Erkenntnis eines Jahrzehnts zu sein. Als Beispiel für der US-Außenpolitiker das Beispiel Libyens an, wo nicht die USA im Alleingang agieren sondern durch die NATO. Doch das größte Hindernis für die Etablierung von smarten Machteinsatz sieht Nye noch in der aus seiner Perspektive entsprechendes Potential untergrabenden Ungleichverteilung finanzieller Ressourcen zwischen State Department und Department of Defense, einem heiklen Punkt in Sachen Machtverteilung in US-Regierungen, schließlich heißt es doch an der Stärke oder Schwäche von Verteidigungsminister oder Außenminister ließe sich erkennen ob die Prioritäten einer US-Administration auf harter oder weicher Macht liegen.

Welchen Einfluss sich die USA mit weicher Macht erwerben könnten erläutert Nye am Beispiel Chinas und dessen wirtschaftspolitisch motivierten Engagement. Dem stellt er das unattraktivere russische Modell einer militärischen Machtentfaltung gegenüber, die er als Auslaufmodell im 21. Jahrhundert klassiert. Die Frage die sich hinter der Suche nach einem zugkräftigen neuen Paradigma für die US-Außenpolitik versteckt ist nämlich keine geringere als die, ob nicht im Zuge der Finanzkrise das Ende der US-Hegemonie gekommen sein könnte. Die Krise der US-Außenpolitik und ihre mögliche Renaissance durch einen Paradigmenwechsel, das ist der Kern von Nyes Buch. Aber die großen Themen der US-Außenpolitik berühren eben auch Europa und so sind Nyes Schlüssel auch entsprechend interessant für nicht-amerikanische Leser. Halb der US-Perspektive schmeichelhaft sieht Nye indessen auf den Niedergang der Weltmacht USA keine neuen Großmächte erblühen, sondern das Aufstreben nichtstaatlicher Akteure, eine Formel unter der sich neben international agierenden Konzernen, NGOs und Parteien auch Terrornetzwerke summieren lassen.

Was zunächst noch ein wenig nach Zukunftsmusik klingt ist allerdings längst harte Realität. Nichtstaatliche Gruppen haben durch Cyberwarfare längst bewiesen dass ihre Angriffe teuer werden können und in Georgien, Estland und Xinjiang haben auch vermutlich regierungsnahe Cyber-Terroristen (Russland und China) bereits erste Einsätze erlebt. Das Problem ist seit Jahren das gleiche, auf Cybersecurity wird viel zu wenig geachtet und von den Tätern können oft nur Einzelne erwischt werden. Die nichtstaatlichen Akteure mögen zwar das Potential haben zum Schreckgespenst zu avancieren, doch wie genau man sich entsprechende Szenarien vorzustellen hat kann Nye noch nicht ausführen, er belässt es bei Beispielen wo Cyberangriffe in den letzten Jahren bereits dokumentiert werden konnten.

Die Frage die mit der Suche nach Bedrohungsszenarien für das 21. Jahrhundert einhergeht ist natürlich, wohin sich die Macht in einer multipolaren Welt verlagern wird. Die EU und Japan wurden in den USA zeitweise groß gehandelt, Japans Rückkehr als Großmacht sogar gefürchtet (was unzählige US-Thrillerautoren zum Beschwören uralter Ängste vor der Nippon Connection bewegte). Mittlerweile fallen US-amerikanische Einschätzungen zur EU pessimistisch aus wie jene Joseph Nyes. Der EU fehlt es an Einigkeit, sie steht vor demographischen Problemen und möglicherweise ihrem politischen Niedergang. Wird sie daher vielleicht ein Bündnis mit China einschlagen? Ja die China-Obsession mancher US-Politologen ist auch Nye zu eigen, im Falle der EU sieht er eine eurasiasche Allianz aber nicht im Bereich des Wahrscheinlichen.

Liegt die Zukunft der Weltpolitik also in den Händen der BRIC-Staaten, die Nye kurz gemeinsam und dann jeden für sich vorstellt? Russlands demographischer Absturz (die Lebenserwartung eines durchschnittlichen russischen Mannes liegt bei 59 Jahren) und seine Möglichkeiten auf wirtschaftlicher und militärischer Ebene sind kein Vergleich mehr zur UdSSR, das Feindbild Kreml hat also bereits ausgedient. Japans Bevölkerung schrumpft zwar ebenfalls, das Land ist aber technologisch in vielen Bereichen führend und durch sein leistungsorientiertes Bildungssystem wohl auch in Zukunft mehr als fähig sich als eine der Top-Wirtschaftsnationen zu behaupten, auch wenn dem Land seine Ablehnung gegenüber Migranten zum Nachteil gereicht wird. Das aufgrund seiner demokratischen Tradition im Westen sehr beliebte Indien sieht Nye als potentiellen Kernstaat eines anti-chinesischen Machtblocks in Asien. Brasilien hingegen hat als respektierte Demokratie und aufblühende Wirtschaftsnation die Stabilität auf seiner Seite, der wahre Motor hinter den BRIC-Staaten ist aber nachwievor China.

Haben die USA da noch Chancen sich zu behaupten? In einem eigenen Kapitel geht Nye auf die augenblickliche Schwäche der USA ein und findet dabei natürlich auch Chancen. Als global attraktive Einwanderernation kann die USA sich demographisch behaupten, eine Desintegration, bürgerkriegsähnliche Zustände oder den wirtschaftlichen Totalabsturz sieht Nye nicht einmal entfernt am Horizont vorbeiziehen. Dadurch dass die USA eben Einwanderer aus allen Ländern der Welt ansprechen und eine auf wirtschaftlichen Fortschritt ausgerichtete Kultur besäßen würde man die kommenden dunklen Zeiten schon überstehen, wenn auch nicht als Hegemonialmacht vielleicht. Nye nennt das Beispiel Großbritanniens, welches ja nach dem Untergang des Empire ja auch noch für Jahrzehnte als potente Wirtschaftsnation reüssieren konnte.

- Resümee -
Nyes Ausführungen zur Neugestaltung von Macht im 21. Jahrhundert beschränken sich vor allem darauf wie die USA mit einer multilateralen Positionierung ihren Einfluss in der Welt besser wahren könnten, auch wenn ihr Abstieg von der Welt- zur Großmacht unabwendbar scheint. Der Wert des Buchs liegt ohnehin eher darin zu erfahren was ein führender US-Außenpolitik-Experte zur Lage der Nation, also Obamas Außenpolitik und den Wandel der Welt zu sagen hat. Die US-zentrierte Perspektive ist dabei Fluch und Segen zugleich, wobei angemerkt sei dass die USA als Global Player jedoch einen im Gegensatz zur EU einen wirklich globalen Blickwinkel pflegen, wenn auch einen selbstverliebten. Seine Argumentation wie sich die Weltpolitik und die Rolle der USA in kommenden Jahren gestalten könnten unterfüttert Nye jedoch stets mit anschaulichen Beispielen. Zusammengefasst also ein Buch mit Ansichten die nicht wirklich revolutionär neu sind, aber wenigstens interessant und für "intelligente Leser" lesbar (um bei den Worten des Autors zu bleiben) vorgetragen werden.


Tagebuch der arabischen Revolution
Tagebuch der arabischen Revolution
von Karim El- Gawhary
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,00

9 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Revolutions-Tagebuch im wahrsten Sinne, 8. September 2011
Als ORF-Nahostkorrespondent hat sich Karim El-Gawhary im Verlauf der arabischen Revolution als vorurteilsfreier und verständnisvoller Beobachter einen Namen gemacht, dass gerade er ein Buch über die arabische Revolution schreiben möge haben sich dabei bereits viele seiner Leser und Zuseher gewünscht. Und ähnlich wie "Alltag auf Arabisch", in dem El-Gawhary mit Artikeln aus den Jahren 1993-2008 einen facettenreichen Einblick in die arabische Welt gewährte, setzt sich das "Tagebuch der arabischen Revolution" aus einer Reihe von Gawharys zwischen 2010 und 2011 veröffentlichten Artikeln (für taz.de, diepresse.com), Facebook Postings, Blog-Einträgen, Twitter-Tweets und Abschriften von Interviews in ORF-Sendungen (ZiB, Ö1 Morgenjournal) zusammen. Durch die Unmittelbarkeit zu den Ereignissen in deren Verlauf die Artikel aus El-Gawharys Medienmix (TV, Print, Web und Radio) entstanden sind ist dem daraus zusammengefassten Tagebuch eine besondere Perspektive zu eigen, denn als die jeweiligen Zeilen entstanden war der weitere Verlauf der Revolution noch längst nicht absehbar und das macht Gawharys Aufarbeitung der arabischen Revolution auch um Längen authentischer als im Nachhinein von allerlei Analysen inspirierten Nachbetrachtungen.

Das besondere an El-Gawharys Tagebuch ist also dass das Buch einem solchen wirklich am nächsten kommt, etwas das durch die rege Nutzung moderner Medien wie Facebook mit denen Eindrücke aus dem Moment heraus für die Ewigkeit festgehalten werden können immens erleichtert wurde. Einem Journalisten der mit seinem taz-Blog "Arabesken", einem Twitter Feed und einer Facebook-Seite bewiesen hat, sich dem technischen Fortschritt nicht verschlossen zu haben, nimmt man zudem auch eher ab, die Bedeutung dieser neuen Medien für den Erfolg der arabischen Revolution verstanden und nicht bloß nacherzählt zu haben. El-Gawhary besticht in seinen Ausführungen auch durch eine glaubwürdige Aufrichtigkeit. Selbst er, der seit der Operation Wüstensturm als Nahostkorrespondent die Entwicklungen in der arabischen Welt verfolgt hat, zuletzt auch das Scheitern der Opposition gegen den iranischen Präsidenten Ahmadinedschad, hätte nie damit gerechnet dass es so spontan zu einer politischen Umwälzung in der gesamten Region kommen würde, in deren Verlauf nach Tunesien Ägypten und schließlich das noch repressiver regierte Libyen zu arabischen Demokratien avancieren sollten.

Die Zielsetzung hinter El-Gawharys "Tagebuch der arabischen Revolution" ist indessen nicht die Revolution und damit das Unbegreifliche begreiflich zu machen, sondern sich mehr mit der Basis zu beschäftigen, den Menschen auseinanderzusetzen, die sie schließlich getragen haben. Eine für unpolitisch gehaltene Jugend begehrte auf und schuf eine zivilgesellschaftliche Protestbewegung, die sich bewusst gegen das Herausheben von charismatischen Führungspersönlichkeiten entschied. Selbst dort wo sie scheitert hinterlässt sie eine Protestkultur, die nicht ohne Folgen bleiben wird.

Als jemand der "live" dabei als die arabische Revolution ihre Form anzunehmen begann eröffnet Karim El-Gawhary sein Tagebuch des arabischen Frühlings nicht erst mit dem in den westlichen Medien kaum bedeutsam hervorgehobenen Tod Mohammed Bouazizs in Tunesien, sondern dem Helden der ägyptischen Revolution, Khaled Said. In seinem Artikel vom 11.6.2010 beschreibt Gawhary wie der 28jährige Ägypter sich bei einer Personenkontrolle vor einem Internetcafe weigerte sich gegenüber ihn drangsalierenden Polizisten auszuweisen. Dafür wurde Said in aller Öffentlichkeit zu Tode geprügelt. Doch diese alltägliche Tat blieb diesmal nicht ohne Folgen und schnell gelangten Fotos des entstellten Leichnams in das Internet und nach der Gründung einer Facebookgruppe "Wir alle sind Khaled Said" fanden bereits erste Demonstrationen statt. Derweil dichtete die Polizei gegenüber der Öffentlichkeit Said noch an, er wäre Drogenhändler gewesen, um den Protestierenden irgendwie beizukommen. Doch Khaled Saids öffentlicher Tod hatte längst eine Welle in Gang gesetzt, in deren Zuge auch eine von Polizisten vergewaltigte Frau im ägyptischen Fernsehen auftreten konnte. Es rumorte schon lange in Ägypten, doch nun begann sich der Ärger über das Regime und Polizeiwillkür öffentlich zu manifestieren. An eine Revolution dachte jedoch noch keiner.

Der Durchbruch sollte der arabischen Revolution schließlich in Tunesien gelingen, einem Urlaubsparadies für europäische Touristen, dessen mit EU-Geldern gestütztes Regime sich in trügerischer Sicherheit wähnte. Doch als der 26jährige arbeitslose Uniabsolvent und am Existenzminimum dahinlavierende Gemüsehändler Mohammed Bouaziz sich nach einer neuerlichen Beschlagnahmung seiner Waren und Demütigung durch schikanöse Polizisten selbst in Brand steckte entfesselte er einen Sturm der Proteste. Doch der Westen schwieg still, als es in der Kleinstadt Sidi-Bouzid zu einem Aufstand Jugendlicher kam, schließlich herrschte in den westlichen Medien Weihnachtsruhe.

El-Gawhary sollte die Revolution in Ägypten jedoch als noch näher erleben, vor allem die Tage des Zorns und auch die heißeste Phase, als Mubarak-Schläger versuchten die Revolution auf dem Tahrir-Platz zu ersticken. Gawhary war dabei als Revolutionäre den Führungsanspruch namhafter Oppositionspolitiker ablehnten und das für Diktatoren schrecklichste blieben, eine kopflose doch mit klaren Forderungen hervortretende Bewegung. Der Nahostkorrespondent erlebte auch die Entstehung revolutionärer Nachbarschaftswachen, um Heim und Eigentum vor plündernden Polizeioffizieren in Zivil und vom Regime gekaufte Banden zu schützen, die den Beweis erbringen sollte dass ohne Mubarak eben Chaos ausbrechen würde. In welche Gefahr er sich dabei begab wird deutlich wenn er vom Schicksal eines schwedischen Kollegen berichtet der mit einer offenen Schädeldecke und Messerwunde im Bauch in das Kairoer Krankenhaus eingeliefert werden musste, als Mubaraks Rächer auf Journalisten loszugehen begannen. Gawharys örtliche ORF-Produzentin geriet ebenfalls fast in diese Todesfalle und konnte sich nur knapp retten. In der gewalttätigsten Phase der Revolution schickte Gawhary seine Familie zur Sicherheit zu seinen Eltern nach München und übernachtete selbst Tage in einem Hotel. Das Tagebuch der arabischen Revolution lässt seine Leser direkt in den Mahlstrom der Ereignisse springen und die Revolution aus der Sicht El-Gawharys erleben.

Die von Korrespondenten gerne als Qualitätsprädikat verwendete Frage, wo waren Sie zum Zeitpunkt von Mubaraks Sturz kann Gawhary damit beantworten, dass er um 17:00 MEZ am 11.2.2011 live auf Sendung war, doch der ORF-Korrespondent wurde jäh aus der Sendung geworfen. Zur Ehrenrettung des ORF führt Gawhary jedoch aus, dass schon um 17:15 eine Sondersendung aufgestellt werden konnte. Natürlich ist Ägypten nicht das Ende der Reise, auch wenn der Autor festhält dass es als bevölkerungsreichstes arabisches Land eben den größten Einfluss auf seine Nachbarn entfalten dürfte. So geht es nach Ägypten in einer 17stündigen Reise ins Nachbarland Libyen, wo man einen Durchbruch des arabischen Frühlings kaum für möglich gehalten hätte. Doch in Libyen ist alles anders. Die NATO als Inkarnation des Westens wagt eine Militärintervention und will sich damit auch für Ruanda und Srebenica rehabilitieren, wo man den Ereignissen ihren Lauf ließ.

Karim El-Gawharys Fazit zur Revolution (aus dem Juni 2011) ist ein positives, wenn auch erst wie in Ägypten die Spitzen des diktatorischen Systems abgetragen worden sind und weite Teile der folternden und mordenden Handlangerschaft sich noch in Amt und Würden befinden. Doch der arabische Frühling besitzt eine Qualität die Bushs Interventionen nie entwickeln konnten, sie ist ehrlicher und hat die Menschen inspiriert. Fast übersieht man neben den Revolutionen auf dem Tahrir-Platz nämlich, dass Mubaraks Sturz auch durch eine massive Streikbewegung initiiert wurde und die politisch erwachten Ägypter auch nach Mubaraks Abgang nicht mit ihren Forderungen verstummt sind, sondern diese auch noch gegenüber dem interimistisch regierenden Militärrat und der Übergangsregierung von dessen Gnaden artikulieren. Die Revolutionäre gehen sogar soweit politische Monopole, wie sie sie Jahrzehnte ertragen mussten gänzlich zurückzuweisen und damit auch die Avancen militanter Islamisten und deren Alleinvertretungsansprüche.

- Resümee -
Karim El-Gawhary ist gewissermaßen ein in die Revolution "eingebetteter" Journalist, jemand der nicht nur hautnah dabei war, sondern durch seine ägyptischen Wurzeln, entsprechende Sprachkenntniss und jahrelang kultiviertes Expertenwissen einen relativ direkten Zugang zu den Revolutionären finden konnte. Sein Revolutions-Tagebuch lässt Leser in die Ereignisse eintauchen und aus dem Moment heraus betrachten. Durch die Zusammenführung von Print-Artikeln, Blog-Einträgen, Postings und Tweets wird dem Werk auch eine authentische Atmosphäre verliehen. Für die zarter besaiteten Leser und Interessierten wurden außerdem gerade auch jene Bilder ausgespart, die im Arabesken-Blog zweifelsfrei für großes Aufsehen sorgten.


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