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Rezensionen verfasst von
Simone Kaczerowski, books&friends (Essen)

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Inferno
Inferno
von Dan Brown
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 26,00

6 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Halleluja, die Bibel ist neu erschienen!, 16. Mai 2013
Rezension bezieht sich auf: Inferno (Gebundene Ausgabe)
Wow, endlich ist er vorbei, dieser 14. Mai. Was für ein Zirkus wurde um dieses Buch vorher veranstaltet! Monatelange Geheimniskrämerei, von Sicherheitsleuten bewachte Übersetzer, die nur im Keller arbeiten durften, fertig belieferte Buchhändler, die die schweren Pakete tagelang nicht öffnen durften, und Journalisten, die um Mitternacht, jawohl, kurz nach Null Uhr des 14.5.2013 ein pdf-Dokument mit dem Roman auf den Rechner geschickt bekamen. Halleluja, die Bibel ist neu erschienen!

Nein, es ist nur der neue Thriller von Dan Brown. Und der muss jetzt erst einmal beweisen, dass er den Vorab-Thrill auch wert ist. Dan Brown, eher der BILD-Autor der Belletristik (Qualität UND Verkaufszahlen betreffend) hat nach mehreren Jahren endlich seine millionenschwere Schreibhemmung überwunden und einen neuen Roman verfasst: „Inferno“. Und wie wir es aus „Illuminati“ und „Sakrileg“ gewohnt sind, lässt er seinen altbekannten wie staubtrockenen Professor Robert Langdon durch eine wunderschöne Stadt jagen, auf der Suche nach… ach, das ist eigentlich fast egal, dieses Mal aber beinahe interessant. Und wie immer bei Dan Brown gründlich recherchiert. Denn Dan Brown beschäftigt sich in „Inferno“ nicht nur mit der Vergangenheit, sondern auch mit der Zukunft. Mit unser aller Zukunft nämlich.

Der Plot: (Achtung, jetzt kommt Inhalt! Wer sich überraschen lassen will, liest im nächsten Absatz weiter.)
Ein leicht fanatischer Gen-Biologe und Fan des mittelalterlichen Dichters Dante Alighieri stellt die These auf, dass die Menschheit an sich selbst zugrunde gehen wird, und zwar bald. Für mehr als 4 Milliarden Menschen reichen die Ressourcen nämlich nicht. Weder Lebensmittel noch Ökosysteme sind für 8, 9, 10 Milliarden Menschen ausgerichtet, also wird das System sich bald (natürlich ungewollt) selbst vernichten. So wie damals im Mittelalter die Pest die völlig überbevölkerten Städte „gereinigt“ hat. Es sei denn, der Biologe hilft vorher und dezimiert die Bevölkerung auf ungefähr die Hälfte. Dafür hat er schon mal einen kleinen Cocktail in viraler Form vorbereitet und gut versteckt. Natürlich gerät ein Hinweis auf das Versteck in die Hände unseres Helden. Blöderweise kann Robert Langdon sich daran nicht erinnern, denn nach einem Kopfschuss fehlen seinem Gedächtnis genau die zwei Tage, in denen Entscheidendes passiert ist. Und so treffen wir Robert Langdon in der ersten Szene des neuen Romans in einem Krankenhaus in Florenz, und niemand außer Dan Brown weiß, wie er dort hingekommen ist. (Vor dem geistigen Auge des Lesers erscheint aber natürlich schon jetzt Tom Hanks, und wir freuen uns schon darauf, ihn demnächst mit strubbeliger Frisur und in einem schicken italienischen Krankenhaus-Nachthemd bei der Arbeit zu bewundern.) Kaum aus der Bewusstlosigkeit erwacht, wird schon wieder auf ihn geschossen, weswegen er für seine höllischen Kopfschmerzen erst mal mindestens 200 Seiten lang keine Zeit mehr hat und mit der schönen Ärztin Sienna durch Florenz rennt. Alle schönen Orte, die man in Florenz bewundern kann, lernen sie kennen, aber natürlich sind sie nur auf der Suche nach dem einen wichtigen Code, und den kann niemand Geringeres als Dante Alighieri, der Dichter der „Göttlichen Komödie“, liefern.
„Inferno“ bietet eine Menge Historie: Literatur, Architektur und Kunstgeschichte nehmen weite Teile des Romans ein, der eben dadurch an vielen Stellen „sachlich“ wird. Das nimmt Tempo heraus, und so hat man am Ende der 682 Seiten das Gefühl, dass es sehr gut auch etwas kürzer gegangen wäre. Immerhin, in einigen Dingen hat sich Dan Brown, der Meister der handwerklich erzeugten Spannung, anscheinend Kritik zu Herzen genommen: Seine berühmten Cliffhanger, in früheren Romanen mit der Gießkanne ans Ende fast jeden Kapitels gegossen, hat er ungemein reduziert. Und auch sonst macht „Inferno“ den Eindruck, sprachlich mit ein paar weniger Klischees auszukommen als noch „Illuminati“ oder „Sakrileg“. Und manche Stellen machen, man glaubt es kaum, sogar wirklich ein bisschen Spaß. Wenn zum Beispiel Robert Langdon am Feiertag Florenz nach einer Ausgabe von Dantes „Commedia“ durchsucht, aber alle Läden geschlossen haben, und er schließlich, von Zeitdruck geplagt, in einer Kirche eine ältere Dame trifft, die sich von ihrem iPhone ihre E-Mails per Ohrstöpsel vorlesen lässt, wegen der schlechten Augen, und die beiden eine kleine Plauderei über iPhone-Apps anfangen, bis sich schließlich Robert Langdon das iPhone der Dame kurz ausleihen darf, um sich über Google eine e-book-Ausgabe der 750 Jahre alten „Commedia“ zu laden, nur, weil er mal eben schnell Gesang 25 im dritten Teil nachlesen muss … das hat schon was. Sehr nette Idee, Mr. Brown. Leider ist das nur eine Seite von den fast 700. Und natürlich wünscht sich der anspruchsvolle Leser gelegentlich ein wenig mehr Originalität bei der Figurenkonstellation, aber nein, wir bekommen wie immer neben R.L. einen Bösewicht und eine schöne Frau. Das war’s. Immerhin ist die Frau dieses Mal blond.

Wie dem auch sei – das Ding wird ein Riesen-Erfolg werden. „Inferno“ hat alles, was man von Dan Brown kennt und erwartet: Spannung, Verschwörung, Tempo, eine tolle Stadt, historische Schauplätze vom Feinsten, gelegentliche feine Seitenhiebe auf die katholische Kirche. Und bietet wieder einmal ein Thema, über das die Medienwelt demnächst diskutieren kann. (Ich bin jedenfalls schon gespannt auf die Katastrophen-Dokus auf RTL 2 zum Thema „Wie wir Menschen uns selbst vernichten“.) Das kann Dan Brown wie kein Zweiter. Und deshalb wird er bestimmt wieder ein paar Milliönchen von seinem neuen Schinken los. Und ganz nebenbei tut er eine Menge dafür, dass Italiens berühmtester Dichter auch außerhalb von Florenz nicht vergessen wird. Und dafür lohnt es sich doch.
Kommentar Kommentare (3) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: May 19, 2013 10:44 AM MEST


Neukölln ist überall
Neukölln ist überall
Preis: EUR 8,99

7 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Unangenehm, aber zu Recht ein Bestseller, 3. Dezember 2012
Rezension bezieht sich auf: Neukölln ist überall (Kindle Edition)
Heinz Buschkowsky ist Bürgermeister des Berliner Stadtteils Neukölln. Neukölln ist ein sogenannter „Problembezirk“: über 300.000 Einwohner, die meisten von ihnen Migranten. Damit ist das Thema dieser 400 Seiten definiert. Und wer nicht in einem ähnlichen Bezirk wohnt oder aus anderen Gründen tagtäglich mit dem Thema Integration befasst ist, nimmt dieses Buch vielleicht mit dem leicht befremdlichen Gefühl eines gesellschaftlichen Randthemas in die Hand. Der Gedanke „Ja, gibt es, aber nicht bei mir“, liegt für viele Leser nahe, auch für mich. Nach der Lektüre hat sich das Gefühl gewandelt.

Es ist immer noch befremdlich, aber es ist kein Randthema mehr. Dafür reicht Heinz Buschkowskys einfache Rechnung. Nämlich die, dass deutsche Frauen im Durchschnitt 1,5 Kinder bekommen. Migrantinnen drei, vier und mehr. Der Migrantenanteil wird sich also innerhalb weniger Generationen von jetzt rund 5 % der Bevölkerung deutlich verändern. Das aber ist nicht das Problem. Das Problem ist, so Buschkowskys provokante These, dass ein Großteil der Migranten das Leben in unserem Land nicht bereichert, sondern belastet. Punkt.

Das ist durchaus als Vorwurf an Integrationsunwillige zu verstehen. Und dauernd betonen, dass es natürlich auch die anderen gibt, dazu hat Herr Buschkowsky keine Lust. Höflich sein will er nicht. Offensichtlich gewöhnt man sich äußerliche Schnörkel ab, wenn man in Neukölln lebt. Dennoch ist für ihn das weit größere Problem, dass Migranten, die sich nicht integrieren wollen, mit dieser Haltung in Deutschland von offenen Kassen empfangen werden. Und dass der deutsche Staat die "Neuköllner Zustände" nicht nur nicht verhindert, sondern mit seiner Gesetzgebung geradezu dazu einlädt.

Offen bis an die Schmerzgrenze schreibt Buschkowsky über sprachliche Mängel, soziale Verwahrlosung, Schulverweigerung, fundamentalistische Clans, Gewalt als Lebensstil, Zwangsehen mit eingeflogenen Bräuten und - leider - exzellente Kenntnisse des deutschen Sozialsystems. Weil er so konkret und so authentisch darüber schreibt, glaubt man ihm ohne mit der Wimper zu zucken, dass er viele der geschilderten Fälle selbst erlebt hat.

Das unterscheidet ihn von seinem Autorenkollegen Sarrazin, der sich mit der gleichen Thematik auch schon einmal auf dieses dünne Eis begeben hat. Und wohl aus der Sorge heraus, am Ende mit Thilo Sarrazin in einen Topf geworfen zu werden, baut Buschkowsky in sein Buch ein Kapitel über ein langes Gespräch mit Thilo Sarrazin ein, das ihm die Chance gibt, sich inhaltlich differenziert abzusetzen.

Buschkowsky schlägt hier Alarm, aber auf die ganz laute Art.
Und so gerät sein Buch, das sich am Anfang wie ein liebevoll vorgetragener Reiseführer zu den Schönheiten Neuköllns anliest, in der Mitte in harten und noch härteren Fakten die Probleme seines Stadtteils darstellt, die er aber stellvertretend für die gesamtdeutsche Gesellschaft verstanden wissen will, am Ende zu einem engagierten Plädoyer für Bildung, Bildung, Bildung.

Wer es noch nicht weiß, kann es hier noch einmal in allen Details und durch zahlreiche Studien gestützt, lernen: Der gesellschaftliche Erfolg im Erwachsenenleben ist direkt abhängig vom Bildungsangebot in frühester Kindheit. Und wo die Eltern das nicht liefern können, muss der Staat diese Aufgabe übernehmen. Das ist Buschkowskys Kernbotschaft.

Lobenswert an seinem Buch finde ich, dass er nicht nur eine brisante Problematik analysiert, sondern konkrete Lösungsvorschläge liefert. Das klingt selbstverständlich für den Autor eines Sachbuches, ist es aber durchaus nicht. Gerne werden „heiße Themen“ von Verlagen und Autoren über mehrere Titel ausgewalzt. Solange die Kasse klingelt, wirft man eben noch eines hinterher. Buschkowsky sagt hier deutlich bis hin zu finanziellen Details, wie er sich das Bildungssystem der Zukunft in Deutschland vorstellt: Von der Kindergartenpflicht über flächendeckende Ganztagsschulen, selbstverständlich alles kostenlos. Von einfachen Sanktionen: Kommt das Kind nicht zur Schule, gibt es kein Kindergeld. In der Pragmatik von Heinz Buschkowsky funktioniert das genauso einfach wie: Steht das Auto im Halteverbot, gibt es ein Knöllchen. Man muss es nur wollen.

Eher nebenbei erwähnt er, dass das natürlich mit unserer Länderhoheit in Sachen Bildung nicht zu machen ist. Und dass die 125 Milliarden, die jedes Jahr aus dem Bundeshaushalt in über 150 verschiedene Familienleistungen fließen (die meisten davon sind direkte Finanztransfers an Eltern und laut OECD wirkungslos für den Bildungserfolg der Kinder) doch bitte umverteilt werden sollen in den Ausbau des staatlichen Systems.

Dieses letzte Kapitel hat für mich mehr Zündstoff als die 350 Seiten davor. Und es wäre in der Tat ein eigenes Buch wert, zumindest aber eine breite gesellschaftspolitische Diskussion.

Dennoch wird gerade hier sehr deutlich: An all den beschriebenen Zuständen wird sich nur dann etwas ändern, wenn erstens von ganz oben an den Gesetzesschrauben gedreht wird, und wenn zweitens diese Schrauben ausnahmsweise mal keine kleinen Rädchen sind. Heinz Buschkowsky will keine kleinen Rädchen, denn die dreht er jeden Tag in Neukölln selber. Er will eine fundamental andere Bildungspolitik und endlich eine politische Haltung zu Deutschland als Einwanderungsland.

Das sind große Ziele. Sie sind mehr als sinnvoll und mehr als chancenlos. Denn zumindest unsere aktuelle Bundesregierung hat in drei Jahren Amtszeit bewiesen, dass sie brisante Themen erst dann anfasst, wenn vorher mindestens ein Atomkraftwerk in die Luft geflogen ist. Deshalb ist damit zu rechnen, dass Heinz Buschkowskys Arbeit kurzfristig zwischen den üblichen Methoden Wegducken und Aussitzen verpuffen wird.

Sein Buch ist für mich eines der wichtigsten des Jahres, aber leider zum falschen Zeitpunkt erschienen. Man kann nur hoffen, dass der Ullstein Verlag seine Taschenbuchausgabe erst dann herausbringt, wenn Deutschland eine andere Regierung mit vielleicht offeneren Ohren hat. Und dann noch einmal ordentlich die Werbetrommel rührt.
Kommentar Kommentare (3) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Dec 7, 2012 3:24 PM CET


Die Patin: Wie Angela Merkel Deutschland umbaut
Die Patin: Wie Angela Merkel Deutschland umbaut
von Gertrud Höhler
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 21,95

89 von 104 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eines der wichtigsten Bücher des Jahres, 12. November 2012
Ja, endlich, dachte ich, als ich davon erfuhr, dass die Publizistin Gertrud Höhler ein Buch über Angela Merkel geschrieben hat. Endlich, nach so vielen Jahren, die Angela Merkel nun Kanzlerin ist, schreibt mit Gertrud Höhler eine namhafte Kennerin der Politszene über sie und wird öffentlich wahrgenommen. Überfällig ist dieses Buch über eine, sagen wir, Ausnahme-Kanzlerin. Angela Merkel ist die erste Frau im Kanzleramt, Ostdeutsche zudem. Schon das macht sie in dieser Position besonders, ob man nun will oder nicht. Und dann, im Laufe ihrer Amtszeit, kristallisierte sich ein Regierungsstil heraus, den wir von keinem ihrer Vorgänger kannten und den Gertrud Höhler unter Aufbietung jahrzehntelanger Erfahrung im politischen Geschäft nun akribisch seziert.

Dass sie Frau Merkel damit keinen Gefallen tut, ist vorher klar, spätestens aber, wenn man die knapp 300 Seiten gelesen hat und verstanden hat, dass laut Höhler das „System M“ nach den Prinzipien der Geheimhaltung und des Schweigens funktioniert. Dass die Presse bei Erscheinen des Buches die Autorin ins Kreuzverhör nahm ob der Frage, welche persönliche Rechnung sie mit Frau Merkel denn noch zu begleichen habe, ist lächerlich. Höhlers Aussagen machen durchweg einen fundierten, vor allem aber einen gründlich recherchierten und sachlich vorgetragenen Eindruck.

„Ich respektiere sie, aber ich kann sie nicht erkennen“, hatte Bundespräsident Joachim Gauck über Angela Merkel gesagt. Dieser Satz, den Gertrud Höhler „philosophisch“ nennt, er könnte als Schlüsselsatz für ihr Buch dienen, und hätte Gauck ihn nicht gesprochen, hätte Gertrud Höhler ihn aufschreiben müssen. Ihre 300 Seiten dienen dazu, Frau Merkel erkennbar zu machen. Und was sie da freilegt unter der Fassade, kann niemandem gefallen.

Gertrud Höhler hat ihr Buch als Charakterstudie angelegt. Chronologisch zeigt sie den politischen, nicht den privaten Lebensweg der Kanzlerin auf, und gleich zu Anfang steht notgedrungen das DDR-Kapitel. Hier sucht sie eine psychologische Begründung für das politische Verhalten der Kanzlerin: Denn wer in der DDR laut seine Meinung sagte, hatte verloren. Ungeschoren davon kamen nur die, die sich nicht einmischten, höchstens beobachtend am Rand standen und ihre Position, falls sie eine besaßen, nicht zu erkennen gaben. Höhlers Diagnose ist so simpel und dabei so plausibel, dass sie fast ein bisschen küchenpsychologisch erscheint. Zumindest hätte ich mir an dieser Stelle etwas mehr Tiefe in der Recherche gewünscht.

Doch man versteht das Grundprinzip. Denn genau so kennen wir Frau Merkel: Ohne eigene Positionen, ohne Themen, ohne echtes Engagement für konkrete politische Ziele – solange nicht eine akute Situation sie dazu zwingt. Dann aber kann sie, so Höhler, akrobatische Haken schlagen. Die Energiewende des Jahres 2011 – Atomkraft einmal hin und wieder zurück – beschreibt sie als Merkels kühnsten Streich. Gerne, zeigt Höhler auf, besetzt sie die Themen der politischen Gegner und macht Atomausstieg und erneuerbare Energien (Grün) oder Mindestlohn (Rot) zur Chefsache, während sie den kleinen Koalitionspartner, den sie durchaus nicht als Partner begreift, am langen Arm verhungern lässt. Die Chefin entscheidet von oben. Wer nicht mitzieht, wird aussortiert. So macht sie sich selbst unangreifbar.
Bis Angela Merkel in diese Paten-Position gelangte, musste sie allerdings eine Menge Jungs zurücklassen. Angefangen von Helmut Kohl, der sie einst förderte und unterrichtete, bis sie, nachdem sie alle Lektionen des Aussitzens gründlich gelernt hatte, in einem Untersuchungsausschuss mit ihrem Wort sein politisches Ende besiegelte. Über Friedrich Merz, der Ideen hatte, aber entnervt die Politik verließ, als er erkannte, dass Ideen im System M niemals gefragt sein würden. Wie später Roland Koch. Nach sieben Jahren Merkel-Regierung sind die intellektuellen, engagierten Politiker freiwillig in die Wirtschaft gegangen oder tingeln als Außenminister durch die Welt, sind Kritiker ihrer Politik wie Wolfgang Bosbach, der die Euro-Abstimmungen verweigerte, intern aufs Abstellgleis gestellt worden.

Das System M funktioniert über Autorität, Gehorsam und Loyalität – dies aber leise hinter den Kulissen durchgesetzt und keinesfalls vor der Öffentlichkeit vorgetragen. Auffällig viele in diesem Sinne besetzte Amtsinhaber scheiterten aber an einer vermeintlich einfachen Hürde: ihrer Aufgabe. Unter ihnen zwei Bundespräsidenten, ein Umweltminister und ein hochgelobter Verteidigungs- respektive Wirtschaftsminister, der zufällig als falscher Doktor enttarnt wurde. Schon daran ließ sich über die Jahre erkennen, dass das System M nicht auf gute Arbeit, sondern auf Machterhalt ausgerichtet ist. Soweit Gertrud Höhler.

In vielen politischen Szenen, an zahlreichen Beispielen beschreibt sie die Kanzlerin als eine Politikerin, die ihre Ziele gar nicht formulieren kann, weil sie außer dem Amtserhalt keine hat. Wer das vor der Lektüre des Buches noch nicht wusste, der findet am Ende dieser 300 Seiten kaum Gegenargumente. Wer nicht vorher schon desillusioniert war nach sieben Jahren Merkel-Regierung, der ist es nach der Lektüre dieses Buches garantiert. Ein bisschen kurz in dieser ganzen langen Analyse kommt die Schlussfolgerung. Denn was bedeutet das alles? Es bedeutet den Verlust von Demokratie, auf jeden Fall. Es bedeutet einen Rückfall in autokratische Systeme, die im 21. Jahrhundert nicht mehr passen wollen und doch so seltsam selbstverständlich akzeptiert werden. Es bedeutet aber auf jeden Fall noch mehr, und hier hätte Gertrud Höhler, so mutig ihr Buch bereits ist, durchaus noch etwas mutiger sein dürfen: Denn wenn sie Recht hat mit ihrer Analyse, bedeutet sie, dass Angela Merkel ihr eigentlicher Job völlig egal ist. Und das ist ein Schlag ins Gesicht der 82 Millionen Menschen, die von ihr regiert werden. So naiv das klingen mag im abgeklärten und durchgestylten politischen Zirkus: Was Deutschland fehlt durch diese Kanzlerin, konnte man gerade beim Blick auf die amerikanischen Präsidentschaftswahlen schmerzlich erkennen: Amerika ist weit weg. Und Amerika lebt eine Philosophie, mit der wir Deutschen regelmäßig fremdeln. Dennoch hätten über 90 Prozent (!) der Deutschen Barack Obama gewählt. Warum nur?

Vielleicht, weil er bei jedem seiner Auftritte den Eindruck hinterlässt, dass er täglich aufs Neue mit vollem Engagement für sein Land kämpft?

Nach der Lektüre von Gertrud Höhlers Buch bleibt das Gefühl, dass unserer Kanzlerin ihr Land egal ist. Europa und der Euro sowieso.
Jeder kritische Bürger sollte dieses Buch lesen. Außerdem sollte es Pflichtlektüre sein für politische Journalisten und für jeden, der in Deutschland in ein Parlament gewählt worden ist.

Die Frage, warum dieses kritische Buch von einer deutschen Autorin über eine deutsche Kanzlerin in einem Schweizer Verlag erschienen ist, kann sich jeder selbst beantworten.

Bewertung: Eines der wichtigsten Bücher des Jahres
Kommentar Kommentare (5) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Sep 16, 2013 12:49 PM MEST


Lafers ABC der Genüsse (Einzeltitel)
Lafers ABC der Genüsse (Einzeltitel)
von Johann Lafer
  Gebundene Ausgabe

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Unterhaltsam, ganz ohne Kochen, 25. Oktober 2012
Eigentlich will man von Johann Lafer doch nur eines: seine Rezepte. Selbstverständlich inklusive der Zubereitungs-Tricks, die er sich als langjähriger Profi- und Sternekoch angeeignet hat. Die eine oder andere eingestreute Anekdote aus der österreichischen Familienküche von Mutter Lafer gerne dazu.
Mit diesem kleinen Buch aber hat Johann Lafer sich ein Denkmal gesetzt. Denn Kochbücher schreiben können schließlich auch Amateure. Aber nicht jeder, und noch nicht einmal jeder Profikoch, hat zu Aal, Artischocke, Aubergine, Abalone (eine Meeresschnecke), Amuse Geule, Anchovis, und so weiter, es reicht bis Zwiebel, so viel zu erzählen, dass er mindestens eine Seite damit füllen kann. Und so erfährt man einiges über das Paarungsverhalten der Aale, über die tödliche Wirkung von Safran, darüber, dass Wachteln sehr zutrauliche Haustiere sein können, und gefühlt findet Johann Lafer alle paar Seiten einen Anlass für eine kleine Anekdote aus der prickeligen Welt des Champagners.
Sein ABC der Genüsse ist ein locker-flockig erzähltes Nachschlagewerk, und es ist eine Fleißarbeit. (Ich gehe davon aus, dass Johann Lafer den Inhalt jemandem erzählt hat, das kann er schnell, und dass dieser Jemand die Schreibarbeit für ihn übernommen hat.) Ginge es nur darum, lexikalisches Wissen aus dem Reich der Gaumenfreunden zusammen zu tragen, könnte man sagen: Das steht schon zu Hause im Bücherregal. Aber hier gehen in jeden Beitrag Lafers persönliches Wissen, seine praktischen Erfahrungen und seine Vorlieben ein. Werbung gehört wie selbstverständlich dazu, denn, so erklärt er uns im Vorwort, was nutzt es, einen persönlichen Text über Champagner zu schreiben, wenn man nicht seine Lieblingsmarke nennen darf.
Selbstverständlich geht es auch nicht ohne Mutter Lafer. Johann Lafer lässt wohl kaum eine Gelegenheit aus, in Kindheitserinnerungen zu schwelgen und die Kochkunst von Mama zu loben.
Rezepte, ja, die gibt es auch. 30 an der Zahl, das ist überschaubar, und man sollte sie hier nicht an den Lafer-üblichen Standards messen. Hier finden wir Champagner-Cocktail und andere Kleinigkeiten, den Platz für großen Zubereitungs-Aufwand lässt dieses Buch nicht.
Dennoch macht es Freude. Man muss es nicht in einem Rutsch durchlesen, aber man kann. Alles in allem ist dieses Buch ein nettes, kleines Zwischenspiel. Und nächstes Mal wünschen wir uns wieder einen dicken Wälzer mit Rezepten aus der Kreativküche.


Unter dem Herzen: Ansichten einer neugeborenen Mutter
Unter dem Herzen: Ansichten einer neugeborenen Mutter
von Ildikó von Kürthy
  Broschiert
Preis: EUR 14,95

0 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Männer können hier eine Menge lernen!, 8. Oktober 2012
Nicht schon wieder so ein Baby-Buch, habe ich gedacht, als ich von Ildikó von Kürthys neuem Werk erfuhr. Schon wieder ein Promi, der nach seiner Babypause den Erkenntnisgewinn aus einem Leben ohne Schlaf, aber mit vollen Windeln in den Computer hackt und auf den Markt wirft. Ich glaube, mit Axel Hacke und seinem Erziehungsberater hat es mal angefangen: Seitdem erhalten wir in regelmäßigen Abständen Berichte über die normalste Sache der Welt, das Kinderkriegen. Meistens auf Verona-Pooth-Niveau. Zuletzt nervte Michael Mittermaier mit seinem Ich-bin-jetzt-auch-ein-stolzer-Papa-Programm. Und natürlich landen solche Bücher ganz schnell auf den Bestsellerlisten, dafür reicht ja der prominente Name.
Muss das sein, Leute? Könnt Ihr Euer Geld nicht anders verdienen? Und habt Ihr mal darüber nachgedacht, wie Eure Kinder das finden, wenn sie eines Tages selber lesen können?
Ich hatte keine Lust auf dieses Buch. Und dann noch dieser kitschige Titel: Unter dem Herzen", und das auch noch in Pink gedruckt. Ich bin allergisch gegen Pink. Und finde außerdem, dass der Untertitel Ansichten einer neugeborenen Mutter" weder zum Titel noch zum Inhalt passt. Ansichten" klingt so austauschbar, als wäre niemandem im Verlag etwas Besseres eingefallen.

Ich starte also mehr als unlustig. Und bin dann doch positiv überrascht. Ein bisschen jedenfalls. Erwartet hatte ich ein lustiges, schnoddriges, selbstironisches Buch im lockeren Kürthy-Stil, in dem die Autorin ihr ungenommen grandioses Talent auslebt, Details des Alltagslebens in markigen Worten auf den Punkt zu bringen. Diese Erwartung löst sie hundertprozentig ein. Es gibt reichlich Stellen, an denen ich laut lachen musste. Und natürlich schafft sie es, die Gefühlswelt schwangerer Eltern in treffende Worte zu fassen.
Was ich nicht erwartet hatte, war, dass ihr Buch nicht nur lustig, sondern an vielen Stellen traurig, nachdenklich und sogar ansatzweise (gesellschafts-)politisch ist. Themen wie Großeltern, die schon im Himmel wohnen, Frauen, die keine Kinder wollen und sich ständig dafür rechtfertigen müssen, am Familienprojekt scheiternde Paare und Versuche von Lebensmodellen zwischen Beruf und Familie werden immerhin gekratzt. Auch wird mit einigen Mythen aufgeräumt: Ja, das Leben mit Kleinkindern UND Beruf ist SO anstrengend, dass Mama oft nicht weiß, wo vorne und hinten ist, geschweige denn, ob sie irgendwo glücklich ist.

Dass Ildikó von Kürthys Tagebuch-Einträge nicht nur ihre tatsächlichen Erlebnisse zeigen, sondern sie über den Tellerrand guckt und denkt, wertet ihr Buch auf. (Allerdings: Von einer Stern-Journalistin sollte man dieses Minimum an Reflexion auch erwarten können.) Schade finde ich, dass sie ausgerechnet an den kritischen politischen Fragen der Familienpolitik Freundinnen sprechen lässt und sich so hinter die Meinung anderer zurückzieht. Sogar ihre Romanfiguren müssen dafür herhalten. Die zwischendurch eingeschobenen seitenlangen Auszüge aus ihren eigenen Romanen waren mir dann doch zu langatmig.
Mein Fazit: Ich wünsche mir mehr Sachbücher von Ildikó von Kürthy. Aber bitte zu anderen Themen! Sie hat eine tolle Beobachtungsgabe und ein großes Talent zum Sätze Bilden. Ich wünsche mir, dass sie mehr Mut zur eigenen Position entwickelt und sich mal langsam erwachsenen Themen zuwendet. Dann kann sie das Gejammer über fettige Haare, speckige Oberarme und drei Kilo zu viel endlich in ihr Privatleben verdammen. Jenseits der 40 wird das nämlich langsam albern.


Jenseits des Protokolls
Jenseits des Protokolls
von Bettina Wulff
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

37 von 40 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen In 10 Jahren wird ihr dieses Buch unglaublich peinlich sein, 24. September 2012
Rezension bezieht sich auf: Jenseits des Protokolls (Gebundene Ausgabe)
Zuerst das Positive: Nicole Maibaum hat einen guten Job gemacht. Man weiß ja bei Autoren, die irgendwo zwischen Ghost-Writer und Co-Autor unterwegs sind, nie genau, an welcher Stelle des Projektes sie übernommen haben, wie viel Material welcher Qualität ihnen vorlag, um daraus etwas Ansprechendes zu machen. Aber das Ergebnis zählt, und das wurde ja offensichtlich von Frau Maibaum aufgeschrieben. „Jenseits des Protokolls“ liest sich fluffig wie ein Pilcher-Roman, und das liegt nicht nur daran, dass die Inhalte so banal sind und sich leicht transportieren lassen. Das Buch ist flüssig geschrieben, sauber in der Sprache, und der Leser meint doch, durchgehend Bettina Wulff sprechen zu hören. Das zeichnet einen guten Co-Autor aus.

So. Genug des Lobes. Ansonsten macht mich das Buch ähnlich fassungslos wie die über 1000 Rezensenten, die bereits vor mir ihre Meinung abgegeben haben. Leute, das muss man erst mal schaffen: Bereits zwei Tage nach Erscheinen fanden sich auf amazon.de über 400 Rezensionen, und im Durchschnitt gab es nur einen Stern! Wird „Jenseits des Protokolls“ vielleicht in die Geschichte eingehen als das am schlechtesten bewertete Buch aller Zeiten?

Während Bettina Wulff reagierte und alle fest gebuchten Talkshow-Termine absagte, schoß ihr Buch bei der nächsten Aktualisierung der Spiegel-Bestsellerliste von Null auf Platz 1. „Bad news are good news“ heißt eine alte PR-Regel, die in diesem Fall aber nur für den Verlag, nicht für PR-Profi Bettina Wulff und am allerwenigsten für ihre Familie gelten wird.

Mannomann, Frau Wulff, was haben Sie sich bloß dabei gedacht? Das Buch liest sich wie „Bettinas Tagebuch“, in dem sie chronologisch einträgt, was sie erlebt hat, angefangen vor dem Kennenlernen von Christian Wulff bis hin zum Sommer 2012. Dass sie dabei gleich mit „ihren Männern“, die sie vor Christian Wulff kannte, startet, ist konzeptionell unglücklich, weil sie den Leser gleich zum Auftakt in ein Thema schickt, wo der eine First Lady gar nicht haben will. Auf den nächsten 200 Seiten berichtet sie erstaunlich unreflektiert Ereignis um Ereignis und gibt gründlich ihrem Bedürfnis nach, auch banalste Vorwürfe, die der Familie vor dem Rücktritt ihres Mannes gemacht wurden, zu rechtfertigen. Ein vom Besitzer eines Autohauses geschenktes Bobby Car für ihren Sohn? Ein von Bettina Wulff gefahrener Audi? Ein vom Designer geliehenes Kleid? Wenn der Leser diese Geschichten schon vergessen hatte, wird er sich jetzt daran erinnern. Bravo, das ist wirklich PR erster Klasse.

Immerhin wissen wir jetzt genau, wie teuer das Haus in Großburgwedel war, wie viel sie noch vom Kaufpreis herunter handelte, außerdem, wie viel eine First Lady verdient (nichts), wie viel sie dafür arbeiten muss (sie benutzt tatsächlich den Begriff ‚Überstunden’), dass sie nebenbei ihr Haus selbst putzen musste, Angela Merkel gerne zu Käse und Rotwein vorbei schaute, und wie sehr der Staat Deutschland auf Familien mit Kindern eingerichtet ist (gar nicht).

Zwischen all diesen Indiskretionen und Belanglosigkeiten offenbart Bettinas Tagebuch aber auch eine andere, menschliche Seite. Ganz deutlich wird, dass sie vielleicht zu jung war für den Job der First Lady, vielleicht auch zu schlecht vorbereitet, und man mag es kaum glauben, dass der deutsche Staat niemanden abstellt, der eine neue First Lady ein wenig in die Sitten, die Tücken, die Do’s and Dont’s einer solchen Aufgabe einführt? Schwer vorstellbar. Wie dem auch sei, sie hat sich allein gefühlt, hilflos, fremdbestimmt und bis über alle Grenzen überfordert.

Man muss kein Psychologe sein, um an dem Ton zwischen den Zeilen zu erkennen, dass hier eine Persönlichkeit irgendwo zwischen trotzigem Kind und Selbstmitleid pendelt, auf alle Fälle aber eine Persönlichkeit, die der Aufgabe und den Anforderungen einer First Lady nicht gewachsen war. Was man ihr natürlich keinesfalls zum Vorwurf machen kann. Aber dann müsste sie diese Erkenntnis doch nicht unbedingt hunderttausende Male drucken lassen!

Auch im Nachhinein hätte zumindest das „Amt“ mehr Respekt verdient gehabt. Von der Familie mal ganz zu schweigen.

Fazit:
Niemals hätte eine souveräne First Lady ein Buch mit diesem Inhalt und in diesem Ton veröffentlichen dürfen. Der Zeitpunkt aber, gerade sechs Monate nach dem Rücktritt, ist geradezu skandalös. Absolut unverständlich und fast tragisch ist, dass es offensichtlich niemanden gab, der sie davor beschützen konnte. Der sie wenigstens dazu bewegen konnte, so lange zu warten, bis die eigenen Emotionen sich beruhigt hätten und eine sachlichere Grundstimmung einen anderen Ton geschaffen hätte. Vermutlich wird ihr dieses Buch in zehn Jahren unglaublich peinlich sein.


Zu Gast bei Jamie: Die besten Rezepte aus dem Königreich
Zu Gast bei Jamie: Die besten Rezepte aus dem Königreich
von Jamie Oliver
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,95

9 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Das Kochbuch zum Olympia-Sommer, 11. Juli 2012
Ich muss sagen, ich war überrascht, als ich dieses Buch zum ersten Mal in den Händen hielt. So ein dickes, schweres Buch! 400 Seiten über das, was wir als Fish & Chips, Minzsaucen- und Pudding-Küche kennen? Wer hätte gedacht, dass die englische Küche so viel hergibt. Da muss persönlicher Ehrgeiz im Spiel gewesen sein, oder? Aber es kommt noch besser. Im Untertitel verspricht Jamie Oliver, dass er auf diesen 400 Seiten nur "die besten Rezepte aus dem Königreich" versammelt hat. Nicht etwa alle.
Soweit die gängigen Vorurteile über die englische Küche. Die sich dann auch schnell in Luft auflösen, sobald man das Buch aufschlägt und eintaucht in hübsch gestaltete Seiten, kreatives Layout, viele Fotos, authentische Texte ... ja, das ist Jamie Oliver, wie wir ihn kennen: Nette Anekdötchen zu jedem Rezept, viel Persönliches, auch vor Familienfotos schreckt er nicht zurück. Wir sehen ihn, wie immer, auf dem Markt, auf dem Motorroller, natürlich am Herd, an Englands schöner Küste - und immer ist etwas Kulinarisches im Spiel, sogar beim Schneespaziergang mit seinen vier Kindern. Sehr schön aufgemacht ist dieses Buch, und optisch hätte es sein bestes werden können, würden nicht eine ganze Reihe mittelmäßiger Food-Fotos (verkokelte Fleischspieße usw.) den Gesamteindruck trüben.
Aber so sehen Bücher aus, wenn eine echte Rampensau den Ton angibt. Und Jamie, dessen Gesicht auch nicht mehr so schmal ist wie auf den Fotos seiner ersten Bücher vor rund zehn Jahren, diesem Jamie hier nimmt man es sofort ab, dass er am liebsten jedes seiner Gerichte selbst auffuttern würde. Sein Buch macht wirklich Lust. Und weil ich persönlich Kochbücher eher als Inspiration benutze und weniger, um Rezepte 1:1 nachzukochen, gefällt es mir.

Natürlich wäre Jamie nicht Jamie, würde er hier streng Englands Klassiker veröffentlichen. Auch wenn Omas Rezepte ihren Platz haben - aber die meisten klingen doch sehr nach "ich habe sie ein wenig variiert" oder "man kann auch noch dieses oder jenes Gewürz verwenden". Was, bei allem Respekt, die englische Küche nicht schlechter macht, die sich sowieso keinen besseren Botschafter als Jamie Oliver wünschen könnte. Mehr als einmal erzählt er von dem Pub in Essex, wo er aufwuchs und bei seinen Eltern das Kochen lernte.
Und inhaltlich? Ein Rezept habe ich, weil es so schön schnell ging, sofort ausprobiert, nämlich das Irische Kartoffelpüree - es war super. Zwei Rezepte muss man einfach probieren, nämlich das "Thronjubiläums-Hähnchen" (kein Scherz, das "coronation chicken" wurde zur Krönung 1953 erfunden!) und "Kate & Will's Hochzeitspastete". Beide klingen auch vergleichsweise harmlos. Ansonsten sollte man sich nicht vor toten Tieren und ihren Einzelteilen gruseln, will man in diese Küche tiefer einsteigen. Ohnehin sollten Vegetarier von diesem Buch die Finger lassen. Sogar im Gemüse-Kapitel schafft Jamie es noch, dem Rosenkohl eine Bratwurst unterzuschieben. Für den "Steak & Nieren Pudding" und "Schweineschwarten-Cracker" aber muss man wohl ein Minimum an schwarzem Humor mitbringen.
Fazit: Einen Punktabzug gibt es für die Bildqualität und für zu häufig benutzte Zutaten aus den Laboren der Lebensmittelindustrie. Aber wenn in diesen Tagen der London-Olympia-Hype losgeht, braucht man dieses Buch. Mindestens, um kulinarisch mitreden zu können.


Europa braucht den Euro nicht: Wie uns politisches Wunschdenken in die Krise geführt hat
Europa braucht den Euro nicht: Wie uns politisches Wunschdenken in die Krise geführt hat
von Thilo Sarrazin
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,99

3 von 20 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Vermutlich wird er Recht behalten, 31. Mai 2012
Da ist er ja wieder, der Herr Sarrazin. Welcome back in den Bestsellerlisten. Das Gefühl, ganz oben zu stehen kennt er schon, genau wie das Gefühl, ganz unten zu sein. Zum Beispiel in der eigenen Partei. Oder in der Gunst der Kritiker.
Sarrazins neues Buch kommt schnell, gerade mal ein Jahr nach seinem letzten. Die Debatte, die "Deutschland schafft sich ab" 2011 ausgelöst hatte, ist noch so frisch in den Köpfen der Menschen und war inhaltlich so hochgradig ideologisch besetzt, dass es jetzt fast unmöglich erscheint, sein neues Buch nicht mit dem letzten in Verbindung zu bringen. Dabei hätte das Buch es verdient, wie jedes andere, dass man es sachlich und für sich allein betrachtet, aber unweigerlich fragt der Hinterkopf: Wird er wieder so sehr provozieren?
Nein, tut er nicht. Die beinahe provokanteste These steht auf dem Titel.
In der Einleitung verrät Thilo Sarrazin uns seine Meinung über die Bundesregierung, die Kanzlerin und ihre europäischen Kollegen, die weder die Finanzkrise, noch die Staatsschuldenkrise, noch die durch beide ausgelöste Euro-Krise in den Griff bekommen. Das ist zwar populistisch, aber dennoch eine vergleichsweise harmlose Einschätzung, zu der jeder Beobachter des aktuellen Politzirkus relativ leicht kommen kann. Und - ohne jemanden der handelnden Personen in Schutz nehmen zu wollen: Dass unsere Kanzlerin über ein Jahr gebraucht hat, um sich aktiv in dieses Thema hineinzuschrauben, sagt nicht nur etwas über Frau Merkel aus, sondern auch darüber, wie extrem komplex dieses Thema ist.
Wie komplex, das bekommt der Leser dann auf über 400 Seiten vorgeführt, denn der Rest ist gründliche Fleißarbeit. Kurz nach Adam und Eva geht es los: Angefangen bei der Neu-Organisation der Weltfinanzen nach dem Zweiten Weltkrieg, bekommen wir einen historischen Abriss über die Entwicklung der Finanzwirtschaft Deutschlands, Europas und der wichtigen internationalen Partner innerhalb der letzten 70 Jahre vorgeführt. Und zwar gründlich. Immer schön verknüpft mit der Biografie Sarrazins, der ja an vielen Stellen beobachtend und gestaltend mitgearbeitet hat. Die Geschichte des Euro von der Idee bis heute wird ins Kleinste seziert vorgetragen.

Ja, das ist streckenweise seeehr langweilig. Deshalb aber nicht unbedingt schlecht und schon gar nicht provokant. Vermutlich ist Sarrazins Buch nicht wissenschaftlich genug, um VWL-Studenten als Recherche zu dienen. Für den populären Sachbuchmarkt aber ist es definitiv zu detailverliebt. Wenngleich man natürlich eine Menge darüber lernen kann, wie globale Wirtschaft und politischer Zirkus funktionieren. Vorausgesetzt, man ist bereit, sich ein paar Abende mehr als sonst Zeit zu nehmen.
Auf die Hälfte reduziert, hätte es ein sehr spannendes Buch eines Fachmannes sein können, denn der ist Sarrazin bei diesem Thema ja zweifellos. Das wäre im Sinne des Lesers gewesen, aber nicht unbedingt im Sinne des Autors. Denn letztlich dient die unglaubliche Fülle an Detailwissen aus der Finanzwirtschaft ihm auch dazu, und das ist das eigentlich Interessante an diesem Buch, den zu erwartenden Kritikern jeglichen Wind aus den Segeln zu nehmen: Kaum ein Ökonom, kaum ein Journalist, schon gar kein Politiker wird sich anmaßen können, dieses Monstrum lexikalischer Fakten inhaltlich zu zerlegen. Dabei bietet jede einzelne Seite Gelegenheit, Sarrazins Behauptungen zumindest in Frage zu stellen. Aber wer will das tun?

Deshalb bin ich gespannt auf die Gespräche mit und gegen und über Thilo Sarrazin in den kommenden Talkrunden. Und gewinne am Ende den Eindruck, dass Thilo Sarrazin selbst noch unter dem Einfluss der vernichtenden Kritiken an seinem letzten Buch stand. Denn diese Fleißarbeit ist auch subtile Selbstverteidigung zwischen zwei Buchdeckeln.

Fazit: Der deutsche Leser braucht den Sarrazin eigentlich nicht. Aber der Buchhandel liebt ihn, und bei der DVA reibt man sich schon in der ersten Woche nach Erscheinen die druckergeschwärzten Hände. Ist doch auch schön.


Meine Küche der Gewürze
Meine Küche der Gewürze
von Alfons Schuhbeck
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 14,95

9 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Was genau hat Herr Schubeck an diesem Buch gemacht?, 16. April 2012
Rezension bezieht sich auf: Meine Küche der Gewürze (Gebundene Ausgabe)
Neulich, zu meinem Geburtstag, bekam ich dieses schöne Buch von Alfred Schuhbeck geschenkt. Ein etwas älteres Buch schon (2009), aber im Handel immer noch aktuell, was man ja erst einmal schaffen muss. Gewürze sind in der Küche, wie man weiß, viel mehr als das Salz in der Suppe. Und Fernsehkoch Schuhbeck hat sich in den letzten Jahren, als die prominenten Mitbewerber auf der Mattscheibe immer zahlreicher wurden, ganz clever in der Nische des Kräuter- und Gewürz-Kenners positioniert. Kochen konnte er ja schon vorher, jetzt ist er auch noch Gewürzpapst. Die Erwartungen an das Buch sind also entsprechend hoch.
Und sie werden nicht enttäuscht. Im ersten Teil des Buches finden wir ein schlichtes, aber nützliches Lexikon, in dem 70 Gewürze und Kräuter auf je einer Doppelseite vorgestellt werden. Geschmack, Wachstum, Herkunft, Verarbeitung, gesundheitliche Wirkungen. Das sieht solide aus, auch wenn es immer noch mehr gibt als diese 70. Und auch, wenn an der einen oder anderen Stelle Lücken bleiben. (Beispiel: Wenn man schon über die gesundheitliche Wirkung einzelner Gewürze schreibt, hätte hier mal erwähnt werden können, dass z.B. in der ayurvedischen Küche, wo Gewürze als Medizin verwendet werden, die Chilis für Herzpatienten streng tabu sind.) Dennoch, man kann hier eine Menge lernen und bei Bedarf schnell nachschlagen.
Im zweiten Teil des Buches gibt es Rezepte. Viele Rezepte! Keine Montagsküche, sondern ausgefallen, kreativ, irgendwie neu. Natürlich müssen in allen Rezepten Gewürze beteiligt sein, und natürlich kommt man als Leser an die Stelle, wo man sich fragt, ob die Crème Brûlée (Lieblingsnachtisch!) durch gestoßene Fenschelsamen tatsächlich besser wird. Lavendelblüten lasse ich durchgehen, aber Fenchel? Ich werde es nicht testen können, ich besitze kein Zubehör für Crème Brûlée. Aber im Großen und Ganzen machen diese Rezepte wirklich Spaß und Lust, Neues auszuprobieren. Und trotz der schon fast 400 Seiten und vielen sehr schönen Fotos wünscht man sich natürlich zu jedem Rezept eine Abbildung, was dieses Buch locker auf 500 Seiten gebeamt hätte.

Eines aber irritiert mich sehr, und das ist das Impressum. Unter "Mitarbeit Rezepte" und "Rezeptbearbeitung" findet man gleich vier Namen. Bei allen Jobs, die mit Texten zu tun haben, weitere vier Namen. Acht (!) Leute, die dieses Buch mit Inhalt gefüllt haben? Was genau, bitte, hat Herr Schuhbeck für dieses Buch gemacht? Sich fürs Cover fotografieren lassen? Okay, dass er gut kocht, aber deshalb nicht unbedingt gut schreibt, verzeiht ihm jeder. Dass der Alltag eines Kochs null Zeit für Extras lässt, - geschenkt. Trotzdem bleibt hier der seltsame Eindruck, dass Alfons Schuhbeck für dieses Buch, wie für viele Supermarkt-Produkte, in erster Linie seinen Namen und sein Gesicht hergegeben hat. Bleibt als Trost, dass der Inhalt dieses Buches qualitativ besser ist als die meisten Dosen und Gläser mit Schuhbeck-Etikett im Supermarkt.


Die Kunst des klaren Denkens: 52 Denkfehler, die Sie besser anderen überlassen
Die Kunst des klaren Denkens: 52 Denkfehler, die Sie besser anderen überlassen
von Rolf Dobelli
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 14,90

75 von 83 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Ein konzeptioneller Denkfehler, 16. April 2012
Der erste, äußere Eindruck ist: Ein schönes Buch. Angenehm kleines Format, schöne Typographie, Lesebändchen.
Schon das Inhaltsverzeichnis stört meinen Eindruck. Ich finde 52 Kapitel à drei Seiten. Die Kapitel sind deshalb alle gleich lang, weil sie schon als Kolumne in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung gestanden haben. In jedem soll einer der angekündigten Denkfehler beschrieben werden. Kapitelüberschriften wie "Der Over-Confidence-Effekt", "The Swimmer's Body Illusion" oder "The Survivorship Bias" lassen mich ein Buch umgehend wieder zuklappen. Aber dies waren nur die ersten drei. Es kommen noch 49 weitere.
Jeder kennt aus seinem Arbeits- oder Privatleben diesen bestimmten Typen Mensch, der sich auf Partys unterhält mit Leuten, die er nicht kennt, aber trotzdem beeindrucken will. Dann erzählt er, gerne in Monologen, von Dingen, die er nicht versteht, die er aber entweder für hip hält, oder aber für so kompliziert, dass der andere wegen des ebenfalls Keine-Ahnung-Habens nur ergriffen schweigen oder beeindruckt zustimmen kann.
Diese Menschen werden sich mit Dobellis Buch wohl fühlen. Sie finden darin mindestens 52 Möglichkeiten in einer attraktiven sprachlichen Mischung aus Englisch, Französisch und Lateinisch, mit denen Sie bei der nächsten Party/Incentive/Vorstandssitzung auftrumpfen können.
Wenn ich mir überlege, wie viele Menschen dieses Buch gekauft haben, wird mir schwindelig. Warum bloß werden solche Bücher Bestseller? Wegen der kurzen Kapitelchen, die gerade über drei Seiten reichen? Weil immer noch eines vor dem Einschlafen geht und man sich nie länger auf einen Text mit Zusammenhang konzentrieren muss? Wegen der vielen, noch kürzeren Anekdoten, die sich auf dem Lufthansa-Kurzflug mal eben aus dem Aktenköfferchen zaubern lassen? (Ja, auch LH-Vorstandschef Franz liebt das Buch, so steht es zumindest auf dem Umschlag.) Wird es gekauft, weil es mit 14,90 Euro erstaunlich preiswert ist für ein Hardcover? Oder ist es doch der bloße Werbeeffekt des Zeitungs-Kolumnisten Dobelli, der auf seine eingeschworene Lesergemeinde bei der FAZ und die Anzeigenflächen des Verlages setzen kann?
Ich habe keinen blassen Schimmer. Für mich ist Dobellis Buch die schlimmste, weil intellektuell verkleidete Form des Ratgebers, der bei mir schon in seiner Ur-Ausprägung (Schlank im Schlaf") manchmal allergischen Juckreiz auslöst.
Das Traurige ist: Manche von Dobellis Texten sind durchaus interessant. Drei Seiten über das Phänomen des Herdentriebs, der bei ihm "Social Proof" heißt, regen zum Nachdenken an, sind aber viel zu kurz, sprich oberflächlich, um im Gehirn des Lesers ernsthaft Spuren zu hinterlassen. (Es eignet sich eben nicht jede Zeitungskolumne dazu, als Buch ohne neues Konzept zweitverwurstet zu werden.) Dabei hätte sich die Überlegung gelohnt: Ist man wieder dem Sog der Masse erlegen und hat ein Buch nur deshalb gekauft, weil es auf der Spiegel-Bestsellerliste oben stand?
Oder das Kapitel über das "Chauffeur-Wissen" im Gegensatz zum echten Wissen: "Chauffeur-Wissen" bedeutet nach Dobelli: von-allem-ein-bisschen-aber-nichts-richtig-Wissen. Das sind ziemlich genau jene Kenntnisse, die man sich aneignet, wenn man Dobellis Buch liest. Und weil Dobelli, ich kenne ihn nicht persönlich, ja eigentlich ein ganz kluger Mann sein müsste, muss man spätestens auf Seite 63 begriffen haben, das man hier vom Autor nach Stich und Faden ver... wird. Deshalb genieße ich jetzt noch für einen Moment die hübschen Illustrationen von Birgit Lang und lege das Lesebändchen ein.
Kommentar Kommentare (3) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Dec 19, 2012 10:55 AM CET


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