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Rezensionen verfasst von
Thofrock

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Tiefenschärfe
Tiefenschärfe
Preis: EUR 15,99

17 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Perlen im Überfluss, 27. Februar 2015
Rezension bezieht sich auf: Tiefenschärfe (Audio CD)
Kreative Künstler sind rastlose Künstler und die mögen den Stillstand nicht. Da HRK Räuberzivil als Kontrast zur Verstärkung zur puren Selbstverwirklichung entwickelt hatte, macht er dort auch keine Kompromisse.
Nicht einmal, wenn das letzte Album von Fans und Kritikern gleichermaßen überschwänglich gelobt wurde und auch der Künstler selbst mit seiner Arbeit hochzufrieden war.
"Hier rein da raus" war ein randvolles Paket voller Ideen und Spielfreude. Die Gesamtheit aus Musikern, Begleitpersonen und Technik war ein einziger Glücksfall.
Wer nun hört, dass Kunze dieses wunderbare Konzept und sein Winning Team wieder zerlegt und ganz neu zusammenbaut, der bekommt es zwangsläufig mit nagender Skepsis zu tun. Geht hier jemand aufs Eis weil ihm zu wohl ist?

Sicher nicht. Wer die neue Platte hört, versteht schnell, dass die Räuberzivil-Geschichte mit gebotenem Instinkt so, und nicht anders weitererzählt werden musste. Auch in der Vergangenheit hatte sich das ursprüngliche Duo Kunze/Stute ja bereits Stück für Stück zum Trio und zum Quartett ergänzt, um den jeweils nächsten Schritt gehen zu können.

Nun gibt es sage und schreibe 23 neue Songs, breiter und tiefer angelegt als es mit der alten Besetzung möglich gewesen wäre, und mit einer präziseren und wärmeren Ausformung der stilistischen Spielarten. Das Spektrum an Gitarren und Schlagwerk macht die Kompositionen tragfähiger, ohne jedoch die Spielfreude zu dämpfen. Zudem hat Heinz deutlich mehr Zeit und Lust auf Klavier. Die Abkehr vom rauen, schweißtreibenden Sound des Vorgängers führt aber keinesfalls in geglätteten Perfektionismus. Wir sind hier weiter bei Räuberzivil, aber eben bei Räuberzivil 2.0

Wir bekommen ein Album, welches in der jahrzehntelangen und unzählige Alben umfassenden HRK-Discografie wiederum unvergleichlich daherkommt. Eigentlich ist nicht ein einziger Song dabei, der sich verwechseln ließe. Viele Lieder sind so frisch und prägnant, dass sie an die frühe Sturm- und Drangzeit Kunzes erinnern, als das Alleinstellungsmerkmal des Künstlers noch ein Erweckungserlebnis war. Aber genug gefachsimpelt. Machen wir uns nun an die oberflächliche Beschreibung von knapp zwei Dutzend Liedern.

Zunächst startet das Album mit drei Songs, die so oder so ähnlich auch auf dem Vorgängeralbum gelandet sein könnten. Räuberzivil 2.0 baut sich also eine Brücke und beschreitet das neue Terrain erstmal abwartend. Der erste Song ist eine Country-Ballade mit ganz viel Text. Heinz erzählt die Geschichte von Robert Limpert, den die Borniertheit eines toten Systems ums Leben brachte. Eine beklemmende Geschichte, weil wahr.

Auch der "Lügner", eine Hommage an den Texaner Townes van Zandt, den Heinz erst spät lieben gelernt hat, kommt noch weitgehend ohne neue Zutaten aus, präsentiert sich aber als wunderbar gesungene, weitgehend von einem irre gefühlvollen Bass getragene, langsame Lebensbeichte, die aufgrund sparsamer Instrumentierung vor allem in der Tiefe Raum greift. Man schmeckt den staubigen Blues förmlich. Wir hören hier bereits eine dezent wehklagende Leadgitarre, die auf dem letzten Album eine Violine gewesen wäre.

Es folgt "Komme nicht aus Alabama", ein eher unspektakulärer Blues, der Stammhörer noch stark an das Schlagwerk von Wolli Stute erinnern wird.

Bis hierhin sind wir durchaus noch in gewohntem Fahrwasser. Nun kommt aber der erste Hammer: "Rosmarin" besticht mit einem fantastischen Gitarrenarrangement, gesetzt auf ein Zusammenspiel Pichl/Schmomerus, dass wir so bei Räuberzivil sicher noch nicht hatten. Wir bekommen hier einen ganz gewaltigen Eindruck dazu, welche Bereicherung die Leadgitarre von Ralph König für Räuberzivil darzustellen vermag, weil eine andere Form von Spannungsaufbau stattfindet. "Rosmarin" entfaltet eine Eigendynamik, bäumt sich auf, fesselt den Hörer.

"So wie du bist" ist ein wunderschönes, sehr zurückgenommenes, geradezu nacktes Liebeslied, durchaus ein bisschen an "Elixier" erinnernd und auf das Wesentliche konzentriert.

Mit der nächsten Nummer hat Heinz sich sehr lange Zeit gelassen. Ein Tribut an den Südstaatenoberbefehlshaber General Lee, das ich nicht mehr aus dem Kopf bekomme. Eine zauberhafte Country-Nummer mit viel Witz und Charme. Unheimlich gut gemacht und mit einem grandiosen Stempel von Martin Huch verewigt. Nie zuvor hat mich eine Countrynummer so gepackt, was auch daran liegt, dass Country eigentlich nicht meine Baustelle ist.

Dann wird es tiefschwarz und böse: "30 Prozent" spielt auf der Basis von hämmerndem Klavier und klagender Sologitarre mit nur scheinbar abwegigen orwellschen Gedankenspielen vermeintlich elitärer Kreise. Ich meine übrigens in dem Song ein Bass-Thema aus "The Wall" erkennen zu können und habe auch ein paar Zeichentricksequenzen aus dem Film im Kopf, die mit den marschierenden Hämmern nämlich.

"Am Meer stehn" bildet das völlige Kontrastprogramm. Ein freundliches Klavier, hoher und wohlwollender Gesang und das nicht nur philosophische Bild eines einsamen Strandes. Wenn ich den federleichten Song zum Abschalten und Loslassen für die tägliche Imaginationsübung empfehle, geschieht das in vollem Ernst.

"Drunter und Drüber" verbreitet sofort wieder Hektik, beginnt mit einer atemlosen Harmonika, treibend, jagend, chaotisch. Der charakteristische Satz lautet "Die Nachspielzeit kommt schneller als man denkt". Erinnert mich übrigens ein wenig an "Draufgänger" und hätte auch eine prima Rocknummer abgegeben.

"Greif schon zu" beginnt mit einer markanten Flöte und transportiert eine mittelalterlich anmutende Lyrik, die aber zwischen ihren phrasenhaften Passagen immer wieder aus der Rolle fallende Sätze bereithält. Zwischen den Strophen meldet sich immer wieder die Flöte und setzt zum Wettstreit mit einem Gong an.

Die erste Seite schließt mit einer großartigen Klavierballade, die in der Endphase von dezenten Tubular Bells unterstützt wird. Der eigentliche Clou aber sind die findigen Percussions. Hilko Schomerus arbeitet hier nämlich unter anderem mit im Wasser schwimmenden Kürbishälften. Der Song heißt "Ein Nichtsnutz sein" und atmet lyrisch und musikalisch ganz weit.

Bild
Eigentlich hätten wir jetzt ein klasse Album gehört und würden nun wieder von vorn beginnen.
Und wäre es ein Bandalbum mit der Verstärkung, hätte sich das Label auch ohne Frage verbeten, dass an dieser Stelle gerade mal Halbzeit ist. Aber Räuberzivil ist nicht nur der künstlerischen Unabhängigkeit wegen entstanden, sondern auch, um dem hohen Output des Songwriters HRK gerechter werden zu können und das schließt auch Doppelalben ein, die auf anderer Bühne unmöglich wären.

Die zweite Disc startet gleich mal wieder groovy drauflos: "Ponderosa" schielt zumindest textlich augenzwinkernd ein bisschen auf Dylans Klassiker "Maggies Farm", übersetzt diesen aber ins aktuelle Jahrtausend. Die Percussions weichen dem Schlagzeug und verbünden sich dem Bass mal anders, außerdem gibt es ein geiles Gitarrensolo.

"Papa hat Geld" ist eine eher schlichte Countrynummer, die sich mit den Auswirkungen der Arm/Reich-Schere auf unser Bildungssystem und seinen zunehmenden Ungleichheiten beschäftigt. Etwas überrascht hat mich, dass der Song sich plötzlich ausblendet. Da er aber nicht gerade zu meinen Lieblingen zählt, kann ich damit gut leben.

Nun bekommen wir einen echten Tango präsentiert: "Es ist schwierig" ist tatsächlich keine leichte Kost und lässt mich vorsichtig fragen, ob die zweite Disc möglicherweise das Niveau nicht ganz halten kann. Das wird sich zwar als gewaltiger Irrtum herausstellen, aber wenn diese 23 Songs lange Strecke einen kleineren Hänger haben sollte, dann würde ich ihn in diesen Minuten verorten, die hier aber auch durch sind.

"Brot aus Gold" hätte schön in die Zeit der Friedensbewegung gepasst, ist aber natürlich auch heute topaktuell. Großartige Lyrics, tolle Melodie, eine wunderbares Flötenthema und eine perfekte Ohrwurmproduktion.

Dann wird wieder Blues gegeben: "Der Tod" ist eine bizzare kleine Geschichte, deren Ausgang ähnlich überraschend kommt, wie das erneute Ausblenden des Songs. Eigentlich schade, aber es lässt sich nicht leugnen, dass gerade diese Ausblendung der kafkaesken Geschichte die Würze verleiht. Die stampfende Rhythmusabteilung steuert einfach wie in einen Tunnel und ist plötzlich weg.

"Schurkendarsteller" ist mal ein vollständig neuer Kunze. Der Song geht in die Richtung Barjazz und swingt wie die Sau. Sogar eine affencoole Trillerpfeife, die man dezent durch ein Effektgerät geschickt haben dürfte, veredelt den Song, der nebenbei einen Mord schildert, bei dem das Opfer in bizzare Dankbarkeit verfällt. Grundsätzlich macht es wenig Sinn, solch ein atmosphärisches Statement von einem Song mit Worten beschreiben zu wollen. Für mich ist es auf jeden Fall ein Song zum Verlieben.

"Willkommen liebe Mörder" ist die brisanteste und politischste Nummer, deren Deutung ich vorsichtshalber weitergeben möchte, weil ich befürchte, dass sich auch Menschen jenseits der erforderlichen Differenzierung des Songs bemächtigen könnten. Wer Heinz ein bisschen in die Pfanne hauen möchte, wird sich neben "Dreißig Prozent" noch dieses Stück dafür auswählen.

Es folgt wieder eine schnellere Ballade mit ellenlangem Text, dessen Thematik sich nicht so recht bestimmen lässt. Wenn es in "Mein Anwalt und ich" einen roten Faden gibt, dann ist das eben dieser bedauernswerte Anwalt.

Die zweite große Klavierballade weckt Erinnerungen an frühe Großtaten wie "Lisa" oder "Menschen gehen auf". Ralph König arbeitet hier tatsächlich ab der zweiten Strophe mit ähnlichen Gitarreneffekten wie Mick Franke seinerzeit und spielt ein wunderschönes Solo.

Es folgt gleich noch eine Nummer, die durch die Decke geht: "Ich möchte Scheitern" ist schwer funky und wunderbar arrangiert. In diesen sicher auch am vielseitigsten instrumentierten Song war ich auf Anhieb verknallt, zumal sich hier auch ein wunderbarer Orgelsound einfindet.

Zwischen meinem Favoriten und dem Finale gibt es nochmal einfacher strukturierten Country mit Namen "Das Problem ist". Auf die eigentlich fröhliche Grundstimmung singt Heinz aber eine ziemliche Abrechnung.

Die Schlussnummer "Tu nur was du nicht lassen kannst" ist eine traumhafte Klavierballade, in der es um das Aufbrechen von verkrusteten Strukturen und die mentale und tatsächliche Bewegungslosigkeit geht. Der Song ist umso eindringlicher und bewegender, weil hier auf jegliche Zutaten verzichtet wurde. Keine Keyboardspur, kein Bass, kein Rhythmus, nur das Klavier und ein außergewöhnlicher Gesangsvortrag, danach Stille.

Eines wird ganz klar. Das kleine Nebenprojekt, das mal vor 10 Jahren als "Bockwurst und Schadenfreude" als eine Art Kabarettprogramm mit Musik im Duo-Format begonnen hatte, ist zum Schwergewicht angewachsen. Den Vorgänger konnte man vielleicht, vor allem wegen dem Anteil an Sprechtexten, gerade noch mal als Kleinkunst durchgehen lassen, zumal das dazugehörige Liveprogramm noch ohne großen Aufwand durchs Land ziehen konnte. "Tiefenschärfe" ist keine Kleinkunst mehr. Die Arrangements sind zu ausgeklügelt, Produktion und Abmischung das Resultat experimentierfreudiger Herausstellung des Facettenreichtums. Peter Pichl, der mit Heinz u.a. auch schon die Vorproduktion des letzten Band-Albums gemacht hatte, kann diesem inzwischen traumwandlerisch sicher von den Augen ablesen und umsetzen, wie der Song sich gestalten mag.

Wünschenswert wäre jetzt noch, dass die Erfolgsgeschichte, deren Vertrieb diesmal vom großen Haus SPV übernommen wird, sich auch angemessen unters Volk bringen lässt. Die trauen sich immerhin, den Namen Kunze vom Cover zu nehmen. Dabei war selten so viel Kunze, wie auf diesem Doppel-Album.


Please Come Home (Special Edition)
Please Come Home (Special Edition)
Preis: EUR 14,99

5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Kino als Referenz, 24. Februar 2015
Rezension bezieht sich auf: Please Come Home (Special Edition) (Audio CD)
John Mitchell sagt zwar, dieses Album sei anders als Alles was er bisher gemacht hat. Aber für mich ist "Please Come Home" die Fortsetzung des einzigen Albums "Picture" seiner Band KINO, deren Wirken inzwischen 10 Jahre zurückliegt. Alles was fehlt, ist ein Monumantalsong wie der damalige geniale Zehnminüter "Losers Day Parade".
Ansonsten hat man Alles, was "Picture" ausgemacht hat. Großartige Songs in der Gegend um 5 Minuten, Mitchells unverwechselbaren Sound, eine wunderbare spielerische Leichtigkeit, und eine maßgeschneiderte Produktion.
Als Anspieltipps würde ich das traumhafte "Humans Being" oder "Why Do We Stay?" empfehlen, höre die Platte aber auf konstant starkem Niveau und ohne jegliche Ausfälle.
Den fünften Stern verkneife ich mir, eben weil der Übersomg fehlt, den Mitchell diesmal einbehalten hat.


Die Besten - 2014 (1994 - 2014)
Die Besten - 2014 (1994 - 2014)
Preis: EUR 8,59

5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Gewöhnungsbedürftig, 13. Oktober 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Wer die Originalversionen ohnehin daheim hat, für den sind diese Neuaufnahmen sicher eine schöne Ergänzung. Und wer sich vergegenwärtigt hat, dass es sich bei "Die Besten" nicht um eine Best Of, sondern um die Vorausstellung eines alten Songs dieses Namens handelt, darf eigentlich auch nicht meckern.
Nur wer wirklich mit einer Compi aus bereits vorliegendem Material gerechnet hat, der wird möglicherweise ein bißchen verstört.

Hier gibt es nämlich Neuaufnahmen von vorzugsweise jüngeren Alben, die Selig völlig anders präsentieren. Keine Rockmusik, keine Verwegenheit, sondern Gediegenheit, Wohlklang und Streicherarrangements. Letztere vermutlich umgestylt vom Bassisten Leo Schmidthals, der das als Musikhochschulabsolvent auch schon für zahlreiche andere Künstler gemacht hat.

Eigentlich das handwerklich sehr gut gemacht. Edle Popmusik für das Glas Rotwein zu später Stunde. Wäre es nur nicht so weit von dem entfernt, was Selig eigentlich ausmacht. Und deshalb ist das Projekt auf Albumlänge einfach doch ziemlich anstrengend. Und deshalb macht es mir nach zwei Durchgängen mehr Freude, mit den Orginalen nachzuspülen.


Heaven & Earth (Digipak)
Heaven & Earth (Digipak)
Preis: EUR 8,64

8 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Es ist nicht wirklich YES, 18. Juli 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Heaven & Earth (Digipak) (Audio CD)
Man hätte das Album retten können, wenn diese entsetzliche Produktion nicht wäre. Irgendjemand schrieb, man werde davon zuckerkrank, und das trifft es ganz gut. Alles wurde mit farblosen Guss überpinselt, der die Songs einengt, ja sogar erstickt..

Die beiden längeren Songs eingangs und ausgangs des Albums sind O.K, daraus hätte Trevor Horn Tracks produziert, mit denen der langjährige YES-Sympathisant gut hätte leben können. Auf "One Step Beyond" und "World Of Our Own" hätte man besser verzichtet, der Rest hätte zumindest eine Chance verdient gehabt.

Was mich vor allem fassungslos macht, ist die Tatsache, dass die Band sich nicht gegen den Holzweg gewehrt hat, der sich ja während den Aufnahmen abgezeichnet haben muss. Alle Ecken und Kanten wurden abgeschliffen, so ziemlich alle Solis sind reines Alibi, die Chöre klingen unecht. Es scheinen alle Musiker im Studio erschienen zu sein, um eine Auftragsarbeit zu erledigen. Niemand mit einem Plan, keiner mit Verantwortung. Das Album atmet einfach nicht.

Jetzt wird die Band noch ein Album aufnehmen müssen. So kann man nicht abtreten.
Kommentar Kommentare (4) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jul 30, 2014 10:47 AM MEST


Neumond Deluxe Fan Box
Neumond Deluxe Fan Box
Preis: EUR 30,99

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Ein Album voller Demos, 20. Mai 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Neumond Deluxe Fan Box (Audio CD)
Keine Ahnung, warum Joachim Witt so eine radikale Wandlung Richtung leblose Homerecordingkultur eingeschlagen hat. Die Songs hätten, vernünftig produziert, annährend an das hervorragende Vorgängerwek "Dom" anschließen können. Aber sie wirken einfach unfertig, steril und billig. Eben wie Demos, die erst noch Songs werden sollen.

Witt gibt dabei auch sein Alleinstellungsmerkmal auf, Weltschmerz und Pathos in deutscher Sprache mit ausgeklügelten Arrangements zu einem theatralischen Hochwertigkeitspop zu verschmelzen, der sich um Trends nicht schert. Diesmal wirkt das Resultat bitterlich banal und substanzlos. Und in dem Kontext funktionieren dann auch die Texte nicht mehr, die ja auch sonst immer ein bißchen am Grenzgebiet zum Kitsch kratzen. In dieser wabernden Elektroniksuppe haben sie keinen Halt und gehen unter.

Witt bleibt einer meiner Helden. Das hier ist auch nicht sein erstes schwer genießbares Album. Und schwache Platten gehören zu einer langen und ergiebigen Karriere dazu. Aber ich hoffe inständig, er merkt schnell, dass er sich hier auf dem Holzweg befindet. Etwas ärgerlich ist das aber schon, weil das Teil deutlich besser hätte werden können.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jun 18, 2014 8:38 AM MEST


Der Schwere Mut / Die Städte sehen aus wie schlafende Hunde
Der Schwere Mut / Die Städte sehen aus wie schlafende Hunde
Preis: EUR 24,03

13 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Vollbedienung, nicht nur für Fans der ersten Stunde., 28. Januar 2014
Es ist jetzt über 30 Jahre her, dass HRK "Der schwere Mut" veröffentlichte, und mit dem Album auf Tour ging. Auf dieser Tour wurden bereits so viele neue, also nicht auf DSM enthaltene Songs gespielt, dass das Livealbum zur Tour eine echte Schatzkiste war. Eine Schatzkiste allerdings, die man auf vier Vinylscheiben nur sehr bedingt unterbringen konnte. In diesem Set ist nun die alte Live-Doppel-LP/2-CD um sage und schreibe 11 Tracks ergänzt worden. Damit aber nicht nicht genug. Die erste CD dieses Dreier-Sets, enthält nicht nur "Der schwere Mut", sondern weitere sechs Bonus-Titel, die es in sich haben und die Disc auf 76 Minuten steigern.
Wem das noch nicht reicht, der sei auf die wunderbare digitale Bearbeitung von Heiner Lürig hingewiesen (der übrigens erst 1985 zu Kunze stieß, und an diesen Aufnahmen noch nicht beteiligt war), die ein frisches und druckvolles Flair schafft, und den Songs mehr Dynamik verpaßt. Dazu liefert Rakete neu gestaltete Booklets mit Linernotes, allen Texten und neuem Bildmaterial.

Zu den Ausgangsalben schreibe ich mal nichts, da dürften genug Rezis vorhanden sein. Sie sind Klassiker des Deutschrock und verdienen auch ohne Beigaben die Höchstwertung. Aber diese Neueditionen bekommen nun einen Mehrwert verpaßt, der den langjährigen Kunze-Liebhaber und Sammler jubeln läßt.

Niemals erschienen, lediglich auf Uralttapes einer NDR-Radiokonzertaufnahme unter Hardcorefans getauscht, ist "Peter Paletti", der völlige Hammer. Der fast neunminütige Song mit mehr denn je frappierender Aktualität erzählt die Geschichte eines Produzenten, der über den Versuch, den einen perfekten Song zu schaffen, in den Wahnsinn getrieben wird. Heinz bringt in diesem Song bereits 1981 die Vision unter, Käuferverhalten anhand von Marktsegmentierung zu erforschen, was heute tatsächlich absolut üblich ist. Da der Song seinerzeit für das zweite Album zu lang war, wurde er nur live gespielt, und liegt hier in einem One-Man-Piano-Demo vor, das aber auch ohne den dramaturgischen Aufbau der Livefassung ein Traum ist.
"Sicherheitsdienst" gibt es hier in der raren Studiofassung, von der es seinerzeit eine Vinyl-Single gab, und die Pianoballade "Lebensabend" war die B-Seite dieser Single. Völlig unbekannt sind das groovige "Eines Besseren belehrt" und das schräge, durchaus Talking Heads-beeinflußte "Wir gratulieren", in dem Mick Franke in seinem Element ist.
Dazu kommt noch "Deutschland (Verlassen von allen guten Geistern), in einer dezenten Studiofassung.

Die ersten drei Seiten "Die Städte sehen aus wie schlafende Hunde" befinden sich in diesem Set nun auf der zweiten Disc, womit für Disc 3 viel Platz frei wird, und die Albumspielzeit sich mal eben um eine schlappe Stunde auf knapp 140 Minuten erhöht. Mein absoluter Favorit der Bonus-Titel ist die tolle Version von "Lamm Gottes" mit fantastischem Keyboardsolo. Und hier merkt man wirklich mit allen Sinnen, was Heiner Lürig aus den uralten Bändern rausgeholt hat. Ich hätte dieses Resultat nie für möglich gehalten. Ganz Ähnlich ist es bei "Hilfe von Außen", "Keine Reaktion", der überlangen, düster wavigen "Fütterung", einem glasklaren "7. Juli vormittags" (mit ergänztem Text), und der wunderbaren "Romanze". "Der letzte Dreck", eine Nummer die erst auf dem nächsten Studioalbum erschien, gibt es übrigens als ebenfalls unveröffentlichtes Klaviersolo, hier dageboten als vierte oder fünfte Zugabe.

Übrigens war die "Schwere Mut"-Tour die erste, die ich von HRK gesehen habe. Und wie viele Andere, habe ich den Abend im Göttigner Jugendfreizeitheim weitgehend mit offenem Mund verfolgt. Dass es von der Tour ein Livealbum gab, war damals ein riesiges Geschenk. Dass nun, über 30 Jahre später, eine technisch deutlich verbesserte und um eine Stunde ergänzte Version in den Handel kommt, ist zum Heulen schön.

Schaut auch mal nach den anderen vier Special Editions aus dieser Serie. Die sind einen Hauch weniger nostalgisch, aber mit genausoviel Hingabe und rarem Stoff gefertigt. Und mit Geld sowieso nicht zu bezahlen.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jan 29, 2014 2:20 PM CET


Stein vom Herzen (Limited Fan Edition inkl. signiertem Print)
Stein vom Herzen (Limited Fan Edition inkl. signiertem Print)
Preis: EUR 22,91

32 von 38 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Aufbruch und Nostalgie, 25. Oktober 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Wenn das neue Album von HRK und Verstärkung schwach wäre, lieferte die grandiose Schlussnummer "Es wird ein gutes Leben" den sprichwörtlichen versöhnlichen Abschluß.
Auf "Stein vom Himmel" erfüllt der Song aber mehr die Funktion eines I-Tüpfelchens. Versöhnung braucht am Ende der Platte niemand.

Es brennt wieder. Und deshalb macht eine Besprechung zum neuen HRK-Album ungefähr soviel Spaß, wie bei "Hier rein, da raus", auch wenn solche Vergleiche natürlich hinken. Zu unterschiedlich sind Arbeitsweise und Zutaten. Aber fangen wir vorn an.
Ausgangsbasis der Verstärkung, die diesmal ohne Jörg Sander auskommt (wunderbar aufgefangen von Zoran Grujovski), der sich bis 2015 ausklinken will, war mit "Die Gunst der Stunde" ein Album, von dem schon früh offensichtlich war, dass es einen Wendepunkt darstellen würde. Zu seicht kam es daher, zu unverbindlich war es getextet, und mit viel zu viel Zuckerguß war es produziert. Dazu mit "Hunderttausend Rosen" eine Single, die dem Kernklientel der Ariola gefährlich nahe kam. Wer Heinz ein bißchen kennt, dem war schnell klar, dass DGDS nicht das Album war, mit dem er auf Dauer gut leben kann. Zu eng war das Korsett, dass der Platte den Atem nahm.

Wie glattgebügelt DGDS produziert war, stellte der Stammhörer dann auch auf der Tour fest, wo zahlreiche Songs unter Zuhilfenahme von Spielfreude und schweißtropfendem Charme kaum wiederzuerkennen waren.
Die Sonnendurchflutung, die DGDS zudem abbekommen hatte, war aus heutiger Sicht übrigens weniger ein Problem. Auch auf "Stein vom Himmel" läuft Heinz nicht mit der Abrissbirne durch die Gegend. Jedenfalls nicht nur. Aber dafür haben die Songs ganz viel frischen Wind abbekommen. Und damit kommen wir langsam zum Thema. Heinz hat sich wieder seiner Kernkompetenz zugewandt und der Stellschraube seiner Ausrichtung eine kräftigen Drehung in die entgegengesetzte Richtung versetzt.

"SvH" ist keinesfalls das völlige Gegenteil des Vorgängers, aber die Besinnung auf Selbstbewußtsein und Lebendigkeit. Die Songs atmen. Sie haben wieder die wunderbare Tiefe früherer Zeiten. Sie verschaffen Gänsehaut. Und sie ergeben ein stimmiges Bild. Zum Beispiel wird nicht eine Nummer ausgeblendet.

Vermutlich wurde lange nicht mehr so wenig in ein HRK-Album reingeredet, was sicher auch daran lag, dass Heinz bereits eine aufwendige Vorproduktion mit Peter Pichl gemacht hatte, und deshalb bereits mit ausgearbeiteten Ideen auf der Matte stand, die die anderen Beteiligten überzeugen konnten. Keine runden Tische, an denen ellenlang Zettel umhergeschoben wurden. Keine Quotendebatten um Komponistenanteile.
Übrigens hat Heinz zwölf der vierzehn Titel komplett geschrieben, ungewöhnlich viel für ein Band-Album, und günstig für den roten Faden. Und den macht vor allem der tolle Klang der Platte aus. Frisch wie gerade auf der Bühne mitgeschnitten, aber trotzdem bis ins Detail ausgefuchst.

Dazu kommt, dass der Wechsel innerhalb des Hauses Sony von der Ariola zum wiederbelebten RCA-Label einen Strich unter den Versuch der Segmentierungsfanatiker gemacht haben dürfte, Kunze gegen jede Vernunft doch noch irgendwie ins Schlagersegment drücken zu wollen. Es war also alles erlaubt. Und es entstand beim Produktions-Trio ein Gespür dafür, wie man einen unbekümmerten Kunze anlegt, dem man nicht aus allen Richtungen Kompromisse zuflüstert. Selbstvertrauen entsteht, wenn man nicht Alles in Frage stellt. Und da war "Hier rei, da raus" natürlich ein guter Lehrmeister.

Der Opener rockt gleich mal mit ungeschliffener Oberfächenstruktur durch die Decke. Ungefähr so, wie "Himmelfahrtskommando" seinerzeit in "Rückenwind" hineinbrach, welches ja auch so eine Art Aufbruchalbum war. "Europas Sohn" thematisiert mit tiefem, fast drohendem Gesang das gefährliche Spiel taktisch operierender Europakritiker, lotet dann aber auch patriotische Grauzonen aus. Letztlich bekommt der Hörer lediglich die Empfehlung, etwas differenzierter zu sondieren, bevor er Parolen nachquatscht. Der Song hat keinen Refrain, aber herrlich schräge Breaks, die auf DGDS undenkbar gewesen wären.

"Das Leben nehmen" ist eine weitgehend autobiographische Nummer mit viel Wortwitz, die mich irgendwie ein bißchen an "Menschen gehen auf" andocken läßt, was bitte niemand zu ernst nehmen mag. Erklären kann ich das nicht.
Zum ersten Mal erleben wir in diesem Song die neue Leichtigkeit. Obwohl durchgetüftelt und auf den Punkt produziert, klingt es fast wie live gespielt. Kein Instrument drängt sich in den Vordergrund. Vor allem die Keyboards laufen so herrlich dezent durch, dass sie den Song tragen können ohne an irgendetwas zu kleben.
Apropos Keyboards, hier können wir jeweils raten wer da überhaupt am Werk war. Denn neben dem Referenztastenmann Matthias Ulmer zeichnen auch Goran, Jens und Heinz für verschiedene Arten von Tasten verantwortlich.

Die Single "Hallo Himmel" ist eingängig und kraftvoll, wirkt dabei aber nicht konstruiert oder kalkuliert. Über den sonderbaren Text mit der erst bei sehr genauem Hinhören erfassten Message hatte ich ja an anderer Stelle schon referiert. Wer da jetzt nicht so genau hinhört, wird die Lyrics vermutlich als völlig durchgeknallt wahrnehmen. Eine Zeile wie "Hallo Himmel, ich hab dir etwas Erde mitgebracht", bleibt zweifellos haften. Die Chöre sind gewöhnungsbedürftig weil recht prägnant, aber gut gemacht.

"Der Clown schreit Feuer", der kürzeste Song, braucht ein paar Durchgänge. Die Nummer grooved wie die Sau, ist aber mit einer recht einfachen Melodie ausgestattet. Und natürlich ist auch hier, wie so oft der Clown der Dumme, der so ausschließlich auf Unterhaltung festgelegt wird, dass niemand das Unheil erkennt, welches er eigentlich mitteilen wollte. Gastgitarrist Peter Weihe spielt übrigens ein völlig abgefahrens Solo und war hinterher einigermaßen erstaunt, dass man es tatsächlich so auch verwendete.

Die erste Ballade des Albums muss man in ihrer schlichten Schönheit erstmal zulassen, zumal der Titel "Komm kleine Fee" durchaus ein Kinderlied ankündigen könnte. Aber das täuscht gewaltig. Die Lyrics sind großartig, der Song entfaltet sich im Refrain unter das ganze Himmelszelt. So schön hätte "Eisfrei" vermutlich auch werden können, wenn man es nicht produktionstechnisch versenkt hätte.

"Küsse unterm Kleid" kommt mit tollem Intro daher wie ein besonders gut gealterter Songs aus dem "Wunderkinder-Album. Herrlich nostalgisch. Und wenn Heinz fragt "Gibst Du mir noch einmal eine Chance?" ist es wie die Frage an die zahlreichen Fans aus der Zeit der großen Hallen.

"Schämt ihr euch nicht" ist der nächste schroffe Gitarrentrocker, dessen Thematik zu erwarten war, aber in der lyrischen Umsetzung nicht die ganz feine Klinge bevorzugt. Erinnert mich an "Talk Show Schmutz", ist musikalisch aber gefälliger. Die Botschaft allerdings mutet an wie eine verpaßte Chance, weil ein bißchen oberflächlich vermittelt. Ein wütender Kunze, aber mit stumpfen Waffen. Der geile, aber leider ein bißchen kurz geratene instrumentale Mittelteil sollte bitte in der Liveumsetzung auf die Reise gehen.
Da Christian Wulff übrigens nicht namentlich erwähnt wird, und Heinz auch Wert auf die Feststellung legt, dass die Nummer auf viele Leute paßt, widme ich ihn jetzt mal Peer Steinbrück.

Die zweite Ballade ist das Titelstück. Klaviergetragen, streicherunterstützt, in der Tradition von "Ich habs versucht" zeigt Heinz hier mit lang gehaltenen Tönen im oberen Segment, dass er nach wie vor (bzw. mehr denn je) außergewöhnliches Gesangstalent besitzt. Eine der Nummern, die mit kleinem Besteck und wenig Licht auch in großen Hallen das gesamte Volumen ausfüllen. Innovativ ist der Song jetzt nicht gerade, aber das war auch nicht der Plan.

"Die Wahrheit eines Sieges" ordne ich mal als letzten Teil einer Triologie ein, deren andere Bestandteile "Stirnenfuss" und "Woran man mit mir war" darstellten. Der Song läuft einige Zeit als Einzelkämpferstück durch, und bekommt mit zunehmender Dauer immer mehr Folk, Eigentlich die irischste Nummer, aber tatsächlich gar nicht auf der Insel aufgenommen.
Als Einzelkunstwerk vielleicht die eindrucksvollste Nummer, weil mit dem größten Ideenreichtum ausgestattet.

"Weltweit Feuer frei" ist der Song für die Telefon-Warteschleife im Hause Heckler & Koch. Natürlich aggressiv und laut vorgetragen, und mit beißendem Sarkasmus garniert. Im Gegensatz zu "Schämt Ihr euch nicht" paßt hier jeder Satz. Die Argumente der Wehrtechnikproduzenten fliegen wie Hohn durch den bretternden Song. Diesmal überrascht, anders als in "Schämt ihr euch nicht" ein dezenter Mittelteil.

Dann kommt mein Favorit. Eine Traumballade, die sich selbstständig macht. "Das Glück auf deiner Seite" hat Jens Carstens geschrieben, und zusammen mit einem großartigen Text über Zuneigung und Vertrauen (ja, auch Liebe) ist daraus ein erschütternd großer Song geworden. Zunächst von akustischer Gitarre, dezent gestrichenen Keyboards und zurückhaltenden Drums flankiert, läuft der Song in einen grandiosen Refrain, dessen Clou eine unterstützende Mandoline ist (hoffentlich ist es überhaupt eine Mandoline, es wurde albumweit deutlich hörbar, und mehr als sonst, mit Effekten experimentiert). Eigentlich funzt die Nummer schon beim ersten Mal, wächst dann aber mit jedem Durchgang weiter. Könnte mit etwas Abstand in die TOP3 meiner HRK-Balladen einziehen.
Wirklich ein Traum.

Die nächste Nummer kennen wir schon. Sie sollte eigentlich bei KuK ausgespart werden, um für dieses Album aufgehoben zu werden, und erschien dann doch auf "Uns fragt ja keiner". Ich war eigentlich der Meinung, den netten, aber unspektakulären Song nicht auf dem Album zu brauchen, aber in einem stark veränderten Gewandt. Die verzweifelte Betroffenheit der Kuk-Version verwandelt sich nämlich hier in einen durchaus verschmitzen Song mit viel mehr Oberwasser. Die Chöre sind fast schon frech.

"Erwarte wenig" ist ein philosophischer Exkurs mit ebenfalls irischem Einschlag. Entrückte Entspannung und ruppige Rastlosigkeit geben sich hier die Klinke in die Hand, und wer mit dem Namen Mark Aurel nichts anfangen kann, dem Text aber gern auf den Grund gehen möchte, kann sich googelnderweise schon mal einlesen. Der instrumentale Ausgang des Songs würde auch wunderbar ins Räuberzivil-Programm passen, und ist leider zu kurz geraten.

Zum Schluss gibt es meinen zweiten Favoriten, der eigentlich auch eine schöne Single wäre. Der Text von "Es wird ein gutes Leben" dokumentiert mal wieder die HRK-spezifische Stärke, aus ganz und gar ungewöhnlichen Positionen heraus zu erzählen. In diesem Fall trägt ein Embryo vor, warum er die Chancen seiner prvilegierten Herkunft und Umgebung nutzen will. Abgefahren und schön nachdenklich machend. Und eigentlich auch ein Soundtrack zu den Bildern rund um Lampedusa.

Und damit sind wir durch. Und zwar ohne zwiespältiges Gefühl hinsichtlich eines weiteren Durchgangs.

Wertung 4,5/5
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Oct 29, 2013 5:49 PM CET


Hier rein da raus
Hier rein da raus
Preis: EUR 5,00

10 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Alles auf Null, 7. September 2012
Rezension bezieht sich auf: Hier rein da raus (Audio CD)
Die Stimmen wurden ja in den letzten Jahren lauter, die HRK bescheinigten, auf zu viele Dinge Rücksicht zu nehmen. Die letzten Alben hatten zunehmend einen ungewohnt freundlichen Grundton, wirkten bequemer, glatter poliert, für manchen sogar oberflächlicher. Die Promotion-Aktivitäten taten ihr Übriges: Carmen Nebel, ZDF-Fernsehgarten und WDR 4.
Ganz so einfach sollte man es sich freilich auch nicht machen, zumal die Tourneen zu den Alben die etwas polierteren Songs von einer ganz anderen Seite präsentierten und die zahlreichen Nebentätigkeiten des HRK ein willkommenes Regulativ für Altersmildtätigkeiten und strategische Fehlentwicklungen boten.

Für das vorliegende Album allerdings wäre die Bezeichnung Regulativ" deutlich zu schwach. Hier hat sich Heinz wohl doch eher einen wirklichen Herzenswunsch erfüllt. HRDR ist so ursprünglich und ungestüm, so versponnen und authentisch, dass es mit Worten kaum zu beschreiben ist. Hier wurde wirklich auf gar nicht nichts Rücksicht genommen. Das ist auf den Punkt das Album, das Heinz machen wollte, und zwar mit den Leuten, mit denen er es machen wollte. Und niemand redete ihm rein. Verleger Phil Friederichs, seines Zeichens selbst HRK-Fan, wollte diese Ausgangslage ohne jegliche Kompromisse bieten. Und die Sony, die diesen Ausflug als Hauptvertragspartner von HRK genehmigen musste, gab auch ihr OK.

Alles auf null also. HRK pur, was auch immer das ergibt. Und ich nehme es vorweg, es wird ein Fest. Es wird so geil.
21 Songs sind drauf, und nur wenige davon kann man sich auf einem Album mit der Verstärkung vorstellen. Dazu noch 13 mehr oder weniger gesprochene Texte mit mehr oder weniger Geräuschunterstützung.

Ich stürze mich jetzt mal nicht chronologisch auf die Songs, sondern beginne mit den am wenigsten erwarteten Sachen, die aus dem bisherigen Räuberzivil-Konzept einigermaßen ausbrechen und das Album damit erstaunlich vielseitig werden lassen. Jeder einzelne Titel hat seine unverwechselbare Identität. Und das, obwohl die Aufnahmen nicht einmal zwei Wochen dauerten. Für Heinz eine sehr intensive und schweißtreibende Zeit, weil er im Gegensatz zu Produktionen mit der Verstärkung immer dran war. Gesang, Gitarren, Banjo, Keyboards, Harmonica, Maultrommel, dazu natürlich auch die Beurteilung der anderen Zutaten. Wenn Heinz gerade mal nicht selbst dran war, wollte ja ständig jemand anderes seine Meinung hören.

In so kurzer Zeit so viele Sachen mit diesem Resultat einzuspielen, war deshalb auch nur möglich, weil die Zusammenarbeit hervorragend klappte. Heinz lobt seine Mitstreiter, die er inklusive dem Studioleiter als Traumteam bezeichnet, in den höchsten Tönen und zerstreute seine Skepsis, ob Räuberzivil im Studio überhaupt funktionieren kann, in Rekordzeit. Die vollständige künstlerische Freiheit ging so weit, dass teilweise sogar ganze Spuren der Vorproduktionen, die Heinz mit Peter Pichl gemacht hatte, einfach mal eben für das Album genutzt wurden, was natürlich auch nur möglich war, weil die beiden im Vorfeld schon sehr intensiv tätig waren. Da stört es auch nicht, dass Wolfgang StuteŽs riesiger ins Studio geschleppter Instrumentenpark aus zahlreichen afrikanischen und asiatischen Kongas, Bongos, Trommeln, die Cajon nicht zu vergessen, und weiß der Geier was noch teilweise mit Bandmaschinen kombiniert wurden. Im Gegenteil, es trägt zum Facettenreichtum des Albums wichtige Impulse bei. Und es lässt den Songs unerwartete Räume, wenn man sie aus einem RZ-typischen Korsett entlässt.

Es ist Krieg" ist eine dieser Nummern, die vom bisher gekannten Spektrum des Räuberzivil deutlich abweichen. Ganz ähnlich ist es bei Heinemann und die Norweger", mein liebstes Stück, das sich auf der zweiten Disc zwischen den Sprechtexten regelrecht versteckt. Es erinnert tatsächlich ein bisschen an die englische Band Wire", die Heinz bekanntlich sehr schätzt. Scheinbar minimalistisch, aber mit großartigem Gespür für die Wirkung der wohldosierten Zugaben. Wie auch bei Krieg" erzeugen vor allem die eigentlich sehr dezenten Keyboards und der stoische Bass diesen düsteren Stimmungsteppich, der enorm Spannung erzeugt.

Die Waffe" ist auch so ein Meisterwerk, auch wenn es hier etwas mehr Anlaufzeit bedarf. Skurril getextet und von einer zum Heulen schönen Violine begleitet. Getragen von einem wunderbaren Basslauf und herrlich lebendigem Schlagwerk.
Dann haben wir zwei traumhafte Balladen, die ein bisschen an ganz frühe HRK-Sachen erinnern.

Der Opener Das Dasein und ich" und auch Mildernde Umstände" schauen regelrecht mit den Köpfen aus den Boxen, so spürbar sind sie. Die Gitarren dürfen gern auch mal schnarren, und Heinz singt hier wie ein junger Gott.
Auch Mildernde Umstände" wird von einer kaum wahrnehmbaren Orgel getragen, die dem Song den Horizont bis ins All öffnet.

Ein Lennon-Cover muss nicht zwingend eine originelle Idee sein, hier wird der Working Class Hero" aber wirklich großartig ins Bild gesetzt. Und das mit Geige. Eigentlich eine groteske Idee, zumal ich ja die umwerfende Lesungs-Version mit Jan Drees an der zweiten Gitarre schon kannte. Aber das hier ist noch einmal Einen drauf gesetzt.
Überall liegen Dinge" ist der fetteste Rocker auf HRDR, mal ohne tiefer gehende Message. Schönes, wenn auch einfaches Riff, geht durchaus in Richtung Heiner Lürig. Wird auf der Bühne, wie übrigens ein gutes halbes Dutzend der Songs, kaum aufführbar sein.
Die Gefahr" rockt auch ganz schön mit E-Gitarre, E-Bass und Effektgerät. Heinz singt in dem Song Wie wär es denn mal mit Rock gegen Links, nur damit das Denken nicht stirbt". Nun, die Aufnahmen stammen ja aus dem letzten Dezember, und ich vermute mal, dass diese Zeile inzwischen mehr Selbstironie hat als seinerzeit. Schließlich liegt für Heinz die Aufkündigung des Zweckbündnisses mit dem konservativen Lager zwischen Aufnahme und VÖ. Fairerweise sei aber erwähnt, dass es in dem Song eigentlich um etwas ganz anderes geht.

Das Lied für Berlin" taugt sicher eher zur Liebeserklärung, aber um das kongeniale Regen in Berlin" (Jahrgang 1982 vom zweiten Album) in den Schatten zu stellen, reicht es sicher nicht. Der Song ist einer von ganz wenigen Titeln auf dem Album, bei denen ich den Eindruck habe, irgendwas fehle da noch.
Sicher nichts fehlt im Kartenleger", eine urtypische HRK-Nummer, die es auch schon live zu bewundern gab. Es ist eine dieser Charakterisierungen unbegreiflicher Mitmenschen, aus denen auch einer der monumentaleren Verstärkungs-Songs in der Tradition von Goethes Banjo" oder Schutt und Asche" hätte werden können.

Apropos Banjo, Ein Wirtshaus voller Probleme" ist einer dieser Songs, die die Spontanität des Albums in ihrem ganzen Ausmaß spiegeln. Heinz begleitet Heiner zum Instrumentenhändler, verliebt sich dort zufällig in ein sechssaitiges, auf Gitarre stimmbares Banjo, nimmt es mit, schreibt abends einen Text, entwickelt quasi im Traum die dazu passende Melodie, nimmt am nächsten Morgen nach hastigem Frühstück ein Demo auf Tape auf, schleppt den Kassettenrecorder mit ins Studio, weil er nicht weiß, ob es dort überhaupt noch so ein Gerät gibt, und überzeugt die anderen von der dringenden Notwendigkeit, das Ding unbedingt auch aufzunehmen. Der Song wird dann mit Begeisterung aller Beteiligten zu etwas ausgebaut, was Experten wohl eine Bluegrassnummer nennen.

In Ein und Aus" unterstreicht eine nicht ganz so dezente Orgel den rastlosen Sarkasmus. Ein Song, der sich möglicherweise auf Ausnahmezustand" sehr wohlgefühlt hätte.
Gesichter, Gesichter" ist über 8 Minuten lang und eine Art Fetter alter Hippie Part 2". Die Nummer groovt wie nur irgendwas und ist einfach nur geil. Da hält nun wirklich keiner mehr die Füße still. Heinz singt hier über mehrere Oktaven, flötet, flüstert, ruft, rappt fast sogar.
Als der Teufel kam" ist ein Vollblutblues, von Bass und Percussion in gnadenlos
marschierendem Rhythmus getrieben und angereichert mit dreckiger Gitarre und einer entfesselten Geige.

Auch Bleib Schmerz bleib" bekommt von Hajos Violine einen grandiosen Anstrich verpasst. Erstaunlicherweise wirkt Hajos Beitrag nie inflationär, obwohl die Geige oft zum Einsatz kommt. Die Bandbreite der Einsatzmöglichkeiten ist unfassbar groß und beschränkt sich keinesfalls nur auf Soli. Zudem erleben wir zahlreiche soundtechnisch erzeugte Variationen. Und zur Mandoline greift Hajo natürlich auch. Übrigens hatte Heinz im Vorfeld ein bisschen Angst, weil er irgendwo aufgeschnappt hatte, ein Hajo Hofmann sei im Studio schwer beherrschbar, was sich dann aber als völliger Blödsinn herausstellte. Man hört diesem Album überdeutlich an, dass die Musiker extrem viel Spaß gehabt haben müssen - trotz oder vielleicht sogar wegen des ungeheuren Pensums.

Weiter Blues wird gegeben in Sie hassen dich" und Sisyphus TV", die klingen auch schön dreckig und gemein. Man könnte sagen, hier wurde das genaue Gegenteil eines Songs wie Eisfrei" geschaffen, der sich auf dem letzten Album so porentief rein präsentierte, dass er nicht mal mit auf Tour genommen wurde. Ein wunderschönes Lied, aber leider sterilisiert. Wenn aber Räuberzivil Blues spielen, dann wirbelt Staub auf, den man schmecken kann.

Eine Räuberzivil"-Hymne gibt es nun auch. Sie ist bereits jetzt und in Zukunft der Schlusssong des regulären Sets, nimmt auf dem Album aber mehr den Platz eines harmloseren Liedchens ein.
Country wird, wie schon erwähnt, auch gespielt. Die Spielerfrau", die wir ja von der EP schon kennen, und Das Pony" bilden für mich die Schlusslichter, was nun vor allem daran liegt, dass ich Countrymusik eben nicht wirklich mag. Beide Songs haben passenderweise auch die dünnsten Lyrics. Amüsant ist hingegen Nimm es nicht persönlich". Witziger Text und ein so unschuldiger Gesang, dass das sich das Countrygewand hier aufdrängt.

Die Wortbeiträge zu beschreiben, hieße nun Enten zum Chinesen zu tragen, deshalb erwähne ich nur, dass auch hier eine bemerkenswerte Bandbreite ausgeschöpft wird. Mit den Musikern im Hotel" geht eher schon in Richtung Badesalz oder Mundstuhl, Waschbär" ist einfach nur unglaublich, Sitz" macht etwas ratlos und tiefgründige Sequenzen wie aus älteren Lese-CDs gibt es natürlich auch.

Zusammengefasst steht fest: Wer als langjähriger HRK-Sympathisant
an diesem Gesamtwerk grundsätzliche Klagen vorzubringen hat, dem wird man nicht mehr helfen können. Problematisch ist allerhöchstens die entstehende Reizüberflutung angesichts der wuchtigen Masse, die es hier zu erleben gilt. Mancher tolle Song wird im Schatten anderer zunächst unscheinbar wirken, weshalb man für die Entdeckungsreise Zeit mitbringen sollte.

Höchstwertung!


Der Schwarze Kanal: Was Sie schon immer von Linken ahnten, aber nicht zu sagen wagten
Der Schwarze Kanal: Was Sie schon immer von Linken ahnten, aber nicht zu sagen wagten
von Jan Fleischhauer
  Broschiert
Preis: EUR 12,99

26 von 95 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Gesinnungsjournalismus, 23. Mai 2012
Dass man im Sinne von Best of-CDs auch als Autor gern mal Konserven vermarktet, ist ja nicht neu. Und bei einem stockkonservativen Bedarfsjournalist ist das sogar konsequent. Noch konsequenter wäre allerdings, Fleischhauer würde statt seiner kolummnistischen Auftragsarbeiten endlich die deutsche Tea Party-Partei gründen. Aber der Mann ist wohl mehr der Typ Niedermacher, der schön in der Deckung bleibt.

Als Comedypaket wäre dieses Buch sogar ganz witzig. Da Herr Fleischhauer sich und seine Arbeit aber sehr ernst nimmt, kann ich mich anderen Rezensenten nur anschließen. "Der schwarze Kanal" trifft es exakt.
Kommentar Kommentare (6) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Sep 10, 2012 3:34 PM MEST


Sceneries
Sceneries

6 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ambitioniert und sehr reif, 27. Januar 2012
Rezension bezieht sich auf: Sceneries (Audio CD)
Die schlechte Nachricht wäre lediglich, dass "Sceneries" das bandeigene Referenzalbum "Posthumous Silence" nicht erreichen kann. Aber das wäre auch etwas viel verlangt.
Sonst gibt es nur gute Nachrichten. Obwohl die Hamburger hier mit diesem Mammutprojekt (über 90 Minuten Spielzeit) das Risiko eingehen, die Spannung nicht über ein so langes Werk aufrecht erhalten zu können, legen sie ein konstant hochwertiges, abwechslungsreiches und reifes Album vor. Viel zupackender und faszinierender als der Vorgänger "Force of Gravity). Sylvan sind spätestens jetzt Prog-Champions League.

Das Doppelalbum teilt sich in 5 Parts, die jeder für sich eine Geschichte erzählen, die nicht mit den anderen zusammenhängt, aber letztlich doch zu den anderen paßt. Die erste Disc ist dabei die ruhigere. Enorm spannend, aber nicht gerade typisch für die Band. Wir hören einige Passagen, die man als kammermusikalischen Prog bezeichnen könnte. Gediegen, aber nicht balladesk, kunstvoll, aber nicht verschnörkelt.
Disc 2 enthält mehr von dem urtypischen Sylvan-Sound, ohne wie beim Vorgänger den Eindruck zu vermitteln, man habe das schon einmal gehört. Der Ideenreichtum beim Songschreiben ist riesig, was angesichts der Länge des Albums freilich auch nötig war.

Erwähnen sollte ich noch, dass sich das Album zwangsläufig schwerlich auf Anhieb durchsetzen kann. Dazu ist der Brocken zunächst zu groß. Es macht durchaus Sinn, sich mit den jeweiligen Parts erstmal einzeln zu beschäftigen, oder zumindest erstmal die erste Disc zu beackern. Sonst könnte man von der Vielfalt des Werkes ein wenig erschlagen werden.


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