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Rezensionen verfasst von
KalyanaMitrah (Wien)

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Das Handwerk der Freiheit: Über die Entdeckung des eigenen  Willens
Das Handwerk der Freiheit: Über die Entdeckung des eigenen Willens
von Peter Bieri
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,90

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Aus der Vogelperspektive: Freiheit als Kreation menschlichen Willens, 3. Oktober 2010
Das Handwerk der Freiheit ist jedem einzelnen Menschen aufgegeben. Es liegt an jedem, es zu verwirklichen. Wie viel ist schon geschrieben worden über die Freiheit?! Wie viele namhafte Persönlichkeiten haben sich schon mit diesem Thema auseinandergesetzt? Wie viele Philosophen sind bei der Idee von Freiheit stehen geblieben, ohne damit relevante Aspekte des konkreten menschlichen Umgangs anzusprechen?

Peter Bieri, dachte ich mir, legt einen weiteren Versuch vor, um sich diesem Thema auf diese Weise anzunähern. Weit gefehlt! Nimmt er den Lesenden anfangs noch mit auf eine Entdeckungstour in das Reich von Konstrukten und Konzepten, wird schon bald klar, dass allein der Schreibstil einem An-der-Hand-nehmen entspricht. Der Autor vermeidet ganz bewusst Fußnoten, Zitate, Literaturhinweise. Er schreibt flüssig, das Buch ist wirklich gut lesbar, die Gedankengänge des Autors werden klar und pointiert formuliert. Dementsprechend liest es sich dann auch: es regt an zum Selbstdenken und zu eigenen Schlussfolgerungen. Kaum ist da ein Zweifel, kaum schleicht sich eine Unsicherheit in den Lesefluss, wird sie auch schon im nächsten oder übernächsten Absatz angesprochen und untersucht. Das war für mich in diesem Buch öfters der Fall, und jedes Mal ein Vergnügen. Auch die zahlreichen Beispiele, an denen er seine Überlegungen veranschaulicht, die Anlehnungen an Dostojewskis Romane, und schließlich auch die Verweise auf andere Denker, die sich mit dem Thema Freiheit beschäftigten, werden ganz mühelos in den Lesefluss eingebunden und verkommen niemals zu bloßer Rezeption ebendieser großen Geister.

Was ist mir durch das Buch vor allem klar geworden?
1. Es gibt die totale/unbedingte/bedingungslose Freiheit überhaupt nicht, sie ist ein (Alp)Traum. Sollte es sie geben, dann gleicht sie einer willkürlichen Nicht-Haltung, die ein konkretes, entschiedenes Handeln verunmöglicht.
2. Die Verbindung von Freiheit und Bedingtheit impliziert keinen Widerspruch. Innerhalb einer im menschlichen Dasein begründeten Determiniertheit liegt es stets an uns zu entscheiden, was wir wählen.
3. Ich muss mich nicht nur entscheiden, was ich wähle, sondern auch, ob ich ein Leben in Freiheit wähle - und meine Begrenztheit/Bedingtheit annehme.


Also sprach GOLEM (suhrkamp taschenbuch)
Also sprach GOLEM (suhrkamp taschenbuch)
von Stanislaw Lem
  Taschenbuch

5.0 von 5 Sternen Golem sprach, es werde Licht, 30. September 2010
Da räumt ein Supercomputer im Jahr 2027 mit einigen liebgewonnenen Vorstellungen menschlicher Wissenschaftler auf, dass es nur so kracht. Für ihn, die Maschine, die technologisch perfektionierte Vernunft, ist die Abstraktion das Ursprüngliche, wo es für den Menschen das Sinnliche ist. Der Autor lässt Golem sprechen: apodiktisch, sachlich, von oben herab. Der Stil ist durchaus beabsichtigt, immerhin spricht er mit einer Forschungsriege von Chemikern, Biologen, Physikern etc. Diese Vorlesung Golems ist seine letzte, bevor er sich abschaltet, um ins Maschinen-Nirvana einzugehen, in eine Dimension einzutauchen, in der die Vernunft sich selbst transzendiert. Bevor er also aus freien Stücken von uns geht, gibt er uns noch mit, was er über Tradition, Geschichte, Evolution und Vernunft zu sagen hat. An einigen Stellen erinnerte er mich an Richard Dawkins 'Das egoistische Gen'. Gleichnisse und Metaphern gebraucht er, weil der Mensch sie braucht, nicht er. Was mir auffiel und auch gefiel, war die Tatsache, dass Golem die Selbstverherrlichung des homo sapiens in Frage stellt, ohne sich darüber lustig zu machen; er weiß, dass sie schlicht und ergreifend 'jämmerlicher Unwissenheit' entspringt. Er beschreibt die technologische Entwicklung des Menschen und dessen evolutionäre Zufälligkeit/Notwendigkeit und er klärt darüber auf, was des Menschen Aufgabe als Träger des genetischen Codes im Kosmos ist... oder sein könnte.

Fazit: Absolut lesenswert!


Das Labyrinth der Einsamkeit: Essay (suhrkamp taschenbuch)
Das Labyrinth der Einsamkeit: Essay (suhrkamp taschenbuch)
von Octavio Paz
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,50

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Der Konflikt im eigenen Land, in der eigenen Haut, 29. September 2010
Der Autor beschreibt drei Erfahrungen seiner Kindheit, die in ihm eine Lücke (un hueco) hinterließen, eine Lücke, die ihn auf seiner lebenslange Suche nach Liebe, Gemeinschaft, Beziehung nie wieder loslassen wird. Er hat sowohl die politische Lage im Blickfeld als auch die gesellschaftlichen Veränderungen und ganz persönlichen Schwierigkeiten, die damit einhergehen. Er erfährt Ausgrenzung am eigenen Leib und stellt sich schon als Junge die Frage "Woher bin ich?" Das gemeinsame Merkmal der drei Erfahrungen ist das Gefühl der Trennung (separación). Octavio Paz erzählt dabei chronologisch, was nicht nur eine gewisse historische Ordnung mit sich bringt. Seine eigene "naturaleza", d.h. seine Eigenart, sein Wesen, ist historisch bedingt, geschichtliches Gewordensein. Daher kann nur die aufrichtige Beschäftigung mit der Geschichte über die eigene Situation aufklären.

Was als intime Meditation beginnt, entwickelt sich im Laufe des Buches zur Reflexion über die mexikanische Geschichte seit dessen Entstehung, die zwei Aspekte hat: Conquista (Symbol: Schwert) und Evangelisation (Symbol: Kreuz). Die Invasion durch die USA im Jahr 1847 und die Ideologie der Modernisierung im Sinne Nordamerikas führten zu Selbstverleugnung und Identitätssuche. Diese innere Zerrissenheit spiegelt sich im Hang zu alten Bräuchen einerseits und in deren Verachtung andererseits, es spiegelt sich auch in den Bürger-Kriegen (1937 nahm Paz auf republikanischer Seite teil und war damit zum ersten Mal in Spanien, für ihn ein Wieder-Entdecken - ein gegenseitiges reconocimiento) sowie in der alltäglichen Dialektik der Einsamkeit. Dieser wechselnde Rhythmus von Einsamkeit/Zusammenkunft, Isolation/Kommunion, ist Paz zufolge auf alle Menschen anwendbar, demnach ein fenómeno universal und findet sich auf Mexiko angewandt in der Idee von Revolución y Reconciliación wieder. "Das Labyrinth der Einsamkeit" ist eine leidenschaftliche Absage an Kapitalismus und Totalitarismus, die beiden Formen der so genannten modernen Gesellschaft.

Seit der Veröffentlichung dieses Werkes war dem Autor Philosophie stets ein praktisches (gesellschaftspolitisches) Anliegen: Der Themenkomplex Universalität-Moderne-Demokratie und ihr untrennbares Verwoben-werden tauchen immer wieder auf. Das Buch wurde 1950 geschrieben, und doch bietet Octavio Paz in ihm wertvolle Einsichten, indem er dazu aufruft, Geschichte als Prozess, als subjektives Auf-der-Suche-sein und somit als (oft unbewusste) Bewegung aufzufassen - Bewegung wohin? Er plädiert dafür, über den genuin mexikanischen Argwohn, die mexikanische Unsicherheit nachzudenken. Und er zeigt auf, dass die Versöhnung mit der eigenen Vergangenheit un dem eigenen Leid Bedingung für die Aussöhnung mit den feindlichen und zugleich bewunderten Nachbarn im Norden darstellt. Wir können wahrhaft viel von diesem Autor lernen - über uns und unser Land, egal ob wir Mexiko unsere Heimat nennen oder nicht. Die eigene Seele schließlich ist jedes Menschen Heimat.


Tibetische Weisheiten
Tibetische Weisheiten
von Jean-Paul Bourre
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,90

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eine wahre Quelle der Einsicht..., 29. September 2010
Rezension bezieht sich auf: Tibetische Weisheiten (Taschenbuch)
Ich erinnere mich, das Buch gesehen zu haben bei einer Veranstaltung und gleich zwei Exemplare davon gekauft zu haben. Eines habe ich 5 Minuten später an eine Freundin verschenkt. Das andere liegt bei mir zuhause und erfreut mich immer wieder. Ich las jeden Tag einen der 500 Aphorismen und tauchte in die Bedeutung ein. Die vom Autor behandelten Themen reichen von Erfolg, Glück, Freundschaft über Liebe, Kindlichkeit, Meditation bis hin zu Selbstvertrauen, Mut und Furcht, Krankheit und Tod, Annehmen, Träumen...

Heute dient mir das Buch wirklich als poetische Version eines freundlichen Begleiters, der mich von Zeit zu Zeit an das Wesentliche im Leben erinnert.


Komm, ich erzähl dir eine Geschichte: (Fischer Taschenbibliothek)
Komm, ich erzähl dir eine Geschichte: (Fischer Taschenbibliothek)
von Jorge Bucay
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,00

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Psychoanalyse, Zen-Weisheit, Legenden - märchenhaft präsentiert, 29. September 2010
Der Autor lädt uns in diesem kleinen Büchlein auf eine Reise ein und lässt mit jedem tiefgründigen Gleichnis, mit jeder witzigen Kurzgeschichte (jeweils einige Seiten) aufhorchen, lachen, schmunzeln, nachdenken. Viele Situationen kommen uns bekannt vor. Viele Reaktionen und Verhaltensmuster des Protagonisten Demian ebenfalls. Demian, ein junger Mann, der im Gespräch mit Jorge (genannt der "Dicke") zu sich selbst findet und lernt, sein Leben in die Hand zu nehmen, Verantwortung für die eigenen Taten zu übernehmen, Risiken einzugehen, zufrieden zu sein mit dem was er hat, um den "Kreis der neunundneunzig" zu vermeiden...ein ganz wunderbares Büchlein, 5* gar keine Frage. In meinen Augen optimal als Lektüre vor dem Zu-Bett-gehen, aber sonst auch!


Die Unfähigkeit zu trauern: Grundlagen kollektiven Verhaltens
Die Unfähigkeit zu trauern: Grundlagen kollektiven Verhaltens
von Alexander Mitscherlich
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,99

30 von 31 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Psychoanalyse... Unfähig zu trauern, und damit verbunden..., 26. September 2010
... eine deutsche Art zu lieben. So lautet der erste Teil dieses Buches. Warum gebe ich fünf Sterne?

1. weil mir das Buch inhaltlich äußerst wertvoll erscheint. Es trägt zum Verständnis des menschlichen Verhaltens bei, indem es auf psychoanalytische Weise untersucht, wie wir Unangenehmes und Unverstandenes leugnen, bekämpfen und unterdrücken und wie das alles Ressentiments schafft, die sich kraft der Identifikation mit einer Führer-Gott-Vater-Figur und durch aggressive Projektion auf Feindbilder ("Sündenböcke") im Außen entladen. Dadurch verschwindet vorübergehend Aggression aus dem Binnenraum - Beispiel Nazizeit, wo die Entmenschlichung der Opfer ungeahnte Ausmaße annahm, um mithilfe einer Rationalisierungsstrategie namens "Moral" das Gewissen aus dem Spiel zu lassen.

"Unter dem Diktat der Verleugnung ist der Kommunismus nichts als eine Irrlehre für uns geblieben wie einst der Mohammedanismus oder der Protestantismus; uns als Rechtgläubige braucht das nicht zu interessieren, es genügt, wenn wir verabscheuen." (S. 70)

2. weil der Stil nicht anklagend (wenn auch durchaus nicht optimistisch!) wirkt, sondern im Gegenteil Mut macht, den eigenen Scharfsinn zu kultivieren und Toleranz zu üben, indem der Kreis von Triebbedürfnis-Reflexion-Mitgefühl zustande kommt. Und weil wesentliche Begriffe wie Kultureignung, kritisches Ich, Sozialisation, Identifikation mit dem Aggressor, das Zusammenspiel von Affekt-Verstand-Wille-Handlung etc. unter anderem auch mit Anleihen an Freud (Zeitgemäßes über Krieg und Tod) und Nietzsche (Menschliches, Allzumenschliches), auch Le Bon (Psychologie der Massen) gut erläutert werden.

"Es geht nicht um Anklage, sondern um Einsicht; diese nämlich, dass hohe Fachbildung, langes Studium etwa, nicht davor schützten, den Erlebnisverzerrungen bis hin zur wahnhaften Wirklichkeitsentstellung zu verfallen. Das Entscheidende bleibt für jede Einzelperson, wie Ich-fremd, wie unzugänglich für kritische Selbstbeobachtung während der Sozialanpassung die eigenen unterdrückten Triebanteile geblieben sind." (S. 273)

3. weil für mich persönlich einige Lektionen dabei waren, die ich nicht nur großartig formuliert fand, sondern auch wirklich gut durchdacht. Und weil vieles, was die beiden Autoren hier schreiben, auch heute noch gültig ist.

"Je weniger Toleranzerfahrung, desto weniger Wissen um die Wirklichkeit, desto mehr Wirklichkeitsvermeidung auch durch Idealisierung..." (S. 274)
Kommentar Kommentare (3) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jul 12, 2011 11:16 AM MEST


Die drei Stigmata des Palmer Eldritch
Die drei Stigmata des Palmer Eldritch
von Philip K. Dick
  Gebundene Ausgabe

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Hoher Suchtfaktor!, 26. September 2010
Zum zweiten Mal gelesen. Und wieder hat es mich ordentlich durchgerüttelt! Ich brauchte beim ersten Mal Lesen kaum 3 Tage, und beim zweiten Mal war ich wieder in einigen Tagen mit dem Buch fertig... wieder haben sich neue Einsichten eröffnet, wieder habe ich neue Details entdeckt, wieder habe ich es auf eine neue Weise verstanden und verarbeitet. Die Lektüre ist kaum mit etwas zu vergleichen, was ich bisher gelesen habe, vielleicht noch am ehesten mit Lems "Der futurologische Kongress".

Paul Williams schrieb im 'RollingStones'-Magazin 1975: "Wenn Sie beim Kragen gepackt und ordentlich durchgeschüttelt werden möchten, lesen sie Die drei Stigmata des Palmer Eldritch". Er trifft damit den Nagel auf den Kopf. Philip K. Dick hat dieses Buch kraft seiner Intuition geschrieben, bevor er mit LSD Erfahrungen gemacht hatte. Er schrieb es innerhalb von einigen Monaten während einer schweren Glaubenskrise, ließ das Unterbewusstsein an die Oberfläche und hielt laut eigener Aussage schlicht und einfach fest, was die Figuren gerade fühlen... was sie sagen... und was sie tun oder unterlassen. Noch einmal Williams, der das Nachwort 1979 verfasste: "Über außergewöhnliche Romane zu schreiben, macht zwar Spaß, aber das ist nichts im Vergleich dazu, was man beim Lesen des Buches erlebt. Denn mit der Literaturkritik verhält es sich wie mit zwei Liebenden, die einander fragen, ob sie gekommen sind, und danach lang und breit darüber diskutieren." In diesem Sinne, lest das Buch, Leute. Lest das Buch.

Der Autor lässt die Figuren ihre eigenen Entwicklungen durchmachen und ich als Leser fühle mich in den Bann gezogen durch die geschilderten Erlebnisse. Es ist so ein Buch, wo ich 100 Seiten lese und dann denke, he wie ist das jetzt passiert? Zeiträume verschmelzen, der Geschmack des ewigen Jetzt. Halluzination (Can-D) oder Reinkarnation (Chew-Z)? Illusion oder Realität? Was ist die Bedeutung von Flucht im Kopf/in der materiellen Welt? Was bedeutet Tod, wenn der Körper als sterbliche Hülle abgestreift wurde? Was heißt Leben, wenn nicht wählen, entscheiden? Was ist der tiefe Sinn einer jeden Religion? Was passiert mit Menschen, denen die natürliche Evolution zu langsam ist und die die Möglichkeit nutzen, mittels E-Therapie ihr Gehirn bzw. die Stirnlappen zu evolvieren? Was bedeutet Transsubstantiation im Zusammenhang mit Geist/Materie bzw. Bewusstsein/Körper? Was ist gut, was böse und wovon hängt das ab? Menschliche Beziehungen, Gruppendynamik, das Leben mit anderen und durch andere, Schuld und Sühne, Angst, Reue, Buße, Gewissen, Empathie, interplanetare Expansion, indische Philosophie, die ewige Flucht vor dem Tod, der Selbsterhaltungstrieb jedes noch so kleinen Organismus - sei es Mensch oder Flechte - All das und noch mehr erwartet dich in diesem Buch. Bist du bereit?

Zum Inhalt: hhmmm.. spannend, spannend, spannend!


Der Aufgang des Abendlandes: Eine Rekonstruktion Europas
Der Aufgang des Abendlandes: Eine Rekonstruktion Europas
von Konrad P Liessmann
  Gebundene Ausgabe

4.0 von 5 Sternen Analyse der europäischen Idee, 26. September 2010
Einerseits dreht sich das kleine Büchlein des Berufs-Philosophen Dr. Liessmann um die Frage, was genuin europäisch ist, andererseits um die Frage nach der politischen Einheit Europas. Das Ziel oder besser die Ziele dieser Einheit: gesamteuropäischer Friede und Machtstreben. Die Paradoxien einer Idee Europas, die sich dem nachdenklichen Menschen offenbaren, betreffen den starken Drang nach Individualismus hier und die europäische Erfindung des sich nach Abgrenzung strebenden Nationalstaats dort... die Vielheit der nationalen Identitätssuche einerseits und die Suche nach einem politischen Gleichgewicht der einzelnen Nationen durch den (und seit dem) Wr. Kongress andererseits, die Menschenrechtsgedanken hier und die ökonomischen Rahmenbedingungen andererseits.

Die west-europäische Gemeinschaft wurde zunächst als Schutz gegen Russland und den Kommunismus errichtet. Nach dem Zusammenbruch der UdSSR wurde die Einheit Europas erneut in Frage und schuf eine Identifikationsleere. Auch heute noch sucht bzw. schafft sich m.E. ein Staat oder ein Staatenbündnis oftmals einen äußeren Feind, um den Zusammenhalt im Inneren zu stabilisieren. Auch heute noch gibt es höchst unterschiedliche Auffassungen darüber, was Europa zu sein habe. Es gilt schließlich und endlich, die Vielfalt, Pluralität, Heterogenität anzunehmen. Es gilt, die kulturelle Verschiedenheit zu akzeptieren und sich der damit zusammenhängenden Spannungen bewusst zu sein.

Meiner Ansicht nach ist dieses Buch wertvoll im Sinne einer Analyse des Gewesenen, insofern daraus Schlüsse für die Idee eines heutigen vereinten europäischen Gemeinwesens möglich sind. Wer sich aber mit dem wahren Gesicht Europas, wie es sich heute darstellt, näher beschäftigen möchte, ist mit C. Milborn "Gestürmte Festung Europa" (2006) oder z.B. Fabrizio Gattis "Bilal - Als Illegaler auf dem Weg nach Europa" (2010) viel besser bedient.


Das Erbe Europas: Beiträge
Das Erbe Europas: Beiträge
von Hans-Georg Gadamer
  Gebundene Ausgabe

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Rekonstruktion und Dekonstruktion, 21. September 2010
Der Autor ist bekannt für seine hermeneutische Finesse und Eleganz. In diesem Buch beschreibt er den "Werde"gang Europas von einer Idee zu einer Wirklichkeit. Von einer Idee, die in der griechischen Kultur wurzelt und die griechisch-christliche Kultureinheit des Abendlandes formte. Welche Traditionen und Sitten in Europa als Norm gelten ist schließlich kein Zufall, sondern Produkt der kulturellen bzw. ideengeschichtlichen Entwicklung. Vom Byzanz mit seiner traditionsbildenden Wirkung und dem Wissen, das von arabischen Gelehrten durch die Griechen überliefert wurde... über den dynastischen Absolutismus, das Bürgertum und die Romantik... bis hin zum Scheitern des Versuchs einer Synthese von älterer Metaphysik und moderner Wissenschaft spannt H.-G. Gadamer den Bogen der Geschichtsrekonstruktion/-dekonstruktion.

Das Buch ist für philosophisch Vorgebildete sehr bereichernd und auch relativ einfach zu lesen. Einem Laien könnte es an manchen Stellen vl. schwerfallen (aufgrund der zahlreichen Verweise auf Philosophen und deren Konzepte, z.B. beim deutschen Idealismus), alles sogleich nachzuvollziehen was da geschrieben steht. SiEr wird aber jedenfalls die vom Autor intendierten Zusammenhänge erkennen, die zum Selbstverständnis als Europäer und zum Weltverständnis aus der Sicht eines geeinten Europas, und nicht zuletzt zum Verständnis des heutigen (vom Autor in jedem Fall begrüßenswerten) Pluralismus der Lebensstile der Idee/Vision "Europa" beitragen werden. Wir brauchen diese Vision, denn laut Gadamer "wäre es eine Illusion zu meinen, dass nur ein rationales System der Nützlichkeiten, sozusagen eine Art Religion der Weltwirtschaft, das menschliche Zusammenleben regulieren könnte."


Die fünf Pfeiler der Weisheit
Die fünf Pfeiler der Weisheit
von Thich Nhat Hanh
  Taschenbuch

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die fünf Richtlinien, interpretiert von Thay, 16. September 2010
Rezension bezieht sich auf: Die fünf Pfeiler der Weisheit (Taschenbuch)
In den westlichen Industrienationen wird, insofern der Buddhismus betroffen ist, sehr viel auf die Entwicklung von Persönlichkeit gelegt. Auf das Sitzen in Meditation - sowohl zur Entfaltung von Konzentration als auch im Sinne einer Übung in Achtsamkeit - scheint von vielen Menschen im Westen das Hauptaugenmerk gelegt zu werden, vielleicht weil es hier vermeintlich etwas zu erreichen gäbe (Versenkungszustände, Ekstase, spezielle Fähigkeiten wie Gedankenlesen, Levitieren usw.usf.).

Doch wie kann ich meditative Zustände in mein tägliches Leben integrieren und in mein persönliches Erleben einweben? Wie kann ich aus der Meditation eine wertvolle Zeit machen, wenn ich mich nicht bemühe, zugleich ein rechtschaffenes Leben zu führen? Und umgekehrt, wie ist es möglich, ein rechtschaffenes Leben zu führen, wenn ich nicht aus der Innenschau die notwendige Entschlossenheit beziehe, einer Kultur des Immer-mehr-immer-schneller-immer-besser mit Verständnis, Mitgefühl und Liebe zu begegnen?

Thich Nhat Hanh, der Meister "Eine Handlung" zeigt in diesem Buch, wie die fünf Richtlinien zu verstehen sind, indem er sie zunächst in Form eines Gelübdes rezitiert und danach eingehend erläutert. Wir lernen von ihm, ein Leben in Achtsamkeit zu führen. Er formuliert dabei die Richtlinien positiv, was mir persönlich besonders gut gefällt und auch die Umsetzung erleichtert, weil das Gehirn im Grunde keine Negation erkennt. Die fünf Silas (im edlen achtfachen Pfad als Rechte Rede, Rechtes Handeln, Rechter Lebenserwerb subsumiert) lauten:
1. Alles Lebendige wertschätzen (und niemandem Schaden zufügen)
2. Sorgfältig mit materiellen Gütern umgehen (und eine Woche lang alle Gedanken der Großzügigkeit realisieren)
3. Bewusst mit sexuellen Regungen umgehen (und die damit verbundenen Geisteshaltungen verstehen)
4. Sprache, die von Herzen kommt (und auf Lügen, Klatsch und Tratsch, Reden über Abwesende vermeiden)
5. Die Klarheit des Bewusstseins bewahren (und z.B. ein Monat lang auf jegliches Rauschmittel verzichten)

So zu leben ist einfach, aber ganz und gar nicht leicht. Weil: Es bedeutet schließlich, immer wieder Angst und Schmerz zu begegnen und Wut wie Trauer zu ertragen, und diese Geisteszustände zu erkennen und tief hin(ein)zuschauen ('looking deeply'). Dies ist m.E. auch die Essenz dessen, wovon Buddha aus eigener Erfahrung sprach und worauf uns Thay auf so liebevolle Art hinweist.


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