Profil für Dr. Thomas Lautwein > Rezensionen

Persönliches Profil

Beiträge von Dr. Thomas Lau...
Top-Rezensenten Rang: 75.450
Hilfreiche Bewertungen: 998

Richtlinien: Erfahren Sie mehr über die Regeln für "Meine Seite@Amazon.de".

Rezensionen verfasst von
Dr. Thomas Lautwein
(REAL NAME)   

Anzeigen:  
Seite: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7
pixel
Anhänger der Schwerkraft
Anhänger der Schwerkraft
von Armin Stingl
  Broschiert
Preis: EUR 14,95

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein neues Talent, 17. Januar 2010
Rezension bezieht sich auf: Anhänger der Schwerkraft (Broschiert)
Die Gedichte des Fürther Graphikers, der diesen Band auch selbst bibliophil gestaltet hat, stehen in der Tradition jener modernen Lyriker, die versuchen, in alltagsnaher Sprache alltägliche Ereignisse zum Sinnbild für die conditio humana zu verdichten, wie man dies etwa bei Brecht, Bukowski, Enzensberger oder Uli Becker sehen kann. In den meisten Gedichten gelingt es dem Autor auch sehr gut, persönliche Erlebnisse und Gedanken in eine überzeugende Form zu bringen und über die bloße Selbstbespiegelung oder Larmoyanz, an der soviele Möchtegern-Lyriker scheitern, hinaus zu gehen. Kindheitserinnerungen, Reiseerlebnisse, Kinofilme und Reflexionen über das eigene Handwerk verbinden sich mit einer geradezu zen-buddhistisch zu nennenden Achtsamkeit, die im Kleinen das allgemein Menschliche spürbar werden lässt. Einige Gedichte (wie z.B. "Unsichtbar") lassen auch vermuten, dass sie aus meditativen Zuständen, die vorübergehend zur Erfahrung transpersonaler Zustände führten, hervorgegangen sind.


Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit.
Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit.

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Unzuverlässig, 16. Januar 2010
"La Berma dans Andromaque, dans les Caprices de Marianne, dans Phèdre, c'était de ces choses fameuses que mon imagination avait tant désirées."
(A l'ombre des jeunes filles en fleur, p. 15)

An Marcel Proust habe ich mich lange nicht herangetraut, ein Versuch, ihn auf Deutsch zu lesen, befriedigte nicht; erst als mir vor ein paar Tagen zwei französische Taschenbücher in die Hände fielen, fing ich versuchsweise an, ein paar Seiten in "A l'ombre des jeunes filles" zu lesen, dem zweiten Teil der "Recherche", und wider Erwarten hatte ich mit dem französischen Text keine große Schwierigkeiten, weder mit der Länge der Sätze noch mit dem Wortschatz, der mir bisher keine unüberwindlichen Hindernisse in den Weg legte.
Um mir schnell einen Überblick über die (bei Proust eigentlich nicht vorhandene) Handlung zu verschaffen, griff ich zu einem Bändchen aus der Reihe "Meisterwerke kurz und bündig" (im Piper-Verlag), in dem ein quidam Philipp Reuter verspricht, in Kürze "die wichtigsten Daten, Fakten und Informationen zusammenzustellen".
Etwas irritiert war ich dann aber, als ich dorten auf S. 42 den Anfang von Band 2 folgendermaßen referiert fand: "Ein Operbesuch des Erzählers endet enttäuschend. Er hatte so sehr für die Sängerin Berma geschwärmt, daß er von ihrer dramatischen Kunst "Enthüllungen über gewisse Aspekte jenes Adels erwartete, der im Schmerz liegen kann". Aber die leibhaftige Berma ist nicht die Frau seiner träumerischen Erwartungen." Oper? Sängerin? Habe ich mein Französisch verlernt? Wieso steht denn bei Proust kein Wort von Oper? Und die Stücke, von denen da die Rede ist, allen voran Racines "Phädra", sind doch bekannte Repertoirestücke des französischen Theaters, aber ganz sicher keine Opern? Und der Arzt, den Marcels Eltern befragen, rät von einem THEATERBESUCH ab:
"Le médecin qui me soignait - celui qui m'avait défendu tout voyage - déconseilla à mes parents de me laisser aller au théâtre (...) J'implorais mes parents, qui, depuis la visite du médecin, ne voulaient plus me permettre d'aller à Phèdre. Je me récitais sans cesse la tirade: On dit qu'un prompt départ vous éloigne de nous..." (17)
Die Berma soll außerdem auch, wie ich einen anderen Werk entnehme, ein Abbild der Sarah Bernhardt sowie der Gabrielle-Charlotte Réju sein (ein Photo der Bernhardt als Phädra gibt es auch noch, s. Abbildung bei Renate Wiggershaus, Insel 1992, S. 256).
Endgültig verspielt hatte Philipp Reuter bei mir mit seiner ignoranten, selbstgefälligen Bemerkung über Stéphane Heuets bemerkenswerten Versuch, aus Proust einen Comic zu machen: "Nicht mehr ganz so ernst zu nehmen wie die Adaptionen ist die wohl literaturpädagogische Idee, den Roman in die Form eines Comicbuches zu bringen... hat sich nun ein neuer Zeichner, Stephane Heuet, gleich den ganzen Roman vorgenommen... Zwangsläufig geht dabei der Zauber der Romanprosa verloren (sehr viel Platz für lange Sätze ist nicht in einer Sprechblase), zumal der Strich des Zeichners den scharfen und vereinfachenden Duktus von Tim und Struppi aufweist. Heuet hat sich immerhin Mühe gegeben" (S. 97).
Philipp Reuter sollte unbedingt zum Fernsehen, mangelnde Sachkenntnis und Selbstgefälligkeit sind ja die besten Voraussetzungen für eine Karriere als TV-Literaturkritiker.


Joseph und seine Brüder IV. Joseph, der Ernährer. Roman.
Joseph und seine Brüder IV. Joseph, der Ernährer. Roman.
von Thomas Mann
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,95

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Manns Meisterwerk, 10. November 2009
Über diese 4 Bände musste ich mal eine Hauptseminararbeit in Germanistik schreiben -ich mag den Text aber immer noch. Thomas Manns Joseph-Roman steht allgemein etwas im Schatten von "Doktor Faustus", "Buddenbrooks" und "Zauberberg", dabei ist Mann hier recht eigentlich auf der Höhe seiner Kunst; und als Auseinandersetzung mit dem Thema Religion/Bibel/Monotheismus ist das Buch kaum zu toppen.


Ich ergebe mich: Ein erotisches Geständnis
Ich ergebe mich: Ein erotisches Geständnis
von Toni Bentley
  Taschenbuch

0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Hingabe, 10. November 2009
Ein Buch über Hingabe und Selbstaufgabe, das Erotik, Psychologie und Religiosität mit einander verbindet. Weit mehr als dumpfe Pornographie.


Absolute Promethea Book One
Absolute Promethea Book One
von Alan Moore
  Gebundene Ausgabe

8 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Alan Moores Meisterwerk, 11. Oktober 2009
Die neue Ausgabe von Moore/Williams "Promethea" lässt noch deutlicher erkennen, was für ein grandioses Meisterwerk hier vorliegt. Text und Bild bilden hier eine vollkommene Einheit, die Möglichkeiten des Mediums Comic wurden hier dazu genutzt, eine neugnostisch-kabbalistische Magie-Philosophie darzustellen, die modern und traditionell zugleich ist und einem die Lektüre von ca. 200 anderen Büchern erspart. Das die abgestumpfte, von den üblichen Superhelden-Comics verblödete amerikanische Comicleserschaft mit diesem Werk nicht viel anfangen konnte, gereicht allein ihr zur Schande. Und dass die Kulturnation Deutschland es bisher nicht zustande gebracht hat, eine deutsche Übersetzung zustande zu bringen (bzw. eine nach einem Band abgebrochene Ausgabe), wundert einen auch nicht, wenn man sich die deutschen Bestsellerlisten ansieht.


Texte zur Vollendungsstufe des Cakrasamvara nach der Luipa-Tradition: Akhu Sherab Gyatso: Nektar aus dem Mund des Heruka /Eine Getreideähre für die Siddmis
Texte zur Vollendungsstufe des Cakrasamvara nach der Luipa-Tradition: Akhu Sherab Gyatso: Nektar aus dem Mund des Heruka /Eine Getreideähre für die Siddmis
von Sherab Gyatso
  Taschenbuch

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Tantrischer Kommentar, 11. Oktober 2009
Tibetische Texte kann man nicht einfach vom Blatt übersetzen, eine sinnvolle Arbeit erfordert die Zusammenarbeit mit einem tibetischen Gelehrten, der schwierige Passagen aus seinem Wissen und der Tradition beantworten kann. Besonders gilt dies für tantrische Kommentare zu den Meditationspraktiken des Vajrayana, die inhaltlich besonders anspruchsvoll sind.
Im Gegensatz zu vielen anderen Übersetzungen, die Zweitübersetzungen aus dem Englischen sind, handelt es sich hier um eine deutsche Übersetzung, die unter Aufsicht eines Deutsch sprechenden Lamas der Gelugpa-Tradition entstand.
Technisch geht es in den hier übersetzten Texten, die aus dem 15. Jahrhundert stammen, um die Praktiken der Vollendungsstufe, bei der mit den subtilen inneren Energien des Körpers gearbeitet werden soll, um letztlich für den Zeitpunkt des Todes gerüstet zu sein.
Allein für sich genommen sind die Texte schwer verständlich, da sie die Vorbereitungsstufe voraussetzen, eine ergänzende Lektüre wäre etwa "Tsongkhapa's 6 yogas of Naropa" von Glenn Mullin.


Sorge dich nicht um morgen: Die Bergpredigt buddhistisch gelesen
Sorge dich nicht um morgen: Die Bergpredigt buddhistisch gelesen
von Katharina Ceming
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 16,95

15 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Selig sind die Sanftmütigen, 4. August 2009
Der interreligiöse Dialog besteht meistens aus dem Aufeinanderprallen verschiedener Ideologien, die ihre jeweils eigenen Sprachspiele treiben und versuchen, den jeweils Anderen" in diese einzuordnen. Man kann dabei beobachten, dass Probleme, die in der eigenen Religion existieren, auf die fremde Religion projiziert werden. So führt der dem Christentum immanente Streit um göttliche Gnade und menschliche Freiheit (Augustinus-Pelagius) dazu, dass Buddhismus als Religion der Eigenerlösung, Christentum als Religion der Fremderlösung definiert wird - oder man setzt die werktätige Nächstenliebe" gegen die fatalistische Beschaulichkeit der östlichen Religionen usw. Neben solchen Versuchen, das eigene Profil zu schärfen", steht die ungehemmte Idealisierung der fremden Religion, von der man sich einen positiven Einfluss auf die eigene erhofft, was oft damit begründet wird, dass doch alle Religionen letztlich dasselbe" wollten oder zumindest in ihrer Mystik geradezu identisch seien.
Beide Positionen sind problematisch. Meiner Meinung nach existieren zwar Grundformen des religiösen Erlebens, die in der Natur des Menschen angelegt sind und in allen existierenden Religionen vorkommen (etwa messianische Erwartung, Endzeitprophezeiungen, transpersonale Einheits-Erlebnisse, Gebet und Meditation), dennoch gibt es in der konkreten Ausgestaltung genug Unterschiede, die nicht ohne weiteres zu überwinden sind. Insbesondere zwischen den monotheistischen und den nicht-monotheistischen Religionen scheint mir eine letztlich unüberbrückbare Kluft zu klaffen.
Man fühlt sich als Buddhist daher oft peinlich berührt, wenn sich Christen über Buddhismus äußern, oder wenn sie gar versuchen, buddhistische Methoden für sich zu adaptieren (umgekehrt fühlen Christen sich natürlich genau so befremdet, wenn man versucht, Jesus buddhistisch zu interpetieren, auch dafür gibt es Beispiele).
Man ist daher zunächst einmal etwas reserviert, wenn uns jemand ankündigt, die Bergpredigt buddhistisch" interpretieren zu wollen. Andererseits: warum nicht - wir haben schließlich im Germanistikstudium brav unseren Walter Benjamin gelesen und gelernt, dass heilige Texte unendlich auslegbar sind; und es gab ja auch schon asiatische Meister wie Buddhadasa Bhikkhu oder Lama Yeshe, die sich unverkrampft mit dem Christentum auseinandergesetzt haben).
Die 1970 geborene katholische Theologin Katharina Ceming hat bisher über apokryphe Evangelien, Mystik und Buddhismus gearbeitet; 2008 erhielt sie den Theophrastus-Preis für Verdienste bei der interkulturellen komparativen Mystikforschung" und Grundlagenarbeit für den interreligiösen Dialog.
In ihrem jüngsten Buch beabsichtigt sie eine Auslegung der Bergpredigt, bei der sie aber einen Umweg über den Buddhismus nimmt, um dem Text neue Aspekte abzugewinnen. Es handelt sich also nicht um eine buddhistische Auslegung der Bergpredigt, sondern um eine christliche Exegese mit Anleihen beim Buddhismus.
Die Arbeit besteht aus zwei Teilen, einem grundsätzlichen Teil und der eigentlichen Auslegung der Bergpredigt. Zunächst weist die Autorin die verbreitete These zurück, Jesus sei irgendwann in Indien gewesen. Dann vergleicht sie Jesus mit Buddha, arbeitet die Gewinnung von Heil" als beider gemeinsames Anliegen heraus und relativiert die christlicherseits gern vertretene These, dass der Buddhismus eine Religion der Eigenerlösung" und das Christentum eine der Fremderlösung" sei. Ceming weist vielmehr darauf hin, dass die göttliche Gnade" auch im Christentum nicht ohne Mitwirkung (Öffnung) des Menschen wirken könne.
In ihrer eigentlichen Auslegung der Bergpredigt hebt Ceming zunächst die gemeinsame goldene Regel" und den grundsätzlichen Gewaltverzicht hervor, wie er sich in den Seligpreisungen ausdrückt. Die Seligpreisung der Sanftmütigen" wird mit den 4 brahma-viharas (metta usw.) verglichen, was nach Ansicht der Autorin belegt, dass man den Buddhismus nicht als egoistisch bezeichnen könne.
Jesu Aufforderung, richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet", wird als Aufforderung zur Selbstvervollkommnung gesehen, denn nur wer ehrlich mit sich selber sei, könne das Handeln anderer richtig beurteilen. Außerdem fallen die Konsequenzen unseres Denkens und Tuns notwendig auf uns selbst zurück; daher gehe es bei den Strafandrohungen der Bergpredigt nicht um Strafe und Rache, sondern um die Gesetzmäßigkeit von Karma. Jesus habe wie Buddha erkannt, dass die Verstrickung in unheilsame Handlungen bereits im Denken beginne. Nur so seien die befremdlichen Aussagen über Ehebruch und Scheidung, Zorn und Mord zu verstehen. Jesus gehe es nicht um äußerliche Gesetze, sondern um innere Transformation.
Konsequenterweise deutet Ceming schließlich auch die rechte Sorge" und die Forderung nach Besitzlosigkeit (sehet die Lilien auf dem Felde etc.") nicht äußerlich als Anempfehlung des Mönchsseins, sondern als Aufgeben dessen, was der Buddha Anhaftung" nennt und sich heute, mit Heidegger zu reden, vor allem als rechnendes Denken" zeige. Unter Bezug auf Meister Eckeharts Auslegung von Lukas 10,38-42 (Martha und Maria) versucht die Autorin plausibel zu machen, dass das Reich Gottes" und die Gotteskindschaft" sich durch Offenheit, Wachheit und unverstellte Wahrnehmung auszeichnen würden. Dies strebe auch der Buddhismus mit der Satipatthana-Übung an.
Im abschließenden Kapitel über die immerwährende Kraft der Bergpredigt" wird deutlich, dass es der Autorin bei ihrem Ausflug in den Buddhismus letztlich um eine Kritik an den traditionellen, kirchlichen Auslegungen der Bergpredigt geht; diese sollen durch eine ungewohnte Perspektive, die hier vor allem der Buddhismus liefert, aufgebrochen werden. Deutlich wird dies insbesondere beim Thema Scheidungsverbot, das ihrer Ansicht nach nicht aus dem Text hergeleitet werden kann. Ihre Position steht dabei in der Tradition der christlichen Mystik.
Das Unternehmen der Autorin ist durchaus sympathisch, ob es innerhalb der Christenheit allerdings jemals mehrheitsfähig sein sollte, das zu beurteilen ist zum Glück nicht unseres Amtes. Wir sind schon zufrieden, dass sie dem Buddhismus mit Aufgeschlossenheit begegnet und sich um ein Verständnis des Dharma bemüht. Die einzige Stelle, an der ich etwas auszusetzen habe, findet sich auf Seite 40: Die Aussage, dass durch das Rezitieren des 7 Erleuchtungsglieder vollkommene Erlösung erreicht" werde, ist so nicht richtig, jedenfalls passt die als Beleg angeführte Stelle im Samyutta-Nikaya (46,1) nicht dazu, denn dort ist von der Praxis der 7 bojjhanga die Rede, nicht vom bloßen Rezitieren.


Ikkyu, Band 4
Ikkyu, Band 4
von Hisashi Sakaguchi
  Taschenbuch

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Reiswein, Weiber und Koans, 2. August 2009
Rezension bezieht sich auf: Ikkyu, Band 4 (Taschenbuch)
Band IV von Sakaguchis "Ikkyu" ist soeben erschienen. Sakaguchi führt seine Handlungsstränge bis Ikkyus Tod im Jahre 1481 weiter, als er mit 88 Jahren stirbt. Vorher musste er noch erleben, wie er als 80jähriger zum Abt des Daitokuji-Tempels ernannt wurde, obwohl er in den Jahrzehnten zuvor im Dauerclinch mit dem Tempel-Establishment lag, dem hier unterstellt wird, Religion nur als Machtmittel benutzt zu haben. Vertreter der "harten" Linie ist wieder Yoso, der im Buddhismus vor allem ein Mittel sieht, dem einfachen Volk Respekt und Ordnung beizubringen - die Macht der Mönche wird damit gerechtfertigt, dass er den Buddha selbst verkörpere, wenn er die Robe trage: "Die Menschen beten dieses Gewand und diese Priesterstola an. Und dabei denken sie an Buddha und treten ihm gegenüber! Jedem Laien, egal ob arm oder verdorben, erscheint in diesem Moment die transzendente Gestalt des strahlenden Buddhas!" (S. 94-95).
Ikkyu wird hingegen als Vertreter eines volkstümlichen Buddhismus gezeichnet, der in echter Heimatlosigkeit und Armut mit den einfachen Leuten lebt.
Ob Ikkyus "verrückte Weisheit" Ausdruck von Erleuchtetsein oder von ungelösten seelischen Konflikten war, wird offengelassen, jedoch erscheinen seine sexuellen Beziehungen zu Prostituierten und Bettlerinnen als Ausdruck einer gewissermaßen tantrischen Sexualität (insbesondere seine letzte Liebesbeziehung zu der blinden Frau Shin). Sein "verrücktes" Verhalten wird als Ausdruck einer Haltung gesehen, die eine spontane Erleuchtung im Hier und Jetzt anstrebte (was man als typischen Zen-Gedanken sehen kann).
Den Band beschließt ein Nachwort von Stephan Schumacher, das die dichterischen Freiheiten deutlich macht, die sich Sakaguchi genommen hat, und Ikkyu in die lange Reihe "verrückter" Heiliger einordnet. Wenn Schumacher urteilt,, Sakaguchi habe "eine ganze Reihe populärer Klischees über den Zen-Buddhismus verarbeit" sei dabei "nicht immer der authentischen Lehre des Zen gerecht geworden", finde ich das etwas überstreng geurteilt.
Denn wer oder was ist schon wirklich "authentisch"?


Form ist Leere - Leere Form. Buddhistische Themen und Lehrbegriffe Band 5: Schwerpunkt: Ethik
Form ist Leere - Leere Form. Buddhistische Themen und Lehrbegriffe Band 5: Schwerpunkt: Ethik
von Marianne Wachs
  Taschenbuch

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Buddhistische Ethik zwischen rationalem Humanismus und altruistischer Zweckethik, 28. Juli 2009
Der kleine, aber engagierte Buddhistische Studienverlag hat in seiner Reihe Form ist Leere - Leere Form" bisher sieben Bände mit beachtenswerten Beiträgen zu buddhistischen Themen und Lehrbegriffen" vorgelegt, wobei alle Texte Originalbeiträge von deutschsprachigen Buddhisten sind, die verschiedenen Traditionslinien angehören.
Band 5 ist dem Thema Ethik gerichtet und zeigt sehr anschaulich, dass es im Buddhismus zwei Arten von Ethik gibt, nämlich (im Theravada) eine eher rational-humanistische Naturethik", die das Vermeiden unheilsamer Handlungen in den Vordergrund stellt, und (im Mahayana) eine altruistische Bodhisattva-Ethik, die die Motivation über die äußerliche Handlung stellt. Beide Ansätze haben ihre problematischen Seiten, so kann die falsch verstandene Bodhisattva-Ethik des Mahayana im Extremfall dazu führen, dass man glaubt, Feinde der Lehre" mit Gewalt an ihren unheilsamen Handlungen" hindern zu müssen. Beiden Ansätzen ist freilich gemeinsam, dass sie sich fundamental von den Ethiken monotheistischer Religionen mit ihren heteronom begründeten Ge- und Verboten unterscheiden.
Hervorzuheben sind M. Wachs' Beitrag über die Jujukai als ethische Grundlage des Zen-Buddhismus", die Analyse des 4. und 1. Sîla" von Bodhivajra und Peter Gängs Aufsatz Das verrückte Gelübde", der sich mit der Problematik der tantrischen Ethik befasst. Originell ist auch der Versuch, die Wächter"-Romane S. Lukianenko buddhistisch zu deuten.


Doderer-ABC: Ein Lexikon für Heimitisten
Doderer-ABC: Ein Lexikon für Heimitisten
von Henner Löffler
  Gebundene Ausgabe

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Sehr nützlich für Doderer-Leser, 7. Juni 2009
Ein äußerst nützliches Nachschlagewerk ist Henner Löfflers "Doderer-ABC Ein Lexikon für Heimitisten" (C.H. Beck 2000).
Da sich in den beiden großen Romanen Doderers (Strudlhofstiege/Die Dämonen) über 300 Figuren tummeln, ist es doch sehr hilfreich, wenn man im Artikel Personenverzeichnis schnell nachschlagen kann, wer noch mal Angelika Scheichsbeutet alias "Angely de Ly" war oder Lea Fraunholzer alias Mädi Küffer.
Auch ansonsten sehr schöne Artikel über Zihalismus, Alkohol & Tabak ("In allen Romanen und Erzählungen Doderers werden alkoholische Getränke in Mengen konsumiert ... 'auf einen besorgten Wink des Waidgesellen reichte man von rückwärts eine Flasche mit Enzianschnaps'(EU 166)"), die Chronologie von DS/DD, die Topographie (heimliches Zentrum der Romane: der Alsergrund), Doderers Verhältnis zur Politik (kurz gesagt: er hatte keins), den angeblichen Antisemitismus, Brachialitäten, analogia entis, Dicke Damen ("fett! wahrhaft üppig! korpulent! wohlbeleibt! von starker Fülle!" DD 69 - Doderer war geradezu der Russ Meyer der österreichischen Hochliteratur, wenn man sich die hier versammelten Belegstellen vergenwärtigt) usw.
Das weitgehende Versagen der Germanistik gegenüber diesem doch nicht ganz unerheblichen Autor wird gebührend abgewatscht: "Es fehlt jedoch eine neue und umfassende Werkanalyse, die auf dem Boden des aktuellen Erkenntnisstandes das Werk als Ganzes würdigt." Sehr zu Recht weist Löffler auf Doderers Ähnlichkeiten mit Henscheid, Beckett, Nabokov hin.
"Jetzt hören's aber wirklich auf, Kroissenbrunner." (DS 707)


Seite: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7