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Rezensionen verfasst von
Benedictu
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Helmut Schmidt und der Scheißkrieg: Die Biografie 1918 bis 1945
Helmut Schmidt und der Scheißkrieg: Die Biografie 1918 bis 1945
von Sabine Pamperrien
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

2.0 von 5 Sternen Radio Bremen hat das Buch gelobt. (Dann kann man es getrost ignorieren ;-), 17. Dezember 2014
Wer sich die hilflosen Rezensionen des deutschen öffentlich-rechtlichen Rundfunks (Radio Bremen und SWR2 etwa) anschaut, kann ins Jammern kommen, daß er für die substanzlosen Texte der staatlich gepamperten Kultur-Redakteure Zwangsgebühren entrichten muß. Wenigstens ist die Geldausgabe für das Buch freiwillig. Ich kann von ihm, das sich "Biografie" nennt und noch nicht einmal ein Namensverzeichnis aufweist, nur abraten und werde das im folgenden genauer begründen.

DIE AUTORIN
Sabine Pamperrien kennt den Medienbetrieb. Sie war für große Zeitungen tätig und hat für den Deutschlandfunk moderiert und geschrieben. Sie ist sich sogar mit grundsätzlichen Fragen befaßt und sich im DLF in dem Artikel "Medienschelten oder: Der Kampf um die Deutungshoheit" mit dem Journalismus in der Krise auseinandergesetzt. Seltsam, daß man den Eindruck gewinnen muß, daß sich mit diesem Buch die Krise fortsetzt. Weiß die Autorin z.B. wirklich nicht, daß Zitate wortwörtlich, ohne eigenmächtig Schreibweisen zu ändern, wiederzugeben sind? Auch Wichtigeres nimmt sie nicht so genau.

INFAM
Eine Stelle im Buch ist so böse, daß ich gleich darauf eingehe, da sie für viele Leser allein schon Grund genug sein könnte, die Autorin und ihre Schrift gänzlich zu ignorieren. Es ist ein bekannter Trick unter Oberschülern und Journalisten, wenn sie nichts (mehr) wissen, sogenannte kluge Fragen zu stellen. Als der historischen Autodidaktin Pamperrien das Material, Verdächtigungen zu konstruieren, am Ende des Buches ausgeht, fängt sie an herumzuraunen. Die damalige Äußerung Schmidts, daß seine Kriegsgefangenschaft vielleicht Jahre dauern könnte, veranlaßt die Autorin zur Frage, ob das als ein Schuldeingeständnis Schmidts zu interpretieren sei. Sie schreibt über Schmidts Zeit im Kriegsgefangenenlager Jabbeke: "Die großen Verbrechen der Nationalsozialisten kamen in seiner Selbstanalyse nicht vor. Sprachen die Offiziere in Jabbeke nicht über die Massenmorde im Osten, Geiselerschießungen und die Verwicklung der Wehrmacht in die Verbrechen? Das wäre verwunderlich, denn aus Abhörprotokollen geht hervor, dass in anderen Kriegsgefangenenlagern viel, explizit und kontrovers darüber gesprochen wurde, Hintergrund war überall die Frage, wie die Taten der Deutschen an den Gefangenen gerächt würden. Auch in Jabbeke gab es Gerüchte über das Schicksal, das die Gefangenen erwartete. Schmidt registrierte das und tat die Vermutungen als »Latrinengerüchte« ab. »Ich glaube nichts und stelle mich innerlich auf fünf Jahre ein.« Damit lag er gründlich falsch. Spiegelte die befürchtete Dauer der Gefangenschaft die empfundene Schuld?"
Nein, Frau Pamperrien und Lektoren des Piper-Verlages, das ist keine kluge Frage. Das ist eine Unverschämtheit und eine Ohrfeige für den Leser, der bis dahin durchgehalten hat.

DARF MAN SCHMIDT KRITISIEREN? DARF MAN IHN IDEALISIEREN?
Gar nicht so dumm von der Autorin, gleich am Anfang bei den vielen deutschen Anhängern von Helmut Schmidt für Verständnis für ihre Kritik zu werben. Ganz schön uninformiert ist allerdings ihre Begründung:
Pamperrien schreibt: "Kritische Distanz war immer etwas, das Helmut Schmidts intellektuellen Zugang zu den Themen kennzeichnete, mit denen er sich beschäftigte. Bis heute sind die Unabhängigkeit seines Denkens und die Unerschrockenheit seines oft unbequemen Urteils Hauptmerkmale seiner Wirkmacht. Schon allein deshalb ist es für eine Person wie ihn nicht angemessen, idealisiert zu werden — weder in der Meinungsmache des Boulevards noch in den üblichen Elogen von Affirmatoren, die sich von demonstrativer Nähe zu Schmidt einen Abglanz von dessen Nimbus auf die eigene Person erhoffen."
Zunächst ist der letzte Teil naiv und vielleicht auch ein bißchen scheinheilig: Gerade sie als Kritikerin eines großen Mannes verschafft sich doch auch einen Abglanz seiner Bedeutung. Der zweite Satz ist falsch. Die Unabhängigkeit seines Denkens und die Unerschrockenheit seines unbequemen Urteils sollen die Hauptmerkmale seiner Wirkmacht sein. Damit läßt Pamperrien schon auf den ersten Buchseiten Zweifel an ihrer Beurteilungskompetenz aufkommen. Die Deutschen lieben ihren Helmut Schmidt für die genannten Attribute seines Denkens, aber von einer Wirkmacht kann doch gar keine Rede sein. Es bleibt alles unverbindlich: Ja man müßte eigentlich, und in der Tat wäre es ja besser. Ach ja, Politik ist ja so ein schwieriges Geschäft. Gut, daß unser Helmut so schlau ist. Wenn der nur jünger wär, der würde eine bessere Politik für Deutschland machen.
Aber schauen wir uns einige Themen, zu denen Schmidt "unbequeme" Urteile abgegeben hat, einmal an:
■ 1. Unkontrollierte EU-Erweiterung
Wie oft hat Schmidt vor der zunehmenden Unsteuerbarkeit der EU gewarnt, die niemals in europäischem, sondern höchstens in angloamerikanischem Interesse liegt. Und natürlich hat er recht. In 2004 kam Polen und in die EU ohne institutionelle Vorkehrungen, die Schmidt im Sinn hatte und ohne auf die politische Linie der EU eingeschworen worden zu sein. Folge war, daß Polen kaum daß es dabei war sich im Golfkrieg auf die Seite der USA gegen Frankreich und Deutschland stellte und zu allem Überfluß - wie erst heute herauskommt, der CIA ein Foltergefängnis auf polnischem Territorium einrichtete und auf amerikanischen Wunsch gegen EU-Recht und internationales Recht verstieß.
Der deutsche Bürger bewundert Schmidt für seinen Verstand. Aber hat sich etwas geändert? Hat sich ein anderer Bürgerwille manifestiert? Die Deutschen wagen es ja noch einmal ihre Mainstream-Zeitungen abzubestellen, in denen außer "Wir haben alle lieb" kaum ein weiterer klarer Gedanke steht.
■ 2. Rechtschreibreform
Schmidt hat sich in Außer Dienst: Eine Bilanz klar gegen die außerparlamentarische Opposition namens KMK (Kultusministerkonferenz) und ihre orthographischen Unsinnigkeiten gewandt. Die Mehrheit der Deutschen ist aber brav, schreibt in amtlicher Rechtschreibung und ignoriert Schmidt. Eigentlich hat er ja recht, sagen sie sich, aber wir können uns doch nicht gegen staatliche Organe stellen und das Fortkommen unserer Kinder in der Schule gefährden. Der Schmidt ist ja gar so arg vernünftig. Nur gut, daß wir ihn haben.
■ 3. Afghanistankrieg
Der Mediensturm auf die Kritik der Bischöfin Margot Käßmannam Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan Ende 2009 zeigt zur Genüge, daß die vorausgegangene Kritik von Schmidt weitgehend verpufft ist. Im Medienzirkus des Mainstream von ARD und ZDF führt man zur Belustigung des Publikums ja gerne mal abseitige Positionen von Pensionären vor (Baring, Schmidt, Scholl-Latour). Sie haben nichts bewirkt außer dem Respekt für die Alten, die sich zu sagen trauen , daß man mit der Intention der Einrichtung von Mädchenschulen keine Bombenteppiche auf andere Menschen rechtfertigen kann, was die deutsche Mainstream-Journaille im Schulterschluß mit den etablierten politischen Parteien den Leuten bis heute einreden will.
Die Pamperrien weiß einfach nicht, wovon sie redet, wenn sie die große Sympathie für Schmidt mit seiner Wirkmacht verwechselt. Die Deutschen mögen Schmidt, weil sie spüren, daß da einer ist, der sie mag und sie bewundern ihn, weil er einen schärferen Verstand besitzt und sie auch gerne so wie er analysieren und entscheiden können würden.

STREIT UM DIE HELDEN
Was will die Autorin eigentlich? Schmidt hat doch längst zugegeben, daß er als Soldat den Krieg gewinnen und als Held ausgezeichnet werden wollte, das wollte Vicco von Bülow (Loriot) übrigens auch. Na und? Schmidt war kein Heiliger; er war auch nicht im Widerstand. Er war kein Held des 20. Juli. Er wurde hingegen abkommandiert als Claqueur des Regimes, einem Prozeß gegen Widerständler beizuwohnen. Das darf man sich als eine wahrhaft bedrückende Aufgabe vorstellen, wenn man einmal eine gute filmische Inszenierung von Auftritten des berüchtigten Richters Freislers gesehen hat. Auf S. 285 kramt Pamperrien eine umstrittene Episode aus dem Jahr 1956 hervor, um das zwiespältige Verhältnis Schmidts zum Widerstand zu belegen. Bei einer Veranstaltung der Evangelischen Akademie Tutzing hatte Schmidt Kunrat von Hammerstein-Equord getroffen, der wie sein Vater zum militärischen Widerstand gegen Hitler gehört hatte. Hammerstein hatte insbesondere mit Carl Goerdeler eng zusammengearbeitet, einem der Angeklagten am Tag von Schmidts Prozeßbesuch. Kunrat von Hammerstein soll gesagt haben: »Helmut Schmidt hat mir im Juli 1956 gesagt, daß er aus dem Luftfahrtministerium als Zuschauer beim 20.-Juli-Prozeß gewesen sei, wo ihm die Angeklagten nicht gefielen.«
In seiner Rede bei der Gedenkveranstaltung in Plötzensee am 20. Juli 2013 ist der Professor für Literaturwissenschaft Karl Heinz Bohrer (s. "welt.de/kultur/article118248299/Warum-wir-die-Helden-des-20-Juli-nicht-verstehen.html") darauf eingegangen, daß man in den Nachkriegsjahren den Verschwörern vom 20. Juli nur sehr zurückhaltend gedacht hat. Insofern müßte man die Äußerungen Schmidts fairerweise im Lichte des damaligen Zeitgeistes zu betrachten.

HICKHACK UM DIE HIAG
Schmidt hat sich außerdem für den umstrittenen Veteranenverein der Waffen-SS, der HIAG (Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit der Angehörigen der ehemaligen Waffen-SS) verwendet. Geradlinig ist er dabei geblieben, eine rechtliche Gleichstellung der ehemaligen Angehörigen der Waffen-SS mit denen der Wehrmacht zu fordern und einer Kollektivschuldzuweisung an erstere zu widersprechen. Die Autorin tut so, als ob es ein Skandalon wäre, daß Schmidt folgendes in einer Rede gesagt hatte und zitiert es triumphierend, wie ein Kind, das einen Maikäfer erbeutet hat. Sie kann sich offenbar gar nicht mehr einkriegen und zitiert zweimal und jedesmal in falscher Rechtschreibung (hier korrigiert): » Ich habe selbst den Krieg im Osten als Oberleutnant in einer Heeresdivision mitgemacht, und ich stehe nicht an, Ihnen, meine Kameraden von der Waffen-SS, zu erklären, wenn wir damals in Rußland wußten, rechts oder links von uns, oder vor uns liegt eine Division der Waffen-SS, dann konnten wir ruhig schlafen." Na prima, kann man da nur sagen: Dann hat Pamperrien also die Chance zu lernen, daß zwischen SS-Wachmannschaften eines KZs und den im Feld stehenden Einheiten der Waffen-SS unterschieden werden muß. Das Ruhig-schlafen-können hat - so darf man die aufgeregte Zivilistin beruhigen - nichts mit Kriegsverbrechen zu tun, sondern nur mit der Feuerkraft, Agilität (Motorisierung) und dem Ausbildungsstand der Einheiten, von denen Schmidt sprach. Was sie da präsentiert, ist einfach nur ein harmloses Zeitzeugnis. Kritisch zu sehen ist freilich, daß die HIAG verurteilte Kriegsverbrecher aus ihren Reihen nicht ausschloß, aber warum sollte Schmidt dafür verantwortlich sein?

KAMERADSCHAFT
Auf Schmidts Darstellung seiner Werte als Sozialdemokrat und seiner Betonung der erfahrenen Notwendigkeit von Kameradschaft oder Solidarität oder Brüderlichkeit wirft ihm Pamperrien folgendes vor: "Damit wird ausgeblendet, dass das Gros der Deutschen seine Nachbarn, Mitschülern, Freunden Kameraden jegliche Solidarität verweigert hatte, nur weil sie unter das rassistische Verdikt »jüdisch« fielen. Der Zivilisationsbruch bestand ja insbesondere darin, dass anscheinend zivilisierte Bürger tatenlos zuschauten als Mitbürger drangsaliert und deportiert wurden." Hier verfängt sich die Journalistin auf der Suche nach Belastbarem in der Logik. Schmidt hat doch mit der erfahrenen "Notwendigkeit von Solidarität" keineswegs behauptet, es hätte sie im Dritten Reich hinreichend gegeben. Davon unabhängig ist der Satz, daß jüdischen Bürgern jegliche Solidarität verweigert worden ist, in dieser extremen Formulierung historisch falsch (s. z.B. Uns kriegt ihr nicht: Als Kinder versteckt - jüdische Überlebende erzählen).

NACHSICHT
Die Autorin beklagt sich darüber, daß Schmidt mit fortschreitendem Alter immer weniger bereit erscheint,"sich mit der eigenen ideologischen Verblendung durch den Nationalsozialismus zu beschäftigen". Ja, ist das mit 95 Jahren nicht mehr als verständlich? Und denkt das Publikum nicht langsam vielleicht genauso, daß man sich nicht bis an sein Lebensende mit der NS-Zeit befassen muß?

EMPFEHLUNG
Wer sich mit Helmut Schmidt und eher mit der Zukunft als mit der Vergangenheit beschäftigen möchte, greife besser zu Schmidt als Autor und seinem besten Buch, in dem er die Quintessenz seiner Erfahrungen und seine Lehren für die Zukunft darlegt Außer Dienst: Eine Bilanz von Helmut Schmidt (2008) Gebundene Ausgabe. Schmidt sagt darin, daß Deutschland ein gefährdetes Land ist, das sich selber um seine Interessen kümmern muß.


Die Belasteten: >Euthanasie< 1939-1945. Eine Gesellschaftsgeschichte
Die Belasteten: >Euthanasie< 1939-1945. Eine Gesellschaftsgeschichte
von Götz Aly
  Taschenbuch
Preis: EUR 10,99

4.0 von 5 Sternen Euthanasie als Menetekel der Zwiespältigkeit einer säkularisierten, fortschrittlichen Welt, 17. Dezember 2014
Dieses Buch, das der Historiker Götz Aly über die lange Zeit von drei Jahrzehnten verfaßt hat, ist aus mehreren Gründen lesenswert. Es ist zum einen eine historische Aufarbeitung zu einem - insbesondere durch die geschilderten Einzelschicksale - erschütternden Kapitel deutscher Geschichte. Zum anderen stellt der Autor die Ereignisse immer wieder in einen Gegenwartsbezug. Letzteres wird nicht jedem gefallen. Der Autor führt eine doppelte Klage:

1. AMBIVALENZ DES FORTSCHRITTS
Die erste Klage bezieht sich auf die Ambivalenz des Fortschritts, daß es die fortschrittlichen säkular Gesinnten waren (ob nationalsozialistisch oder nicht), die utilitaristisch dachten und es begrüßten, daß für die nutzlosen Esser in den Heimen und Verwahranstalten eine Lösung gefunden würde. Götz Aly schreibt: "Für Sterbehilfe, humanen Tod oder sanfte Erlösung warben in den 1920er-Jahren vielfach jene politisch Engagierten, die gegen Todesstrafe und Abtreibungsverbot auftraten, Frauenrechte forderten, den verpönten Selbstmord begrifflich zum individuell gewählten Freitod läutern, Ehescheidungen und überhaupt freiere Lebensformen erleichtern wollten. Nicht selten propagierten dieselben Reformer die Sterilisierung behinderter Menschen - allerdings in freiwilliger Form, wobei sie darunter auch das Einverständnis von Sorgeberechtigten und amtlich bestellten Vormündern verstanden. Für das Töten behinderter Kinder traten deutsche Sozialreformer in den 1920er-Jahren nur ausnahmsweise ein, wohl aber für Prävention im Sinne eugenisch indizierter Abtreibungen." … "Jene Kliniken, deren (in der Regel katholische) Träger und Ärzte sich damals erfolgreich weigerten, Zwangssteriisierungen durchzuführen, waren im großen und ganzen dieselben, deren ärztliche Direktoren es in der späteren Bundesrepublik ablehnten, die 1974 gesetzlich straflos gestellten, medizinisch jedoch nicht gebotenen Abtreibungen vorzunehmen."
Besonders deutlich wird Aly, wenn er, der stets von Euthanasiemorden spricht, die aberwitzige Wortwahl "Lebensunterbrechung" von T4-Akteuren im NS-Staat mit dem heutigen Sprachgebrauch "Schwangerschaftsunterbrechung" vergleicht.

2. NUR KATHOLISCHER WIDERSTAND
Die zweite Klage bezieht sich auf den geringen Widerstand gegen die zwischen 1939 und 1945 vollstreckten 200 000 Euthanasie-Morde an Angehörigen deutscher Familien. Aly führt aus: "Wo aber Protest aufbrach, speiste er sich kaum je aus den Prinzipien moderner Rechtsstaatlichkeit oder aus den Ideen eines säkularen Humanismus, sondern aus dem längst schon geschwächten Glauben an die Gottebenbildlichkeit eines jeden Menschen - sei dieser noch so verkrüppelt, idiotisch oder schwach sinnig, pflegebedürftig oder schwer leidend. Wie wenig die meisten heutigen Deutschen die ethischen Grundlagen dieses Widerstands teilen, wird für jeden greifbar, der die vollständige Predigt liest, die Clemens August Graf von Galen am 3. August 1941 hielt."Von Galen genauso wie der katholische Bischof von Berlin, Konrad Graf von Preysing, hätten "Mut und Kraft, Unbeirrbarkeit und Willensstärke aus Glaubensquellen, die vor 1945 vielen Deutschen fremd geworden waren und mehr noch heute fremd sind" bezogen. (Die Spitzen der protestantischen Kirchen hätten dagegen noch nicht einmal erwogen, ihren starken gesellschaftlichen Einfluß von den Kanzeln herab geltend zu machen.)
Der Abschnitt "Bischof Galen und Gottes Strafgericht" ist noch aus anderem Grund aufschlußreich. Aly zeigt wie verschiedene innere und äußere Ereignisse ineinandergreifen: Die nervliche Krise der NS-Führung im August 1941 aufgrund der Schwierigkeiten in Rußland, der britische Luftkrieg ausgerechnet gegen die katholische Bevölkerung der Städte im Westen, der dortige Unmut über zerstörte Krankenhäuser und die schlechte medizinische Versorgung, die Einsicht der NS-Führung in die Notwendigkeit die medizinische Hilfe zu verbessern, die ergriffene Maßnahme Heil- und Pflegeanstalten zu räumen und zu Krankenhäusern umzufunktionieren, die Tötung der Pflegeinsassen, die Protestpredigten des Münsteraner Bischofs, die Sorge der Regierung über ihre möglichen massenpsychologischen Folgen und schließlich die jähe Unterbrechung der Euthanasieaktion. Von Galen hatte die Möglichkeit durchkreuzt, die Versorgung der Verletzten der massiven Bombardierungen durch Massentötungen von Pfleglingen zu organisieren. "Hitler untersagte die Deportationen deutscher Geisteskranker, um die innere Ruhe zu bewahren", schreibt der Autor. Das Regime reagierte mit Realpolitik auf Prinzipienfestigkeit. Soviel Macht hatte das Volk also doch.

KRITIK
► A. Was m.E. fehlt in der hervorragenden Darstellung von Götz Aly, ist der Blick über die deutschen Grenzen. Ob die Betrachtung des internationalen Kontextes den Autor zu einer noch moderateren Bewertung geführt hätte?

EUGENIK IN DEN USA
Benjamin Wiker schreibt in The Darwin Myth: The Life and Lies of Charles Darwin auf S 155:
» We must remember, Darwin warns us, that “progress is no invariable rule,” and if we do not “prevent the reckless, the vicious and otherwise inferior members of society from increasing at a quicker rate than the better class of men, the nation will retrograde.“ Thus spoke Darwin himself, and as his arguments spread all over Europe and America, so did an obsession with notions of racial gradation and racial degradation. It was not, we must stress, solely a German phenomenon; in fact, it was very much an English and American one as well.«

Wiker betont, daß die Nazi-Barbarei eine wissenschaftliche Barbarei war. Ist es gerechtfertigt eine utilitaristisch und wissenschaftlich (darwinistisch) motivierte Euthanasie-Tötung Euthanasie-Mord zu nennen? Ist die Wortwahl am Ende nicht einzig allein dadurch festgelegt, ob der Sprecher Atheist oder Christ ist? So wie die Wortwahl, die Ausschaltung bin Ladens Tötung oder Mord zu nennen, anscheinend nur davon abhängt, wie der Sprecher zum Krieg gegen den Terror steht; oder Terrorbombardements nicht beim Namen zu nennen, nur davon bestimmt ist, ob sie einem guten, vor allem eigenen Zweck dienen.

DARWINISMUS
Charles Darwin schrieb in "The Descent of Man": "Unter den Wilden werden die an Körper und Geist Schwachen bald eliminiert; die Überlebenden sind gewöhnlich von kräftigster Gesundheit. Wir zivilisierten Menschen dagegen tun alles Mögliche, um diese Ausscheidung zu verhindern. Wir erbauen Heime für Idioten, Krüppel und Kranke. [...] Niemand, welcher der Zucht domestizierter Tiere seine Aufmerksamkeit gewidmet hat, wird daran zweifeln, daß dies für die Rasse des Menschen im höchsten Grade schädlich sein muß."

LOBOTOMIE IN DEN USA
In Posener John F. Kennedy: Biographie liest man auf S. 20, daß der image- und leistungsbesessene Joseph Kennedy an seiner geistig behinderten Tochter Rosemary (der jüngeren Schwester von John F.), als sie verhaltensauffällig wurde, eine partielle Lobotomie durchführen ließ. Das ist eine Operation, die man - wegen der partiellen mechanischen Zerstörung eines persönlichkeitsrelevanten Gehirnareals - eigentlich nur den Nazis zugetraut hätte, die aber in den USA sehr verbreitet war. De facto kommt die Lobotomie der Liquidierung der behinderten Person gleich. In den USA wurden bis in die sechziger Jahre tausende von Lobotomien durchgeführt.

► B. Die Schärfe der moralischen Verurteilung der Euthanasieaktion steht bei Aly in seltsamem Widerspruch zur Flapsigkeit, mit der er die Terrorbombardements der RAF beschreibt. Da heißt es: "Vom 1. Juli an flog die Royal Air Force systematisch Angriffe auf Wohngebiete, um den Deutschen die Kriegslaune zu verderben." Was der Autor alles weiß! Ich empfehle History of Bombing zur Lektüre, um die Hintergründe des Luftkrieges zu erfahren.
Nach der Zerstörung der Stadt Münster durch britische Bomber sprach ihr Bischof vom göttlichen Strafgericht. Aly stellt heraus, daß der Bischof "nicht im Jargon der Propaganda vom feigen Luftterror" redet. Aber sind denn nicht Terrorbombardements solche und bleiben solche, egal wer darüber spricht? Oder wird ein Terrorbombardement plötzlich durch eine Art Wunder zu etwas anderem, sobald der Teufel selber das Wort in den Mund genommen hätte? Auch in der DDR hießen die allierten Luftangriffe so. Man erklärt sich nicht automatisch mit der ganzen Diktatur einverstanden, wenn man die Richtigkeit einer ihrer Aussagen zugeben muß.
Aly propagiert eine strenge christliche Moral bei Angelegenheiten, die ihm am Herzen liegen; weniger prinzipienfest ist er bei anderen.


Origami Hülle für Kindle Voyage (7. Generation)
Origami Hülle für Kindle Voyage (7. Generation)
Preis: EUR 44,99

3.0 von 5 Sternen Origami nicht richtig auf Voyage abgestimmt, 16. Dezember 2014
Wer sich zum Kindle Voyage die nicht gerade billige Amazon-Origami-Schutzhülle anschafft, geht davon aus, daß das Design von Lesegerät und Hülle perfekt aufeinander abgestimmt ist. Schon bald wird klar, daß das ein Trugschluß war. Läßt man nämlich den Kindle einmal aufgeklappt liegen, bis er sich abgeschaltet hat, kommt man nicht direkt an den Einschaltknopf auf der Rückseite heran, sondern muß dafür erst umständlich den nach hinten geklappten, magnetisch arretierten Deckel der Hülle von der Rückseite lösen. Perfektion und Komfort sind definitiv etwas anderes.

Das Gewicht der Hülle ist zudem vergleichsweise hoch. Mit Hülle wiegt der Voyage fast 50% mehr als der alte Kindle-Touch ohne, dessen Haptik ja so angenehm ist, daß man ihn besser nur zum Verstauen in eine Hülle packt.

BEWERTUNG
2 Sterne - schlechte Design-Integration Hülle/Lesegerät
5 Sterne - Standfußfunktion der Hülle
3 Sterne - hohes Gewicht
3 Sterne - hoher Preis
Insgesamt: 3 Sterne

FAZIT
• Die Standfußfunktion der Origami-Hülle ist der einzige Lichtblick, der aber durch das unschöne Aufklappen nach oben statt zur Seite erkauft werden muß.
• Wäre die Haptik des Kindle-Voyage nicht so schlecht, dessen Rückseite häßlich kantig statt schön rund geformt ist, würde ich auf ihm ohne irgendeine angesteckte Hülle lesen und ihn wie schon meinen Kindle-Touch nach dem Lesen einfach in einer gepolsterten Tasche verstauen. Da sich der Kindle-Voyage nun aber nicht so schön anfaßt, lese ich auf ihm halt immer mit der schweren Origami-Hülle.
• Wer die Standfußfunktion nicht braucht und wen die Haptik des Voyage nicht belästigt, kann sich die Origami-Hülle m.E. sparen.


Origami Lederhülle für Kindle Voyage (7. Generation)
Origami Lederhülle für Kindle Voyage (7. Generation)
Preis: EUR 59,99

0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Unglückliches Design: Origami nicht perfekt auf Voyage abgestimmt, 15. Dezember 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Wenn man sich zum Kindle Voyage die teure Original-Amazon-Origami-Schutzhülle anschafft, geht man davon aus, daß das Design von Lesegerät und Hülle perfekt aufeinander abgestimmt ist. Schon bald wird einem klar, daß das ein Trugschluß war. Läßt man nämlich den Kindle aufgeklappt liegen, bis er sich abgeschaltet hat, kommt man nicht gleich an den Einschaltknopf auf der Rückseite heran, sondern muß dafür umständlich erst einmal den nach hinten geklappten, magnetisch arretierten Deckel der Hülle von der Rückseite lösen. Perfektion und Komfort sind definitiv etwas anderes.

Das Gewicht der Hülle ist zudem vergleichsweise hoch. Mit Hülle wiegt der Voyage fast 50% mehr als der alte Kindle-Touch ohne, dessen Haptik ja so angenehm ist, daß man ihn besser nur zum Verstauen in eine Hülle packt.

BEWERTUNG
2 Sterne - schlechte Design-Integration Hülle/Lesegerät
5 Sterne - Standfußfunktion der Hülle
3 Sterne - hohes Gewicht
3 Sterne - hoher Preis
Insgesamt: 3 Sterne

FAZIT
• Die Standfußfunktion der Origami-Hülle ist der einzige Lichtblick, der aber durch das unschöne Aufklappen nach oben statt zur Seite erkauft werden muß.
• Wäre die Haptik des Kindle-Voyage nicht so schlecht, dessen Rückseite häßlich kantig statt schön rund geformt ist, würde ich auf ihm ohne irgendeine angesteckte Hülle lesen und ihn wie schon meinen Kindle-Touch nach dem Lesen einfach in einer gepolsterten Tasche verstauen. Da sich der Kindle-Voyage nun aber nicht so schön anfaßt, lese ich auf ihm halt immer mit der schweren Origami-Hülle.
• Wer die Standfußfunktion nicht braucht und wen die Haptik des Voyage nicht belästigt, kann sich die Origami-Hülle m.E. sparen.


Kindle Voyage, 15,2 cm (6 Zoll) hochauflösendes Display (300 ppi) mit integriertem intelligenten Frontlicht, PagePress-Sensoren, WLAN
Kindle Voyage, 15,2 cm (6 Zoll) hochauflösendes Display (300 ppi) mit integriertem intelligenten Frontlicht, PagePress-Sensoren, WLAN
Preis: EUR 189,00

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Voyage und Touch im Vergleich: Drei Schritte vor und einer zurück, aber trotzdem das beste eBuch-Lesegerät, 14. Dezember 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Ein besseres Lesegerät für elektronische Bücher wird man kaum finden, trotzdem ist es ärgerlich, daß der Design-Fortschritt, der beim Kindle-Touch schon einmal erreicht war, wieder aufgegeben wurde.

HAPTIK
Wenn man den Kindle zum Lesen in der Hand hält, ist es seine Rückseite, die für die haptische Qualität maßgeblich ist. Vergleicht man die Rückseiten von Kindle Touch und Voyage, so stellt man folgendes fest:
1. Die vom Touch ist handschmeichlerisch und wohlgerundet, die vom Voyage kantig.
2. Die vom Touch ist unempfindlich gegen Fingerabdrücke, die vom Voyage sieht schnell speckig aus.
Die Haptik des Touch ist so angenehm, daß ich es schade gefunden hätte, auf ihm mit einer angesteckten Schutzhülle zu lesen.

GEWICHT
Die Haptik des Voyage dagegen ist soviel schlechter als die des Touch, daß ich ersteren generell nur mit Origami Hülle für Kindle Voyage (7. Generation) nutze, die sich aufgeklappt zwar besser anfühlt als der Voyage alleine, aber immer noch schlechter als der Touch. Das Gewicht des Voyage mit Hülle ist damit aber nun fast 50% größer als das des Touch ohne.

HOME-TASTE
Die praktische Home-Taste des Touch wurde leider abgeschafft.

EIN-TASTE
Die Einschalttaste des Voyage ist bei Nutzung der Origami-Amazon-Hülle an unpraktischer Stelle plaziert. Ergonomisch gesehen war das eine Schnapsidee, denn wenn der Kindle sich abgeschaltet hat, muß man umständlich den nach hinten geklappten Deckel der Hülle von der Rückseite lösen, um an den Einschaltknopf heranzukommen.

BEWERTUNGSVERGLEICH Kindle-Touch mit Kindle-Voyage

T o u c h | V o y a g e
5 Sterne | 3 Sterne ___________ Haptik
5 Sterne | 0 Sterne ___________ Home-Taste
5 Sterne | 3 Sterne ___________ Ein-Taste
3 Sterne | 5 Sterne ___________ Auflösung
0 Sterne | 5 Sterne ___________ Beleuchtung
2 Sterne | 5 Sterne ___________ Navigation

3,3 Sterne | 3,5 Sterne _______ Gesamtbewertung

FAZIT
• Der Kindle-Voyage ist ein alternativlos gutes Lesegerät für digitale Bücher. Insbesondere die verbesserte Auflösung und die neuen Navigationsfunktionen überzeugen.
• Allerdings vermisse ich noch immer die Information über die richtige Seitenzahl, also die der gedruckten Buchausgabe, was für das Zitieren aus Fachbüchern wichtig wäre.
• Die bescheidenen haptischen Qualitäten des Voyage sind ein ärgerlich unnötiger Design-Rückschritt im Vergleich zum alten Kindle-Touch. "Bis ins kleinste Detail durchdacht", wie es in der Werbung heißt, stimmt halt nicht ganz.

In Auflösung, Beleuchtung und Navigation ist der Voyage zweifellos erstklassig.


Das Wochenende
Das Wochenende
DVD ~ Katja Riemann
Preis: EUR 10,49

3.0 von 5 Sternen Will denn keiner mehr die Systemfrage stellen?, 14. Dezember 2014
Rezension bezieht sich auf: Das Wochenende (DVD)
Sehr gut gespielt, aber überraschend unpolitische Darbietung. Systemfragen werden kaum einmal gestreift. Bezeichnend, daß am Ende eines Dialoges Gewalt als Antwort ins Spiel kommt statt einer verfeinerten diskursiven Fortsetzung. Als das ehemalige RAF-Mitglied (Sebastian Koch als Jens Kessler) damit auftrumpft, daß man sich an ihn erinnern werde, an seinen ihn kritisierenden Sohn (Robert Gwisdek als Gregor Lansky) aber nicht, verbrennt der Sohn seinem Vater die Hand, daß wenigstens der sich an ihn erinnern werde. Natürlich war die Aussage des Vaters eine verbale Aggression und noch nicht einmal stichhaltig, nur wußte der Sohn partout nichts darauf zu erwidern, obwohl es doch einige gute Antworten gegeben hätte.

Es handelt sich um einen Film über Lebensentwürfe, die - aus der Mitte eines Lebens betrachtet- weniger gut korrigiert, als in gut oder schlecht getroffene Entscheidungen sortiert werden können.


Safe Haven - Wie ein Licht in der Nacht
Safe Haven - Wie ein Licht in der Nacht
DVD ~ Josh Duhamel
Preis: EUR 7,99

4.0 von 5 Sternen Heimat, Geborgenheit und Liebe - in Gefahr, 14. Dezember 2014
Rezension bezieht sich auf: Safe Haven - Wie ein Licht in der Nacht (DVD)
In diesem schönen Familienfilm, der in der Kleinstadt Southport an der US-amerikanischen Ostküste im Bundesstaat Nord-Carolina, nicht weit weg von der bekannten Hafenstadt Wilmington, spielt, stößt man auf eine reizvolle amerikanische Landschaft als beschauliche Heimat und als Sehnsuchtsziel. Die dramatische Gefährdung dieser Idylle macht den Film emotional vielschichtig und sehenswert für die ganze Familie. Einige kleinere dramaturgische Schwächen darf man getrost übergehen, sie werden durch den Charme der Inszenierung fabelhaft ausgeglichen.


Die Liebe in den Zeiten der Cholera
Die Liebe in den Zeiten der Cholera
DVD ~ Javier Bardem
Preis: EUR 9,99

4.0 von 5 Sternen "Unser inneres Leben währt ewig, …, 13. Dezember 2014
Rezension bezieht sich auf: Die Liebe in den Zeiten der Cholera (DVD)
… d.h. daß unser Geist jugendlich und kraftvoll bleibt, als würden wir in voller Blüte stehen." So schreibt Javier Bardem als Florentino Ariza am Ende in einem Brief an seine geliebte Fermina, als die Helden schon alt geworden sind. Der gleichnamige Roman des kolumbianischen Nobelpreisträgers Gabriel García Márquez erzählt davon, daß die ganz große Liebe, die von der Jugend bis ins Alter reicht, möglich ist und auch in der Verfilmung gelingt es, sie plausibel zu machen.

Bedauerlich ist freilich, daß einer der größten Romane Lateinamerikas und des zwanzigsten Jahrhunderts auf englisch verfilmt werden mußte. Das hatte zur Folge, daß die meist spanischsprachigen Schauspieler quasi aus ihrer eigenen Welt ausgesperrt wurden. Daher ist auch die deutsche Synchronisation, die immerhin die linguale Zwangsjacke abmildert, in die man die Darsteller gesteckt hat, dem englischen Originalton unbedingt vorzuziehen. Tadellos dagegen die Inszenierung an den karibischen Originalschauplätzen, die die Atmosphäre der Zeit und des Breitengrades detailtreu festhält und für sich allein schon sehenswert ist.


Wie soll ich leben?: Philosophen der Gegenwart geben Antwort
Wie soll ich leben?: Philosophen der Gegenwart geben Antwort
von DIE ZEIT
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 14,99

3.0 von 5 Sternen Eine Gesellschaft wird scheitern, die nicht in der Lage ist,…, 17. November 2014
... Kindern das Gefühl zu geben, das erwachsene Leben habe einen Sinn, der über die Anhäufung von Konsumgütern hinausgeht, sagt die amerikanische Philosophin Susan Neiman in einem der besten Artikel in diesem Buch. Genauso beachtlich der Beitrag von Byung-Chul Han "Alles eilt. Wie wir die Zeit erleben" und seine These über die Zerstörung der Zeitformen durch die neoliberale Politik. Die Beiträge sind alle in der Wochenzeitung DIE ZEIT erschienen und im Internet recherchierbar. Wieviele andere Zeitungen können das schon bieten? Die ZEIT glänzt aber nicht nur mit Philosophie, Literatur und Wissenschaft. Das Angebot wird mit Rätselseiten, Heiratsanzeigen und Leserreisen komplettiert. Ist das nicht großartig?

Überlegen wir aber einmal und wagen ein Gedankenexperiment: Gesetzt den Fall, ZEIT-Redakteure würden Gewalt verharmlosen, Andersdenkende verunglimpfen und der Chefredakteur würde sich eine zweite Stimme bei der Europawahl erschleichen, würden dann nicht Abonnenten kündigen? Tausende Katholiken sind in Limburg wegen Geringfügigerem aus der Kirche ausgetreten, nämlich weil ihnen nicht gefiel, wie die Kirche ihr eigenes Geld ausgab, das ihr der Staat noch aus der Zeit der Säkularisierung und napoleonischen Enteignung schuldete. (Peter Hahne führt in Rettet das Zigeuner-Schnitzel!: Empörung gegen den täglichen Schwachsinn. Werte, die wichtig sind aus, daß es die Gelder des Bischöflichen Stuhls waren, die für die denkmalgeschützte Ensemble in Limburg eingesetzt wurden.)

Was gab es bei der ZEIT?
a) Gewaltverharmlosung: Jens Jessen hat sich anläßlich des berüchtigten Überfalls auf einen Rentner in der Münchner U-Bahn in einer Art und Weise geäußert, daß es entschuldbar sein könnte, Rentnerschädel wie eine Kokosnuß zu knacken, wenn der Rentner auf ein Rauchverbot hinweist und damit die zarten Gefühle eines Rauchers verletzt, der als Sanktion den Rentner fast umbringt.
b) Andersdenkende 1. Streich: Jessen hat in unsachlicher und aggressiver Form Sprachschützer als reformunwillige Reaktionäre dargestellt und schreibt so Sätze: "Nun könnte man sagen: Sprachschützer sind im allgemeinen unleidliche Fanatiker. Man möchte nicht mit ihnen diskutieren."
c) Andersdenkende 2. Streich: Der stellvertretende Feuilletonchef Ijoma Mangold hat Akif Pirinçci als Wiedergänger Adolf Hitlers dargestellt und sein Buch Deutschland von Sinnen: Der irre Kult um Frauen, Homosexuelle und Zuwanderer [Broschiert] mit "Mein Kampf" verglichen.
d) Wahlbetrug: Der Chefredakteur Giovanni di Lorenzo hat sich im Fernsehen mit der Geschichte interessant gemacht, daß er gegen das Wahlgesetz verstieß, indem er in Deutschland und in Italien zur Europawahl ging, also zwei Stimmen abgab. Ist das nur illegal, oder auch dumm oder dreist oder scheinheilig?

Gab es deswegen "ZEIT-Austritte"? Nein, natürlich nicht. Im Unterschied zur katholischen Kirche kann man aus der ZEIT nur ganz schwer austreten. Deren Unterhaltungsangebot ist nämlich einfach viel zu gut :-).

PHILOSOPHIE und die QUALITÄTS-PRESSE: EINE UNHEILIGE ALLIANZ?
Wie gut es Zeitungen mit ihrem Feuilleton und ihrem ganzen Klimbim der Kundenbindung schaffen, ihre Leser zu einzulullen, sieht man neben der ZEIT auch besonders gut am Beispiel der New York Times. Für viele ist die NYT, für die auch Susan Sontag schrieb, die beste Zeitung der Welt. In der Selbstdarstellung der NYT gilt das sowieso:
• "Award-winning journalism"
• "The world's finest journalism".
Das ist nicht falsch, aber trotzdem irreführend. Vor den vielen schönen philosophischen und sonstigen schöngeistigen Artikeln der NYT ist vielen Zeitgenossen ganz entgangen - nicht jedoch z.B. dem Antibellizisten Noam Chomsky - , daß die NYT vor dem Golfkrieg eine der einflußreichsten Kriegshetzerinnen war.

FAZIT
Für den, der sich die Einzelartikel des Buches nicht im Internet und auf "zeit.de" zusammensuchen will, ist eine Anschaffung im großen und ganzen empfehlenswert, auch wenn man bei einigen der zeitgenössischen philosophischen Autoren das Gefühl hat, daß ihr Text etwas zu kurz geraten ist und schon zu Ende ist, bevor sie richtig in Fahrt kommen (Susan Neiman und Byung-Chul Han ausgenommen).

Dieses ZEIT-Buch lehrt Philosophie und es vermittelt ganz nebenher ein ambivalentes Lehrstück zur Politik und zur Pressefreiheit. Womöglich wird eine Gesellschaft scheitern, die nicht in der Lage ist, der Meinungs- und Unterhaltungsmacht großer Zeitungen, die mühelos Bücher wie das vorliegende auf den Markt bringen können, Pluralität entgegenzusetzen.


Auf den Spuren der Intuition
Auf den Spuren der Intuition
von Thomas Gonschior
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 17,99

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Intuition: Großartige Stimmen und Stellungnahmen, aber …, 8. November 2014
… aus der Sicht des Gebührenzahlers ist das Buch eine Chuzpe des öffentlich-rechtlichen Rundfunks (ÖR), in dem Falle des bayerischen, der sich zweimal bezahlen läßt.

Wie muß man das denn verstehen? Der Wissenschaftskanal BR-alpha, dessen Logo auf dem Buchdeckel prangt, ist doch eines der besten Angebote des ÖR, das sich insbesondere bei Erwachsenen und älteren Bürgern großer Beliebtheit erfreut.

GROSSE NAMEN
sind im Buch versammelt, die in Interviews zur Intuition befragt wurden:
• Die Quantenphysiker Hans-Peter Dürr und Anton Zeilinger,
• der Physiknobelpreisträger und Unternehmer Gerd Binnig,
• der Psychologe und Intuitionsforscher Gerd Gigerenzer,
• der Benediktinerpater und Zen-Meister Willigis Jäger,
• der Benediktinerpater Anselm Grün,
• der Neurobiologe und Psychiater Joachim Bauer,
• der Hirnforscher Gerald Hüther und
• der Biologe Rupert Sheldrake,
um einige aufzuzählen.

KRAFTVOLLE GEDANKEN
werden beigesteuert:
• "Das wirklich Neue kann nur durch Intuition kommen." (Zeilinger),
• Man sollte intuitive Entscheidungen vom Rechtfertigungszwang befreien und sie qualitätskontrollieren. (Gigerenzer),
um nur zwei zu nennen.

Soweit, so gut. Fraglos hat der Gebührenzahler diesen Inhalt finanziert.

DIE PRAXIS DER WELTBESTEN
Viele ÖR-Konsumenten wollen noch einmal nachlesen, was sie gesehen und gehört haben und freuen sich, wenn ein Buch zur Sendung herauskommt. Beim nationalen australischen Rundfunk ist dagegen eine Transkribierung wichtiger Sendungen eine Selbstverständlichkeit. Die Bereitstellung der Sendung in Textform ist ohne Wenn und Aber in den Rundfunkgebühren enthalten. Ein Buch wie das von Gonschior gäbe es dort nicht. Es wäre umweltfreundlich als PDF von der Internetseite herunterladbar. Anders ausgedrückt: Das digitale Buch für den Kindle oder ein anderes eBuch-Lesegerät wäre dort kostenlos.

IM POLITISCHEN SUMPF
Das miserable Preis-Leistungsverhältnis des Buches im Hinblick darauf, daß es ohne erkennbaren Aufwand aus einer Sendereihe abgeleitet ist, die die Bürger schon bezahlt haben, hat prinzipielle Ursachen. Im Kern ist das die dreiste Selbstbedienungsmentalität des ÖR, die mittlerweile gewichtige Kritiker gefunden hat:
a) Handelsblatt:
Der Medienexperte Hans-Peter Siebenhaar vom Handelsblatt deckt in seinem Buch Die Nimmersatten: Die Wahrheit über das System ARD und ZDF die Mißwirtschaft und Verschwendung sowie die Verfilzung des ÖR mit der Politik auf. Siebenhaar legt dar, daß die deutschen Politiker diese Anstalten als ihr Eigentum betrachten.
b) FAZ:
Sogar die Frankfurter Allgemeine, die sonst gerne alles mögliche rechtfertigt, was staatliche Organe am Bürgerwillen vorbei versuchen durchzusetzen, hat kürzlich am Urteil der Verfassungsgerichtshöfe, daß der Rundfunkbeitrag verfassungsgemäß sei, überraschend scharfe Kritik geäußert. Der für Medien zuständige Redakteur Michael Hanfeld schrieb: "Diese Rundfunkurteile sind ein Witz" (16.05.2014).

Gegen Gebühren für einen redaktionell völlig unabhängigen, werbefreien öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der unter der Kontrolle der Bürger und nicht der politischen Parteien steht, und der bereit ist, sich mit den Besten der Welt zu messen, kann es natürlich nicht die geringsten Einwände geben. Von einem ÖR mit diesen Attributen sind wir in Deutschland allerdings noch so weit entfernt, daß einem schon die Intuition sagt, daß die Zwangsbeiträge nicht rechtens sein können.

BEWERTUNG im einzelnen
Wie gut sind die britische BBC und was bietet alles die australische ABC? Nur wenn man schaut, was die besten Sender der Welt offerieren, kommt man zu einer realistischen Bewertung des deutschen Angebots. Aus meinen Vergleichungen mit der anglophonen Welt schlage ich folgende objektive Bewertungskategorien vor, nach denen dieses Buch leider rettungslos desaströs abschneidet:
0 Sterne: Aufbereitung der Inhalte im Buch in Relation zum Material der zugeh. Sendereihe: kein Mehrwert
0 Sterne: Ausstattung: schwach (kein Register zum Nachschlagen)
0 Sterne: Präsentation der Inhalte: nicht besser als eine woanders kostenlose Transkription
0 Sterne: Mehrwert zur Praxis der weltbesten Wissenschaftssender: Null
5 Sterne: Auswahl und Beiträge der Interviewpartner: erwartungsgemäß sehr gut
0 Sterne: Preis-Leistungsverhältnis (Maßstab ABC): Sehr schlecht
Insgesamt: 1 Stern

FAZIT
Ich appelliere insbesondere an die ältere, vielleicht etwas anglophobe Fangemeinde des ÖR nicht alles hinzunehmen, was unser Staat ihnen vorsetzt und internationale Bewertungsmaßstäbe ins Kalkül zu nehmen, indem sie z.B. einmal bei ABC, der nationalen australischen Sendeanstalt, deren redaktionelle Unabhängigkeit übrigens gesetzlich garantiert wird, hineinschauen.

Auch wenn dieses BR-alpha-Buch für sich genommen für deutsche Verhältnisse passabel ist, ist es im internationalen Vergleich nur eine freche Geschäftemacherei. Was hier extra verkauft (die "Nimmersatten" lassen grüßen) wäre beim australischen öffentlich-rechtlichen Rundfunk auf seiner Internetseite als Inhalt kostenlos, recherchierbar und umweltfreundlich abrufbar.

Die älteren vielleicht etwas staatskonformeren Zuschauer des deutschen ÖR bitte ich vor Ihrer instinktiven Abwertung dieser Rezension noch einmal innezuhalten und sich zu fragen, ob diese Zeilen nicht von dem Geist getragen werden, unser Gemeinwesen zu verbessern und daher eine Bestätigung verdienen.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Nov 13, 2014 11:55 PM CET


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