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Rezensionen verfasst von
Benedictu
(TOP 1000 REZENSENT)   

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Streiten will gelernt sein: Die kleine Schule der fairen Kommunikation
Streiten will gelernt sein: Die kleine Schule der fairen Kommunikation
von Simone Pöhlmann
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,95

4.0 von 5 Sternen Vor der Konfliktlösung steht die Selbsterkenntnis, 17. Juli 2014
Die große Stärke dieses kleinen Büchleins ist sein Ansatz, sich zuerst über seine eigenen Wertevorstellungen Klarheit zu verschaffen und zuerst die eigene Befindlichkeit über eigene Bedürfnisse und Gefühle zu artikulieren statt den anderen gleich mit Vorwürfen zu bombardieren. Dabei helfen zahlreiche praktische Beispiele und Checklisten zur Selbsterforschung.


In jedem steckt ein Optimist: Wie wir lernen können, eine positive Lebenseinstellung zu gewinnen
In jedem steckt ein Optimist: Wie wir lernen können, eine positive Lebenseinstellung zu gewinnen
von Elaine Fox
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

4.0 von 5 Sternen Die Wissenschaft vom Optimismus und Pessimismus, 15. Juli 2014
Ein Blick auf das englische Original Rainy Brain, Sunny Brain: The New Science of Optimism and Pessimism by Fox, Elaine (2012), das "Wissenschaft" im Titel führt, befreit einen gleich von der überoptimistischen Meinung, man könne das Buch mal eben schnell durchlesen ;-). Tatsächlich ist es anstrengend, allerdings auch lohnend. Dafür sorgt die Autorin Elaine Fox mit ihrer Fachkompetenz als Professorin für kognitive Psychologie. Trotz des Einstiegs in die Neuroanatomie und Genetik sowie der Referierung zahlloser wissenschaftlicher Studien kommen die lebenspraktischen Aspekte im Kapitel "Neue Techniken zur Umbildung unseres Gehirns", das den Abschluß des Buches bildet, nicht zu kurz.

Hilfreich ist, daß der Übersetzer zahlreiche Begriffe zusätzlich auf englisch angegeben hat. Hier eine Auswahl, die einerseits ein bißchen das Niveau des Buches reflektiert, andererseits die Thematik adressiert, die der deutsche Buchtitel verspricht:
• Zwangsstörung - OCD obsessive-compulsive disorder
• Diffusionstensor-Bildgebung - DTI diffusive tensor imaging
• Hedonische Färbung - hedonic tone
• Kognitive Verhaltenstherapie (Gesprächstherapie) - CBT cognitive behavioural therapy
• Modifikation von kognitiven Verzerrungen - CBM (cognitive bias modification)
• Gerichtete Aufmerksamkeit - FA focused attention
• Offenes Gewahrsein - open monitoring
• Achtsamkeitsmeditation - mindfulness meditation
• Achtsamkeitsbasierte kognitive Verhaltenstherapie - mindfulness CBT

Die Autorin ist in Dublin aufgewachsen, orientiert sich in ihrem Schreibstil aber an der Art, wie man amerikanische Sachbücher kennt, nämlich mit Anekdoten bis zum Abwinken, ob sie passen oder nicht. Der Optimismus von Thomas Alva Edison und Nelson Mandela paßt ja perfekt hinein, aber Barack Obama mit vier Einträgen im Namensregister und Zitaten aus seiner Wahlkampfrede als Vorzeigeoptimisten zu präsentieren ist ärgerlich, zumal Guantánamo allen seinen Versprechen zum Trotz immer noch nicht geschlossen ist und der Friedensnobelpreisträger sogar George W. Bush in der Zahl drohnenbasierter Exekutionen ohne Gerichtsbeschluß weit in den Schatten stellt. Wenn schon Obama, dann hätte die Autorin zum Ausgleich aber auch den Umweltaktivisten und früheren amerikanischen Präsidentschaftskandidaten Al Gore mit seinem legendären Spruch "Der Optimismus ist unser Untergang" zitieren müssen ;-).

Viel zu langatmig ist außerdem die Referierung von Forschungsergebnissen. So referiert die Wissenschaftlerin nicht nur, was ihre Kollegen an anderen Unis so alles erforscht haben, sondern gibt auch jedes Mal an, wer es war, unter ermüdender Nennung aller Koautoren-Namen, wo doch sowieso alle Quellen mit allen Autoren von ihr in den Anmerkungen, wie sich ja für einen ordentlichen Wissenschaftler gehört, nachgewiesen werden.

FAZIT
Auf ein Drittel des Buches hätte die Autorin glatt verzichten können, der Rest ist hochinteressant und lehrreich.
2 Sterne | die unnötig aufgeblähten Passagen
5 Sterne | der Rest
Gemittelt ergeben sich 3,5 Sterne


Kriminalgeschichte des Christentums: Band 9: Mitte des 16. bis Anfang des 18. Jahrhunderts. Vom Völkermord in der Neuen Welt bis zum Beginn der Aufklärung
Kriminalgeschichte des Christentums: Band 9: Mitte des 16. bis Anfang des 18. Jahrhunderts. Vom Völkermord in der Neuen Welt bis zum Beginn der Aufklärung
von Karlheinz Deschner
  Taschenbuch
Preis: EUR 14,00

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Deschner widerlegt oder nur entzaubert?, 11. Juli 2014
Dieser Band aus der Kriminalgeschichte des Christentums ist einer der aufschlußreichsten. In mehrfacher Hinsicht: Einerseits in bezug auf die wie immer bei Deschner großartige Faktenfülle, mit der er das Ausmaß des ungeheuren Völkermordes in der Neuen Welt beschreibt, aber auch mit kritischem Blick auf seine Arbeitsmethodik und Argumentationsstrategie. Ich habe viele Bücher Deschners gelesen und rezensiert. Es spricht für ihn, daß er alle seine Quellen angibt, was kritische Leser in die Lage versetzt, sie zu überprüfen und ggf. bei falscher Verwendung auch gegen ihn zu wenden. Ich werde das im folgenden tun und an einem Beispiel zeigen, wie Deschner aus einer universitären Forschungsarbeit eine Aussage ableitet, die das Gegenteil der Überzeugung ist, die derjenige gewinnt, der diese Forschungsarbeit der Hand hält und selber sichtet. Der Fehler ist beileibe keine Kleinigkeit, er ist tatsächlich schwerwiegend und tritt an zentraler Stelle auf. Die Freunde Deschners werden am Ende dieser Rezension also vor einem bösen Dilemma stehen:
I) Deschner hat nicht akribisch recherchiert und auch nicht alle angegebenen Sekundärquellen selber gesichtet (dafür aber seine Leser nicht absichtlich getäuscht) oder
II) Deschner hat akribisch recherchiert, die angegebenen Sekundärquellen selber gesichtet und seinen Leserkreis bewußt getäuscht.

Vor der Erörterung der Details will ich zuerst auf eine Unsitte in der Argumentation Deschners eingehen, die wohl da herrührt, daß er, wie er selber angab, aus Feindschaft schreibe und die sich vielleicht am besten durch ein unschuldiges Gedankenexperiment erschließt:

GEDANKENEXPERIMENT
Nehmen wir an, eine außerirdische Macht mit ausgeprägtem Gerechtigkeitssinn hat die Kontrolle über alle Zivilisationen des Universums gewonnen. Ihr kommt in den Sinn, der Evolution des Guten durch eugenische Maßnahmen, durch Eliminierung alles Bösen nachzuhelfen und sitzt deshalb zu Gericht, um zu entscheiden, welche Zivilisation weiterleben darf. Das Sündenregister der Menschen vom Völkermord an den Indianern, Ukrainern, Juden, Armeniern, Japanern etc. ist so gewaltig, daß die Auslöschung der Menschen beschlossen wird. In einer letzten Petition vor der Vollstreckung argumentieren die Menschen verzweifelt, daß es doch Spanier, Portugiesen, Russen, Deutsche, Türken und Amerikaner gewesen sind. Und nicht DIE Menschen. Das Gericht fragt: "Sind diese Bösen, die ihr aufzählt, nun Menschen, oder nicht?" Die Antwort ist ja. Außerdem stellt das Gericht fest, daß die guten Menschen sowieso am gefährlichsten sind, weil man sie leicht mit der Menschheit verwechselt. Das Urteil wird vollstreckt.

WAREN ES CHRISTEN, DIE DIE MORDE BEGINGEN ODER WAREN ES SPANIER?
Ganz analog denkt Deschner. Da damals alle Europäer Christen waren, waren logischerweise alle Mordbrenner in der Neuen Welt Christen. Die Christen trifft also die ganze Schuld, erzählt der Autor im ganzen Buch. Der Leser muß sich nun überlegen, ob er ein aufgeklärter oder ein radikaler Religionskritiker sein will. Für einen aufgeklärten Kritiker des Christentums ist die logische Kohärenz wichtiger als die Verdammung der Christen. Für den radikalen Religionskritiker - analog zum Gedankenexperiment - ist der Gerechtigkeitsfuror wichtiger als die Logik. Demgemäß behauptet Deschner: "Die guten Christen sind am gefährlichsten – man verwechselt sie mit dem Christentum".

WAREN ES DIE SPANIER ODER NUR EIN BESTIMMTER MENSCHENSCHLAG
Zweifellos dürften Selektionsmechanismen beim Auszug der Europäer in die neue Welt am Werk gewesen sein. Wohl waren es mutige und kluge Leute, wie typisch bei Auswanderern, aber vor allem auch abenteuerlustige, solche, die nichts zu verlieren hatten, vielleicht auch vor allem ein gewinnsüchtiger Menschenschlag von Spaniern, der sich die neuen Territorien unterwarf. Deschner liefert in diesem Band so viel Material, daß er selber darauf hätte kommen können. Oder wie will er erklären, daß die Siedler aus einem solchen besonderen Holz geschnitzt waren, daß sie sogar vor dem Mord am eigenen Vizekönig nicht zurückschreckten, um das Verbot der Indianerversklavung gemäß der neuen Gesetze aus den europäischen Heimatlanden zu umgehen? Weiter unten dazu mehr.

DER RADIKALE WIRD SEINEM GEGNER ÄHNLICH
Anders als der radikale amerikanische Religionskritiker Sam Harris (Das Ende des Glaubens: Religion, Terror und das Licht der Vernunft) spielt Deschner (Gott sei Dank) nicht mit dem Gedanken eines Atomschlages gegen die heiligen Stätten im Nahen Osten, aber seine fehlende Bereitschaft zur Unterscheidung von guten und bösen Christen erinnert halt doch an die Kompromißlosigkeit derer, die er vielleicht am meisten haßt, die Kreuzritter. Als die im Jahre 1209 über die französische Stadt Béziers herfielen, soll bei der Nachfrage aus den Reihen der Ritter, wie mit den Unschuldigen zu verfahren sei, von dem Zisterzienserabt Arnaud Amalric (dt. Arnold Amalrich) die Devise ausgegeben worden sein: „Tötet sie. Der Herr wird die Seinen schon erkennen.“ Manchen amerikanischen Elitesoldaten (special forces) gefiel das so gut, daß sie in Vietnam Aufnäher trugen mit dem Text “Kill ‘em all, let God sort ‘em out” (Tötet sie alle, laßt Gott sie aussortieren). Argumentativ verfährt Deschner wie seine größten Gegner, wenn er die Differenzierung ablehnt und die Christen schlechthin verdammt. Schlimm nur, daß, nachdem er sich nach dem Vorbild der Kreuzritter die Sortierarbeit gespart hat, er anders als diese keine ordnende höhere Instanz mehr angeben kann, die sich um eine finale Sortierung kümmern würde. Sie bleibt am Leser hängen.

DER GRÖßTE VÖLKERMORD ALLER ZEITEN
Der wichtigste Gewährsmann für Karlheinz Deschner für den Völkermord in der Neuen Welt ist der aus französischem Adel stammende in Sevilla geborene Dominikaner Bartolomé de Las Casas (1474-1566).

Deschner schreibt: "Las Casas, der beteuert, die von ihm beschriebenen Greuel und «noch unzählige andere» mit «eigenen Augen gesehen» zu haben, nennt es «eine allgemeine Regel» unter den Spaniern, «grausam zu sein; nicht nur grausam, sondern außerordentlich grausam». Ergötze es sie doch gerade, «alle Arten ausgefallener Grausamkeiten zu erfinden, je grausamer, desto besser.» Der Dominikaner, vielleicht der prominenteste außereuropäische Kirchenmann bis heute, aber auch bis heute bei seinen Landsleuten in schlechter Erinnerung, berichtet das «Metzeln und Würgen von Greisen und Schwangeren, von Neugeborenen, die diese Christen von den Brüsten ihrer Mütter rissen, hohntriefend gegen Felsen schleuderten, ins Wasser warfen. Sie töteten wie zum Spaß oder aus Sport und begruben viele lebendig. Auch ließen sie Mutter und Kind zugleich über die Klinge springen, schnitten Zweijährigen die Kehle durch, fütterten ihre Bluthunde mit lebend zerstückelten Indianerbabys vor den Augen derer, die sie zur Welt gebracht."

Las Casas, der selbst noch als Priester Indianersklaven zur Bewirtschaftung seiner Landgüter auf Haiti und Kuba besessen habe, wurde erschüttert und durch die Ausbeutung, die Greuel, die Massaker habe er einen vollständigen Sinneswandel vollzogen. Er habe den Schutz der Indios, den Kampf gegen die Conquista, zu seiner Lebensaufgabe und erreichte eine stufenweise Abschaffung der Indianer-Versklavung in den Kolonien und ein Verbot der Zwangsarbeit (Nuevas Leyes von 1542). Siebenmal habe Las Casas deshalb den Ozean überquert und endlich bei Fortdauer der Barbarei gegen Freiheit und Leben der Indios den Rückzug der Spanier aus Amerika gefordert.

Der Kirchenkritiker hat nun eigentlich ein Problem. Es war dummerweise ein Christ, auch noch ein Dominikanermönch, der das meiste für die Indianer getan hat, kein Atheist. Wenn der Kirchenkritiker jetzt einwendete, daß es damals ja auch kaum erklärte Atheisten gab, dürfte er auch nicht weiter darauf bestehen, daß die Eroberer in erster Linie Christen waren. Deschner schreibt aber: "Mehr als drei Millionen Menschen brachten nach Las Casas die Christen zwischen 1494 und 1508 auf Haiti um, durch Krieg, Sklaverei, Selbstmordepidemien, Zwangsarbeit in den Minen. Wer wird das künftig glauben, fragt er sich, wenn er, der Augenzeuge, es selbst kaum glauben könne. Heutige Forscher schätzen Haitis Bevölkerung bei der Landung der Spanier 1492 auf zwei bis vier Millionen, gelegentlich sogar auf vielleicht acht Millionen. 1510 aber hatte Haiti noch 46000 Einwohner, 1517 noch 1000."

Es ist nicht ganz einfach, den roten Faden in Deschners kirchenkritischer Argumentation zu finden. Einerseits heißt es, daß die neuen Verbote nur schwer durchzusetzen waren. In Peru habe der Vizekönig Vasco Nilitez de Vela, der es versuchte, dabei sein Leben verloren. Wegen der Proteststürme seien die Gesetze gerade in zentralen Bestimmungen wieder rückgängig gemacht worden. In den portugiesischen Kolonien habe es sich ähnlich verhalten. «Im 16. Jahrhundert fand sich in Brasilien kein Missionar, der die Ansichten eines Las Casas über die Indianer geteilt hätte» Dies ist ein Zitat Deschners aus Georg Thomas Werk Die portugiesische Indianerpolitik in Brasilien 1500-1640.(1968)".

► DIE ENTSCHEIDENDE FRAGE: HAT DESCHNER GELOGEN ODER SCHLECHT RECHERCHIERT
Das Zitat «Im 16. Jahrhundert fand sich in Brasilien kein Missionar, der die Ansichten eines Las Casas über die Indianer geteilt hätte» suggeriert, daß der Anti-Rassist und Indianerfreund Las Casas zwar unglücklicherweise ein Dominikaner war, aber halt der einzige, gewissermaßen eine Ausnahme. Daß hier womöglich etwas unstimmig ist, merkt ein aufmerksamer Leser sofort. Wenn das Zitat korrekt ist, gab es vielleicht einen naheliegenderen anderen Grund dafür, warum die portugiesischen Missionare sich nicht zu Las Casas bekannten, als den, den Deschner glauben machen will. Jeder Leser kann darauf kommen: Wenn der Druck habgieriger Siedler, die ihren Wohlstand durch die Aufrechterhaltung der Sklaverei gegen die neuen Gesetze sichern wollten, so groß war, daß sie sogar ihren Vizekönig umbrachten - wie Deschner selber schreibt -, dann hätten sie doch vor einem kleinen Missionar, der sich öffentlich zu Las Casas bekannt hätte, nicht haltgemacht. Deschner hätte es sich zu einfach gemacht, wenn er von einer erfolgreichen Einschüchterung seitens einer Mordbande auf die Gleichartigkeit der Gesinnung der Gesetzlosen und der von ihnen Eingeschüchterten schlösse.

Tatsächlich war die damalige Lage komplizierter, aber der Anfangsverdacht bestätigt sich: Wer sich den Dissertationsband aus der Biblioteca Iberoamericana beschafft, der sich detailliert auf Basis der einschlägigen Archive mit der portugiesischen Eingeborenenpolitik in Brasilien in den Jahren 1500-1640 auseinandersetzt, und auf der Seite 17 den Satz, den Deschner daraus zitiert, nachschlägt, findet folgendes:
• Das Zitat stimmt, aber
• dort steht nicht nur viel mehr, sondern
• am Ende das Gegenteil dessen, was Deschner seinen Lesern nahelegte.
Die Antipathien der Missionare gegenüber den Indianern gab es, aber sie lagen darin begründet, daß die Eingeborenen von Menschenfleisch lebten. Trotzdem haben die Missionare sie gegen die Siedler, die billige Arbeitssklaven für ihre Pflanzungen suchten, in Schutz genommen.

■ Thomas S. 17
Der Wissenschaftler Georg Thomas beschreibt die Situation im einzelnen so: «Die Haltung der Jesuiten scheint sich in diesen Fragen kaum von der allgemeinen Ansicht in der Kolonie unterschieden zu haben. Im 16. Jahrhundert fand sich in Brasilien kein Missionar, der die Ansichten eines Las Casas über die Indianer geteilt oder dessen Forderungen bezüglich der Rechte der Europäer auf die amerikanischen Besitzungen vertreten hätte. Nach der Auffassung der brasilianischen Jesuiten war der Indianer weder der "unschuldige Naturmensch” Caminhas, noch waren ihm die sympathischen Züge eigen, die der spanische Dominikaner bei seinen Schützlingen vorfand. Wenn etwa Nogueira, einer der Gesprächspartner des Diálogo sobre a conversáo do gentio des Jesuiten Nóbrega, über die Indianer sagt, daß sie „wie Hunde seien, indem sie sich gegenseitig töten und verspeisen, und Schweine in ihren Lastern und ihrem Verhalten untereinander, so hätte ein Siedler diese Feststellung kaum drastischer und verächtlicher aussprechen können. Selbst Anchieta, der "Apostel der brasilianischen Indianer", brachte seinen Zöglingen keine Sympathien entgegen, wenn er sie auch selbstlos gegen das Unrecht der Siedler verteidigte. Seine Beurteilung des indianischen Charakters ist überwiegend negativ. Die unzähligen Laster, Polygamie, Trunksucht, Kriegslüsternheit, dazu Unbeständigkeit in Vorsätzen, geringe Neigung zum christlichen Glauben und Mangel an Unterwürfigkeit stießen den Pater ab und ließen ihn zu der Überzeugung kommen, daß die Eingeborenen in ihrer Wildheit und Unbezähmbarkeit dem Wesen der Tiere näherständen als dem des Menschen.»

■ Thomas S. 99
Auf Seite 99 führt Thomas aus, daß entflohene Indianersklaven in den aldeias (Dörfchen) der Patres Unterschlupf fanden und von diesen gegen die Forderungen der Pflanzer verborgen gehalten wurden. Dort heißt es: «Die Jesuiten, die Vorkämpfer der Indianerfreiheit und Initiatoren der königlichen Gesetze zum Schutze der Eingeborenen, traf die besondere Wut der Pflanzer.»

■ Thomas S. 156
In seiner Zusammenfassung am Ende seiner historischen Studie schreibt Thomas auf S. 156: «Die ohnehin in vielen Aspekten nachsichtige Haltung der Krone, die unter bestimmten Bedingungen die Versklavung von Eingeborenen erlaubte und die Bewohner der aldeias zu Arbeiten bei den Pflanzern zur Verfügung stellte, wurde von den Siedlern Brasiliens als Bedrohung der eigenen Lebensinteressen betrachtet. In den südlichen Kapitanien, wo die Indianer die einzigen Arbeitskräfte der Europäer waren, schreckten die portugiesischen Siedler nicht vor Gewaltanwendung zurück, um die Vorkämpfer der Indianerfreiheit, die Jesuiten, zum Schweigen zu bringen.»

Eigentlich wollte ich in der Forschungsarbeit von Thomas nur die Seite 17 nachschlagen und mich nicht in die Indianerpolitik der portugiesischen Krone vertiefen. Der Stoff ist aber insgesamt so fesselnd, allein schon wegen der Unterschiede der südamerikanischen Indianerkulturen zu den bekannteren Mittel- und Nordamerikas, daß es mir schwerfällt anzunehmen, daß sich Deschner ihm entzogen haben könnte, sofern er diese Arbeit einmal in den eigenen Händen hielt.

DER FALL GALILEI - eine urbane Legende?
Auch beim Fall Galilei geht es "nur" um Falschheit durch Weglassung. Im Register wird auf ein Dutzend Seiten mit Einträgen über Urban VIII, den Widersacher Galileo Galileis, verwiesen. Seltsamerweise kein einziger Hinweis bezieht sich auf Galilei. Wissenschaftshistorisch ist die Position Galileis - aus der Perspektive dessen, was damals bekannt war - unhaltbar. Davon abgesehen, daß der Nachweis der jährlichen Sternenparallaxe, das experimentum crucis für das heliozentrische Weltbild, erst im Jahre 1838, also gut 200 Jahre nach dem Prozeß gegen Galilei gelang, hatte Galilei zwar das heliozentrische Weltbild als bewiesen behauptet, mußte aber noch von ptolemäischen Epizykeln ausgehen, da er auf Planetenbahnen als Kreisbahnen beharrte. Daß der große Physiker Galilei unbestritten ein Genie war, verführt heutige Zeitgenossen zur Meinung, das er in allem recht hatte. Das heliozentrische Weltbild in der speziellen Form, wie er es als bewiesen behauptete, ist aber falsch. Der große deutsche Astronom Johannes Kepler (1571-1630), der seine beiden ersten Gesetze zur Planetenbewegung bereits 1609 während seiner Zeit als kaiserlicher Hofmathematiker in Prag veröffentlichte, also 24 Jahre vor dem Inquisitionsprozeß gegen Galilei, wußte es längst besser, aber mit dem wollte der starrsinnige Galilei keinen ernsthaften Dialog führen. Kepler konnte zeigen, daß die Epizyklen des alten Ptolemäischen Weltbildes und die Rest-Epizyklen Galileis Humbug sind. Es gibt keine Epizyklen in der physikalischen Wirklichkeit, sie sind ein mathematisches Konstrukt. Vielmehr ist es so, daß sich die Planeten auf Ellipsenbahnen bewegen. Die Frage, die sich bei dieser Sachlage stellt, ist die: Wußte Deschner das alles und hat diese Affäre, da sie nur bedingt geeignet ist, die katholische Kirche zu desavouieren, einfach ausgelassen? Oder hat er vor lauter Päpsten und ihren Kriegen nicht mehr gesehen, was sonst in der Welt passierte (s. Wider den Methodenzwang (suhrkamp taschenbuch wissenschaft)).

FAZIT
Das größte Problem, das Deschner seinen Lesern aufbürdet, hängt wohl mit folgender Erklärung des Autors zusammen: „Ich schreibe aus Feindschaft. Denn die Geschichte derer, die ich beschreibe, hat mich zu ihrem Feind gemacht“. Dazu meinte der ehemalige Priester und Professor für Kirchengeschichte an der Universität Bamberg, Georg Denzler, der selbst mit kirchenkritischen Schriften hervorgetreten ist: „Eine solche Motivation kann niemals die Basis für eine ernst zu nehmende Geschichtsschreibung sein.“ Der kritische Leser weiß tatsächlich nicht, ob er sich auf Deschner verlassen kann. Der Deschner-Anhänger weiß das schon eher, denn natürlich bekommt der das, was er von Deschner hören will, nämlich den eloquenten Verriß alles Christlichen. Auch der FAZ- oder ZEIT-Abonnent, bekommt ja nicht so etwas wie die Wahrheit von seiner Zeitung, sondern das, was er besonders gerne liest (SPIEGEL-Leser bekommen auch gerne einmal echte Falschmeldungen aufgetischt :-). Insofern wären Deschners Schriften nicht schlechter als die anderen nicht-wissenschaftlichen Printerzeugnisse, aber halt auch nicht besser.

AKRIBISCH RECHERCHIERT und ABSICHTLICH GELOGEN oder SCHLAMPIG RECHERCHIERT?
Deschner zitiert Georg Thomas aus seiner Forschungsarbeit mit einem einzigen Satz, um zu zeigen, daß die Missionare die Bösen sind. Wer bei Thomas, der zur Auswertung der zahlreichen Originalarchive eigens nach Portugal und Brasilien reisen mußte, dann nachschlägt - wieviele tun das von Deschners Lesern? - findet, daß dort das Gegenteil steht, daß nämlich die Missionare die Guten waren. In der Abhandlung von Georg Thomas wird unmißverständlich einsichtig, daß die jesuitischen Missionare in Brasilien die Vorkämpfer der Indianerfreiheit waren. Manchem Leser schwant vielleicht, daß Deschner sein schriftstellerisches Talent womöglich an den falschen Gegner verschwendet hat. Zumal, wenn diesem Gegner nur mit verfälschten Informationen beizukommen ist, seien sie nun absichtlich (haßbedingt) oder unabsichtlich (schlampigkeitsbedingt) verzerrt oder gar - wie hier - ins Gegenteil verdreht worden. Im ersten Band Kriminalgeschichte des Christentums, Bd.1, Die Frühzeit in seiner ausführlichen Einleitung zum Gesamtwerk behauptete Deschner auf S. 65: "Und nicht, weil ich nicht, was auch wahr ist, geschrieben habe, bin ich widerlegt. Widerlegt bin ich nur, wenn falsch ist, was ich schrieb". Ganz offensichtlich handelt es hier um eine folgenschwere Selbsttäuschung bzw. einen seiner größten Irrtümer.

DESCHNER ENTZAUBERT?
Die Enttäuschung ist groß, denn sein ganzes Werk steht auf unsichererem Grund als angenommen. Trotzdem will ich den Karlheinz Deschner nicht so abschließend beurteilen wie er den Martin Luther (s. den fundamentalen Verriß in Kap. 12 von Kriminalgeschichte des Christentums. Band 8: Das 15. und 16. Jahrhundert. Vom Exil der Päpste in Avignon bis zum Augsburger Religionsfrieden), sondern eher so, wie Heinrich Heine über Luther urteilte in Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland, als einen deutschen Mann, der große "Tugenden und Fehler" in einer Person vereinte. Deschner hatte ein Gespür für Ungerechtigkeit. Dieser neunte Band der Kriminalgeschichte bleibt - trotz seines unentschuldbaren Fehlers an zentraler Stelle - lesenswert, weil er das Ausmaß eines ungeheuren Völkermordes beschreibt und präsent hält.

Karlheinz Deschner war ein großer Humanist. Er gehörte zu den wenigen Menschen im Westen, die die gezielte und ggf. massenhafte Tötung von Frauen und Kindern im Krieg nicht schönreden, sondern als Mord bezeichnen (s. z.B. Die Politik der Päpste: Vom Niedergang kurialer Macht im 19. Jahrhundert bis zu ihrem Wiedererstarken im Zeitalter der Weltkriege bzw. vgl. das Buch, wo sie ein westlicher Militärhistoriker schönredet: Eine kurze Geschichte der Menschheit). Deschner hatte offenbar keine Vorstellung davon, wie wenige Zeitgenossen zu einer solchen unmißverständlichen Verurteilung dieses häßlichen, inoffiziellen Teils der westlichen Militärdoktrin den Mut aufbringen, sonst würde er vielleicht eingesehen haben, daß es gegen die säkularen und fundamentalistischen Bellizisten in der Welt eine Allianz aus Humanisten (Agnostikern und Atheisten) und wohlgesinnten Christen bräuchte, als haßgeladene Polemiken der letzteren untereinander.

Als gemäßigt religionskritischer Rezensent bin ich dem Ratschlag Immanuel Kants gefolgt und habe selber gedacht und selber recherchiert :-). Aus der Amazon-Bewertungsstatistik dieser Rezension wird man über die Jahre vielleicht ablesen können, ob die überzeugten Anhänger von Deschner, die wie er dem Christentum haßerfüllt gegenüberstehen, vor allem Deschners Faktenwissen oder eher seine scharfe Rhetorik bewundert haben ;-).


Die portugiesische Indianerpolitik in Brasilien 1500-1640.
Die portugiesische Indianerpolitik in Brasilien 1500-1640.
von Georg Thomas
  Taschenbuch

5.0 von 5 Sternen Die Jesuiten waren die Vorkämpfer der Indianerfreiheit in Brasilien, 11. Juli 2014
In dieser aufschlußreichen historischen Studie legt der Autor Georg Thomas dar, daß die portugiesische Eingeborenenpolitik in Brasilien sich im wesentlichen auf die Freiheitsgesetzgebung für die Indianer richtete, deren Ansiedlung in aldeias und die Regelung der Indianerarbeit, und er führt aus, welchen Widerständen diese Politik ausgesetzt war.

Der Wissenschaftler schreibt: "In der Zeit vor der Kolonisierung Brasiliens bemühte sich die Krone um freundschaftliche Beziehungen zu den Eingeborenen, um sie dem Einfluß der französischen Rivalen zu entziehen. Mit der Besiedlung des Landes verbreitete sich die Sklaverei, die die Krone im Interesse einer wirtschaftlichen Entwicklung der Kolonie billigte. Etwa zu der Zeit, als im spanischen Amerika bereits ein vollständiges Verbot der Indianersklaverei ausgesprochen wurde, begannen in Brasilien die ersten Bemühungen um die Freiheit der Eingeborenen."

DIE JESUITEN
Die Jesuiten waren die Vorkämpfer der Indianerfreiheit gegen die Interessen der Siedler an billigen Indianersklaven. Anders jedoch als die Spanier, die zuerst mit indianischen Hochkulturen in Berührung kamen wurden die Portugiesen mit wilden Indianerstämmen konfrontiert, deren Kultur sich viel grundlegender von der europäischen unterschied. Thomas schreibt auf S. 17 mit bezug auf Bartolomé de las Casas, des spanischen Dominikanermönches, der den Schutz der Indios in den spanischen Kolonien zu seiner Lebensaufgabe machte: "Die Haltung der Jesuiten scheint sich in diesen Fragen kaum von der allgemeinen Ansicht in der Kolonie unterschieden zu haben. Im 16. Jahrhundert fand sich in Brasilien kein Missionar, der die Ansichten eines Las Casas über die Indianer geteilt oder dessen Forderungen bezüglich der Rechte der Europäer auf die amerikanischen Besitzungen vertreten hätte. Nach der Auffassung der brasilianischen Jesuiten war der Indianer weder der "unschuldige Naturmensch” Caminhas, noch waren ihm die sympathischen Züge eigen, die der spanische Dominikaner bei seinen Schützlingen vorfand. Wenn etwa Nogueira, einer der Gesprächspartner des Diálogo sobre a conversáo do gentio des Jesuiten Nóbrega, über die Indianer sagt, daß sie „wie Hunde seien, indem sie sich gegenseitig töten und verspeisen, und Schweine in ihren Lastern und ihrem Verhalten untereinander, so hätte ein Siedler diese Feststellung kaum drastischer und verächtlicher aussprechen können. Selbst Anchieta, der "Apostel der brasilianischen Indianer", brachte seinen Zöglingen keine Sympathien entgegen, wenn er sie auch selbstlos gegen das Unrecht der Siedler verteidigte. Seine Beurteilung des indianischen Charakters ist überwiegend negativ. Die unzähligen Laster, Polygamie, Trunksucht, Kriegslüsternheit, dazu Unbeständigkeit in Vorsätzen, geringe Neigung zum christlichen Glauben und Mangel an Unterwürfigkeit stießen den Pater ab und ließen ihn zu der Überzeugung kommen, daß die Eingeborenen in ihrer Wildheit und Unbezähmbarkeit dem Wesen der Tiere näherständen als dem des Menschen. Was könne man von einer so bestialischen Rasse erwarten, die «von Menschenfleisch lebt und weder Gesetz noch König» kennt?"

UNTERSCHIEDE ZU DNE SPANIERN
Der Forscher stellt fest: "Auf portugiesischer Seite fehlten durchgreifende Maßnahmen und Erlasse, wie sie auf spanischer Seite die Leyes de Burgos oder die Leyes Nuevas darstellten. Die portugiesische Krone zeigte sich sehr nachsichtig gegen über den Forderungen der brasilianischen Siedler nach der Sklavenarbeit der Indianer und war auch bereit, offensichtliche Mißstände in der Kolonie zu dulden. Selbst die spanischen Könige mußten sich angesichts der Verhältnisse in Brasilien zu Konzessionen in der Indianerfrage bereit erklären, wie der vergebliche Versuch Philipps III., spanische Methoden der Indianerpolitik auf Brasilien zu übertragen, darlegt. Eine der bedeutsamsten Maßnahmen der portugiesischen Indianerpolitik in Brasilien war dagegen die Errichtung von aldeias, mit der die Krone ein dreifaches Ziel verfolgte, nämlich die Bekehrung der Indianer, die Sicherung des Landes gegen die Überfälle englischer und französischer Korsaren und die Bereitstellung von Arbeitskräften für die Plantagen der weißen Siedler. Die Verwaltung der aldeias bildete einen ständigen Anlaß für heftige Auseinandersetzungen zwischen Siedlern und Jesuiten. Die Patres übten zunächst die Verwaltung der aldeias im Auftrage des Königs und mit der Unterstützung des Gouverneurs aus. Die Opposition der Pflanzer bestimmte erstmals den Gouverneur Mem de Sá, vorübergehend Laienverwalter mit der Betreuung der aldeias zu beauftragen. Mehrfach versuchten die Siedler und später auch einige Gouverneure, die Jesuiten aus der Verwaltung der Indianersiedlungen zu entfernen."

WIRKSAMKEIT DER INDIANERGESETZGEBUNG
Abschließend stellt Thomas die Frage nach der Wirksamkeit der Indianergesetzgebung in Brasilien: "Die ohnehin in vielen Aspekten nachsichtige Haltung der Krone, die unter bestimmten Bedingungen die Versklavung von Eingeborenen erlaubte und die Bewohner der aldeias zu Arbeiten bei den Pflanzern zur Verfügung stellte, wurde von den Siedlern Brasiliens als Bedrohung der eigenen Lebensinteressen betrachtet. In den südlichen Kapitanien, wo die Indianer die einzigen Arbeitskräfte der Europäer waren, schreckten die portugiesischen Siedler nicht vor Gewaltanwendung zurück, um die Vorkämpfer der Indianerfreiheit, die Jesuiten, zum Schweigen zu bringen. Der Widerstand der Pflanzer gegen die Politik der Krone kam jedoch nicht allein in offener Rebellion zum Ausdruck. Eine andere Form des Widerstandes bestand darin, den ursprünglichen Sinn der königlichen Gesetze zu verfälschen und ihnen eine Deutung zu geben, die die Haltung der Pflanzer rechtfertigte."

METHODEN DER VERSKLAVUNG: BSP. RESGATE
Thomas erklärt, warum sich die Siedler bisweilen im Recht sahen: "Beim Erwerb von Sklaven machten sich die portugiesischen Siedler die Lebensgewohnheiten der Eingeborenen zunutze. Die ständigen Kriege der Eingeborenen untereinander führten zur Gefangennahme vieler Gegner, die zu Opfern kannibalischer Feste bestimmt waren. Die Gefangenen wurden von den Portugiesen als Indios da corda bezeichnet, da sie von ihren Feinden an einem Strick als Kriegsbeute weggeschleppt wurden. Die weißen Siedler erwarben viele dieser Gefangenen entsprechend den Gegebenheiten überwiegend im Tausch gegen europäische Waren. Dieses Verfahren wurde resgate genannt. Da die Käufer die Indios da corda vor dem Tode bewahrten, hielten es die portugiesischen Siedler für gerecht, die erworbenen Eingeborenen zu zeitweiliger oder lebenslanger Sklaverei zu verurteilen. Die Krone bestätigte später des öfteren die Erlaubtheit und die Rechtlichkeit des resgate."

RESÜMEE DES AUTORS
Thomas resümiert: "Die königliche Indianerpolitik konnte nur in geringem Maße dazu beitragen, die Eingeborenenfrage in Brasilien in gerechter und befriedigender Weise zu lösen. Dafür muß nicht in erster Linie die Gesetzgebung der Krone, so unzureichend und nachsichtig sie in den einzelnen Fällen auch gewesen sein mag, verantwortlich gemacht werden, sondern in gleichem Maße der geringe Einfluß, den das Mutterland auf die Ereignisse in der Kolonie ausüben konnte, der Widerstand der Siedler, die Haltung vieler Gouverneure und schließlich der unüberbrückbar erscheinende Gegensatz zwischen humanen Forderungen und den wirtschaftlichen Gegebenheiten, die die Sklaverei forderten. "

Die eigentliche Lösung des Indianerproblems habe sich erst in späterer Zeit ergeben, einmal durch die vollkommene Ablösung der indianischen Arbeitskraft durch Sklavenimporte aus Afrika, zum anderen durch das Verschmelzen der Indianerbevölkerung mit der weißen und schwarzen Rasse. Diesem letzten Faktor habe die portugiesische Krone seit dem 18. Jahrhundert ihre Aufmerksamkeit gewidmet, indem sie die Vermischung zwischen Indianern und Weißen förderte.

FAZIT
Diese Studie zur Indianerpolitik der portugiesischen Krone ist vor allem eine gründliche wissenschaftliche Arbeit, die auf der Auswertung zahlreicher Archive in Spanien, Portugal und Brasilien basiert, sie ist aber auch spannend zu lesen. Faszinierend sind die offensichtlich werdenden Unterschiede der südamerikanischen Indianderkulturen zu denen Mittel- und Nordamerikas. Die Darstellung des Autors wird allen damaligen Akteuren gerecht: den Jesuiten als Vorkämpfern der Indianerfreiheit, der nachsichtigen portugiesischen Krone, den eingeborenen Indianern und den um Wohlstand kämpfenden Siedlern.


Zen oder die Kunst der Präsentation: Mit einfachen Ideen gestalten und präsentieren
Zen oder die Kunst der Präsentation: Mit einfachen Ideen gestalten und präsentieren
von Garr Reynolds
  Broschiert
Preis: EUR 29,90

4.0 von 5 Sternen Einfach präsentieren ist die Devise, 11. Juli 2014
■ Einfachheit ist eine der wichtigsten Botschaften des Autors.
• Der Fahrstuhltest (die Botschaft in 30-45s auf den Punkt zu bringen) zeigt es.
• Dakara Nani? (Na und?) | Wie lautet Ihre Kernausage? Und warum ist sie wichtig?
• Tun Sie nur das Nötigste, um das Wesentliche zu vermitteln

■ 1,7,7 Regel verhindert Textfolien
• Max. 1 Haupgedanke pro Folie
• Max. 7 Zeilen
• Max. 7 Wörter/Zeile

■ Erzählerische Bildhaftigkeit anstreben
• Eine Geschichte erzählen und zur Vorbereitung ein (analoges) Szenenbuch verwenden
• Gute Fotos bei istockphoto.com, shutterstock.com, everystockphoto.com etc.
• Aufgeräumtes Erscheinungsbild | Bildelemente durch Nähe und Ausrichtung geordnet

■ Üben Sie mit Pecha-Kucha:
• 20 Folien maximal und 20s Zeit pro Folie

■ Beim Vortrag vor allem präsent sein
• Jetzt sind Sie hier. Später sind Sie anderswo. Ist das so kompliziert?
• hara hachi bu (iß nur, bis Du zu 80% satt bist) | Publikum muß zum Schluß noch ein bißchen hungrig sein
• Starker Start, noch stärkerer Abschluß (Steve Jobs: "Noch eine Sache ...")
• Nicht auf Zahlen konzentrieren, sondern auf die Bedeutung der Zahlen
• Barrieren wie Notebook-Schirm zwischen Redner und Publikum reduzieren
• Emotionale und logische Seite beim Publikum ansprechen
• Mit Leib und Seele dabei sein

FAZIT
Der in Japan lebende Autor Garr Reynolds setzt die Maßstäbe für Präsentationen bei einem großen Anlaß vor großem Publikum, wie das aufschlußreiche Kapitel über Steve Jobs Präsentationsstil zeigt. Was jedoch wohl die meisten Leser brauchen ist die Verbesserung ihrer Folien im hausbackenen akademischen und industriellen Geschäftsalltag, obwohl sich der eine oder andere Tip sicher auch dafür beherzigen läßt. Ansonsten ist das Buch großartig.


Die portugiesische Indianerpolitik in Brasilien
Die portugiesische Indianerpolitik in Brasilien
von Georg Thomas
  Broschiert

5.0 von 5 Sternen Gegen den Widerstand der portugiesischen Siedler waren in Brasilien die Jesuiten die Vorkämpfer der Indianerfreiheit, 9. Juli 2014
Diese historische Studie aus der Biblioteca Iberoamericana befaßt sich mit der portugiesischen Eingeborenenpolitik in Brasilien in den Jahren 1500-1640. Die Politik der portugiesischen Krone richtete sich im wesentlichen auf die Freiheitsgesetzgebung für die Indianer, deren Ansiedlung in aldeias und die Regelung der Indianerarbeit.

Der Autor Georg Thomas, der zahlreiche Archive in Spanien, Portugal und Brasilien ausgewertet hat, schreibt: "In der Zeit vor der Kolonisierung Brasiliens bemühte sich die Krone um freundschaftliche Beziehungen zu den Eingeborenen, um sie dem Einfluß der französischen Rivalen zu entziehen. Mit der Besiedlung des Landes verbreitete sich die Sklaverei, die die Krone im Interesse einer wirtschaftlichen Entwicklung der Kolonie billigte. Etwa zu der Zeit, als im spanischen Amerika bereits ein vollständiges Verbot der Indianersklaverei ausgesprochen wurde, begannen in Brasilien die ersten Bemühungen um die Freiheit der Eingeborenen."

Thomas weiter: "Auf portugiesischer Seite fehlten durchgreifende Maßnahmen und Erlasse, wie sie auf spanischer Seite die Leyes de Burgos oder die Leyes Nuevas darstellten. Die portugiesische Krone zeigte sich sehr nachsichtig gegen über den Forderungen der brasilianischen Siedler nach der Sklavenarbeit der Indianer und war auch bereit, offensichtliche Mißstände in der Kolonie zu dulden. Selbst die spanischen Könige mußten sich angesichts der Verhältnisse in Brasilien zu Konzessionen in der Indianerfrage bereit erklären, wie der vergebliche Versuch Philipps III., spanische Methoden der Indianerpolitik auf Brasilien zu übertragen, darlegt. Eine der bedeutsamsten Maßnahmen der portugiesischen Indianerpolitik in Brasilien war dagegen die Errichtung von aldeias, mit der die Krone ein dreifaches Ziel verfolgte, nämlich die Bekehrung der Indianer, die Sicherung des Landes gegen die Überfälle englischer und französischer Korsaren und die Bereitstellung von Arbeitskräften für die Plantagen der weißen Siedler. Die Verwaltung der aldeias bildete einen ständigen Anlaß für heftige Auseinandersetzungen zwischen Siedlern und Jesuiten. Die Patres übten zunächst die Verwaltung der aldeias im Auftrage des Königs und mit der Unterstützung des Gouverneurs aus. Die Opposition der Pflanzer bestimmte erstmals den Gouverneur Mem de Sá, vorübergehend Laienverwalter mit der Betreuung der aldeias zu beauftragen. Mehrfach versuchten die Siedler und später auch einige Gouverneure, die Jesuiten aus der Verwaltung der Indianersiedlungen zu entfernen. "

Abschließend stellt Thomas die Frage nach der Wirksamkeit der Indianergesetzgebung in Brasilien: "Die ohnehin in vielen Aspekten nachsichtige Haltung der Krone, die unter bestimmten Bedingungen die Versklavung von Eingeborenen erlaubte und die Bewohner der aldeias zu Arbeiten bei den Pflanzern zur Verfügung stellte, wurde von den Siedlern Brasiliens als Bedrohung der eigenen Lebensinteressen betrachtet. In den südlichen Kapitanien, wo die Indianer die einzigen Arbeitskräfte der Europäer waren, schreckten die portugiesischen Siedler nicht vor Gewaltanwendung zurück, um die Vorkämpfer der Indianerfreiheit, die Jesuiten, zum Schweigen zu bringen. Der Widerstand der Pflanzer gegen die Politik der Krone kam jedoch nicht allein in offener Rebellion zum Ausdruck. Eine andere Form des Widerstandes bestand darin, den ursprünglichen Sinn der königlichen Gesetze zu verfälschen und ihnen eine Deutung zu geben, die die Haltung der Pflanzer rechtfertigte."

Thomas resümiert: "Die königliche Indianerpolitik konnte nur in geringem Maße dazu beitragen, die Eingeborenenfrage in Brasilien in gerechter und befriedigender Weise zu lösen. Dafür muß nicht in erster Linie die Gesetzgebung der Krone, so unzureichend und nachsichtig sie in den einzelnen Fällen auch gewesen sein mag, verantwortlich gemacht werden, sondern in gleichem Maße der geringe Einfluß, den das Mutterland auf die Ereignisse in der Kolonie ausüben konnte, der Widerstand der Siedler, die Haltung vieler Gouverneure und schließlich der unüberbrückbar erscheinende Gegensatz zwischen humanen Forderungen und den wirtschaftlichen Gegebenheiten, die die Sklaverei forderten. Die eigentliche Lösung des Indianerproblems ergab sich erst in späterer Zeit, einmal durch die vollkommene Ablösung der indianischen Arbeitskraft durch den N*g*r, zum anderen durch das Verschmelzen der Indianerbevölkerung mit der weißen und schwarzen Rasse. Diesem letzten Faktor widmete die portugiesische Krone seit dem 18. Jahrhundert ihre Aufmerksamkeit, indem sie die Vermischung zwischen Indianern und Weißen förderte."

FAZIT
Aufschlußreiche und spannend zu lesende Dissertation.


Zur Geschichte der Religion und Philosphie in Deutschland
Zur Geschichte der Religion und Philosphie in Deutschland
von Jürgen Ferner
  Taschenbuch
Preis: EUR 6,60

5.0 von 5 Sternen Warum die deutsche Philosophie zu weltwichtiger Blüte kam und andere Einsichten, 8. Juli 2014
Diese Bändchen aus Artikeln Heinrich Heines, die zuerst für französische Leser gedacht waren, ist eine großartige Fundgrube an Einsichten und klugen Überlegungen. Dazu nur drei Beispiele:

• PROTESTANTISMUS UND PHILOSOPHIE
Am besten hat mir Heines Überlegung gefallen, in der er die Blüte der deutschen Philosophie auf Luther zurückführt. Heine schreibt: "Indem Luther den Satz aussprach, daß man seine Lehre nur durch die Bibel selber, oder durch vernünftige Gründe, widerlegen müsse, war der menschlichen Vernunft das Recht eingeräumt die Bibel zu erklären und sie, die Vernunft, sogar als oberste Richterin in allen religiösen Streitfragen anerkannt. Dadurch entstand in Deutschland die sogenannte Geistesfreiheit, oder, wie man sie ebenfalls nennt, die Denkfreiheit. Das Denken ward ein Recht und die Befugnisse der Vernunft wurden legitim Freilich, schon seit einigen Jahrhunderten hafte man ziemlich frei denken und reden können, und die Scholastiker haben über Dinge disputiert, wovon wir kaum begreifen wie man sie im Mittelalter auch nur aussprechen durfte. Aber dieses geschah vermittelst der Distinktion, welche man zwischen theologischer und philosophischer Wahrheit machte, eine Distinktion, wodurch man sich gegen Ketzerei ausdrücklich verwahrte; und das geschah auch nur innerhalb den Hörsälen der Universitäten… Jetzt aber, seit Luther, machte man gar keine Distinktion mehr zwischen theologischer und philosophischer Wahrheit, und man disputierte auf öffentlichem Markt, und in der deutschen Landessprache und ohne Scheu und Furcht. Die Fürsten, welche die Reformation annahmen, haben diese Denkfreiheit legitimiert, und eine wichtige, weltwichtige Blüte derselben ist die deutsche Philosophie. "

• NORD UND SÜD VERSTEHEN SICH NICHT
Trotz des allergrößten Lobes für Luther als den größten und deutschesten Mann unserer Geschichte bleibt Heine unparteiisch und versucht er ihm nachzuweisen, daß er die letzten Gründe der katholischen Kirche gar nicht begriffen hat. Weit vernünftiger als Luther sei Papst, Leo X. gewesen, der vielleicht gar nicht gemerkt habe was Luther eigentlich wollte, "indem er damals viel zu sehr beschäftigt war mit dem Bau der Peterskirche, dessen Kosten eben mit den Ablaßgeldern bestritten wurden, so daß die Sünde ganz eigentlich das Geld hergab zum Bau dieser Kirche, die dadurch gleichsam ein Monument sinnlicher Lust wurde, wie jene Pyramide, die ein ägyptisches Freudenmädchen für das Geld erbaute, das sie durch Prostitution erworben".
Heine weiter: "Diesen Triumph des Spiritualismus, daß der Sensualismus selber ihm seinen schönsten Tempel bauen mußte, daß man eben für die Menge Zugeständnisse, die man dem Fleische machte, die Mittel erwarb den Geist zu verherrlichen, dieses begriff man nicht im deutschen Norden. Denn hier, weit eher als unter dem glühenden Himmel Italiens, war es möglich, ein Christentum auszuüben, das der Sinnlichkeit die allerwenigsten Zugeständnisse macht. Wir Nordländer sind kälteren Blutes, und wir bedurften nicht so viel Ablaßzettel für fleischliche Sünden, als uns der väterlich besorgte Leo zugeschickt hatte. Das Klima erleichtert uns die Ausübung der christlichen Tugenden, und am 31. Oktober 1516, als Luther seine Thesen gegen den Ablaß an die Türe der Augustiner-Kirche anschlug, war der Stadtgraben von Wittenberg vielleicht schon zugefroren, und man konnte dort Schlittschuh laufen, welches ein sehr kaltes Vergnügen und also keine Sünde ist."

HEXEN
Heine befaßt sich auch damit, warum der Hexenglaube nördlich der Alpen so verbreitet war, wenn er auch unerwähnt läßt oder nicht wußte, daß in Rom nie eine Hexe verbrannt wurde. Tatsächlich war die Hexenverfolgung vor allem auf die germanischen Länder beschränkt. Heine schreibt: "Diese Greuel entstanden nicht direkt durch die christliche Kirche, sondern indirekt dadurch, daß diese die altgermanische Nationalreligion so tückisch verkehrt, daß sie die pantheistische Weltansicht der Deutschen in eine pandämonische umgebildet, daß sie die früheren Heiligtümer des Volks in häßliche Teufelei verwandelt hafte. Der Mensch läßt aber nicht gern ab von dem was ihm und seinen Vorfahren teuer und lieb war, und heimlich krämpen sich seine Empfindungen daran fest, selbst wenn man es verderbt und entstellt hat. Daher erhält sich jener verkehrte Volksglaube vielleicht noch länger als das Christentum in Deutschland, welches nicht wie jener in der Nationalität wurzelt."
Hochinteressant Heines Feststellung: "Zur Zeit der Reformation schwand sehr schnell der Glaube an die katholischen Legenden, aber keineswegs der Glaube an Zauber und Hexerei. Luther glaubt nicht mehr an katholische Wunder, aber er glaubt noch an Teufelswesen."

FAZIT
Zweifellos eines der besten deutschen Bücher.


Die Politik der Päpste: Vom Niedergang kurialer Macht im 19. Jahrhundert bis zu ihrem Wiedererstarken im Zeitalter der Weltkriege
Die Politik der Päpste: Vom Niedergang kurialer Macht im 19. Jahrhundert bis zu ihrem Wiedererstarken im Zeitalter der Weltkriege
von Karlheinz Deschner
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 59,00

4.0 von 5 Sternen Alle notwendigen Fakten über katholische und päpstliche Machenschaften, aber nicht alle hinreichenden, 7. Juli 2014
Die treuen Leser des scharfzüngigen Religionskritikers und erklärten Agnostikers Karlheinz Deschner wissen, daß seine Geschichtschreibung sehr kurzweilig, allerdings auch sehr eigenwillig ist. Der ehemalige Katholik sammelt und präsentiert vor allem Belastungsmaterial. Das und einiges mehr, auf das ich zu sprechen komme, muß man wissen, um seine Bücher mit Gewinn zu lesen.

Der größte Teil stammt von Karlheinz Deschner, der Abschnitt von Johannes Paul II. bis heute von Michael Schmidt-Salomon.

A: K A R L H E I N Z D E S C H N E R

■ KATHOLISCH statt DEUTSCH, ENGLISCH, ITALIENISCH oder oder … ?
Über das eingangs Gesagte hinaus war das Denken Deschners bis zum Schluß durch katholische Muster geprägt. Zumal das Wort katholisch, abgeleitet aus den griechischen Bestandteilen katholikós und hólon (das Ganze), sowieso eig. nur "das Ganze betreffend‘, "allgemein" bedeutet. Bei der Differenzierung Europas in Nationalstaaten und dem Verlust seiner katholischen Ganzheit gewinnen diese Betrachtungen an Bedeutung. Ein inter-nationales Europa ohne nennenswerte Grenzen und Bürokratie hat es im Hoch- und Spätmittelalter für die Akademiker ja schon einmal gegeben. Man mache sich einmal bewußt, daß ein Scholastiker wie der italienische Thomas von Aquin (1225-1274) Neapel, Paris und Köln zu seinen Lern- und Lehrstationen zählte; der englische Wilhelm von Ockham Oxford, London und München; der deutsche Albertus Magnus u.a. Straßburg, Paris und Köln; der deutsche Nikolaus von Kues Heidelberg, Padua und Brixen. Und schließlich - um die Aufzählung damit zu beeenden - wurde der italienische Anselm von Aosta als der Abt Anselm von Canterbury berühmt. Ein anerkennendes Erstaunen darüber, wie bei Heinrich Heine, der in Zur Geschichte der Religion und Philosphie in Deutschland bemerkt, daß die Scholastiker über Dinge disputiert haben, "wovon wir kaum begreifen wie man sie im Mittelalter auch nur aussprechen durfte", kommt Deschner nicht über die Lippen.
Deschner denkt insofern katholisch als bei allen Schandtaten, sagen wir eines spanischen Katholiken, dieser bei Deschner zuerst als Katholik und erst in zweiter Linie als Spanier gilt. Das wäre ganz im Sinne jedes (kat-holischen)Papstes, wenn auch ohne die Erwähnung der Schandtaten :-).

■ WER IST DER CHEF?
Deschner beginnt mit Pius IX und dem Kirchenkampf bzw. Kulturkampf der deutschen Katholiken gegen den preußischen Staat. Den Katholiken, insbesondere den ultramontanistisch gesinnten ging es um den Primat von Kirche und Religion über Staat und Wissenschaft. Der politisch-katholische Begriff Ultramontanismus spielt darauf an, daß der Boß der Katholiken jenseits der großen Berge(der Alpen) in Rom im Vatikan und nicht in Berlin in der Reichskanzlei sitzt. Die antinationale Gesinnung konnte dem preußischen Reichskanzler Fürst von Bismarck natürlich nicht gefallen, dem Kaiser sicher noch weniger. Deschner läßt unerwähnt, daß immerhin 1800 katholische Priester ins Gefängnis geworfen wurden, um den katholischen Widerstand gegen den preußischen Staat zu brechen.

■ KATHOLISZISMUS UND NATIONALSOZIALISMUS
Wenn Deschner schon auf dem Buchumschlag ein inniges Verhältnis von Katholizismus und Nazismus suggeriert, andererseits aber nicht nur die anti-etatistische Haltung der Katholiken insbes. im Rheinland, aber auch in Bayern ausblendet, und im folgenden nur kurz streift, daß die Abneigung der katholischen Wähler gegen die NSDAP die meßbar stärkste war, begibt er sich in eine Grauzone zur Geschichtsklitterung. Jedenfalls muß jeder Leser folgendes wissen, um durch Deschners Faktenauswahl nicht in die Irre geführt zu werden:

1. ► Wer hat überhaupt die NSDAP gewählt?
Es läßt sich die These verteidigen, daß wenn Deutschland vor dem Zweiten Weltkrieg ein katholisches Land gewesen wäre (so wie Frankreich und Polen und nicht nur zu einem Drittel katholisch, die NSDAP eine marginale Erscheinung geblieben wäre. Die NSDAP wäre dann nämlich einfach eine numerisch unbedeutende Partei gewesen, dessen Akronym man mangels Geläufigkeit im Lexikon nachschlüge :-).
Die historische Wahlforschung hat dies geklärt. Sie sich die Frage vorgelegt, aus welchen Bevölkerungsschichten die Wähler der NSDAP kamen. Sie läßt sich im Grunde nur negativ beantworten: Nämlich, aus welcher Bevölkerungsschicht die wenigsten Wähler der NSDAP kamen. Die Ergebnisse, von Falter et al. (Wahlen und Abstimmungen in der Weimarer Republik. Materialien zum Wahlverhalten 1919 - 1933) auch graphisch aufbereitet sind frappant: Es ist die katholische Bevölkerung. Viele Zeitgenossen werden dies erst glauben, wenn sie die Gegenüberstellungen Falters von den Volkszählungsergebnissen aus dem Jahr 1925 mit dem Katholikenanteil in den entsprechenden Wahlkreisen der Reichstagswahlen von 1928-1932 mit eigenen Augen gesehen haben.

2. ► Für die Nazis, insbes. für Adolf Hitler war München die "Hauptstadt der Bewegung". Stimmt das?
Deschner untermauert dieses Geschichtsbild, wenn es auf S. 293 bei ihm heißt, daß Hitler "dem katholisch-konservativen München so gut wie alles" verdankt, die Stadt also den Ehrentitel, den Hitler ihr 1934 verlieh, verdient. Schauen wir uns einmal an, ob das stichhaltig ist:
□ Historische Fakten
Natürlich sind die Ursprünge der NSDAP untrennbar mit der Stadt München verbunden. Und natürlich haben die Nazis München nach der Machtübernahme deshalb gefeiert. Aber es doch nicht statthaft ihre Propaganda unhinterfragt weiterzutragen. Man lese in der Dissertation Catholicism and the Roots of Nazism: Religious Identity and National Socialism by Hastings, Derek (2011) Paperback, daß die katholisch-nazistische Annäherung in Oberbayern eine Episode war und München schon Mitte der zwanziger Jahre den Status als "Hauptstadt der Bewegung" eingebüßt hatte, sofern eine solche Rede überhaupt einen Sinn ergibt. Als die nazistische Bewegung national bedeutsam wurde und sich auf das deutsche Reich ausdehnte, war München längst auf Distanz gegangen und konnte nicht mehr als ihre "Hauptstadt" gelten. Außerdem hatte sich der Nazismus da auch schon transformiert, nachdem sich Hitler mit dem protestantisch-nationalistisch orientierten Generalfeldmarschall Erich Ludendorff zusammenschloß, dessen Antikatholizismus und säkularer messianischer Heroismus die Katholiken so abstieß, daß sie mit dem ganzen Verein nichts mehr zu tun haben wollten.

Daß das Wort von der "Hauptstadt der Bewegung" nachgeplapperte Nazipropaganda darstellt, wird Anfang der dreißiger Jahre offensichtlich: Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Reich im Januar 1933 galt Bayern als letztes Bollwerk, leider nur bis zum März 1933, bis die Nazis mit Heydrich und Himmler an der Spitze auch hier die Macht an sich rissen. Es ist historisch belegt, daß Bayern als sichere Zuflucht für in Berlin bedrohte Organisationen und Politiker angesehen wurde. Man erfährt im Handbuch der bayerischen Geschichte Bd. IV,1: Das Neue Bayern: Von 1800 bis zur Gegenwart. Erster Teilband: Staat und Politik, daß die Reichs-SPD glaubte, in Zukunft von Bayern aus weiterarbeiten zu können, und daß eine jüdische Organisation sogar ihren Sitz nach München verlegte.

□ Logische Kohärenz
Es geht aber nicht nur um historische Fakten, sondern auch um begrifflich-logische Kohärenz. Man überlege einmal: Als die nazistische Bewegung noch lokal war und sich in den Münchner Anfangserfolgen sonnte, war der Begriff der Hauptstadt doch noch vollkommen sinnleer (Hauptstadt von geographisch was denn bitte? Hauptstadt von Oberbayern? Na toll!). Und später, nachdem "die Bewegung" sich im Kern gewandelt hatte und national geworden war, war München als Stadt und Region auf unüberbrückbare Distanz gegangen. Der von Hitler in nostalgischer Stimmung, er hat ja lange genug hier gelebt, geprägte Ehrentitel ist also kaum mehr als ein inkohärenter nationalsozialistischer Mythos. So irreführend das griffige Führerwort des Jahres 1934 auch ist, es ist einfach nicht tot zu kriegen. Peinlich nur, daß auch erklärte Anti-Hitleristen von ihm immer noch in den Bann geschlagen werden.

■ WIE ECHT IST HITLERS JUDENGLAUBE?
Deschner schreibt auf S. 399: "Hitlers Judenglaube ist so echt wie der Teufelsglaube, aus dem er erwächst. Auch der christliche Gelehrte W. Foerster erblickt in einer Veröffentlichung des katholischen Herder-Verlags in Hitler eine unmittelbare Ausgeburt jenes christlichen Antisemitismus, wie ihn die Christlichsozialen Österreichs vertraten. Bezeugt der Tyrann doch selber, in seinem politischen Werdegang durch den österreichischen Politiker Karl Lueger beeinflußt worden zu sein, einen christlichsozialen Antisemiten von fataler Suggestivkraft - der größte deutsche Bürgermeister aller Zeiten, wie der junge Hitler glaubte."
Für den aus Wien stammenden amerikanischen Nobelpreisträger Eric Kandel ist Karl Lueger ein Verbreiter antisemitischer Hetzparolen. Der Ehrenbürger Wiens beklagt sich darüber, daß die große Ringsstraße in Wien, an der auch die Universität liegt, noch immer nach dem Antisemiten Lueger benannt sei, den Hitler tatsächlich in "Mein Kampf" zitiert. Dagegen gibt es aber auch Stimmen (s. z.B. Jüdische Geschichte), die die Position vertreten, daß Lueger den Antisemitismus nur instrumentalisiert habe und er für ihn nach dem Erreichen seiner politischen Ziele in der Kommunalpolitik gegenstandslos geworden sei. Solche Motivationen zieht Deschner gar nicht erst ins Kalkül. Der Psychiater und Neurologe Kandel kommt der Wahrheit wohl sehr nahe, wenn er feststellt, daß Lueger Hitler vor allem gezeigt habe, daß man mit Antisemitismus Wahlen gewinnen kann.

■ DIE KRIEGE DER FROMMEN?
Neben katholischen (BLUFF!: Die Fälschung der Welt), linkskatholischen (Hiroshima, der Krieg und die Christen) und linken Kritikern des Kriegsverbrechens von Hiroshima und Nagasaki gehört Deschner zu den wenigen säkularen Menschen, denen die Monstrosität dieser Tat nicht entgeht, zumal er natürlich weiß, daß die japanische Seite schon Friedensangebote unterbreitet hatte (S. 645) oder History of Bombing. Bei der gezielten Tötung von Zivilisten spricht er - auch wenn es deutsche sind - von Mord. Er spottet über die Frömmigkeit der Amerikaner, (die nebenbei bemerkt keine Katholiken sind ;-), ihm entgeht aber, daß die Rechtfertigung von Hiroshima und Nagasaki zur Zivilreligion des ganzen Westens gehört. Das Märchen, daß man Frauen und Kinder zu Abertausenden zu Tode sengen durfte, ja geradezu mußte, um amerikanische Invasionstruppen zu schonen, wird in deutschen Schulen gelehrt (nicht im Religionsunterricht ;-), steht in FAZ, ZEIT und SPIEGEL und letztens in Eine kurze Geschichte der Menschheit.

B: M I C H A E L S C H M I D T - S A L O M O N

■ Josef Ratzinger
Ein Lob gebührt Schmidt-Salomon dafür, daß er bei aller Kritik an Ratzinger dessen Bemühen den Mißbrauchsfällen in der katholischen Kirche schonals Kardinal nachzugehen, anerkennt. So habe Ratzinger 1999 seine eingeleitete Untersuchung des Mißbrauchsfalls von neun Seminaristen gegen den Gründer der Legionäre Christi, Marcial Maciel, einstellen müssen, weil vermutlich von höchster Stelle interveniert wurde (S.939). Johannes Paul II. sei nämlich mit Maciel eng befreundet gewesen. Erst kurz vor dem Tod des polnischen Papstes im Januar 2005 habe Ratzinger eine neue Untersuchung gegen Maciel eröffnet. Man ahnt, welche Dramen sich hinter den Vatikanmauern abgespielt haben müssen. Auf den Diskurs zwischen Ratzinger und dem Philosophen Habermas geht der Autor leider nicht ein.

■ Evolutionstheorie
Bei diesem Thema läuft Schmidt-Salomon zur Hochform auf und arbeitet das Dilemma Benedicts XVI. heraus, wie die biologische Evolution, die die katholische Kirche ja nicht bestreitet, mit dem Wirken eines Schöpfergottes vereinbar sein soll.

■ Der Fall Galileo Galilei
Ende Oktober 1992 gab Papst Johannes Paul II. vor der Päpstllchen Akademie der Wissenschaften eine Erklärung ab, in der der itaIienische Physiker und Astronom Galileio Galilei - nach seiner Verurteilung durch die Inquisition - von der katholischen Kirche offiziell rehabilitiert wurde. Wer Paul Feyerabend Wider den Methodenzwang (suhrkamp taschenbuch wissenschaft) gelesen hat und sich mit Wissenschaftstheorie - und -geschichte befaßt hat, weiß, daß "Galileis verschämte Rehabilitierung" (so Deschner auf S. 816) bzw. die offen ausgesprochene durch Johannes Paul II. eher eine Marketing-Maßnahme des Vatikans war und nicht die Überzeugung seiner Fachhistoriker, nur dazu gemacht, um sich bei den Massenmedien der säkularen Welt und einer breiten Öffentlichkeit einzuschmeicheln. Sie war weder historisch notwendig, noch ist sie wissenschaftshistorisch begründbar. Intellektuelle wie Josef Ratzinger wußten das, konnten aber den Papst Karol Wojtyla, dem es als Charismatiker nur um die Außenwirkung, aber überhaupt nicht um die historische Wahrheit ging, nicht bremsen. Wie konnte es sich Schmidt-Salomon nur entgehen lassen, Johannes Paul II. als Schönredner resp. Demagogen vorzuführen? Jetzt sieht es glatt so aus, als ob Schmidt-Salomon in dieser wissenschaftshistorisch-philosophischen Frage weniger durchblickt als der Theologe Ratzinger.

FAZIT
A. Deschner:
• Bei Deschners Geschichtschreibung gewinnt der Leser ein ums andere Mal den Eindruck, daß sie von einer besonderen Haßliebe zum Katholizismus getragen ist, die die Interpretation seiner Schriften nicht gerade erleichtert. Bei der Reichstagswahl am 5.3.1933, also sogar noch nach der Machtergreifung, erhielt Hitler in den mehrheitlich katholisch besiedelten Teilen des Reiches mit Abstand die wenigsten Stimmen. Deschner erwähnt das auf S. 356 eher beiläufig, dabei hätte doch der größte Abstand zum Bösesten der Bösen auch das größte Lob verdient.
• Deschner ist ein großer Humanist. Er verurteilt den Krieg gegen Zivilisten, Frauen und Kinder als Mord. Sein Haß auf das Christentum gerät aber in die Nähe der Aberwitzigkeit, wenn er die Kriegsverbrechen von Hiroshima und Nagasaki den Christen zum Vorwurf macht, so als ob je irgendein baptistischer, methodistischer oder anglikanischer Bischof oder Prediger auch nur zum Teetrinken ins amerikanische oder britische Kriegskabinett eingeladen worden wäre, geschweige denn zum Mitentscheiden. Deschners Obsession, westliche, kontinentaleuropäische oder anglo-amerikanische Kriegsverbrecher, Massenmörder und Psychopathen etc. durch das dominierende Attribut "christlich" auszuzeichnen, stiftet nur Verwirrung. Die Haupteigenschaft etwa eines getauften Psychopathen ist zuerst "psychopathisch" und erst unter "ferner liefen" kommt "christlich".
• Es entgeht Deschner und leider auch seinem Ko-Autor Schmidt-Salomon, daß, nachdem alle Kriege nur noch von Nationalstaaten angezettelt oder provoziert werden, die katholische Kirche als trans-nationale Organisation mittlerweile zur tapferen Schar von NGOs zählt, die dagegenhalten. Warum sehen das namhafte nicht-christliche Philosophen wie Jürgen Habermas genauso und damit diametral anders als die Autoren? Dazu ersparen sich die beiden die Reflektion.

B. Schmidt-Salomon:
Michael Schmidt-Salomon ist eigentlich ein kluger Kopf. Als studierter Philosoph besitzt er einen Bildungshintergrund, der den von Deschner ergänzt. Er kennt sich gut mit der Evolutionstheorie aus, aber anscheinend nicht mit der Wissenschaftshistorie zum Fall Galilei. Ansonsten hätte er Galileis Rehabilitierung durch Johannes Paul II. als vatikanische Werbekampagne zur Gewinnung der Sympathien des Mainstreams entlarvt. Der Kardinal Ratzinger wußte, daß die Historiker im Fall Galilei recht haben und der Mainstream irrt, konnte aber den charismatischen Johannes Paul II. nicht zur Vernunft bringen. Kennt sich der Autor hier einfach nicht aus oder ist er genauso wie Wojtyla vor dem Mainstream eingeknickt?

Daß Schmidt-Salomon für die Seiten, die er beigesteuert hat, seine affige Rechtschreibung, die Deschner bis zu seinem Tode konsequent abgelehnt hat, wie eine Monstranz in das Buch hineinträgt, kann nicht ungetadelt bleiben: Schmidt-Salomon geht in seinem Textteil so weit, Zitate Deschners in die amtliche Orthographie zu übertragen und setzt sich damit nicht nur über Deschner, sondern sogar über wissenschaftliche Zitierregeln hinweg. Wie soll man das denn nennen? Frech? Fanatisch? Oder einfach nur gedankenlos?

INSGESAMT
Die Autoren haben mit Fleiß und Akribie eine ungeheure Faktenmenge kompiliert. Das ist anerkennenswert. Die Leser finden wohl die notwendigen, aber nicht die hinreichenden Fakten, um den Schlußfolgerungen der Autoren zu folgen. Faktenfülle erlaubt keinen Schluß auf ihre Vollständigkeit: Es gibt Lücken. Die Leser kommen nicht umhin, es den Autoren nachzutun und selber fleißig weiterzustudieren, um alles richtig einzuordnen und zu eigenen belastbaren Schlußfolgerungen zu gelangen :-). Mit der Erörterung einiger weniger ausgewählter Ungereimtheiten soll diese Rezension dazu einen Beitrag leisten.
• 4 Sterne: Deschner
• 2 Sterne: Schmidt-Salomon
• 4 Sterne insgesamt


Ärgernisse. Aphorismen
Ärgernisse. Aphorismen
von Karlheinz Deschner
  Gebundene Ausgabe

5.0 von 5 Sternen Für die Gesellschaft kämpft nur, wer gegen sie kämpft: Geistreich, spöttisch und ein bißchen böse, 6. Juli 2014
Rezension bezieht sich auf: Ärgernisse. Aphorismen (Gebundene Ausgabe)
Man findet in diesem Aphorismenbändchen eine gute Mischung, nämlich:

○ geistreiche Sprüche:
• • Ein Kopf denkt nie allein.
• • Denken heißt vergleichen.
• • Wer liebt, vergleicht nicht mehr.
• • Kritiker leben vom Blut ihrer Opfer.
• • Wer alles berechnet, verrechnet sich.
• • Für die Gesellschaft kämpft nur, wer gegen sie kämpft.
• • Sie verzeihen es mir nie, daß sie so abscheulichsind, wie ich sie geschildert habe.
• • Auch der Besitz besitzt. Und macht besessen. Je mehr Besitz, desto mehr Besessenheit.
• • Volkseigentum heißt es, wenn den meisten das wenigste, Privateigentum, wenn den wenigsten das meiste gehört.

○ spöttische:
• • Recht: oft nur ein anderes Wort für Macht.
• • Moderne Regierungen brauchen keine Hofnarren mehr.
• • Péguy: "Man wird nie kommandiert, wenn man nicht will." Aber füsiliert, Monsieur!
• • Zur Korrektur Hegels: Je vernünftiger man die Welt anschaut, desto unvernünftiger schaut sie zurück.

○ bitterböse:
• • Der Glaube versetzt Zwerge.
• • Wer Tiere ißt, steht unter dem Tier.
• • Beten heißt den Himmel melken wollen.
• • Religionen sind Fertighäuser für arme Seelen.
• • Tritt den Leuten nicht auf die Füße, wenn Du sie vor den Kopf stoßen kannst.
• • Die guten Christen sind am gefährlichsten – man verwechselt sie mit dem Christentum.

○ leider auch falsche oder zynische:
• • Pleonasmus: scheinheilig.
• • Pleonasmus: Aberglaube.
• • Mensch: Heruntergekommenes Tier.
• • Sie vernichten Getreide – und sammeln Brot für die Welt.

○ und zum Schluß biographische:
• • Ich habe nichts gegen eine Partei. Ich habe etwas gegen alle.
• • Ich würde mich für viele Ideen begeistern, wären nicht deren Verfechter.
• • Ich will lieber mit den meisten irren als auf meine Weise. So dachte Augustinus. Ich denke umgekehrt.

FAZIT
Der Religionskritiker Karlheinz Deschner ist als ein sprachgewaltiger Autor bekannt. An einigen Aphorismen hätte er aber unbedingt noch feilen müssen. Bisweilen bekommt man den Eindruck, daß er ungeachtet der Wortetymologie und des üblichen Sprachgebrauchs formuliert. So holt er an einer Stelle den Ausdruck "Mordsspaß" hervor, obwohl im Deutschen "Heidenspaß" viel gebräuchlicher ist. Insbesondere der Pleonasmus-Vorwurf bzgl. des Wortes "scheinheilig" entbehrt m.E. des Witzes. "Pleonasmus: scheinheilig" ist so irreführend - fast möchte ich aberwitzig sagen -, daß es kommentiert werden muß:
• Das Wort "heilig" kommt von heil (=ganz) und hat nicht automatisch eine sakrale oder religiöse Bedeutung. Man kann z.B. zutreffend sagen: Dem Atheisten Theodor Storm war das (deutsche) Weihnachtsfest heilig. ;-).
• "Scheinheilig" bedeutet bigott oder heuchlerisch (engl., fr., span.: hypocritical, hypocrite, hipócrita). Zumindest letzteres ist nicht auf religiöse Menschen beschränkt :-).


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3.0 von 5 Sternen Bitte umformulieren in "Nur Lebendiges schwimmt gegen den Strom" ;-), 6. Juli 2014
Der Schriftsteller Karlheinz Deschner (s. Nur Lebendiges schwimmt gegen den Strom) wurde seinerzeit aufgefordert, über einen neuen Buchtitel nachzudenken, weil es den Titel "Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom", längst gebe. Er ist dabei geblieben, weil sein Spruch stimmt, der andere aber nicht. Schließlich stehen lebenden Fische alle Schwimm-Richtungen offen; sie können auch die toten überholen, wenn sie wollen :-).

Richtig ist entweder:
a) Nur Lebendiges schwimmt gegen den Strom.
oder
b) Tote Fische schwimmen nur mit dem Strom.

Wen es überhaupt nicht stört, als Unlogiker entdeckt zu werden, ist mit dem Originalspruch gut bedient. Nur zum Fernsehabend z.B. von The Big Bang Theory - Die komplette sechste Staffel [3 DVDs] sollte er damit vielleicht nicht auftauchen ;-).


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