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Rezensionen verfasst von
KalyanaMitrah (Wien)

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Das Orangenmädchen: Roman
Das Orangenmädchen: Roman
von Jostein Gaarder
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,90

4.0 von 5 Sternen Geburt heißt Tod und Liebe ist alles, 31. Dezember 2010
Rezension bezieht sich auf: Das Orangenmädchen: Roman (Taschenbuch)
Meine Mutter gab meinem Bruder das Buch und bat ihn, es mich auch lesen zu lassen - nicht zuletzt weil unser Papa 1991 gestorben ist. Der Autor, ein waschechter Setz-dich-auf-meinen-Schoß-ich-erzähl-dir-was-Philosoph, plädiert für das Staunen über die kleinen und die großen Dinge der Welt. Entführt uns in den Weltraum. Schreibt mal im Stil des (guten) Schülers Georg Roed, dann wieder im Stil des (guten) Vaters Jan Olav. Georgs Vater ist im Jahr 1990 einer Krankheit zum Opfer gefallen. Er überrascht mit seinem Brief, den er kurz vor seinem Tod verfasste, als Georg gerade mal 3 Jahre alt war, die ganze Sippe, als diese ihn entdeckt - Georg ist inzwischen vierzehn. Zwischendurch bringt Gaarder seine Überlegungen in Form sprachlicher Eigenheiten und deren Wirkungen (z.B. Dual/Zweizahl/"wir zwei") und einiger interessanter Etymologien (z.B. Anorak und Apfelsine) ins Spiel.

Es ist so ein persönliches Dokument, das wir hier lesen, dass der Kloß im Hals auch bei weniger zart Besaiteten spürbar und die ein oder andere Träne vergossen werden könnte. Also Vorsicht! Und viel Mut! Das Orangenmädchen von Gaarder dreht sich nicht bloß um metaphysische Fragen, um Sonne, Sterne, den weiten Weltraum und das Hubble-Teleskop, sondern auch um die Frage, was Zeit ist und ob es eine gute Idee ist, Kinder in die Welt zu setzen. Wer sich auf diese Fragen wirklich einlässt, merkt wie sich Welten auftun und das eigene Dasein als Mensch in eine neue Perspektive gerückt wird. Weil: Mit der Geburt steht fest, dass wir sterben und dass uns alles, was wir hier lieben gelernt haben, entrissen wird. So schlimm das scheint, so wichtig ist diese Einsicht, denn sie führt zu dieser: Wie wertvoll und vergänglich das Leben auf der Erde ist!

"Das Orangenmädchen" ist somit ein Plädoyer für das Leben im gegenwärtigen Augenblick, für die Fülle und Freude der Liebe im "Wir" und für die lebendige Philosophie! Weil ich andere Gaarder-Bücher gelesen habe weiß ich, dass diese Geschichte eine der besonders sanften Art darstellt. Es ist noch nicht so schlimm wie bei Coelho (wenn du eins gelesen hast, hast du alle gelesen...), aber es geht bei Gaarder schon auch in diese Richtung. Irgendwie malt er ständig das gleiche Bild vom Universum und steckt es einfach in eine anderen Rahmen. Daher keine fünf Sterne. Wenn du ins Reich der Phantasie verführt werden willst, dann lies doch bitte Gaarders "Kartengeheimnis". Das ist viel besser, spannender, witziger, aufschlussreicher. Und auch irgendwie leichtfüßiger. Nicht so plump wie dieses Buch.


Kosmos und Psyche: An den Grenzen menschlichen Bewußtseins
Kosmos und Psyche: An den Grenzen menschlichen Bewußtseins
von Stanislav Grof
  Taschenbuch

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Auf Ganzheit ausgerichtet, 29. Dezember 2010
Der Autor - er beschäftigt sich etwa seit Mitte 20. Jh. mit holotropen Bewusstseinszuständen - liefert in diesem Buch einen "übergreifenden Metarahmen für die Phänomene, die die allgemein akzeptierte Wirklichkeit ausmachen." (S. 359) Er beschreibt, wie die moderne Bewusstseinsforschung mithilfe von verschiedenen Erfahrungstherapien, Meditationstechniken, Nahtoderlebnissen und der verantwortungsbewussten Arbeit mit psychedelischen Substanzen Aspekten der Wirklichkeit auf die Spur kommt, die sonst im Dunkeln bleiben. Er zeigt, wie die kosmischen Kräfte gegensätzlich wirken, wie hylotrope und holotrope Zustände, wie Materie und Ganzheit, Vielfalt und Einheit, Profanes und Göttliches beachtet und ihre jeweilige Realität angenommen werden müssen, um das Leben mit Sinn zu erfüllen. Beim Lesen kommen wir in Berührung mit wesentlichen Elementen westlicher & östlicher Lehren/Weisheiten: Freud, Adler und Jung; Alan Watts, Jack Kornfield, Joseph Campbell; Huxley und die philosophia perennis; indische Philosophie und tibetischer Buddhismus; Upanischaden, Sri Aurobindo, Rumi... die Fülle dieser Quellen weist dabei stets auf ein und denselben Punkt. Grof zeigt in vielen Beispielen, wie er selbst und andere Menschen außergewöhnliche Bewusstseinszustände erfahren haben - Schilderungen, die mich tw. zu Tränen rührten (Indianische Peyote-Zeremonie) und die mich tw. ungläubig staunen ließen (Astralreise ins eigene Elternhaus).

"Wenn für unsere grundlegenden Überlebensnotwendigkeiten einmal gesorgt ist, hängt die Qualität unserer Lebenserfahrung viel mehr von unserem Bewusstseinszustand als von äußeren Umständen ab." (S. 280)

Das Buch wendet sich laut abschließendem Kapitel nicht gegen die Wissenschaft, sondern gegen wissenschaftlichen Monismus, d.h. gegen den Versuch der etablierten AkademikerInnen, alles Unerklärliche zu verleugnen sowie alle widersprüchlichen Erkenntnisse aus alternativen Forschungsebenen zu ignorieren, bloß weil sie nicht in das Weltbild der materialistischen Ansichten und Meinungen passen, weil sie nicht quantifizierbar sind; oder sie werden - mit dem Postulat, dass Materie primär und Geist sekundär sei - als Epiphänomene materieller Gegebenheiten interpretiert, während spirituelle Notsituationen ("das Sterben vor dem Sterben" bzw. "die Geburt in die transzendente Dimension") schlichtweg als Psychosen pathologisiert werden. Zugleich stellt Grof neben diesen Postulaten der Fachwissenschaften auch selbst eigene gewagte Spekulationen an über die Beteiligung höherer Intelligenz bei der Schöpfung des Universums. Ich empfehle das Buch dem interessierten Laien und aufgeschlossenen Anthropologinnen, Archäologen, Psychologen, Psychotherapeuten jeglicher Richtung, und natürlich Philosophen und ReligionswissenschaftlerInnen.

Ein Stern weniger als Maximum, weil ich vieles vom Inhalt bereits kannte und mich die Lektüre vom Stil her nicht unbedingt vom Hocker riss. Vielleicht hat ja der Rezensent Recht und Grofs "Topografie des Unbewussten" fegt einen wirklich weg. Ich lass es drauf ankommen :)


Die Eleganz des Igels: Roman
Die Eleganz des Igels: Roman
von Muriel Barbery
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,90

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Poesie der gel(i)ebten Sprache, 26. November 2010
Rezension bezieht sich auf: Die Eleganz des Igels: Roman (Taschenbuch)
Erstmal ein Riesenkompliment an Mme. Gabriela Zehnder! Sie haben als Übersetzerin hier tatsächlich Wunderbares geleistet, finde ich. Bewundernswert!

Zur Wirkung des Inhalts auf mich:

Eine Gegenüberstellung von Hochkultur und organisch-biologischem Schicksal, eine kritische Untersuchung französischer 'haute cuisine' und der japanischen Schlichtheit von Sashimi, die scheinbar unüberbrückbare Kluft zwischen Reich und Arm und deren magische Verbundenheit im zeremoniellen Teetrinken... dies und vieles mehr findet die Leserin/der Leser in diesem außergewöhnlich berührenden Buch. So manch tiefe Einsicht wird leichtfüßig-poetisch vermittelt, z.B. die Reichen haben die Pflicht zum Schönen auch in der Verwendung der menschlichen Sprache und die Armen hassen nicht so sehr die Reichen, sondern die anderen Armen... und was die Betrachtungen betrifft, die die Protagonistin bzgl. Tolstoi, Ozu, Husserl in ihrem stillen Kämmerlein vollzieht, so habe ich bisher keinen vergleichbaren Roman gefunden, der an Sachen Situationskomik, dabei gleichzeitiger Tiefgründigkeit des Sinns heranreicht. Ich genoss die kunstvoll geschwungene Sprache, die Mischung aus Hoch-, Pop- und Bildungskultur verschiedener Kontinente!

Renée verkörpert auf ihre Weise weltliches Wissen und Lebenskunst, die junge Paloma eher östliche Weisheit und Lebenskritik. Keine von beiden singt nur Loblieder auf die Existenz, soviel wird schnell klar. Und doch gibt sich auch keine einer trübseligen Isolation hin, die die Seele auf Dauer auffrisst. Das Buch hat mich jedenfalls dazu veranlasst, ein Go-Spiel zu besorgen und Mangas von Taniguchi zu lesen und Filme von Ozu anzuschauen. Allein von daher war das Buch ein Gewinn.

"Tee und Manga gegen Kaffee und Zeitung: die Eleganz und der Zauber gegen die traurige Aggressivität der Machtspiele der Erwachsenen." (S. 101)

Schade, dass auch dieses Buch ein Ende hat. Ich hätte noch gerne weiter gelesen, soviel Spaß hat es mir gemacht. Habe grad gesehen, es gibt auch einen Film dazu. Ich werde auf ihn verzichten. Das Buch hat mich auf ganz subtile Weise berührt und Bilder in mir wachgerufen. Und es hat mir wieder verdeutlicht, dass jedem Ende auch ein Anfang innewohnt.
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My Ishmael
My Ishmael
von Daniel Quinn
  Taschenbuch
Preis: EUR 13,76

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen So, how long do you dance per day ...?, 14. November 2010
Rezension bezieht sich auf: My Ishmael (Taschenbuch)
Daniel Quinn's sequel is truly inspiring. Throughout the plot, twelve-year-old Julie learns about Takers and Leavers just as Alan did in 'Ishmael'. Even so, the perspectives gained, the stories told and the emotional bond created between the two couldn't be more diverse. I especially like the finish when Julie applies in real-time Taker culture what she has learned.

What's so special about this book? It shows distinctions between what's really utopian (e.g. capitalist system) and what's only unimaginable (e.g. real peace) and find out why the children's revolt in the 60s and 70s failed... also, it gives insight into a different historical approach: how one human race continues to split itself off the past and its future as well by devouring its life source and regarding the planet as nothing but 'my resource'. One can discern a system which worked for people as they actually are and not for people as they should be. A key issue is that people in Taker culture do not know how to live. Ishmael shows Julie, i.e. the author shows the reader, how and why religions, theories, explanations, stories, myths have been developed and altered in order to give meaning to wars, fights, bondages, catastrophes, suffering...

After reading the book you will understand why the Taker culture has its food under lock and key - which in fact changed everything immediately! And secondly, you will understand why people think of themselves as being flawed by nature... and why Takers take themselves to be protectors and peacekeepers and do not accept any other way of living even if it worked for people for about 300,000 years, providing its members with cradle-to-grave security, life-long-support and the certainty to live without fear among one's neighbours.

In the end, it's not at all about starting all over and renouncing, even rejecting and condemning technological advance. It's not about going back to be hunter-gatherers once again, not about 'going back to living in caves' as the cliché goes, but it is simply about finding a way to live that works for all people instead of blindly following Mother Culture's incessant murmurings to maintain the status quo that only works for a few.

Slowly, very slowly... we are waking up. We do. We become aware that we do not have the one right way to live. People's minds are made to be imaginative, creative, inventive. We must work in order to create a system that works for all people as they are instead of nurturing a utopian system that punishes people and would only work if people were better and that encourages narrow-minded self-interest, self-concern and increased productivity.


Ishmael: An Adventure of the Mind and Spirit
Ishmael: An Adventure of the Mind and Spirit
von Daniel Quinn
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,85

5.0 von 5 Sternen Outstanding. Mind-blowing. A maieutic ape teaches man., 11. November 2010
Because how I live changes over time, I chose to read this book a second time. It's about Ishmael and Alan, former a maieutic teacher-gorilla, the latter a forty-two year old, rather disillusioned and cynical man. They talk about how things came to be the way they are nowadays, about what Mother Culture plants in our minds every day so that we continue to think and act in the same way... until the end of the book, when a vision of what humanity could serve to be shows itself, how we could be enjoying life if we adapted another perspective, i.e. a more holistic, realistic, humble one.

Sometimes the plot seemed rather flat though, because the narrator was unwilling to do any thinking on his part and a Socrates-like gorilla can only do as much as Alan allows. I guess that was intended and perhaps necessary to imply that most of us in Alan's situation would not only be flabbergasted but also - just like him - totally unwilling to take in and believe what's coming your way, all these revolutionary ideas and humbling stories and telling metaphors and reinterpretations about Adam and Eve, about Gods and the Tree of Knowledge, about Cain and Abel, about tillers of the soil and Semites. Maybe it was on purpose so that the reader is somehow sucked into the plot and identifies him/herself with Ishmael because it is always more comfortable to identify yourself with a wise animal than with a dumb human, and eventually people are drawn to what's comfortable, aren't we?

I recommend reading the sequel 'My Ishmael'. In my opinion it is better than this first part because it's more of a page-turner, the gorilla talks with a 12-year old girl named Julie who is capable of engaging in real dialogue because she has not yet unlearned how to think for herself, and I just found that the ideas in it spoke to me more intensely. Of course I love this book with all of its shortcomings - but i love 'My Ishmael' even more. The 'shortcomings are part of it because it remains to be a book to be understood and acted upon!

Surely, some misunderstand and overread passages in which the author lets the gorilla say that people might take his words for a romanticised version of 'the Wild', i.e. fall into the trap of recounting the myth of the noble savages. And sure enough, there are those who are prone to blow a raspberry: 'So what. Nothing new. I want something new, something I didn't already know.' And yeah, sure there are pessimists, misanthropists, cynics but did they ever change anything, e.g. their perspective on themselves? If they did, they could establish the connection with their true aspirations anew.

Lest we forget that it is not only about what we've read but what we do with that knowledge. It really is an adventure of the mind and spirit. START the journey NOW wherever you happen to be. The message of the well-structured book after reading it twice as I understand it:

1. Let others live their way if it works for them. Accept and respect their way and learn from them. 2. Never say: My way is the only right way to live, I have got the truth, however advanced or noble it seems to you. 3. Remember you live in a prison where the food is locked away and you are busy doing errands while the prison industry consumes the world's ressources. 4. Stop thinking the world/environment/ressources belongs to you. 5. Start recognizing that you belong to the world/nature/community of life. 6. Find ways or keys to break out of the Taker prison instead of trying to redistribute power and wealth within that very prison. 7. Start by changing your mind and spreading the word in order to develop a new paradigm of human history and future.

For those of you who are interested in the movement this book initiated or helped to perpetuate check the interweb. You will see how many people were and still are touched by this great novel.


I am That: Talks with Sri Nisargadatta Maharaj
I am That: Talks with Sri Nisargadatta Maharaj
von Sri Nisargadatta Maharaj
  Taschenbuch
Preis: EUR 33,66

15 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Awareness is love in action, 2. November 2010
That is a special book of dialogues with Sri Nisargadatta Maharaj. He uses a lot of analogies to convey his teachings. Actually, there is nothing that could be called his teaching except that he tells you to rest on 'I am'. That is all. Let the subject become the object of observation by the witness/knower/purusha sothat over time you see things as they really are. Don't burden yourself with highly evolved philosophical concepts, please, don't bother to become anything or to achieve anything in life. Just trust and be.

So what's this self-realization or self-liberation all about? Liberated from what? From the idea of being a person, from the identification with the body, from what is false, dependent, transient, from what causes suffering, from memories, past and future, from self-concern, from ego-clinging. What remains if you do so? Being - awareness - bliss (sat-chit-ananda). Be free here and now to live the World as Self as World as Me as I as World. Sounds simple enough to understand intellectually (I think), but not at all easy to do. Again, there is nothing to do. Just remember: 'I am' and it's gonna be alright.

"Be aware of being conscious and seek the source of consciousness. That is all." (p. 313) And be earnest. Watch your urges and motives. Either trust in your Guru wholeheartedly, that's what Sri Nisargadatta Maharaj did, or turn inwards and investigate, attending to your inner Guru (sadguru). Anyway, very little can be conveyed in words, it's impossible to put truth into words. And yet, it's possible to fill more than 500 pages with dialogue with seekers from all over the world questioning themselves, the Guru and the World (which they mis-take to be three different things).

So should I recommend it and advise you to get that book into your hands? Well it depends. According to S. N. Maharaj, spiritual books 'help in dispelling ignorance. They are useful in the beginning, but become a hindrance in the end. One must know when to discard them.' (p. 360) So you better think about where you stand before acquiring something you might not need in the end. Of course, you could pass it on to some friend of yours, but then again, how do you know where sHe stands? You never know. Be content with not knowing.


Das Paradies ist anderswo: Roman (suhrkamp taschenbuch)
Das Paradies ist anderswo: Roman (suhrkamp taschenbuch)
von Mario Vargas Llosa
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,00

9 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Als ob er mit ihnen sprechen würde... ein Politik-/Kunst-Werk über Madame Tristan und Monsieur Gauguin, 2. November 2010
Der Autor stellt mit seinem beeindruckenden Einfühlungsvermögen und einem Maß an Reflexion, das mich an Octavio Paz erinnert, die Geschichte der zwei miteinander verwandten Protagonisten teilweise in Form eines Zwiegesprächs dar. Er zeigt dir nicht nur, welche Erfahrungen Flora Tristan a.k.a Madame-la-Colère (1803-44) und Paul Gauguin a.k.a Koke (1848-1903) machen, sondern lässt die beiden auch jeweils zu sich selbst sprechen bzw. er spricht mit ihnen in Dialogform, um ihre Beweggründe, ihre Gefühle, Wünsche und (mangelnde) Reue zu zeigen. Er vermittelt dir als Leser den Eindruck, dass er sich wirklich in die Personen hinein versetzt hat, um deren tiefsten Seelenregungen auf die Spur zu kommen. Ein echtes Erlebnis!

Worum geht es? Gauguins Großmutter kämpft wie eine Löwin für Gerechtigkeit, Bildung, Frauenrechte, Solidarität, Freiheit und den Zusammenschluss von Arbeitern und Frauen im Kampf gegen Ausbeutung, Habgier und Unrecht, bis ihr Körper vor Erschöpfung schließlich zusammenbricht. Ihre persönlichen Erfahrungen drängen sie dazu durch Frankreich zu reisen und Arbeiterorganisationen zu formieren, um die Gesellschaft als Ganze zu reformieren. Sie vergrämt dabei alle, die nicht für sie sind, insbesondere Politiker und Kirchenangehörige. Wir erfahren dabei viel über die Pläne und Persönlichkeit von Saint-Simon und Fourier, von Cabet, Owen, Proudhon und Marx. So viel wir über sie erfahren, wir verstehen durch die Art der Beschreibung auch immer etwas besser den Charakter von Madame-la-Colère.

Zugleich wird im Buch die Scheinheiligkeit und Amoralität der Zivilisation durch Paul Gauguins Lebensstil als Ausreißer, Wilder, Primitiver unter den Einwohnern Tahitis geschildert und wir erfahren viel von Van Gogh, Manet, Degas usw. In seinen ausdrucksstarken Bildern stellt Gauguin der trüben (europäischen) Zivilisation die lustbetonte, freie und ursprüngliche Lebensweise in Polynesien entgegen. Dabei stets im Zweifel, ob es das unberührte Paradies überhaupt noch gibt, dann wieder ganz sicher, dass es in seiner Nähe noch Orte gibt, wo Menschenfleisch gegessen wird. Immer auf der Suche, genau wie Flora Tristan. Anders zwar, aber auch gleich. Same same, but different... beide kommen niemals an, erst zum Zeitpunkt ihres Todes, und vielleicht nicht mal dann. Denn beide sind auf ihre eigene Weise immer noch ziemlich hungrig. Der Körper spielt halt nicht mehr mit.

Wir bekommen einen guten Einblick in die Ära des 19. Jahrhunderts, in die Denkart der Bohemiens und der Arbeiter. Beide kämpfen gegen etablierte Institutionen an: Priester, Staat, Kirche, die den Status Quo und damit ihre Machtbefugnisse erhalten wollen. In jedem Fall: Dieses Buch werde ich so schnell nicht vergessen: So muss Geschichte sein! Nachvollziehbar, lebensnah, einprägsam, anschaulich. Ein Stern weniger jedoch, weil es m.E. durchaus auch seine Längen hat, vor allem bei den Kapiteln über Frau Tristan.


Shantaram
Shantaram
von Gregory David Roberts
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,95

1 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Seht her wie gut ich bin, seht her wie schlecht ich war, 28. Oktober 2010
Rezension bezieht sich auf: Shantaram (Taschenbuch)
Vom Stil her ein wirklich fesselndes Buch. Fesselnd muss es auch sein, denn wie hätte ich sonst diese mehr 1000 Seiten umfassende autobiografische Darstellung gefressen? Inhaltlich eher mittelmäßig, muss ich nun im Nachhinein sagen.

Wollte Mr. Roberts seine eigene Selbstdarstellung, die zuweilen in Selbstbeweihräucherung ausartet, in einen süffigen Schmöker packen? Wollte er das Erlebte in Worte fassen, um es so besser, weil distanzierter, betrachten zu können, im Sinne einer bewussten Aufarbeitung des Geschehenen? Wollte er Indien aus seiner Sicht zeigen, so wie er es erlebt, gefühlt erlitten hat? Die Selbstdarstellung ist ihm wohl gelungen, das mit der Aufarbeitung vielleicht auch, die Darstellung Indiens, naja, da gibt es Besseres, wie auch andere RezensentInnen bemerkt haben. Aber klar, ein Mensch, der so von sich selbst eingenommen ist, hat (das) auch (durch) seine eigene Art der Wahrnehmung.

Ich finde, dass das Buch nie und nimmer 5 Sterne verdient hat: "I love it" kann ich echt nicht behaupten, denn das sind für mich solch außergewöhnliche Bücher, die ich immer und immer wieder in die Hand nehme, weil sie mich begeistern, berühren, inspirieren, verzaubern, zum Lachen und zum Weinen bringen... Shantaram würde dann in dieselbe Kategorie von Benotung fallen mit Büchern, die dieses weit in den Schatten stellen. Und warum nehme ich gerade dieses Buch nicht wieder zur Hand, ja warum? Weil zum Zeitpunkt, als ich das Buch zuklappen ließ, der Gedanke auftauchte - blitzartig - So f.. what?! Es veränderte nichts, hat mir kaum was vermittelt, außer dass da jemand viel gelitten und davon berichtet hat, dass da einer viel mit Feinden gerauft und verbrochen und sich dann letztlich irgendwie den eigenen inneren Feind-Macher eingestanden hat. Oh ja doch, eine tiefe Einsicht, die auch das Oberhaupt der tibetischen Gelugpas betont: Du hast immer die Wahl, deinen Feinden zu verzeihen oder sie zu verurteilen. Und bis der Autor entdeckt, dass er die ganze Zeit sein eigener größter Feind war, der im Lauf der Geschichte lernen muss, sich selbst zu vergeben, spult er Hunderte von Seiten ab, präsentiert den knallharten Helden-Macho (Maske) und den Samthandschuh-Gigolo (Herz), die abwechselnd dieser Einsicht hinterherrennen. Mr. Roberts versucht, glaube ich, mit seinen Erlebnissen den Weg zu dieser Erkenntnis aufzuweisen. 4 Sterne wären, denke ich angemessen, nicht zuletzt wegen der schonungslosen Offenheit des Von-Innen-nach-außen-Wendens-von-Seelenregungen, aber dann erinnere ich mich an die zwei Durststrecken, durch die ich mich schleppen musste, bevor mich der Stoff wieder packte, aus dem das Buch und dessen Autor geschnitzt sind. 3 Sternchen stehen für: "It's OK." und das trifft es für mich am Besten. Alles andere wäre aufgrund oben genannter Gründe unangemessen. Es wäre aus meiner Sicht genauso falsch zu behaupten: "I don't like it." (2 Sterne)

Ich hoffe, das ist einigermaßen nützlich und hilft dem einen oder der anderen bei der Entscheidung für oder wider das Buch. Bei einem so dicken Wälzer wohl nötig, denn zumindest ich denke mir fast immer, wenn's mich am Anfang noch nicht gleich in den Bann zieht: Naja, vielleicht kommt ja das Beste erst. Und in dieser Hinsicht wird man mit einem rasanten Action-Film belohnt, der sich auf der Großleinwand der Hirnrinde abspult... es stimmt schon was man/frau sagt: Gedanken sind Abenteuer im Kopf.


The Blood Jaguar
The Blood Jaguar
von Michael H. Payne
  Gebundene Ausgabe

5.0 von 5 Sternen Exciting story, great plot, fabulous style, a unique animal adventure story, 27. Oktober 2010
Rezension bezieht sich auf: The Blood Jaguar (Gebundene Ausgabe)
This is really a fantastic book - I read it twice and it was intriguing, full of creativity, inventiveness, philosophy, phantasy... a really fun-and-easy-to-read pageturner to say the least. It's about Bobcat, Skink and Fisher who embark on a journey to save the world from a recurring Plage Year enacted by the Blood Jaguar. Throughout their big adventure they've got to deal with wise caliphs, mighty kings, mystical happenings and spiritual beings, i.e. Curial Lords and Ladies. It's a story about the development of love and friendship and about coming home in its widest sense.

The story has a lot to teach about how to approach myths and traditions, about superstition, faith, martyrdom. Bobcat, the (anti-)hero of that novel, shows what humility really means in the end, doesn't he? The power of questioning authority, questioning fixed views, and the power of humbly putting the big'n'simple questions that really matter into words especially when it seems to be most dangerous to do so is what I call courage. All of this comes to mind when thoughts of 'Blood Jaguar' arise. An adventure so clearly showing what it means to be fully alive and what stands in the way to be so... to be confronted with one's own insecurities and to be unable to blend out the suffering due to that inner fear because one is so determined to project the source of fear on outward enemies... and then to confront that 'enemy' of yours and learn to take their vantage point for a change. Also what is shown to me is this: what can happen if lots of people get confused and take coincidences/correlations to be consequential/causally connected events?! So much is done or being kept undone or neglected or denied because people take to be the cause when it's only accential and vice versa or because people blindly believe in what others tell them and proclaiming it to be fact after having established a group strong enough to persuade the 'non-believers'.

I do hope that reading that story about myth and reality of the situation the Blood Jaguar will be of great value for everybody. Anyways.. feels good to know that the tears I shed yesterday because of that lovely story have become rain and that I might even be able to approach death in a different way after all.


Die Moral in der prozessualen Logik der Moderne: Warum wir sollen, was wir sollen
Die Moral in der prozessualen Logik der Moderne: Warum wir sollen, was wir sollen
von Günter Dux
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 35,00

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Transzendentale Logik VS. Prozessuale Logik, 20. Oktober 2010
Das Buch ist ganz gut geschrieben, mit viel Sachkenntnis, gewiss. Doch es erscheint mir etwas langatmig. Wenn der Autor von der anthropologischen Verfasstheit der Moral schreibt, so meint er damit, dass die Moral sich in soziokulturellen Organisationsformen erst phylogenetisch und ontogenetisch zu entwickeln vermag und das Interesse am Anderen als bedeutsamen Andren als Bedingung der Entwicklung hat. Ist dieses Interesse erstmal entwickelt, lässt es sich einüben und praktizieren, d.h. vermittels intentionaler Handlungen realisieren.

Es stellt sich während der Lektüre also die Frage, worin wir uns bewegen (Realität) und wohin wir uns bewegen wollen (Idealität/Utopie). Um diese Fragestellungen zu präzisieren und zu erörtern, bieten sich - auf der einen Seite die historisch-genetische Rekonstruktion (z.B. Dux) - als Beitrag zum Verständnis des Zustandekommens der derzeigen amoralischen Strukturen der Marktgesellschaft - auf der anderen Seite die philosophisch-normative Projektion (z.B. Kant) - als Zielorientierung für das subjektive Verständnis des Zuhandelns in ebendieser Form der materialistisch strukturierten Gesellschaft, an.

Insofern nun ein Verfechter einer bestimmten Logik die andere zu ersetzen oder zu verwerfen sucht, um dem Leser zum "wahren" Verständnis der historisch gewordenen Realität zu verhelfen, ist ebendiese Logik - wenn nicht vom Inhalt, so doch vom Anspruch her - eine absolutistische, möge sie sich auch als prozessuale bezeichnen. Weil der Autor beabsichtigte, die beiden Begründungsstrukturen einander gegenüberzustellen (Omnia est evertenda), füge ich hinzu: Es scheint ein schwieriges Unterfangen zu sein, der transzendentallogischen Begründungsstruktur der Moral bar jeglicher empirischer Beimengung eine prozesslogische Begründungsstruktur bar jeglicher geistigen Grundlage bzw. Veranlagung entgegen zu setzen, und sei es nur, um der empirischen Methode wieder größere Zugkraft und Glaubwürdigkeit zu verleihen, indem sie von den in den meisten Diskursen über Moral immer noch herrschenden Absolutheitsansprüchen und Letztbegründungen des Logizismus (Kant, Hegel; Habermas, Apel) so deutlich wie nur irgend möglich abgegrenzt wird.

Das Buch ist in einem ähnlichen Stil wie diese Rezension gehalten. Wem dieser Stil zusagt, greife zu; wem er mißfällt, lasse die Finger davon.


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