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Rezensionen verfasst von
Benedictu
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Wie soll ich leben?: Philosophen der Gegenwart geben Antwort
Wie soll ich leben?: Philosophen der Gegenwart geben Antwort
von DIE ZEIT
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 14,99

3.0 von 5 Sternen Eine Gesellschaft wird scheitern, die nicht in der Lage ist,…, 17. November 2014
... Kindern das Gefühl zu geben, das erwachsene Leben habe einen Sinn, der über die Anhäufung von Konsumgütern hinausgeht, sagt die amerikanische Philosophin Susan Neiman in einem der besten Artikel in diesem Buch. Genauso beachtlich der Beitrag von Byung-Chul Han "Alles eilt. Wie wir die Zeit erleben" und seine These über die Zerstörung der Zeitformen durch die neoliberale Politik. Die Beiträge sind alle in der ZEIT erschienen und im Internet recherchierbar. Welche andere Zeitung kann das schon bieten? Die ZEIT glänzt aber nicht nur mit Philosophie, Literatur und Wissenschaft. Das Angebot wird mit Rätselseiten, Heiratsanzeigen und Leserreisen komplettiert. Ist das nicht großartig?

Überlegen wir aber einmal und wagen ein Gedankenexperiment: Gesetzt den Fall, ZEIT-Redakteure würden Gewalt verharmlosen, Andersdenkende verunglimpfen und der Chefredakteur würde sich eine zweite Stimme bei der Europawahl erschleichen, würden dann nicht Abonnenten kündigen? Tausende Katholiken sind in Limburg wegen Geringfügigerem aus der Kirche ausgetreten, nämlich weil ihnen nicht gefiel wie die Kirche ihr eigenes Geld ausgab, das ihr der Staat noch aus der Zeit der Säkularisierung und napoleonischen Enteignung schuldete.

Was passierte bei der ZEIT?
a) Gewaltverharmlosung: Jens Jessen hat sich anläßlich des berüchtigten Überfalls auf einen Rentner in der Münchner U-Bahn in einer Art und Weise geäußert, daß es entschuldbar sein könnte, Rentnerschädel wie eine Kokosnuß zu knacken, wenn der Rentner auf ein Rauchverbot hinweist und damit die zarten Gefühle eines Rauchers verletzt, der als Sanktion den Rentner fast umbringt. Absurde Amoral!
b) Andersdenkende 1: Jessen hat in unsachlicher und aggressiver Form Sprachschützer als reformunwillige Reaktionäre dargestellt und schreibt so Sätze: "Nun könnte man sagen: Sprachschützer sind im allgemeinen unleidliche Fanatiker. Man möchte nicht mit ihnen diskutieren." Lächerliche Intoleranz!
c) Andersdenkende 2: Der stellvertretende Feuilletonchef Ijoma Mangold hat Akif Pirinçci als Wiedergänger Adolf Hitlers dargestellt und sein Buch Deutschland von Sinnen: Der irre Kult um Frauen, Homosexuelle und Zuwanderer [Broschiert] mit "Mein Kampf" verglichen. Absurde Intoleranz!
d) Wahlbetrug: Der Chefredakteur Giovanni di Lorenzo hat sich im Fernsehen mit der Geschichte interessant gemacht, daß er gegen das Wahlgesetz verstieß, indem er in Deutschland und in Italien zur Europawahl ging, also zwei Stimmen abgab. Ist das nur illegal, oder auch dumm oder dreist oder scheinheilig?

Gab es deswegen ZEIT-Austritte? Nein, natürlich nicht. Im Unterschied zur katholischen Kirche kann man aus der ZEIT nicht austreten. Deren Angebot ist einfach zu gut :-).

PHILOSOPHIE und die QUALTITÄTS-PRESSE: EINE UNHEILIGE ALLIANZ?
Wie gut es Zeitungen mit ihrem Feuilleton und ihrem ganzen Klimbim der Kundenbindung schaffen, ihre Leser zu einzulullen, sieht man auch gut am Beispiel der New York Times. Bei vielen ist die NYT, für die auch Susan Sontag schrieb, die beste Zeitung der Welt, in ihrer Selbstdarstellung sowieso:
• "Award-winning journalism" und
• "The world's finest journalism".
Das ist nicht falsch, aber trotzdem irreführend. Vor den vielen schönen Philosophie- und sonstigen schöngeistigen Artikeln der NYT ist vielen Zeitgenossen ganz entgangen - nicht jedoch z.B. dem Antibellizisten Noam Chomsky - , daß die NYT vor dem Golfkrieg als eine einflußreichsten Kriegshetzerinnen agiert hat.

FAZIT
Für den, der sich die Einzelartikel nicht im Internet zusammensuchen will, ist dieses Buch im großen und ganzen empfehlenswert, auch wenn man bei einigen der zeitgenössische philosophischen Autoren das Gefühl hat, daß ihr Text etwas zu kurz geraten ist und schon zu Ende ist, bevor sie richtig in Fahrt kommen.

Dieses ZEIT-Buch lehrt Philosophie und es vermittelt ganz nebenher ein Lehrstück zur Politik und Pressefreiheit. Womöglich wird eine Gesellschaft scheitern, die nicht in der Lage ist, der Meinungsmacht großer Zeitungen, die mühelos Bücher wie das vorliegende auf den Markt werfen können, etwas entgegenzusetzen.


Auf den Spuren der Intuition
Auf den Spuren der Intuition
von Thomas Gonschior
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 17,99

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Intuition: Großartige Stimmen und Stellungnahmen, aber …, 8. November 2014
… aus der Sicht des Gebührenzahlers ist das Buch eine Chuzpe des öffentlich-rechtlichen Rundfunks (ÖR), in dem Falle des bayerischen, der sich zweimal bezahlen läßt.

Wie muß man das denn verstehen? Der Wissenschaftskanal BR-alpha, dessen Logo auf dem Buchdeckel prangt, ist doch eines der besten Angebote des ÖR, das sich insbesondere bei Erwachsenen und älteren Bürgern großer Beliebtheit erfreut.

GROSSE NAMEN
sind im Buch versammelt, die in Interviews zur Intuition befragt wurden:
• Die Quantenphysiker Hans-Peter Dürr und Anton Zeilinger,
• der Physiknobelpreisträger und Unternehmer Gerd Binnig,
• der Psychologe und Intuitionsforscher Gerd Gigerenzer,
• der Benediktinerpater und Zen-Meister Willigis Jäger,
• der Benediktinerpater Anselm Grün,
• der Neurobiologe und Psychiater Joachim Bauer,
• der Hirnforscher Gerald Hüther und
• der Biologe Rupert Sheldrake,
um einige aufzuzählen.

KRAFTVOLLE GEDANKEN
werden beigesteuert:
• "Das wirklich Neue kann nur durch Intuition kommen." (Zeilinger),
• Man sollte intuitive Entscheidungen vom Rechtfertigungszwang befreien und sie qualitätskontrollieren. (Gigerenzer),
um nur zwei zu nennen.

Soweit, so gut. Fraglos hat der Gebührenzahler diesen Inhalt finanziert.

DIE PRAXIS DER WELTBESTEN
Viele ÖR-Konsumenten wollen noch einmal nachlesen, was sie gesehen und gehört haben und freuen sich, wenn ein Buch zur Sendung herauskommt. Beim nationalen australischen Rundfunk ist dagegen eine Transkribierung wichtiger Sendungen eine Selbstverständlichkeit. Die Bereitstellung der Sendung in Textform ist ohne Wenn und Aber in den Rundfunkgebühren enthalten. Ein Buch wie das von Gonschior gäbe es dort nicht. Es wäre umweltfreundlich als PDF von der Internetseite herunterladbar. Anders ausgedrückt: Das digitale Buch für den Kindle oder ein anderes eBuch-Lesegerät wäre dort kostenlos.

IM POLITISCHEN SUMPF
Das miserable Preis-Leistungsverhältnis des Buches im Hinblick darauf, daß es ohne erkennbaren Aufwand aus einer Sendereihe abgeleitet ist, die die Bürger schon bezahlt haben, hat prinzipielle Ursachen. Im Kern ist das die dreiste Selbstbedienungsmentalität des ÖR, die mittlerweile gewichtige Kritiker gefunden hat:
a) Handelsblatt:
Der Medienexperte Hans-Peter Siebenhaar vom Handelsblatt deckt in seinem Buch Die Nimmersatten: Die Wahrheit über das System ARD und ZDF die Mißwirtschaft und Verschwendung sowie die Verfilzung des ÖR mit der Politik auf. Siebenhaar legt dar, daß die deutschen Politiker diese Anstalten als ihr Eigentum betrachten.
b) FAZ:
Sogar die Frankfurter Allgemeine, die sonst gerne alles mögliche rechtfertigt, was staatliche Organe am Bürgerwillen vorbei versuchen durchzusetzen, hat kürzlich am Urteil der Verfassungsgerichtshöfe, daß der Rundfunkbeitrag verfassungsgemäß sei, überraschend scharfe Kritik geäußert. Der für Medien zuständige Redakteur Michael Hanfeld schrieb: "Diese Rundfunkurteile sind ein Witz" (16.05.2014).

Gegen Gebühren für einen redaktionell völlig unabhängigen, werbefreien öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der unter der Kontrolle der Bürger und nicht der politischen Parteien steht, und der bereit ist, sich mit den Besten der Welt zu messen, kann es natürlich nicht die geringsten Einwände geben. Von einem ÖR mit diesen Attributen sind wir in Deutschland allerdings noch so weit entfernt, daß einem schon die Intuition sagt, daß die Zwangsbeiträge nicht rechtens sein können.

BEWERTUNG im einzelnen
Wie gut sind die britische BBC und was bietet alles die australische ABC? Nur wenn man schaut, was die besten Sender der Welt offerieren, kommt man zu einer realistischen Bewertung des deutschen Angebots. Aus meinen Vergleichungen mit der anglophonen Welt schlage ich folgende objektive Bewertungskategorien vor, nach denen dieses Buch leider rettungslos desaströs abschneidet:
0 Sterne: Aufbereitung der Inhalte im Buch in Relation zum Material der zugeh. Sendereihe: kein Mehrwert
0 Sterne: Ausstattung: schwach (kein Register zum Nachschlagen)
0 Sterne: Präsentation der Inhalte: nicht besser als eine woanders kostenlose Transkription
0 Sterne: Mehrwert zur Praxis der weltbesten Wissenschaftssender: Null
5 Sterne: Auswahl und Beiträge der Interviewpartner: erwartungsgemäß sehr gut
0 Sterne: Preis-Leistungsverhältnis (Maßstab ABC): Sehr schlecht
Insgesamt: 1 Stern

FAZIT
Ich appelliere insbesondere an die ältere, vielleicht etwas anglophobe Fangemeinde des ÖR nicht alles hinzunehmen, was unser Staat ihnen vorsetzt und internationale Bewertungsmaßstäbe ins Kalkül zu nehmen, indem sie z.B. einmal bei ABC, der nationalen australischen Sendeanstalt, deren redaktionelle Unabhängigkeit übrigens gesetzlich garantiert wird, hineinschauen.

Auch wenn dieses BR-alpha-Buch für sich genommen für deutsche Verhältnisse passabel ist, ist es im internationalen Vergleich nur eine freche Geschäftemacherei. Was hier extra verkauft (die "Nimmersatten" lassen grüßen) wäre beim australischen öffentlich-rechtlichen Rundfunk auf seiner Internetseite als Inhalt kostenlos, recherchierbar und umweltfreundlich abrufbar.

Die älteren vielleicht etwas staatskonformeren Zuschauer des deutschen ÖR bitte ich vor Ihrer instinktiven Abwertung dieser Rezension noch einmal innezuhalten und sich zu fragen, ob diese Zeilen nicht von dem Geist getragen werden, unser Gemeinwesen zu verbessern und daher eine Bestätigung verdienen.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Nov 13, 2014 11:55 PM CET


Lance Armstrong: Wie der erfolgreichste Radprofi aller Zeiten die Welt betrog
Lance Armstrong: Wie der erfolgreichste Radprofi aller Zeiten die Welt betrog
Preis: EUR 17,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen und wie die Welt sich betrügen lassen wollte …, 7. November 2014
… müßte der Untertitel eigentlich weitergehen. Zum Betrug gehören ja mindestens zwei: Der Betrüger und die Betrogenen. Der britische Journalist und Geheimdienstler Malcolm Muggeridge meinte: "People do not believe lies because they have to, but because they want to." Die Skrupellosigkeit und Unverfrorenheit des einstigen Vorzeigeathleten Armstrong, die die Autorin Juliet Macur in all ihren Details ausbreitet, werden zwar manche Leser in höchstes Erstaunen versetzen, aber die Hauptfrage bleibt, wieso es so lange keiner wissen wollte. Liebt das Publikum den Sieg so sehr, daß ihm die Mittel, die seine Helden einsetzen, erst einmal gleichgültig sind?


Unheilige Macht: Der Jesuitenorden und die Missbrauchskrise
Unheilige Macht: Der Jesuitenorden und die Missbrauchskrise
von Godehard Brüntrup
  Broschiert
Preis: EUR 22,90

4.0 von 5 Sternen Unheilig …, 7. November 2014
… war die mißbrauchte Macht und Autorität. Der Titel ist sehr respektabel, weil er schonungslos und knapp den Mißbrauch Schutzbefohlener innerhalb katholischer Organisationen - in diesem Buch vor allem im Wirkungsbereich der Jesuiten - auf den Punkt bringt. Und zwar so, daß man zunächst kaum glaubt, daß die Herausgeber und viele der Autoren Angehörige des Jesuitenordens sind.

Einer der Artikel stammt übrigens von einem Opfer, das den Pastoralpsychologen Hermann Kügler SJ zitiert, der 2005 in einem freimütigen Spiegel-Interview die katholische Kirche als "größte transnationale Schwulenorganisation" bezeichnete, und der auch einer der Autoren dieses Buches ist. Aufschlußreich ist weiterhin der Beitrag aus den USA von Monica Applewhite mit den Kernaussagen aus ihrem Untersuchungsbericht "The Causes and Context of Sexual Abuse of Minors by Catholic Priests in the United States". Aus ihm geht hervor, daß 11000 Berichte von über fast 4400 Priestern vorliegen, die Minderjährige mißbraucht hatten. Vier Prozent aller Priester waren betroffen. Von den Tätern waren 3% für 25% der Fälle verantwortlich. Das heißt, daß die kleine Schar von 137 Tätern 2600 Jugendliche mißbrauchte.

Unter dem Reiter MISSBRAUCH findet man auf Jesuiten.org die den Orden betreffenden Untersuchungsberichte.


Beweg dich schlau! mit Felix Neureuther
Beweg dich schlau! mit Felix Neureuther
von Felix Neureuther
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 16,99

3.0 von 5 Sternen Mischung aus Übungsbuch und Autobiographie, 7. November 2014
Das Buch von Felix Neureuther, das mit sportmedizinischer und sportwissenschaftlicher Unterstützung von Hochschulinstituten entstand, enthält moderne Trainingskonzepte und verarbeitet Erkenntnisse nach dem jüngsten Stand der Forschung.

Mit Aufmachung und dem knallbunten Layout wird sich allerdings nicht jeder anfreunden können. Da ist zuerst der hohe autobiographische Anteil des Spitzensportlers Neureuther, den man aber vielleicht als Motivationsfaktor gelten lassen kann. Im Detail fällt die unglückliche Farbwahl auf. Selbst auf den Informationsseiten für Erwachsene sieht man sich der Farbpalette für Kindergartenkinder (also aus kräftigen Primärfarben bestehend) ausgesetzt. Vielleicht hätten Autor und Verlag doch einmal von den Gestaltungstips in Das Design-Buch für Nicht-Designer: Gute Gestaltung ist einfacher, als Sie denken! (Galileo Design) inspirieren lassen sollen. So, wie viele Farben nicht zu den Erwachsenen, passen viele Worte nicht zu den Kindern. Z.B., wenn der Autor im Abschnitt über das Balancieren auf der "Slackline" darüber spricht, in einen "Steady State" zu kommen.

FAZIT
Durch Bewegungsübungen die geistige Beweglichkeit und die Konzentrationsfähigkeit zu fördern, ist der richtige Ansatz. Ob einem das Buch dazu zielgerichtet und detailliert genug ist und die Selbstdarstellung des Athleten nicht zu weitschweifig, muß sich jeder selber überlegen. Daß die Gestaltung im Detail Wünsche offenläßt, ist da eher nachrangig.


Limbi: Der Weg zum Glück führt durchs Gehirn
Limbi: Der Weg zum Glück führt durchs Gehirn
von Werner Tiki Küstenmacher
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,00

22 von 24 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Let's rock the Limbi: Nette Idee, aber unfaßbar widersprüchlich, 4. November 2014
Vielleicht bin ich ja nicht der einzige, der bei Limbi nicht zuerst an das limbische System denkt, sondern an Chubby Checkers Hit "Limbo Rock". Daß der Autor Werner Tiki Küstenmacher in einem Buch über Glück die Musik nur als Hilfsmittel zum besseren Memorieren in den Sinn kommt, ist aber noch das am wenigsten Seltsame.

WER IST LIMBI?
Läßt sich das Zwischenhirn oder limbisches System als ein Elefant denken, auf dem das Großhirn als Reiter sitzt? So sehen es Chip und Dan Heath in Switch: How to change things when change is hard. Oder ist uns das limbische System sogar längst als der sog. "innere Schweinehund" geläufig? Der Autor Werner Tiki Küstenmacher hat sich dafür den Namen Limbi ausgedacht. Sicher ist Limbi die nettere Metapher, aber der Autor irrt, wenn er die Rede vom inneren Schweinehund, der auf englisch übrigens "one's weaker self" heißt, allein deshalb ablehnt, weil er ihre Entstehung in der NS-Zeit vermutet. Der Ausdruck wurde aber wurde schon am 23. Februar 1932 von dem SPD-Abgeordneten Kurt Schumacher in einer Rede im Reichstag gebraucht: „Die ganze nationalsozialistische Agitation ist ein dauernder Appell an den inneren Schweinehund im Menschen; und wenn wir irgend etwas beim Nationalsozialismus anerkennen, dann ist es die Anerkennung, daß ihm zum ersten Mal in der deutschen Politik die restlose Mobilisierung der menschlichen Dummheit gelungen ist.“

RISIKEN ...
Nun ist es nicht unproblematisch, wenn sich Autoren, die weder in der Philosophie noch in der Neurobiologie zuhause sind, auf das Terrain der Neurowissenschaft wagen. Das merkt man spätestens im Kapitel über die Entwicklung des menschlichen Bewußtseins an inkohärenten Sätzen wie "Unsere frühesten Vorfahren dürften sich sehr stark mit ihrem inneren Tier identifiziert haben." Ach was, würde Loriot sagen. Vielleicht meint der Autor ja etwas Richtiges, aber so formuliert ist das ja vollkommener Unsinn. Sich mit etwas identifizieren setzt doch schon die Instanz eines Ich voraus, um den genannten Akt zu leisten. Weiter heißt es, daß das kleine Kind noch eins mit sich sei, es ahne vielleicht etwas, aber es mache sich noch keine Gedanken darüber, daß zwei Wesen im ihm wohnen. Nett spekuliert, ist aber eig. nur die Prechtsche Denkschule Wer bin ich - und wenn ja wie viele? Eine philosophische Reise ;-). Ein Bestsellerautor lernt vom anderen. Bei Küstenmachers Neuformulierung von Immanuel Kants "sapere aude", "Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!" durch: "Großhirnrinde, nutze Limbi Power! Limbi, kooperiere mit dem cleveren Neocortex" läßt der ostfriesische Komiker Otto Waalkes grüßen: "Ohr an Großhirn, Ohr an Großhirn: Habe soeben das Wort "Saufkopf" entgegennehmen müssen. Großhirn an Ohr: Von wem? Ohr an Großhirn: Kann nicht sehen! Mal Auge fragen. .. usw. Wer den Sketch von Otto nicht kennt, findet ihn leicht im Netz :-). In ihrem neurobiologischen Wissen unterscheiden sich Tiki und Otto schon, nur ist Otto lustiger und seine Grenze zwischen Humor und Realität ist klar definiert.

… UND NEBENWIRKUNGEN
Limbi ist zwar eine nette Metapher, die sich aber verselbständigt. Die Trennung zwischen Realität und Humor verschwimmt mit Limbis fragwürdiger Personifizierung und Wissenszuschreibung. "Überlisten Sie Limbi mit dem Perry-Trick", heißt es auf Seite 114 in bezug auf Einfach liegen lassen: Das kleine Buch vom effektiven Arbeiten durch gezieltes Nichtstun. Auf Seite 361 dagegen: "Limbi weiß, was gut für Sie ist. Vertrauen sie ihm." Erst den inneren Schweinehund in Limbi umbenennen, dann das eine Mal ihn überlisten und das andere Mal ihm vertrauen. Ja, wie aberwitzig muß ein Widerspruch denn sein, daß er auch einmal einem Lektor auffällt? Aber selbst für sich allein genommen ist jede dieser Aufforderungen eine überaus verwirrende Redeweise, die mit dem normalen Sprachgebrauch unvereinbar ist. Personen entscheiden und wissen etwas, aber nicht Teile des Gehirn und schon gar nicht das limbische System. Vielleicht verstünde der Autor das im Hinblick auf Rechenmaschinen besser, wenn er sich einmal überlegte, was denn etwa ein Schachcomputer weiß. Nichts, muß die korrekte Antwort lauten, selbst wenn alle Eröffnungen der Welt, die je gespielt wurden, in ihm gespeichert sind. Er entscheidet auch nichts, er rechnet höchstens den besten Zug aus. Wie man es auch dreht und wendet, Küstenmacher ist seinem Stoff nicht wirklich gewachsen und so verwirrt er seine Leser mit leicht schizophren klingenden Aufforderungen. Der Autor schreibt: "Unterscheiden Sie zwischen Limbis Träumen und den Träumen Ihrer Großhirnrinde". Ja, wie sollte einem das denn gelingen? Manchem Leser schwant vielleicht, daß die anatomische Skizze mit Neocortex und limbischem System, die der Autor bereitgestellt hat, bei der Lokalisierung und Unterscheidung dieser Träume kein bißchen helfen wird ;-). Vielleicht meint der Autor auch hier etwas Richtiges, aber warum formuliert er es so hart an der Grenze zum Blödsinn?

BUCHTIP
Bei schwierigen Themen kann die Fachkenntnis eines Autors nicht hoch genug und seine Ausdrucksweise nicht präzise genug sein. Wer einen Ratgeber aus dem Umfeld der Hirnforschung sucht, sich aber auf wissenschaftlich festem Grund bewegen will, schaut am besten zuerst einmal, ob der Autor einschlägig qualifiziert ist. Das ist zwar keine Qualitätsgarantie, schließt aber doch manche böse Überraschung aus. Empfehlenswert ist z.B.: Der Autopilot im Kopf: Entscheiden, Urteilen, Probleme lösen, ohne in die üblichen Denkfallen zu tappen.

FAZIT
Küstenmacher faßt vieles, das er schon in anderen Büchern dargelegt hat, unter dem veränderten Gesichtspunkt der Limbi-Metapher neu zusammen. Nett gemacht sind die Zettel zum Herunterladen auf "limbi-welt.de". Leider wird die Limbi-Metapher, so ansprechend sie der Autor auch präsentiert, durch ihre inneren Widersprüche entwertet: "Überlisten Sie Limbi" versus "Vertrauen sie ihm". Sollten etwa verschiedene Limbis in einem Kopf hausen? Weder Autor noch Verlag haben zu Ende gedacht, was sie da angefangen haben. Sehr sympathisch ist aber, daß sich Küstenmacher offen und ehrlich als neurowissenschaftlichen Autodidakten beschreibt.


Welt der Gründe: XXII. Deutscher Kongress für Philosophie. 11.-15. September 2011 an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Kolloquienbeiträge
Welt der Gründe: XXII. Deutscher Kongress für Philosophie. 11.-15. September 2011 an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Kolloquienbeiträge
von Julian Nida-Rümelin
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 128,00

4.0 von 5 Sternen Welchen Status hat eine Welt der Gründe?, 27. Oktober 2014
Es ist sicher kein Zufall, daß der 12. Kongreß für Philosophie, der an der LMU stattfand und für den Münchner Professor Julian Nida-Rümelin ein Heimspiel war, den programmatischen Titel "Welt der Gründe" führte. Die Behauptung einer Welt der Gründe neben einer der Ursachen ist ja die philosophische Position von Nida-Rümelin, die er auch in Über menschliche Freiheit darlegt.

Ich möchte hier nur die Aufmerksamkeit auf die Beiträge von Franz von Kutschera und Jürgen Habermas ganz am Ende dieses reichhaltigen Tagungsbandes lenken. Von Kutschera, legt fünf Gründe dar, kein Materialist zu sein und kommt zum Schluß auf Platons mythisches Bild der Gigantomachie zu sprechen, das für den Aufstand der Materialisten, der "Erdgeborenen" steht. Das sind die Leute, die nur glauben, was sie anfassen können, im Gegensatz zu den "Ideenfreunden", die Eigenart und Bedeutung des Geistigen anerkennen.
Auch das letzte Wort von Habermas in bezug auf die evokative Praxis der Kunst auf S. 1388 ist erwähnenswert: "Gründe und diskursives Denken bilden zwar das Zentrum des sprachabhängig operierenden Geistes, sie bilden vor allem das Vehikel des lernenden menschlichen Geistes; aber der Raum des symbolisch verkörperten Sinns erstreckt sich in eine Peripherie von Sinnsedimenten, die über den Raum der explizit verfügbaren Gründe hinausreicht".

Wie das halt mit Tagungsbänden so ist, gibt es kein Register, so daß man leider nichts schnell findet, und die Papierform sich folglich gegenüber einer digitalen als unzeitgemäß erweist.


Theodor W. Adorno
Theodor W. Adorno
von Ansgar Lorenz
  Broschiert
Preis: EUR 19,90

3.0 von 5 Sternen Adorno im Holzschnitt, aber durchdacht und lehrreich, 26. Oktober 2014
Rezension bezieht sich auf: Theodor W. Adorno (Broschiert)
Diese Einführung in Leben und Werk von Theodor Adorno macht mit ihren z.T. witzigen Illustrationen und mit ihrem großen Format auf sich aufmerksam. Der in Philosophie promovierte Autor Reiner Ruffing ist darin zu loben, daß er einen etwas höheren Anspruch verfolgt als viele andere Autoren populärer Einstiegswerke, die sich meist mit Philosophiegeschichte und Philosophenbiographien zufrieden geben. Ruffing stellt sich der Herausforderung, die Philosophie Adornos und ihre Rezeption in den Mittelpunkt zu stellen. In meist halbseitigen Exkursen werden dabei auch andere Autoren, deren Werk zu dem Adornos in Beziehung steht, erläutert. Insbesondere die Kritiker Adorno von Gunter Anders, Hannah Arendt, Leszek Kolakowski, Georg Lukács bis hin zu Peter Sloterdijk kommen zu Wort. Der Philosoph und Soziologe Arnold Gehlen, mit dem sich Adorno im Nachkriegsdeutschland auseinandergesetzt hat, fehlt leider in der Liste.

Vielen Lesern wird es so gehen, daß sie zu bestimmten Aspekten des Werkes gerne mehr erfahren hätten. Es liegt aber in der Natur einer solchen kompakten Darstellung, daß eine gewisse Simplifizierung in Kauf zu nehmen ist, man dafür aber immerhin einen Überblick gewinnt.

Nicht so leicht entschuldbar sind unnötige Nachlässigkeiten aufseiten des Verlages und des Autors, wenn etwa auf S. 74 die Legion Condor mit K geschrieben wird und kaum ein Adorno-Zitat im exakten Wortlaut gebracht wird, sondern fast immer nur in einer undefinierbaren Mischung verschiedener Rechtschreibungen, nur nicht in der Adornos. Ein akademischer Autor müßte aber wissen, wie man zitiert. Auch bei manchen Formulierungen hätte sich der Autor ruhig ein bißchen mehr Mühe geben können. So heißt es, im Exkurs über Sir Karl Popper, daß er "wegen seiner Lehrtätigkeit" in den Ritterstand erhoben wurde. Na, wenn das so stimmt, müßten ja noch ganze Ritterheere auf uns zukommen ;-).

FAZIT
Lehrreicher Überblick zur Philosophie Adornos mit kleinen Schwächen.


Is God a Mathematician?
Is God a Mathematician?
von Mario Livio
  Gebundene Ausgabe

4.0 von 5 Sternen Führen die Zahlen und die Mathematik ihr eigenes Dasein?, 26. Oktober 2014
Rezension bezieht sich auf: Is God a Mathematician? (Gebundene Ausgabe)
Sobald man einmal mit dem Zählen angefangen hat, bekommt man es mit unbestreitbaren Fakten zu tun. Mit dem Konzept der natürlichen Zahlen 1, 2, 3, 4, 5 … lassen sich z.B. 3*3+4*4=5*5 und andere Erkenntnisse gar nicht mehr aufhalten. Für die einen sind die Lehrsätze der Mathematik Menschenwerk, den anderen widerstrebt es, etwa den Satz des Pythagoras als eine menschliche Erfindung zu bezeichnen. Aber wenn er eine Entdeckung ist, wo hat er dann seinen Ort? Wo war er, als es noch keine Menschen gab?

Entdeckung oder Erfindung und wie läßt sich die unbegreifiche Erklärungsmacht der Mathematik verständlich manchen? Das sind die Fragen, um die das mathematik-historische Buch des Astrophysikers Mario Livio kreist, mit denen er es anfängt und mit denen er es beschließt. Der Leser darf nicht erwarten, daß das vielleicht größte mathematik-philosophische Rätsel gelöst wird, aber er darf gespannt sein, wie nah er ihm kommen kann.


Politische Theorie der Gegenwart in achtzehn Modellen
Politische Theorie der Gegenwart in achtzehn Modellen
Preis: EUR 29,80

3.0 von 5 Sternen Lehrreiche Theoriendarstellungen, aber …, 26. Oktober 2014
… leider genügt der Autor nicht den wissenschaftlichen Zitierstandards. Unverständlicherweise hat er fast alle Originalzitate wie etwa das folgende von Adorno in die amtliche Rechtschreibung übertragen. Adorno schrieb so und nicht anders:
„Wer sich in Erinnerung an den Untergang der Titanic demütig-zufrieden die Hände reibt, weil der Eisberg dem Fortschrittsgedanken den ersten Stoß versetzt habe, vergißt oder unterschlägt, daß der im übrigen keineswegs schicksalhafte Unglücksfall Maßnahmen veranlaßte, welche ungeplante Naturkatastrophen der Schiffahrt im folgenden halben Jahrhundert verhüteten.“

Die Modifikation von Zitaten sollte zumindest im akademischen Bereich ein Tabu bleiben. Und insbesondere ein Hochschulprofessor sollte sich schon wegen des Vorbildes für seine Studenten etwas mehr Mühe geben.


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