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Rezensionen verfasst von
Mario Pf. (Oberösterreich)
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Der Tod wird euch finden: Al-Qaida und der Weg zum 11. September -
Der Tod wird euch finden: Al-Qaida und der Weg zum 11. September -
von Lawrence Wright
  Taschenbuch

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Die Geburt al Qaidas und der Auftakt zu 9/11, 11. September 2011
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Schon zum 5 Jahres-Jubiläum der 9/11 Anschläge veröffentliche Lawrence Wright 2006 "The Looming Tower. Al-Qaeda and the Road to 9/11" und gewann mit diesem Bestseller den renommierten Pulitzerpreis. Dadurch ist der Journalist und Autor als Mitglied des Council on Foreign Relations, der auch kurze Zeit an der American University in Kairo lehrte kein Unbekannter mehr. Was den Erfolg Wrights Buch ausmachte war es dass er als einer der ersten die Vorgeschichte 9/11 erfassen und den Aufstieg Bin Ladens nachzuzeichnen vermochte. Dabei standen ihm mit dem ehemaligen "counter-terrorism czar" Richard A. Clarke und dem zweifachen Pulitzerpreisträger Steve Coll (den ersten 2004 für 'Ghost Wars: The Secret History of the CIA, Afghanistan, and Bin Laden, from the Soviet Invasion to September 10, 2001', den zweiten 2008 für 'The Bin Ladens') wertvolle Quellen zur Verfügung, auf die er ebenso wie die erste große Welle von 9/11 Büchern elegant aufbauen konnte.

Wright beginnt seine Reise zu den Wurzeln Al Qaidas zunächst mit einem denkwürdigen St. Patricks Day 1996 als es den Agenten der "Alec" Station der CIA (zuständig für die Ermittlung in der Finanzierung von Terrororganisationen) gelang die Strafverfolgung, des damals noch als Terror-Finanzier aktenkundigen Osama Bin Ladens einzuleiten, nachdem dieser eine Fatwa gegen die USA veröffentlicht hatte. Doch noch stand die Jagd auf Bin Laden auf tönernen Füßen, der Mann erschien eher unbedeutend angesichts größerer Bedrohungen und auch die rechtliche Grundlage der Strafverfolgung des späteren Staatsfeinds Nr. 1 ruhte noch auf einem Gesetz aus der Bürgerkriegsära.

Der Weg nach 9/11 begann jedoch schon weit früher, man kann ihn gar, wie Lawrence Wright auf die Radikalisierung des Chefideologen der Muslimbrüder zurückführen, Sajid Qutb. Entsprechend beginnt Wright nach dem Prolog sein erstes Kapitel mit der USA-Reise des "Märtyrers" Qutb im November 1948. Der sich bereits in seinen 40ern befindende Beamte des ägyptischen Bildungsministeriums und ausgebildete Lehrer hatte gewissermaßen aus seiner Heimat fliehen müssen, da seine Schriften ihn beim ungeliebten König in Ungnade haben fallen lassen. Mit der Unterstützung von Freunden sollte Qutb auf "Studienreise" in die USA gehen, wohl auch in der Hoffnung der zornig-flammende Autor möge dort etwas abkühlen und liberaler werden. Doch genau das Gegenteil sollte eintreten. Zwischen Kairo und New York lagen Welten, der Kulturschock und Affronte wie der Kinsey-Report (den Qutb aufmerksam studierte und auf den er sich in späteren Schriften bezog, um die moralische Verkommenheit der Amerikaner zu geißeln) sorgten dafür dass Qutb bei seiner Rückkehr am 20. August 1950 einen noch radikaleren Weg beschritt. Seine Unnachgiebigkeit sollte ihm nach einem islamistisch motivierten Anschlag auf Präsident Nasser jedoch den Strang einbringen, der Tod machte aus Qutb jedoch umso mehr einen Märtyrer.

Das Erbe des Märtyrers Sajid Qutb sollte schließlich auch eine Generation von Männern beeinflussen, der auch Aiman al-Sawhiri angehörte. Osamas künftiger Stellvertreter nimmt die Hauptrolle in Kapitel 2 ein. Wright stellt seine "Protagonisten" also zunächst einmal getrennt vor. Sawahiri entstammte einer Ärztedynastie und wuchs in einer weltoffenen gutbürgerlichen Gegend auf, ähnlich wie Osama Bin Laden. Bin Laden und dessen Vater (womit Lawrence Wright ein wenig die gleiche Richtung einschlägt wie Steve Coll, der in seiner Familienbiografie 'The Bin Ladens' die Geschichte des Clans seit Mohammed Bin Ladens Ankunft im künftigen Saudi-Arabien aufarbeitete) gehörten zur Elite Saudi-Arabiens, doch zwischen den beiden Männer herrschte doch ein grober Unterschied, den Wright ausstellt. Während der Aufsteiger und erste Baumeister des Königs zwar auch bescheiden lebte und stark religiös geprägt schien, sein 17. Sohn sollte sich in Teenager-Jahren politisch und religiös schlichtweg radikalisieren. Wie dieser Prozess vonstatten ging ist das große Rätsel, dem auch Lawrence Wright nicht näher kommen kann. Dafür zeichnet er den weiteren Lebensweg Bin Landes nach.

Wie sich die politische Lage in Osamas Heimat Saudi-Arabien gestaltete erforscht Wright anhand des Schicksals Prinz Turki bin Faisal Al Sauds, dem Sohn König Faisals und langjährigen Chef des saudischen Auslandsgeheimdienstes. Er sollte zu einer zentralen Figur in der saudisch-amerikanischen Kooperation im sowjetischen Afghanistankrieg werden und damit auch in Kontakt zum Afghanistan-Kämpfer Bin Laden treten. Nach seinem Afghanistanerlebnis fand der treue Untertan des Königshauses dann auch nichts daran Prinz Turki 1989 vorzuschlagen mit einer Gruppe arabischer Freischärler in den marxistischen Südjemen einzufallen. Noch ehe sich Bin Laden über die Ablehnung dieses Plans Gedanken machen konnte vereinigten sich Süd- und Nordjemen jedoch überraschend und Bin Laden erkannte in Saddam Hussein eine noch drängendere Bedrohung für das Königreich. Zwar befand sich Saudi-Arabien technisch auf dem Stand sich selbst zu verteidigen, doch dem Königreich fehlte ein entsprechend ausgebildetes Heer, um im Falle eines weiteren Vordringen Saddams etwas entgegenzusetzen. Schon von Beginn der expansionistischen Phase Saddams drängt Bin Laden darauf nicht die Amerikaner ins Land zu holen, sondern eine eigene Armee zu schaffen, die den säkularen Diktator in die Schranken weisen sollte. Bin Laden bat sich an mit einer Gruppe von Afghanistanveteranen aus arbeitslosen arabischen Jugendlichen in kürzester ein Heer 100.000 Mann starkes Heer aufstellen zu können, doch schlussendlich setzte das Königshaus auf eine internationale Koalition unter der Führung der USA. Und Bin Laden hatte in der letzten verbliebenen Weltmacht ein neues Objekt für seine Obsession gefunden.

Bis wirklich die amerikanischen "Helden" Wrights Geschichtsexkurses in Erscheinung treten dauert es über die Hälfte des Buchs, doch dann sind es mit Richard A. Clarke in seiner Funktion als Chefkoordinator für Terrorismusbekämpfung im Weißen Haus und FBI Special Agent John O'Neill, dem Leiter der Abteilung für Terrorismusbekämpfung des Bureaus gleich die zwei "Lichtgestalten". Unterstützung erhalten beide durch einen "Supporting Cast" der neben Dan Coleman auch den Leiter der Alec Station Michael Scheuer umfasst. Bekannte Namen, wenn man sich mit einigen amerikanischen Werken über 9/11 und dem War on Terror bereits auseinandergesetzt. Vor allem O'Neill, der beim Einsturz der Twin Towers ums Leben kam und gewissermaßen den amerikanischen Märtyrer-Helden-Tod starb, nimmt in der zweiten Hälfte des Buchs neben Bin Laden die entscheidende Rolle ein, auch weil ihn Clarke sich nach Amtsantritt Bushs als Nachfolger gewünscht hätte. O'Neills präsente Rolle kommt auch daher, dass er als FBI-Agent die Ermittlung im Fall Al Qaida führte und damit die Anschläge in Al-Chubar und die USS Cole zu untersuchen hatte. Weil er beim FBI allerdings trotz seines Engagements nicht die Karriereleiter weiter hinaufsteigen und zum Leiter der bedeutenden New Yorker Außenstelle (womit er gar zum Assistant Director geworden wäre) trat er knapp vor 9/11 eine neue Arbeitsstelle als Sicherheitschef des World Trade Center an, welch bittere Ironie.

- Resümee -
Den Pulitzerpreis hat sich Lawrence Wrights Pulitzerpreis-gekröntes Werk vor allem verdient weil er es verstanden hat den First-Mover Advantage zu nutzen und sich eben als erster an eine durchgehende Geschichte über die Entwicklung Osama Bin Ladens, die Entstehung Al Qaidas und den Auftakt zu 9/11 zu verfassen. Dennoch liegt die große Stärke des Buchs darin welche Geschichte es da (gut aber nicht überragend) erzählt. Wright erzählt durchaus plastisch, bei den Beziehungsgeflechten und Charakterbildern bleibt er allerdings oft doch eher oberflächlich, allzu feinsinnig ist jedenfalls nicht unterwegs. Wrights Beschäftigung mit O'Neill wirkt zudem oft schon ein wenig zu sehr um Heroisierung bemüht, was vielleicht eine Geschmacksache sein mag, doch gerade Richard A. Clarke, der mit Against All Enemies eine Autobiografie über die Jagd nach Al Qaida verfasst hat tritt in den Hintergrund, ebenso wie auch Aiman al-Sawahiri auf die Rolle eines Nebendarstellers reduziert bleibt.

Fazit:
Unterm Strich ein durchaus lesenswertes Buch darüber wie Bin Laden die Al Qaida gründete und schon vor 9/11 von John O'Neill gejagt wurde, das aber auch seine Schwächen vorzuweisen hat und vor allem davon lebt dass erste und umfangreichste Buch über diese Geschichte gewesen zu sein.


Kein Feind in Sicht. Konfliktbilder und Bedrohungen der Zukunft (Internationale Sicherheit und Konfliktmanagement)
Kein Feind in Sicht. Konfliktbilder und Bedrohungen der Zukunft (Internationale Sicherheit und Konfliktmanagement)
von Walter Feichtinger
  Broschiert
Preis: EUR 29,90

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Die Suche nach neuen Bedrohungsszenarien, 9. September 2011
Es mögen zwar bereits zwei Jahrzehnte seit dem Ende des Kalten Kriegs ins Land gezogen sein, doch sicherheitspolitisch stehen viele Länder immer noch vor der Frage an welchen Bedrohungsszenarien und Gefahrenbildern man sich heutzutage ausrichten soll. Unter der Federführung der beiden namhaften Vertreter des Instituts für Friedenssicherung und Konfliktmanagement der österreichischen Landesverteidigungsakademie in Wien, Brigadier Walter Feichtinger und Oberst Anton Dengg, haben sich deutsche und österreichische Sicherheitsexperten eingefunden für den fünften Band der im Böhlau Verlag erscheinenden Reihe Internationale Sicherheit und Konfliktmanagement der Suche nach Bedrohungsszenarien der Zukunft nachzugehen.

Die augenscheinlich direkteste Bedrohung, die sich noch aus dem nuklearen Wettrüsten des Kalten Kriegs entspinnt greift dabei Feichtinger schon eingangs auf, die Verhinderung der Verbreitung von Nuklearwaffen. Dazu zitiert er auch den ehemaligen IAEO-Direktor und Friedensnobelpreisträger Mohammed El-Baradei, der in der Möglichkeit dass Atomwaffen in die Hände von Nichtstaatlichen (vordergründig Terroristen) gelangen könnten eine der größten sicherheitspolitischen Bedrohungen der kommenden Jahre sieht. Mit den großen Feindbildern, wie sie noch George W. Bush mit seiner Achse des Bösen zu zeichnen versuchte dürfte es auf absehbare Zeit vorbei sein.

Es ist Erich Vad der in seinem Kapitel zu neuen "geopolitischen Herausforderungen im Lichte des erweiterten Sicherheitsbegriffs" zudem konstatiert, dass asymmetrische Bedrohungen immer wahrscheinlicher werden, auch wenn die Vormachtstellung westlicher Nationen vordergründig durch den Aufstieg neuer regionaler Wirtschafts- und Machtzentren wie China herausgefordert wird. Ralph Thiele wiederum beschreibt unter dem Titel "Glorreiche Sieben? Probleme, Zugänge und innovative Ansätze bei der Entwicklung von Konfliktbilder" ein Sicherheitsbild im Wandel und wie die USA, EU, Russland, Indien, Japan, China und die Vereinten Nationen durch dieses vor völlig neue Herausforderungen gestellt werden. Die anhaltende Globalisierung hat einen neuen strategischen Terrorismus hervorgebracht, der moderne Technologien nutzen kann, doch dieser ist nicht das einzige Problem für die globale Sicherheitspolitik. Die Profileration, illegaler Waffenhandel und die wissenschaftlich belegbare Destabilisierung und Desintegration von Staaten nehmen ebenfalls zu. Die Bedrohungen werden also zunehmen asymmetrischere Gestalt an (die Grenzen zwischen Staatenkriegen, Religionskonflikten, Bandenkriminalität und Bürgerkriegen verschwimmen) und eine moderne Sicherheitspolitik hat sich nicht mehr vordringlich dem Schutz des Territoriums, sondern dem von Infrastruktur und Bevölkerung zu widmen.

Nicolas Schwank und Christoph Trinn präsentieren wiederum "Muster und Entwicklungstrends politischer Konflikte im Spiegel des Conflict Information Systems (CONIS) Heidelberg". Sie belegen damit empirisch einen tatsächlich dramatischen Anstieg Konflikte sogenannter mittlerer Intensität und in Verbindung mit diesen auch die zunehmende Involvierung nicht-staatlicher Akteure. Während sich Ralf Roloff konflikttheoretischen Betrachtungen widmet und Andrea K. Riemer neuen Akteuren und der Heterogenisierung von Macht befasst sich Franco Algieri mit der Bedeutung von Ordnungsmustern in der chinesischen Politik. Ähnlich wie Algieri beschäftigt sich auch Daniel Grotzky mit einer Großmacht im Wandel, nämlich Russland, wobei er gerade den strategischen Defiziten der russischen Außenpolitik nachgeht. Jochen Rehrl hingegen formuliert im Kapitel "Zukünftige Konfliktbilder im Lichte strategischer Konzepte" ausdrücklich die Perspektive der EU, ein deutlicher Kontrast zur US-zentrierten Sichtweise angloamerikanischer Autoren oder oft nationaleren Zugängen. Das letzte Kapitel vor den zusammenfassenden Bemerkungen der Herausgeber liefert Friedemann Müller über "Energieressourcen und klimatische Faktoren als sicherheitspolitische Herausforderungen", wobei er feststellt dass der Klimawandel als Konfliktmultiplaktor funktioniert.

- Resümee -
Die sicherheitspolitischen Bedrohungsszenarien für die nahe Zukunft sind zu vielfältig um sie in konkrete "Feindbilder" zu zwingen. So ist zwar kein Feind in Sicht, doch eine mannigfache Zahl an Gefahren. Als Fazit unter "Kein Feind in Sicht" kann also stehen, dass das Buch einen interessanten und vor allem weitgespannten Einblick in die sicherheitspolitischen Herausforderungen der nächsten Jahrzehnte erlaubt, natürlich ohne Garantien.


Macht im 21. Jahrhundert: Politische Strategien für ein neues Zeitalter
Macht im 21. Jahrhundert: Politische Strategien für ein neues Zeitalter
von Joseph Nye
  Gebundene Ausgabe

9 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Smart Power und die USA im 21. Jahrhundert, 8. September 2011
Was Joseph Nye in "Macht im 21. Jahrhundert" unter dem Titel intelligente Macht (bzw. Smart Power) als neues politisches Konzept zu Markte trägt ist im Grunde wenig mehr als eine zwischen der Anwendung harter und weicher Macht abwägende Politik. Es verwundert nicht dass Nye dieses Misch-Konzept gerade in den ideologisierten Bush-Jahren entwickelt und in seinem Werk "Soft Power" publikumswirksam formuliert hat. Die Idee erscheint wenig revolutionär, neuartig und irgendwie nur als Auflehnung gegen die Außenpolitik der mit zwei Kriegen belasteten Bush-Administration gedacht. Wenig überraschend dass Nye infolgedessen gerade Barack Obama und dessen Außenministerin Hillary Clinton als Vertreter seines Konzepts von Smart Power präsentiert.

Mit "Macht im 21. Jahrhundert" (alias The Future of Power) ist der kurzzeitige stellvertretende US-Verteidigungsminister (1994-1995) der Clinton-Adminstration und renommierte US-Politologe Joseph Nye bemüht die Vorzüge einer ganz auf Obama zugeschnitten scheinenden multilateralen US-Außenpolitik hervorzuheben. Für den Begründer der Smart Power-Initiative ein geradezu missionarischer Auftrag, wobei man als europäischer Leser zunächst einmal irritiert von der Begeisterung für ein derart simples Patentrezept sein dürfte. Doch für Nye scheint der Schwenk der US-Politik von Unilateralismus zu Multilateralrismus wirklich die Erkenntnis eines Jahrzehnts zu sein. Als Beispiel für der US-Außenpolitiker das Beispiel Libyens an, wo nicht die USA im Alleingang agieren sondern durch die NATO. Doch das größte Hindernis für die Etablierung von smarten Machteinsatz sieht Nye noch in der aus seiner Perspektive entsprechendes Potential untergrabenden Ungleichverteilung finanzieller Ressourcen zwischen State Department und Department of Defense, einem heiklen Punkt in Sachen Machtverteilung in US-Regierungen, schließlich heißt es doch an der Stärke oder Schwäche von Verteidigungsminister oder Außenminister ließe sich erkennen ob die Prioritäten einer US-Administration auf harter oder weicher Macht liegen.

Welchen Einfluss sich die USA mit weicher Macht erwerben könnten erläutert Nye am Beispiel Chinas und dessen wirtschaftspolitisch motivierten Engagement. Dem stellt er das unattraktivere russische Modell einer militärischen Machtentfaltung gegenüber, die er als Auslaufmodell im 21. Jahrhundert klassiert. Die Frage die sich hinter der Suche nach einem zugkräftigen neuen Paradigma für die US-Außenpolitik versteckt ist nämlich keine geringere als die, ob nicht im Zuge der Finanzkrise das Ende der US-Hegemonie gekommen sein könnte. Die Krise der US-Außenpolitik und ihre mögliche Renaissance durch einen Paradigmenwechsel, das ist der Kern von Nyes Buch. Aber die großen Themen der US-Außenpolitik berühren eben auch Europa und so sind Nyes Schlüssel auch entsprechend interessant für nicht-amerikanische Leser. Halb der US-Perspektive schmeichelhaft sieht Nye indessen auf den Niedergang der Weltmacht USA keine neuen Großmächte erblühen, sondern das Aufstreben nichtstaatlicher Akteure, eine Formel unter der sich neben international agierenden Konzernen, NGOs und Parteien auch Terrornetzwerke summieren lassen.

Was zunächst noch ein wenig nach Zukunftsmusik klingt ist allerdings längst harte Realität. Nichtstaatliche Gruppen haben durch Cyberwarfare längst bewiesen dass ihre Angriffe teuer werden können und in Georgien, Estland und Xinjiang haben auch vermutlich regierungsnahe Cyber-Terroristen (Russland und China) bereits erste Einsätze erlebt. Das Problem ist seit Jahren das gleiche, auf Cybersecurity wird viel zu wenig geachtet und von den Tätern können oft nur Einzelne erwischt werden. Die nichtstaatlichen Akteure mögen zwar das Potential haben zum Schreckgespenst zu avancieren, doch wie genau man sich entsprechende Szenarien vorzustellen hat kann Nye noch nicht ausführen, er belässt es bei Beispielen wo Cyberangriffe in den letzten Jahren bereits dokumentiert werden konnten.

Die Frage die mit der Suche nach Bedrohungsszenarien für das 21. Jahrhundert einhergeht ist natürlich, wohin sich die Macht in einer multipolaren Welt verlagern wird. Die EU und Japan wurden in den USA zeitweise groß gehandelt, Japans Rückkehr als Großmacht sogar gefürchtet (was unzählige US-Thrillerautoren zum Beschwören uralter Ängste vor der Nippon Connection bewegte). Mittlerweile fallen US-amerikanische Einschätzungen zur EU pessimistisch aus wie jene Joseph Nyes. Der EU fehlt es an Einigkeit, sie steht vor demographischen Problemen und möglicherweise ihrem politischen Niedergang. Wird sie daher vielleicht ein Bündnis mit China einschlagen? Ja die China-Obsession mancher US-Politologen ist auch Nye zu eigen, im Falle der EU sieht er eine eurasiasche Allianz aber nicht im Bereich des Wahrscheinlichen.

Liegt die Zukunft der Weltpolitik also in den Händen der BRIC-Staaten, die Nye kurz gemeinsam und dann jeden für sich vorstellt? Russlands demographischer Absturz (die Lebenserwartung eines durchschnittlichen russischen Mannes liegt bei 59 Jahren) und seine Möglichkeiten auf wirtschaftlicher und militärischer Ebene sind kein Vergleich mehr zur UdSSR, das Feindbild Kreml hat also bereits ausgedient. Japans Bevölkerung schrumpft zwar ebenfalls, das Land ist aber technologisch in vielen Bereichen führend und durch sein leistungsorientiertes Bildungssystem wohl auch in Zukunft mehr als fähig sich als eine der Top-Wirtschaftsnationen zu behaupten, auch wenn dem Land seine Ablehnung gegenüber Migranten zum Nachteil gereicht wird. Das aufgrund seiner demokratischen Tradition im Westen sehr beliebte Indien sieht Nye als potentiellen Kernstaat eines anti-chinesischen Machtblocks in Asien. Brasilien hingegen hat als respektierte Demokratie und aufblühende Wirtschaftsnation die Stabilität auf seiner Seite, der wahre Motor hinter den BRIC-Staaten ist aber nachwievor China.

Haben die USA da noch Chancen sich zu behaupten? In einem eigenen Kapitel geht Nye auf die augenblickliche Schwäche der USA ein und findet dabei natürlich auch Chancen. Als global attraktive Einwanderernation kann die USA sich demographisch behaupten, eine Desintegration, bürgerkriegsähnliche Zustände oder den wirtschaftlichen Totalabsturz sieht Nye nicht einmal entfernt am Horizont vorbeiziehen. Dadurch dass die USA eben Einwanderer aus allen Ländern der Welt ansprechen und eine auf wirtschaftlichen Fortschritt ausgerichtete Kultur besäßen würde man die kommenden dunklen Zeiten schon überstehen, wenn auch nicht als Hegemonialmacht vielleicht. Nye nennt das Beispiel Großbritanniens, welches ja nach dem Untergang des Empire ja auch noch für Jahrzehnte als potente Wirtschaftsnation reüssieren konnte.

- Resümee -
Nyes Ausführungen zur Neugestaltung von Macht im 21. Jahrhundert beschränken sich vor allem darauf wie die USA mit einer multilateralen Positionierung ihren Einfluss in der Welt besser wahren könnten, auch wenn ihr Abstieg von der Welt- zur Großmacht unabwendbar scheint. Der Wert des Buchs liegt ohnehin eher darin zu erfahren was ein führender US-Außenpolitik-Experte zur Lage der Nation, also Obamas Außenpolitik und den Wandel der Welt zu sagen hat. Die US-zentrierte Perspektive ist dabei Fluch und Segen zugleich, wobei angemerkt sei dass die USA als Global Player jedoch einen im Gegensatz zur EU einen wirklich globalen Blickwinkel pflegen, wenn auch einen selbstverliebten. Seine Argumentation wie sich die Weltpolitik und die Rolle der USA in kommenden Jahren gestalten könnten unterfüttert Nye jedoch stets mit anschaulichen Beispielen. Zusammengefasst also ein Buch mit Ansichten die nicht wirklich revolutionär neu sind, aber wenigstens interessant und für "intelligente Leser" lesbar (um bei den Worten des Autors zu bleiben) vorgetragen werden.


Tagebuch der arabischen Revolution
Tagebuch der arabischen Revolution
von Karim El- Gawhary
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,00

9 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Revolutions-Tagebuch im wahrsten Sinne, 8. September 2011
Als ORF-Nahostkorrespondent hat sich Karim El-Gawhary im Verlauf der arabischen Revolution als vorurteilsfreier und verständnisvoller Beobachter einen Namen gemacht, dass gerade er ein Buch über die arabische Revolution schreiben möge haben sich dabei bereits viele seiner Leser und Zuseher gewünscht. Und ähnlich wie "Alltag auf Arabisch", in dem El-Gawhary mit Artikeln aus den Jahren 1993-2008 einen facettenreichen Einblick in die arabische Welt gewährte, setzt sich das "Tagebuch der arabischen Revolution" aus einer Reihe von Gawharys zwischen 2010 und 2011 veröffentlichten Artikeln (für taz.de, diepresse.com), Facebook Postings, Blog-Einträgen, Twitter-Tweets und Abschriften von Interviews in ORF-Sendungen (ZiB, Ö1 Morgenjournal) zusammen. Durch die Unmittelbarkeit zu den Ereignissen in deren Verlauf die Artikel aus El-Gawharys Medienmix (TV, Print, Web und Radio) entstanden sind ist dem daraus zusammengefassten Tagebuch eine besondere Perspektive zu eigen, denn als die jeweiligen Zeilen entstanden war der weitere Verlauf der Revolution noch längst nicht absehbar und das macht Gawharys Aufarbeitung der arabischen Revolution auch um Längen authentischer als im Nachhinein von allerlei Analysen inspirierten Nachbetrachtungen.

Das besondere an El-Gawharys Tagebuch ist also dass das Buch einem solchen wirklich am nächsten kommt, etwas das durch die rege Nutzung moderner Medien wie Facebook mit denen Eindrücke aus dem Moment heraus für die Ewigkeit festgehalten werden können immens erleichtert wurde. Einem Journalisten der mit seinem taz-Blog "Arabesken", einem Twitter Feed und einer Facebook-Seite bewiesen hat, sich dem technischen Fortschritt nicht verschlossen zu haben, nimmt man zudem auch eher ab, die Bedeutung dieser neuen Medien für den Erfolg der arabischen Revolution verstanden und nicht bloß nacherzählt zu haben. El-Gawhary besticht in seinen Ausführungen auch durch eine glaubwürdige Aufrichtigkeit. Selbst er, der seit der Operation Wüstensturm als Nahostkorrespondent die Entwicklungen in der arabischen Welt verfolgt hat, zuletzt auch das Scheitern der Opposition gegen den iranischen Präsidenten Ahmadinedschad, hätte nie damit gerechnet dass es so spontan zu einer politischen Umwälzung in der gesamten Region kommen würde, in deren Verlauf nach Tunesien Ägypten und schließlich das noch repressiver regierte Libyen zu arabischen Demokratien avancieren sollten.

Die Zielsetzung hinter El-Gawharys "Tagebuch der arabischen Revolution" ist indessen nicht die Revolution und damit das Unbegreifliche begreiflich zu machen, sondern sich mehr mit der Basis zu beschäftigen, den Menschen auseinanderzusetzen, die sie schließlich getragen haben. Eine für unpolitisch gehaltene Jugend begehrte auf und schuf eine zivilgesellschaftliche Protestbewegung, die sich bewusst gegen das Herausheben von charismatischen Führungspersönlichkeiten entschied. Selbst dort wo sie scheitert hinterlässt sie eine Protestkultur, die nicht ohne Folgen bleiben wird.

Als jemand der "live" dabei als die arabische Revolution ihre Form anzunehmen begann eröffnet Karim El-Gawhary sein Tagebuch des arabischen Frühlings nicht erst mit dem in den westlichen Medien kaum bedeutsam hervorgehobenen Tod Mohammed Bouazizs in Tunesien, sondern dem Helden der ägyptischen Revolution, Khaled Said. In seinem Artikel vom 11.6.2010 beschreibt Gawhary wie der 28jährige Ägypter sich bei einer Personenkontrolle vor einem Internetcafe weigerte sich gegenüber ihn drangsalierenden Polizisten auszuweisen. Dafür wurde Said in aller Öffentlichkeit zu Tode geprügelt. Doch diese alltägliche Tat blieb diesmal nicht ohne Folgen und schnell gelangten Fotos des entstellten Leichnams in das Internet und nach der Gründung einer Facebookgruppe "Wir alle sind Khaled Said" fanden bereits erste Demonstrationen statt. Derweil dichtete die Polizei gegenüber der Öffentlichkeit Said noch an, er wäre Drogenhändler gewesen, um den Protestierenden irgendwie beizukommen. Doch Khaled Saids öffentlicher Tod hatte längst eine Welle in Gang gesetzt, in deren Zuge auch eine von Polizisten vergewaltigte Frau im ägyptischen Fernsehen auftreten konnte. Es rumorte schon lange in Ägypten, doch nun begann sich der Ärger über das Regime und Polizeiwillkür öffentlich zu manifestieren. An eine Revolution dachte jedoch noch keiner.

Der Durchbruch sollte der arabischen Revolution schließlich in Tunesien gelingen, einem Urlaubsparadies für europäische Touristen, dessen mit EU-Geldern gestütztes Regime sich in trügerischer Sicherheit wähnte. Doch als der 26jährige arbeitslose Uniabsolvent und am Existenzminimum dahinlavierende Gemüsehändler Mohammed Bouaziz sich nach einer neuerlichen Beschlagnahmung seiner Waren und Demütigung durch schikanöse Polizisten selbst in Brand steckte entfesselte er einen Sturm der Proteste. Doch der Westen schwieg still, als es in der Kleinstadt Sidi-Bouzid zu einem Aufstand Jugendlicher kam, schließlich herrschte in den westlichen Medien Weihnachtsruhe.

El-Gawhary sollte die Revolution in Ägypten jedoch als noch näher erleben, vor allem die Tage des Zorns und auch die heißeste Phase, als Mubarak-Schläger versuchten die Revolution auf dem Tahrir-Platz zu ersticken. Gawhary war dabei als Revolutionäre den Führungsanspruch namhafter Oppositionspolitiker ablehnten und das für Diktatoren schrecklichste blieben, eine kopflose doch mit klaren Forderungen hervortretende Bewegung. Der Nahostkorrespondent erlebte auch die Entstehung revolutionärer Nachbarschaftswachen, um Heim und Eigentum vor plündernden Polizeioffizieren in Zivil und vom Regime gekaufte Banden zu schützen, die den Beweis erbringen sollte dass ohne Mubarak eben Chaos ausbrechen würde. In welche Gefahr er sich dabei begab wird deutlich wenn er vom Schicksal eines schwedischen Kollegen berichtet der mit einer offenen Schädeldecke und Messerwunde im Bauch in das Kairoer Krankenhaus eingeliefert werden musste, als Mubaraks Rächer auf Journalisten loszugehen begannen. Gawharys örtliche ORF-Produzentin geriet ebenfalls fast in diese Todesfalle und konnte sich nur knapp retten. In der gewalttätigsten Phase der Revolution schickte Gawhary seine Familie zur Sicherheit zu seinen Eltern nach München und übernachtete selbst Tage in einem Hotel. Das Tagebuch der arabischen Revolution lässt seine Leser direkt in den Mahlstrom der Ereignisse springen und die Revolution aus der Sicht El-Gawharys erleben.

Die von Korrespondenten gerne als Qualitätsprädikat verwendete Frage, wo waren Sie zum Zeitpunkt von Mubaraks Sturz kann Gawhary damit beantworten, dass er um 17:00 MEZ am 11.2.2011 live auf Sendung war, doch der ORF-Korrespondent wurde jäh aus der Sendung geworfen. Zur Ehrenrettung des ORF führt Gawhary jedoch aus, dass schon um 17:15 eine Sondersendung aufgestellt werden konnte. Natürlich ist Ägypten nicht das Ende der Reise, auch wenn der Autor festhält dass es als bevölkerungsreichstes arabisches Land eben den größten Einfluss auf seine Nachbarn entfalten dürfte. So geht es nach Ägypten in einer 17stündigen Reise ins Nachbarland Libyen, wo man einen Durchbruch des arabischen Frühlings kaum für möglich gehalten hätte. Doch in Libyen ist alles anders. Die NATO als Inkarnation des Westens wagt eine Militärintervention und will sich damit auch für Ruanda und Srebenica rehabilitieren, wo man den Ereignissen ihren Lauf ließ.

Karim El-Gawharys Fazit zur Revolution (aus dem Juni 2011) ist ein positives, wenn auch erst wie in Ägypten die Spitzen des diktatorischen Systems abgetragen worden sind und weite Teile der folternden und mordenden Handlangerschaft sich noch in Amt und Würden befinden. Doch der arabische Frühling besitzt eine Qualität die Bushs Interventionen nie entwickeln konnten, sie ist ehrlicher und hat die Menschen inspiriert. Fast übersieht man neben den Revolutionen auf dem Tahrir-Platz nämlich, dass Mubaraks Sturz auch durch eine massive Streikbewegung initiiert wurde und die politisch erwachten Ägypter auch nach Mubaraks Abgang nicht mit ihren Forderungen verstummt sind, sondern diese auch noch gegenüber dem interimistisch regierenden Militärrat und der Übergangsregierung von dessen Gnaden artikulieren. Die Revolutionäre gehen sogar soweit politische Monopole, wie sie sie Jahrzehnte ertragen mussten gänzlich zurückzuweisen und damit auch die Avancen militanter Islamisten und deren Alleinvertretungsansprüche.

- Resümee -
Karim El-Gawhary ist gewissermaßen ein in die Revolution "eingebetteter" Journalist, jemand der nicht nur hautnah dabei war, sondern durch seine ägyptischen Wurzeln, entsprechende Sprachkenntniss und jahrelang kultiviertes Expertenwissen einen relativ direkten Zugang zu den Revolutionären finden konnte. Sein Revolutions-Tagebuch lässt Leser in die Ereignisse eintauchen und aus dem Moment heraus betrachten. Durch die Zusammenführung von Print-Artikeln, Blog-Einträgen, Postings und Tweets wird dem Werk auch eine authentische Atmosphäre verliehen. Für die zarter besaiteten Leser und Interessierten wurden außerdem gerade auch jene Bilder ausgespart, die im Arabesken-Blog zweifelsfrei für großes Aufsehen sorgten.


Afrika, der geplünderte Kontinent
Afrika, der geplünderte Kontinent
von Helmut L. Müller
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 21,90

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Afrika gibt es nicht", 6. September 2011
Mit den Worten des Autors George Burnold ("Afrika gibt es nicht") lässt sich noch am besten beschreiben woran das europäische Afrikabild seit jeher krankt, denn die Vielgestaltigkeit der afrikanischen Länder, Kulturen und Geschichten kann man nicht einfach unter einem Schlagwort summieren. Der Kontinent teilt sich schließlich gar in eine anglophone und frankophone Zone. So wenig wie sich die europäische Geschichte und Europa mit einem Land oder Klischeebild eines Landes vereinbaren lassen sollte, so wenig ist das auch bei Afrika der Fall. Die Fußballweltmeisterschaft 2010 hat zwar in den Vorberichterstattungen für mediale Aufmerksamkeit gesorgt, doch das Rätsel Afrika ist für die Europäer eines geblieben. 20 Jahre waren es 2010 seit Nelson Mandela am 11.2.1990 aus der Haft befreit worden war, um 1994 der erste Präsident eines Apartheid-freien Südafrikas zu werden. Etwa 50 Jahre nach dem großen Aufbruch der afrikanischen Länder in die Unabhängigkeit ist die Hoffnungsstimmung längst verblasst und Failed States wie Somalia verdüstern die Zukunftsperspektiven des Kontinents. Mit dem renommierten Außenpolitikredakteur der Salzburger Nachrichten, Helmut L. Müller, hat sich ein Jahr nach der WM 2010 ein kenntnis- und einsichtsreicher Autor dieses Themas angenommen, das bis heute noch von fatalen Klischees geprägt ist.

Mit "Afrika im Zerrspiegel" setzt sich schon Müllers erstes Kapitel auseinander, vor allem der europäischen Tendenz den gesamten Kontinent trotz all seiner Vielfalt wie ein einziges Land zu betrachten. Dabei spürt er Klischees in der Weltliteratur wie in "Herz der Finsternis" oder Max Blaeulichs Romantrilogie "Die Menschenfresser" nach und setzt sich auch mit dem Werk Ryszard Kapuscinskis (der 40 Jahre lang den Kontinent bereiste) und Ilija Trojanows auseinander.

Schon in Kapitel 2 geht es allerdings ums Eingemachte, den neuen Wettlauf um Afrika und die Ausbeutung dessen Bodenschätzen (Diamanten, Erze, Gold, Uran, Koltan, Öl und Gas). Aber Afrika ist heutzutage nicht nur wegen seiner Rohstoffe interessant. China, Indien und Brasilien haben längst auch die Vorzüge des afrikanischen Marktes für sich entdeckt und während Indien seine Präsenz unpolitisch hält, verfolgt China eine außenpolitische Strategie, indem Infrastruktur geschaffen wird, ohne Rücksicht auf die politische Einstellung von Diktatoren und Regimen. Doch das lange als Großtat propagierte chinesische Engagement ist nicht uneigennützige. Für die Bauarbeiten setzt China auf chinesische Arbeiter, holt chinesische und chinesische Händler hinzu, sodass das eigentlich anzukurbeln gedachte Wirtschaftswachstum doch zugleich gehemmt wird. Dazu kommt eine Schwemme chinesischer Billigprodukte, die fast ein wenig an die einseitige Subventionierung europäischer Agrarprodukte erinnert. Zwar wirft die EU China gerne ihr "unmoralisches" Kooperieren mit einigen Diktaturen vor, doch die Doppelmoral des Westens wird spätestens bei dessen Umgang mit Staaten wie Nigeria offenbar.

Mit Kapitel 3 (Eliten produzieren Elend) versucht Müller anschließend zu rekonstruieren wie der Aufstieg einstmaliger Hoffnungsträger und post-kolonialer Eliten für eine neue Welle von Unterdrückung und Demokratieabbau gesorgt hat, als Musterbeispiel eines "an der Macht kleben" gebliebenen einstigen Hoffnungsträgers führt er dabei Simbabwes Diktator Robert Mugabe an. Dem ist Kapitel 4, das sich eigentlich dem komplizierten afrikanisch-europäischen Verhältnis zuwendet, nicht so unähnlich. Hier arbeitet Müller etwa die Ausbeutung des Kongos durch Leopold II. auf, der sich das 70mal die Größe Begliens besitzende Land als Privatbesitz aneignete und unter dessen Herrschaft die Bevölkerung sich 1880 bis 1920 von 20 auf 10 Millionen Menschen reduzierte. Als 1960 der Hoffnungsträger Patrice Lumumba aus den ersten freien Wahlen des Landes hervorging wurde er durch ein amerikanisch-belgisches Komplott 1961 bereits wieder ermordet. Seine charismatischen Reden gegen die Ausbeutung seines Landes stießen im Westen auf die abgründige Angst vor einem Bündnis Lumumbas mit den Sowjets. Mit dem Militär Jopeh-Desire Mobutu, der 1965 zum Diktator aufsteigen konnte taten sich die USA dann schon viel leichter, auch wenn der Schlächter eine der grausamsten und korruptesten Diktaturen Afrikas schuf.

"Der zersplitterte Kontinent" nennt sich Kapitel 5 und setzt sich mit den konfliktträchtigen und willkürlichen Grenzziehungen durch die einstigen Kolonialherren auseinander. Durch diese wurde das historische Somalia in gleich fünf Teile gespalten und wenn Islamisten heute die Schaffung eines Großsomalias predigen versetzt das nicht von ungefähr eine ganze Region in Aufruhr. Weiter nördlich ist der Sudan zwischen einem christlichen und privilegierten muslimischen Norden gespalten, dessen arabischstämmige Muslime mehr mit den Ägyptern gemein hätten als ihren südlichen Nachbarn. Die Folgen der einst willkürlichen Grenzziehung sind blutige Bürgerkrieg, die zu lösen Jahrzehnte und Tausende Menschenleben dauert. Zwischen Äthiopien und Eritrea zum Beispiel über 30 bis 1993.

Müllers Spezialthema ist Inhalt Kapitel 6, das Elend der Entwicklungshilfe. Ist sie ein Mittel zur gerechten Weltgesellschaft oder ein Fass ohne Boden? Nach dem ghanaischen Wirtschaftswissenschaftler George Aittey hat die nach Afrika geleitete Entwicklungshilfe seit 1960 die Summe von 6 Marshall-Plänen erreicht und keinen sichtbaren Erfolg geliefert. Patentrezepte gibt es demnach nicht und so sehr sich die EU gerne mit marginalen Erhöhungen ihres Aufkommens für Entwicklungshilfe rühmt, die Subventionierung von EU-Exporten stört das Marktgleichgewicht derart dass die Lebensgrundlage für viele afrikanische Kleinbauern schlichtweg zerstört wird. Der innerafrikanische Handel oder Binnenhandel, wie ihn die EU als Erfolgsrezept vermarktet, ist jedoch noch in Gang gekommen. Stattdessen entpuppt sich die Entwicklungshilfe als Suchtmittel von dem ganze Staaten schlussendlich abhängig gemacht werden. Der einzige Ausweg wäre wohl die amerikanisch-europäische Forderung danach die afrikanischen Märkte um jeden Preis offen und maximal-liberal zu halten aufzugeben und zu berücksichtigen dass das ökonomisch effizienteste Vorgehen nicht immer auch das sozialpolitisch vorteilhafteste ist.

So düster sich die Beschreibung der Lage des Kontinents in vorigen Kapiteln ausnimmt, Müller beschäftigt sich auch mit den Erfolgsgeschichten, wie dem Inselstaat Kap Verde. Ein eigenes Kapitel (das abschließende sogar) hat überdies die oft katastrophale Afrika-Berichterstattung erhalten. Selbst im WM-Jahr 2010 zeichnete diese von Afrika allgemein und WM-Gastgeberland Südafrika vor allem ein negatives Bild und setzte dieses durch allerlei auf Südafrikas hohe Kriminalitätsrate gemünzte Negativschlagzeilen fest. Das geschah zwar vor allem im Vorfeld, doch als Südafrika bewies wie glatt alles wirklich laufen kann waren die Korrespondenten längst verstummt. Eine analytische Vorher und Nachher-Nachbetrachtung wollte keiner vorlegen. Müller macht dafür vorwiegend die schlechte Ausbildung und Ausstattung von Korrespondenten verantwortlich, bemerkt aber auch dass die Afrika-Berichterstattung in ehemaligen Kolonial-Ländern wie Großbritannien und Frankreich gerade auch aus Sicht der Forschung weit vorurteilsfreier erfolgt.

- Resümee -
Sein Kontinentalporträt hat Helmut L. Müller nicht für ein Länderpanorama, sondern konkrete Themenaufarbeitung verwendet. Es ist ein Buch das den virulenten Problemen des Kontinents nachspürt, aber stets auch den historischen Kontext berücksichtigt. Müllers Stil ist dabei gut lesbar und informativ. Ein Buch wie man es sich eigentlich schon 2010 anlässlich der Fußballweltmeisterschaft gewünscht hätte.


Südamerika: Zwischen Armut und Wirtschaftsboom
Südamerika: Zwischen Armut und Wirtschaftsboom
von Esther-Marie Merz
  Gebundene Ausgabe

3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Porträt eines vielschichtigen Kontinents, 2. September 2011
Mit Esther-Marie Merz und Camilla Landbø haben sich zwei renommierte Südamerika-Korrespondentinnen zusammengeschlossen um anlässlich des 200jährigen Jubiläums der südamerikanischen Unabhängigkeit (1811 waren es nach Ecuador, Kolumbien und Argentinien Paraguay, Bolivien und Venezuela die sich von der spanischen Krone abspalteten) ein aktuelles Panorama dieses Kontinents im Aufbruch zu verfassen. Eine schwierige Aufgabe, wie immer wenn man sich daran versucht einen ganzen Kontinent in einem Buch abzuhandeln. Herausgekommen ist bei Merz und Landbøs Anlauf eine auf knapp 200 Seiten stark komprimierte Darstellung, die zur Rundreise durch Gesellschaften und Staaten zwischen Aufschwung, historischen Altlasten, Rohstoffreichtum und bitterer Armut einlädt.

Südamerika, ein Kontinent der krassen Gegensätze, aber auch der großen Hoffnungen. Seit über 200 Jahren unabhängig, doch erst nach dem Sturz der unzähligen Diktaturen des 20. Jahrhunderts wieder frei. Bei allem Rummel um Südamerikas wirtschaftliches Prosperieren und Brasiliens hinzustoßen zu den aussichtsreichen BRIC-Staaten vergisst man fast ein wenig dass 1920 Argentinien (der Stationierungsort der beiden Autorinnen) bereits zu den 10 reichsten Ländern der Welt gehörte und mit seiner von italienischen und deutschen Einwanderern des 19. und 20. Jahrhunderts geprägten Gesellschaft zu den Tigerstaaten Südamerikas gehörte. Heute nur noch etwa 10 Flugstunden ist Argentiniens Glanz fast vergessen, zumindest auf der europäischen Seite des Atlantiks. Doch Südamerika war und ist stets ein Innovationsraum gewesen, noch vor den meisten europäischen Staaten bildeten sich hier Republiken heraus und doch wäre Südamerikas Glanz nichts ohne seine Schattenseiten, die kreolischen Eliten aus der Kolonialzeit sind nur selten aus ihrer Machtposition geschieden. Vor allem die Ära des Kalten Krieges hat notwendige Reform und soziale Umverteilungsprozesse noch einmal verzögert und den USA war es auch wichtig gerade ihren Hinterhof "sauber" vom Vordringen sozialistischer Ideologien zu halten, koste es was es wolle.

Die journalistische Rundreise Merz und Landbøs führt Leser quer durch die Spannungsfelder des heutigen Südamerikas. So kommen die Autorinnen nicht nur auf die gegenwärtigen Probleme einer krassen Ungleichverteilung des Reichtums zwischen Großgrundbesitzern und Ureinwohnern, das neue Betätigungsfeld ehemaliger Guerilla-Truppen wie der FARC als Drogenproduzenten oder das Erbe der Militärdiktaturen zu sprechen, sondern auch historische Tiefpunkte, wie die US-gestützte Operation Condor. Vor allem auf die "Rückkehr" der indigenen Bevölkerung, zu der sich zunehmend immer mehr Südamerikaner auch offen bekennen gehen die Autorinnen explizit ein. Das lange Ringen der Indigenen um ihre Rechte scheint allerdings in den letzten Jahren allmählich auch Früchte zu tragen, so hat es Evo Morales an die Spitze Boliviens und 2011 wurde der Peruaner Ollanta Humala, der seinen Namen auf den legendären Inka-General Ollantay zurückführt, Präsident Perus. die Vermischung der Bevölkerungen ist ohnehin etwas das Südamerika einen besonderen Charme verleiht, vor allem aufgrund der Vorbildwirkung als kultureller Melting Pot. Paraguay trieb dies allerdings zur Zeit seiner Unabhängigkeit klar auf die Spitze als weißen Männern einst gesetzlich verboten wurde, auch weiße Frauen zu heiraten.

Ein Schwerpunkt des Buchs liegt allerdings auch auf der wirtschaftlichen Entwicklung Südamerikas, besonders als rohstoffreicher Kontinent. In Uruguay wie auch in Länden mit anderen sehr ausgeprägten agrarischen Monokulturen etwa haben die Eukalyptusplantagen zu einer Austrocknung von Brunnen geführt. Selbst die alte Rinderzüchternation Argentinien sattelt allmählich auf das "grüne Öl" Soja um und könnte als Fleischverzehrnation Nr. 1 der Welt schon in Jahren gezwungen sein zum Rinderfleischimporteur zu werden. Doch die Monokulturen zerstören nicht nur die landwirtschaftliche Grundlage auf der sie fußen, der mit ihrem Vordringen verbundene Einsatz von Pestiziden führt auch zu einer steten Belastung von Umwelt und Grundwasser, wodurch sich Betroffenen Allergien und Lungenkrankheiten drohen, die man vorher noch gar nicht kannte. Gerade im aufstrebenden Brasilien das sich mit seinem Ethanolprogramm die Ölautarkie zum Ziel gesetzt hat droht die letzten Reste der Regenwälder zu Gunsten neuer Zuckerrohr und Sojabohnen-Plantagen abzuholzen. Den Preis dafür bezahlen nur zu oft die wie Sklaven behandelten Plantagenarbeiter. Aber auch "konventionelle" natürliche Ressourcen wie Erdöl, Lithium, Kupfer, Gold und Smaragde spielen in der südamerikanischen Wirtschaft eine tragende Rolle.

- Resümee -
Alles in allem eine sehr bunte Themenvielfalt die von den Autorinnen aufgegriffen wurde. Vom Rohstoffreichtum, der wirtschaftlichen, politischen, bis zur gesellschaftlichen und historischen Entwicklung decken die Autorinnen zumindest in Ansätzen die Vielfalt von Südamerika-Themen ab. Sicher, es gibt immer noch weit mehr über Südamerika bzw. die einzelnen Länder zu berichten, doch für eine 200seitige Überblicksdarstellung reicht das dargebrachte mehr als aus.


Die Habsburger: Mythos & Wahrheit
Die Habsburger: Mythos & Wahrheit
von Katrin Unterreiner
  Gebundene Ausgabe

5 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Gängige Habsburger-Fragen und ihre Antworten, 1. September 2011
Als Kuratorin des 2004 gegründeten Sisi-Museums und wissenschaftliche Leiterin des Kaiserappartements in der Wiener Hofburg ist Katrin Unterreiner es gewohnt von Touristen immer und immer wieder mit den beliebtesten Habsburger-Fragen konfrontiert zu werden. Hatte Sisi ein Tattoo, war Kronprinz Rudolf an Syphilis erkrankt und Katharina Schratt die geliebte eines humorlosen Kaisers, der seinen Kindern nicht gerade nahe stand? Es sind Fragen die gerade durch die zahllosen sehr populären Habsburger-Biografien entstehen konnten und auf die Unterreiner Antworten gesucht hat. Bei den Quellen, von denen sie selbst einige erschlossen hat, griff sie vor allem auf die "Konfidentenberichte" des Informationsbüros, Spitzelberichte, Aufzeichnungen des Außenministeriums und die höchst sensiblen Akten des Allerhöchsten- Privat- und Familienfonds zurück, mit dem nun auch erstmals belegbar ist dass Katharina Schratt für ihre "Freundschaft" zum Kaiser ein Millionenvermögen gestiftet bekam.

Von Maria Theresia, über den Sohn Napoleons und Marie Louises, Ferdinand I., Erzherzogin Sophie, Franz Joseph I., Kaiserin Elisabeth, Kronprinz Rudolf, Ludwig Viktor, Franz Ferdinand bis Kaiser Karl setzt sich Katrin Unterreiner mit den populärsten Habsburgern und ihren Klischees, Mythen und Merkwürdigkeiten auseinander. Das Buch ist mit Quellenangaben versehen und leicht lesbar, für Habsburger-Kenner kaum etwas neues und in einem Frage-Antwort-Stil gehalten. Die tatsächlichen Antworten finden sich allerdings meist erst am Ende der unterschiedlich langen Antworttexte und fallen auch manchmal eher dürftig oder unerwartet unkonkret aus.

Um einen Eindruck der Stoßrichtung der präsentierten Fragen zu vermitteln, an dieser Stelle einige dem Buch entnommene Beispiele:

- War Maria Theresia eine liebevolle Mutter?
Die Begründerin des Hauses Habsburg-Lothringen, die 16 Kinder zur Welt brachte war nach Katrin Unterreiner in erster Dynastin und erst dann Mutter. Nur einem ihrer Kinder (Marie Christine) erlaubte sie eine Liebesheirat und machte keinen Hel aus ihrer Bevorzugung einzelner. Für ihre Zeit war sie damit keine Ausnahme, dennoch lässt sich erkennen dass sie mit detaillierten Anweisungen an die Erzieher durchaus bemüht war positiven Einfluss auf das Leben ihrer Kinder zu nehmen und die Erzieher auch in die Pflicht nahm auf die Talente der jungen Habsburger einzugehen. Um ihnen das spätere Leben (oftmals als Schachfiguren im dynastischen Machtspiel der Kaiserin) zu erleichtern verlangte sie von ihren Hofbediensteten bei der Essenszusammenstellung allerdings für niemanden Ausnahmen zu machten und so ihre Kinder zu zwingen auch das zu verspeisen wovor sie sich ekelten. Gerade ihren Töchtern versuchte sie mit der Religion als Fundament ihrer Erziehung Halt und Hoffnung zu vermitteln, zumal ihnen als Gattinnen oft wenig liebevoller Thronerben ein schweres Schicksal bevorstand. So ausführlich handelt Unterreiner nun aber nicht jedes Thema.

Wer erwarten würde auch über den aufklärerischen Joseph II. mehr zu erfahren wird enttäuscht werden, dafür beschäftigt sich Unterreiner mit der Frage ob Maria Theresia eine Reformkaiserin genannt werden kann.

- War Napoleon Franz Bonaparte am Wiener Hof wirklich so isoliert?
Nein, er hatte "nur" eine unglückliche Kindheit weil er auf Wunsch des Kaisers in Wien verbleiben musste und als sensibles Kind sehr unter der Trennung von seiner Mutter und dem dauerhaften Streit mit Erziher Graf Dietrichstein zu leiden hatte. Machtpolitisch war er allerdings bereits durch Metternich kaltgestellt worden.

- Und wie verhielt es sich mit Ferdinand (I.) den Gütigen, der als debil und schwachsinnig hingestellt wurde?
Sicher, seine Eltern waren Cousin und Cousin, er lernte erst spät sprechen und gehen, wozu er noch an Epilepsie erkrankte, beherrschte dafür aber auch fünf Sprachen, zwei Instrumente, frönte der Numismatik und technisch- landwirtschaftlichen Interessen. Er gründete auch eine Bibliothek und avancierten mit seinen gut geführten Gütern zum reichsten Habsburger.

- Es geht aber auch mit noch mehr übler Nachrede, was hatte nämlich mit Erzherzogin Sophie und den Salzprinzen auf sich?
Der Mär nach wurde die Mutter Franz Josephs nämlich erst nach 6 Jahren Ehe schwanger als sie zahllosen Kuren in Bad Ischl hinter sich gebracht hatte. Dahinter steckte allerdings kein geheimer Liebhaber sondern schlicht der Fakt dass sie bis dahin 5 Fehlgeburten hatte.

- Mit schon deutlich mehr Fragen als zu seiner Mutter kann sich Kaiser Franz Joseph schmücken, darunter auch kurios anmutendem, wie der Frage ob er tatsächlich nie ein eigenes Badezimmer besaß (Ja, tatsächlich), gängigen Annahmen wie seiner Rolle als distanzierter Vater aber liebender Großvater (der nur bei seinen Kindern Gisela und Rudolf unter politischen Druck stehend einfach nicht die Zeit fand) oder Evergreens wie der Frage ob es eine Affäre zwischen Katharina Schratt und Kaiser Franz Joseph wirklich gab (die ihr zugeschanzten Millionen deuten wenigstens daraufhin).

- Als Dauerbrenner in Sachen Klischees und Mythen ist Kaiserin Elisabeth natürlich am stärksten mit solchen vertreten. War sie hungerrank (nur wegen den ihr verschriebenen Medikamenten gegen eine venerische Erkrankung), eine Kämpferin für Ungarn (nur anfangs), tätowiert (ja sie hatte eins), oder hatte sie eine Affäre mit Graf Andrassy (nein)? Die Sisi-Fragen sind fast so etwas wie der Kern des Buchs, immerhin nimmt sie ja auch in den Biografien über ihre Kinder oder ihren Gatten stets auch eine prominente Rolle ein.

- Bei Kronprinz Rudolf kann Unterreiner ähnlich wie bei Sisi auf ihre eigene Rudolf-Biografie zurückgreifen und etwa den Mythos widerlegen er wäre morphiumsüchtig gewesen (denn laut Hausapthokee war er kein intensiverer Morphiumkonsument als die meisten anderen Habsburger) und auch sein Ableben war kein Schlusspunkt einer schattenhaften Verschwörung, sondern Ausdruck seines sich abzeichnenden persönlichen Scheiterns.

- Interessanter als Ludwig Viktor und Franz Ferdinand entpuppt sich Österreich-Ungarns letzter Kaiser, Karl I., der sich von seiner Familie und hohen Kreisen als Friedenskaiser hochstilisieren ließ. Katrin Unterreiner weist diesen auch zum Teil Karls Seligen-Mythos gewordenen Anspruch zurück. Er sei ein Wendehals gewesen, der mit der Affäre um die Sixtusbriefe kein wirkliches Statement für seine Friedensliebe sondern die Verzweiflung den Krieg wohl nicht gewinnen zu können Ausdruck verlieh. Eine andere vielleichtsehr interessante Frage, starb Karl wirklich verarmt auf Madeira? Er hatte zwar nicht Franz Josephs Vermögen geerbt doch durchaus Immobilien besessen und ausgiebig mit Hypotheken belastet, wirklich verarmt starb der letzte Kaiser also nicht.

- Resümee -
Für Habsburger-Kenner summa summarum nichts wirklich neues. Zwar ist Buch stilistisch und von der Gliederung her sehr zugänglich gestaltet, doch für Leser die sich schon mehr oder weniger intensiv mit dem Thema auseinander gesetzt haben greift es schlicht zu kurz. Bleibt die Frage wem es sich empfehlen ließe, vielleicht solchen Interessenten die sich bisher nur am Rande mit den Habsburgern beschäftigt haben, denn es bietet ja einen wenn auch eher auf die Klischees und ihre Widerlegung bezogenen guten Überblick.


Pontisches Gift: Die Legende von Mithridates, Roms größtem Feind
Pontisches Gift: Die Legende von Mithridates, Roms größtem Feind
von Adrienne Mayor
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 16,95

12 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Der Hannibal des Ostens?, 31. August 2011
In Darstellungen der Krise der Römischen Republik nehmen die Mithridatischen Kriege eine mal mehr, mal weniger bedeutende Rolle ein. Das mag auch daran liegen dass ihr Kriegsschauplatz mit Griechenland und Kleinasien deutlich am Rande einer rom- und eurozentrischen Perspektive liegt. In Georgien und anderen ehemaligen Sowjetrepubliken der Region erfährt Mithridates jedoch auch heute noch Würdigung und Verehrung. Schließlich war es Mithridates der das Massaker an 80.000 römischen und italischen Siedlern, Händlern und Bürgern in Kleinasien inszenierte, Rom in mehreren Kriegen herausforderte, kurze Zeit Griechenland besetzt hielt, Piraten Zuflucht gewährte und erst von Pompeius Magnus bezwungen werden konnte. Und all das in einer Region die Rom nach seiner Zerschlagung des Seleukiden Reichs als gesichert ansah. Der Schrecken für die Römer lag jedoch vor allem darin dass Mithridates den römischen Legionen und ihren Vasallen mehrere Niederlagen zufügen konnte.

Mit der US-Althistorikerin Adrienne Mayor hat sich Mithridates (VI.) eine Expertin angenommen, die sich in ihren Forschungen schon früh mit chemischer und biologischer Kriegsführung in der Antike auseinandergesetzt hat. Entsprechend ist sie dabei auch über den "Giftkönig" Mithridates gestolpert, dem nachgesagt wird ein kenntnisreicher Toxikologe gewesen zu sein. Mit ihrer Mithridates-Biografie zielt Mayor allerdings darauf ab eine Gegendarstellung zur sonst stets auf Rom zentrierten Geschichtsschreibung zu schaffen, wobei sie sich damit noch nicht zufrieden gegeben hat. Mayor verknüpft auch Genres miteinander, nämlich den historischen Roman mit der seriösen Biografie und setzt Wirken und Taten Mithridates ironisch als Epos um, weshalb man stellenweise mit einer Menge Pathos und Mythen konfrontiert wird. Man sollte sich von solchen Passagen jedoch nicht irritieren lassen, dort wo Mayor Mithridates als beinahe sagenhaften Helden und Bewahrer von Wahrheit und Licht in Erscheinung treten lässt ist das Teil ihres Narrativs, nicht umsonst stellt sie in einem abschließenden Kapitel auch die Frage danach ob der überlieferte Mithridates nicht die Qualitäten eines klassischen Sagenhelden aufweist. Entsprechend macht diese Erzählweise es auch schwierig ihr manch überhöhte Darstellung Mithridates und seines Wirkens (der Hannibal des Ostens) anzukreiden.

Die Grenzen zwischen dem von Mayor nacherzählten Mithridates-Epos und dem kritisch-wissenschaftlichen Anteil der Biografie verlaufen fast fließend, doch die Passagen in denen sie die Mythen und Überlieferungen kritisch seziert sind durchaus erkennbar. Das beginnt bereits mit den Geschehnissen um Mithridates Geburt und Thronbesteigung, welche dieser wohl noch selbst instrumentalisiert haben dürfte. In den Jahren 138 und 119 v. Chr. war im Sternbild Pegasus nämlich ein Komet gesichtet worden, ein Zeichen das zwar sonst meist als Unheilsbote gedeutet wurde, im Falle Mithridates aber als Verheißung interpretiert wurde, eine Parallele zur christlichen Heilsmythologie und der Geburt des Messias. Und auch Mithridates Abkunft vom persischen Königshaus (bis auf Kyros und Dareios zurückgeführt) und den Seleukiden (wodurch er sich als Erbe Alexander des Großen positionieren konnte) sollten seinem Wirken eine historische Dimension verleihen.

Aus römischer Sicht, auf die Mayor natürlich auch zu sprechen kommt, ist Mithridates Verrat jedoch erheblich unverständlicher gewesen. Noch unter seinem Vater Mithridates V. etablierte sich Pontos als treuer und ambitionslos-gefälliger Vasall. Doch dieses kleine aber reiche Schwarzmeerreich sollte unter Mithridates VI. und mit Hilfe Tigranes II. von Armenien zur größten Bedrohung für das römische Herrschaftssystem in Kleinasien und sogar Griechenland werden. Ermöglicht wurde ihnen das durch Roms innere Zerwürfnisse und Krisen anderenorts. In der mithridatischen Propaganda wurde argumentiert, dass nur diese hellenistischen Befreier aus dem Osten die Griechen vom römischen Joch befreien könnten. Man beschwor ein kulturelles Ressentiment gegen die römischen Eroberer und die Willkürherrschaft ihrer Statthalter. Den ersten Mithridatischen Krieg beenden gelingt dem römischen Feldherrn Sulla jedoch zum hohen Preis die gesichert geglaubte politische Stellung daheim erneut aus den Händen seiner Gegner zurückerobern zu müssen.

Doch auch die Zurückstutzung Pontos ersten Griff nach Westen durch Sulla sollte dem Treiben des selbsternannten Erben Alexanders des Großen noch kein Ende bereiten. Insgesamt sollte sich die Bilanz Mithridates Widerstands gegen die römische Expansion auf drei Kriege (eine vielbeschworene zu Roms und Karthagos Punischen Kriegen) belaufen, deren zweiter in einen Sieg Mithridates umgemünzt werden kann, widersetzte er doch Rom einmal mehr erfolgreich. Als Nikomedes IV. von Bythinien sein Reich allerdings dem römischen Volk vererbte fiel Mithridates in dieses ein und steht damit Lucius Licinius Lucullus gegenüber, dem römischen Feldherrn der sich nach Sulla als erfolgreichster im Kampf gegen Mithridates erweisen sollte, ehe er vom Senat abberufen den letzten Streich Gnaeus Pompeius überlassen musste. Die Gegner Mithridates kommen in Mayors Biografie jedoch ziemlich schlecht weg, vor allem indem sie unausgeleuchtet bleiben. Roms innere Krise und andere Bedrohungen spielen nur am Rande eine Rolle, woran die subtil auf Mithridates zugeschnittene Perspektive erkennbar wird. Für den epischen Helden muss es so sein, als wäre er der der Republik dann den Todesstoss versetzt hat.

Mithridates wie Mayor ihn zeichnet ist ein Fürst der sich ganz seiner an Macchiavellis "Il Principe" erinnernden historischen Mission als Befreier der Griechen und hellenistischer Anti-Römer, ja sogar persischer Alexander verstand. Sein machtpolistisches Kalkül lässt sich auch daran nachvollziehen dass er, wie in hellenistischen Königshäusern nicht unüblich (siehe Ägypten), seine Schwester Laodike die Jüngere heiratete und seine verbliebenen drei Schwestern zur ewigen Unschuld zwang, um seinen Thron vor den Ambitionen unwillkommener Nachfolger zu schützen (wozu auch die Ermordung seiner Mutter und seines Bruders gerechnet werden können). Auch das vielleicht ein Ausdruck des ihm von Mayor zugeschriebenen Geschichtsbewusstseins, nachdem er sich von Kindesbeinen ja auch an Alexander den Großen ein Vorbild genommen haben soll. Seine Obsession mit Giften und Toxokologie deutet Mayor außerdem als etwas das nicht ungewöhnlich für einen Prinzen war, der an einem Hof aufwuchs, wo Giftmorde zur bevorzugten Tötungsmethode unliebsamer Widersacher gehörten. Um sich vor einem Giftanschlag zu schützen entwickelte der Prinz und spätere König die Idee sich durch die therapeutische Einnahme von kleineren Giftmengen gegen mögliche Anschläge abzuhärten.

Ob sich Mithridates wirklich das Beispiel des ungefähr 50 Jahre vor seiner Geburt im anatolischen Exil als Berater lokaler Herrscher gestorbenen Hannibals zum Vorbild nahm, Roms Macht zu brechen, mag rein spekulativ sein, doch gewisse Parallelen zwischen den Mithridatischen und Punischen Kriegen lassen sich durchaus finden oder zumindest herleiten. Interessante Ergänzungslektüre dürfte auch Klaus Zimmermanns "Karthago: Aufstieg und Fall einer Großmacht" sein, ein Buch das ähnlich (befreit von auch nur ironisch gemeinten Pathos) wie Mayors Mithridates-Biografie versucht die "römische" Geschichte von einer anderen Warte zu betrachten, in diesem Fall der karthagischen Perspektive, der in den letzten Jahrtausenden einiges an Unrecht widerfahren ist.

- Resümee -
Eine interessante und daher lesenswerte Mischung aus Biografie und historischen Roman, die versucht Mithridates Wirken von dessen Perspektive aus darzustellen und sich dabei gerne auch diverser Mythen und Sagen bedient (einen gewissen Messias-Pathos inklusive). Nimmt diese Passagen als das was sie sind, nämlich Ausdruck des Versuchs Adrienne Mayors den Roman-Anteil einer Biografie als klassischen Helden-Epos aufzubauen, sollte man sie schon als deutlich weniger verstörend empfinden.


Alkibiades: Staatsmann und Feldherr
Alkibiades: Staatsmann und Feldherr
von Herbert Heftner
  Gebundene Ausgabe

9 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Schlichtweg der Opportunist des Peloponnesischen Krieges, 30. August 2011
Einst war Alkibiades humanistisch Gebildeten ein Begriff, heutzutage muss der Ziehsohn Perikles und Sokratesfreund schon wiederentdeckt werden, dabei hätte gerade er doch einen der spannendsten Lebensläufe anzubieten. Geboren als Spross eines alteingesessenen vermögenden Athener Adelsgeschlechts verlor Alkibiades schon früh seinen Vater, der während des 447/446 begonnenen Feldzug des athenischen Heeres in Mittelgriechenland fiel. Zum Vormund des Jungen wurden daraufhin der Cousin seiner Mutter bestellt, Athens großer Redner, Stratege und Demokrat Perikles. In dessen Hause sollten sich die besten Lehrer der Erziehung des für eine Führungsaufgabe prädestinierten Jungen annehmen, darunter auch Sokrates. Und in dieser privilegierten Erziehung und Kindheit, die auch mit regen Interesse seitens diverser Verehrer einherging vermutet der Wiener Althistoriker Herbert Heftner den Ausgangspunkt für Alkibiades später selbstherrliches Auftreten und grausame Neigungen. Im Umfeld Perikles sollte Alkibiades jedoch noch etwas weit wichtigeres erlernen, nämlich wie man die athenische Demokratie als Bühne für eigene politische Machtinteressen nutzen konnte.

Nachdem sein gleichnamiger Großvater noch wegen seiner Spartafreundlichkeit (zum falschen Zeitpunkt artikuliert) verbannt worden war, stellte sich der jüngere Alkibiades in den Dienst der antispartanischen Sache. Als die Vertreter einer prospartanischen Politik jedoch scheiterten und der Ausbruch des Peloponnesischen Kriegs sich abzuzeichnen begann war Alkibiades Stunde gekommen. Seinen politischen Machtgewinn ließ Alkibiades bei den Olympischen Spielen des Jahres 416 v. Chr. dann auch standesgemäß inszenieren, hatte er sich doch längst als Feldherr, Staatsmann und auch Diplomat bewiesen. Sein Einfluss und Agitieren für einen Sizilienfeldzug und die Unterstützung der in Bedrängnis geratenen Stadt Egesta sollten mit der Nominierung als einen der drei Führer der Expeditionsstreitmacht den vorläufigen Glanzpunkt seiner Karriere besiegeln. Doch die von Egesta in Aussicht gestellte Beute entpuppte sich als kläglich und die drei Truppenführer konnten sich auch kaum auf eine gemeinsame Strategie einigen, zumal mit Nikias auch Alkibiades spartafreundlicher Rivale ein Kommando übertragen worden war. Und der dritte im Bunde, Lamachos, plante sofort gegen Syrakus zu ziehen. Doch ehe es zu einer Entscheidung kommen konnte gelang Alkibiades politischen Gegnern der Coup den gescheiterten Eroberer ins Exil zu verbannen.

Selbst als Verbannter hätte Alkibiades noch ein angenehmes Leben führen können, doch den Machtmenschen drängte es nach Rache und der Politiker in ihm wusste, mit seinen Kontakten und Beziehungen könnte er sich eine Chance auf Rückkehr eröffnen. Und so wechselte Alkibiades mit diesem Ziel vor Augen die Seiten und schlug sich auf Seiten Sparts, hoffend dass ein spartanischer Sieg über Athen ihm eine hohe Stellung in einem von den Siegern installierten Regime sichern würde. Trotz allem was er als antispartanischer Politiker unternommen hatte fand er gerade dort Zuflucht, wo man über Athens Griff nach Westen höchst besorgt war. Abgesandte aus Syrakus und dessen Mutterstadt Korinth drängten Sparta auf rasches Handeln, doch noch fürchtete man die Attische Seemacht zu sehr, um offen zu intervenieren. Mit dem abtrünnigen Alkibiades erhielt man jedoch eine Trumpfkarte zugespielt, die sich als fatal für Athen erweisen sollte. Zwar achtete Sparta darauf keinen neuen Krieg im griechischen Mutterland zu entfesseln, doch entsandte man Hilfstruppen nach Syrakus und erbrachte die Wende, wodurch nun Athen in Bedrängnis geriet. Inzwischen hatte sich Alkibiades überraschend gut an sein spartanisches Umfeld angepasst und Sympathien erworben, die ihn allerdings nicht vor dem Zorn König Agis schützen sollten, mit dessen Frau der verbannte Athener eine Affäre begonnen hatte.

Einmal mehr verstoßen ergriff Alkibiades die Hand des persischen Satrapen Tissaphernes und wurde dessen Berater. Währenddessen kam es in Athen jedoch zu einem oligarchischen Umsturz, der die Demokraten in die Opposition trieb. Womit man jedoch nicht gerechnet hatte, die gerade im Feld stehenden Truppen und ihre Anführer verweigerten dem neuen Regime die Gefolgschaft, man suchte vielmehr nach einem Weg eine blutige Abrechnung zu vermeiden und einen für beide Seiten akzeptablen Anführer zu berufen. Die Wahl viel auf Alkibiades, der als Held nach Athen zurückkehren konnte. Ausgerechnet jetzt hatten aber der spartanische Feldherr Lysandros und der persische Prinz Kyros eine Allianz geschlossen, um Athen ein für allemal in die Schranken zu weisen. Nun war Alkibiades in der Zwickmühle gefangen, den überhöhten Ansprüchen des Volkes vielleicht nicht gerecht werden zu können, immerhin war sein Scheitern nun ganz und gar nicht ausgeschlossen. Es kam wie es kommen musste und mit der Einsetzung der 30 durch Sparta sah sich Alkibiades einmal mehr, aber nun zum letzten Mal gezwungen zu flüchten. Am Hof des Satrapen Pharnabazos wurde er wohl durch spartanische Häscher ermordet.

- Resümee -
Obwohl die Quellenlage denkbar eingeschränkt ist gelingt es Herbert Heftner mit seiner Alkibiades-Biografie eine lebendige und durchgehend lückenlose Lebensgeschichte zu schaffen, die sich einerseits durch ihren kritisch-objektiv Standpunkt, andererseits durch ihre subtile und vor allem stimmige Charakterzeichnung auszeichnet. Die Aufgabe Alkibiades bewegtes Leben im Kontext seiner Epoche nachzuzeichnen hat der Althistoriker jedenfalls bravourös erfüllt.


Katharina die Große und Fürst Potemkin: Eine kaiserliche Affäre
Katharina die Große und Fürst Potemkin: Eine kaiserliche Affäre
von Simon Sebag Montefiore
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,95

13 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Die Affäre Potemkin, 30. August 2011
Mit seiner Biografie des jungen Josef Stalin hat Simon Sebag Montefiore Preise gewonnen und sich einen klingenden Ruf erworben, doch der rote Zwar ist nicht Montefiores einziger Berührpunkt mit der russischen Geschichte geblieben. Mit "Katharina die Große und Fürst Potemkin" hat sich Montefiore in die Ära der Zaren begeben, doch anstatt eines weiteren "Schrecklichen" einem Paar zugewandt. Dabei ist vermeintliche Doppel-Biografie allerdings vor allem auf den späteren Fürsten Potemkin zugeschnitten, sodass die Zarin selbst meist hintangestellt wird. Der Titel trügt hier ein wenig, denn Potemkin stiehlt Katharina der Großen von der ersten Seite an die Show, nicht umsonst eröffnet Montefiore sogar mit einem Prolog in dem sich ein sterbender Potemkin auf einem Feld seiner Errungenschaften und Verdienste besinnt. Katharina bleibt da nur die oft undankbare Rolle des Co-Stars.

Eine der ersten Fragen die man sich bei der Lektüre stellt ist gleich die wer den hier überhaupt die Hauptrolle spielt, denn die Darstellung Katharinas erfolgt vorwiegend von der Warte Potemkins und es ist der Sohn eines kleinadeligen Oberstleutnants dessen Kindheit schon im ersten Kapitel in den Mittelpunkt der Erzählung gerückt wird. Durch den früh verstorbenen Vater lernte Potemkin den Wert einer Uniform kennen und entschied sich bald ebenfalls eine Militärkarriere einzuschlagen. Diese sollte ihn schließlich als Gardeoffizier mitten in das Umfeld des Putsches Katharinas (Prinzessin Sophie von Anhalt-Zerbst) gegen ihren ungeliebten Angetrauten, Kaiser Peter III. (Karl Peter Ulrich, Herzog von Holstein), bringen und zur rechten Zeit am rechten Ort auch in den inneren Zirkel der künftigen Zarin aufsteigen lassen. Notwendig war dieser aus Sicht der Putschisten geworden weil sich Peter als unfähig erwies die Interessen des Reichs zu wahren und etwa die russischen Truppen aus ihren Krieg gegen sein Idol Friedrich den Großen zurückzog.

Doch der Enkel Peters des Großen hatte sich nicht nur in gewissen Kreisen zu Hofe und im Heer zum Feind gemacht, auch die sich mustergültig um ihre Russifizierung bemühende Katharina war ihm schon untreu geworden. Ihr Sohn, der spätere Zar Paul I. könnte sogar von Katharinas Geliebten Sergej Saltykow abstammen und damit die Linie der Romanows von Paul I. bis Nikolaus II. neu begründet haben. In Saltykows Fußstapfen durfte eines Tages auch der bald um Katharina zum Zweck einer Beförderung seiner Karriere buhlende Potemkin treten. Der Kaiserin war es aus organisatorischen und zeitlichen Gründen nämlich nicht möglich sich auf One night stands einzulassen und so suchte sie stets nach einem geeigneten "Lebensabschnittspartner" für ihre Seite. Potemkin, dem sie aber über ihre physische Beziehung hinaus verbunden blieb konnte sich in ihrem innersten Kreis als loyalster Berater bewähren, Montefiore spekuliert sogar dass Katharina ihn daher als ihren geheimen Ehemann erwählte.

Montefiores typischer Stil kommt auch in dieser Biografie wieder einmal voll zum Tragen. Der Biograf verbindet die Lebensgeschichten seiner Porträtierten mit ein wenig spekulativer Fantasie, Anekdoten, Anmerkungen zur Lebensgeschichte der "Nebendarsteller" und Exkursen zur russischen Geschichte. Man bekommt für sein Geld also erwartungsgemäß wieder einmal das volle Montefiore-Paket geboten, eine sehr bildliche Sprache eingeschlossen. Doch was Montefiore eindrucksvoll gelingt ist es seinen Porträtierten Leben einzuhauchen, auch wenn sich der Autor vielleicht schon etwas zu intensiv mit den Liebesaffären der beiden auseinandergesetzt hat, was auch Abstriche bei anderen Aspekten ihrer Lebensgeschichten erklärt. Fast meint man Montefiore hätte Wert auf die Verfilmbarkeit des von ihm editierten Stoffs gelegt. So erfährt man zwar lang und breit von der Möglichkeit (die man nach Montefiore als Gegebenheit annehmen sollte) dass sich der Fürst auch sexuell mit seinen Nichten eingelassen haben soll, die am Hof fast den Status von Großfürstinnen genossen, während über die mögliche Protektion seiner Neffen kaum ein Wort verloren wird. Ähnlich verhält es sich mit dem jungen Großfürsten Paul, der von Montefiore nur als böser Sohn hingestellt wird, wohl weil er Zeit seines Lebens Potemkin grollte. Ob nicht fehlende Nestwärme, eine harsche Erziehung oder das Desinteresse seiner Mutter für das düstere Gemüt des späteren Zaren verantwortlich sein könnten? Das darf man sich selbst herauslesen, Montefiore hat es sich jedenfalls nicht zur Aufgabe gemacht.

Montefiores kreative Ausschmückungen, die seine Bücher zwar lesbar wie Romane machen, aber manchmal auch zu sehr mit Spekulationen gestützt sind gehören sicherlich zu den größten Makeln seiner Werke, vor allem aus Sicht einer seriös-trockenen Forschung. Sein plastischer Stil ist es aber auch der seinen Biografien zu ihrem großen Anklang verhilft, insofern gibt ihm der Erfolg recht mit der Art wie er seine Geschichten aufbereitet.

- Resümee -
Eine Biografie spannend wie ein Roman, voller Affären... und Geschichte. Auf die Darstellung der Affären hat Simon Sebag Montefiore in seiner Potemkin-Biografie besonderes Augenmerk gelegt, wenn auch in Relation nur auf einige wenige Seiten beschränkt. dass das Buch überdies vor allem eine auf Potemkin zugeschnittene Biografie ist, darauf stößt man erst in der Lektüre. Dafür erhält man eine Biografie im typischen Montefiore-Stil, reich an plastischen Beschreibungen und historischen Details, ein Lebensbild das soviel mehr ist als nur die Lebensbeschreibung eines einzelnen Menschen. Auch wenn es in "Katharina die Große und Fürst Potemkin" scheinbar nur zwei Personen sind, von denen Potemkin die meiste schriftstellerische Aufmerksamkeit gewidmet bekam, so zeichnet Montefiore doch auch Charakterbilder einiger anderer ihrer Zeitgenossen und verbindet das mit einem Exkurs zur russischen Geschichte.


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