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Beiträge von Dr. Reinhard Lahme
Top-Rezensenten Rang: 1.700
Hilfreiche Bewertungen: 822
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Rezensionen verfasst von Dr. Reinhard Lahme "t 43 t" (Borgwedel SH)
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4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen
Behutsamer Freund und Lästermaul, 24. Februar 2009
Ich gebe es ja zu! Die Erinnerungen des 1931 in Berlin geborenen Fritz J. Raddatz, in den 70iger Jahren stellv. Leiter des Rowohlt Verlages, von 1977 - 1985 Feuilletonchef der ZEIT, Literaturkritiker und -wissenschaftler, Essayist und Romancier, habe ich mit voyeuristischem Vergnügen gelesen. Reihenweise stutzt der Autor Lichtgestalten der vornehmlich deutschen Kulturszene auf menschlich-allzumenschliches Maß herab, indem er mit Lästerzunge auch Intimes ausplaudert. Die Zahl seiner Freunde hat er damit gewiß nicht vermehrt, wohl aber die Anzahl seiner Leser... "Meine Kindheit war schauerlich". Seine Mutter, eine Pariserin,verstarb kurz nach seiner Geburt. Sein Vater ("Ich wurde mehr abgerichtet als erzogen"): hoher Berufsoffizier, dann Direktor der Ufa. Seine Stiefmutter, der Vater als Animateur und Zuschauer dabei, führt ihn als knapp 12jährigen Knaben in sich und damit in die körperliche Liebe ein - keine Überraschung, daß er ab da eher seinem eigenen Geschlecht zugetan war. Seine ältere Schwester: eine wilder Person. Raddatz ordnet die Menschen, denen er im Laufe seines langen Lebens begegnete, in klar umgrenzte Schubladen ein. Da sind zunächst die Lebensfreunde und Liebhaber, mit denen er diskret und behutsam umgeht. Allerdings: Daß er in Amsterdam eine Liebesnacht mit Rudolf Nurejew erleben durfte, hängt er sich als besonderen Orden an die Erobererbrust. Dann kommen die Menschen, denen er viel zu verdanken hat - wie z.B. sein Vormund Pastor Hans-Joachim Mund, Mary Tucholsky, Paul Wunderlich, Günter Grass oder Joachim Kaiser. Dann aber prügelt der Autor ohne Rücksicht auf Verluste drein: auf Henri Nannen ("alternder Elefant mit Hörgerät"); Siegfried Unseld ("patziger Stiesel"); Ex-Bundespräsident Walter Scheel, der ihm angesichts des Todes von seiner Frau Mildred zu fröhlich wirkt; auf Björn Engholm, Helmut Schmidt, Gräfin Dönhoff, Hans Mayer usw. Keinerlei Verständnis habe ich dafür, daß Raddatz seinem Vomund H.-J. Mundt, der einen qualvollen Tod erlitt, in aller Öffentlichkeit "Lauterkeit", aber auch "Lotterkeit" attestiert (als untreuer Ehemann habe er ohne Wahl "herumgefickt"). Nebenbei: Der demonstrativ auf Stil bedachte Autor entgleist immer wieder einmal in Richtung Gossensprache. Nachbemerkung: Kindische Eitelkeit zweier Literaturkritiker - Fritz J. Raddatz verweigert Marcel Reich-Ranicki die Namensnennung, weil dieser ihn in seiner berühmten Autobiographie auch nicht namentlich vorkommen ließ.
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5.0 von 5 Sternen
Wider die Mythen-und Heldenverehrung, 21. Februar 2009
Extrem-Abenteurer haben offensichtlich eines gemeinsam: Beinahe jeder, der sich Extremsituationen freiwillig aussetzt, schleppt irgendein gravierendes psychologisches Problem mit sich herum. Setzt dieses Problem den instinktiven Überlebenswillen und Selbsterhaltungstrieb außer Kraft, pervertiert sich der bewundernswerte Wagemut in oft tödlichen Wahnsinn. Auf der Basis dieser Grundthese hat der kanadische Extrem-Bergsteiger, Journalist und diplomierte Psychologe Geoff Powter in "Der schmale Grat" zehn historische Abenteurer analysiert. Herausgesprungen dabei ist ein ungemein spannendes wie auch lehrreiches Buch, in dem so manche "dunklen Gründe für gefährliche Unternehmungen" aufgedeckt werden. Der Autor gruppiert seine Protagonisten in drei Abteilungen: "Die Beladenen", die unter extrem starkem Erfolgsdruck stehen; "Die Gebeugten", die in ihrer psychischen Konstitution von einer fest verankerten Böswilligkeit geprägt sind; und "Die Verlorenen", die orientierungslos im Leben wie im Abenteuer herumstolpern. Powter beschäftigt sich u.a. mit Berühmtheiten wie Meriwether Lewis, dem Eroberer der amerikanischen Wildnis; mit dem in diesem Zusammenhang fast unvermeidlichen Robert Falcon Scott und seiner Niederlage gegen Roald Amundsen im Wettlauf um den Südpol; mit Solomon Andrée, der den Nordpol mit einem Ballon erreichen wollte. Fast interessanter noch fand ich die mir bis dato nicht geläufigen Abenteurer wie z.B. Donald Crowhurst, der als Wochenendskipper die Welt umsegeln wollte; oder die Bergsteiger Aleister Crowley, Earl Denman (anrührend!) und Maurice Wilson. Geoff Powter versteht es, die zumeist aberwitzigen Abenteuergeschichten aus betont subjektiver Perspektive brillant zu erzählen. Unbedingt empfehlenswert! Nachtrag: Powters Abqualifizierung von Claudio Corti, dem einzigen Überlebenden der Eiger-Katastrophe 1957, ist nicht auf dem neuesten Stand - vgl. Cortis Ehrenrettung von Daniel Anker u.a. in "Conti-Drama".
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0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen
Football in Messina, 20. Februar 2009
John Grisham, Erfolgsautor in Sachen Justiz-Thriller, war in seiner Jugend Quarterback der Southaven Chargers. Da wundert es nicht, daß er seine Football-Leidenschaft in zwei Romane (neben dem hier zu besprechenden "Der Coach" noch "Touchdown, vgl. dort) umgesetzt hat. Neely Crenshaw, 34, kehrt nach 15 Jahren erstmals wieder in seine Heimatstadt Messina zurück. Er war dereinst der Footballspieler mit der Nr. 19, ausgezeichnet mit dem Ehrentitel "All-American" als bester Spieler der Highschool-Liga - "ein vergessener Held, dessen Licht nur kurz geleuchtet hatte"; genauer: nur drei Spielzeiten lang. Eine irreparable Knieverletzung zwang den zu großen Hoffnungen berechtigenden Jungprofi bereits das Karriereende auf, bevor sie so recht begonnen hatte. Jetzt lebt er in der Nähe von Ontario, macht in Immobilien, ist geschieden, wirkt unglücklich und uneins mit sich. Noch immer ist es ihm nicht gelungen, mit seiner Footballvergangenheit abzuschließen. Crenshaw ist zurückgekehrt, weil Eddie Rake, der legendäre Coach des Footballteams, im Sterben liegt. 34 Jahre lang hat er die Mannschaften zu größtem Erfolg geführt und damit Messina dazu verholfen, aus der provinziellen Bedeutungslosigkeit ins nationale Rampenlicht zu treten. Rake ist ein Charismatiker. Wer mit ihm als Spieler zu tun hatte, wurde von ihm sein Leben lang geprägt. Dabei waren seine Anforderungen und Methoden durchaus umstritten. So zwang er die ihm anvertrauten Jugendlichen zum "Spartan-Marathon" genannten Langlauf bis zum Zusammenbruch. Oder er ordnete den "Tribünen-Lauf" an, bei dem einer seiner Spieler tot zusammenbrach... Aber er war auch der erste Coach, der einen Schwarzen zum Kapitän ernannte oder der einem unter seinem Schwulsein leidenden Jungen dazu ermutigte, zu sich selbst zu stehen... Zwischen Neely Crenshaw und Eddie Rake lastet ein dunkles Geheimnis, das hier natürlich nicht aufgedeckt werden soll. Wie dem auch sei: Als Crenshaw abreist, ist sein alter Coach gestorben - und er kann sich nun endlich auf sein Leben nach dem Football einlassen. John Grisham hat mit routinierter Feder einen unterhaltsamen Sportroman geschrieben, den ich mit großem Interesse gelesen habe. Die mir fremde Ideologie des Gewinnens um jeden Preis, die eine Niederlage nicht anerkennend zu akzeptieren bereit ist, wird vom Autor ausgehebelt, indem er sich Coach Eddie Rake zum Ende seines Lebens hin für sein arges Fehlverhalten mit schlimmen Folgen entschuldigen läßt.
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Touchdown
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von John Grisham Gebundene Ausgabe |
| Preis: EUR 17,95 |
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1 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen
Team-Player, 19. Februar 2009
Wer einen Roman von John Grisham in den Händen hält, erwartet unwillkürlich einen spannenden Thriller des Erfolgsautors aus dem Justizmilieu. An Football in Italien als Thema dagegen wird er gewiß nicht denken. Doch genau darum geht es in "Touchdown". Rick Dockery, 28, amerikanischer Footballprofi, liegt mit seiner dritten schweren Gehirnerschütterung im Krankenhaus. Er ist keineswegs ein Star. Im Verlauf von 6 Jahren wurde er in 8 Teams als Ersatzmann des Ersatz-Quarterbacks herumgereicht. Die wohl letzte Aktion des für diesen harten Sport viel zu weichen, ängstlichen Profis aus der dritten Reihe: Er schaffte es, notgedrungen eingesetzt, mit drei katastrophalen Fehlpässen (Interceptions) die Meisterschaft binnen 11 Minuten zu verspielen. Ende der Laufbahn? Als Sportlehrer Kindern z.B. das Volleyballspielen beibringen? Nein, soweit ist Dockery noch nicht. Er heuert in Italien, genauer: in Parma an. Vertrag für 5 Monate, 15 000 €, kleines Auto, Wohnung. Der Autor läßt den noch immer recht unbedarften amerikanischen Sportler durch die Konfrontation mit der italienischen Lebensweise und der Kultur, die Grisham ganz offensichtlich selbst sehr schätzt, zum nachdenklichen, reifen, erwachsenen Mann heranreifen. Zunächst geriert sich Dockery nur als Primadonna auf Tauchstation und Durchreise, den seine aus Freizeitsportlern zusammengesetzte Mannschaft nicht weiter interessiert. Die erwarteten Erfolge bleiben aus. Zum Glück erkennt er spät, aber gerade noch rechtzeitig genug, daß auch er nur als Teamplayer Erfolg haben kann. Die "Parma Panthers" gewinnen den Italienischen Super Bowl, Rick Dockery kassiert seine vierte Gehirnerschütterung - und findet die Liebe seines Lebens. John Grisham hat mit routinierter, leichter Feder einen gefälligen Sport-und Unterhaltungsroman geschrieben. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen
Helden der Gegenwart, 18. Februar 2009
Es gibt sie noch, die Helden der Gegenwart! Damit meine ich nicht irgendwelche Film-, Schlager- oder Sportstars, sondern Menschen, die meist fernab der Öffentlichkeit als Samariter der heutigen Zeit humanitäre Hilfe in vielfältiger Form leisten. Sie setzen sich dabei furchtbarem Leid aus, das Menschen anderen Menschen zufügen. Oder sie kämpfen gegen die schlimmsten Heimsuchungen der Menschheit in Form von Seuchen und Hungersnot. Dabei riskieren sie immer wieder ihr eigenes Leben oder überschreiten ihre eigenen Kraftgrenzen bis hin zum physischen und / oder psychischen Zusammenbruch. Die Journalistin Petra Meyer, die 12 Jahre lang die Öffentlichkeitsarbeit der deutschen Sektion von "Ärzte ohne Grenzen" verantwortete, erzählt in "Schmerzgrenzen" die Erlebnisse von sieben Helfern, die im Rahmen der Organisation im Einsatz waren. Dabei geht es um das sog. "Marburg-Fieber" in Angola; um die psychologische Betreuung von Kindern in Kolumbien, deren Eltern vor ihren Augen ermordet wurden; um Kriegschirurgie in Sierra Leone; um den Kampf gegen HIV / Aids; um abgelehnte Hilfe im Irakkrieg; um Unterernährung und Hungerstod in Niger; oder um Vertriebene im Sudan. Stets hat die Autorin dabei die persönliche Situation und Reaktion der porträtierten Helferinnen und Helfer im Blickfeld, wobei sie die Grenzen der gebotenen Diskretion an keiner Stelle überschreitet. Ausführungen zu den Themen "Trauma", "Burnout" und "Unabhängigkeit" beschließen den Band. Ein erschütterndes, ein notwendiges Buch, das jeden dazu aufruft, in seinen Möglichkeiten ebenfalls zu helfen.
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3 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen
Historischer Kriminalfall, 17. Februar 2009
Norddeutschland 1931/32. Therese Dopfer und Maria Fischer, Kriminalpolizistinnen aus Hamburg, werden am Strand von Pellworm tot aufgefunden. Offizielle Todesursache:Selbstmord. Selbstmord? Josephine Erkens, engagierte Leiterin der noch nicht lange eingerichteten Abteilung "Weibliche Kriminalpolizei", wird vom Dienst suspendiert. Die "International Association oft Policewomen" entsendet die britische Kriminalbeamtin Jennifer Stevenson in die Hansestadt, um Licht in den dubiosen Fall zu bringen, der sich mittlereile zu einem handfesten Polizeiskandal ausgeweitet hat. Ihre Recherchen führen sie rasch hinein in politisch und ideologisch motivierte Intrigen vor dem Hintergrund der aufdämmernden Nazi-Zeit. Bald muß sie um ihr eigenes Leben fürchten. Rückhalt und Unterstützung findet sie nur bei Klara Schindler, einer kommunistischen Reporterin der "Hamburger Volkszeitung", und ihren Freunden. Zwischen den beiden so gegensätzlichen Frauen entwickelt sich eine besondere Beziehung. Der Journalist Ronald Gutberlet schreibt unter den Pseudonymen Robert Brack und Virginia Doyle erfolgreiche Kriminalromane. In "Und das Meer gab seine Toten wieder" rollt er einen historisch verbürgten Fall auf, der bis heute nicht aufgeklärt worden ist. Ihm gelingt dabei eine spannende, schnörkellose, atmosphärisch dichte Erzählung, deren Glanzpunkte für mich die auf Pellworm spielenden Passagen sind. Bleibt zu hoffen, daß dieser Kriminalroman dazu beiträgt, daß sich die Hamburger Polizei ihrer eigenen Vergangenheit stellt.
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7 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen
Laber - Calli, 10. Januar 2009
Ohne Zweifel:Man muß den Mann mögen, denn er schwadroniert ohne Rücksicht auf Verluste über Gott und die Welt, vor allem natürlich die Fußballwelt, keineswegs sich selbst dabei schonend. Die Rede ist von Ex-Fußballmanager Reiner Callmund, der zum 60. Geburtstag seine Autobiographie vorgelegt hat, die er als eine "Zwischenbilanz" verstanden wissen möchte. Aufgewachsen ist er dort, "wo malocht und Dreck gefressen wird", also im Braunkohle-Revier (Brühl-Heide, dann Frechen). Schule, Lehre als Groß-und Handelskaufmann, Bundeswehr, BWL-Studium, nebenbei auch Trainer und als freier Mitarbeiter für den Lokalsport schreibend, bald in den Diensten von Bayer 04 Leverkusen 25 Jahre lang "ein Leben auf der Überholspur" führend. Als seine ihn kennzeichnenden Leidenschaften listet er auf: REDEN FUßBALL ESSEN REISEN. Da bleibt kein Raum mehr für seine Familie, so daß er erst bei und mit seiner dritten Ehefrau etwas mehr zur Ruhe gekommen zu sein scheint. Noch immer schmerzt ihn sein unrühmlicher Abgang in Leverkusen 2004. Vehement verweist er darauf, daß der Vorwurf inkorrekten Geschäftsgebarens längst vom Tisch ist, auch wenn er konstatieren muß, daß in seinem Fußballmetier "immer hart an der Grenze der Legalität" gearbeitet wird bzw. gearbeitet werden muß, wenn man Erfolg haben will. Die für mich interessantesten Passagen des Buches sind Calmunds zahlreiche, oft warmherzige Personenskizzen (Trainer, Spieler,Vorstandsmitglieder) und seine zumeist recht witzig vorgetragenen Anekdoten. An einer Stelle allerdings hätte ein guter Lektor eingreifen müssen, denn daß der Autor seine Tochter mit seiner ersten Frau im Opel Rekord 1200 zeugte und daß seine Tochter daher eine "Haifischschnauze" wie der Opel habe, sprengt die Grenzen der gebotenen Familien-Diskretion. Und: Mußte es wirklich sein, daß er, mit BILD-Leuten im Gefolge, das Grab seines Vaters aufsuchte, der als Fremdenlegionär 1954 im Indochinakrieg gefallen war? Aber so ist der "Calli" Reiner Clamund eben. Und so mögen wir ihn ja (fast) alle. Ein sehr unterhaltsames Fußballbuch. Was will man mehr.
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7 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen
Ein knorriger Typ, 9. Januar 2009
Als Spieler 6 x deutscher Meister, 4 x Europapokalsieger, Weltmeister. Als Trainer 3 x deutscher Meister, Europameister, Gewinner der Silbermedaille in Athen, Weltmeister im eigenen Land. Fürwahr, eine stolze Bilanz. Die Rede ist vom Handballer Heiner Brand, einem der wenigen bedeutenden Sportlerpersönlichkeiten in Deutschland, unverwechselbar in seiner knorrigen, ehrlichen, mitunter auch kauzig wirkenden Art Marke "Dackelblick mit Schnauzbart in rückenlädiertem Gang". Seine Autobiographie, die er mit Hilfe des Sportjournalisten Frank Schneller zu Papier gebracht hat, besticht durch den häufigen Perspektivenwechsel, der keine Langeweile aufkommen läßt. Das Buch setzt ein und endet mit jeweils einer spannenden Reportage des WM-Finales 1978 in Kopenhagen (Deutschland - Rußland 20:19) bzw. der WM 2007 in Deutschland. Zwischen diesen beiden Großereignissen finden sich lebendige Beschreibungen vieler weiterer Spielhöhepunkte, so daß sich fast beiläufig eine Geschichte des deutschen Handballs von 1972 bis heute ergibt. Doch nicht etwa eine Aneinanderreihung von Spielberichten erwartet den sportinteressierten Leser. Anrührend ist z.B. das Kapitel über Brands Freund Joachim Deckarm und seinen Gegenspieler Lajos Panovic, der nach dem furchtbaren Zusammenprall nie mehr Handball spielte. Brand wagt auch Außenblicke auf seine Person, indem er zahlreiche Wegbegleiter, aber auch seine Familie um Beiträge bat. Fazit: Heiner Brand ist nicht der naheliegenden Gefahr erlegen, sich zur kantenfreien Handball-Ikone zu stilisieren bzw. stilisieren zu lassen. So wagt er es z.B. durchaus, gegen die mächtige Bundesliga-Lobby zu Felde zu ziehen. Ihm ist eine authentische Biographie gelungen, die ich uneingeschränkt zur Lektüre empfehle.
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15 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen
Dramatische Flucht, 8. Januar 2009
Der Afghane Hesmat, 11 Jahr jung, wohnte in Mazar-e Sharif. Er hat miterleben müssen, wie seine liebevolle, gebildete, weltoffene Mutter starb. Sie hat ihrem Sohn mit auf seinen Lebensweg gegeben zu lernen, z.B. Arzt zu werden, um anderen Menschen helfen zu können. Sein Vater, der es als Sympathisant der Russen und, nach ihrem Abzug, als erfolgreicher Schmuggler zu Wohlstand gebracht hatte, wird von den Taliban ermordet. Hesmat muß fliehen, um eine Überlebenschance zu wahren. Die Darstellung seiner fast einjährigen Flucht, die ihn nach vielen Um- und Irrwegen nach Moskau und über die Ukraine, die Slowakei und Ungarn schließlich bis nach Österreich führt, liest sich wie ein spannender Abenteuerroman. Sie erhält ihre besondere Dramatik dadurch, daß sie nicht der Phantasie eines Romanciers entsprungen ist, sondern der Wahrheit, zumindest aber der Wahrscheinlichkeit verpflichtet bleibt. Der Journalist Wolfgang Böhmer hat die Geschichte von Hesmat, den er in einem SOS-Kinderdorf kennenlernte, aufgeschrieben. Das "Grundgerüst" von Hesmats Erinnerungen wurde vom Autor behutsam mit Erzählungen und Berichten anderer Menschen aus der Region und mit eigenen Erlebnissen bei Einsätzen in Afghanistan und Kabul ausgefüllt. Das Besondere an diesem Buch ist, daß der österreichische Journalist nicht der Versuchung, Hesmats Geschichte zu einer Sensationsstory aufzuplustern, erlegen ist. Nachbemerkung: Hesmat lebt heute in Innsbruck. Eine Lehre als Elektriker hat er erfolgreich abgeschlossen. Ob er seinen und seiner Mutter Traum, Medizin oder Pharmakologie zu studieren, realisieren kann? Es ist ihm von Herzen zu wünschen.
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5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen
ZWEITVERWERTUNG, 5. Februar 2008
Der Hamburger Volker Hage (geb. 1949), Literaturredakteur bei der FAZ, der ZEIT und jetzt beim SPIEGEL, ist für mich einer der wenigen guten Literaturkritiker deutscher Sprache. Er vermeidet sorgsam die leider weit verbreitete Unsitte, das zu rezensierende Werk nur als Vehikel zu eigenen, meist weitschweifig-raunend formulierten Ausführungen zu mißbrauchen. In klarer, begründender Sprache trägt er seine unmißverständliche Meinung vor. In der Tat: "Man weiß immer genau, was er sagen will" (Marcel Reich-Ranicki). Mit "Letzte Tänze, erste Schritte" gibt Hage einen Überblick über die deutsche Literatur von 1999 bis 2007. Der Autor versammelt 46 Rezensionen zu neuen Büchern von Günter Grass ("Mein Jahrhundertbuch") über Dieter Wellershoff ("Der Liebeswunsch") und Botho Strauß ("Mikado") bis zu Pascal Mercier ("Lea"). Eingeleitet werden die Einzelkritiken durch eine 90-seitige "Chronik", in der sich der Autor in eingängiger, interessanter Weise an einer Darstellung der "Kurzen Geschichte der neuesten deutschen Literatur" versucht. Er beginnt mit der Verleihung des Literaturnobelpreises an Günter Grass; konstatiert für die 80er und 90er Jahre ein erdrückendes Übergewicht der Heroen der deutschen Nachkriegsliteratur (Böll, Grass, Kempowski, Lenz, Johnson, Walser, Wolf...), so daß nur wenige Jüngere (z.B. Süskind, Ransmayer, Schlink...) die Aufmerksamkeit auf sich lenken konnten; freut sich über das Auftauchen zahlreicher junger Erzähltalente Ender der 90er; erinnert an den Eklat, den Martin Walser mit seinem Roman "Tod eines Kritikers" heraufbeschwor; nimmt dezidiert Stellung zum Thema "Grass und die Waffen-SS" usw. Ich empfehle diese neue Veröffentlichung von Volker Hage allen, die an der deutschen Gegenwartsliteratur interessiert und auf der Suche nach Lektüreempfehlungen sind. Allerdings: Es darf nicht verschwiegen werden, daß es sich hier um eine Zweitverwertung handelt! Sämtliche Einzelrezensionen und einige Passagen der Chronik sind zuvor bereits im SPIEGEL erschienen, so daß regelmäßige SPIEGEL-Leser nur wenig Neues vorfinden werden.
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