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Rezensionen verfasst von
Dr. Matthias Korner "brundisium" (Ratingen, Deutschland)
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Ulrich Inderbinen: Ich bin so alt wie das Jahrhundert
Ulrich Inderbinen: Ich bin so alt wie das Jahrhundert
von Heidi Lanz
  Broschiert

4.0 von 5 Sternen Über den ungekrönten König der Berge, 17. Februar 2014
Ulrich Inderbinen war über Jahrzehnte im wallisischen Zermatt eine Institution. Er galt als "ungekrönter König der Berge". Mit 94 Jahren war er der älteste aktive Bergführer der Welt. Geboren am 03.12.1900, gestorben am 14.06.2004 deckt seine Lebensspanne das 20. Jahrhundert vollständig ab. Die deutsch-schweizerischen Autorinnen Lanz und de Meester haben mit der vorliegenden Biographie einem der besten Bergführer der Schweiz und großen Menschen ein würdiges Denkmal gesetzt.

Das 177 seitige, mit der Abbildung zahlreicher Fotografien aufgelockerte Buch schildert anschaulich das harte Leben Inderbinens, der als Teil einer 11-köpfigen Familie in bitterer Armut aufwuchs. Oft genug wußten seine Eltern Hieronymus und Maria nicht, wie sie die hungrigen Mäuler ihrer 9 Kinder stopfen sollten. Jedes Kind mußte ab dem 3. Lebensjahr eine Aufgabe übernehmen und so zum Familienunterhalt beitragen. Stetige Umzüge zwischen Zermatt, Blatten und Zmutt waren ihre Begleiter. Da Ulrich Inderbinen und seine Geschwister vom Frühjahr bis zum Herbst Kühe und Schafe zu hüten hatten, konnten sie nur im Winter am Schulunterricht teilnehmen. Besuche in einem Gasthaus oder gar einem Hotel waren unerschwinglich.

Mit 20 Jahren bestieg Ulrich Inderbinen zusammen mit seinen Schwestern zum ersten Mal das Matterhorn. 4 Jahre später nahm er an einer Bergführerschule teil. Doch dauerte es noch einige Jahrzehnte, bis ihm der touristische Aufschwung in Zermatt genügend Arbeit als Bergführer bescherte. Bis dahin hatte er sich als Bauarbeiter, Bergmann, Schreiner oder Elektriker durch das Leben gebracht. Mit seiner Bescheidenheit und Kompetenz wurde er zum geschätzten Bergführer, seinen Kunden vermittelte er die Liebe zu den Bergen. Das Matterhorn bestieg er ungefähr 370 Mal. Seine außergewöhnliche Leistungsfähigkeit und gute Gesundheit erlaubten es ihm, noch mit 89 Jahren erneut diesen beeindruckenden Gipfel zu bewältigen. Er wurde 104 Jahre alt.

Fazit: Wer an Zermatt und seiner Geschichte interessiert ist, sollte das seit 2003 in 4. Auflage erhältliche Buch lesen. Er wird dies mit viel Gewinn und dem befriedigenden Gefühl tun, viel Wissenswertes nicht nur über den König der Bergführer, sondern auch das Werden eines weltberühmten Gebirgsortes zu erfahren. Ein Tip am Rande: Wer Zermatt für ein paar Tage besucht, sollte sich nicht scheuen, die Gemeinde Bibliothek direkt gegenüber dem Matterhorn Museum aufzusuchen. Mit etwas Glück wird es die charmante Autorin Liliane de Meester-Furrer selbst sein, die einem das vorliegende oder andere interessante Bücher über Zermatt und seinen weltberühmten Hausgipfel zur Ausleihe empfiehlt.


Pompeji: Roman
Pompeji: Roman
von Robert Harris
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,95

5.0 von 5 Sternen Das ideale Buch für einen Urlaub am Golf von Neapel, 28. August 2011
Rezension bezieht sich auf: Pompeji: Roman (Taschenbuch)
Die Auslöschung der einst blühenden Orte Herkulaneum, Pompeji und Stabiae am 24. August des Jahres 79 n. Chr. durch den Ausbruch des Vulkans Vesuv hat von jeher die Menschen bewegt. Noch heute pilgern tagtäglich Besuchermassen zu den Ausgrabungsstätten am Fuße des Vesuv , um sich mit eigenen Augen ein Bild des früheren Lebens in diesen Städten zu machen. Die Vorstellung vom Leid der so jäh aus dem Leben gerissenen Menschen läßt niemand kalt. Dieses erregende Szenario hat der britische Journalist Robert Harris für eine mitreißende Verschwörungs- und Liebesgeschichte rund um den jungen Wasserbaumeister (lat. "aquarius") Attilius genutzt. Sein Roman führt uns Anfang August 79 n. Chr. in die damals bei den schönen und mächtigen Römern überaus beliebte Stadt Misenum am Golf von Neapel.

Dort ist der bisherige Aquarius spurlos verschwunden. Er war für die stete Wasserversorgung der anliegenden Orte durch das vom Apennin kommende Aquädukt Aqua Augusta zuständig. Zu seinem Nachfolger wird der junge Attilius, dem einflußreiche Gegner das Leben schwer machen. Dazu gehört der neureiche einstige Sklave Amplius, der mit einer großen Fischzucht wohlhabend wurde. Als der Fischbestand durch Schwefelausdünstungen des nahe gelegenen Vesuv zugrunde geht, und die Aqua Augusta versagt, sind plötzlich 250.000 Menschen der Golfregion ohne Wasserversorgung. Mit Hilfe von Corelia, der Tochter des Amplius, deckt Attilius eine Verschwörung auf, sein Leben gerät in Gefahr. Gleichzeitig mehren sich die unheimlichen Vorzeichen einer drohenden Katastrophe.

Robert Harris hat einen spannenden und mitreißenden Historienroman geschrieben. Dem Buch merkt man die guten Recherchen des 1957 in Nottingham geborenen Autoren an, der sich vor Ort orientiert und die holperigen Straßen des ausgegrabenen Pompeji beschritten hat. Dadurch erfährt der Leser viel Lehrreiches über die römische Zeit. Dazu gehören Einzelheiten des Baus von Aquädukten, der römischen Küche oder der verschiedenen Teile einer römischen Villa. Eindrucksvoll sind auch die Schilderungen der einzelnen Etappen des Vesuvausbruchs, die Harris anhand der Aufzeichnungen von Plinius dem Älteren, dem großen römischen Naturforscher und Flottenkommandeur von Misenum, nachvollzieht.

Fazit: Ein packender 375 seitiger Roman, dessen Lektüre nicht nur Kampanienbesucher begeistern wird.
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Die Hummerchronik: Mein Leben auf einer sehr kleinen Insel
Die Hummerchronik: Mein Leben auf einer sehr kleinen Insel
von Linda Greenlaw
  Gebundene Ausgabe

1 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Von Hummerfischerei und kargem Leben, 18. August 2011
Unter den Krebstieren des Nordatlantiks ist der nachtaktive Hummer am auffälligsten und begehrtesten. Sein markantes Körpermerkmal sind die gewaltigen Scheren, welche eigentlich das erste Beinpaar des Zehnfüßlers sind und ihm sein charakteristisches Aussehen verleihen. Bei älteren Tieren können die Scheren so groß werden, daß sie mehr als die Hälfte des Körpergewichts ausmachen. Doch nicht wegen dieser Besonderheiten ist der Hummer beliebt. Es ist sein wohlschmeckendes weißes Fleisch, das die feinen Kreise als Delikatesse zu schätzen wissen. Dabei wurde der Amerikanische Hummer vor dem 19. Jahrhundert noch als einfache Hausmannskost von Witwen, Waisen und Dienstboten angesehen. In Teilen von Neuengland war es sogar verboten, Gefängnisinsassen Hummer mehr als einmal in der Woche vorzusetzen, galt dies doch als unzumutbar harte Strafe.

Da es bis heute nicht gelungen ist Hummer zu züchten, kommt dem Hummerfang gerade vor der amerikanischen Ostküste entscheidende Bedeutung zu. Der Hummer bewegt die Menschen. Viel wurde hierzu geschrieben. So hat Elizabeth Gilbert (auch den Deutschen mittlerweile über ihren Roman "Eat, Pray, Love" bekannt) bereits in ihrem Erstlingswerk "Der Hummerkrieg" von 2000 über den Hummerfang und die sich dabei bekriegenden Fischer einen Roman verfaßt. Die große amerikanische, leider schon verstorbene Literaturhoffnung David Foster Wallace hat Anfang 2009 unter dem Titel "Am Beispiel des Hummers" einen 79 seitigen Essay verfaßt. Darin moralisiert er heftig über die Inhumanität, einen Hummer bei lebendigem Leibe zu kochen. Auch die einstige Hochseefischerin Linda Greenlaw hat sich von der Thematik inspirieren lassen. So entstanden 2002 "The Lobster Chronicles. Life On A Very Small Island", die 1 Jahr später von Hedda Pänke übersetzt auch in Deutschland erschienen.

In ihrem Buch erzählt sie von den Mühen einer Hummerfängerin während der rund 7 monatigen Fangsaison. Da gilt es, Boot und Fanggerät in Ordnung zu halten, die rund 1 m langen, 40 cm hohen und knapp 60 cm breiten Hummerreusen mit ausreichend langer Leine und Markierungsboje zu versehen und mit frischem Köderfisch zu bestücken. Sind die mit Ziegelsteinen beschwerten Hummerfangkästen im Meer an den vermeintlich richtigen Stellen ausgesetzt, bleibt die bange Frage nach dem Fang. Haben sich die vorangegangenen Anstrengungen gelohnt. War der große Hummergott gnädig. Oder besteht die Ausbeute aus den wenige Tage später herauf gezogenen Reusen nur aus shorts, snappers (Hummer, deren Panzer weniger als 8 Zentimeter mißt), eggers oder notchers (Hummerweibchen, die Laich tragen oder getragen haben und markiert wurden). Das wäre fatal. Sie müssten gleich wieder ins Meer zurückgeworfen werden. Der Staat Maine, dem am Erhalt des Hummerbestandes liegt, verbietet ihren Verkauf.

Wie der Untertitel vermuten läßt, schildert die unverheiratete Autorin aber auch ihr Leben ohne Mann und Kinder auf einer kleinen Insel fernab städtischer Zivilisation ohne Kino, Rollschuhbahn, Kaufpassage und Bowlingbahn. Das ist nicht immer prickelnd, aber authentisch, weist auch die eine oder andere Länge auf. Doch immer dann, wenn das Buch langweilig zu werden droht, überrascht Linda Greenlaw mit einer gelungenen Passage über die Eigenarten und Lebensweise des Homarus Americanus. Wer also die gegenwärtig oft beschworene Entschleunigung unseres Lebens sucht und der Urbanität überdrüssig ist, würde sich möglicherweise auf der kleinen Insel Isle au Haut vor der Küste von Maine inmitten einiger Exzentriker wohl aufgehoben fühlen. Einen Vorgeschmack hierauf bietet die Lektüre von Greenlaws Hummerchronik.

Fazit: Ein 251 seitiges Buch mit Längen, aber faszinierenden Passagen über die Hummer und die Nachstellungen der Menschen.
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Die Feuerbraut: Lesung
Die Feuerbraut: Lesung
von Iny Lorentz
  Audio CD

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Von Hexenwahn und Wallenstein: 7 1/2 Stunden Hörbuchunterhaltung, 24. Juli 2011
Rezension bezieht sich auf: Die Feuerbraut: Lesung (Audio CD)
Der Historienroman des Münchner Autorenpaar spielt inmitten der Wirren des Dreißigjährigen Krieges. Die süddeutsche Zivilbevölkerung flieht vor den heranrückenden Schweden, die überall, wo sie auftauchen, eine Schneise der Zerstörung hinterlassen. Niemand kann sich vor Plünderung und Vergewaltigung, Brandschatzung und grausamem Tod sicher sein. Heldin des Romans ist die 17-jährige Irmela von Hochberg, deren Vater von den Schweden getötet wurde. Allein auf sich gestellt muß sie sich so habgieriger wie mißgünstiger Verwandter erwehren. Doch kaum wähnt sie sich in den Armen ihrer Jugendliebe Fabian von Birkenfels vor Anfeindungen sicher, wird sie vom Prior des Klosters Lexenthal beschuldigt, eine Hexe zu sein. Nichts scheint sie vor einem grausamen Tod auf dem Scheiterhaufen bewahren zu können.

Routiniert und spannend, mitunter auch deftig wird eine apokalyptische und entbehrungsreiche Zeit beschrieben, in der die Menschen nicht zur Ruhe kamen. Der Hörer gewinnt erste Einblicke in die politischen Verhältnisse der 1. Hälfte des 17. Jahrhunderts, erfährt von den Personen dieser Zeit Wallenstein, Tilly, Gustav Adolf und dem in Wien residierenden Habsburger Kaiser. Groß thematisiert wird der Hexenwahn, der in jenen Kriegsjahrzehnten einem traurigen Höhepunkt entgegenstrebte und viele Unschuldige das Leben kostete. Anprangern kann man die Schwarz - Weiß - Malerei bei den dargestellten Charakteren. Den guten stehen einige abgrundtief schlechte gegenüber. Den wenigen dazwischen wie etwa Hasso von Heimsburg will man ihre Wandlung zum Guten nicht so richtig abnehmen. Auch hätte die eine oder andere historische Vertiefung dem Buch nicht geschadet.

Der 748 seitige Geschichtsroman wurde in einer bearbeiteten Fassung durch die Freiburger Schauspielerin Anuk Ens in ein Hörbuch eingelesen. Im Vergleich zur Druckversion des Romans merkt man, daß ganz erhebliche Buchteile dem Rotstift zum Opfer fielen. Das hat leider zur Folge, daß sich dem Hörer nicht alle Hörbuchpassagen und Handlungsdetails leicht erschließen. Diese Kritik soll gleichwohl die vorzügliche Leseleistung von Anuk Ens nicht schmälern, die mit unterschiedlichen Stimm- und Sprachlagen die verschiedenen Romanfiguren mit akustischem Leben erfüllt.

Fazit: Ein unterhaltsamer, spannender Historienroman auf 6 CDs, der Hörer und Hörerin nicht überfordern wird und sich gut für eine lange Autofahrt eignet. Vielleicht weckt er ja Interesse für eine nähere Beschäftigung mit einer der größten europäischen Kriegsepochen.
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Der Blutvogt
Der Blutvogt
von Rainer Castor
  Taschenbuch

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Cölln - Berlin im 14. Jahrhundert, 26. Juni 2011
Rezension bezieht sich auf: Der Blutvogt (Taschenbuch)
Das vorliegende 592 seitige Buch aus dem mittelalterlichen Berlin ist der erste historische Roman des 1961 geborenen Andernacher Autors. Zuvor hat der gelernte Baustoffprüfer Science - Fiction (insbesondere Perry Rhodan) - Romane verfaßt. Leider ist das Debut nur teilweise gelungen.

1349 trifft der Braunschweiger Martin Stockmann in der durch die Spree getrennten Doppelstadt Cölln-Berlin als neuer Blutvogt ein. Viel Arbeit harrt des jungen Scharfrichters. Er hat nicht nur Kirchenschänder, Diebe, Räuber und Mörder zu bestrafen. Auch für die öffentliche Ordnung, Latrinenhygiene und Prostitution ist er zuständig. Zudem kommen aufgrund seiner Heilkenntnisse viele Kranke und Verletzte zu ihm. Voller Elan und Ehrgeiz weiß Martin die Herausforderungen seiner zahlreichen Aufgaben zu meistern und sich gegenüber Neidern, bigotten Quacksalbern und intriganten Zunftvertretern zu behaupten. Die den Ton angebenden Ratsherren schätzen seine Arbeit. Es gelingt ihm, das Herz der hübschen Amalie, der jungen Witwe seines früh verstorbenen Vorgängers zu erobern. Eigentlich müßte Stockmann glücklich sein, wären da nicht unstete politische Verhältnisse, ein geheimnisvoller Mönch und die unheilvollen Anzeichen einer nahenden Pestepidemie.

Diese Geschichten lassen sich gut an. Sie sind trotz zahlreicher Einfügungen in Latein und mittelalterlichem Deutsch flüssig und eingängig geschrieben, wobei Übersetzungen auf derselben Seite und instruktive Anmerkungen am Ende des Buches das Verständnis ungemein erleichtern. Faszinierend sind auch, soweit man sich für dieses düstere Thema interessiert, die detaillierten Beschreibungen der grausamen mittelalterlichen Folter- und Strafrituale, die geschickt mit verschiedenen Individualschicksalen verwoben werden. Ausgiebigen Platz räumt Castor dem mittelalterlichen Alltagsleben mit all seinen Auswüchsen und Derbheiten ein. Psychologisch einfühlsam macht der Autor auf den Gewissenskonflikt Stockmanns aufmerksam, der Menschen heilen will, sie gleichzeitig aber qua Amtes zu töten hat. Gut nachvollziehbar geschildert sind die unruhigen politischen Verhältnisse, die es den Mächtigen erlauben, zwischen dem totgeglaubten, gleichwohl in wunderbarer Weise zurückgekehrten Markgrafen Woldemar und dem Lager der Wittelsbacher zu lavieren.

Hätte das Buch mit seinem so prallen wie farbenträchtigen Sittengemälde nach 350 bis 400 Seiten geendet, hätte man dem Autor sicherlich uneingeschränkten Beifall spenden müssen und seinem Mittelalterroman kaum die Bewertung mit 4 oder 5 Sternen vorenthalten können. Doch diese Chance vergibt der Autor. Er setzt sein Buch mit einer überladenen und verquasten Handlung fort, die darin gipfelt, daß der Hauptakteur zunehmend in seitenlang geschilderte Alpträume, Bilsenkrauträusche und Halluzinationen abgleitet. Auch stört die zwanghafte Einbeziehung der Gralssaga, die er Martin Stockmann durch den Mönch Michael, einen ehemaligen Templer, in den Kopf setzen läßt. Das wirkt so aufgesetzt wie überflüssig. Man tut sich mehr als schwer, Castors Hauptfigur in ihren ausufernden Träumen, Räuschen und Wahnvorstellungen zu folgen oder ihr die Rolle eines zukünftigen Gralsritters abzunehmen. Hier wäre tatsächlich ein Weniger ein Mehr gewesen.

Fazit: Die Chance eines großen Wurfes wurde leider vergeben. Gleichwohl verdient Rainer Castor für die gelungenen Teile seines mittelalterlichen Sittengemäldes eine Bewertung mit 3 Sternen. Freunde des Mittelalters und seines Hinrichtungswesens könnten ihre Freude an dem Roman haben. Allen anderen kann die Lektüre von wohl nur zwei Dritteln des Buches empfohlen werden.


Säulen der Ewigkeit
Säulen der Ewigkeit
von Tanja Kinkel
  Audio CD

0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Unterhaltsame Hörbuchstunden für Freunde ägyptischer Ausgrabungsgeschichte, 5. Juni 2011
Rezension bezieht sich auf: Säulen der Ewigkeit (Audio CD)
Die 41-jährige Autorin hat in Deutschland bereits mehrere Bestseller gelandet. Ihre Domäne sind Romane im historischen Kontext. Gerne erinnert man sich an ihren 2003 erschienenen Roman Die Puppenspieler", in dem sie mittelalterliche Zeiten im süddeutschen Augsburg und dem mittelitalienischen Florenz rund um die extrem erfolgreiche Kaufmannsdynastie der Fugger aufleben läßt. In dem vorliegenden 2008 durch die Fernseh- und Theaterschauspielerin Franziska Bronnen eingelesenen 9-stündigen Hörbuch führt sie uns in ein Ägypten, das Anfang des 19. Jahrhunderts Teil des Osmanischen Reiches war und örtlichen Machthabern unterstand. Dort lieferten sich Franzosen und Engländer einen Wettlauf um die vergessenen und unter Sand begrabenen Kunstschätze früherer Jahrhunderte.

Ägypten hatte sich erstmals unter dem Vizekönig Mehmed Ali Pascha Europa geöffnet, als der frühere Jahrmarktsartist und Maschinenkonstrukteur Giovanni Belzoni und seine englische Frau Sarah 1815 dort eintreffen. Während sich Giovanni für einen englischen Auftraggeber zum erfolgreichen Jäger verlorener Schätze der alten Ägypter entwickelt, beginnt Sarah, das Land auf ihre eigene Art zu entdecken. Dabei begegnet ihnen immer wieder der französische Konsul Bernardino Drovetti, ein ebenso charmanter wie undurchschaubarer Mann, der gleichzeitig größter Konkurrent im Kampf um das kostbare Erbe der Pharaonen ist.

Tanja Kinkel beleuchtet eine interessante Thematik, nämlich den Wettstreit westlicher Länder um die kulturellen Hinterlassenschaften alter Länder zu einer Zeit, als diese noch kein Bewußtsein für den unermesslichen Reichtum ihrer Vergangenheit hatten und sich ihre örtlichen Machthaber Kulturschätze für einen Bruchteil ihres wahren Werts abhandeln ließen. Man wird darin Ausbeutung der Ursprungsländer oder eine Art Kulturkolonialismus sehen müssen, der darin endet, daß vergangene Schätze den Weg aus ihrem Ursprungsland in den Louvre zu Paris oder das British Museum in London nehmen. Hierfür stehen stellvertretend der englische Konsul Henry Salt und sein französischer Gegenpart Drovetti.

Fazit: Tanja Kinkel hat schon spannendere Werke verfaßt. Obwohl man der Geschichte der ägyptischen Ausgrabungen einen gewissen Unterhaltungsreiz nicht absprechen kann, reißt die Geschichte rund um Giovanni und Sarah nicht in dem Maße mit, wie dies noch die "Puppenspieler" - Hauptfiguren getan haben. Zu den gelegentlichen Längen der Hörbuchfassung kommt hinzu, daß man sich an Franziska Bronnens unverkennbar süddeutsche Stimme erst gewöhnen muß. Freunde ägyptischer Ausgrabungsgeschichte werden gleichwohl Freude an dem aus 7 CDs bestehenden Hörbuch haben.


Schande. SPIEGEL-Edition Band 14
Schande. SPIEGEL-Edition Band 14
von J. M. Coetzee
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 9,90

3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Einblick in eine unheile Welt, 12. April 2011
Der Südafrikaner Daniel Lurie, ein Mann mittleren Alters, ist zweimal geschieden. Er arbeitet als Literaturprofessor in Kapstadt und hat sich auf ein Techtelmechtel mit einer seiner Studentinnen eingelassen. Dies wird öffentlich bekannt, Lurie muß sich der Anhörung vor einem Untersuchungsausschuß stellen. Er bekennt sich schuldig, quittiert seinen Dienst und verläßt Kapstadt, um sich auf die Farm seiner Tochter Lucy zurückzuziehen. Dort merkt er, wie selbständig und unabhängig Lucy geworden ist. Er muß miterleben, wie diese von drei jungen Schwarzen überfallen und vergewaltigt wird, ohne daß er ihr beistehen kann. Dieses Unrecht läßt sich nicht sühnen, die Täter werden nicht gefaßt. Lucy verschließt sich jeglicher Hilfestellung ihres Vaters. Ein massiver Konflikt zwischen Tochter und Vater, Opfer und Täter, Unterdrücker und Unterdrückten tritt zutage.

Dem mittlerweile 71-jährigen Autoren mit niederländischen Wurzeln ist mit "Schande" ein faszinierender Roman gelungen, der autobiographische, politische und zwischenmenschliche Aspekte vereint. Ähnlich wie er selbst einst ist sein Hauptprotagonist als Professor für Literatur an einer südafrikanischen Universität tätig. Diesbezügliche Erfahrungen hat er mit der Thematik der sexuellen Beziehung eines alternden Professors mit einer jüngeren Studentin verwoben, so wie sie sich gerne auch in Romanen von Philip Roth oder John Updike findet. Deren fatales Ende gibt ihm die Gelegenheit, auf die Probleme einer von Verklemmtheit und den Folgen der Apartheid geprägten südafrikanischen Gesellschaft einzugehen, die es ihren schwächeren Gliedern (hier einer lesbischen Frau) nicht erlaubt öffentlich zu gestehen, was ihnen an Unrecht widerfahren ist. Das Spannungsverhältnis zwischen Schwarz und Weiß hat Coetzee angereichert mit einem Vater/Tochter - Konflikt.

John Michael (oder Maxwell) Coetzees 270 seitiges Buch (Originaltitel "Disgrace") ist gut und flüssig geschrieben. Der Autor hat die südafrikanischen Verhältnisse mit guter Beobachtungsgabe wiedergegeben. Beeindruckend etwa seine plastische Schilderung der tierischen und menschlichen Dramen auf der von Lucys Freundin Bev betriebenen Tierkrankenstation. Nicht umsonst erhielt Coetzee 1999 für Schande den Booker Price, dem 2003 sodann der Nobelpreis für Literatur folgte. Maßgeblichen Anteil an der 2000 erschienenen deutschsprachigen Ausgabe hat die vorzügliche Übersetzung von Reinhild Böhnke. Den positiven Gesamteindruck rundet ein 6 seitiges instruktives Nachwort von Urs Jenny ab.

Fazit: J.M. Coetzees Buch mit seiner gelungenen Mischung politischer und zwischenmenschlicher Aspekte nebst zahlreichen Südafrikaeinsichten kann nur wärmstens empfohlen werden.


Atemschaukel. Roman
Atemschaukel. Roman
von Herta Müller
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,90

1 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Sprach- und wortgewaltig beschriebene Lagerdüsternis, 13. März 2011
Rezension bezieht sich auf: Atemschaukel. Roman (Gebundene Ausgabe)
Als die Rote Armee im Sommer 1944 schon tief in Rumänien stand, wurde ihr faschistischer Diktator Ion Antonescu verhaftet und hingerichtet. Rumänien kapitulierte und erklärte dem bis dahin verbündeten Nazi-Deutschland völlig unerwartet den Krieg. Auf Anordnung Stalins mußte die rumänische Regierung alle in Rumänien lebenden Deutschen für den Wiederaufbau der im Krieg zerstörten Sowjetunion zur Verfügung stellen. Alle Männer und Frauen im Alter zwischen 17 und 45 Jahren wurden zur Zwangsarbeit in sowjetische Arbeitslager deportiert. Später wurde das Thema Deportation tabu, weil es an Rumäniens faschistische Vergangenheit erinnerte. Nur noch im engen Familienkreis und unter Vertrauten sprach man in Andeutungen über die Lagerjahre.

Auch die Mutter der 1953 in Nitzkydorf im rumänischen Banat geborenen Autorin war 5 Jahre lang im Arbeitslager. Die Andeutungen ließen Herta Müller nicht los. Sie begann ab 2001 Gespräche mit ehemaligen Deportierten, allen voran dem früheren Lagerinsassen Oskar Pastior aufzuzeichnen. Bald entstand der Wunsch, gemeinsam ein Buch darüber zu schreiben. 2004 reisten Müller und Pastior in die Ukraine zu Orten ehemaliger Zwangsarbeitslager. Doch 2006 starb der Lyriker Oskar Pastior plötzlich. Erst ein Jahr später konnte Herta Müller sich dazu entscheiden, das Buch nicht gemeinsam, sondern alleine zu schreiben. Vier bis dahin entstandene Hefte mit handschriftlichen Aufzeichnungen unersetzlicher Details aus dem Lageralltag und Textentwürfe für einige Kapitel erleichterten ihr Vorhaben.

Herta Müller erzählt dieses den meisten Deutschen unbekannte Kapitel europäischer Geschichte an Hand einiger, nicht selten tragisch endender Einzelschicksale. Im Vordergrund freilich steht die Geschichte des 17-jährigen Leopold Auberg, den das Schicksal aus der Enge einer kleinbürgerlichen Umgebung herausreißt und in den Alptraum eines russischen Arbeitslagers hineinstürzt. Von einem Tag auf den anderen sieht sich der junge Rumäniendeutsche unsäglichen Lagerverhältnissen mit so sinnlosen wie willkürlichen Appellen, erniedrigenden Arbeitsbedingungen und großen physischen Belastungen ausgesetzt. Über allem schwebt die traumatische Dauererfahrung des allgegenwärtigen Hungers, die die Lagerinsassen schier um den Verstand bringt, sie untereinander zu Rivalen macht, sie jeden Löffel dünner Krautsuppe in der Hand des anderen belauern läßt, und sie bis an ihr Lebensende prägt. Hoffnung gibt es nicht, Flucht ist unmöglich und endet regelmäßig im Tod.

Herta Müllers, zum Teil sicherlich auch Oskar Pastiors poetische Erfindungskraft, Sprachreichtum und Wortgewalt haben den Schrecken des Lageralltags in Worte gefaßt, die selbst dem Elend seine Würde lassen. Es sind unvergessliche Bilder entstanden wie "Der Unterleib war ausgefroren, die Beine schoben sich totkalt in die Därme", die dem Leser so schnell nicht aus dem Kopf gehen. Bestürzende Schilderungen von erniedrigenden Arbeitsbedingungen, psychischen Belastungen und demütigenden Lagerverhältnissen wechseln sich ab mit der bedrückenden Beschreibung aussichtsloser Tag- und Nachtträume und -illusionen. Begriffe wie "Atemschaukel", "Eigenbrot", "Herzschaufel", "Hungerengel", "Hautundknochenzeit"oder "Wangenbrot" graben sich ein, lassen einen nicht mehr los. Die sprachlichen Bilder nehmen ein, erreichen, daß man sich zunehmends schwerer tut, die Lektüre der 64 nicht chronologisch angeordneten Kapitel fortzusetzen. Hat man das Buch dennoch ausgelesen, wird man tief durchatmen. Herta Müllers Roman wird man nie wieder vergessen.

Fazit: Keine einfache Lektüre, sondern 297 poetisch erfindungsreich geschriebene Seiten über menschliches Elend. Symptomatisch insoweit die eingefallenen Wangen des Mannes auf dem Titelbild. Leser und Leserin werden erschüttert so schnell kein vergleichbares Buch anrühren wollen.


Wie immer Chefsache: Roman
Wie immer Chefsache: Roman
von Martin Rütter
  Broschiert
Preis: EUR 17,99

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Leben und Leiden eines Hundeprofis, 31. Dezember 2010
Rezension bezieht sich auf: Wie immer Chefsache: Roman (Broschiert)
Sehr tiefsinnig, wie Martin Rütter mit der Geschichte des Matthes Reutter seine eigene Biographie vom unbekannten Hundekenner zum berühmten Hundeprofi aufarbeitet. Alles begann im wirklichen Leben mit einer Reportage über die Erziehung des Rauhaardackels -leidenschaftlicher Leberwurstbrotfan- von WDR - Moderatorin Bettina Böttinger ( im Buch Saskia Hoffmann ) und einem Auftritt von Rütter in ihrer Sendung "B.trifft". Danach war der Weg von Rütter/Reutter zum Promi nicht mehr zu stoppen. Im Buch wie im wirklichen Leben folgen Interviews, Zeitungsartikel, Radio, Hunderatgeber, eine eigene Fernsehserie etc.. Rütter / Reutter können nicht mehr unerkannt im Park spazieren gehen oder ein Straßencafe aufsuchen, ohne dass Hundefans mit "Ich hätte da mal eine Frage..." nerven.

Im Buch erleidet Reutter aufgrund des Promi - und Erfolgsstresses einen gesundheitlichen Zusammenbruch und wird gegenüber seiner Umwelt unausstehlich. Sympathisch wie immer löst der Autor Rütter jedoch auch diesen Konfklikt, als der behandelnde Arzt im Krankenhaus mit einer Hundefrage den Genesungsprozess stört, sinkt Reutter lächelnd in die Kissen. Im Prinzip will er ja nichts anderes als Hundeprofi sein.

Bekannt ist, dass Rütter im wirklichen Leben einen guten Jugendfreund ( im Buch Alex )an seiner Seite hat, der ihn auf Touren begleitet, fährt und auch die Betreuung der gealterten Hundedame Mina übernommen hat. Rütter wünscht man bei der Lektüre, dass er ebenfalls wie Reutter weitere helfende Hände ( wie eine fürsorgliche Schwester, eine Sekretärin, eine stolze Mutter etc. ) hat, die den Promistress für ihn erträglich machen.

Alles in allem ist das Buch für Rütterkenner/-fans als coming out der inneren Gefühlswelt eines Hundeprofis sehr lesenswert. Für andere, die zufällig an dieses Buch geraten, dürfte die Story eher zu langatmig (zu ausführliche Schilderung des Entstehens der Erstausgabe einer Hundezeitung) sein. Interessant wäre natürlich, Bettina Böttingers Meinung über ihr stark geschminktes Alter Ego Saskia Hoffmann zu erfahren.


Pole Poppenspäler. 2 CDs
Pole Poppenspäler. 2 CDs
von Theodor Storm
  Audio CD

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Dank Gert Westphal akustisch meisterlich umgesetzte Storm-Novelle, 30. November 2010
Rezension bezieht sich auf: Pole Poppenspäler. 2 CDs (Audio CD)
Anfang 1874 vollendete Theodor Storm die vorliegende Jugenderzählung. Eingebettet in eine in der Gegenwart spielende Rahmenhandlung entfaltet sich die eigentliche Geschichte formal im Wege der Rückblende. Eine Puppenspielerfamilie gastiert im Norden Deutschlands an der Küste (vermutlich in Husum, der Heimatstadt des Autors). Paul Paulsen, Kind eines ortsansässigen Handwerkers, verfällt der Faszination des Puppenspiels und befreundet sich mit Lisey, Tochter des fahrenden Puppenspielers Tändler. Das unverhoffte Glück der beiden Kinder währt nicht lange, die Puppenspielerfamilie muß weiterziehen. Erst Jahre später kommt es zu einer Wiederbegegnung unter tragischen Umständen. Aus kindlicher Freundschaft wird Liebe. Das Schicksal hat ein Einsehen. Gegen alle bürgerlichen Widerstände reißt es die Liebenden nicht mehr auseinander.

Am 13. Dezember 1992 entstand auf 2 CDs das vorliegende ca. 1 1/2 stündige Hörbuch als Mitschnitt einer Matinée in der Komödie Winterhuder Fährhaus. Für Storms romantische Novelle in leicht gekürzter Form hätte der Litraton Verlag mit Gert Westphal keine bessere Wahl treffen können. Dem 1920 in Dresden geborenen, 2002 verstorbenen Schauspieler gebührt ein Sonderlob. Er hat die schwierige Aufgabe, verschiedene Personen mit unterschiedlichen süddeutschen Dialekten zu akustischem Leben zu erwecken, meisterhaft gelöst. Entstanden ist die virtuose Inszenierung eines Ein-Mann-Theaters. Nicht umsonst hat ihn die Wochenzeitung "DIE ZEIT" als "König der Vorleser" bezeichnet.

Fazit: Eine Novelle von Theodor Storm zwischen tragischem Künstlerschicksal und sich bewahrender Bürgerlichkeit. Ein Hörbuch, das bewegt.


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