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Rezensionen verfasst von
Mario Pf. (Oberösterreich)
(TOP 500 REZENSENT)    (HALL OF FAME REZENSENT)   

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Tödliche Fracht: Das heimliche Geschäft mit Waffen und Drogen
Tödliche Fracht: Das heimliche Geschäft mit Waffen und Drogen
von Matt Potter
  Broschiert
Preis: EUR 18,00

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Moderne Schmuggler, 17. Oktober 2011
Als Osteuropa-Korrespondent war Matt Potter dabei als der Eiserne Vorhang fiel und der Oberkommandierende der nunmehrigen GUS Streitkräfte, Marschall Jewgeni Iwanowitsch Schaposchnikow, als selbst ehemaliger Pilot seinen Kameraden in der gerade zerfallenden Roten Armee Tür und Tor öffnete nicht wenige der gigantischen Ilyushin und Antonow Frachtmaschinen der sowjetischen Luftflotte nach kleinen Lackierarbeiten (weg mit dem roten Sowjetstern) zu "privatisieren" und damit die bis dahin wohl größte private und unabhängige Luftfrachtflotte der Welt zu schaffen. Heute sind diese russischen Giganten der Lüfte kaum noch wegzudenken, wenn es um Hilfseinsätze für die UNO, NGOs und allerlei Krisengebiete geht. So verwundert es nicht dass sich manche der alten Frachtmaschinen mit ihren Crews plötzlich an Einsatzorten in Zentralasien wiederfinden, die sie zuletzt vielleicht während dem Afghanistan-Krieg angeflogen haben. Beliebt sind die oft allerdings nur noch von Klebeband und guten Willen zusammengehaltenen Maschinen vor allem weil sie selbst auf den marodesten Landeplätzen noch landen können und mit einer Vielzahl von Witterungen zurande kommen, an denen manch andere Modelle kläglich scheitern.

Die Piloten dieser oftmals ziemlich heruntergekommenen Frachtmaschinen bewegen sich jedoch seit ihrem Aufbruch in die weite Welt meist in einer ausgedehnten Grauzone, von der Matt Potters "Tödliche Fracht" ausgiebig zu berichten weiß. Der Titel und die Werbung des Buchs klingen reisserischer als der Inhalt, denn dem britischen Journalisten ist es bei seiner Reise mit und auf den Spuren der ex-sowjetischen Frächter und ihrer Luftflotte vor allem darum gegangen einen Einblick in deren Geschäft und Leben zu vermitteln. Und so wie sich die von ihm vorgestellten Piloten und Crews in einer Welt von Grau auf Grau bewegen unterlässt auch Potter Verdammung und Glorifizierung seiner "Protagonisten". Denn die "Biznesmeny" mögen zwar auch für manch humanitäre und staatlich organisierte Hilfsunternehmen zu haben sein, doch eine Il-76 (mit der Potter eingangs sprichwörtlich zu seiner Welt- und Zeitreise aufbricht) bietet Platz für 15 Tonnen zusätzliche Last, die in Hohlräumen untergebracht werden kann.

Das Geschäft der zwischen humanitären Hilfslieferungen und Waffenschmuggel operierenden Luftfrächter gestaltet sich daher meist wie es auch Dokumentarfilmer Hubert Sauper 2004 in seinem preisgekrönten Werk "Darwins Nightmare" dokumentiert hat. Dort flogen ehemals sowjetische Frachtmaschinen am ostafrikanischen Viktoriasee Waffen ein und Fisch wieder aus. Legales und Illegales geht Hand in Hand. Auf Film wie Hintergründe kommt Potter sogar explizit in einem Kapitel kurz zu sprechen. Indessen gestaltet sich das Frachtgeschäft für Piloten und Crews, sofern sie nicht ihre eigenen Nebengeschäfte abwickeln und längst zu den eigenen Herren ihrer Frachtriesen geworden sind, als erschreckend uneinträglich. Nur 120 Dollar beträgt etwa des Tagessatz für Piloten und da überrascht es auch kaum wenn die entwurzelten und angesichts des desolaten Zustands ihrer Maschinen mit jedem Start sprichwörtlich in Lebensgefahr schwebenden nicht selten auch zur Flasche greifen, was dann auch ganz gut erklärt weshalb ungesunder Lebenswandel wohl zur Haupttodesursache der Frachtcrews gehört. Aber nicht nur Abstürze infolge von "Pilotenfehlern" (Potter überraschte es immer wieder wie man mit nicht unbeträchtlichen Alkoholspiegel überhaupt den Start schaffen konnte) führend hie und da zu Kurzmeldungen in internationalen Medien, auch die höchst fahrlässige Instandhaltung der Maschinen trägt ihr Scherflein zu den Gefahren des "unabhängigen Frachttransports" bei.

- Resümee -
Matt Potter schafft es mit "Tödliche Fracht" eine Gratwanderung zu vollziehen, die einem wenn schon noch Sympathien so doch Verständnis für das Handeln der von ihm porträtierten modernen Schmuggler vermittelt. Durch diesen objektiven Standpunkt fern von Verdammung und Verklärung gelingt es Potter die Aufmerksamkeit der Leser auf das Wesentliche zu lenken. Etwas störend entpuppt sich nur manchmal der sehr sprunghafte journalistische Stil des Autors, der von Ereignis zu Ereignis quer durch die letzten 20 Jahre und von Ort zu Ort springt, aber nur so lässt sich manchmal begreifbar machen dass er eben den Routen der Frachtunternehmungen folgte. Dabei sollte man anmerken dass Potter seine Story nicht von außen her schreiben musste, sondern einen Gutteil seiner Reisen an Bord und im Umfeld der Frachtcrews unternehmen konnte.


Cicero: Redner, Staatsmann, Philosoph
Cicero: Redner, Staatsmann, Philosoph
von Wilfried Stroh
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,95

8 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Der Rhetoriker und Philosoph Cicero, 17. Oktober 2011
Für eine Cicero-Biografie die nicht den Politiker Marcus Tullius Cicero sondern dessen Verdienste als Rhetoriker und Philosophen gewidmet ist, kann man sich kaum einen besseren Autor vorstellen als Wilfried Stroh, der sich in den letzten Jahren mit Werken wie "Die Macht der Rede" oder "Latein ist tot, lang lebe Latein!" als profunden Kenner antiker Redekunst und ihrer philosophischen Fundamente etabliert hat. Entsprechend erahnen lässt sich vor diesem Hintergrund bereits worauf sich Strohs Cicero-Biografie konzentriert, den "politischen Platoniker" Cicero.

Bereits im Vorwort eröffnet Stroh Lesern was das herausragende an der Persönlichkeit Ciceros ausmacht. Der Rhetoriker, Anwalt, Politiker und Schriftsteller hat uns mit seinen Reden und Briefen ein Lebenswerk hinterlassen, das ihn bis ins 16. Jahrhundert hinein zur wohl am besten bekannten Person der Menschheitsgeschichte macht, hat er doch etwa in seinen Atticus-Briefen selbst intime Details an seinen Freund und Verleger preisgegeben. Entsprechend erhalten hat sich so auch die Vielgestaltigkeit Ciceros, bei dem die politische Tätigkeit Hand in Hand mit seiner philosophischen Überzeugung und rhetorischen Engagement einher ging. Die unterschiedlichen Aspekte der Person Ciceros machen es nach Stroh auch kaum möglich ihn auf einen solchen zu reduzieren, wie den Politiker, auch wenn eine solche Beschränkung oder positiver formuliert eine Konzentrierung auf einen Aspekt, wie eine vorwiegend auf den Politiker Cicero zugschneiderte Biografie, für gewöhnlich den O-Ton der ihm gewidmeten Biografien ausmacht.

Stroh versucht daher das Gegenteil, er ordnet den Privatmann (den Rhetoriker und Philosophen) nicht dem Staatsmann Cicero unter, sondern versucht beide in Einklang zu bringen, allerdings indem er seinen Cicero vor allem anderen zum Philosophen erklärt. Ciceros politische Karriere wird damit zu einer philosophischen Überzeugungstat, sein rhetorisches Können zum Werkzeug zur praktischen Verwirklichung seiner Ideale. In einer vor allem auf den "praktischen" Philosophen Cicero gemünzten Darstellung eines Experten für antike Rhetorik ist klar dass die zeitgenössischen Geschehnisse da durchaus etwas in den Hintergrund treten. Das ist für eine Kurzbiografie die ja dem Zweck dienen soll ein grundlegendes Verständnis zu vermitteln zwar bereits fast zu hochgegriffen, doch besitzt für sich bereits mit Cicero vertrauten Lesern einen gewissen Reiz.

- Resümee -
Für das grundlegende Verständnis Ciceros vielleicht schon etwas zu spezialisiert. Für Kenner von Wilfried Strohs jüngsten Werken ("Die Macht der Rede", "Latein ist tot, lang lebe Latein!") allerdings durchaus interessant, setzt er sich trotz geringen Buchumfangs doch sehr intensiv mit dem Rhetoriker Cicero auseinander und bringt seinen ganz besonderen Verve und Einsatz für die Sache (Rhetorik) ein. Dabei hat die Begeisterung im Einklang mit dem begrenzten Platz allerdings wohl auch etwas überhand genommen und es verwundert nicht wenn Cicero im vorliegenden Büchlein nicht allzu kritisch angegangen und in der Würdigung als Philosoph und Redner fast verklärt wird. (3,5 Sterne)


Terror und Traum. Moskau 1937
Terror und Traum. Moskau 1937
von Karl Schlögel
  Taschenbuch
Preis: EUR 14,95

9 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Moskau am Höhepunkt des Großen Terrors, 3. Oktober 2011
Rezension bezieht sich auf: Terror und Traum. Moskau 1937 (Taschenbuch)
Ein preisgekrönter Autor mit klingenden Namen und ein Thema das lange genug zurückliegt um mit reichen Quellen gesegnet zu sein. "Terror und Traum. Moskau 1937", ein Buch das zumindest über weite Strecken nicht vermuten ließe dass sein Autor Historiker und nicht professioneller Literat ist. Schlögel beantwortet die Rätselhaftigkeit des Desasters mit einer diffus anmutenden, nur an Raum und Zeit (Moskau 1937) festgemacht scheinenden Aneinanderreihung von teils gar trivialen Fakten. Dem kann auch der Stil des Autors nicht mehr wirklich helfen und die reichlichen Zitate erzeugen eher das Zerrbild eines Fiebertraums, der eben die sprichwörtliche Klarheit des Anliegens vermissen lässt.

Schlögels Auseinandersetzung mit Terror und Traum ist wohl noch am treffendsten als "kulturwissenschaftlich" zu bezeichnen, was ja auch eine unterschiedliche Kontonation zulässt. Er beginnt sein erstes Kapitel bereits wortreich damit dass er sich mit Michail Bulgakows Roman Margaritas Flug beschäftigt, ehe er auf Alexander Medwekins Film "Das Neue Moskau" zu sprechen kommt. Wer dem Autor als eher nüchterne zeitgeschichtliche Lektüre gewohnter Leser bis dahin nicht verloren gegangen ist wird dann erstmals belohnt. Schlögel zeichnet ein Bild der Großbaustelle Moskau, der Stalin ein sozialistisches Antlitz zu verleihen bemüht war. Prestige und Propaganda als Ziel, brachte der Umbau der Stadt zumindest einen bis dahin ungekannten massiven Urbanisierungsschub und tausende bäuerliche Migranten. Im Zusammenhang mit dem rasanten Wandel Moskaus ist Schlögel auf eine findige Idee gekommen, er zieht das Moskauer Adressbuch "Wsja Moskwa" ("Ganz Moskau") als zeitgeschichtliches Dokument und Spiegelbild der Veränderungen dieser Zeit heran.

Man nimmt an ein Buch über Moskau am Höhepunkt des Großen Terrors wäre auch stark von diesem Hintergrund geprägt, dem ist allerdings nicht so. Die Stalinschen Säuberungen und der Massenmord führen in Schlögels "Terror und Traum" tendenziell ein überraschendes Schattendasein, zumindest bis zu fortgeschrittener Seitenzahl. Stattdessen spielen Ereignisse wie die gescheiterte Volkszählung 1937 eine prominente Rolle, nach der die Volkszähler als angeblich trotzkistische oder bucharinische Spione und Volksfeinde weggeschlossen wurden. Oder das Puschkin Jubiläum vom 10.2.1937 das auch bei der New York Times damals Eindruck zu schinden vermochte. Die Instrumentalisierung der Feierlichkeiten. Unaufregender wiederum geraten die Schilderungen des Geologen- oder Architektenkongress des Jahres. Interessanteres wie die steigenden Kinderselbstmordraten infolge der Trennung von toten oder verhafteten Eltern, Selbstmorde der Mörder (Der Apparat verschlingt sich selbst) werden bestenfalls gerade noch nebensächlich behandelt.

Natürlich ist die Frage wie man mit einem so engen Bezugspunkt wie Moskau 1937 umgeht etwas womit von Anfang an bereits jeder Leser seine eigenen, möglicherweise mit dem Werk des Autors divergierende, Vorstellen mitbringt. Positiv festzuhalten ist daher im Sinne eines möglichst fairen Urteils dass es Schlögel großartig gelingt all seine literarischen Streifzüge eng mit Moskau und 1937 zu verbinden. Jahr und Ort sind der rote Faden, der die oftmals scheinbar völlig willkürlich zusammengefügten Themen verbindet. Das Augenmerk Schlögels mag dabei weniger der Geschichtsvermittlung als literarischen Ansprüchen gegolten haben, denn dem Abstrakten und meist "kulturellen" wird der höchste Stellenwert verliehen. "Terror und Traum" ist kein Buch über persönliche Schicksale, die Stalinschen Säuberungen oder den Wandel der Stadt und doch irgendwie ein Amalgamat aus all dem.

Fazit:
Ein Geschichtswerk mit eher literarischen Ansprüchen, die aber für Anhänger einer nüchternen eher sozio-politischen Geschichtsaufarbeitung missfallen kann, um es sehr vorsichtig auszudrücken.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Apr 7, 2012 5:55 PM MEST


Soldaten: Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben
Soldaten: Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben
von Sönke Neitzel
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,95

23 von 29 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen (Wehrmachts-)Soldaten, 3. Oktober 2011
Harald Welzers und Sönke Neitzels SOLDATEN ist kein Buch für eine zart besaitete Leserschaft, eröffnen die "Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben" doch einen weitschweifigen Blick auf die Grauen eines Krieges. Entstanden ist das Werk aus einer Zusammenarbeit des Zeithistorikers Sönke Neitzel mit dem Sozialpsychologen Harald Welzer, beides Experten für die Ära des Zweiten Weltkriegs und des Nationalsozialismus.

Seinen Anfang nahm dieses Werk im Herbst 2001 als Neitzel gerade als Gastdozent in Glasgow weilte und bei einem London-Besuch, inspiriert durch das Buch Michael Gannons über die Wende in der Atlantikschlacht, nach Abhörprotokollen deutscher Kriegsgefangener im britischen Nationalarchiv zu stöbern begann. Doch das dort gehobene 800 Seiten starke Aktenbündel sollte nur der Anfang sein, 2003 veröffentlichte er erste Auszüge, zwei Jähre später eine Edition mit Abhörprotokollen 200 deutscher Generäle, ehe er in den US National Archives einen weiteren Großfund entdecken konnte. Nun waren es schon hunderttausende Seiten, deren Auswertung sich als äußerst langwierig gestalten sollte. Doch anstatt seinen "Schatz" eifersüchtig alleine zu verwalten holte Neitzel schließlich Harald Welzer hinzu, um die Protokolle nicht nur zu erschließen sondern mit Hilfe dessen Referenzrahmen-Analyse auch gleich zu untersuchen.

Zwar ist Welzers Anteil am Buch immanent und zieht sich wie ein roter Faden durch die Kommentare zu den Protokollen, doch wer sich spätere Wiederholungen lieber gleich erspart, erhält von den Autoren bereits im Vorwort den Vorschlag präsentiert auf Seite 83 weiterzulesen, womit man die Einführung Welzers zum Referenzrahmen (nicht weniger als die sozialen, psychologischen und historischen Hintergründe) überspringen und direkt zu den Protokollen gelangen kann. Wer dann noch die Kommentare ausklammern will, der kann sich auf die durch ihre Arial-Schrift vom Rest des Textes abgesetzten Dialoge konzentrieren. Je nachdem was man von Neitzels und Welzers Buch eben will.

Für Neitzel und Welzer ist SOLDATEN jedoch nur die Fortsetzung bereits geschriebener Werke der letzten Jahre, die einigermaßen hinter den Erwartungen an dieses Buch zurückbleiben kann, falls man diese Werke schon kennt. Für Neitzel ist es der Anschluss zu seinem Buch "Abgehört: Deutsche Generäle in britischer Kriegsgefangenschaft 1942-1945", für Welzer (weil er dadurch wohl auch Neitzels Aufmerksamkeit erregt hat) eine Gelegenheit an "Täter: Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden" anzuknüpfen. Dabei hat eindeutig der Zeithistoriker Neitzel die Richtung vorgegeben, nämlich dass sich das Buch vorwiegend einmal mehr mit den Gewaltexzessen der Deutschen Wehrmacht beschäftigt, genau das Thema anhand dessen der Soziologe Welzer mit TÄTER sein bis dato größter Publikumserfolg gelungen ist. Ihre Gemeinschaftsarbeit teilt sich nun das Problem mit Welzers Bestseller, der Titel führt in die Irre und es geht "wieder nur" um die Kriegsverbrechen der Wehrmacht und wie diese möglich geworden sind. Dabei hat Welzer bereits in TÄTER und vor allem KLIMAKRIEGE gezeigt wie sich die Analyse mittels Referenzrahmen auch auf andere Konflikte anwenden lässt, in TÄTER noch den Vietnamkrieg und in KLIMAKRIEGE etwa den Massenmord an den ruandischen Tutsi. Auch in SOLDATEN beweist Welzer anhand eines Beispiels aus dem Irak-Krieg wie sich eine Referenzrahmen-Analyse auch auf modernere Konflikte anwenden lässt.

Nun sollte Kritik an Neitzel und Welzers Buch bitte nicht einfach als Verleugnung der im zweiten Weltkrieg begangenen und hier aufgezeichneten Kriegsverbrechen verstanden werden, sondern dass es durchaus technische Aspekte gibt an denen sich etwas aussetzen lässt. Das fängt schon beim Titel an, der unter "Soldaten: Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben" eben mehr als nur die hundertste Aufarbeitung von Kriegsverbrechen der deutschen Wehrmacht erwarten ließe, gerade auch weil die akademischen Hintergründe der Autoren durchaus ein breiteren geschichtlichen Ansatz zulassen würden. Insofern lässt sich festhalten, dass der Titel durchaus irreführen und für an einer weiter gefächerten geschichtlichen Aufarbeitung der Frage "Wieso handeln Soldaten wie sie handeln?" zur Enttäuschung geraten kann. Zu dem gesellt sich dann noch dass die Protokolle thematisch oft scheinbar ineinanderzufließen beginnen und selbst kurze Passagen oftmals schon ausführlichst kommentiert werden, ohne ähnliche Dialoge zum Vergleich hinzuzufügen. So entsteht auch in manch kritischen Augen der Eindruck man hätte hier zu wenig für die Quellenauswertung getan und nur ein stark gekürztes Best-of vorgelegt. An den ausführlichen Kommentaren ist ja grundsätzlich nichts auszusetzen, aber die in Arial gehaltenen Protokollauszüge geben doch oft zu wenig her. Es ist dann beispielsweise die Aussage einer Person an die ein ganzes Thema angehängt wird. Kommt noch hinzu dass die Gestaltung durch Schriftbild, inhaltliche Gliederung und die Art und Weise wie sich Protokollauszüge an Kommentare fügen eher durchschnittlich gelungen ist. Das klingt nun schlimmer als es ist, soll jedoch nur heißen dass die Buchgestaltung in mancherlei Hinsicht vielleicht auch besser hätte gelingen können.

Wovon man natürlich beruhigt ausgehen darf ist, dass Neitzel und Welzer mit SOLDATEN erst begonnen haben gemeinsam dieses fruchtbare Feld zu bearbeiten und noch zahlreiche Publikationen folgen werden. Darunter sicher auch solche die sich auf Spezialgebiete konzentrieren werden.

So wünschenswert es für einen Wissenschaftler wohl sein mag ein Feld mit ergiebigen Quellen gefunden zu haben über das man die kommenden Jahre publizieren kann, so schade wäre es wenn Welzer den durchaus immer wieder unterstrichenen allgemeingültigen Geltungsanspruch der Referenzrahmen-Analyse zu marginalisieren, indem er sich nur noch auf Wehrmacht und Nationalsozialismus konzentrieren würde.

In diesem Sinne interessant und vielleicht weiter auszubauendes Thema künftiger Publikationen ist Welzers Aussage "Menschen sind keine Pawlow'schen Hunde." Womit er festhält dass zwischen Reiz und Reaktion stets auch eine genuine Identität besteht, die sich nie ganz verdrängen lässt. Auch wenn man die Limitationen des Buchs bemängelt, so ist man doch auch geneigt die positiven weil sicher auch auf breites Interesse stoßenden Aspekte hervorzuheben. Ein solcher ist etwa die Reduzierung des Tötens auf etwas wie "Counts" und "Skills", also das Prahlen mit Tötungskunst und Opfer- oder vielmehr Abschusszahlen. Ein Thema das ja auch angesichts heute medial stark kritisierter Kriege wie in Afghanistan und Irak Niederschlag gefunden hat, wenn in Berichten von der Abgebrühtheit mancher US Soldaten dramatisch hervorgehoben wird. Die "Vergangenheitsbewältigung" als Schlüssel zum Verständnis von Handlungen in der Gegenwart ist jedoch leider kein Konzept das hier bei Welzer und Neitzel Verwendung findet, es bleibt den Lesern überlassen aus den Berichten der Wehrmachtssoldaten Lehren zu ziehen, die sich auch als Erklärungen für manch "skandalträchtiges" Verhalten moderner Soldaten verwenden lassen. So kann SOLDATEN zwar helfen die deutschen Soldaten des Zweiten Weltkriegs besser zu verstehen, doch bleibt die Perspektive durch die Quellen sehr eingeschränkt. Einen Gegenwartsbezug erhält SOLDATEN erst mit einem vergleichsweise kurzen Abstecher in das Bagdad des Jahres 2007 wo eine Gruppe Zivilisten Opfer eines US Helikopterangriffs wurde, in dessen Zuge sogar ein zu Hilfe kommender LKW unter Beschuss geriet und zwei Kinder starben.

Die Autoren haben ihr Buch zwar auch in der Vorbereitung darauf geschrieben das manche Leser sich nur für einen Teil davon interessieren werden (die Protokolle ohne dazugehörende Kommentare) doch designtechnisch wurde dieser Überlegung nicht wirklich Rechnung getragen, außer durch eine andere Schriftart der Protokollauszüge. Womit man allerdings auch hätte rechnen können ist das Leser unter dem Titel "Soldaten" mehr erwarten dürften als nur Schilderungen damaliger Wehrmachtsangehöriger. Dessen ungeachtet ist Neitzel und Welzer ein sicher interessantes Buch gelungen, drüber wie zivilisierte Männer unterschiedlichster Herkunft durch einen Referenzrahmen zu den abscheulichsten Taten getrieben werden können. Es sind Zeugnisse des Grauens und doch auch einer erschreckenden Alltäglichkeit mit der die Überwachten sich etwa zu sexueller Gewalt, Massenmord und semi-öffentlichen Massenerschießungen äußerten.

Harald Welzers Referenzrahmenanalyse ist seit jeher eng mit seiner Auseinandersetzung mit den Verbrechen des Nationalsozialismus verbunden, die Chance nun über diese hinauszugehen und auf "Soldaten" im Allgemeinen hin auszuweiten und anzuwenden wurde vertan. Kurzum, man hat einen zugkräftigen Titel einfach mal verbraten, denn schon Sönke Neitzels Forschungshintergrund ließe zumindest erahnen dass sich das Werk vor allem auf die Ära des Zweiten Weltkriegs beschränkt. Natürlich bleibt das Werk dessen ungeachtet ein erschreckendes Porträt des Grauens, aber etwas Kritik sei dennoch erlaubt und an den folgenden Punkten festgemacht:

- Der Titel ist irreführend,
- weil die Untersuchung zeitlich und personell eingeschränkt ist(Wehrmachtsangehörige und Zweiter Weltkrieg)
- Die Gestaltung hätte besser gelingen können.

In anderen Worten, einige der scharfsinnigen Analysen haben bei mir als Leser durchaus einen bleibenden Eindruck hinterlassen, doch in der Gesamtheit hat mich das Buch auch zu oft wieder verloren. Es sind immer wieder brillante Ansätze die nicht weiter verfolgt werden und eine Gliederung die kaum der Rede wert ist. Die Protokolle stehen im Mittelpunkt, nicht zentrale Erkenntnisse, die als Dreh- und Angelpunkt mit Auszügen fundiert werden. Und das ganze leidet unter einer historisch auf fast allein die deutsche Seite des Zweiten Weltkriegs eingeschränkten Perspektive.


Am Anfang war die Perversion: Richard von Krafft-Ebing, Psychiater und Pionier der modernen Sexualkunde
Am Anfang war die Perversion: Richard von Krafft-Ebing, Psychiater und Pionier der modernen Sexualkunde
von Heinrich Ammerer
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 8,32

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eine detailreiche Aufarbeitung von Leben und Werk des Schöpfers der Psychopathia sexualis, 26. September 2011
Richard von Krafft-Ebing mag zwar von Brett Wood 2006 eine Filmbiografie (ebenfalls unter dem Titel Psychopathia sexualias) gewidmet worden sein, doch der Vater der modernen Sexualwissenschaft genießt in Österreich bis dato nur eine höchst bescheidene Erinnerungskultur, ganz im Gegensatz zu seinem Nachfolger Wagner-Jauregg. Dass die Grazer Landesnervenklinik nicht nach Krafft-Ebing benannt wurde ist wohl das bezeichnendste Beispiel dafür wie stark Krafft-Ebing ungerechterweise marginalisiert wurde. Vielleicht wird Heinrich Ammerers Krafft-Ebing-Biografie, die der Autor 2010 als Dissertation in Kulturgeschichte an der Universität Salzburg eingereicht und später zu einer publikumstauglichen Biografie umgearbeitet hat, in dieser Hinsicht eine Trendwende bewirken können, denn leider war Krafft-Ebing ein Arbeitstier und kein Medienstar, man muss ihn also durchaus "entdecken".

Mit reichlich noch an den Ursprung als Dissertation erinnernden Quellenverweisen gespickt vollzieht Ammerers Biografie Lebensweg und Wirkung Krafft-Ebings nach. Von Krafft-Ebings Geburt am 14. August 1840 in Baden bei Mannheim, über seine Erziehung unter den Fittichen des Großvaters, die Bestellung zum Direktor der Grazer Irrenstalt mit 20. März 1873 bis zum Durchbruch als Vortragender beim 12. internationalen medizinischen Kongress in Moskau, und den auf seine Pensionierung im März desselben Jahres folgenden Tod am 22. Dezember 1902 zeichnet Heinrich Ammerer ein faszinierendes und höchst lesenswertes Bild der Lebensgeschichte Krafft-Ebings und geht dabei auch einigen interessanten Fragen nach. Wie gestalte sich etwa Krafft-Ebings Identitätsaufassung als Adeliger? Ammerer argumentiert überzeugend, dass der große Psychologe durchaus Wert auf Anerkennung seines Standes gelegt hat, was ihm auch einige Börsen geöffnet haben dürfte.

Schon der lebensgeschichtliche Anteil Ammerers Werks brilliiert, indem der Autor Detailliebe mit einem sehr lesenswerten Stil verbindet. Dass das Buch so detailreich geraten ist mag an der ursprünglichen Gestaltung als Dissertation liegen, dass es so lesenwert geworden ist, ist schlicht und einfach der Verdienst des Autors.

Mit dem Ende von Krafft-Ebings Lebenslaufs beginnt die Auseinandersetzung mit den von diesem abgtrennten Teilbereichen, wie der Nachwelt. Schon das auf Krafft-Ebings Leben folgende Kapitel widmet sich daher ganz Krafft-Ebings Kindern, Sohn Friedrich der nach einer Offizierskarriere als Gutsherr lebte, den Juristen Johann, der auch das ergiebige Familienarchiv schuf und Tochter Margarethe, die einen Schriftsteller ehelichte, der auch kurz als Diplomat reüssierte.

Darauf folgt bereits zumindest anfangs weniger "persönliches" Kapitel unter dem Titel "Der Irrenarzt". Ammerer eröffnet mit einem Abschnitt über die verschiedenen Anstalten und Anstaltstypen im späten 19. Jahrhundert, wie Illenau in der Steiermark, die Wiener Anstalten, aber auch das mit 2 Assististenten von Krafft-Ebing selbst gegründete Santorium Mariagrün. Auf diese Einführung aufbauend setzt Ammerer schließlich mit Krafft-Ebings Tätigkeit als Lehrer und Forscher auseinander, wobei man auch in die Grundlagen dessen Forschungstätigkeit eingeführt wird und von seinen vielzähligen Publikationen erfährt. Der Psychopathia sexualis ist sogar ein eigenes Kapitel gewidmet, in dem sich der Biograf mit Inhalten, Grundlagen und Thesen beschäftigt.

Die Beschäftigung mit Krafft-Ebings populärsten Werk ist aber auch bereits das Vorspiel zum Ende und das Kapitel "Der umstrittene Krafft-Ebing". Hier geht Ammerer auf den an Krafft-Ebing begangenen Rufmord ein und auch die Frage warum die Landesnervenklinik der Steiermark nicht nach ihm benannt wurde. Die Antwort liegt im Syphilis-Skandal, den Krafft-Ebing am Höhepunkt seiner Karriere beging, als er Patienten mit progressiver Paralyse absichtlich mit Siphyilis infizierte, um zu beweisen dass die progressive Paralyse eine Folgekrankheit von Siphylis ist. Krafft-Ebings Nachfolger in der Grazer Nervenklinik ging zwar nicht weniger radikal vor, um für seine Heilung von Malariainfektionen sogar mit dem Nobelpreis ausgezeichnet zu werden, doch Krafft-Ebing hatte sich dadurch unter anderem seinen guten Ruf ruiniert. Aber auch Krafft-Ebings hypnotische Experimente und zeitgenössische Kritik an der Psychopathia sexualis nehmen in diesem Kapitel eine prominente Stelle ein. Und doch endet das Werk mit einer optimistischen Note, dem Kapitel "Der gefeierte Krafft-Ebing" über dessen Anerkennung und eine bescheidene Erinnerungskultur.

- Resümee -
Was als Manko doch immer wieder mal ins Auge sciht sind kleine Datumsfehler, ansonsten ist Heinrich Ammerer eine faszinierend umfangreiche und tiefschürfende Biografie gelungen, die durch ihren trotzdem angenehm lesbaren Schreibstil zu begeistern versteht.


Im Bann der Pharaonen: Die Abenteuer eines außergewöhnlichen Archäologen
Im Bann der Pharaonen: Die Abenteuer eines außergewöhnlichen Archäologen
von Donald P. Ryan
  Gebundene Ausgabe

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Autobiografie des Entdeckers der Mumie Pharaonin Hatschseputs, 26. September 2011
Dass Donald P. Ryan maßgeblich dadurch bekannt geworden ist, dass er im Grab 60 im ägyptischen Tal der König die Mumie der legendären Pharaonin Hatschseput entdeckt hat ist etwas, ist etwas das einem dieser außergewöhnliche Archäologe in seiner Autobiografie überraschenderweise so gar nicht unter die Nase reibt. Ryan spielt sogar ein wenig mit dieser großen Entdeckung und hält sich äußerst bedeckt. Seine Autobiografie soll nicht seine größte Entdeckung und sich als Helden zelebrieren, sondern einem ganz anderen Zweck dienen.

Ryan weiß und verleiht dem auch Ausdruck, dass er ein Leben führt und einem Beruf nachgeht, von dem viele Menschen nur träumen können. Aber wir können ja nicht alle Archäologen sein und umso mehr ist Ryan daher bereit durch seine Bücher Interessierte an seinen Erlebnissen als Archäologe teilhaben zu lassen. IM BANN DER PHARAONEN ist die Geschichte davon wie Ryan überhaupt zum Archäologen werden sollte, der eines Tages im KV 60 eine (KV für Kings Valley) eine schicksalhafte Entdeckung machen konnte.

Als Kind interessierte Ryan allgemein für weit vergangene Zeiten, etwas woraus sich im Verlauf seines Heranwachsens ein immanentes Interesse an Archäologie entwickeln sollte. Nur war ihm sein Karriereweg keineswegs prädestiniert. Kaum aufs College gelangt entpuppte sich das Studienfach Archäologie als derart fad, das Ryan sich seinen ersten Abschluss in internationalen Politikwissenschaften verdiente und so nebenbei zum begeisterten Bergsteiger avancierte. Doch so ganz lassen wollte er seinen Kindheitstraum nicht und schrieb sich an einer größeren Universität für ein Masterstudium der Anthropologie ein.

Zwischendurch absolvierte Ryan auch seinen ersten Besuch in Ägypten, auf den später sogar Ausflüge auf eigene Faust folgen sollten. Mit seinem zweiten Abschluss in der Tasche galt es nur noch eine Frage zu klären, sollte er wirklich auch noch seinen Doktor machen? Die Entscheidung fiel ihm leicht, denn nur dann würde er selbst Ausgrabungen leiten können dürfen.

Das wirklich abenteuerliche an Ryans Lebenslauf ist, dass er seine Leser an einem Leben teilhaben lässt das geprägt von einem Traum war, den es ihm zu verfolgen und sogar verwirklichen gelang. Ryans Erzählungen entführen den Leser in seine unzähligen Reisen und Erlebnisse auf dem Weg zur größten Entdeckung seines Lebens. Dabei steht der Fund Hatschseputs gar nicht wirklich im Mittelpunkt, sondern ist etwas fürs große Finale. Was das Werk wirklich ausmacht ist der Bann in den Ryan seine Leser zu schlagen vermag, man fühlt mit ihm, wozu sich sein Schreibstil überdies sehr gut eignet.

Fazit:
Die höchst lesenswerte Lebensgeschichte eines Archäologen aus Leidenschaft.


Heir to the Empire: Star Wars: The 20th Anniversary Edition (Star Wars (Del Rey))
Heir to the Empire: Star Wars: The 20th Anniversary Edition (Star Wars (Del Rey))
von Timothy Zahn
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,25

6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen 20 Jahre Thrawn-Trilogie - 20 Jahre Timothy Zahn in einer weit weit entfernten Galaxie, 25. September 2011
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Es war einmal vor langer Zeit (am 6. November 1989) in einem US-Bundesstaat namens Illinois, als ein gewisser aufstrebender Science Fiction Autor an einem Montagnachmittag gerade an seinem nächsten Roman (Anglemass) arbeitete, als er einen Anruf von seinem Agenten erhielt, der das Leben Zahns und tausender Star Wars-Fans verändern sollte. Nach einigen Jahren "Sendepause" hatte sich Lucas Licensing daran gewagt das Star Wars Franchise wiederzubeleben und im Bantam Verlag einen interessierten Partner gefunden, der auch mit etablierten Autoren aufwarten konnte. Und der erste den man für das Projekt gewinnen konnte war gleich Timothy Zahn, der mit der Thrawn-Trilogie, deren erster Band eben 1991 erschien, die Geschichte um eine weit weit entfernte Galaxie fortführen sollte. 20 Jahre später hat Zahn mit Choices of One den vorläufigen Schlusspunkt seiner Thrawn-Saga vorgelegt und die Fühler bei Del Rey (dem Verlag der nach Bantam die Lizenz für Star Wars-Romane übernahm) nach neuen Projekten ausgestreckt, die in einer gänzlich neuen Ära spielen sollen. Anlässlich dieses Jubiläums hat Del Rey ein Special Edition HEIR OF THE EMPIREs aufgelegt und diese mit Kommentaren Zahns und seiner damaligen Lektorin Betsy Mitchell ausgestattet, sowie eines Vorworts von Lucas Licensing Präsidenten Howard Roffman und der Kurzgeschichte CRISIS OF FAITH die Zahns CHOICES OF ONE mit HEIR OF THE EMPIRE verbindet und damit das finale Puzzlestück in dessen mittlerweile Jahrzehnte umspannender Saga bildet.

- Zahl sich die 20th Anniversary Edition überhaupt aus? -

Eines gleich vorweg, das Format der Jubiläumsausgabe macht es sehr unwahrscheinlich dass sich eine Taschenbuchausgabe jemals ergeben wird, denn diese würde am Rand nicht den Raum für Anmerkungen bieten. Denn um Zahns Kommentare nicht als Fußnoten oder Anhang zum Nachschlagen anbringen zu müssen hat man eine elegante Alternative gefunden, man rückte den Text etwas ein und nutzte den nun vergrößerten Raum die in kleinerer Schrift abgedruckten Kommentare am äußeren Rand der Seiten anzubringen. Aber Sparefüchse unter den Zahn-Fans sind ohnehin nicht die Zielgruppe dieser Ausgabe. Angemerkt sei auch dass selbst eine deutsche Übersetzung (wegen des Formats zweifellos als Paperback wie schon die letzten Zahn-Romane) davon abhängig sein wird wie gut sich die englischsprachige Hardcover-Edition verkaufen wird. Aber nicht nur deshalb müsste man als Fan eine unbedingte Kaufempfehlung aussprechen, denn den Rest der Thrawn-Trilogie als Jubiläumseditionen wird es auch nur dann geben wenn sich Band 1 schon entsprechend gut verkauft. Soviel dazu warum die Kritiken für die Neuauflage zweifelsfrei stets überragend positiv ausfallen. Inhaltlich bietet einem die Neuausgabe mit den Kommentaren allerlei interessante Ein- und Ansichten Zahns, wie man sie sich sonst bestenfalls aus dutzenden Interviews auch nur annähernd zusammenbasteln könnte. Sicher, die "Regiekommentare" sind das Kernstück der Jubiläumsauflage, doch auch die Kurzgeschichte CRISIS OF FAITH ist nicht zu verachten und schließt die Handlung CHOICES OF ONEs eigentlich erst wirklich ab. Dass sie mitunter wohl die beste Kurzgeschichte Zahns ist (imho) spielt da auch noch eine Rolle, dazu an anderer Stelle noch mehr.

- Was bringen die Kommentare wirklich? -

Joruus Sa-bay-oth - Hätte Zahn gewusst welche Schwierigkeiten es seinen Lesern bereiten wird den Namen Joruus C'baoths auszusprechen, er hätte ihn anders genannt. Zahns Kommentare zum wahnsinnigen Jedi-Meister, den er ursprünglich als Klon Ben Kenobis konzipierte, lassen gleich zweierlei erkennen, einerseits wie intensiv sich Zahn (man wagt zu behaupten im Gegensatz zu einigen seiner Nachfolger) noch mit den Details der von ihm erzählten Geschichte beschäftigt hat und andererseits wie überraschend für ihn manche der Reaktionen, Adaptionen und Retcons danach waren. Seine Idee C'baoth als Klon Kenobis einzuführen, so erfährt man, wurde von Lucas Licensing etwa sofort vom Tisch gefegt. Dass C'baoth jedoch über den Verlauf der Geschichte hin gänzlich undurchschaubar und diffus bleibt war gewollt, er sollte aufgrund seines Wahnsinns schlicht schwer zu deuten sein. Anders verfuhr Zahn etwa bei Mara Jade, Großadmiral Thrawn oder Talon Karrde, die er allesamt mit einer mysteriösen Vergangenheit erschuf, um später allmählich mehr über sie enthüllen zu können (auch in diversen Kurzgeschichten).

Neben den Einblicken die Zahn zu vermitteln versteht nehmen auch die Reaktionen eine wichtige Stelle ein, etwa dass ihm die Erwähnung einer "hot chocolate" ihm erbitterte Feindschaft eingebracht hat, aber auch dass er von einer Corvette schrieb, was allerdings sehr amüsant ist, da diese klagenden Leser nicht zu wissen schienen dass eine Corvette schon lange vor der Verwendung dieses Namens für einen Fahrzeugtyp GMs ein realer Schiffstyp war. Aber was Zahn an Kommentaren so zu Papier brachte ist nicht immer nur eitel Sonnenschein, der Autor enthüllt auch einige Inkonsistenzen und logische Fehler, die ihm unterlaufen sind, aber auch dass er sich zur Benennung einiger Planeten und Personen des Mittels der Tuckerzitation bedient hat (der Verballhornung der Namen realer Bekannter), was uns etwa Sluis Van eingebracht hat.

Neben Zahn selbst mischt auch dessen einstige Lektorin mit Kommentaren mit und verrät, mit meist überschwänglich lobenden Worten, was das Faszinierende am Werk Zahns war und ist. Durch sie erfährt man auch, an welchen Stellen sich etwa Zahns akademischer Hintergrund eingeschlichen. Der Science Fiction-Autor war nämlich drauf und dran sich einen PhD in Physik zu erwerben, als er aufgrund einer Erkrankung seines Doktorvaters dann doch einen anderen Weg einschlug. Bis dahin hatte er bereits seinen Bachelor und Master in Physics in der Tasche. Unter entsprechenden Licht kann man dabei auch Zahns später verworfenes Hyperraumflug-Konzept betrachten oder generell die in der Thrawn-Trilogie etablierte Physik der weit weit entfernten Galaxis.

- Um was geht es in der Kurzgeschichte? -

CRISIS OF FAITH ist der Schlusspunkt hinter CHOICES OF ONE, quasi ein knapp 50seitiger Epilog den Zahn beim Finale der Hand of Judgment-Duologie ausgespart hat. Es ist der Wendepunkt in Thrawns Karriere und spielt 8 Jahre nach der Schlacht um Yavin 4. Der Imperator ist tot und das Imperium zerfällt. Doch Großadmiral Thrawn steckt immer noch in den Unbekannten Regionen fest, der Krieg mit dem ihm an strategischen Talent ebenbürtigen Alien-Kriegsherrn Nuso Esva zieht sich hin.

Doch nun ist Esva zu den Insektoiden Quesoth geflohen und sitzt in der Falle. Thrawns Empire of the Hand hat längst die Überhand, doch Esva ist unmöglich tot zu kriegen und selbst auf der Flucht eine erhebliche Bedrohung. Eine Belagerung der Quesoth würde die Ressourcen Thrawns zu lange binden und Esva die Chance geben erheblichen Schaden anzurichten, entsprechend drängen der Großadmiral und sein Stab auf eine rasche Entscheidungsschlacht, in der es zu einem Aufeinandertreffen von Titanen kommt...

Es ist Nuso Esvas letztes Gefecht und doch ist genau diese Kurzgeschichte soviel mehr. CRISIS OF FAITH ist von Umfang und Substanz her in etwa das woraus Zahn in CHOICES OF ONE um einige Szenen erweitert einen seiner vielen Handlungsstränge gemacht hat. Die Kurzgeschichte ist das was sich manche von Zahn vermutlich finalen Thrawn-Roman gewünscht hätten, eine Geschichte in der das Imperium der Hand und sein genialer Primus die Rolle der Helden einnehmen können und Thrawn sich mit einem Meisterstrategen messen muss, der ihm ebenbürtig ist. Das war zwar auch bereits eines der Themen von CHOICES, aber eben nur eines und in der Menge erweckten die darin gesammelt abgearbeiteten Handlungsstränge (die diversen Fanwünsche) auch etwas den Eindruck jeweils zu kurz gekommen zu sein und dass das Gesamtwerk eben nicht das ist was man sich gewünscht hätte.

In CRISIS bringt Zahn auch erstmals Voss Parck, Baron Fel mit dem Großadmiral und einem ihrer Alien-Verbündeten zusammen an einen Tisch, an dem auch Commander Balkin der 501st Platz nehmen darf. Es gibt wohl kein stärkeres Bild davon worin die Qualitäten des Empire of the Hand lagen, wenn sich der beste Jäger-Pilot, der größte Stratege und nachdem er Thrawn einst entdeckt hat wohl auch der fähigste Talentscout des Imperiums in einem Kriegsrat treffen, um den größten Feind der Hand beizukommen und der Liste ihrer Verbündeten ein neues Volk hinzufügen zu können. Die Hand of Thrawn-Duologie hat dereinst vermuten lassen dass Fel und Parck zu Thrawns innerstem Zirkel gehörten und die Entwicklung der Idee von einer Hand of Thrawn zum Empire of the Hand hat aus der Gruppe abtrünniger Imperialer und Chiss ein eigenes kleines Reich gemacht, das sich in den Unbekannten Regionen mit allerlei Verbündeten zu einer Art NATO zusammenschloss.

Man darf aber nicht nur die Hand in ihrer vollen Blüte erleben, sondern auch ein faszinierendes Ringen Thrawns mit Nuso Esva, bei dem man durchaus an einen Punkt gebracht, an dem eine Niederlage des Großadmirals möglich scheint, zumindest was den Verlauf dieser Schlacht anbelangt. In der Planung des letzten Gefechts hat sich Zahn allerdings eines eher durchschaubaren Charakterspiels bedient, so dass Thrawn und Konsorten zunächst einmal die letzten Ereignisse (im Krieg mit Nuso Esva, seit CHOICES) Revue passieren lassen und dann tritt gerade der Abgesandte Nysama quasi als advocatus diaboli auf, der Thrawn bei jedem Schritt seines rasch skizzierten Plans daran erinnert, dass er scheitern kann.

Die Geschichte die den Abschluss der schon Jahre dauernden Nuso Esva-Kampagne symbolisiert wartet allerdings mit einem Hintertürchen auf, falls Zahn sich in bisher noch nicht konkretisierten künftigen Projekten in einer neuen Ära (was von einem Zeitabschnitt den nur Zahn bisher nicht genutzt hat, über eine gerade aktuelle Ära wie The Old Republic oder Legacy bis hin zu einem gänzlich unerschlossenen Zeitraum alles bedeuten kann) vielleicht doch mit Thrawn oder viel eher dessen Erbe auseinandersetzen will. Denn seit dem achten Fate of the Jedi-Band ASCENSION ist die für geraume Zeit als aufgelöst wirkende Hand of Thrawn wieder auf Bühne der galaktischen Politik zurückkehrt und hat scheinbar eine gewisse Nähe zum Fel-Imperium entwickelt, was angesichts Jagged Fels Vorgeschichte nicht überraschend ist. Denn auch Nuso Esva hinterlässt der Galaxis etwas, das wie schon die corellianische Krise (aus der Corellia-Trilogie) Jahre später (in Legacy of the Force) Anstoß für einen neuen intergalaktischen Konflikt werden könnte.

Gut möglich, dass es CRISIS OF FAITH eines Tages als E-Book zu kaufen geben wird, aber angesichts der Überlegungen Del Reys nach einem möglichen Erfolg des Lost Tribe of the Sith-Sammelbandes 2012 wieder einmal Kurzgeschichtensammelbände wie die Tales from/of-Bücher (Mos Eisley, the new Republic, the Empire, Jabbas Palace, Bounty Hunters) wäre ein kostengünstigerer Sammelband wünschenswerter und es gibt ja noch und mittlerweile wieder genügend Geschichten um etwa einen Tales of the New Jedi Order oder Tales of the Old Republic/the Clone Wars zu füllen.

- Die Bedeutung HEIR OF THE EMPIRES für das Expanded Universe -

Es ist wie es Howard Roffmann in seinem Vorwort zur Jubiläumsausgabe bereits beschrieb, mit der Thrawn-Trilogie hat Timothy Zahn ein Ideenknäuel formuliert, aus dem wenig später in einem wahren Urknall das Erweiterte Universum hervorgehen sollte, mit einer Flut von Romanen, Comics und Videospielen. Und wenn man sich die Kommentare so durchliest, vor allem jene darüber wie Zahns Ideen später aufgegriffen wurden und plötzlich bemerkt was Zahn da wirklich alles geschaffen hat, wovon Jahre später noch manche EU-Autoren zehren, dann ist man umso geneigter HEIR OF THE EMPIRE als die Geburtsstunde des Expanded Universe anzuerkennen. Roffmann ist es auch der Fans eine interessante Argumentationsgrundlage verschafft was Behauptungen betrifft auch das Star Wars Merchandising müsse sich demografischen Druck beugen und vielleicht auch etwas mutiger gegenüber den alternden Fan-Generationen erweisen. HEIR OF THE EMPIRE entstand nämlich nicht als unseliges Jugendbuch, sondern gezielter Versuch die längst aufs College gewechselte erste Fangeneration wiederzugewinnen, die sich schon mit dem Konzept der Ewoks in RETURN OF THE JEDI nicht mehr so recht anfreunden konnte. Natürlich 2011 und damit 20 Jahre danach steht man bei Lucas Licensing vor ganz neuen Herausforderungen, das Franchise lebt. Mit The Clone Wars rekrutiert man laufend eine neue Fan-Generation und einen Relaunch der Romane braucht man auch nicht, die Versorgung mit diesen ist ja über Jahre hin gesichert.

Zwar war es ein großartiger Erfolg mit HEIR OF THE EMPIRE einst sogar den gerade durchgebrochenen John Grisham samt Debütroman THE FIRM vom Thron der New York Times-Bestsellerliste gestoßen zu haben, doch als New York Times-Bestseller werden einem heutzutage ja viele Star Wars-Romane verkauft (die dann tatsächlich meist nur eine Woche irgendwo auf der Liste gestanden haben). Zahns Star Wars-Erstling schaffte es allerdings auf Platz 1, eine Leistung die für sich schon die Mehrzahl der anderen "NYT Bestseller" unter den Star Wars Romanen in den Schatten stellt und Zahn schaffte das gegen John Grisham als dieser gerade zum Weltstar wurde. Der Erfolg der Thrawn-Trilogie ist unbestreitbar, ihren Einfluss auf das EU kann man nach der Lektüre der Kommentare auch kaum noch unterschätzen, wobei sich dieser Einfluss noch umso ausgiebiger ergründen ließe wenn eben die Verkaufszahlen stimmen und Del Rey sich auch heranwagt DARK FORCE RISING und LAST COMMAND in Jubiläumseditionen zu fassen.

Nicht vergessen sollte man ebenfalls das Zahn sich seinen ersten Hugo Award schon 1984 verdient hatte, womit er sich in eine Reihe mit Joanne K. Rowling und Arthur C. Clarke stellen darf. Zwar steht Zahns Hugo in keiner Beziehung zu seinen "Verdiensten" um das Star Wars Universum, aber es ist halt doch ein Qualitätsmerkmal mit dem sonst nur CRYSTAL STAR-Autorin Vonda N. McIntyre aufwarten konnte und ihr einziges Star Wars-Werk hat kaum den bleibenden Eindruck Zahns hinterlassen.

Noch wichtiger als allerlei Ehrungen für Zahns Thrawn-Trilogie ist allerdings, dass die eben als Fortsetzung der klassischen Filmtrilogie gedachte Reihe das Stimmungsgefühl der Filme genau zum richtigen Zeitpunkt einfangen konnte. Der hohe Stellenwert im Fandom kommt auch daher, dass eine ganze Fan-Generation mit diesem Buch aufgewachsen ist, es war für viele der Einstieg und selbst später geborenen Fans der Original Trilogy konnten sich mit dieser Einstiegslektüre in überwiegendem Ausmaß identifizieren. Die Thrawn-Trilogie ist nicht irgendein Versuch die aus Fan-Sicht oft besser im Dunkeln zu belassende Vorgeschichte auszuleuchten, sondern genau das zu tun was sich Fans seit eh und je in ihren Köpfen auszumalen und zu wünschen versucht sind, dass die Geschichte weitergeht.

- Anmerkungen zum Wiederlesenswert -

Die Jubiläumsausgabe HEIR TO THE EMPIREs kann einem ungeachtet des Bonus-Contents schlicht und einfach auch eine ideale Ausrede bieten dieses Stück klassischer Star Wars Geschichte noch einmal zu lesen und mancher vielleicht zum ersten Mal im englischsprachigen Original, es zahlt sich aus, denn der besten Übersetzung zum Trotz, in Englisch ist das Werk doch um einige Nuancen reicher und in einer Fremdsprache verzeiht man Autoren auch vieles leichter. Wie auch immer, die von Zahn damals zu Papier gebrachte Geschichte hat bis heute nichts an ihrer Faszination verloren und nach Legacy of the Force, Fate of the Jedi und allerlei anderen Projekten kann es umso erholsamer sein sich wieder einmal auf diesen Klassiker zu stürzen, als Cast und Handlungsstränge noch überschaubarer und Star Wars-Romane an Themen der klassischen Trilogie ausgerichtet waren. Mit Großadmiral Thrawn hat Zahn damals einen Schurken geschaffen der nicht ein bloßer Vader-Aufguss war und sich so raffiniert wie anständig erwies, auch wenn er seine Kanten hatte. Eine Wohltat für von allerlei Megalomanen gequälte Leser. Thrawn war eben anders, das Genie brauchte keine überübermächtigen Machtkräfte, Superwaffen, Nanoviren, einen Planeten voller Sith oder die größte Kriegsflotte der Galaxis, für den Großadmiral reichten zunächst eine handvoll Schiffe und sein überlegender Intellekt, um die neue Republik an den Rande der Vernichtung zu bringen. Kaum ein neuerer Star Wars-Schurke weist noch jene Zielstrebigkeit und Anpassungsfähigkeit auf wie einst Thrawn, nur in manchen Darstellungen des verschlagenen taktierenden Imperators (vor allem jenen James Lucenos) wird man an Zahns größten Wurf erinnert.

-- Resümee --
Vom Preis-Leistungs-Verhältnis her ist die Jubiläumsausgabe wohl der Albtraum der Kommerzkritiker und Sparefüchse unter den Star Wars-Fans, das Taschenbuch zur normalen Edition gibt es ja fast schon zu einem Viertel des Preises und draufgelegt werden "nur" eine Kurzgeschichte und seitenweise Autorenkommentare. Aber vielleicht sollte man die Sache anders sehen, ein Hardcover (und das ist das einzige Format in dem die Special-Editon mit ihren Kommentaren wirklich funktionieren kann) kostet im Neuzustand fast immer schon seine rund 20 Euro und neuerdings gerne auch mehr, auch wenn Star Wars Hardcover im Gegensatz zu den Werken mancher Bestsellerautoren preislich noch fast begünstigt sind und auf Amazon ohnehin gerne schwanken.

Will man dass der Rest der Trilogie auch als Jubiläumsediton aufgelegt wird geht der Weg am Kauf von HEIR OF THE EMPIRE ohnehin nicht vorbei, von daher muss man als Fan auch wohl eine uneingeschränkte 5-Sterne-Empfehlung aussprechen, womit man sich auch die überaus positiven Wertungen großer Star Wars-Portale erklären darf. Selbst Fans bei denen die Geldbörse etwas lockerer sitzt denken ja nicht ganz ohne Eigennutz.

Fazit:
Schlussendlich bietet einem die Jubiläumsausgabe vor allem eines, eine gelungene Ausrede einmal mehr in diesen faszinierenden ersten Akt der großartigsten Star Wars Romantrilogie so far einzutauchen. Und die Bonusinhalte samt dem angenehm lesbaren Hardcover-Format sind ja auch nicht zu verachten.
Kommentar Kommentare (5) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Sep 29, 2011 9:48 PM MEST


Star Wars Essentials, Bd. 12: Der Untergang der Sith
Star Wars Essentials, Bd. 12: Der Untergang der Sith
von Kevin Anderson
  Broschiert
Preis: EUR 16,95

6 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Der Untergang der wahren Sith, 20. September 2011
Mit einer geschickt inszenierten Entscheidungsschlacht hat Naga Sadow endgültig seinen Führungsanspruch als dunkler Lord der Sith durchgesetzt und das bedeutet KRIEG. Während die Republik und der Jedi Orden jedoch noch nicht ahnen welches Unheil sich fern ihrer Grenzen zusammenbraut wird die einzige Person die von der drohenden Gefahr weiß über Cinnagar von Abfangjägern abgedrängt, zur Landung gezwungen und verhaftet. Kaiserin Teta und ihre Berater vor der Invasion der Sith zu warnen muss warten, Jori Daragon erlebt zunächst ihr ganz eigenes Drama, während ihr Bruder im fernen Sith-Imperium zur willfährigen rechten Hand Naga Sadows gerät, der das Imperium wie noch nie zuvor in Kriegsrüstungsmaßnahmen treibt. Kahorr eignet sich die Starbreaker 12 an, sogar Aarba der Hutt entzieht Jori seine schützende Hand und als die machtsensitive Abenteurerin als Zwangsarbeiterin in eine ferne Kolonie verschifft wird scheint es keine Chance mehr zu geben, die Republik noch rechtzeitig vor dem Einfall der Sith zu warnen...

DER UNTERGANG DER SITH setzt die Handlung um den Großen Hyperraumkrieg dort fort, wo sie in DAS GOLDENE ZEITALTER DER SITH ihr vorläufiges Ende fand. Naga Sadow hat gesiegt und rüstet wie versprochen zum großen Krieg gegen die Jedi und ihre Republik, steht ihm nun doch kein Ludo Kressh mehr im Weg. Man darf sich schon dafür begeistern was Kevin J. Anderson mit seiner Saga vom Großen Hyperraumkrieg für eine gelungene Vor-Fortsetzung der JEDI CHRONIKEN gelungen ist. Anstatt zu kopieren und sich bekannter Klischees (wie Strumtruppenrüstungen, dreieckiger Sternenzerstörer usw.) zu bedienen hat er wie schon Tom Veitch (der Schöpfer der Jedi Chroniken und Andersons Co-Autor bei diesen) einen selbst stilistisch völlig neuen Abschnitt im Erweiterten Universum geschaffen und mit einer Unzahl interessanter Charaktere und Themen bevölkert. Für das Finale hat Anderson mit Zeichner Dario Carasso Jr. nun einen Partner zur Seite gestellt bekommen, der das Werk gleich vierer Vorgänger alleine fortführt, was den Zeichnungen des Bandes eine bessere Konsistenz verleiht.

Stilistisch zeigt sich der "antike" Krieg der Sterne einmal mehr von seiner eindrucksvollsten Seite. Die Sith rüsten mit Helmen, Speeren, Schwertern und Elefanten nachempfundenen Kriegstieren zum Krieg und im entscheidenden Moment ist es Kaiserin Teta, die mit ihrer nach den Vereinigungskriegen aufgeblähten Armee zum harten Brocken für Sadows Invasionsarmee zu werden droht. Die historischen Vorbilder, Sadow als Hannibal, Kaiserin Teta als eine Mischung aus Elisabeth I. und Kaiserin Katharina die Große, sind unverschweigbar. Der große Hyperraumkrieg atmet historische Luft und das macht den immer noch erstaunlichen Reiz dieses Epos aus. Wir haben erlebt wie Teta jenes System vereinte das dereinst (wie die JEDI CHRONIKEN verkünden) nach ihr benannt werden wird, wie die Jedi-Legenden Odan-Urr sein "Praktikum" als Jedi-Ritter begann und schon früh erkennen ließ, dass ihm die Schaffung einer großen Bibliothek weit näher als Beratertätigkeiten für eine lokale Führungsfigur lagen, aber auch wie sich ein skrupelloser Eroberer und gewiefter Stratege wie Naga Sadow entgegen des konservativen Trends zum dunklen Lord der Sith emporringen konnte. Von vielen diesen Ereignissen weiß man vor allem aus späteren Geschichtsexkursen, doch Andersons Comics lassen diese "Sternstunden einer weit weit entfernten Galaxis" hautnah miterleben.

Aber zurück zum vorliegenden Abschnitt der Geschichte, die sogar so etwas wie eine marginalisierbare Schwäche vorzuweisen hat. Gav Daragon, ähnlich wie seine Schwester, schafft es einfach nicht wirklich eine tragendere Rolle zu entwickeln. Sein Wandel vom machtempfindlichen Entdecker zum Sith-Schüler fällt jedenfalls weit weniger dramatisch aus, als man ihn im Erweiterten Universum sonst gewohnt ist. Für Gav gilt, lieber ein Fürst unter blutrünstigen Barbaren als ein Niemand auf Cinnagar. Aber selbst als Nebencharakter wird Gav mit der vollen Konsequenz seiner Entscheidung konfrontiert werden. Von den Daragon-Geschwistern ist es jedoch Jori die zeitweise wirklich ins Rampenlicht gelangt, nur ist sie eben keine der tonangebenden Figuren, wie Sadow, Teta oder die Jedi-Meister. Für Jori hält der Ausbruch des Krieges wirkliche Seelenqualen bereit, bei denen auch die Macht ihr Händchen im Spiel zu haben scheint, ist sie doch auch eine Machtsensitive.

Dass der Saga ein wenig die weit ausgebauten Heldenfiguren fehlen macht Kevin J. Anderson jedoch dadurch wett dass er einfach sehr viele Charaktere zumindest gut eingepflegt hat und für jeden persönliche Momente bereithält. So auch für Odan-Urr, der von seinem Meister Ooroo Besuch erhält und im Verlauf der Ereignisse eine Machtfähigkeit entdecken wird, die erklären kann warum es nach Sadows Waterloo nicht zum Aufstieg und Widerstand neuer dunkler Lords gekommen ist. Natürlich, heute weiß man dass am Ende des Krieges ein mysteriöser Sith-Imperator eine Gruppe loyaler Auserwählter aus dem zerfallenden Imperium nach Dromund Kaas evakuierte, wo ein stärker von Menschen geprägtes Sith-Imperium entstehen sollte.

Erwähnenswert ist an DER UNTERGANG DER SITH auf jeden Fall auch, dass die Handlung überzeugend glaubwürdig bleibt. Kevin J. Anderson hat sich bemüht für die Ereignisse, unter Einbeziehung historischer Beispiele, im Hintergrund logische Konsequenzen zu schaffen. Weder kann sich die Republik der Invasion mühelos erwehren (sogar Coruscant wird zum Schlachtfeld), noch bleibt Sadows Abzug aller Sith-Streitkräfte für seinen massiven Eroberungskrieg ohne Folgen. Anderson spielt im großen Finale sogar noch einmal den Vergleich Sadows mit dem zurückhaltenden Ludo Kressh aus. Beide sind Sith, doch unterschiedlicher könnten sie kaum sein. Der reinblütigere Sadow fühlt sich dem Erbe seiner Jedi-Vorfahren näher und prädestiniert die Rache der späteren Sith am Orden zu vollenden. Kressh als Nachfahre der von den dunklen Jedi unterjochten will das Imperium wahren, zu dem die dunklen Jedi ihren Untertanen und Mestizen-Nachfahren verholfen haben. Zugleich ist der Konflikt Sadow-Kressh auch einer den man schon hundertfach in der irdischen Herrschergeschichte erlebt hat, der eine ein Expansionist, der andere ein Bewahrer, dem mehr am Konsolidieren eines Reichs gelegen ist. Die Geschichte hat aus beiden Typen schon den besseren Herrscher gemacht.

- Resümee -
Das Finale des Großen Hyperraumkriegs ist weniger ein Drama, da die individuellen Schicksale der Charaktere nur am Rande eine Rolle spielen, sondern vor allem ein Epos, denn episch ist das Ausmaß der Geschichte die Kevin J. Anderson hier zum Abschluss bringt. Der Autor der JEDI ACADEMY Trilogie und der YOUNG JEDI KNIGHTS, der schon als Co-Autor am Finale der JEDI CHRONIKEN mitgewerkelt hat macht es keinen der beteiligten Charaktere zu einfach. Dabei sah es nach DAS GOLDENE ZEIALTER DER SITH für viele ja wirklich golden aus, doch nun erschüttert Anderson eine Galaxis und das in typischer Star Wars-Tradition auf mehreren Planeten. Und Anderson bleibt dem überaus gelungenen antiken Stil zutiefst verbunden, der Comic atmet einfach historische Luft und das verleiht ihm seine ganz eigene überzeugende und durch die genommenen Anleihen bei der irdischen Geschichte, glaubwürdige Atmosphäre.

Fazit:
Ein brillantes Finale für einen der am besten inszenierten Abschnitte des erweiterten Star Wars-Universums.


Star Wars The Clone Wars: In geheimer Mission, Bd. 2: Piratenfluch
Star Wars The Clone Wars: In geheimer Mission, Bd. 2: Piratenfluch
von Ryder Windham
  Broschiert
Preis: EUR 7,95

3 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Die Chiss halten Einzug in The Clone Wars, 20. September 2011
Kaum haben Nuru Kungurama und seine Klon-Freunde ihr erstes gemeinsames Abenteuer überstanden hält der oberste Kanzler bereits eine neue Mission für sie bereit. Eine Abgesandte der mysteriösen Spezies der Chiss hat Kontakt zur Republik aufgenommen und um ein Treffen gebeten. Obwohl Nurus Meister immer noch verschollen ist entschließen Meister Yoda und Kanzler Palpatine jedoch den jungen Jedi Padawan zu entsenden, schlicht weil er selbst ein Chiss ist. Mit der Schmugglerin Lalo Gunn und den Klonen bricht Nuru richtung Csilla auf, doch die Begegnung mit Aristocra Sev'eere'nuruodo (Veeren) gestaltet sich als kurz, denn die Chiss sind weder mit diplomatischen Beziehungen zur Republik, noch Count Dookus Separatisten interessierten, sie sprechen nur eine Warnung an beide Seiten aus, die Grenzen des Chiss-Raums nicht zu verletzen, ansonsten seien die Klonkriege ihre geringste Sorge. Doch als Nuru mit dieser Botschaft in republikanischen Raum zurückkehren will fängt sie eine Flotte der Separatisten ab, nicht zufällig unter dem Kommando Aufseher Umbrags. Bei der hastigen Flucht landen Nuru, Lalo und die Klone jedoch in noch größerer Gefahr, einem Piratennest...

Schon in BREAKOUT TEAM legte Ryder Windham das Fundament für Enthüllungen um Nuru Kungurama, die den pflichtbewussten Jedi Padawan unter seinen Altersgenossen auf einmalige Weise herausheben dürften. In Band 1 hielt Windham jedoch noch dicht, ehe er Nuru nun kurzfristig in direkten Kontakt mit seinem Volk bringt. Mit dieser Begegnung erfährt man endlich etwas mehr darüber wie Nuru einst von den Jedi entdeckt wurde, immerhin leben die Chiss fast hermetisch von allen anderen Fraktionen und Spezies abgeriegelt in einer gänzlich unbekannten Region der Galaxis. Lobenswert zu erwähnen ist dass Windham durchaus besonnen mit seiner Darstellung der Chiss umgeht und sie stark im Dunkeln, ist das doch eine Thematik die durch Timothy Zahns legendäre Thrawn Trilogie samt Folgewerken emotional derart aufgeladen ist, das auf die etablierte Kontinuität schielende Leser es nur schwer akzeptieren würden, wenn die Chiss ähnlich den Mandalorianern zu Pazifisten umgedichtet werden oder noch schlimmer, Thrawn in irgendwelcher Weise entweder als separatistischer Überläufer oder aufmupfender Nicht-so-friedlicher Vertreter seiner Spezies auftreten würde, nur um auch in The Clone Wars verewigt zu sein. Bei Windham bleiben die Chiss zumindest "noch" eher schattenhaft und fern, auch wenn Nurus Chiss-Erbe in späteren Romanen der IN GEHEIMER MISSION-Reihe noch eine wichtigere Rolle spielen wird.

Das kurze Aufeinandertreffen mit den Chiss gehört jedoch nur zu einem der die Haupthandlung endlich vorantreibenden Elemente. PIRATENFLUCH verrät schon früh dass Cad Bane etwa nicht der einzige Spion der Separatisten auf Kynachi war und Asajj Ventress einen wichtigen Gefangenen machen konnte, der sogleich dazu bestimmt ist schon bald eine wichtige Rolle in Darth Sidious und Count Dookus Doppelspiel mit den Jedi einnehmen wird. Dabei deutet Windham an dass Cad Bane ähnlich Jango Fetts zu den wenigen gehören könnte, die Dookus und Sidious Verschwörung zumindest in Ansätzen durchschaut haben. Ein Gastauftritt von Bossk, die Verbindung zu den Chiss, ein Sternentempel der Kwa, Ryder Windham gibt sich mit PIRATENFLUCH größte Mühe den zweiten Roman seiner The Clone Wars-Reihe in das Erweiterte Universum einzuweben.

Vom Stil her tritt in PIRATENFLUCH auch Ryder Windhams Erzählschema (mit seinen erzählen Biografien großer Star Wars-Charaktere hat er bisher für überragende Enttäuschungserlebnisse gesorgt) deutlicher zu Tage. Zum Anfang und zum Ende Anknüpfungen an die Rahmenhandlung, die wenn auch nicht absolut berauschend doch den Rest übertreffend spannend geraten ist und zwischendrin ein Plot, der nur der Ablenkung dienen soll. Das Problem, nach Jude Watson, Elizabeth Hand und Terry Bisson scheint auch Ryder Windham das Etikett Jugendbuch als Entschuldigung für erzähltechnische Einfallslosigkeit und Übersimplifizierung zu nutzen. Dabei haben "Jugendbücher" wie Harry Potter doch schon zur Genüge bewiesen dass eine gute Inszenierung unabhängig von der ursprünglichen Zielgruppe erfolgreich sein kann. Aber Star Wars, da scheinen sich die Verlage auch mit suboptimaler Dutzendware zufriedenzugeben. Soviel zum Frust, der sich daraus nährt dass Windham Nurus Begegnung mit den verfluchten Piraten konsequent zu einem vorhersehbaren Ende führt. Es geschieht was geschehen muss und selbst wenn sich plötzlich ein vernünftiger Gedanke bei den Protagonisten einschleicht, ob es vielleicht keine allzu brillante Idee sein könnte, einen 12jährigen als Botschafter zu einer unbekannten Spezies zu schicken, nur weil er sprichwörtlich die gleiche Hautfarbe hat, bleibt das ohne Folgen - ein tragikomischer Abklatsch Palpatines Fähigkeit immer wieder seinen Favoriten Anakin Skywalker mit wichtigen Missionen zu betrauen. Wäre Nuru ein ernsthafter musterschülerartiger Teen wie Ferus Olin in Jedi Padawan, man würde ihm seine Rolle als Anführer und unabhängiger Charakter eher abnehmen, auch seine Alien-Herkunft in Richtung früherer Reife zu deuten wäre ein Ansatz, den Ryder Windham jedoch nicht verfolgt. Charakterzeichnung, selbst solche wie sie eine Jude Watson in Jedi Quest verfolgt hat, erhält bei Windham nur sehr geringen Stellenwert beigemessen.

- Resümee -
PIRATENFLUCH ist vor allem eines - Füllmaterial, für eine bereits etablierte doch unnötig hinausgeschobene Rahmenhandlung, die mit Count Dooku, Asajj Ventress und der Involvierung Darth Sidious alles zu bieten hätte IN GEHEIMER MISSION schon bald einen Glanzpunkt zu verschaffen. Die Begegnung mit den Chiss ist kurz, auch das nur ein Vorspiel für Kommendes. Das Problem, Star Wars Jugendbuchreihen haben sich in den letzten Jahren oft nicht sehr lange gehalten und wurden des Öfteren nach wenigen Bänden mit einem überhasteten Finale bereits eingestellt, da wäre es aus Sicht der Leser bereits besser man würde auf Füllmaterial verzichten.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Oct 10, 2011 1:04 PM MEST


Der deutsche und österreichische Liberalismus: Geschichts- und politikwissenschaftliche Perspektiven im Vergleich
Der deutsche und österreichische Liberalismus: Geschichts- und politikwissenschaftliche Perspektiven im Vergleich
von Harm Klueting
  Broschiert

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Liberale Traditionen im Ländervergleich, 19. September 2011
Schon 2009 ist im Innsbrucker Studien Verlag mit den Memoiren des ehemaligen Bundesgeschäftsführers des Liberalen Forums, Harald Kratky (Das Experiment einer Parteigründung: Das liberale Forum im Rückblick) ein Buch aufgelegt worden, das für politisch interessierte Leser einen Blick wert gewesen ist, vor allem wenn man sich mit der komplizierten Geschichte des Liberalismus in Österreich auseinandersetzen möchte. 2010 hat der Studien Verlag mit dem 26. Band der Innsbrucker Historische Studien ein Fachbuch aufgelegt das sich dieses Themas durch einen Ländervergleich anzunehmen gedachte, was durchaus interessant ist, zumal liberale Parteien (wie das LIF) im republikanischen Österreich bisher nur eine kurze Lebensdauer beschieden war, in Deutschland die FDP aber einen Fixpunkt in der politischen Landschaft darstellt. Erwähnenswert ist schon jetzt dass Anton Pelinka, der im vorliegenden Werk einen einführenden Beitrag verfasst hat, schon 2007 im von Michael Gehler und Ingrid Böhler herausgegebenen Ländervergleich "Verschiedene europäische Wege im Vergleich: Österreich und die Bundesrepublik Deutschland 1945/49-Gegenwart" die politischen Systeme Deutschlands und Österreichs gegenüberstellte, darunter auch das Dritte Lager.

"Der deutsche und österreichische Liberalismus: Geschichts- und politikwissenschaftliche Perspektiven im Vergleich" mag ein Fachbuch sein, das Werk ist aber auch für politisch Interessierte lesenswert, wenn auch nicht ganz so ergiebig wie man es vielleicht erwartet, aber dazu noch später. Das interessierte an diesem Ländervergleich österreichsichen und deutschen Liberalismus ist dass ein interdisziplinärer Ansatz gewählt wurde und sich einige der Beiträge durchaus ergänzen, auf die österreichische also stets auch eine deutsche Perspektive folgt. Als Herausgeber des österreichischen Anteils fungierte Helmut Reinalter, den deutschen koordinierte Harm Kluetnig.

Anton Pelinka eröffnet mit einem Beitrag zur politischen Theorie des Liberalismus, der bereits damit aufhorchen lässt dass Liberalismus nicht mit Demokratie gleichzusetzen ist. Repräsentative Demokratie ist ein Kompromis von Demokraten und Liberalen. Davon ausgehend seziert Pelinka den universellen Geltungsanspruch der liberalen Demokratie.

Hans Fenske folgt mit einem historischen Exkurs zum deutschen Liberalismus in seinen Grundzügen. In Fenskes Darstellung lässt sich der Anbruch des deutschen Liberalismus mit der Besteigung des britischen Throns durch das Hannover verorten, nach dem ein breites Interesse an den politischen Verhältnissen in Großbritannien erwacht ist. Von dort aus führt er die Geschichte des deutschen Liberalismus weiter zum schicksalhaften Jahr 1848 und herauf bis ins Jahr 2010, das ja auch schon wieder Vergangenheit ist. Dem lässt sich zunächst von österreichischer Seite erst einmal kein Beitrag gegenüberstellen.

Dafür arbeitet Ulrike Zander in "Aus der Tradition heraus" sowohl eine österreichische und deutsche Perspektive zur Geschichte des liberalen und orthodoxen Judentums in Österreich und Deutschland aus. Jürgen Fröhlich geht mit seinen Beitrag erneut in eine deutsche Richtung und berichtet über "Friedrich Neumann, der Liberalismus und die Frauenemanzipation im ausgehenden deutschen Kaiserreich", ehe Tabea Esch sich mit dem Kirchenpapier der FDP auseinandersetzt. Erst dann fängt mit Pieter M. Judsons "Early Liberalism in Austrian Society" des Liberalismus in der Donaumonarchie an, woran Stefan Ableitinger mit "Die historische Entwicklung des Liberalismus in Österreich im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert" anknüpfen kann und einen der aus österreichischer Sicht essentiellen Beiträge beigesteuert hat, wobei er auch ungarischen und böhmischen Nationalliberalismus Platz widmet. Mit-Herausgeber Helmut Reinalter hat sich mit seinem Beitrag "Liberalismus und Kirche in Österreich im 19. Jahrhundert" schließlich der Kirchenpolitik der österreichischen Liberalen angenommen, die vergleichsweise historischer ist als noch die deutsche. Zum kurzlebigen Liberalen Forum selbst (wohl weil dessen Geschichte noch zu jung ist) wurde kein eigener Beitrag geschaffen. Dafür arbeiten Reinhold Gärtner und Günther Pallaver unter dem Titel "Liberale Parteien im 19. und 20. Jahrhundert" die Geschichte des Dritten Lagers auf. Angehängt ist dem Werk dann noch ein Rezensionsteil, der durchaus den tatsächlichen Umfang des Gesamtwerks kaschiert.

- Resümee -
Eine Empfehlung für politikwissenschaftliches Fachpersonal, aber nicht so sehr für eine politisch interessierte Leserschaft. Die systematische Gegenüberstellung deutschen und österreichischen Liberalismus hinkt ein wenig, was zwar durchaus am gravierend unterschiedlichen Geschichtsverlauf liegt, aber auch dass die Themen anhand derer der Vergleich gewagt wurde auch nicht allzu ergiebig oder für Laien interessant (wie die liberale Kirchenpolitik) sind. Überdies täuscht der Rezensionsteil der Innsbrucker Historischen Studien durchaus über den eher weniger beeindruckenden Umfang der gesammelten Studien hinweg.


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