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Rezensionen verfasst von
"stefanmuenzer"

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The Glenn Gould Edition - Bach: Goldberg Variations
The Glenn Gould Edition - Bach: Goldberg Variations
Preis: EUR 10,98

15 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Mein Klassiker, 23. Oktober 2002
Diese Aufnahme ist ein einzigartiges Dokument: Ich höre eine vollkommen konzentrierte Musik. Es ist ein glückliches Zusammentreffen zwischen dem Komponisten Bach, der eine durchsichtige, grammatisch klar geformte Musik geschaffen hat, und dem Interpreten Gould, der seine Auffassung von der ersten Note an so unglaublich selbstbewusst und klar artikuliert, dass kein Denken mehr die auf dem Klavier angeschlagenen Töne begleitet, sondern alles in einer vollkommenen Präsenz und Fraglosigkeit geschieht. Beim Hören erscheint mir diese Musik vollkommen.
Warum, frage ich mich, wirkt das so natürlich, wo doch die Eigenarten des Spiels von Gould so klar, fast dominant, hervortreten? Ich höre bei Gould einen unbedingten Gestaltungswillen, einen formenden, persönlichen Zugriff. Andererseits scheint Gould völlig hinter die Musik zurückzutreten, sie scheint "von selber" so entstehen, so entwickelt werden zu wollen. Für mich ist es das Faszinierende an dieser Aufnahme - die Persönlichkeit, und (dennoch?) die "reine Musik".
Gould spielt mit höchster innerer Spannung. Diese äußert sich in starken Kontrasten: Er spielt sehr langsam - oder sehr schnell. Er hebt Themen und Melodiebögen sehr deutlich gegenüber anderen heraus. Er spielt leise - oder plötzlich, in der nächsten Variation, überraschend laut. Aber das ist es noch nicht. Die innere Spannung führt in langsamen Passagen paradoxerweise zu großer Ruhe, weil jeder Ton an seinem Platz in der Zeit sitzt, nicht zu früh, nicht zu spät. Wenn ich den entscheidenden musikalischen Parameter für das Spiel Goulds nennen sollte, so würde ich die unglaublich klare und durchgehörte "micro-time" nennen, d.h. das timing von Note zu Note, von Anschlag zu Anschlag. Gould hält das Tempo in dieser spannungsgeladenen "microtime", ohne zu schwanken - gerade deswegen wird alles viel klarer.
Die Musik Bachs trägt das Gestalten, das Entscheiden in sich. Bei Bach wird man nicht in schmerzvollen Meldodiebögen und schwellendem Klang fortgerissen. So passt es, dass Gould sich entscheidet, manchmal radikal, aber klar und konsequent. Diese Kompromisslosigkeit bewundere ich.
Die Klarheit und Konstruktion in der Musik Bachs, die Abwesenheit von Gefühl und Schmerz mag Gould so sehr entgegengekommen sein, dass er in ihr aufging, dass es für ihn möglich und notwendig war, in ihr sogar zu "leben", dass er deswegen diese rational kalkulierte Musik mit einer solchen innerlichen, in der Aufnahme fühlbaren Spannung spielt. Das ist natürlich Spekulation - aber das spielt keine Rolle. Für mich ist Gould eine klavierspielende Legende, und nicht ein Mensch, der einmal ein Leben wie andere Menschen auf dieser Erde geführt hat. Wer diese Legende kennenlernen möchte, dem empfehle ich die "Goldberg-Variationen" zu hören und Thomas Bernhards "Der Untergeher" zu lesen - in dieser Reihenfolge.


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