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Rezensionen verfasst von
Benedictu
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Sick of Sick? Ein Streifzug durch die Sprache als Antwort auf den »Zwiebelfisch«
Sick of Sick? Ein Streifzug durch die Sprache als Antwort auf den »Zwiebelfisch«
von André Meinunger
  Broschiert

3.0 von 5 Sternen Es ist absurd, die Regeln, denen eine Sprache gehorcht, diktieren zu wollen, 25. Oktober 2014
Dieses Buch des Sprachwissenschaftlers André Meinunger erweist sich als ein wichtiges Korrektiv zu den populären Büchern und Sprachkolumnen Bastian Sicks.

Differenziert stellt der Meinunger dar, wo der bekannte Sprach-Entertainer Sick irrt, wo er auch einmal recht hat, welche Halbwahrheiten er verbreitet und welche groben Fehler er macht. Die größte Schwäche von Sick sind offenbar falsche Regeln und unzulässige Verallgemeinerungen. Auch da, wo er mit seinen Beispielen recht hat, liegt er oft mit seiner Erklärung mehr oder weniger deutlich daneben. Linguistische Bezüge z.B. auf Lectures on Government and Binding: The Pisa Lectures (Studies in Generative Grammar) und einige philosophische machen klar, daß sich Laien auf schwierigem Terrain bewegen.

■ EINIGE VERIRRUNGEN SICKS

1. GENITIV
Was Sick nicht weiß ist z.B., daß ein alleinstehendes Substantiv im Singular nicht gebeugt wird. Steht ein Nomen allein ohne Artikel oder Adjektiv, verliert es die Möglichkeit, eine Kasusendung zu bekommen. Lediglich die besonders genitivfreundliche Juristensprache habe tatsächlich den sogenannten Genitivus criminis in ganz wenigen Fügungen retten können. So heißt es z.B., sie wurde wegen Mordes angeklagt. Bei versuchten Analogien wie "wegen Regens geschlossen" merkt man, wie seltsam das klingt.

2. PARTIZIP II
Im Kontext der unregelmäßigen oder starken Verbbeugung meint Sick, daß man nicht gewunken sagen darf, da "winkte" auf ein regelmäßiges Verb hindeutet es deshalb "winken, winkte, gewinkt" heißen muß. Normalweise gehen die alten germanischen Verben von der sog. starken Flexion zur schwachen über und so wird aus buk backte und aus gesotten gesiedet. Winken kommt jedoch vom althochdeutschen winchen (hin/herbewegen, schwanken) und ist eine schwache Ableitung zum starken Verb winkan (wanken) — wank — giwunkan. Wie aus einer Dissertation hervorgeht, hatte winken das Partizip II "gewunken" bekommen, ohne "wank" nach sich zu ziehen.

3. METONYMIE
Meinunger erläutert, wie Sick die rhetorische Stilfigur, bei der ein sprachlicher Ausdruck in einem nichtwörtlichen übertragenen Sinn gebraucht wird, aufbauscht und komödiantisch ausbeutet. Z.B. wenn man sagt, "trinken wir ein Gläschen", obwohl es doch banalerweise der Inhalt ist und nicht das Glas getrunken wird ;-), oder wenn man "Schiller liest", wo es doch höchstens ein Buch von ihm ist. Das muß man nicht dramatisieren, wie Sick es tut.

4. DEFINITE SUBSTANTIVGRUPPEN
Meinunger zitiert den philosophischen Beitrag von Keith Donnell an, der darauf aufmerksam gemacht hat, daß es eine systematische Zweideutigkeit bei der Interpretation von definiten Substantivgruppen gibt. Eines seiner berühmt gewordenen Beispiele ist der Satz: "Der Mörder von Smith ist wahnsinnig". Wenn der Mörder aufgrund ungewöhnlicher Tatspuren dieses Attribut erhält, aber noch gar nicht gefaßt ist, kommt von den zwei Interpretationen, der attributiven und referentiellen, nur die erste in Frage, da es keine Person gibt, auf die man referieren, also zeigen könnte. Bastian Sick denke nun, daß es ein Paradox sei, wenn man sage, der älteste Mann der Welt ist gestorben, weil dann ja der bislang zweitälteste nun der älteste sei. Also könne der älteste niemals sterben. Das ist natürlich Unsinn, da Sick die referentielle Lesart ausblendet, die auch alle Leser der entsprechenden Zeitungsmeldung korrekt erfassen, bis auf Sick ;-).

5. SPRECHAKTE
Sick denk, daß eine Stewardeß die Passagiere nach der Landung nicht am Zielort willkommen heißen kann, da sie zur gleichen Zeit angekommen sei wie die Passagiere. Das ist abwegig. Die Zeit ist belanglos, aber die Autorisierung zählt. Der britische Philosoph John Austin hat längst dargestellt, daß die Sprache die Welt nicht nur abbildet, sondern auch verändert. Mit dem Sprechakt einer Namenstaufe z.B. sagt einer nichts Wahres, sondern schafft eine neue Realität. Auch der Sprechakt des Willkommensgrußes einer Stewardeß im Namen ihrer Gesellschaft kann als geglückt angesehen werden.

■ DIE VERIRRUNGEN MEINUNGERS

► ANGLIZISMEN
Sick hat ganz recht damit, wenn er sagt, daß "heruntergeladen" besser ist als "downgeloaded". Hier wird Meinunger unangenehm pedantisch. Herunterladen könne man auch Umzugskisten von einem Transporter, downloaden dagegen ist auf Software und Daten beschränkt. Dieser Unterschied sei nicht nur in unserer computerbestimmten Zeit durchaus sinnvoll und außerdem scheinen Sprecher, so meint er, hier ein Differenzierungsbedürfnis zu verspüren. Das ist natürlich blanker Unsinn, denn vor einer Verwechselungsgefahr mit den Umzugskisten o.ä. muß beim Herunterladen von Dateien nun wirklich keiner Angst haben :-).

► RECHTSCHREIBUNG
Beim Thema Rechtschreibreform verliert der Autor die Fassung. Oder sollte man es als sachlich und gemäß normaler Umgangsformen ansehen, wenn er auf S. 160 einen engagierten Kritiker der Rechtschreibreform, nämlich Hans Magnus Enzensberger, als "geifernden Greis" bezeichnet. Meinunger verteidigt die Reformer, als ob er selber ein Politiker der KMK wäre: "Wer aber einen Vorschlag zur veränderten Schreibung von ein paar Wörtern machen will, schwingt sich doch nicht zum Despoten über die Sprache auf." An dieser Beschwichtigung ist ja alles falsch. Es sind ja nicht ein paar Wörter, und selbst wenn es nur eine einzige unsinnige Regel wäre, wäre sie doch nicht dadurch legitimiert, daß ihre Zahl so klein ist. Und vor allem war es ja definitiv kein "Vorschlag", es war eine Dekretierung, die die KMK-Bürokratie am Parlament vorbei erzwungen hat. Das nennt man gemeinhin despotisch. Helmut Schmidt hat das in Außer Dienst: Eine Bilanz ganz genauso gesehen. Den als geifernden Greis zu bezeichnen, wird Meinunger wohl nicht wagen.

Wie paßt das zusammen, daß der gebildete Autor
1. voller Wut auf Enzensberger eindrischt (S. 160),
2. zwei Seiten später sehr verständig über die Reformkritiker schreibt: "Ickler macht nicht ganz zu Unrecht auf eine tragikomische Situation aufmerksam, die zugleich typisch für das Unterfangen Rechtschreibreform ist. Die Regeln, die sich die Menschen selbst geben, sind bei genauerer Betrachtung oft absurd. Die Regeln, denen die Sprache gehorcht, sind es nicht. Absurd ist es, diese diktieren zu wollen."
3. selber aber die amtliche Rechtschreibung praktiziert?

Das von Ausfällen begleitete Schwanken Meinungers läßt sich m.E. nicht mehr sprachwissenschaftlich, sondern nur noch biographisch/psychologisch erklären. Die verbale Aggression gegen Enzensberger reflektiert vermutlich die von ihm selbst als dissonant und inkohärent erlebte eigene Position. Meinunger ist Privatdozent, der noch keinen Professorenposten hat. Intuitiv weiß er, daß er auch keinen kriegt, wenn er dadurch auffällt, daß er die amtliche Rechtschreibung nicht praktiziert. So einfach dürfte das sein :-). Wer kann sich überhaupt Kritik leisten? Die etablierten Professoren, weil sie keiner mehr schassen kann (z.B. Theodor Ickler, Peter Sloterdijik), die Pensionierten (z.B. Helmut Schmidt) oder die freiberuflichen Schriftsteller (z.B. Juli Zeh, Durs Grünbein) etc.

FAZIT
Der Autor mokiert sich über zu Recht über viele unzulässige oder überzogene Belehrungen Sebastian Sicks und belehrt den Belehrer. Die Schlußfolgerung aus Meinungers Buch ist, daß man Sicks Texte getrost ignorieren kann, da sie bestenfalls Halbwahrheiten enthalten, ohne daß man wüßte, welche Hälfte die richtige und welche falsche ist.

Der Autor selber muß sich aber auch einige Kritik gefallen lassen. So bezeichnet er die Debatte um die Rechtschreibreform als hitzig, schafft es aber selber nicht, sachlich zu bleiben. Überdies stehen seine Erläuterungen, wie sich Sprache entwickelt, daß sie eher als ein Organismus zu begreifen sei, im Widerspruch zur eigenen Praxis. Die Organismus-Metapher ist ja eine der Reformgegner. Auch seine vollkommen richtige Aussage, daß es absurd sei, die Regeln, nach denen eine Sprache gehorcht, diktieren zu wollen, hätten die Kultusminister, die er in Schutz nimmt, nie über die Lippen gebracht. Diese Widersprüche lassen sich nur noch psychologisch erklären.


Wir braten Sie gern!: Ein Bilderbuch aus dem Irrgarten der deutschen Sprache
Wir braten Sie gern!: Ein Bilderbuch aus dem Irrgarten der deutschen Sprache
von Bastian Sick
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Und wer führt aus dem Irrgarten heraus?, 21. Oktober 2014
Was dem Büchlein des Autors Sebastian Sick fehlt, ist die Fehleranalyse, die der Leser mitnehmen kann, um typische Fehler in Zukunft zu vermeiden. Hier nur zwei Beispiele:

1.ENGLISCHFEHLER
Wie kommt es denn eigentlich zu Schnitzern wie "gostreiter" (ghostwriter), "sale away" (sail away), "Kehrpaket" (Care-Paket) etc. (s. S. 138ff), wo man doch auf leo.org oder pons.com die richtige Form schnell nachschlagen könnte? Folgt man dem Sprachstillehrer Wolf Schneider, dann ist der Grund Selbstüberschätzung. Davor warnt Schneider die Deutschen eindringlich in Speak German!: Warum Deutsch manchmal besser ist, da er der Auffassung ist, daß 60% von ihnen in Wirklichkeit gar kein Englisch können. Wer, von denen, die sich das nicht eingestehen wollen, wüßte denn auch, was die harmlosen englischen Wörter preposterous, pretentious oder presumptuous auf deutsch bedeuten ;-) ?

2. GETRENNT ODER ZUSAMMEN?
Warum passieren Verwechselungen wie :
a) "Die Veranstaltung ist gerade aus"
b) "Die Veranstaltung ist geradeaus" ?
Auseinandergeschrieben unter a) ist alles vorbei und zusammengeschrieben unter b) handelt es sich um eine Wegweisung. Der Grund für solche Fehler liegt in einer Übergeneralisierung der amtlichen Rechtschreibung, die Großschreibung und Getrenntschreibung favorisiert. Die Folge ist, daß die Leute dazu verleitet werden zu denken, es handele sich um allgemeine Regeln. Viele meinen auch, daß der Superlativ "am besten" groß zu schreiben ist. Und viele Lehrer und Schüler, die genauso wie Staatsbedienstete auf die amtliche Rechtschreibung verpflichtet sind, wissen nicht, daß "wohlbekannt" und "wohl bekannt" ganz verschiedene Bedeutung haben und schreiben es immer getrennt. Wer diese Desensibilisierungstendenzen kennt, kann auch ein bißchen gegensteuern. Sick interessiert sich dafür kaum, da er in seinen Büchern auch brav die amtliche Rechtschreibung praktiziert, obwohl er längst aus der Schule raus ist.

FAZIT
Stellenweise ist das ein ganz lustiges Büchlein, aber eine Veröffentlichung auf der Internetseite des Autors hätte sicherlich gereicht, zumal er dem Leser keinen Leitfaden an die Hand gibt, um sich im Irrgarten einen Überblick zu verschaffen.


Mark Lauren, Fit ohne Geräte, Trainieren mit dem eigenen Körpergewicht Buch und DVD als Set
Mark Lauren, Fit ohne Geräte, Trainieren mit dem eigenen Körpergewicht Buch und DVD als Set

4.0 von 5 Sternen Wer bietet mehr als der Klassiker?, 21. Oktober 2014
Verglichen mit den Alternativen Das Men's Health Workout ohne Geräte: Mehr Muskeln, mehr Ausdauer, mehr Power: fit durch Eigengewichtstraining! und Men's Health Your Body is Your Barbell: No Gym. Just Gravity. 28 Days to a Lean, Strong, More Muscular You! halte ich den Klassiker des Körpergewichtstrainings von Mark Lauren für die erste Wahl. Eine nicht geringe Rolle bei diesem Urteil spielt die Verfügbarkeit einer gut konzipierten App für iPod und iPad o.ä., so daß man auf Reisen nicht das Buch mitschleppen und auch nicht bei den Übungen zu Hause darin herumblättern muß. Die App für Apple-Geräte gibt es für 2,99€ unter dem Stichwort "Bodyweight Training" oder "You Are Your Own Gym".

Für das Training, das Mark Lauren propagiert, braucht man keine Fitneßstudios. Die haben aber trotzdem ihre Berechtigung, denn Tai Chi z.B. alleine mit einem Buch macht m.E. keinen so großen Spaß.


Tai Chi: Entspannung & Fitness für Körper und Geist
Tai Chi: Entspannung & Fitness für Körper und Geist
von Tricia Yu
  Broschiert
Preis: EUR 9,95

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Das Buch wird sicher seine Zielgruppe finden, …, 21. Oktober 2014
… allerdings gehöre ich nicht dazu. Schon in den ersten Tai Chi Stunden im Fitneßstudio mußte ich "den Tiger reiten" |:-), der als Übung im Buch von Tricia Yu gar nicht vorkommt, aber freilich im Internet hinlänglich beschrieben wird. Auch kann ich mir nicht recht vorstellen, wie die Synchroniserung von Bewegungsablauf und Atemrhythmus anders als in einer geführten Übungsstunde von einem Anfänger erfaßt werden soll. Mein Tip: Erst einen Kurs besuchen und dann schauen, ob es ein Buch gibt, das dazu paßt, insofern es die Kursinhalte unterstützt.


Der ganz offene Brief
Der ganz offene Brief
von Loriot
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 20,00

15 von 24 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Loriot in amtlicher Rechtschreibung: Über die Eilfertigkeit dieser Edition hätte er gewiß gespottet ;-), 21. Oktober 2014
Rezension bezieht sich auf: Der ganz offene Brief (Gebundene Ausgabe)
Das von Susanne von Bülow und Peter Geyer herausgegebene Buch ist ein aufschlußreiches Zeitzeugnis zu einer mittlerweile vergessenen deutschen Illustrierten namens QUICK der deutschen Nachkriegszeit. Vor allem dokumentiert es den Entwicklungsschritt des Vicco von Bülow vom Illustrator zum Autor. Die Themen der Sketche, mit deren Treffsicherheit und performativer Präzision Loriot später berühmt wurde, sind schon da, aber weder bietet das Format dieser von Loriot verfaßten fiktiven Leserbriefe die Entfaltungsmöglichkeit zu dem Spitzen-Humor seiner späteren Dialoge, noch hätte Loriot da schon über ihn verfügen können.

► INTERESSANT, WAS DAMALS SO ALLES ALS WITZIG DURCHGING
Um es ganz unmißverständlich zu sagen: Nach heutigen Maßstäben ist das, was man da aus der Zeit von etwa 15 Jahren nach dem Krieg zu lesen bekommt, nicht sonderlich lustig. Die im Kapitel "Nachschlag" aufgeführten von der Illustrierten QUICK zweifellos aus guten Gründen zurückgewiesenen Zeichnungen und Texte Loriots sind in der Peinlichkeit ihrer Darbietung immerhin Zeitdokumente, was ihre heutige Veröffentlichung vielleicht rechtfertigt. Kaum tragbar, damals nicht und noch weniger heute, ist z.B. Loriots fiktiver Leserbrief Nr. 111 auf S. 269, wo er beschreibt, wie er unter einer Frau leidet, die einen öffentlichen Fernsprecher durch ein langes Gespräch blockiert. Loriot schreibt allen Ernstes, daß er zu ahnen beginne, warum immer wieder gerade Damen Opfer heimtückischer Überfälle werden und daß man die Täter nicht belohnen, ihnen aber Straffreiheit gewähren solle.

► EILFERTIGE EDITION
Einmal zugestanden, daß das Buch vor allem von zeitdokumentarischen Rang ist, dann haben die Herausgeber das unsinnigerweise damit konterkariert, daß sie Loriots Briefe übereifrig in die sog. amtliche Rechtschreibung übertrugen.
1. Das ist in jedem Falle ein editorischer Fauxpas, denn Zeitzeugnisse manipuliert man unter gar keinen Umständen. Seltsam, daß es den Herausgebern offenbar schwerfiel, sich vorzustellen, daß solche Eilfertigkeit kaum dem Spott Loriots entkommen wäre: Mit seinem feinen Sensorium für Kommunikationsstörungen hätte er sie gewiß auf die Schippe genommen :-).
2. Erschwerend kommt hinzu, daß die Herausgeber Loriots weltanschauliche Position in dieser Frage nicht respektiert haben. Loriot hat die staatliche Reglementierung der deutschen Rechtschreibung (gewissermaßen eine bürokratisch veranlaßte Kommunikationsstörung ;-) abgelehnt und gehörte (neben Günter Grass und Siegfried Lenz) dem im Jahre 2004 in München aus Protest gegen die Rechtschreibreform gegründeten Rat für deutsche Rechtschreibung e.V. als Ehrenmitglied an (s. Handelsblatt vom 23.08.2004).

► BEWERTUNG im einzelnen
2 Sterne: Lachfaktor 15 Jahre nach dem Krieg nur mäßig (weitere 15 Jahre später natürlich 5 Sterne für Loriot :-)
0 Sterne: kein Respekt vor Loriots Ablehnung der amtlichen Rechtschreibung
3 Sterne: zeitdokumentarische Bedeutung
1 Stern: editorische Qualität
1,5 Sterne: alles

► FAZIT
Der Band ist eine empfehlenswerte Anschaffung für Bibliotheken, weniger für den normalen Loriot-Fan, der ihn aber sicher gerne einmal durchblättert. Es ist editorisch vollkommen inakzeptabel, daß Loriots Texte nicht ganz und gar im Original belassen wurden.

Wer das Buch durchhat, muß sich im Anschluß vielleicht der späteren Erstklassigkeit des Humoristen versichern, indem er sich einen seiner genialen Sketche ansieht (s. z.B. Loriot - Die vollständige Fernseh-Edition - Alle Sketche und Cartoons aus 40 Jahren [6 DVDs] oder natürlich auf youtube ;-).
Kommentar Kommentare (3) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Dec 14, 2014 7:46 PM CET


Streetart in Germany
Streetart in Germany
von Timo Schaal
  Taschenbuch
Preis: EUR 14,99

4.0 von 5 Sternen Die Straßenmalerei in Deutschland ist besser als gedacht und noch lebendiger als das Buch zeigt, 21. Oktober 2014
Rezension bezieht sich auf: Streetart in Germany (Taschenbuch)
Der Autor Timo Schal präsentiert fast die ganze Palette: Von lustigen Spontisprüchen, Verkehrsschilderverfremdungen, kleinen kunstvollen Arrangements und Ausschmückungen, Strickereien im öffentlichen Raum (urban knitting) über eher skizzenhafte oder schablonisierte Bemalungen bis hin zu echten Wandmalereien, denen wahrscheinlich alle eine lange Verweildauer wünschen.

Der nur mäßig witzigen Bemalung von Verkehrsschildern, deren Reinigung Kosten verursacht, die die ganze Idee, die Öffentlichkeit zu bereichern, konterkarieren, ist nur wenig abzugewinnen. Dagegen fehlt im Buch das obere Ende, die Spitze der Skala, nämlich die prämierte und z.T. internationale Festivalszene der Straßenmalerei. Man versteht sofort, was gemeint ist, wenn man einmal auf die Seite des internationalen Streetart-Festivals geht, das diesen Sommer zum vierten Mal in Wilhelmshaven stattfand (streetart-wilhelmshaven.de) und z.B. die dort präsentierten 3D-Malereien bewundert. Zur 3D-Malerei s. z.B. auch Pavement Chalk Artist: The Three-Dimensional Drawings of Julian Beever bzw. Street Art.

FAZIT
Obwohl die Straßenmalerei am oberen Ende der Qualitätsskala ein bißchen zu kurz kommt, liefert das Buch einen guten Überblick. Das Niveau der dokumentierten Bilder ist insgesamt jedenfalls so hoch, daß es die Künstler am unteren Ende, indem es ihnen einen Vergleichsmaßstab vorlegt, tüchtig anspornt :-).


Beckmann
Beckmann
von Reinhard Spieler
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 14,99

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Best of Beckmann, 21. Oktober 2014
Rezension bezieht sich auf: Beckmann (Gebundene Ausgabe)
EIN SELBST ZU WERDEN
»Was bist Du? — Was bin ich? — Das sind Fragen, die mìch unaufhörlich verfolgen und quãlen, aber vielleicht auch zu meiner künstlerischen Arbeit beìtragen... Denn das Ich ist das größte und verschleiertste Geheimnis der Welt«
So beginnt der Kunsthistoriker und Museumsdirektor Reinhard Spieler seine Einführung in Leben und Werk des großen Expressionisten Max Beckmann. Es sei ihm um die Grundbedingungen menschlicher Existenz, um die tragische Verstrickung des Menschen in Abhängigkeit von Göttern, Geschlechterbeziehung und Gesellschaft gegangen. Das eigene »Ich« sei Beckmann zum Medium geworden, an dem er menschliches Sein thematisiert. Erkenntnis führe daher für ihn, wie schon in der griechischen Philosophie, nur über das "Erkenne dich selbst": »Ein Selbst zu werden ist immer der Drang aller noch wesenlosen Seelen. - Dieses Selbst suche ich im Leben - und in meiner Malerei«, erklärte Beckmann in seiner Londoner Rede 1938 anläßlich der Austellung "Twentieth Century German Art" in London. "Kunst dient der Erkenntnis, nicht der Unterhaltung - der Verklärung - oder dem Spiel". Diese Programmatik entnimmt der Autor Mein Leben mit Max Beckmann von Mathilde Q. Beckmann.

KRIEGSINSPIRIERT
Beckmann hatte sich im Ersten Weltkrieg freiwillig zum Sanitätsdienst gemeldet. Spieler bewertet Beckmanns Verhältnis zwischen seinen Kriegserlebnissen und seinem kùnstlerischen Schaffen als recht zwiespältig. Der Künstler schreibt in einem Brief:
»Mein Lebenswillen ist augenblicklich stärker als je, trotzdem ich schon furchtbare Sachen miterlebt habe und selbst schon einigemale mitgestorben bin. Aber je öfter man stirbt, um so intensiver lebt man.« Manchmal klinge in den Briefen die makabre Einstellung des Krieges als Stoff- und Empfindungslieferant für seine Malerei durch, wenn Beckmann darlegt: »Fabelhafte Sachen sah ich. In dem halbdunklen Unterstand halbentkleidete, blutüberströmte Männer, denen die weißen Verbände angelegt wurden. Groß und schmerzlich im Ausdruck. Neue Vorstellungen von Geißelung Christi.« Spieler erklärt, daß sich Beckmann des Wahnsinns dieser Einstellung durchaus bewußt gewesen sei.

DIE FORM DES TRIPTYCHONS
Von zentraler Bedeutung bei Beckmann sind die Triptychen, die sich - wie Spieler erläutert - als eigene Gattung wie ein roter Faden durch sein Werk ziehen. Sie sind als ein nachchristliches Altarwerk zu verstehen, das im christlichen Kultgeschehen mit der Heilsidee der Erlösung verknüpft ist. Sie bedeuten bei Beckmann:
• Anspruch auf Öffentlichkeit (kurz vor seiner Verbannung aus dem öffentlichen Raum durch die Nazis)
• Anspruch auf Erlösung nunmehr durch die Kunst mit dem Künstler als neuem Priester (Beckmann 1927: »Der Künstler im neueren Sinne der Zeit ist der bewußte Former der transzendenten Idee«).
Rein formal gesehen weise die Dreiteilung eine spezifische Disposition auf: "Sie eignet sich besonders für ein dialektisches Weltbild, das, philosophisch gesprochen, aus Gegensätzen und Widersprüchen, aus These, Antithese und Synthese besteht. Dem komplexen Anspruch eines »Welt-Bildes« kann das Triptychon daher eher gerecht werden als ein einzelnes Bild." In all seinen Triptychen habe Beckmann die empirische Logik und die klassische Einheit von Zeit und Raum zugunsten einer Bildwelt aufgelöst, die nach rein künstlerischen Gesetzmäßigkeiten funktioniere. "Mythos und Zeitgeschichte, Imagination und Realität bestehen gleichzeitig nebeneinander, werden miteinander konfrontiert und vermischt."

FAZIT
Spieler beschreibt den herausragenden Rang Beckmanns in der Kunst der klassischen Moderne mit der "unauflöslichen Verbindung dieses unbedingten Erkenntniswillens mit einer »furchtbaren Wut der Sinnlichkeít«, einem kompromißlosen Bekenntnis für das Bild und dessen Kraft von Form und Farbe". Außer einer Zustimmung in Form einer 5-Sterne Bewertung ist dem nichts hinzufügen.


Dalí: Die Gemälde 1648 Abbildungen
Dalí: Die Gemälde 1648 Abbildungen
von Robert Descharnes
  Taschenbuch

5.0 von 5 Sternen Das unerläßliche Nachschlagewerk zu Dalí: Seine Gemälde in einem Band, 21. Oktober 2014
Es gibt dürftige Bücher über Dali wie das von Victoria Charles Dalí (1 Stern), gute wie das von Gilles Néret Dalí (4 Sterne), das die wichtigsten Werke enthält, und erstklassige wie das vorliegende. Es ist vollständig, chronologisch sortiert und von dem Kunsthistoriker Gilles Néret hervorragend und umfänglich kommentiert.


Das große Buch vom Menschen
Das große Buch vom Menschen
von Ernst Peter Fischer
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 39,99

6 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Augenschmaus oder Augenwischerei? Ein illustriertes Buch vom Menschen, 17. Oktober 2014
Ein voluminöses Buch ist noch lange kein großes. Das Mißverständnis liegt schon im Titel, denn eine Bezeichnung wie "Das große Buch vom …" wäre nur dann zutreffend, wenn Verlag und Autor den ernsthaften Versuch unternommen hätten, eine umfassende und systematische Darstellung des Themas zu bieten. Das ist aber nicht der Fall. Selbstverständlich hätte ein solches Werk, um das Nachschlagen zu erleichtern, ein Register. Auch das trifft nicht zu. Auch gibt es nichts groß nachzuschlagen, denn da, wo man es vielleicht wollte, wie z.B. bei dem besonders schönen Goethe-Zitat auf S. 27, verschweigt der bekannte Autor Ernst Peter Fischer (wie bei allen anderen Zitaten) die Quellenangabe. Als studierter Naturwissenschaftler und Professor für Wissenschaftsgeschichte an der Universität Heidelberg weckt Fischer Leser-Erwartungen, die er nicht einlöst. Auch das wissenschaftshistorische Niveau läßt zu wünschen übrig, wie ich im folgenden für potentielle Leser darlegen möchte.

► B I L D E R
Der große Pluspunkt des Buches sind die vielen ausdrucksstarken, z.T. sogar erstklassigen, manchmal seitenfüllenden Fotos. Ein gefundenes Fressen sind für den Autor farbensprühende Spektakel wie z.B. die "Tomatina", die alljährliche Tomatenschlacht in der ostspanischen Ortschaft Buñol (katalanisch: Bunyol). Womöglich bleibt einem das Lob für die Bilder im Halse stecken, wenn man auf die Seite gelangt, wo ein Zirkuskünstler eine Ratte herunterschlingt, und hätte es vielleicht lieber gesehen, daß der Autor sich ein bißchen mehr für echte Kunst interessiert. Zweifellos überwiegen aber die schönen Fotos und verschaffen einen insgesamt positiven Eindruck von den Menschen und ihren Sachen. Leider ist es eine höchst willkürliche Auswahl und die Bilder stehen so im Vordergrund, daß man sich fragt, ob der Text dazu überhaupt noch wichtig ist. Wenn es auf S. 168 heißt, daß bei dem spanischen Tomatenwerfwettbewerb 120 kg Tomaten verbraucht werden, verdichten sich die Zweifel. Es sind natürlich 120 Tonnen. Da ist es harmlos, daß auch noch der Stadtname falsch geschrieben ist. Auch der Verlagslektor hat sich wohl nur die Bilder angeguckt ;-).

► E S S A Y
Der Text hat den Charakter eines zwar flüssig geschriebenen, aber unsystematischen Essays, bei dem die Leser immer wieder den Eindruck gewinnen müssen, er setze sich aus irgendwelchen zufälligen Fundstücken des Autors zusammen, der es einfach nicht schafft, das Unwichtige wegzulassen. Ist es wirklich wichtig zu wissen, daß der Artist mit der fetten Ratte die französische Staatsangehörigkeit besitzt? Ist es wirklich erhellend, aus einer alten Zeitungsglosse von Johannes Gross aus der FAZ zitiert zu bekommen, in der Gross über deutsche Nationaleigenschaften schwadroniert?

Höhen und Tiefen liegen eng beieinander. Dies läßt am besten an dem Abschnitt mit der eigenwilligen Überschrift "DIE MUTPROBEN DES MENSCHEN" (S. 308-311) zeigen. Fischers Vorgehensweise ist durchsichtig. Er bauscht die vergangene und gegenwärtige Kritik an den modernen Naturwissenschaften auf und stellt dazu Behauptungen auf, die er entweder nicht belegt oder die offensichtlich falsch sind. Fischer schreibt: "Es ist schon komisch. Da gelingt es Menschen im Verlauf ihrer Kulturgeschichte mit dem Abenteuer namens Wissenschaft zu beginnen, um dabei ihr Vergnügen sowohl an der wahrgenommenen Schönheit der Natur als auch an der spürbaren Leichtigkeit des Lebens erhöhen zu können. Doch sobald dieses ursprünglich europäische Unternehmen vorankommt und weltweit Früchte trägt, machen sich einige Menschen daran, die Naturwissenschaft abzuwerten und als kränkend, öde und gefährlich darzustellen, und seltsamerweise finden sie in der Öffentlichkeit Gehör. Sigmund Freud zum Beispiel hat die Geschichte der Wissenschaften als eine Folge von Kränkungen für den Menschen dargestellt."

□ FREUD
hat tatsächlich davon gesprochen, daß die moderne Wissenschaft mit Kränkungen für den Menschen verbunden ist und daß er, der Wissenschaftler Freud, auch ein kränkendes Ergebnis beigesteuert hat, nämlich daß der Mensch nicht Herr im eigenen Hause sei, sondern von unbewußten Neigungen abhängig sei (Studienausgabe / Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse). Damit hat Freud die Wissenschaft aber nicht im geringsten abgewertet, ganz im Gegenteil. Die Namen, derjenigen, die nachweisbar Wissenschaft für öde und gefährlich halten, bleibt Fischer schuldig.

□ HORKHEIMER und ADORNO,
den Frankfurter Philosophen, unterstellt der Autor ohne Belege, daß ihre Rede von der Entzauberung der Welt durch das "Programm der Aufklärung - und damit der Naturwissenschaft -" in ihrer Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente als die Behauptung zu verstehen sei, die wissenschaftlich erfaßte Welt sei langweilig, belanglos und unergiebig. Ganz offensichtlich hat Fischer Schwierigkeiten, die Frankfurter Denker weltanschaulich einzuordnen. Die Entzauberung der Welt ist doch nur eine Feststellung so wie Jürgen Habermas als jüngerer Vertreter der Frankfurter Schule, der selber alles andere als religiös ist, den Niedergang des Religiösen konstatiert und als Kehrseite des wissenschaftlichen Fortschritts vielleicht auch bedauert. Daraus Wissenschafts- und Fortschrittsfeindlichkeit ableiten zu wollen, ist in jedem Falle vollkommen abwegig. Adorno schrieb auch: „Wer sich in Erinnerung an den Untergang der Titanic demütig-zufrieden die Hände reibt, weil der Eisberg dem Fortschrittsgedanken den ersten Stoß versetzt habe, vergißt oder unterschlägt, daß der im übrigen keineswegs schicksalhafte Unglücksfall Maßnahmen veranlaßte, welche ungeplante Naturkatastrophen der Schiffahrt im folgenden halben Jahrhundert verhüteten“.

■ LOBENSWERT
ist, daß Fischer feststellt, daß das heliozentrische Weltbild im Vergleich zum geozentrischen eher als eine Aufwertung des Menschen angesehen werden kann (S. 309 unten). «Terram etiam inter sidera collocant», warf Melanchthon 1549 den Heliozentrikern vor: "Sie ordnen die Erde den Sternen zu". Fischers Feststellung ist insbesondere deshalb so bemerkenswert, da die meisten anderen populärwissenschaftlichen Autoren hier immer nur voneinander abschreiben und das Klischee bedienen, daß der Verlust der Mittelpunktlage der Erde eine Kränkung gewesen sei. Fischer übersieht allerdings geflissentlich zweierlei, nämlich,
1. daß in erster Linie Naturwissenschaftler und nicht Philosophen und schon gar nicht Wissenschaftshistoriker in dieser Sache belehrt werden müssen und
2. daß sie eng mit dem kirchlichen Inquisitionsprozeß gegen Galileo Galilei zusammenhängt, bei dem die öffentliche Mehrheitsmeinung alle Fakten, die ihr zuwiderlaufen, einschließlich der Feststellung Fischers ignoriert.

□ IRRTUM
Leider ist mit obigem Lob einer von Fischers größten Irrtümern verbunden, denn die Frontlinie der Debatte um die Kritik an der Wissenschaft verläuft ganz anders, als Fischer es darstellt. Was die sog. kopernikanische Kränkung angeht, würde ihm die Mehrheit der Naturwissenschaftler glatt widersprechen. Die meisten Wissenschaftler interpretieren nämlich den Widerstand, der sich im 16. und 17. Jahrhundert gegen das heliozentrische Weltbild formierte, als Ausdruck der Wissenschaftsfeindlichkeit der katholischen Kirche, die an der Erde als Zentrum des Universums festhalten wollte, um die sonst angeblich drohende Herabstufung der Menschheit zu verhindern. Dabei hatte sich dieser Widerstand nicht nur auf Bibelzitate berufen, sondern war - wie Fischer gewissermaßen beipflichtet - mit der entgegengesetzten Sorge verbunden, daß es eine fragwürdige Höherstufung des Menschen im Kosmos bedeutete, wenn die Erde um die Sonne kreisen sollte. Kurzum, die meisten modernen Menschen und modernen Wissenschaftler (zumindest in Europa) begrüßen die vermeintliche kopernikanische Kränkung als Sieg der Wissenschaft und Beweis für die Rückständigkeit der Religion. Fischer irrt hier also ganz grundsätzlich. Die modernen europäischen Gesellschaften werden nicht durch Wissenschaftsfeindlichkeit oder -skepsis, sondern eher durch Wissenschaftsgläubigkeit dominiert.

□ UNKENNTNIS DER DEBATTE
Es gibt in Deutschland sogar eine dezidiert wissenschaftsbejahende Organisation, die Giordano-Bruno-Stiftung, deren Vorstandssprecher Michael Schmidt-Salomon mit zahlreichen Schriften an die Öffentlichkeit getreten ist, die unterstreichen, daß Freuds These von den narzißtischen Kränkungen des Menschen gerade von Anhängern eines naturalistisch-naturwissenschaftlichen Weltbildes propagiert und erweitert wird. Dies alles scheint Fischer vollkommen entgangen zu sein. Schmidt-Salomon hat z.B. im Artikel "Die Entzauberung des Menschen" auf seiner Internetseite "schmidt-salomon.de" triumphierend seine Gesamtliste aller Kränkungen zusammengestellt:
1. die astronomische (Kopernikus)
2. die evolutionsbiologische (Darwin/Wallace)
3. die psychologische (Freud)
4. die ethologische (Vollmer: Auf der Suche nach der Ordnung: Beiträge zu einem naturalistischen Welt- und Menschenbild)
5. die epistemologische
6. die soziobiologische
7. die ökologische
8. die paläontologische oder zweite darwinistische (Gould)
Der Widerspruch zu Fischer könnte nicht größer sein. Nach Schmidt-Salomon sind die Geisteswissenschaftler keineswegs die Verkünder der Kränkungen, sondern sie gehören zu denen, die sie einfach nicht verstehen. Man könne kaum davon sprechen, so Schmidt-Salomon, daß die Darwinsche Revolution und die unter sie subsumierbaren weiteren Kränkungen "in ihrer vollen Tragweite ... vom Gros der Sozial- und Geisteswissenschaftler erkannt, verstanden oder gar verarbeitet" worden seien. Auch wenn man der Weltanschauung Schmidt-Salomons kritisch gegenüberstehen kann (er ist ja Funktionär einer atheistischen Glaubensgemeinschaft ;-), hat er einen substantiellen und lehrreichen Beitrag zur Debatte geliefert, den Fischer offenbar nicht zur Kenntnis nimmt. Anstatt den Platz im Buch konsequent für Klarstellungen zu nutzen, hat Fischer ihn stellenweise einfach verschwendet, wie man im folgenden erkennt.

□ GESCHWAFEL
Die folgende Passage auf S. 308f, in der sich der Autor ohne die geringsten Belege an seiner These festklammert, enthält keine zutreffende Komponente mehr, sondern ist - ich kann es wirklich nicht anders sagen - das reinste Geschwafel:
"Zwar beziehen die meisten Intellektuellen die Grundlagen ihrer Weltbilder aus der Naturwissenschaft ..., aber das hindert sie nicht, mit Lust davon zu erzählen, wie viele Risiken der sich als Technik auswirkende Einsatz der Naturwissenschaft für die Gesellschaft und die Erde bringt, die zuletzt im Zeichen des Unheils strahlt — wie die Soziologen gerne sagen, während ihre Wagen mit laufendem Motor warten, sie mit dem Handy einen neuen Termin vereinbaren und danach ein gekühltes Bier in klimatisierten Räumen genießen, ohne sich Gedanken zu machen, wie der Strom in die Steckdose kommt und was die Energie ist, die sie da nicht verbrauchen, sondern nur umwandeln. So stellt man sie hierzulande immer noch gerne dar, die Naturwissenschaften, als ungeliebte Ursache für Kränkungen, als ärgerliches Verfahren zur Entzauberung und als unbeholfenen Produzenten von Risiken, die inzwischen nicht nur aus meist fernen Kernkraftwerken drohen, sondern die schon zu Hause aufkreuzen und im Internet mit seinen Datenströmen stecken, von denen sich selbst kluge Köpfe überfordert fühlen, wenn sie einmal hinter ihrer Zeitung hervorblicken. Welche Verblendung, möchte man gerne rufen, denn keiner der Vorwürfe trifft auch nur im Ansatz zu, …."
So ein Unsinn, Herr Fischer, möchte man dem Autor sagen. Von welchen Pappkameraden bzw. fiktiven Soziologen reden Sie denn da? Und kennen Sie denn nicht den in Deutschland sehr prominenten real existierenden Soziologen und Buchautor Harald Welzer (s. z.B. Selbst denken: Eine Anleitung zum Widerstand bzw. futurzwei.org), der sogar dem Klimaschutz zuliebe ohne Wenn und Aber auf Flugreisen verzichtet.

□ Fischer setzt dem Begriff der "Kränkungen" den der "Mutproben" entgegen. Natürlich wird man Christoph Kolumbus und Vasco da Gama den Mut der Seefahrer nicht absprechen, aber wenn der Autor wüßte - und als Professor für Wissenschaftsgeschichte auch wissen müßte -, wie die beiden mutigen Entdecker in der Neuen Welt gewütet haben, würde er vielleicht selber darauf kommen, daß er noch nicht den rechten Ausdruck gefunden hat. Der Historiker Neal Ascherson beschreibt Formen unmenschlichster Machtdemonstration (lat.: furia, engl.: shock and awe) seitens Vasco da Gamas, als der 1502 zum zweiten Mal den indischen Subkontinent heimsuchte. Um den örtlichen Herrscher von Kalikut und die muslimische Bevölkerung einzuschüchtern, habe er mal eben ein Pilgerschiff Brand setzen lassen: "Die 380 Passagiere wurden unter Deck eingesperrt, wo sie elend verbrannten. Kurze Zeit später wurden 38 Fischer an den Masten der portugiesischen Schiffe aufgeknüpft und ihre Leichen anschließend zerstückelt. Derartige Brutalitäten hatten die Menschen in Kalikut zuvor weder erlebt noch sich vorstellen können. Aber sie brachten die Portugiesen ihrem Ziel näher: der Kontrolle über die Malabar-Küste." (zitiert aus dem Artikel "Mythos Europa" in Atlas der Globalisierung: Die Welt von morgen)

► B E W E R T U N G im einzelnen:
4 Sterne: Fotos
0 Sterne: Titel (irreführend)
2 Sterne: Systematik, sachliche Richtigkeit und Vollständigkeit
3 Sterne: Foto-Nachweis (aus rechtlichen Gründen unvermeidlich)
0 Sterne: Zitate-Nachweis
0 Sterne: Register
1,5 Sterne: alles

► F A Z I T
Das Buch mag den einen oder anderen Leser wegen seiner Bilder ansprechen, es ist aber ganz gewiß kein großes Buch vom Menschen, sondern einfach nur ein großformatiger opulent bebilderter Essay. Der in leicht lesbarem Plauderton gehaltene Text ist ein Sammelsurium vieler kluger Zitate und vieler Gedanken des Autors, der leider zu oft in Schwafeln kommt. Wer den mit sachlichen Fehlern behafteten Text durchgelesen hat, wird ihn kaum ein zweites Mal aufschlagen wollen. Mangels Register fände man das, was man sucht, ohnehin nicht auf Anhieb wieder. Wer wissen möchte, wie denn ein erstklassiger, wenn auch anspruchsvoller Text zum Thema Mensch aussieht, der deutlich über das Niveau eines Zeitungsartikels aus dem Feuilleton der Wochenendbeilage hinausgeht, dem sei Was ist der Mensch? Die Entdeckung der Natur des Geistes. des Philosophen Michael Pauen empfohlen. Auch er steht der Idee der Kränkungen kritisch gegenüber. Vielleicht ist es ja eine Idee, sich nur die Bilder anzugucken und dazu den Text von Pauen zu lesen.

Für Stadtbibliotheken ist die Anschaffung von Fischers dickem Buch vom Menschen vielleicht empfehlenswert, für Privatpersonen höchstens, wenn sie sich der aufgezählten Nachteile wirklich bewußt sind.


Zehn Jahre bei Goethe: Erinnerungen an Weimars klassische Zeit 1822-1832
Zehn Jahre bei Goethe: Erinnerungen an Weimars klassische Zeit 1822-1832
von Frédéric Soret
  Gebundene Ausgabe

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Bedeutsamer Beitrag zur Goethe-Forschung, 15. Oktober 2014
Frédéric Jacob Soret war von 1822 bis 1836 als Prinzenerzieher am Weimarer Hof angestellt. Johann Peter Eckermann kam 1823 nach Weimar. Beide waren auf ihre Art mit Goethe befreundet und beide haben ihre Gespräche mit ihm aufgezeichnet. Auch wenn Eckermanns Reflektionen zu den Gesprächen mit Goethe unübertrefflich sind - Nietzsche hat Eckermanns Buch Eckermann: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens als das beste deutsche, das es gibt, bezeichnet, ist auch diese Schrift von Bedeutung. Sie wurde von dem Literaturwissenschaftler Heinrich Hubert Houben herausgegeben und basiert auf dem handschriftlichem Nachlaß von Soret, seinen Tagebuchzeichnungen und Briefen. Quervergleiche mit Goethes Tagebuch und Eckermanns Angaben machen die Zusammenstellung besonders aufschlußreich.


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