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Rezensionen verfasst von
KalyanaMitrah (Wien)

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Persepolis - Eine Kindheit im Iran
Persepolis - Eine Kindheit im Iran
von Marjane Satrapi
  Broschiert

5.0 von 5 Sternen "Man kann vergeben, aber man soll niemals vergessen.", 17. Oktober 2010
Marjane Satrapi beschreibt in diesem S/W-Graphic Novel ihre ersten 14 Lebensjahre im Iran. Nach eigener Aussage erzählt sie die große Geschichte anhand der kleinen Geschichte. Sie zeigt, wie ihre Familie, ihre Freundinnen und Freunde gegen das Schah-Regime demonstrieren und wie aufgrund der anhaltenden revolutionären Bewegungen der Schah das Land im Jahr 1979 verlässt. Die Autorin ist zu diesem Zeitpunkt 9 Jahre alt und versteht so vieles nicht, wovon die Erwachsenen sprechen. All die Geschäfte mit dem Westen... Geld, Öl, Macht, Mord... Sie liest Bücher und fällt in der Schule unangenehm auf, weil sie die Indoktrination nicht mitmacht, ohne sie zugleich der Lächerlichkeit preiszugeben. Ihre Eltern unterstützen sie in ihren Bemühungen und haben gleichzeitig furchtbare Bammel, dass ihr diese offene/liberale Gesinnung bzw. Erziehung einmal das Leben kosten könnte. Verwandte und Bekannte der Familie erzählen von Folter, Flucht, Gefängnis. Ihr Onkel erzählt ihr, dass er neun Jahre im Gefängnis verbringen musste, was sie angesichts der Glorifizierung des Märtyrertums zunächst nichts Anderes als Stolz empfinden lässt. Quasi als Familiensaga, mit der sie vor ihren Freunden angeben kann. Dann der irakische Angriff auf Teheran mit Scud-Raketen, die auch das Nachbarhaus der Satrapi-Family in Schutt und Asche legen. Kindersoldaten als Kanonenfutter an der Front, denen mit einem goldenen Plastikschlüssel das Paradies versprochen wird, wenn sie im Kampf für ihr Land sterben. Diese Anekdoten erzählen wie viele andere in diesem ausgezeichneten Comic von materieller Not, Propaganda und Krieg inmitten alltäglicher Begebenheiten.

Das Buch hat mich beim zweiten Mal aufs Neue berührt. Ich konnte mehr auf die Details Acht geben. Die Aufbereitung im Stil einer Autobiographie, unterteilt in Kapitel, die eindrücklich das repressiv-autoritäre Regime sowie deren Vollstrecker schildern - die sog. Revolutions-Wächter, die die Symbole westlicher Dekadenz verfolgen: Alkohol, Feste, Pop-Musik, Frauen ohne Schleier etc... die Angst der Eltern um die Zukunft und die Hoffnung, die sie in die Ausbildung ihrer am Ende des Comics 14-jährigen Tochter setzen (sie ging 1984-88 in Wien in die Schule)... wo diese schließlich als Sprachrohr ihres Landes das von zahlreichen Medienberichten verzerrte Bild des Irans und seiner Geschichte in "Persepolis" zurecht rücken kann.

Absolut empfehlenswert.


Mr. Vertigo
Mr. Vertigo
von Paul Auster
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,95

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Walt der Wunderknabe, 17. Oktober 2010
Rezension bezieht sich auf: Mr. Vertigo (Taschenbuch)
Amerika in den Zwanzigern des vergangenen Jahrhunderts, zur Zeit von Babe Ruth und Charles Lindbergh. Der 12-jährige Walter C. Rawley steigt in die Lüfte und verblüfft die Menschen mit seinen Kunststücken. Der Autor beschreibt aber nicht nur die Lebensgeschichte dieses fliegenden Jungen. Er zeigt auch, wie Kino, Radio, Flugzeug, Waschmaschine, Ölvorkommen zur Zeit vor und nach der Wirtschaftskrise das Denken und Handeln der Menschen in den Vereinigten Staaten beeinflussten und wie sie allesamt ihre Wege suchten, auf legale oder krumme Tour Kapital anzuhäufen. Wo also ein kleiner durch die Luft spazierender Junge coram publico auftritt, nachdem ihm sein weiser Meister Yehudi, sein genialer Wahlbruder Äsop und die dicke Mutter Sioux dabei geholfen haben, die nötige Ausdauer, den Mut und das Vertrauen in sich selbst zu entfalten, da kommen sogleich Neid, Entführung, Erpressung, Sensationslust, Rassismus, Denunzierung, kurz: all die allzu-menschlichen Versuchungen, die auf Gier und Angst gegründet sind, zum Vorschein.

Der Ich-Erzähler blickt dabei auf sein Leben zurück und stellt die Geschehnisse mit der Weisheit und dem Humor eines betagten Herrn dar, der sowohl die wilden 20er Jahre als Superstar erlebte als auch den plötzlichen Fall aus dem siebten Himmel und sich (und damit den Lesenden) die Unsinnigkeit des Krieges, die traumatischen Erlebnisse in der Familie, die bittere Rache, den verflossenen Reichtum und die Ruhmsucht, den Aufstieg in der Mafia in Chicago als Jugendlicher, das Leben als Nachtclubbesitzer, die vergebenen Chancen und die Projektionen der eigenen Schuld erneut vor Augen führt.

Das Buch ist voller witziger Analogien und Vergleiche wie dieser: "Sein Mundwerk war eine der tollsten Reklamemaschinen aller Zeiten, und wenn er es einmal richtig in Fahrt kommen ließ, quollen die Träume daraus hervor wie Rauch aus einem Schornstein." (209) oder "Ich hatte so viele Jahre darum gekämpft, am Boden zu bleiben und wie jeder andere zu sein, und jetzt sprudelte das alles wieder hoch wie ein nächtliches Feuerwerk in Technicolor." (306) Von der ersten bis zur letzten Zeile lesenswert, durchaus auch ein zweites Mal!! Wer ein lustiges, flegelhaft geschriebenes Buch lesen will, das zum Nachdenken anregt und einen in einer Stimmung von Demut und Loslassen, einer Gemütsregung zwischen Lachen und Weinen zurücklässt, sollte sich das nicht entgehen lassen. Viel Vergnügen!


Die Weissen denken zuviel: Psychoanalytische Untersuchungen bei den Dogon in Südafrika
Die Weissen denken zuviel: Psychoanalytische Untersuchungen bei den Dogon in Südafrika
von Paul Parin
  Taschenbuch

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Psychoanalyse in Westafrika, 17. Oktober 2010
Die europäische Tradition der Psychoanalyse wird in diesem Buch auf die Dogon, ein Volk in Mali (Westafrika), angewandt. Die Verfasser des gut 600-seitigen ethnologischen Fachbuches gehen dabei von den Erfahrungen aus, die sie im Laufe der sechs Afrika-Expeditionen gemacht haben. Der Titel hatte mich anfangs dazu verleitet, begeistert mit dem Buch zu beginnen. Die Vorstellung der Dogon war ganz interessant, weil ich vervollständigen und verstehen konnte, was das Volk der Dogon betrifft. Kompliment an die beiden Forscher-Ethnologen Parin & Morgenthaler, sie haben gute Feldforschung betrieben und ihrem wissenschaftlichen Fach eine wertvolle Publikation hinzugefügt.

Doch um meine Eindrücke zu schildern: das Prozedere der psychoanalytischen Gespräche ermüdete mich. Und so kam ich zu deren anschließender Einbindung in verschiedene psychoanalytische Begriffskategorien wie Abwehrmechanismen, Ödipuskomplex und Kultureinflüsse nicht mehr. Angesichts der noch vor mir liegenden "Durststrecke" legte ich das Buch nach etwa 300 Seiten weg. Wer weiß, vielleicht wäre es noch sehr spannend und erhellend geworden, und ich hätte noch mehr Wissenswertes erfahren über gesellschaftliche Strukturen, Kinship Studies, Sitten und Bräuche, Tabus und Zwänge... aber in dieser Form erschien mir das zu zeitaufwändig - wenn auch die Dialoge selbst Nähe und Authentizität vermittelten.

Kurz: Es hat mich einfach nicht gefesselt.


Der Mythos Freiheit und der Weg der Meditation
Der Mythos Freiheit und der Weg der Meditation
von John Baker
  Gebundene Ausgabe

8 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Vom Hinayana zum Tantra, 7. Oktober 2010
Sinnlos ist der Weg der 'Selbst-Verbesserung' und endlos die Versuche von außen auferlegter Disziplinierung mit dem Ziel Freiheit. Und ausgesprochen tückisch die Fallen des spirituellen Materialismus. Wir erfahren in diesem Buch, wie durch Ego-Prozesse der Eindruck von Kontinuität entsteht (Aufflackern von Besitzdenken, Aggression, Verwirrung etc.) und wie wir die eigenen Projektionen dazu verwenden, unsere Existenz zu bestätigen. Überhaupt beschreibt Chögyam Trungpa in diesem Buch den Stufen-Weg als einen, der uns loslöst von unserer Bestätigungssucht, unserem Anerkennungswahn, unserem Nicht-All-Ein-Sein können. Deshalb ist Langeweile unabdinglich, so der Autor, Langeweile ist unbedingt notwendig, weil sie das Gegenteil von (Ego-)Bestätigungen darstellt. Wir dürfen nicht leichtfertig sein, und auch Leichtfertigkeit auf keinen Fall mit wahrer Spontaneität verwechseln. Der cosmic joke: das riesige Konstrukt, das sich Ego nennt, wird durch aktive Meditation nach und nach abgetragen, all die Illusionen, Gerüste, Konzepte, Meinungen, Vor-Stellungen werden in einem durchaus schmerzhaften Prozess aufgegeben: 'Ich und mein Hoheitsgebiet' werden durchschaut und losgelassen. Die übernommenen Traditionen und auch die abgelehnten Institutionen der Gesellschaft müssen wir verstehen lernen. Wir müssen die hypnotische Zugkraft der Dogmen verstehen, um mit Vernunft aus ihnen heraustreten zu können.

Das Buch enthält viele von Buddhas Listen, die der Autor im Text sehr gut erläutert: So zum Beispiel die drei Arten von duhkha (hier übersetzt: die drei Formen von Schmerz), die sechs Spielarten von Realität bzw. 'Realitätstunnel' (R.A. Wilson), die fünf skandhas (die das Ego konstituieren), die zehn Paramitas (transzendentale Eigenschaften, die sich allmächlich und behutsam entfalten) und die zehn Bhumis (Stufen/spirituelle Ebenen auf dem Erleuchtungsweg).

Vom Hinayana (mit dem Ziel Arhat) über das Mahayana (mit dem Ziel der Befreiung aller fühlenden Wesen) zum Vajrayana, Yoga (Vereinigung mit den Energieformen des Universums) und Tantra (Kontinuität des Weges), der Autor breitet die Tiefe des tibetischen Buddhismus vor dem westlichen Lesenden aus wie kaum ein anderer. Ich vergebe nur vier Sterne, weil das Buch allzu offensichtlich an Mitglieder der Hetz-Konsumwahn-Kosmetik-Karriere-Wegwerf-Gesellschaft gerichtet ist.

Mich hat der Abschnitt über das 'Löwengebrüll' und negative Negativität besonders beeindruckt (Kap. IV).


Der Baum der Erkenntnis: Die biologischen Wurzeln menschlichen Erkennens
Der Baum der Erkenntnis: Die biologischen Wurzeln menschlichen Erkennens
von Humberto R. Maturana
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,99

17 von 22 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Plädoyer für den Konstruktivismus: Viele Abbildungen, einfach strukturiert, gut erklärt, 5. Oktober 2010
Ein erkenntnistheoretisches Werk. Die Autoren - Vertreter des Konstruktivismus - wissen, wovon sie sprechen. Das erkenne ich daran, dass sie es zustande bringen, komplexe Sachverhalte in einer verständlichen Sprache zu vermitteln. Das Prinzip, das sie von Anfang an begreiflich machen wollen, ist das Prinzip der Wahrnehmung und wie sie die eigene Wirklichkeit konstruiert. Es heißt also, Verantwortung zu übernehmen für das, was wir sinnlich erfahren bzw. für die Art, wie wir es interpretieren. Du bist, was du wahrnimmst. Oder: Wir sehen die Dinge nicht so, wie sie sind, sondern so, wie wir sind. Mit anderen Worten: Wir sehen nicht, dass wir nicht sehen. Wir sind also blind gegenüber unserer eigenen Blindheit. Und das betrifft nicht bloß die Augen, sondern unsere Sprache, und damit unser Denken. Mit allen notwendigen Konsequenzen, die eine getrennte Sicht von Subjekt und Objekt zeitigt. Lasst uns also beginnen, weniger oft das kleine ich ins Spiel zu bringen und zu versuchen, es zu behaupten, wo es doch stets ein Postulat bleiben muss, lasst uns damit fortfahren, vom Werden statt vom Sein eines Zustandes zu sprechen, und lasst uns schließlich abrücken von der Diktatur einer aristotelischen zweiwertigen Logik, die mit all dem, was ihre dualistischen Formalismen transzendiert, nichts Anderes anzufangen weiß als deren Sinnhaftigkeit vehement zu bestreiten oder selbstbezügliche Aussagen bei Argumentationen innerhalb dieser Logik einfach auszuschließen.

Ich las das Buch im Zuge meines Philosophiestudiums und muss sagen, dass es eine wirklich gute Übersicht über die Funktion sich selbst organisierender Systeme (autopoiesis) bietet. Wer sich mit den Themenkomplexen Zirkularität, Teleologie, Systemtheorie, Selbstorganisation, selbstreferentielle Begriffe wie z.B. Zweck, Ziel, Sprache, Erkenntnis, Bewusstsein beschäftigt und mit Logiken zweiter Ordnung, Kybernetik oder Fuzzy Logic... wer also an diesen Themenbereichen interessiert ist, wird mit dem Kauf dieses grundlegenden Werkes eine gute Wahl treffen.

Francisco Varela wie auch Fritjof Capra haben sich übrigens eingehend mit der buddhistischen Psychologie und Philosophie auseinandergesetzt. Bei Humberto Maturana weiß ich es nicht, aber da Francisco und er lange zusammen gearbeitet haben, besteht zweifellos ein wechselseitiger Einfluss an Ideen- und Gedankenwelten.


Die Brüder Karamasow. Roman in vier Teilen und einem Epilog
Die Brüder Karamasow. Roman in vier Teilen und einem Epilog
von Fjodor Dostojewski
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 9,95

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Meisterwerk des russischen Epos, 5. Oktober 2010
In diesem Buch, das über 1000 Seiten dick ist und zumindest vom Namen her sehr bekannt - ich hab mich nicht gleich drübergetraut, erst nach "Schuld und Sühne", nachdem ich darin erkannt hatte, wie tiefgründig dieser Autor komplexe Zusammenhänge aufbereiten kann -, da werden die Leidenschaften, die Entscheidungsprozesse und die Psychologie der Hauptfiguren auf unglaublich intime Weise untersucht und beschrieben. Wenn das Buch auch eine lange Geschichte zu sein scheint, so wirkte es doch auf mich wie eine Komposition vieler Geschichten, die miteinander verflochten werden und auf komplexe Art und Weise Dostojewski Poesie des Pro und Contra veranschaulichen. Und damit nicht genug, es scheint, als ob manche Charaktere sich in ihren Denkmustern und Vorstellungen, in ihren Motiven und Verhaltensweisen einerseits wie Doppelgänger verhalten, andere Charaktere wiederum wie Antagonisten. Das reiche Spektrum menschlicher Emotionen wird kunstvoll aufgezeigt: Zorn, Eifersucht, Liebe, mystische Hingabe, Eitelkeit, Herrschsucht, Stolz, die fieberhafte Suche nach Geld, Erniedrigung und Sehnsucht nach der Transzendierung des Ich sowie der vom eigenen Ich auferlegten geistigen Qualen.

Die Theodizee ist auch ein großes Thema in diesem Buch, sprich die Frage: "Wie kann es einen Gott geben, wenn so viele unschuldige Kinder so schrecklich leiden?" Während ein Sohn an diese Frage mit Verstand herangeht, widmet sich der andere dem mönchischen Leben zu. Es gibt auch Vertreter des Atheismus und des Nihilismus in unterschiedlichen Schattierungen, die in diesem Buch eine entscheidende Rolle spielen. Das ganze Werk bildet im Grunde ein russisches Manifest der Gesellschaftskritik, ein Hohelied an die Familie und die Hoffnung auf Erlösung in der Religion. Wenn ich drüber nachdenke erscheint mir das noch viel zu kurz gefasst, oder zu allgemein. Wie dem auch sei...

...allein das Gleichnis des Großinquisitors, in dem der Repräsentant der katholischen Kirche dem Jesus-Avatar (also einem Fleisch gewordenen Messias) die Leviten liest und im Grunde damit herausrückt, aus "Liebe zur Menschheit" (in Wirklichkeit aber einfach aus imperialer Machtgier und Vertreter der römischen Armee) nicht an Gott zu glauben, und wie Jesus darauf reagiert(!), ist die Lektüre wert. Es geht dabei um Geheimhaltung, um Autorität und Wunder, damit die Massen zu einem "lieben Gottchen" beten und ihm ihre Seele verschreiben. Da Dmitri, ein Karamasow-Sohn dieses Gleichnis erzählt, ein Sohn, der wie Aljoscha und Iwan im Buch eine interessante Entwicklung durchmacht, gewinnt diese Geschichte eine weitere Bedeutung. Es soll hier nicht der Eindruck entstehen, dass sich der Inhalt um religiöse Abhandlungen dreht, aber das ist zweifellos eine der roten Fäden, die das Buch zusammenhalten. Immerhin bildet ein Bibelvers (Johannes 12,24), verstanden im Sinne des Selbstopfers, das Motto des ganzen Romans: "Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und nicht stirbt, so bleibt es allein, stirbt es aber, so bringt es viele Frucht."


Über die Liebe
Über die Liebe
von Helene Weyl
  Gebundene Ausgabe

9 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Einer, der die Frauen und Männer und ihre Beziehung zueinander versteht..., 3. Oktober 2010
Rezension bezieht sich auf: Über die Liebe (Gebundene Ausgabe)
... und uns einiges über Yin und Yang zu erzählen hat, dass es einem/r das Herz (und nicht nur die Augen) zu öffnen vermag. Ich würde den Autor ja gerne zitieren, aber die Auswahl scheint schier unmöglich zu sein. Denn ich müsste eine ganze Seite zitieren, um die grandiose Komposition dieses Werkes nicht willkürlich zu zerreißen. Naja, mal sehn, vielleicht zitiere ich doch den einen oder anderen Satz.

José Ortega y Gasset verstand Philosophie stets als das Fragen nach der menschlichen Existenz schlechthin. In diesen Essays mit den Titeln "Vom Einfluss der Frau auf die Geschichte", "Meditation über den Rahmen", "Gespräch beim Golf oder Über die Idee des Dharma", "Züge der Liebe", "Schweigen, das große Brahman" u.a.m. behandelt er die Liebe wie einer, der weiß, wovon er spricht. Da zeigt er uns, auf welche Weise Verliebtheit als Phänomen der Aufmerksamkeit verstanden werden kann. Der goldene Schimmer, der die geliebte Person zu Beginn umgibt, wird vom Autor ebenso virtuos beschrieben wie sein Ursprung und seine Verbundenheit mit der mystischen Begeisterung. Auch was er das "metaphysische Gefühl" nennt, mit anderen Worten: die Karte, auf die ein Mensch sein Leben setzt (sei es Kunst, politischer Ehrgeiz, sinnliche Lust, Geld...), auch davon handelt dieses wirklich außergewöhnliche Buch.

"So ist die Liebe ihrem eigenen Wesen nach Wahl. Und da sie aus dem Kern der Person, aus der Seelentiefe aufsteigt, sind die Auswahlprinzipien, die über sie entscheiden, zugleich die innersten und geheimsten Wertungen, die unseren individuellen Charakter formen." (S. 177)

Dieses Buch ist für jeden Menschen, der an Philosophie, Psychologie, Theologie, Anthropologie... und am Verhältnis zwischen Liebe und Sexualität und an der unterschiedlichen Wirkung von Instinkt und bewusstem Wählen, schließlich an der Entdeckung des Selbst und der Bedeutung einer "Aussprache" als Zeichen wahrer Freundschaft interessiert ist. Und wer könnte behaupten, daran nicht interessiert zu sein? ... Eben.


Der flexible Mensch: Die Kultur des neuen Kapitalismus
Der flexible Mensch: Die Kultur des neuen Kapitalismus
von Richard Sennett
  Broschiert

4.0 von 5 Sternen Ein wertvoller Beitrag zum gegenwärtigen Diskurs, 3. Oktober 2010
Dieses Buch wird nach meiner Erfahrung als einleitende Lektüre in vielen Seminaren und Workshops empfohlen, in manchen vorausgesetzt. Warum? Weil der Autor darin in relativ zugänglicher Sprache die grundsätzliche Verfasstheit des neuen Individuums, der Ich-AG, eben des flexiblen Menschen beschreibt, einer Erscheinung, wie wir sie heute am Arbeitsmarkt beobachten können, oder besser: beobachten könnten, würden wir nicht selbst von Job zu Job schwirren. Das Verdienst des Autors besteht m.E. darin, jene Entwicklungen, mit denen die Gesellschaft heutzutage zu tun hat, nämlich Arbeitslosigkeit und Jobcenter, Personaldienstleister und McJobs, Driften und Ins-Abseits-Driften etc. bereits vor mehr als 10 Jahren in klarer Sprache beschrieben zu haben.

Im englischen Originaltitel kommt die Essenz der von Sennett behandelten Tendenz noch viel deutlicher zum Ausdruck: The Corrosion of Character. Welche Auswirkungen hat das System des Arbeitsmarktes auf Vorstellungen von Wert, Tugend, Moral, ein System, das den einzelnen Menschen dazu zwingt, entsprechen zu müssen und in ein bestimmtes Schema passen zu müssen? Und nicht nur der tief greifende Wandel, der sich dadurch am Individuum ergibt, sondern auch, was die Gesellschaft als gemeinschaftliches Gefüge angeht: Heutzutage ist das alles aktuelle Realität: Spezialisierung, Profitmaximierung, Rationalisierungsmaßnahmen, Leistungsdruck, Outsourcing, prekäre Lebensverhältnisse, der euphemistisch so genannte "Freie Dienstnehmer"... Wie verändern sich Mensch und Gesellschaft dadurch? Das Buch gleicht einer Bestandsaufnahme und zeigt kaum Wege auf, wie sich mit diesen Entwicklungen am "freien Markt" umgehen ließe. Was es klar zeigt, sind die scheinbar unausweichlichen Folgen: Ellbogentechnik, Konkurrenzdruck, Zeitverknappung, Stresskrankheiten.


Die Tochter des Schmieds: Roman
Die Tochter des Schmieds: Roman
von Selim Özdogan
  Taschenbuch

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Das Leben geht immer irgendwie weiter..., 3. Oktober 2010
Rezension bezieht sich auf: Die Tochter des Schmieds: Roman (Taschenbuch)
Freude UND Schmerz,
die Rose hält beides für uns bereit...

Der Roman besticht vor allem durch seine liebevolle Sprache, durch die sanfte Wortwahl und er enthält so viel an inneren Bildern, an Psychologie, an Familientradition, menschlichem Schicksal und Dorfglauben, dass ich nicht sicher bin, wo ich anfangen soll. Also da ist Gül, die Rose. Sie ist die Tochter des Schmieds Timur. Timur hat eine Frau, sie heißt Fatma und ist schön wie ein Stück vom Mond. Sie sind zufrieden, vertrauen einander, und sie leben glücklich zusammen, wenn auch nicht ohne Probleme mit anderen Händlern, Frauendieben, Neidern usw. Als Fatma krank wird und schließlich stirbt, beginnt ein neuer Abschnitt in Güls Lebensreise. Arzu wird Timurs neue Frau und Mutter von Gül, Melike und Sibel, später auch von Nalan und Emin. Sie lässt Gül vergeblich auf Worte der Anerkennung, des Lobes oder einfach der Mutterliebe warten und ist ständig nur um eines besorgt: was sollen denn die Leute denken? "Das ist es, was Gül am meisten vermisst, die zärtlichen Worte ihrer Mutter, mein kleines Mädchen, mein Schatz, mein Lamm, mein Täubchen, Liebes, Glanz meiner Augen, Freude meiner Seele."

Dann gibt es noch: Zeliha, die Großmutter, die bald erblindet und doch noch vieles mitbekommt, und Fuat, den Gül heiratet, was sie selber nicht ganz versteht, und Onkel Yücel, er stirbt, was Tante Hülya völlig aus der Bahn wirft, obwohl/weil sie seit 2 Jahren keinen Kontakt mehr zu ihm hatte. Und Esra, sie bringt Gül das Nähen bei, und Onkel Abdurahman, der früher mal mit ihr lernte und einmal in flagranti mit einer Schülerin erwischt wird, und Recep, ihr Schulfreund, dem sie schüchtern/ängstlich begegnet, beeinflusst durch ihre traditionsbewusste Umgebung, vielleicht hätte sonst was draus werden können. Sie darf nicht Kindsein, muss immer viel arbeiten, außer bei Timur, ihrem Papa und Fatma, die zu früh Abschied nimmt. Die meisten träumen vom schnellen Reichtum durch Glückslose oder von erworbenem Reichtum, den sie sich im Norden erhoffen: Auto, elektrischer Strom, Heizung, Licht, fließendes Wasser, Wohlstand, den sie in Deutschland erwarten - und deshalb gehen neuerdings alle ins Land der Ungläubigen, sagt Zeliha...

All diese Personen werden so lebensecht dargestellt. Auch der Lauf der Jahreszeiten wird eindrücklich geschildert: "Das Licht wird aufs Neue bis ins Mark ihrer Knochen scheinen... Das Rückgrat der Kälte ist gebrochen, sagen die Leute..." Die unterschiedlichen Lebensstile im Dorf und in der Stadt (Ankara, Istanbul etc.) zeigt der Autor ebenfalls auf phantasievolle und doch realistische Weise. Überhaupt ist das Buch so phantastisch und märchenhaft und doch paradoxerweise so nah am Leben dran! Die Personen im Roman spiegeln so viele verschiedene Arten, mit ihren Gefühlen umzugehen, z.B. Gül, sie leidet still und weint allein, sie kennt den Schmerz nur allzu gut und ihr vertrauen auch viele Menschen ihren Schmerz an. Oder Sibel, sie flieht in ihre eigene Welt und malt Bilder. Melike wiederum kämpft und trotzt und provoziert.

"Wir kommen nicht hierher, um zu leben und zu sterben, wir kommen hierher, um die Sterne anzusehen und uns in der Weite zu verlieren."

Ich musste oft schmunzeln beim Lesen, manchmal auch laut lachen. Am Ende kullerten die Tränen, und ich ließ sie kullern, wie sie wollten. Zugleich lächelte ich, ein ganz eigentümliches Gefühl bemächtigte sich meiner Seele. Das Leben geht immer irgendwie weiter. Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben ;)

"Lächle, Kleines, lächle, sagt der alte Mann mit seinem Dorfdialekt. Eines Tages könnte einer von uns beiden nicht mehr hiersein, um zu lächeln. Wir werden alle von diesem Ort scheiden, also lächle. Die ganze Welt ist eine Fremde, die wir irgendwann verlassen werden."


Der Aufstand der Massen
Der Aufstand der Massen
von José Ortega y Gasset
  Gebundene Ausgabe

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Entwicklung der Gesellschaft aus der Perspektive eines großen Essayisten, 3. Oktober 2010
Rezension bezieht sich auf: Der Aufstand der Massen (Gebundene Ausgabe)
Ortega y Gasset war ein Philosoph, der sich einer außergewöhnlich klaren Sprache bediente. Er war ein Virtuose, was die Darstellung großer Zusammenhänge betrifft. Ich empfehle jedem, seine Essays und seine Bücher zu lesen. Man sieht die Welt danach jedes Mal einfach mit anderen Augen, mit aufgewecktem Geist, man schmeckt und riecht und fühlt sie wieder in volleren, stilleren, harmonischeren Zügen. Die Metapher ist in seiner praktischen Lebensphilosophie nicht wegzudenken. Mit ihr lässt der Autor seine Ideen vor unserem geistigen Auge entstehen, damit sie von uns verstanden und nicht bloß gewusst werden.

Der Autor verwendete das westliche Denken (ab 1936 lebte er in Frankreich und Argentinien im Exil, ab 1943 in Portugal...), um den Anspruch einer lateinamerikanischen Identität gegenüber Europa zu rechtfertigen. Auf diese Weise zwang er schließlich Europa, die eigene problematische Situation zu überdenken:
Die Anonymität (siehe auch H. Marcuses "Der eindimensionale Mensch") des menschlichen Seins und Verhaltens; die vollkommen neuen Existenzbedingungen des Menschen im Industriezeitalter; Marktfundamentalismus (siehe auch Jean Ziegler: "Das Imperium der Schande"); Luxusgewohnheiten und die grundsätzliche Undankbarkeit gegenüber allem, was das eigene reibungslose Dasein ermöglicht hat.

Auch in anderen Büchern hat er betont, dass der entscheidende Faktor in der Geschichte eines Volkes der Durchschnittsmensch ist. Die Analyse des Massenmenschen: Was früher Begrenzung, Verpflichtung, Abhängigkeit war, ist heute Sinnesüberreizung und ungehemmte Ausdehnung egoistischer Lebenswünsche, Gedankenlosigkeit und Verführbarkeit der Massen durch die Medien. Versicherung und Sicherheitsdienste statt innerer Gewissheit. Immerzu das Recht einfordernd, alles zu dürfen und zugleich zu nichts verpflichtet zu sein. Die vollkommene Organisation äußerer Lebensordnungen beeinflusst die Massen dahingehend, diese Bedingungen nicht als Folgen intensiv betriebener Organisation, sondern als Natur - und naturgegebenes Recht - zu betrachten.


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