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Rezensionen verfasst von
W. J. Ruf (Fischbach)
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Bombay: Maximum City
Bombay: Maximum City
von Suketu Mehta
  Gebundene Ausgabe

15 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Das unverzichtbare Indien-Buch, 5. Dezember 2007
Rezension bezieht sich auf: Bombay: Maximum City (Gebundene Ausgabe)
Die Erinnerung an den eigenen Besuch in Bombay vor einem Dutzend Jahren ist längst zersplittert. Ganz anders als diejenige an Neu-Delhi, Kalkutta und Madras, wo beeindruckende Mogulbauten und britisch-koloniale Fassaden, krasses Elend und erstaunlich rege Kultur, bunte Hindu-Tempel und lärmendes Marktgewimmel als jeweils hilfreiche Koordinaten für ein Mindestmass an Übersichtlichkeit im Gedächtnis haften blieben. Doch im Tosen Bombays zwischen glitzerndem Ozean und riesigen Slums, protzigen Villen und ätzendem Industriesmog, überfüllten Kinosälen, endlosen Verkehrsstaus und stinkendem Unrat zerflossen die sich unentwegt überlagernden und gegenseitig auslöschenden Eindrücke schon während des Aufenthalts zu einem atemberaubenden Kaleidoskop ebenso gegensätzlicher wie unentwirrbarer Eindrücke. Dass Bombay der westlichen Zivilisation näher scheint als andere Städte auf dem indischen Subkontinent beruhigte nur auf den ersten Blick, und nirgendwo anders war Indiens Menschenfülle so heftig zu erfahren. Das dürfte sich mittlerweile noch gesteigert haben.

Der Reiseführer von 1993 schrieb Bombay, der Hauptstadt des Staats Maharashstra und Indiens grösstem Ballungsraum, noch zehn Millionen Einwohner zu. Auf 16 Millionen Einwohner schätzt man heute die Stadt, die inzwischen nur noch mit ihrem gujaratischen und marathischen Namen Mumbai genannt werden soll. „Es ist Unsinn, zu behaupten, Mumbai sei der ursprüngliche Name der Stadt,“ wettert Suketu Mehta in seinem ausserordentlichen Buch, mit dessen Titel er schon auf dem althergebrachten Namen der Stadt beharrt. „Bombay wurde von den Portugiesen und den Briten aus einer Ansammlung von Malaria-Inseln geschaffen, und ihnen stehen auch die Rechte des Namensgebers zu.“ Doch Namensänderungen sind in Indien heute gang und gäbe, und Bombay ist, so Mehta, „von einer wahren Umbenennungsmanie erfasst. Der Strassenausschuss der Stadtverwaltung verbringt mehr als 90 Prozent seiner Sitzungstätigkeit mit Umbenennungsaktionen“, wobei für die Berücksichtigung gewünschter Namen reichlich Spenden fliessen. „Es ist eine absurde Art, das Angedenken der Vorfahren durch Bestechungsgelder zu ehren,“ kritisiert Mehta.

An derart skurrilen Beispielen aus dem Labyritnth der indischen Bürokratie und Politik, die so manchen Hintergrund der absurden Wirklichkeit Bombays beleuchten, mangelt es in diesem Buch nicht. Da erfährt man vom Mietgesetz von 1947, das die Mieten auf dem Stand von 1940 einfror und die Rechte der Mieter zu Lasten der Eigentümer übermässig stärkte, um die alteingesessenen Bürger vor den zahlungskräftigen Zuzüglern der Kriegsjahre, vor Inflation und Grundstücksspekulation zu schützen. „Doch nachdem das Gesetz in Kraft getreten war, erwies es sich als politisch unmöglich, es wieder aufzuheben, denn es wird immer mehr Mieter als Eigentümer geben,“ berichtet Mehta und erklärt damit den ruinösen Verfall so vieler Gebäude und Stadtviertel der indischen Metropole. Oder man liest von der Begegnung mit dem einflussreichen Politiker Bal Keshav Thackeray, der mit seiner hinduistisch-nationalistischen Shiv Sena-Partei und den Banden ihm ergebener Jugendlicher die multikulturelle Balance Bombays unterminierte und als Drahtzieher der antiislamischen Ausschreitungen der 90er Jahre gilt. Mehta zeigt den einstigen Karikaturisten und bekennenden Hitler-Verehrer als weltfremden Sonderling, der nur gebrochen Englisch spricht, so gut wie keine geographischen Kenntnisse hat, den Valentinstag abzuschaffen droht und die grosse Politik mit Kinderversen kommentiert, und recherchiert sorgfältig, wie engstirnige Ideologie, täglicher Überlebenskampf, terroristische Gewalt und blosse Kriminalität sich in diesem Dunstkreis durchdringen. Als Mehta in New York die Rauchwolke über dem World Trade Center sieht, weiss er, dass auch dieses Ereignis nicht losgelöst von den Konflikten, denen er in Bombay nachspürte, zu verstehen ist.

Im Mittelpunkt seiner von kundigen Informationen und authentischen Eindrücken geradezu überquellenden Erkundung einer der fünf grössten Städte der Welt – bald werden in Bombay mehr Menschen leben als in ganz Australien – stehen die intensive Begegnung mit Menschen aus allen Schichten. Hier zeigt sich auch der entscheidende Unterschied zu den noch so klugen Reisebüchern eines Scholl-Latour oder Kapuscinski. Denn Suketu Mehta, der 1963 in Kalkutta geboren wurde und seine Jugend in Bombay verbrachte, zog nach Jahren in New York, Paris und London mit seiner Familie nach Bombay, um hier wieder Wurzeln zu schlagen. Zwar zog es ihn später wieder zurück nach New York, doch er schreibt nicht als fremder Besucher über Bombay, sondern als Eingeborener über die Reise ins Innere eines urbanen Molochs, in dem er selbst zuhause war und der ihm zugleich in seinen bizarren Auswüchsen fremd geworden ist. In seiner brillanten Verbindung von Reportage, Essay und persönlichster Erinnerung überlässt er sich nicht nur selbst mit klarem Verstand und präzisem Blick dem Sog dieser Stadt, die ähnlich wie Manila, Lagos oder Mexiko-City als Menetekel der alptraumhaften Grossstadt der Zukunft erscheint, sondern versteht auch, seine Leser an dieser Erfahrung ungewöhnlich intensiv teilhaben zu lassen.

Laut UN sollen bis 2030 sogar 60 Prozent der Weltbevölkerung in solchen ausufernden Megalopolen leben. Entsprechend beängstigend und zugleich doch auch faszinierend ist das Eintauchen in diese Welt, das dieses Buch ermöglicht. Hingerissen ist man vom wilden Reigen der so ganz verschiedenen Menschen, die Mehta seinen Lesern nahe bringt. Man lernt Slumbewohner ebenso kennen wie Milliardäre, Prostituierte wie Filmmogule, Berufskiller wie Strassenjungen. Man hört mit, wenn die Bartänzerin Mona Lisa ihre heimlichen Sehnsüchte beichtet, und man ist dabei, wenn der unbestechliche Kommissar Ajay Lal aus Verdächtigen Geständnisse prügeln lässt. Mehtas Verwirrung über Gut und Böse in dieser höllischen Wirklichkeit überträgt sich unmittelbar.

Bezeichnend ist auch die Geschichte des jungen Eishaan, der sich in der manischen Hoffnung, ein Filmstar zu werden, in Bombay durchhungert, während seine Familie, die er verlassen hat, im arabischen Dubai einen einträglichenTextilhandel betreibt. Der vage Traum vom Starruhm ist ihm wichtiger als der konkrete Reichtum, den er verlassen hat. Doch als man für den 8. Mai 1999 den Weltuntergang prophezeit und sein Vater ins heimatliche Jaipur zurückkehrt, flieht Eishaan wie so viele andere aus Bombay, um mit der Familie die Apokalypse zu erwarten, und verpasst so seine grosse Filmrolle. „Ich dachte wirklich, er macht Witze“, kommentiert der Filmjournalist Ali Peter John, der Mehta durchs Labyrinth von Bollywood schleust. „Eishaan weiss nicht, was er tun soll; er sitzt fest zwischen Orthodoxie und Modernität. Das ist sein Problem.“

Auch in ihrer Lächerlichkeit treffen solche Geschichten die Identitätsprobleme in jener Wirklichkeit, die nicht mehr mit den einst gängigen, allzu vereinfachenden Vorstellungen der sogenannten Dritten Welt zu fassen ist. Tröstliche Aspekte vermittelt Mehta in seinem furiosen Buch aber auch. Nicht nur in beeindruckend grossen Gesten, wie der Entscheidung einer reichen Diamantenhändler-Familie, alles Hab und Gut hinter sich zu lassen, die Familienbande zu kappen und fortan als Bettelmönche zu leben, sondern auch in so manchen Beispielen stillen Heldentums und alltäglicher Solidarität. Da leuchtet dann doch noch etwas von jenem menschlichen, gewaltlosen und friedfertigen Indien auf, das der Leser schon gänzlich versunken wähnte.


Paradies
Paradies
von Liza Marklund
  Taschenbuch

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Interessanter Stoff, spannend erzählt, schlecht übersetzt!, 26. Juni 2003
Rezension bezieht sich auf: Paradies (Taschenbuch)
Getrübt wird das Lesevergnügen leider durch die unzulängliche deutsche Übersetzung. Nicht nur, dass kein sprachliches Klima entwickelt wird, das dem Stoff angemessen wäre. Es fehlt auch durchweg an Eloquenz und spannungsorientiertem Ausdruck. Unbeholfene Satzkonstruktionen, undeutliche Beschreibungen und Benennungen, unsicherer Umgang mit Wortbedeutungen und Plumpheiten bei der Übertragung salopper Formulierungen, lassen den Leser immer wieder stolpern. Gerade die Übersetzung (besser: Übertragung) eines solchen Thrillers bedarf auch besonderer Inspiration. Manche der in den Leserrezensionen benannten Mängel könnten auch hier ihre Ursache haben.
Es ist kaum vorstellbar, dass es im Original solche sprachlichen Schwächen gibt. Und es ist erstaunlich, dass eine so dürftige Übersetzungsarbeit durchs Lektorat so angesehener Verlage wie Hoffmann & Campe bzw. Rowohlt gehen konnte.


Wenn der Wind sich dreht: Meine Filme, mein Leben
Wenn der Wind sich dreht: Meine Filme, mein Leben
von Frank Beyer
  Gebundene Ausgabe

7 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen DDR-Film - Blick hinter die Kulissen, 1. August 2001
Intensive Selbstbefragung
Frank Beyers Autobiographie "Wenn der Wind sich dreht"
Es mag überraschen, wie Frank Beyer seine Autobiographie eröffnet. Der Filmregisseur, neben Konrad Wolf und Egon Günther gewiss der bedeutendste der DDR, erinnert zur Einstimmung in seine wechselvolle Geschichte weder an einen seiner grossen Erfolge, etwa die Oscar-Nominierung von "Jakob der Lügner", noch an eine seiner herben Niederlagen, wie das mehr als zwanzig Jahre andauernde Verbot von "Spur der Steine". Beyer benennt im Vorwort vielmehr eine ihm jüngst, im vereinigten Deutschland zugestossene Unbill, nämlich wie er als Regisseur 1998, wenige Wochen vor Drehbeginn, aus dem gründlich vorbereiteten Projekt der Verfilmung von Uwe Johnsons "Jahrestagen" gedrängt wurde (der ARD-Film wurde dann von Margarethe von Trotta inszeniert).
Es gibt in diesem so vielschichtigen Erinnerungsbuch noch mehr solche fast schon etwas kokett anmutenden Verweise auf die Ungerechtigkeit und die Unehrlichkeit, der Beyer im Westen begegnete. So die Geschichte, wie ihm seine Idee, den Hauptmann von Köpenick mit Harald Juhnke zu besetzen, von einem westlichen Theaterintendanten geklaut wurde. "Das ist die neue Umgangsform", vermerkt Beyer hierzu. "In der DDR hätte man in längeren Diskussionen begründet, warum man einen solchen Stoff nicht produzieren will, im Westen gab es einfach kein Geld für das Projekt", notiert er zu einer nicht realisierten Hausbesetzer-Komödie in West-Berlin - und da mag auch eine etwas nostalgische Wertung mitklingen.
Aber gewiss sind solche Erlebnisse harmlos gegenüber den Zumutungen, denen der Regisseur Beyer in der DDR fast permanent ausgesetzt war. Nach dem Verbot von "Spur der Steine" musste er sich in der Provinz als Theaterregisseur bewähren, bevor er nach Jahren übers Fernsehen wieder salonfähig für den DEFA-Spielfilm wurde. Nach dem Verdikt seines Fernsehfilms "Geschlossene Gesellschaft" flog er aus der Einheitspartei und fand einige Jahre nur im Westen Regieaufgaben. Die dabei gemachten Erfahrungen mögen dazu beigetragen haben, dass er nach der deutschen Vereinigung beruflich besser zurechtkam als viele seiner DDR-Kollegen. Mit "Nikolaikirche" und "Abgehauen" (nach Manfred Krugs Buch) gelangen ihm sogar zwei der wichtigsten filmischen Auseinandersetzungen mit dem Ende der DDR.
Frank Beyer selbst hat diese Auseinandersetzung, die auch eine mit der eigenen Biographie ist, aber gewiss noch lange nicht abgeschlossen. So störrisch und dabei auch naiv er sich mit der DDR-Kulturbürokratie aufreibende Kämpfe lieferte, so ungestüm rechtet er hier mit dem eigenen Leben. Diese wohl auch schmerzhafte Selbsterkundung rückt zunehmend in den Mittelpunkt und sprengt auch die Form einer gerundeten Autobiographie. Und es tut dem filmhistorischen Wert seines Buchs durchaus keinen Abbruch, dass seine darüber hinaus gehende, zeitgeschichtliche Bedeutung noch aufregender ist.
Angesichts der Monströsität und gleichzeitigen Kleinkariertheit der DDR-Kulturpolitik verliert Beyer gelegentlich schon die Lust am launigen Tonfall selbstironischer Erinnerung, mit dem er sein Privatleben, auch seine wechselnden emotionalen Bindungen nur streift, seine künstlerische Besessenheit indes betont. Zu den heftigen Auseinandersetzungen um Wolf Biermanns Ausbürgerung, gegen die auch er unterschriftlich votierte, bemerkt er zwar noch: "Mein Hauptproblem in diesen Tagen war, unter diesen Umständen den leichten Ton meines Films aufrechtzuerhalten. Ich drehte ja eine Komödie." Doch bei den bizarren Auseinandersetzungen um seinen Fernsehfilm "Geschlossene Gesellschaft" von 1978 gibt er den Gestus solch pointierender und womöglich auch beschönigender Erinnerung an die auf ihn einstürmenden Widrigkeiten völlig auf. Über mehr als 60 Seiten lässt er lediglich die Akten von damals sprechen: "eine Geschichte in Briefen und Berichten" (einschliesslich der Stasi-Berichte, denn heute weiss auch er mehr). Das wird zum beispielhaften Anschauungsunterricht über die Unsäglichkeit einer Kulturpolitik zwischen Stalinismus und Spiessertum. Die Materialfülle wirkt aber auch so, als wolle Beyer sich mit diesen Dokumenten einer zwar selbst erlebten, aber noch immer unglaublichen Wirklichkeit vergewissern.
So aufschlussreich diese Innenansichten des DDR-Films und -Fernsehens sind, so hellsichtig er auch über die Mechanismen der Zensur und der Selbstzensur schreibt, Frank Beyer kommt nicht an der Frage vorbei, warum er überhaupt in der DDR geblieben ist, trotz alledem. Und er weicht ihr keineswegs aus. Er sieht sich gern als einen "entschlossenen Hierbleiber wie Stefan Heym, Christa Wolf, Ulrich Plenzdorf..." und fühlt sich dabei doch zur Rechtfertigung gegenüber Freunden wie Manfred Krug, Armin Mueller-Stahl, Klaus Schlesinger und Jurek Becker verpflichtet. Er reflektiert durchaus kritisch seinen Weg, dessen Wurzel eine immerwährende Hoffnung auf gesellschaftlichen Fortschritt war, sieht dabei auch die Zwiespältigkeit der eigenen Rolle: immer wieder schikaniert und dennoch privilegiert. Bezeichnend dafür mag sein, dass Beyer den Fall der Mauer, die plötzlich offene Grenze, bei einer Heimfahrt aus West-Berlin erlebte.
Aber Beyer wird von seiner Biographie noch ganz anders eingeholt - und dokumentiert das ausführlich im Schlusskapitel seines Buchs anhand der einschlägigen Korrespondenz. Seit er sich 1999 in einer Rundfunksendung missverständlich zum antikommunistischen Widerstand an seiner Schule in Altenburg im Jahre 1950 äusserte, steht er im Kreuzfeuer der überlebenden Mitschüler von damals, aber auch im Disput mit ihnen (sogar auf der Website des grössten Internet-Buchhhändlers wird Beyers Buch von einem einstigen Altenburger Mitschüler, heute emeritierter Professor in den USA, kritisch kommentiert). Einigen der damaligen Opponenten gelang die Flucht, andere wurden eingesperrt und sogar hingerichtet. Beyer, damals zwar Zeuge, aber unbeteiligt, entdeckt jene Ereignisse als nie verheilte, lange nur verdrängte Lebenswunde; er lässt den Leser an seiner peinvollen Selbstbefragung teilhaben und akzeptiert auch den Schmerz nicht zu beantwortender Fragen. Hier bewährt sich sein emotional eher zurückhaltender Erzählgestus, für Sentimentalität und Selbstmitleid ist kein Raum. Aus dem heutigen Brief eines Mitschülers von einst zitiert er am Ende dieses Buchs sogar den Satz: "Der Friede des Alters ist wohl eine ähnliche Fiktion wie die Wahrheit einer Autobiographie." Wolfgang J. Ruf


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