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christine "film- und buchfreundin" (BaWü)

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Aria [UK Import]
Aria [UK Import]
DVD ~ Theresa Russell
Wird angeboten von -uniqueplace-
Preis: EUR 9,29

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eine sinnliche Reise durch die Welt der Oper, 11. Juni 2014
Rezension bezieht sich auf: Aria [UK Import] (DVD)
Anfang der Achtziger hatte der britische Produzent Don Boyd die Idee zu einem Opernfilm. Er fragte mehrere Regisseure, ob sie zu einem bestimmten Budget einen maximal zehnminütigen Film zum Thema einer frei gewählten Opernarie drehen wollen. Der 1987 veröffentlichte Film vereinigt 10 Miniaturen:

1. Nicolas Roeg zu Giuseppe Verdis "Ein Maskenball" (extracts)
2. Charles Sturridge zu "La Virgine degli Angeli" aus Giuseppe Verdis "Die Macht des Schicksals"
3. Jean-Luc Godard zu Jean-Baptiste Lullys "Armide" (extracts)
4. Julien Temple zu Giuseppe Verdis "Rigoletto" (extracts)
5. Bruce Beresford zu "Glück, das mir verblieb" aus Erich Wolfgang Korngolds "Die tote Stadt"
6. Robert Altman zu drei Arien aus Jean-Philippe Rameaus "Les Boréades"
7. Franc Roddam zu "Liebestod" aus Richard Wagners "Tristan und Isolde"
8. Ken Russell zu "Nessun Dorma" aus Giacomo Puccinis "Turandot"
9. Derek Jarman zu "Depuis le jour" aus Gustave Charpentiers "Luise"
10. Bill Bryden zu "Vesti la Giubba" aus Ruggero Leoncavallos "Der Bajazzo"

Mit Abstand am besten gefällt mir (da spricht halt der Fan) Ken Russells Beitrag. Eine schwerverletzte Frau verleiht dem "Niemand schlafe" eine ganz eigene Bedeutung. In einer Nahtod-Erfahrung empfindet sie ihre schweren Wunden wie schwere, mit feingeschliffenen roten Edelsteinen besetzte Schmuckstücke. Die Ärzte, die sich um sie bemühen, sieht sie als Personen eines königlich-ägyptischen Hofstaates. Sehr bildgewaltig, sehr sinnlich, sehr berührend.
In der Episode von Charles Sturridge wird die Macht des Schicksals nicht auf einer Theaterbühne zelebriert, sondern in ausdrucksstarken Schwarz-Weiß-Bildern in einer englischen Vorstadt - mit tragischem Ausgang.
Franc Roddam lässt seine beiden Liebenden eine bedrückend schöne Reise nach Las Vegas machen, eine letzte Begegnung voller Extase und Todessehnsucht in einer dem schönen Schein verpflichteten Umgebung. Las Vegas am frühen Morgen kann so traurig sein.
Julien Temple bietet dem Zuschauer eine groteske Farce über zwei Eheleute, die sich ein Wochenende ohne ihren Partner gönnen, um jeweils mit jemand anderem anzubandeln. Hübsch, wie der Gatte zum Geschäftstermin die Handschellen einpackt! Höhepunkt der Farce: Ein Elvis-Imitator singt "La donna e' mobile".
Bruce Beresford inszeniert ein klassisches Liebesduett, gepaart mit traumhaft schönen Bildern von Brügge (da will ich jetzt spontan hinfahren!). Zwischen den beiden Strophen ist deutlich (auf Deutsch) zu hören "Es hat noch eine Strophe. Weiß ich sie noch?" Ich wusste gar nicht, dass Korngold so spritzig war.
Nicolas Roeg kann der blutigen Attentatsgeschichte aus dem Maskenball ganz neue Seiten abgewinnen, Gattin Theresa Russell spielt zudem den jungen König.
Die Herangehensweise ist sehr unterschiedlich, einige Miniaturen haben zusätzliche Dialoge, einige Episoden spielen in der Gegenwart, andere durchbrechen die Theaterillusion nicht. Die sehr unterschiedlichen Geschichten werden durch eine Rahmenhandlung zusammengehalten, in der sich ein Schauspieler (John Hurt) auf einen Auftritt vorbereitet, der in der letzten Episode gipfelt. Bis auf den Beitrag von Godard, den ich zu manieriert empfand, als dass er mich hätte mitreißen können, mag ich alle Episoden. Die Altman-Episode fällt nach meinem Empfinden im Vergleich zu den anderen, teils brillanten Geschichten etwas schwächer aus. Natürlich wird ein Opernliebhaber die Querverweise in den Filmen besonders zu schätzen wissen, aber auch ohne Vorwissen bietet der Film sinnliche Unterhaltung. Die britische Freigabe "ab 18" hat ihren Grund wohl darin, dass in einigen Geschichten sehr viel nackte Haut gezeigt wird. Die wenigen Sex-und Gewaltszenen sind sehr zurückhaltend und keineswegs explizit gefilmt, so dass heute vermutlich eine Altersfreigabe ab 15 bzw. ab 16 erfolgen würde.
Neben Russell und Hurt spielen u.a. Bridget Fonda, Tilda Swinton, Elizabeth Hurley, Buck Henry, Berverly D`Angelo, Sophie Ward. Im Abspann werden alle Interpreten, Orchester usw. genannt.

Als Bonus bietet der Film die 45-minütige Dokumentation "Composing Aria" über die Entstehung des Films: Weder für Hauptfilm noch für die Dokumentation gibt es Untertitel (bis auf die Godard-Episode, in der die französischen Dialoge englisch untertitelt sind). Don Boyd erzählt, dass ursprünglich sogar Federico Fellini und Orson Welles zugesagt hatten, ersterer musste aus Krankheitsgründen vom Projekt zurücktreten, Orson Welles starb kurz darauf. Godard missfiel seine erste Fassung, so dass er auf eigene Kosten die nun im Film enthaltene Episode drehte (schade, ich mag sie trotzdem nicht). Außerdem verfügt die DVD über einen Audio-Kommentar von Don Boyd, eine Bildergalerie und den Originaltrailer.

Fazit: Großes, sinnliches Kino, zum immer Wiedersehen und -hören!
Kommentar Kommentare (4) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jun 24, 2014 4:03 PM MEST


Passion
Passion
DVD ~ Rachel McAdams
Preis: EUR 8,99

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen The King has lost his crown, 9. Juni 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Passion (DVD)
"Disaster and disgrace/ The king has lost his crown/ Suddenly/ He's clumsy like a clown/ The world is upside down/ The king has lost his crown"

Drei Jahre nachdem Abba diesen Song veröffentlich hatten, lösten sie sich auf, um sich nicht zu wiederholen. Von Disaster und Disgrace ist Brian de Palma zwar noch entfernt, aber die Tendenz zum hemmungslosen Ideenrecycling hat mich doch sehr irritiert. "Passion" zeigt sehr deutlich, dass er seinen Zenit überschritten hat. Dass de Palma zudem in Berlin statt in den USA gedreht hat, spricht wohl weniger für einen bemühten europäische Touch, sondern dafür, dass diverse Filmförderungsfonds in Deutschland eher Geld locker machen als amerikanische Studios, denen de Palma seit "Redacted" als Kassengift gilt. Ob es zudem pfiffig war, ein Remake von Corneaus "Crime d`amour" (Love Crime) zu drehen, muss jeder Filmfreund für sich entscheiden.
Zur Handlung: Bei einer Arbeitsbesprechung in der Wohnung der Businessfrau Christine Stanford (Rachel McAdams) bereiten diese und ihre Mitarbeiterin Isabelle James (Noomi Rapace) einen Geschäftstermin in London vor, bei dem sie eine Werbekampagne vorstellen sollen. Christine schwärmt von ihrer Teamarbeit. Am nächsten Tag lässt sie Isabelle, die spontan einen provokanten Clip mit ihrer Assistentin Dani (Karoline Herfurth) gedreht hat, sogar alleine nach London reisen. Nach erfolgreicher Geschäftsbesprechung feiert Isabelle sogar sehr intim mit Christines Liebhaber Dirk (Paul Anderson). Zurück in Berlin muss Isabelle mitanhören, wie Christine ihre erfolgreichen Ideen als ihre eigenen ausgibt, um endlich zurück nach New York zu kommen (Berlin ist also gar nicht so sexy wie Wowi uns einreden möchte?). Als Christine bereit zu sein scheint, die Kampagne abzuändern, ermutigt Dani Isabelle, den Clip online zu stellen und ihren eigenen kreativen Anteil herauszustreichen. Christine fühlt sich ausgebootet und beginnt Isabelle auf übelste Weise zu schikanieren. Auch Dirk beginnt eine mehr als zweifelhafte Rolle zu spielen. Isabelle scheint psychisch immer labiler zu werden und dann geschieht ein sehr blutiger Mord. Der de-Palma-Freak könnte sich fragen, ob man überhaupt eines anderen Todes als mit durchschnittener Kehle sterben kann.
Hier entfernt sich de Palma von der Vorlage. Im Gegensatz zu Corneuau dreht de Palma einen Whodunit, Corneau ließ den Zuschauer heimlicher Komplize in der Inszenierung eines vermeintlich perfekten Mordes werden.

Hm, die Stärke des Originals liegt in der Besetzung Christines mit der wunderbaren Kristin Scott-Thomas. Miss McAdams ist zwar auch schon gut über 30, wirkt aber um einiges jünger und unbedarfter, so dass ich ihr die intrigante Chefin nicht ganz abnehme, obgleich sie unter den drei Frauen die mit Abstand ansprechendste Darstellung zeigt. In einem Interview erzählte sie, dass sie ursprünglich glaubte, die Rolle der Isabelle spielen zu sollen. Klingt nach einer klassischen Fehlbesetzung, als vermeintlich naive Isabelle hätte ich mir McAdams viel besser vorstellen können. Rapace ist zwar ein Jahr jünger als McAdams, wirkt aber eher wie ihre ältere Schwester. Ihre toughe Lisbeth Salander in der Millenium-Trilogie war mir auch noch so präsent, dass ich ihr keinen Augenblick lang glaubte, dass sie sich nicht gegen ihre intrigante Vorgesetzte wehren könnte. Zudem wurde ihr als Zeichen ihrer Unbedarftheit auch noch diese doofe Frisur verpasst. Wir schreiben uns ins Merkheft: Kreative Leute haben keine Zeit zum Friseur zu gehen. Leider übertreibt de Palma mit seinen Manierismen. Sehr plötzlich scheint Isabelle tablettenabhängig zu werden, ihr fallen nicht einzelne Tabletten herunter, sie scheint damit um sich zu werfen. Die Kameraperspektiven werden immer schräger und die Szenen sind von nun an mit schrägen Schlagschatten verdunkelt (Unheil! Unheil?). Das ist so offensichtlich, dass einem als Zuschauer schon Zweifel an der Darstellung kommen. Was manche als sexy oder provokant beschrieben habe, empfand ich eher als unfreiwillig komisch. So, so die Chefin mag Spielchen. In einer Sexszene hat Dirk eine unglaublich hässliche Maske auf, die wohl Christine ähnlich sehen soll, während sie selbst eine Schlafmaske aufhat und diesen Mummenschanz gar nicht sehen kann (mein Gott, ich hatte gehofft die gelackten Sexszenen der 80er seien aus der Mode gekommen). Kreisch. Dann ist sie bis zum Anschlag sexy aufgebrezelt (die übliche Nummer mit transparenter schwarzer Unterwäsche usw.), um sich dann von ihrem Liebhaber versetzen zu lassen. Ja, ja. Zudem sieht man Christine andauernd qualmen, was in den rauchfreien USA wohl als verrucht und nicht als prollig empfunden werden soll.
Nur der Umstand, dass mir auch schon mal eine Isabelle den Kerl ausgespannt hat, mag bei mir zu einer gewissen Beklemmung geführt haben. Da dieser Umstand allerdings nur auf einen sehr geringen Teil der Zuschauer/innen zutrifft, hätte sich de Palma da schon etwas mehr ins Zeug legen müssen. In seinen besten Szenen (in der zweiten Hälfte des Films) kupfert er gekonnt bei "Sisters" und "Dressed to Kill" (oder auch "Femmes fatale") ab. In der Mordszene gibt es den gewohnten Split Screen, zum Schluss variiert er den Albtraum, dass sich ein Totgeglaubter rächen will. Alle Seltsamkeiten dürfen so zudem dem Albtraum zugerechnet werden. Die Aufklärung des Falls wird zu einer sehr abgehetzten, unwahrscheinlichen Nummernrevue. Mitwisser leben zudem gefährlich. Im Vergleich zu "Love Crime" ist das so wenig subtil, dass ich dem Original nachträglich noch einen Stern mehr zubilligen würde. Und by the way: Ob nun Christine wirklich eine Zwillingsschwester hatte (die Geschichte über den Tod der angeblichen Schwester wurde zudem ohne Kontext in die Geschichte geklebt), war mir zum Schluss egal. So vielschichtig wurde die böse Christine nicht, als dass das noch interessiert hätte. Und Paul Anderson hat schwer mit seiner Rolle zu kämpfen. Dirk bleibt ein unsympathischer Knilch, vermutlich musste er Isabelle unter Drogen setzen, damit sie ihm im Hotelzimmer an die Wäsche ging, vielleicht ein Hinweis auf die Unwirklichkeit der Werbebranche? -Ironie-Modus aus. Leider hat auch Herfurths Rolle eine weniger überzeugende Entwicklung.

Es ist zum Heulen. De Palma verdanke ich drei meiner absoluten Lieblingsfilme: "Sisters" (1973), "Obsession" (1976) und "Blow out" (1981), ja, alles schon eine Weile her. Auch wenn ich viele seiner späteren Filme eifrig gegen seine Kritiker verteidigt habe ("Raising Cain", "Snake Eyes" und "Femme fatale" sind weit unterhaltsamer als ihr Ruf erahnen lässt), so fand ich "Mission to Mars" und "Black Daliah" erschreckend oberflächlich, sozusagen der Sieg der Form über den Inhalt. "Passion" ist wirklich schön anzusehen, aber besonders im ersten Teil sehr eindimensional. Wenn Werbefuzzis eine so langweilige Arbeit haben, wundert es mich nicht, dass der kreative Input so lange auf sich warten lässt.
Zur Ausstattung: Die DVD verfügt über deutsche UTs, einen kurzen Film über die Dreharbeiten und einige (wenig aussagekräftige) Interviewschnipsel von de Palma, McAdams, Rapace und Herfurth (dt. untertitelt) sowie den Originaltrailer und weitere Werbetrailer.

Fazit: Kein schlechter, aber -schlimmer- über weite Strecken langweiliger und manierierter Film, der fast wie eine unfreiwillige Selbstparodie wirkt. Der dritte Stern nur, weil ich ein hoffnungsloser de-Palma-Fan bin.

SPOILER: Falls jemand weiß, wer die Sexszene zwischen Isabelle und Dirk gefilmt hat (Christine wird doch wohl nicht auf gut Glück eine Kamera im Hotelzimmer installiert haben?), darf mich gerne aufklären. Oder hat der charakterschwache Dirk sich im Auftrag selbst gefilmt? Er schaut ja auch andauernd in die Kamera. Seltsam, seltsam.
Kommentar Kommentare (6) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jun 27, 2014 2:57 AM MEST


Sabotage (Uncut)
Sabotage (Uncut)
DVD ~ Arnold Schwarzenegger
Preis: EUR 14,99

7 von 30 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Arnie, was machst Du nur ???, 31. Mai 2014
Rezension bezieht sich auf: Sabotage (Uncut) (DVD)
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Genaugenommen hat mich der Film verdorben. Ich habe ja schon einige Gurken gesehen, aber dieser Film ist nicht nur grottig, sondern zutiefst ärgerlich. Es gibt Schauspieler, die, wenn sie erst einmal genug Geld verdienen, für weniger Geld in ansprechenderen Filmen mitwirken. Sylvester Stallone spielte einen pummeligen, aber prinzipientreuen Vorstadtpolizisten in "Cop Land", seinem mit Abstand besten Film. Leider war dies ein einsamer Ausflug ins Charakterfach. Herr Schwarzenegger hat nicht einmal den Versuch gewagt. Braucht Arnie das Geld so dringend, dass er derart wenig wählerisch bei der Wahl eines Drehbuchs geworden ist? Ich mache mir ernsthaft Sorgen.

Mögliches Treatment:
Also, wir brauchen für diesen österreichischen Muskelmann einen x-ten Comebackversuch-Film. Diesmal sollten wir mehr auf Action und weniger auf Logik oder gar Humor setzten. Wir nehmen also eine Handvoll Leute, die eine Spezialabteilung im Kampf gegen ein mexikanisches Drogenkartell bilden. Untereinander sind alle miteinander befreundet, aber niemand darf einigermaßen sympathisch rüberkommen. Ihre Freizeit verbringen sie immer gemeinsam. Der Häuptling der Bande ist Schwarzenegger, der miterleben musste, dass seine Frau entführt, gefoltert und ermordet wurde. Regelmäßig schaut er sich das Video mit seiner gequälten Frau an. Er wird Rache wollen. Das soll der Film zeigen.
Bei einem Einsatz zwacken die Spezialheinis einen Teil des sichergestellten Geldes ab. Als sie das Geld abholen wollen, ist es verschwunden. Da wir wissen, wer das Geld geklaut hat, wissen wir auch, dass es einer aus unserer Spezialeinheit gewesen sein muss. Da dann der Film aber sehr kurz würde, müssen wir falsche Fährten legen. Nach und nach werden die Mitglieder der Truppe tot aufgefunden. Einen nageln wir gleich an die Decke seiner Wohnung. Das erinnert an Klassiker wie "Sieben" oder" "Das Schweigen der Lämmer". Der Zuschauer wir jubeln und glauben, einem Arthouse-Thriller zu sehen. Bestimmt werden einige glauben, es gehe um das Psychogramm eines gestörten Mörders. Lassen wir sie eine Weile in dem Glauben! Dann tauchen (zufällig beim Fischen gefunden!) die Leichen zweier mexikanischer Dunkelmänner auf, ohne Finger und mit Stacheldraht perforiert, damit die Faulgase nicht für Auftrieb sorgen. Die Verbindung zum Drogenkartell (auf die sonst aus logischen Gründen niemand gekommen wäre) ist hergestellt. Einen Spezialagenten lassen wir in einem Schnellrestaurant hopsgehen, da spritzen Blut und Hirnmasse so schön an die großen Fenster und man kann kurzberockte Kellnerinnen in die Schusslinie geraten lassen. Natürlich müsste man die Szene dramatisch vorbereiten, vielleicht indem man den Täter andeutet, so dass sich durch den Wissensvorsprung des Zuschauers Spannung aufbaut. Nö, das lassen wir, Hitchcock nachzuäffen ist unter unserer Würde. Wir lassen ohne Vorwarnung Hirnmasse spritzen. Klar könnten sich Splatterfans auch ein Praktikum im Schlachthaus gönnen, aber wir liefern ihnen diese Erfahrung bequem im Kinosessel.
Ach ja, eigentlich müssten wir da noch eine Liebes- und/ oder Sexgeschichte einflechten, um zu zeigen, dass mit dem Helden auch noch unter der Gürtellinie alles in Ordnung ist. Klar, als trauernder Witwer müsste das nicht sein, aber wir bauen mal eine Knutschszene mit der Polizistin (Olivia Williamson ist tough) ein, man könnte dann immer noch behaupten, er habe sie instrumentalisiert, kicher. Keine Nacktszenen. Arnie ist 66 und sieht auch keinen Tag jünger aus. Wir beschreiben das im Dialog am Morgen danach. Wir lassen mal den Kollegen der Polizisten darauf zu sprechen kommen ("breitbeinig", man ist das lustig!). Klar würde vermutlich eine Frau diese doofen sexistischen Sprüche ignorieren oder ihrem Untergebenen zurechtstutzen, aber sie grinst auch noch. Damit wäre also Arnies Ruf wiederhergestellt.
Nachdem jetzt fast alle ermordet wurden (plus Kollateralschaden versteht sich) verengt sich die Anzahl der potentiellen Täter. Lizzy (Mireille Enos) haben wir inzwischen so demontiert, dass der Zuschauer ihr wirklich alles zutraut. Sie hat Spaß bei der Arbeit (Leute killen und Killer befummeln und mit ihnen rumknutschen), sie ist drogensüchtig und betrügt ihren Mann auch noch privat. Also ne, wenn das nicht die Mörderin ist? Aus Versehen bringt sie dann noch ihren Mann um (das muss auf jeden Fall dieser Typ aus Avatar, Sam Worthington machen, da kocht das Blut der Zuschauer!) und sie wird ihn im Kühlschrank verstecken, das weckt bei deutschen Zuschauern Erinnerungen an den Fall Kevin aus Bremen. Die Auffindesituation ihres Gewehres erinnert an den Kennedy-Attentäter Lee Harvey Oswald. Im Showdown wird Schwarzenegger diese gemeine Mörderin natürlich zur Strecke bringen. Ups, sie hat das Geld gar nicht geklaut??? Ja warum bringt sie dann alle diese Leute um? Ist das nicht egal? Es muss gestorben werden. Selbst Schuld diese Sch...., wenn sie so mit den Jungs umgeht. Schwarzenegger fliegt mit den 10 Millionen Dollar nach Mexiko, besticht dort einen Klischee-Polizisten, erhält den Tipp auf den Aufenthalt des Mörders seiner Frau und lässt in einem bleigeschwängerten Finale ein paar Dutzend Passanten hopsgehen. Er wird nur leicht verletzt (Hornhaut wirkt wie eine Kugelweste?) und steckt sich genüsslich eine Zigarre an. Ende.

Ach ja, Dialoge. Jedes dritte Wort muss in einen dem bösen F-Wort entsprechenden Begriff übersetzt werden. Das ergibt zwar keinen Sinn und erschwert das Zuhören, aber das ist ja die Masche. Wenn der Zuschauer genervt ist, glaubt er, ein Meisterwerk gesehen zu haben, Das klappt bei Tarantino ganz gut. Okay, seine Drehbücher sind originell, unseres ist es nicht. Aber sag nur oft genug F..., F... und der Zuschauer wird es glauben.
Zum Marketing. Wir sollten darauf achten, dass der Film einen hohen Body Count hat, der von der eigentlichen Handlung ablenkt. Die fehlende Jugendfreigabe wird dazu führen, dass wir die Kritiker in die "Weicheier"-Ecke drängen können. Es wäre gut, wenn wir zur Kinokarte noch eine Dose Starkbier spendieren, das mindert die Kritikfähigkeit.
Falls der Film dennoch floppt, können wir noch ein paar Dollars im alten Europa verdienen, da gibt es einige sentimentale Arnie-Fans. Und da die NSA-Affäre zu keinem wirklichen Protest geführt hat, können wir denen inzwischen wohl jeden toxischen Dreck andrehen. Da wir wohl kaum ein ernstzunehmendes Branchenblatt zu einer Nettigkeit bewegen können, können wir immer noch auf Kino.de zurückgreifen, denen ist noch zu jeder Gurke etwas halbwegs Druckbares eingefallen. Let's do it!

Fazit: "True Lies" ist eine Ewigkeit her. Herr Schwarzenegger demontiert sich selbst.
Kommentar Kommentare (16) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jun 8, 2014 12:57 AM MEST


Hitler's Madman Plakat Movie Poster (11 x 17 Inches - 28cm x 44cm) (1943)
Hitler's Madman Plakat Movie Poster (11 x 17 Inches - 28cm x 44cm) (1943)
Wird angeboten von Poster Junction - Located in USA
Preis: EUR 9,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "You think words will stop the Nazis?", 30. Mai 2014
Hier geht es um den Film zum Plakat:

Ich beziehe mich auf die brasilianische Kauf-DVD ("O Capanga de Hitler", siehe hochgeladenes DVD-Cover) in der Originalfassung mit portugiesischen und spanischen Untertiteln, 84 min., regionalcodefrei. Eine europäische DVD- Veröffentlichung gibt es derzeit leider noch nicht.
Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben? Vielleicht. Detlef Sierck hingegen, nunmehr Douglas Sirk, bekam 1942 die Chance, seinen in Emigrantenkreisen ramponierten Ruf wiederherzustellen. Noch bis 1937 hatte Sirk mit der einzigen Diva des Dritten Reiches Filme wie "Zu neuen Ufern" und "La Habanera" realisiert, was bei früher emigrierten deutschsprachigen Filmschaffenden auf Unverständnis stieß.
Der deutschstämmige Produzent Seymour Nebenzal hatte eine Karriere bei MGM ausgeschlagen, um für das unabhängige Studio PRC (Producers Releasing Corporation) andere Stoffe zu entwickeln, die näher an der Realität waren als die der Traumfabrik. In der Aufnahmeleitung bereitete Edgar G. Ulmer einen Film über das Attentat auf Reinhard Heydrich, den Reichsprotektor von Böhmen und Mähren, vor, in dessen Folge am 10.6.1942 die Bevölkerung des tschechischen Dorfes Lidice als Vergeltungsmaßnahme ermordet bzw. in Konzentrationslager verschleppt wurde. Aufgrund eines Treatments von Emil Ludwig ließ PRC ein Drehbuch entwickeln und besetzte die Rolle Heydrichs mit dem Shakespeare-Darsteller (und späteren Horror-Ikone) John Carradine, der zudem Heydrich auch noch verblüffend ähnlich sah. In dieser Phase wurde Sirk als Regisseur engagiert, eine Chance für ihn, endlich in der amerikanischen Filmindustrie Fuß zu fassen.
Zur Handlung: Der im britischen Exil lebende tschechische Widerstandkämpfer Karel Vavra (Alan Curtis) springt über Lidice ab, um von dort den Widerstand gegen die deutschen Besatzer zu mobilisieren. Die Dorfbewohner, deren Wortführer Jan Hanka ist, glauben, dass ein Art "Appeasement"-Haltung besser sei. Karel liebt Jankas Tochter Jarmilla (Patricia Morison), die seine Pläne unterstützt. Auf Befehl der Gestapo (wer genau hinsieht wird in zwei Szenen Peter van Eyck erkennen) wird der Saboteur Anton Bartonek verhaftet. Seine Frau Maria (die wunderbare Elizabeth Russell mal in einer etwas größeren Rolle) bittet Hanka, mit ihr zum deutschen Bürgermeister Bauer (Ludwig Stössel) zu gehen, um ihn zu bitten, in Prag ein gutes Wort für Anton einzulegen. Der verspricht es zwar, will sich aber nicht ohne Not mit der Gestapo einlassen. Seine Frau (Johanna Hofer, die Ehefrau Fritz Kortners) ist entsetzt über den Wortbruch, diese Geste der Hilfe sei vielleicht auch gut für ihre Söhne Fritz und Hans, die beide an der Ostfront kämpften. Tatsächlich wird Anton heimkehren - im Sarg. Als die Nachricht vom Tod ihrer Söhne kommt, bricht für Frau Bauer die Welt zusammen. Sie gibt Hanka die Information weiter, gegen wie viel Uhr sich Heydrich am nächsten Tag auf den Weg nach Prag machen werde. Hanka, der inzwischen die Ermordung des Dorfgeistlichen miterleben musste, gibt seine passive Haltung auf.

Die Dreharbeiten fanden im Spätherbst 1942 statt, Seymour bot den Film MGM zum Vertrieb an. Sie willigten ein, bestanden aber darauf, dass Sirk einige Szenen nachdrehte. Der Film passte ganz gut ins Portefeuille MGMs. Jahrelang hatten sie laviert und gekuscht, um mit drastische Kürzungen ihrer Filme den Geschäftspartner Deutsches Reich nicht zu verprellen. Erst mit "The Mortal Storm" (1940) hatten sie Flagge gegen den Faschismus zeigten. Nun sollte eine Reihe von Anti-Nazi-Filmen belegen, dass sie nicht korrumpiert worden seien. Die Filmfreundin kann nur spekulieren, welche Szenen neu gedreht wurden. Die Vorführung der tschechischen Studentinnen vor Heydrich gehört mit Sicherheit dazu. Dieser soll einige Mädchen auswählen, die in ein Bordell an die Ostfront geschickt werden sollen. Unter den Schönen befindet sich auch die blutjunge MGM-Vertragsschauspielerin Ava Gardner in einer ihrer ersten Rollen. Leider passt die Szene in ihrem Pathos nicht ganz zum Rest des Films, die Studentin Clara Janek (Jorja Curtright in ihrem Filmdebüt) wird sich nach einem Aufruf aus dem Fenster stürzen. - Die "Waldszenen" sind ebenfalls etwas uneinheitlich gestaltet. Während der Showdown anscheinend in einem richtigen Wald gefilmt wurde, sind die Liebesszenen zwischen Karel und Jarmilla zu Beginn des Films in einer Art Feenlandschaft gefilmt, die so auch in einem Filmstudio hätten realisiert werden können. Aber das ganze bleibt natürlich Spekulation. Eine DVD-Veröffentlichung, die diese Rätsel lüftet, gibt s leider nicht.
Trotz des gezeigten Terrors werden die Deutschen auch in ihrer Ambivalenz gezeigt. Als die Attentäter Heydrichs nicht sofort verhaftet werden können, geht es auch dem linientreuen Bauer ("Americans - they are soft, spoiled by democracy.") an den Kragen, der angesichts der ruppigen Art bei seiner Verhaftung nur stammeln kann "If my Fuehrer wants me without my hat and coat, I'm ready." Bittere Ironie dabei, wie die Schergen dabei versuchen, Bauer daran zu hindern, den Hitlergruß zu zeigen.
Im Sterben zeigt sich Heydrich als Mensch, der eben nicht als Held sterben, sondern weiterleben will. "A soldier dies with courage.", raunt ihm Heinrich Himmler (Howard Freeman) zu. Die "Überpointe" hätten sich die Filmemacher natürlich nicht im Entferntesten vorstellen können, starb Himmler doch unter ganz und gar nicht "couragierten" Umständen.
Natürlich erwarte ich bei einem Spielfilm keine historische Genauigkeit (alle Hintergründe waren zu diesem Zeitpunkt natürlich auch gar nicht bekannt), aber einige Absonderlichkeiten sind mir doch aufgefallen, zum Beispiel dass ein Hingerichteter im Sarg (statt in der Urne) den Angehörigen "zugestellt" wurde. Zudem reden die Gestapoangehörigen immer von der Tschechoslowakei statt von Böhmen und Mähren. Und (dramatisch gemeint, aber unfreiwillig komisch) bei einer Krisensitzung nach dem Attentat jammert ein Offizier nicht einmal, sondern sogar zweimal, dass er nicht wisse, was er der Presse sagen solle. Als ob es so etwas wie Pressefreiheit im Reichsprotektorat gegeben hätte.
Kameramann Egon Schüfftan ("Hafen im Nebel") erhielt, da er der amerikanischen Gewerkschaft nicht angehörte, lediglich einen Credit als "Technical Director". Die Musik von Karl Hajos ist gelegentlich etwas zu romantisch. Interessant ist da natürlich der Vergleich zu Hanns Eislers Musik zu dem fast gleichzeitig entstandenen "Hangman also die" von Fritz Lang. Seine Disharmonien passten weitaus besser zum Thema. Die allzu heimelige Idylle am Anfang im Zusammenhang mit dem Gedicht von Edna St. Vincent Millay empfand ich auch als etwas seltsam. Aber das ist natürlich Geschmackssache.
Da der Film nur schwer zugänglich ist, scheinen sich die Erinnerungen mancher Beteiligter getrübt zu haben. In einem Interview von 1978 glaubte Sirk sich zu erinnern, den Tod Heydrichs im Spiegel gezeigt zu haben. "Andernfalls wäre es nur ein politisches Pamphlet." Dieser wird aber direkt gezeigt und gehört zu den wenigen leicht misslungenen Szenen. Oder vielleicht ist es ein Hinweis darauf, dass einige Szenen ohne Wissen Sirks nachgedreht wurden? Die Spiegelszene schließt sich nach Heydrichs Tod an, in der Himmler mit dem "Führer" telefoniert und seine Haare zurecht legt.

Fazit: Wenn Ihnen bei Ihrem nächsten Brasilien-Aufenthalt oder bei einem Filmhändler Ihres Vertrauens diese DVD begegnet, greifen Sie beherzt zu. Mit einer deutschen Veröffentlichung ist nicht so schnell zu rechnen. Ein zwar nicht meisterlicher, aber sehr ungewöhnlicher und auch in den Nebenrollen gut besetzter Anti-Nazi-Film. Sehenswert!


Die Hexe des Grafen Dracula (Der phantastische Film Vol. 1)
Die Hexe des Grafen Dracula (Der phantastische Film Vol. 1)
DVD ~ Boris Karloff
Wird angeboten von dvduncuteu
Preis: EUR 6,99

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen "Sag nichts Deinem Onkel!", 16. Mai 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Das würde ich auch nicht tun, wenn mein Onkel wie Christopher Lee aussähe. Dem Mitwirken Lees ist es wohl zu verdanken, dass "The Curse oft the Crimson Altar" diesen reißerischen deutschen Titel erhalten hat, der gräfliche Beißer taucht in diesem Film natürlich nicht auf. In der ems- Reihe "Der phantastische Film" ist dieser englische Horrorfilm von 1968 sicherlich einer der interessantesten.
Also: Der Antiquitätenhändler Robert Manning (Mark Eden) vermisst seinen Bruder Peter. In dessen letztem Brief steht die Adresse des undurchsichtigen Mr. Morley (Christopher Lee), den Manning daraufhin besucht. In der Sequenz zuvor hatten wir bereits Peter mit der Hexe Lavinia (Barbara Steele) gesehen. Hat Peter eine blonde Schönheit erstochen, die bei dem ganzen Gezappele aber immer durch ihr üppiges Haar schamhaft bedeckt ist? Morleys Nichte Eve (Virginia Wetherell) nimmt Manning unter ihre Fittiche und später auch in ihr Bett, denn der unerwartete Gast darf im großen Haus übernachten, obgleich Morley nichts über den Verbleib des Bruders weiß. Einer der selbstreferentiellen Gags schließt sich an: "Es erinnert mich etwas an die Häuser in Horrorfilmen." - "Als ob Boris Karloff jeden Moment auftauchen könnte." Tatsächlich taucht Karloff als Gast Morleys wenig später auf. Professor Marsh beschäftigt sich mit Hexenkulten und sammelt Folterwerkzeuge. Man kann also auch, wenn man nicht Münzen oder Briefmarken sammelt, über ein Hobby neue Kontakte knüpfen. In den meisten Szenen ist Karloff im Rollstuhl zu sehen, was wohl weniger mit seiner Rolle, sondern mit seinem schlechten Gesundheitszustand zu tun hatte, da er während der Dreharbeiten eine Lungenentzündung auskurierte. Sein nuanciertes Spiel trägt viel zur unheimlichen Atmosphäre des Films bei. Leider ist "Curse" auch einer seiner letzten Filme. Morley ist ein Nachfahre jener Lavinia Morley, die im 17. Jahrhundert als Hexe verbrannt wurde. Der Jahrestag der Verbrennung wird im Dorf als Volksfest gefeiert. "Verbrennt die Hexe".
Morleys Diener Elder (geheimnisvoll: Michael Gough) versucht Manning vergeblich dazu zu bewegen, das Haus zu verlassen. Erst quälen Manning Albträume, dann beginnt er zu schlafwandeln, bis er schließlich in Eves Bett in Sicherheit ist. Die Albtraumsequenzen (oder sind es gar keine Träume?) zeigen einen Hexensabbat, bei dem Manning mit Blut einen Pakt unterschreiben soll. Grüngeschminkte oder grün ausgeleuchtete Finstermänner und -frauen. Eine Domina mit knappem Leder-BH, ein Folterknecht mit knappem Leder-Slip, Maurerdekolleté, Nietenmanschetten und Geweihmütze. Goldene Ziegenhörner, Schafsköpfe, finster dreinblickende Richter und Geistliche in Ornat, eben das ganze Programm zur Unterhaltung des Zuschauers, der sich an diesem Panoptikum gar nicht satt sehen kann. Liegt das an dem schweren Brandy, den Manning des Abends mit seinem Gastgeber trinken muss oder an dieser Lampe, deren grün-weiß-roter Lampenschirm die irrsten Farbkombinationen in das Auge des Betrachters wirft? Hypnose oder Halluzinationen hervorrufende Substanzen? Rätsel über Rätsel. In einem seiner helleren Momente entdeckt Manning einen alten Raum und muss- halten Sie sich fest!- feststellen, dass er mit "Gummi-Spinnenweb" auf alt getrimmt wurde. Immer wieder mal muss ein alter Polizist um Hilfe gebeten werden. Anscheinend hat der Gute sämtliche Tag- und Nachtschichten übernommen, da immer er diensthabend ist. Vielleicht auch nur ein Hinweis auf das schmale Budget des Films. Professor Marsh ist auch immer, wenn er zuhause ist, in einem grauen Anzug in einem rosa-rot geblümten Ohrensessel in der Bibliothek zu sehen, der wunderbar mit den Buchrücken in schreienden Farben korrespondiert. Reclamhefte? Obacht, da wo die Farben am grellsten sind, ist natürlich ein Geheimgang. Gibt es überhaupt einen Horrorfilm ohne Geheimgang?
Eine meiner Lieblingsszenen spielt im Vikariat. Mitten in der Nacht bittet Eve den Vikar um Hilfe. Natürlich ist dieser nicht etwa im Morgenmantel, sondern in voller Montur und kann in wenigen Sekunden die richtige Gerichtsakte aus seinem umfangreichen Archiv hervorzaubern. Die Tages- und Jahreszeit kann der Zuschauer nur erahnen, da es am ersten Tag am späten Nachmittag schon stockfinster ist und Manning einen Tankwart nach dem rechten Weg fragen muss, aber dann zwei Tage später im Morgengrauen schon taghell. Aber was bedeutet schon Zeit, wenn man sich in so einem wunderbar-grotesken Film verlieren kann?
Ein netter Storytwist am Ende und eine unheimliche, infernalisch anmutende Schlussszene komplettierten das Filmvergnügen. Ich habe mich sehr an den Geschmacklosigkeiten ergötzt und mehrmals herzhaft gelacht, das ist mehr als die meisten Filme dieses Genres zu bieten haben. Danke ems für diese Veröffentlichung.

Der Beginn des Films zeigt Zugeständnisse an den Zeitgeschmack, es gibt überproportional viele junge, leicht bekleidete, tief dekolletierte Frauen zu sehen, während die Männer nicht selten hässliche Rollkragenpullover tragen müssen, die zudem noch Falten über dem Bauch schlagen. Mark Eden hat eine gewisse Ähnlichkeit mit George Lazenby, ist aber glücklicherweise aber auch ein Schauspieler. Das Ganze gipfelt dann irgendwann in einer Nacktszene von Wetherell und einem Nippelblitzer im Halbdunkeln. Dann hat der Film auch noch Zeit, neben dem erotischen Aspekt auch den schaurigen zu vertiefen.
Wirklich gruselig wirkt der Film fast nie, aber dafür weiß er mit (für mich) vielen absurden Ideen aufzuwarten. Ich habe mich nach anfänglicher Skepsis blendend unterhalten. Das war in dieser Hinsicht so vielleicht nicht gewollt, es lässt den Film aber nach all den Jahrzehnten frischer als die Konkurrenz wirken. Die Hexenszenen sehen zwar etwas so aus, wie Lieschen Müller sich eine S/M-Party vorstellt, aber das geht schon in Ordnung. Miss Steele muss im ganzen Film ein wenig vorteilhaftes grünes Make up tragen, aber das ist eben so bei Hexen. Irgendwann kam auch ein Herr mit Totenmaske vorbei, der zwar nicht ganz in die Szenerie passte, aber vermutlich wollte man diese Requisite auch noch unbedingt in dem Film unterbringen. Hervorzuheben ist auch der tolle Score von Peter Knight, der neben dramatischen Motiven auch eher romantisch anmutende hat.
Tigon British Film Production hatte weder das Budget von Hammer noch die Kreativität von Amicus, aber mit dem "Curse" ist ihnen doch ein ansehnliches Filmchen gelungen. I like it!
Als Extras gibt es optionale deutsche Untertitel, zwei kurze Super-8- Fassungen, Radiospots, den Trailer, Bildergalerien, eine alternative Anfangssequenz für die amerikanische Fassung (die witziger Weise etwas drastischer ist).

Fazit: Fängt lahm an und steigert sich ins Absurde. Schwachsinn auf höchstem Niveau!
Kommentar Kommentare (7) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: May 19, 2014 10:32 AM MEST


Zulu
Zulu
DVD ~ Orlando Bloom
Preis: EUR 12,49

7 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Vergangenheit, die nicht vergehen will, 10. Mai 2014
Rezension bezieht sich auf: Zulu (DVD)
Südafrika 1978: Ein schwarzer Junge hat Schreckliches erlebt und wird von Hunden gehetzt. Südafrika 2012: Die Apartheit ist längst vorbei, aus dem Jungen ist ein Mann geworden. Ali Sokhela (Forest Whitaker) ist inzwischen Polizeichef von Kapstadt. Was er als Kind erlebt hat, wird der Film erst später zeigen. Er und seine Kollegen Brian Epkeen (Orlando Bloom) und Dan Fletcher (Conrad Kemp) ermitteln in einem Mordfall. Eine junge Frau wurde am Strand bestialisch zugerichtet aufgefunden. Was zunächst nach einem Mord im Drogenmilieu aussieht, erweist sich als weitaus komplexer. Als der Drogendealer und mutmaßliche Mörder der Frau ebenfalls furchtbar zugerichtet tot aufgefunden wird, kommen die Polizisten langsam einer Verschwörung auf die Spur, die weit in die Vergangenheit reicht. Weiße Wissenschaftler arbeiteten an einer neuen Droge, die besonders gewaltbereit macht und zu Mord oder Selbstmord führt. Als die Droge auch bei Kindern in den Townships nachgewiesen werden kann, erkennt Sokhela den rassistischen Plan, der dahinter steckt. In einem extrem gewalttätigen Show-Down stellt Sokhela den Hauptverantwortlichen in der Wüste von Namibia. Besonders zynisch mutet an, dass eine der ersten Ermordeten nicht unähnliche Joggerin nur deshalb getötet wird, um Sokhela und seine Kollegen -vergeblich- auf eine falsche Spur zu locken.

Selten ist eine Analyse der südafrikanischen Gesellschaft der Post-Apartheitsära -der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von Caryl Ferey- derart pessimistisch ausgefallen. Zunächst bekennt sich Sokhela zur Arbeit der Wahrheits- und Versöhnungskommission - da weiß der Zuschauer noch gar nicht, was er als Kind erleiden musste, was er sogar seiner Mutter verschwiegen hat. In einem der ruhigeren Momente, als Sokhela gedankenverloren eine Prostituierte streichelt, erahnt der Zuschauer, wie sehr es unter seiner ruhigen Oberfläche brodelt. Ist ein Zusammenleben zwischen Weißen und Schwarzen überhaupt möglich? Wird die Versöhnungsgeste von manchen Rassisten nicht als Schwäche ausgelegt, vielleicht sogar Ansporn, genauso weiterzumachen wie bisher? Selbst Sokhelas Vorgesetzter, der seine Karriere gefördert hat, ist Teil der alten Elite, die gar nicht wirklich eine Gleichberechtigung der Nicht-Weißen will. Epkeens Vater war tief verstrickt in die Machenschaften der Apartheitspolitik. Vielleicht ein Grund dafür, dass Epkeen nicht ganz Tritt findet in seinem Leben? Zunehmend wird der Film gewalttätiger und hat nicht ohne Grund keine Jugendfreigabe erhalten. Eine der wenigen uneingeschränkt sympathischen Figuren wird unvermittelt auf besonders bestialische Weise abgeschlachtet. Viele Menschen sind einfach zur falschen Zeit am falschen Ort.
Man könnte natürlich darüber mäkeln, dass die Figuren von Epkeen und Fletcher nicht frei von Klischees sind. Orlando Bloom gibt sich erkennbar viel Mühe, mit seinem Sonnyboy- Image zu brechen. Ich habe ihn erst auf den zweiten Blick erkannt. Im Gegensatz zu Jude Law, der mit "Dom Hemingway" ebenfalls aus der Besetzungsschublade heraus möchte, steht ihm hier ein wesentlich ausgefeilteres Drehbuch zur Seite. Auch dass die neue Mitarbeiterin von Sokhela unvermittelt wieder aus der Handlung verschwindet, kann man bedauern. Und das zum Pathos neigende Ende wird nicht nach jedermanns Geschmack sein. Und ging es nicht vielleicht ein bisschen weniger reißerisch? Mussten die Polizisten ohne Verstärkung in das Wespennest eindringen? Der Grund, warum ich allerdings ohne Wenn und Aber fünf Sterne vergebe, ist die herausragende Leistung von Forest Whitaker, der mit minimalistischem Spiel die ganze Tragik eines in Südafrika aufgewachsenen Schwarzen darstellt. Vor allem seinetwegen bleibt der Film im Gedächtnis.
Normalerweise bin ich in Bezug auf explizite Gewaltdarstellung sehr skeptisch, hier halte ich sie für gerechtfertigt. "Es gehört zur Folter, dass sie sich in einem Klima der Heimlichkeit entfaltet. Diese Heimlichkeit und der allgemeine Wunsch ... von den Bildern der Folter verschont zu bleiben, arbeiten einander zu. Man will sich den Tag nicht durch Bilder... versauen lassen. ... Wo man sich der Folter zuwendet, kann man der menschlichen Phantasie bei der Arbeit zuschauen." (Willemsen, Der Knacks, S. 123). Unter diesem Aspekt wird der Zuschauer nicht verschont, um ihm gar nicht die Möglichkeit zu geben, sich emotional von den dargestellten Zuständen distanzieren zu können.

Fazit: Ein ultrabrutaler, beklemmender Thriller über die hässliche Fratze des Rassismus, nichts für schwache Nerven.
Kommentar Kommentare (7) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jul 5, 2014 3:10 PM MEST


3 Days to Kill
3 Days to Kill
DVD ~ Kevin Costner
Preis: EUR 15,36

10 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen "Kauf ich mir mein Leben zurück, wenn ich für Sie kille?", 9. Mai 2014
Rezension bezieht sich auf: 3 Days to Kill (DVD)
Irgendwie schien sich Kevin Costner in letzter Zeit rar zu machen, um sich vielleicht jetzt als Action-Held (gerade lief doch noch "Jack Ryan" in den Kinos) neu zu erfinden? Hm.
Bei einem Einsatz jagt der CIA-Mann Ethan Renner (Kevin Costner) dem "Albino" (Tómas Lemarquis), dem Handlanger des noch gefährlicheren deutschen Waffenschiebers Wolf (Richard Sammel), hinterher. Der stark erkältete Renner bricht plötzlich zusammen und vermasselt den Einsatz. Im Krankenhaus stellt sich heraus, dass alles noch viel schlimmer ist. Er leidet an einem inoperablen Hirntumor, an dem er wahrscheinlich in drei Monaten sterben wird. Diese Zeit möchte er nutzen, um sie mit seiner halbwüchsigen Tochter Zooey (Hailee Steinfeld) zu verbringen, die mit ihrer Mutter Christine (Ex-Top-Model Connie Nielsen) in Paris wohnt. Natürlich, suggeriert das Drehbuch, ist die Arbeit beim CIA gegen die Erziehung eines Teenagers pillipalle. Aus dem Ruhestand wird allerdings nichts, da seine Chefin Vivi Delay (ausgerechnet Amber Heard) auftaucht und ihm ein unmoralisches Angebot macht. Er allein hat den Wolf gesehen und kann ihn deshalb ausschalten. Dazu gibt sie ihm jene "3 days to kill" und besorgt ihm im Gegenzug ein noch nicht zugelassenes Medikament, das ihm sein Leben verlängern könnte. Wer jetzt allerdings ein erdenschweres Drama über Verantwortung und Selbsterhaltung erwartet, ist schief gewickelt. Nicht umsonst hat mal wieder Luc Besson seine Finger im Drehbuch, der uns (war er nicht mal früher ein innovativer Regisseur?) schon die Scrips zu "Transformer", den beiden "96 Hours" - Filmen oder "Malavita" beschert hat.

Der Film steht wohl etwas in der Tradition der Bond-Filme, da die Actionszene vor dem Vorspann einen sehr spannenden Auftakt bildet, um danach die Geschichte etwas gemächlicher zu erzählen. Paris ist nicht einfach Paris, sondern ein Abwandern von Touristenattraktionen (unter anderem bringt Renner seiner Tochter auf Montmartre das Fahrradfahren bei und recht oft drängelt sich der Eiffelturm ins Bild). "Eigentlich" will Renner seinen Informanten nichts Böses, so dass Mitat (Besson-Veteran Marc Andréoni) bei einer Begegnung mit Renner freiwillig in dessen Kofferraum steigt, aber anmerkt, dass er noch rechtzeitig zum Abendessen bei seiner Familie sein möchte. Ein potentiell "witziges" Element ergibt sich aus der Tatsache, dass das neue Medikament starke Nebenwirkungen hat, da der Patient bei Erregung (kommt bei Cia-Agenten nicht so häufig vor, oder?) zu taumeln und zu halluzinieren anfängt. Als running gag muss Renner zudem mit einem lila Fahrrad durch Paris gondeln. Ansonsten gibt es die üblichen Anreicherungen: erste Liebe der Tochter, gefährliche nächtliche Discobesuche, Beziehungsgespräche, faule französische Polizisten, Weichzeichner-Kindheitserinnerungen. Und- als ob das noch nicht reicht -wird Renner noch zum Wohltäter illegal in Paris lebender Schwarzafrikaner.
Gelegentlich stolpert der Film durch ein paar Logiklöcher und weiß nicht recht, wie er "richtig" enden soll. Die Besetzung mit Amber Heard ist natürlich gewollt grotesk. Wer sie in Filmen wie "Machete kills" gesehen hat, ahnt, dass das Ganze nicht ernst gemeint sein kann. Für einen Comic-Strip hingegen mischen sich gelegentlich auch ein paar verstörend brutale Momente ein (wie eine CIA-Agentin in der Eingangssequenz zu Tode kommt, ließ mich über die FSK12-Einstufung die Stirn runzeln). Und das Finale ist noch einmal so rasant inszeniert, dass mir beim Anblick die gesammelten Ungereimtheiten plötzlich wieder entfallen sind.

Ja, Originalität definiert sich anders. Die krude Mischung aus Albernheit und Action wird auch nicht jedem munden. Was in augenzwinkernden Action-Filmen wie "True Lies" zu einem Mehrwert führt, ist hier manchmal anstrengend, das Pendeln zwischen "Beruf" (im eigenen Badezimmer Handlanger der Bösen "befragen") und Erziehungs-/Beziehungsarbeit. Aber ich muss gestehen, dass ich ein paarmal herzhaft gelacht habe und mich keine Minute lang gelangweilt habe. Auch ist er nicht so ärgerlich wie "96 Hours" (hat sich Costner die Action-Karriere von Liam Neeson abgeschaut?) und einfach bekömmlicher als "Malavita". Ob das für eine Kinokarte oder den Erwerb der DVD reicht, muss jeder für sich entscheiden. Es ist ja so wie mit Eiscreme. Man schlotzt sie wild in sich hinein und muss sich dann eingestehen, dass man nur gefrorenes Fett mit Aromastoffen zu sich genommen hat. Ist in Übermaßen nicht gesund, war aber für den Moment einfach sehr lecker. Ich habe den Besuch des Films nicht bereut, glaube aber nicht, dass ich dereinst meinen Enkelkindern von diesem denkwürdigen Kinobesuch erzählen werde. Ja, und irgendwie fand ich Costner auf seine älteren Tage attraktiver als als Jungspund, der mir mit Zeigefinger-Filmen wie "Waterworld" den letzten Nerv raubte.

Fazit: Popcornkino, es hilft, Costner zu mögen


Blau ist eine warme Farbe (La vie d'Adèle, chapitres 1 & 2)
Blau ist eine warme Farbe (La vie d'Adèle, chapitres 1 & 2)
DVD ~ Léa Seydoux
Preis: EUR 12,99

4 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Atemberaubend, 26. April 2014
Ich bin natürlich immer etwas skeptisch, wenn ein Film, der nicht "Laurence von Arabien" oder "Cleopatra" heißt, mal eben drei Stunden dauert, in der Regel empfinde ich solche Filme als etwas aufgebläht. Nicht so hier. Der Film von Abdellatife Kechiche mutet dem Zuschauer aber einiges zu. Der Originaltitel "La vie d` Adèle - Chapitres 1 et 2" erinnert wohl nicht von ungefähr an Truffauts "L` histoire d` Adèle H." Hier wie dort geht es um eine "verrückte", da unüberwindbare Leidenschaft. Zwar wird unsere Adèle nicht im Wahnsinn enden, aber ihre Liebe zu Emma geht uns an die Nieren.
Die 17-jährige Gymnasiastin Adèle (Adèle Exarchopoulos) besucht am liebsten den Literatur- und Englischunterricht. Das Interesse eines älteren Mitschülers lässt sie sich zwar gefallen, aber schnell merkt sie, dass ihr in der Beziehung zu ihm irgendetwas fehlt. Auf der Straße begegnet ihr die blauhaarige Emma (Léa Seydoux), für Adèle ist es Liebe auf den ersten Blick - so wie sie sie nur aus dem Literaturunterricht kannte. Sich ihrer Gefühle unsicher, von einer homophoben Mitschülerin angefeindet, freundet sich Adèle langsam mit der Kunststudentin Emma an. Sowohl körperlich als auch geistig (schön, wie Sartre als Gesprächsgegenstand während des ersten "Dates" die unterschiedlichen Lebenseinstellungen der beiden Frauen illustriert) verfällt Adèle der lebensgewandten Emma. Während Emmas Eltern von ihrer Homosexualität wissen und ganz selbstverständlich Adèle in die Familie aufnehmen, muss Adèle ihren Eltern gegenüber Emma als ihre Nachhilfelehrerin ausgeben. Die Stärke des ersten Teils ist, dass Unterrichtsszenen mit der beginnenden Beziehung zu Emma korrespondieren.
Mit einer grandiosen Tonmontage springt der Film ins zweite Kapitel: Jahre später leben Adèle, inzwischen Lehrerin an einer Vorschule, und Emma, die ihr Studium abgeschlossen hat und sich als Künstlerin zu etablieren sucht, zusammen. Ihren Kollegen gegenüber gibt sich Adèle bedeckt. Schämt sie sich ihrer Gefühle gegenüber Emma oder befürchtet sie Nachteile, falls bekannt würde, dass sie lesbisch ist? Gegenüber den Freunden von Emma fühlt sie sich gehemmt, die intellektuellen Gespräche über Kunst ängstigen sie fast. Zudem suggeriert ihr Emma, dass sie zu wenig aus ihrem Leben mache, sie solle doch mehr schreiben. Zunehmend fühlt sich Adèle abgewiesen und unverstanden. Ihre Unsicherheit lässt sie einen schwerwiegenden Fehler machen. Hat diese große Liebe Bestand?

Die Beziehung zwischen Adèle und Emma spiegelt in der zweiten Hälfte ähnliche Probleme wieder wie die (möglichen) Probleme zwischen Adèle und ihrem Freund im ersten Teil. Sie haben einfach sehr unterschiedliche Interessen und es stellt sich die Frage, ob Leidenschaft dies auf die Dauer überdecken kann. Zudem scheint Adèle nicht ganz das auszuleben, was sie wirklich interessiert.
Der Film kann natürlich auch provozieren. Wer sich nicht darauf einlassen kann, lange Sexszenen, die allerdings nie pornographisch wirken, auszuhalten, wird schon einmal ein Problem haben. Da, wo andere abblenden, beim Sex, beim Streit, bei der schieren Verzweiflung, hält die Kamera unerbittlich drauf. Einige Rezensenten empfanden das als "Rotz-Kino". Beide Schauspielerinnen geben das Äußerste. Der Film hätte mit weniger talentierten Darstellerinnen unglaublich peinlich wirken können, hier entwickelt sich eine unglaubliche Sogwirkung, die es ermöglicht, mit beiden Frauen mitzufühlen. Die Musik ist ausschließlich diegetisch, das heißt, es ist nur Musik zu hören, die auch Teil der Handlung ist (Radio, Disco usw.), es gibt also keinen Score, der die Figuren kommentiert oder psychologisiert. Immer wieder ist Adèle Exarchopoulos in Großaufnahme zu sehen, verträumt, nachdenklich, verliebt, verzweifelt. Natürlich hätte die Geschichte der beiden Frauen auch in kürzerer Zeit erzählt werden können. Diese unglaubliche Nähe herzustellen, gelingt allerdings nur so. Manche könnten es als Wermutstropfen empfinden, dass einige Probleme, Figurenkonstellationen usw. des ersten Teils im zweiten nicht wieder aufgenommen werden. Das ist, denke ich, so gewollt. Der Film besteht aus zwei Teilen, die beide für sich stehen.
Der Film erhielt die Goldene Palme von Cannes. Zum ersten Mal in der Geschichte ging die Auszeichnung nicht nur an den Regisseur, sondern auch an die beiden Hauptdarstellerinnen.

Fazit: Eine Coming-of-Age- Story, die den Zuschauer nicht schont. Großes Darstellerkino, wirkt lange nach!
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Apr 26, 2014 10:03 PM MEST


Frances Ha
Frances Ha
DVD ~ Greta Gerwig
Preis: EUR 8,97

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Du wirkst viel älter, aber weniger erwachsen.", 26. April 2014
Rezension bezieht sich auf: Frances Ha (DVD)
"Ich bin ein bisschen in einen Typen verliebt, aber er heißt Georgie." - Sie entsinnen sich sicherlich noch des Umstandes, dass Harry Sally nie die Romanze mit Sheldon abgenommen hat, da Sheldon nun mal ein Name für einen Steuerberater, aber nie und nimmer für das Objekt erotischer Begierde sein könne. Nun, die Geschichte mit Georgie wird auch nicht weiter verfolgt. Der Independent- Film von Noah Baumbach (auch Drehbuch, zusammen mit Hauptdarstellerin Greta Gerwig) erzählt die Geschichte der 27-jährigen New Yorkerin Frances (Gerwig, "To Rome with Love"), die auf ihren Durchbruch als Tänzerin hofft und dabei wie Hans im Glück Chancen übersieht und am Ende fast mittellos dasteht. Das könnte Stoff für ein erdenschweres Drama werden - wird es aber nicht. Dass man nie seinen Träumen untreu werden sollte, ist die eine Seite der Medaille, dass man aber auch auf die Nase fallen kann, wenn man keine Kompromisse eingeht, die andere. Frances ist das klassische Stehaufmännchen. Sie verliert auch in den absurdesten Situationen nie ihre Hoffnung. Und das hoffnungsvolle Ende gönnen wir ihr von Herzen.
Frances lebt mit ihrer besten Freundin Sophie (Mickey Sumner) zusammen, die allerdings aus nichtigen Gründen mit einer anderen Freundin zusammenziehen möchte. Sie landet in einer WG mit zwei wohlbehüteten Künstlern, beruflich klappt es auch nicht so gut. Der Zuschauer erkennt zudem schmerzhaft, warum es nicht mit der großen Tanz-Karriere klappen wird. Während sie mit ihrem Kumpel Benji (Michael Zegen) fast wie mit einem Ehemann zusammenlebt ("Wir reden, aber haben keinen Sex"), ist sie weiter auf der Suche nach der einen großen Liebe. Eine der schönsten Ideen des Films ist, dass Benji dieses Spiel mitspielt und sie einmal -ohne den Scherz aufzuklären- gegenüber seiner aktuellen Freundin als seine Exfrau ausgibt. Ein Paris-Trip wird wunderbar bizarr. Über die Feiertage muss sie bei ihren Eltern unterschlüpfen (die von Gerwigs eigenen Eltern gespielt werden) und auch sonst muss sie kreativ mit dem Umstand umgehen, dass ihr das Geld für eine Wohnung in New York fehlt. Als sie endlich ihre Freundin Sophie wiedersieht, ist diese materiell zwar gut abgesichert, aber mit ihren Nerven am Ende. Neuanfang?

Das Interessante am Älterwerden ist, dass sich, auch wenn man sich beruflich etabliert hat, die Kinder einem fast über den Kopf wachsen und sich die große Lebensangelegenheit in Luft aufgelöst hat, die eigenen Gefühle nicht wesentlich geändert haben. Begeisterungsfähigkeit, Sehnsucht oder auch die Angst vorm Absturz sind noch immer so da wie mit Mitte Zwanzig. Aus dem Grund traf mich der Film auch mitten ins Herz, weil er das eigene Lebensgefühl wunderbar reflektiert.
Oft wurde Baumbachs elegischer Schwarz-Weiß-Film schon mit Woody Allens "Manhattan" verglichen. Genauso stark sind aber auch die Reverenzen an die Nouvelle Vague. Das fängt schon mit der Titelmelodie an, es ist George Delerues Musik zu Truffauts "Ein schönes Mädchen wie ich", eine ironische Brechung, denn die gerissene schöne Mörderin Camille in Truffauts schwarzer Komödie hat so gar nichts mit der schlaksigen Verliererin Frances gemeinsam. Der lakonische Humor erinnerte mich auch etwas an Aki Kaurismäki, zudem ist objektiv betrachtet Frances` Situation sehr prekär.
Ein wunderbar leichtfüßiger Film. Es ist schwer, Frances und ihre Freunde nicht in sein Herz zu schließen. Der Titel des Films ergibt sich in der letzten Szene des Films.
Leider bietet die DVD außer deutschen Untertiteln (hier hätte ich gerne englische gehabt!) nur den Trailer und Werbematerial.

Fazit: Eine tragikomische Hymne auf die Erfüllung seiner Träume, Lebenslust am Rande des Absturzes.
Kommentar Kommentare (3) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: May 1, 2014 4:12 PM MEST


Snowpiercer
Snowpiercer
DVD ~ Chris Evans
Preis: EUR 14,99

5 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Böse neue Welt, 21. April 2014
Rezension bezieht sich auf: Snowpiercer (DVD)
Schon vor einigen Jahren hatte sich der südkoreanische Regisseur Joon-ho Bong die Filmrechte an der gleichnamigen dreiteiligen Graphic Novel (deutsch: Schneekreuzer) von Jacques Lob, Jean-Marc Rochette und Benjamin Legrand gesichert. 2013 legte er mit dieser koreanisch-französischen Koproduktion mit vielen englischsprachigen Darstellern einen der ungewöhnlichsten Filme der Saison vor.
Die Welt im Jahre 2031 hat eine der schlimmsten Klimakatastrophen der Menschheitsgeschichte hinter sich. 17 Jahre nachdem sich die Erde in einen lebensbedrohlichen Eisplaneten verwandelt hat, fahren die wenigen Überlebenden in einem Zug mit hunderten von Wagons unaufhörlich rund um die Welt. Der Industrielle Wilford, der den Zug lenkt und für die Versorgung der Bewohner sorgt, wird wie ein Götze verehrt, sichere er doch das Überleben der Menschen. Innerhalb des Zuges hat sich ein Klassensystem herausgebildet. Während die Menschen in den hinteren Wagons in Gulag-artigen Zuständen leben, scheinen die Bewohner der vorderen Abteils ganz anders zu leben. Regelmäßig besucht Minister Mason (Tilda Swinton in grotesker Maske) den hinteren Teil des Zugs, um vermeintliche Aufrührer zu foltern oder ein paar Kinder zu vermessen und mit sich zu nehmen. Die Bewohner planen einen Aufstand und wollen die übrigen Wagons durchqueren, um die Leitung des Zuges an sich zu reißen. Viele sind skeptisch, da ein Aufstand vier Jahre zuvor blutig niedergeschlagen wurde. Der junge Curtis (Chris Evans in angenehm ernsthafter Rolle) wird ihr Anführer, graue Eminenz ist der verkrüppelte Gilliam (grandios undurchschaubar: John Hurt). Er warnt Curtis zugleich, sollte es ihm gelingen, bis zu Wilford durchzudringen, sollte er ihm als erstes die Zunge herausschneiden. Will er Curtis vor einer bösen Wahrheit schützen oder fürchtet er, dass Wilford ihn manipulieren könnte? Um die Türen zu den vorderen Wagons öffnen zu können, brauchen sie die Hilfe des politischen Gefangenen Namgoong Minsu (Kang-ho Song), den sie zusammen mit seiner verschreckten Tochter Yona (Ah-sung Ko)befreien. Nun arbeiten sich die Kämpfer vor...

--- LEICHTE SPOILER ---
Die Zuschauer haben keinen Wissensvorsprung. Sie wissen genauso wenig wie Curtis und seine Mitkämpfer, was sie im nächsten Teil des Zuges erwartet, das ist manchmal erschreckend, sehr brutal, höchst grotesk oder erhaben dämlich. Neben der Einteilung in "hinten" und "vorne" gibt es noch eine Einteilung in "vorher" und "nachher". Mit letzteren sind die jungen Leute gemeint, die nur das Leben im Zug kennen und keinen Vergleich zur früheren Welt haben und so die perfekten Opfer von Indoktrination sind. Alison Pill hat als Lehrerin einen kurzen, aber denkwürdigen Auftritt.
Neben Curtis wird langsam auch Minsu zu einer wichtigen Figur, der durch reine Naturbeobachtung zu einer ganz anderen Lösung des Problems kommt. Die schneebedeckten Landschaften, die grotesk zerstörten Städte spielen eine weitere Hauptrolle im Film. Das alles ist von erhabener Schönheit und tödlicher Distanz. Auch sollte das "Zugbaby" Edgar (Jamie Bell) im Auge behalten werden, da er zum Verständnis der Figur von Curtis beiträgt. Wilford wird von einem Darsteller gespielt, der schon in einem Kultfilm der 90er Jahre eine gottähnliche Figur gespielt hat. Es lohnt sich also bei der ersten Sichtung des Films sich hier einfach überraschen zu lassen.
Auch wenn einige Handlungselemente für Zuschauer, die sich an den klassischen Dystopien der 70er wie "Soylent Green", "Logan`s Run", "Scream and Scream again" oder "Westworld" geschult haben, nicht ganz so überraschend sind, so sind auch die "erwarteten Überraschungen" schaurig-grotesk und schmälern nicht den Genuss des Films. Ein böser Humor entfaltet sich gelegentlich, zum Beispiel wenn sich herausstellt, dass ein Rauschmittel in größeren Mengen auch als Sprengstoff dienen kann. Die Figur Masons (sie doziert darüber, wer "Fuß" und wer "Kopf" in dieser Gesellschaft sei) ist vielleicht etwas zu sehr zur Karikatur verkommen, aber das ist natürlich auch eine Geschmacksfrage.
Am Ende des Films laufen alle Handlungsstränge zusammen und der Zuschauer erfährt die bittere Wahrheit, warum Curtis sich nicht zum Anführer berufen fühlt, da er noch beide Arme habe und warum Minister Mason ein so großes Interesse an den Kindern der "Parasiten" hat. Die "Theorie der Revolution", die Wilford Curtis erläutern wird, lässt einem das Blut in den Adern gefrieren. Ist das Streben nach einer gerechten Welt nur eine Illusion, die dem "Systemerhalt Menschheit" zuwiderläuft? Es werden sogar Zweifel gestreut, ob die Naturkatastrophe wirklich ein Versehen war.
--- SPOILER ENDE ---

Natürlich kann der Film nur einen Teil der umfangreichen Vorlage visualisieren, aber das kann ja nun nicht ernsthaft gegen die Verfilmung gewendet werden. Die letzte Einstellung ist wunderschön, surreal, auch etwas bedrohlich. Potential für "Snowpiercer II"? In Frankreich waren die Einspielergebnisse recht übersichtlich und ich fürchte, dass sie auch in Deutschland nicht rekordverdächtig sein werden. Eigentlich schade, denn "Snowpiercer" ist ein ausgezeichneter Actionfilm jenseits der ausgetretenen Mainstream-Pfade, der eine bessere Vermarktung verdient hätte.

Fazit: Bildgewaltige, brutale, surreale, zutiefst pessimistische Zukunftsvision mit starken Darstellern, lohnt ein mehrmaliges Ansehen und hat das Potential zum Kultfilm.
Kommentar Kommentare (9) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: May 19, 2014 1:51 AM MEST


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