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Rezensionen verfasst von
sonnenblumensammler (Berlin)

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Pneumologie: Ein Leitfaden zum rationalen Handeln in Klinik und Praxis
Pneumologie: Ein Leitfaden zum rationalen Handeln in Klinik und Praxis
von Thomas Voshaar
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 129,95

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Eminenz- statt evidenzbasierte Medizin, überheblicher Stil, 28. April 2012
Da ich von Thieme-Fachbüchern ein hohes Niveau gewöhnt war, habe ich online zugegriffen,
ohne mir das Buch vorher in der Buchhandlung oder bei Kollegen anzusehen - ein Fehler.
Die Autoren zeigen sich insbesondere von ihren eigenen Fähigkeiten hochüberzeugt, was
dazu führt, daß Seite für Seite Lehrbücher, etablierte Auffassungen und Standards als schlecht
und mangelhaft geringgeschätzt werden - Leitlinien oder große Studien werden kaum erwähnt.
Bei Sätzen wie "Vereinfachend kann man sagen, dass das Wickeln eines Beins bei ausgeprägten
Ödemen etwa 40 mg Furosemid entspricht.." (S. 279) kann man nur zweifelnd seinen Kopf
schütteln - häufig trifft man im Buch keine Spitzenleistungen von Wissenschaftlichkeit und Sachlichkeit an.
Das Werk bietet viel Text und relativ wenig tabellarisch aufbereitetes Wissen, was
für eine Prüfungsvorbereitung nicht so günstig ist. Die Praxisnähe und -relevanz
sind mäßig.


Die satanischen Verse
Die satanischen Verse
von Salman Rushdie
  Taschenbuch

7 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Sehr beeindruckend, wenn man durchhält., 18. Januar 2011
Rezension bezieht sich auf: Die satanischen Verse (Taschenbuch)
Als Autor hat man es gut: am Schreibtisch sitzend kann man die absonderlichsten Figuren und Handlungen erdenken und zusammenbasteln, völlig egal, was da möglich, realistisch oder vordergründig sinnvoll ist. Als Leser muß man für Rushdies Buch schon Durchhaltevermögen und Hartnäckigkeit mitbringen, aber toll, daß man reich dafür belohnt wird. Wenn etwas auf die Nerven gegangen ist, dann die unzähligen Nebenfiguren mit ihren ebenfalls reichhaltigen Stoffen, die den Leser meilenweit wegführen.

Mich wundert es nicht, dass dieses Buch für Rushdie zur Lebensgefahr geworden ist. Die Geschichte des Islam wird derart schmucklos auf den Boden des unspektakulären Alltags gezerrt und aufs Bunteste mit ihm verwoben. Mohammed wird beim Schimpfnamen genannt, sein Wirken ist offene Machtpolitik, seine Offenbarungen fadenscheinig. Der Erzengel ist ein egozentrischer schizophrener Bollywoodschauspieler und Mörder, der sich am Ende umbringt und der wirklich auch sonst nicht viel Gutes tut. Der Teufel ist die wahrscheinlich sympathischste Figur von allen: Selbstzweifler, voller Haß gegen sich und seine Herkunft, zurückhaltend, Verlierertyp. Wir erfahren die Verwandlung der beiden Inder nach ihrem Flugzugabsturz als völlig beliebig, wie wäre es denn umgekehrt gewesen - Gibril als Teufel ? Der Imam im Exil ist ein abstoßend harter Menschenhasser. Die Pilger mit ihrem Ziel Mekka gehen über Leichen, ertrinken dann lächelnd im Meer, als sie erwarten, das sich dieses für sie teilt. Dieser Roman zweifelt nicht am Islam selbst, sondern am Glauben an Propheterie, Machtmißbrauch und falsche Wahrheiten.

Rushdies Vielfältigkeit ist schon sehr beeindruckend: wie kann man so viele Stoffe und Bilder derart miteinander verbinden ? Sehr einnehmend auch der Kontrast zwischen dem ausschweifenden Schreibstil, wenn es um London, Saladin und Gibril geht und der Wechsel zum geradezu beklemmend geradlinigen Stil bei den eingewobenen Geschichten über Mekka und die Pilgerfahrt.

Eine kleine Perle des Romans war für mich Saladin Chamcha und sein Verhältnis zum dominanten Vater. Das ist sehr offenherzig geschildert und man kann gut nachvollziehen, warum Saladin seiner Heimat den Rücken gekehrt hat. Die Versöhnung am Sterbebett ist ergreifend.


Zärtlich ist die Nacht
Zärtlich ist die Nacht
von Francis Scott Fitzgerald
  Broschiert
Preis: EUR 11,90

7 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Bin enttäuscht., 18. Januar 2011
Rezension bezieht sich auf: Zärtlich ist die Nacht (Broschiert)
Wir erfahren nicht viel über die Helden der Geschichte, nichts von dem, was Dick Diver beruflich wirklich macht oder von dem, wovon Rosemary's Film handelt, wir erfahren kaum etwas über Nicoles Herkunft, auch über Häuser und Orte in Südfrankreich und Paris nur das Nötigste. Alles bleibt unbestimmt, schwammig und dadurch auch nichtssagend. Die Figuren wirken so starr und klischeehaft wie Wachsfiguren. Fitzgerald entwickelt gern Bilder und Metaphern, wie Fotos. Die bleiben aber leider immer auf distanzierter Ebene zurück und wirken wie einem Lexikon entnommen, einer Enzyklopädie der Bildbeschreibungen: eine Seite aufgeschlagen und eine geeignete Wendung entnommen.
...und sie spürte, wie ihre Schönheit gegen seine große, kräftige Gestalt hell leuchtete, wie sie dahinschwebten, gewichtslos wie Leute in einem vergnüglichen Traum..." usw. usf. usw. usf.

Leider wirft auch die zeitweise holprige Übersetzung dem Leser ab und zu einen Stein ins Lesegetriebe und mindert die Lust, weiterzulesen.


Klinische Pneumologie
Klinische Pneumologie
von Heinrich Matthys
  Gebundene Ausgabe

5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Nicht empfehlenswert., 4. April 2009
Rezension bezieht sich auf: Klinische Pneumologie (Gebundene Ausgabe)
Als Lehrbuch ist "Klinische Pneumologie" nur bedingt geeignet, da dem Leser die Themen in didaktisch schlechter Art und Weise präsentiert werden. Gigantische Formeln werden unkommentiert abgebildet, während Grundsätzliches, zum Verständnis Wichtiges zu kurz kommt. Die graphisches Darstellung des Themas Lungenfunktion ist schwer verständlich, es findet sich keine Graphik zur Bronchial-Anatomie oder Lymphknotenanatomie, die praktische Seite der LTOT kommt zu kurz, die Liste läßt sich fortsetzen. Das Lehrbuch bleibt oftmals schwamming und unbestimmt. Der erhebliche Anschaffungspreis scheint dafür nicht angemessen.


Das Zentrum
Das Zentrum
von José Saramago
  Taschenbuch

5.0 von 5 Sternen Eine sehr schöne Geschichte voller starker Symbolkraft., 18. Februar 2009
Rezension bezieht sich auf: Das Zentrum (Taschenbuch)
Cipriano Algor ist ein einfacher Töpfer und führt zusammen mit seiner Tochter Marta ein materiell karges jedoch recht glückliches Leben auf dem Dorf. Die naheliegende Stadt wird vom "Zentrum" dominiert, einem gigantischen Kommerz-Wohn-Vergnügungs-Tempel. Als Arbeitgeber des Schwiegersohnes und Abnehmer der Keramik ist das Zentrum eng mit dem Leben der Familie verbunden.

Der Roman verfügt über sehr schöne Konstruktionen. Der Gegensatz zwischen dem Handwerker, der mit einfachsten Methoden, ohne maschinelle Unterstützung, arbeitet und dem kafkaesken Zentrum, das der Leser vor allem durch Regularien, Bedrohlichkeit und beherrschende Größe kennenlernt. Auch das Dreieck Vater - Tochter - Schwiegersohn ist spannungsvoll, denn das sehr innige Verhältnis zwischen Vater und Tochter macht den Schwiegersohn zum Außenseiter. Das Nebeneinander des mühevollen Schaffens der Tonfiguren und des Abtransports und Endlagerns der alten Keramik in einer Höhle ist eindrucksvoll.

Leider macht es der Autor dem Leser nicht gerade leicht, die ersten hundert Seiten durchzustehen. Recht langatmig werden die Vorgänge in Haus und Werkstatt geschildert, die in ihrer Redundanz deutliche Ungeduld hervorrufen. Seitenlang wird über die Tätigkeiten des Hundes und das Abholen der alten Keramik berichtet. Daneben sind zuweilen Weisheiten und Sprüche zu lesen, die fadenscheinig und einfältig daherkommen. Wie auch immer - ein beeindruckendes Finale macht es leichter, Saramago zu verzeihen.

Saramago hat sich auf einen stilistischen Minimalismus beschränkt. Wir erfahren wenig über Aussehen und Tiefe der Helden und gar nichts über das Umfeld. Die Sprache ist einfach und läuft in einem stetigen Fluß aus Rede und Gedanken der Menschen sowie Beschreibungen. Jedoch ruft gerade die Synthese der großen Symbolik zusammen mit dem schnörkellosen Schreibstil eine starke Wirkung hervor.

Besonders gut haben mir die Gespräche Ciprianos mit den Angestellten der Einkaufsabteilung gefallen. Die eifrigen und taktlosen Argumente der Angestellten erwidert Cipriano stets mit leicht frechem Sarkasmus, gerade soviel, daß sein Gegenüber nichts davon bemerkt.

Der Roman "Das Zentrum" will Kommerz, Hierarchie und Willkür kritisieren. Cipriano Algor und seine Familie bilden mit ihrer Offenheit, Menschlichkeit und Verletzlichkeit den Gegenpol dazu. Der Roman würdigt den Menschen als freien Entscheider seiner Zukunft.


Vom Zauber des seitlich dran Vorbeigehens: Prosa und Szenen 2002-2004
Vom Zauber des seitlich dran Vorbeigehens: Prosa und Szenen 2002-2004
von Max Goldt
  Taschenbuch
Preis: EUR 7,99

5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ganz außergewöhnliches Geplauder., 18. Februar 2009
Das ist meine erste Lektüre von Max Goldt. Als Sammelsurium von Texten, Dialogen und Reiseberichten kann man sich von Goldts feiner Beobachtungs- und Sprachkunst überzeugen. Die Ära von Kommerzreligion, Medienmassenwahnsinn und hoher Lebensgeschwindigkeit hat uns bereits infiltriert. Eine Fremdbestimmung, die weit außerhalb des eigenen Lebensmittelpunkts liegt und deshalb unglücklich macht. Hier hilft nur Höflichkeit, Disziplin und QQ - "Quiet quality".

"Ganz Deutschland wird im Geschmacksdiktat der unteren Mittelschicht ersäuft"... Ja, hier handelt es um besonders treue Medienkonsumenten. Ungeahnte Folgen wird das haben, wenn einer ganzen Generation von Heranwachsenden suggeriert wird, daß "Sängerin in einer Band" ihre berufliche Zukunft sein kann. Nur schade, daß es bei diesen armen Seelen dann zwangsläufig uncool ist, einen normalen Beruf zu lernen.

Goldt ist ein Fürst der deutschen Sprache. Er formuliert nach seiner Denklinie und macht vor den Grenzen einer Enzyklopädie nicht halt. Interessante Neologismen sind die Folge. Die Wort- und Satzkomposition (reich an Anglizismen) zeigt aber, was Goldt wirklich ist: ein Kind der Gegenwart. Und so habe ich "Der Sprachkritiker als Unsympath" auch nicht als zu arrogant empfunden. Als Leser wird es ganz besonders bewußt, daß Sprache veränderlich und lebendig ist. Toll, Max Goldt hat einen Kreativpreis dafür verdient. Hier ein paar schöne Beispiele: Kleintalentverweser, Konkavrückenschinken, Gehabefluß, ersatzgräflich.

Max Goldts Text ist reich an klugen Sätzen, hier nur zwei, die ich für gegeben hielt zu notieren:
"Understatement ist letztlich nur eine kenntnisreichere Form der Prahlerei".
"Die Verachtung ist eine wertvolle und saubere Alternative zum Haß und zum Ekel".

Sicher, der Umfang des Textes ist relativ gering, von vielen Kommentatoren hier wird der hohe Wortkilopreis bemängelt. Weniger ist mehr, sage ich, hat es doch den außerordentlichen Vorzug, daß man nach der Lektüre noch Lust hat, ein paar Seiten zurückzublättern.


Der Eisvogel
Der Eisvogel
von Uwe Tellkamp
  Taschenbuch

4.0 von 5 Sternen Am Ende doch sehr gelohnt., 18. Februar 2009
Rezension bezieht sich auf: Der Eisvogel (Taschenbuch)
Uwe Tellkamp spannt in seinem Roman einen weiten Bogen: vom gescheiterten Sohn aus gutem Hause über Vater-Sohn-Konflikte, Sinnfragen des Lebens, Sinn und Unsinn von Demokratie, Materialismus, Konsumismus, und Medienzeitalter, über Radikalismus und Terrorismus, Gewalt bis zur Liebesgeschichte.

Hier treffen zwei ganz unterschiedliche Personen aufeinander, die sich durch ihr Einzelgängertum vereint fühlen. Während Wiggo durch Sinnsuche, Depression und Faszination in die Arme von Mauritz getrieben wird, handelt es sich bei diesem um einen gewaltbereiten, intellektuellen Radikalen mit Macht- und Herrscherphantasien. So ist auch bald klar, daß die Trennung der beiden eine unausweichliche Sache ist.

In der ersten Hälfte findet der Roman überhaupt kein Konzept. Dem Leser ist schon irgendwie klar, daß es hier um ganz verschiedenartige Romanfiguren und deren Konflikte geht. Doch Tellkamp bringt hier recht wenig und verrennt sich in die überbordenden Schilderung von verbalen Stilleben. Das beherrscht er erstklassig, erscheint nur so, als hätte er das falsche Werkzeug für das dabei, was er bezweckt. Tellkamp ist ein Meister darin, mit ein paar Worten eine Atmosphäre zu gestalten. Er benutzt die Sprache als ein nach seinem Willen formbares Etwas und bereichert den Leser durch schöne Neologismen, die die Grenzen der einzelnen menschlichen Sinne zum Teil überschreiten. Das ist verbale Synästhesie! Als Anhänger der deutschen Sprache muß man einfach begeistert davon sein. Aber das erträgliche Maß wird mehr als ausgereizt. Die Figuren des Romans bleiben zunächst grau und platt. Sie haben mir zunächst einfach keine Geschichte erzählt. Alles ertrinkt in wild verschlungenen atmosphärischen Momentaufnahmen.

Warum kann Tellkamp nicht auf die Klischees verzichten, die er zeitweise so großflächig aufträgt? Vom bibliophilen Professor, den er zufällig erstmalig im Gewächshaus trifft bis zum blaublütigen Bankettgelage im Chateau und andere klischeehafte Details. Die magische Erzählkraft zerfällt in diesen Momenten recht schnell.

Ein Wirbel von ungeordneten Fragmenten des gehobenen Allgemeinwissens ergießt sich zeitweise über den Leser, wie um etwas zu beweisen, wie ein Einserschüler bei der Leistungskontrolle. Der Autor sollte sich bewußt machen, daß diese partielle Unergründbarkeit für den Leser erst einmal beeindruckend ist. Im Grunde jedoch kalkuliert er mit dem minderen Wissen des Lesers und verrät ihn damit ein stückweit.

Ab der Mitte des Romans scheint Uwe Tellkamp deutlich besser die Kurve zu bekommen. Die Protagonisten geraten aneinander, die verbalen Stilleben verlieren den Selbstzweck und dienen der Handlung. Die Dreiecksbeziehung Wiggo-Manuela-Mauritz fesselt und wird Wiggo und Manuela, den Mitläufern, zum Verhängnis. Die Szene in der Straßenbahn macht es dem Leser schwerer, Mauritz zu verurteilen, und hält so perfekt die Spannung. Der Kreis schließt sich beim Scheitern von Mauritz' Vorhaben, als alle ihm die Unterstützung versagen, und die ehemaligen Freunde einander mit gezogener Waffe gegenüberstehen.

Fazit: Ein zeitweise wirrer und ungeordneter Roman, etwas ärgerlich und nur mit Mühe verdaulich am Anfang, brillant und fesseln in der zweiten Hälfte.


Wunschloses Unglück
Wunschloses Unglück
von Peter Handke
  Taschenbuch

20 von 20 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Es gibt vielleicht neue, ungeahnte Arten der Verzweiflung, die wir nicht kennen", 22. Dezember 2007
Rezension bezieht sich auf: Wunschloses Unglück (Taschenbuch)
Die Art und Weise des Berichtens: voller Entsetzen zeichnet Handke die Lebensgeschichte seiner Mutter nach. Mal in leichten, fließenden Wendungen, mal mit schweren, eigenen, ungelenken Worten das Unbegreifliche darlegend. In einem eigenen Kapitel überlegt er, wie die kurze Zeit, die seine Sprachlosigkeit freiläßt, für die Geschichte seiner Mutter genutzt werden kann. Er stellt fest, daß schon die Suche nach einer Formulierung eine Entfernung vom Inhalt bedeuten kann und nimmt sich vor, nur gängige Formulierungen aus dem "gesamtgesellschaftlichen Sprachfundus" zu verwenden. Wie viele andere Schwierigkeiten und Gefahren, die er sieht, kann er auch diese nur feststellen und hineinstolpern. Komprimiert und holprig ist die erzählte Lebensgeschichte der Mutter, mit einfachem Vokabular ist dem halt nicht beizukommen.

Vom Altern einer ehemals lebenslustigen Frau ist die Rede, die von Armut, trinkendem Ehemann und den familiären Pflichten um die Erfüllung selbst der kleinen Sehnsüchte betrogen wurde. Das Kärntener Dorfleben bietet keinen Freiraum für Einmaligkeit und Eigenarten, nicht mal für offene Verzweiflung. Sie klagt nicht oft, die Enttäuschung und Freudlosigkeit münden in schwere Kopfschmerzen. Alternativen zum Selbstmord sind nicht in Sicht.

Die Lebensgeschichte seine Mutter muß auch für Handke voller Unverständlichkeiten sein, anmerken läßt er sich das aber nicht. Die Schilderung klingt linear und umfassend. Aber was war Handke für seine Mutter, was war er für sie? Hochbemüht ist er im Lebensbericht, die Erzähllinie seiner Mutter nicht die seine kreuzen zu lassen. Er scheint ein Außenstehender zu sein. Als Leser kann man nur mutmaßen, was der Hintergrund ist: große Schuldgefühle ob der verpaßten Chancen, seine Mutter kennenzulernen? Der frische Schmerz, der die Annäherung nicht gestattet? Die eigene Verzweiflung als erschreckende Parallele ?

Fazit: Ein beeindruckendes und sehr lesenswertes Stück voller Verzweiflung und Entsetzen, schmerzhaft aus der Distanz reflektiert.


Schnee: Roman
Schnee: Roman
von Orhan Pamuk
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,95

38 von 43 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Türkei, du bleibst mir ein Rätsel., 22. Dezember 2007
Rezension bezieht sich auf: Schnee: Roman (Taschenbuch)
In meinem Heimatland leben 2 Millionen Türken, in meiner Heimatstadt wohl soviel wie in keiner anderen deutschen Stadt. Gegensätze sind nicht zu übersehen: junge Mädchen mit Kopftuch und schweren, unmodernen Mänteln auf der einen Seite, oder ältere vollbärtige Familienväter mit Gebetsketten in der Hand, in deren Gesichtern ein Leben in der Fremde seine Spuren hinterlassen hat. Andererseits Mädchen, deren Kleidung nur das Nötigste bedeckt und die das Maximum der Make-up-Kunst herausgeholt haben, oder unhöfliche Teenager mit solariumsbrauner Haut und reichlich Haargel. Daß aber hinter diesen Gegensätzen eine derartige Zerrissenheit herrscht, hat mir erst Schnee" gezeigt. Die Menschen im osttürkischen Kars suchen ihre Identität zwischen Familien und Liebe, Armut und Karriere, Satellitenschüsseln und Scheich-Konventen, der Heimat und dem Glück in der Ferne, Freiheit und Zwang. "Jeder weiß, daß hier in Kars keiner frei entscheiden kann, daß jeder nur danach strebt, vor Schlägen wegzulaufen und zu einer Gemeinschaft zu gehören, die ihn schützt" (S. 476).

Die Bewohner Kars' werden nicht als glückliche Menschen beschrieben: Ipek wird vom Fluch ihrer Schönheit verfolgt, einen Mann zu lieben und Kinder zu haben bleibt ihr verschlossen. Ebenso wie Ipek hat Kadife ihre wirkliche Liebe verloren und heiratet jemand anders. Ihr Vater, Turgut, kann aus Angst vor radikalen Islamisten nicht mehr ohne Furcht aus dem Haus gehen. Muhtar verliert seine Frau und keiner will seine Gedichte lesen. Serdar, der Besitzer der örtlichen Zeitung, ist ein unsympathsicher Schmierfink und Opportunist. Viele andere (der Direktor der pädagogischen Hochschule, Necip, Lapislazuli, Sunay, Hande, die Turban-Mädchen, die sich umgebracht haben) verlieren ihr Leben. Funda Eser wird verrückt. Die unzähligen Polizei- und Staatsspitzel wirken wie traurig dahintrottende Hunde. Überall wird Raki getrunken. Zufriedenheit scheint nur im freiwilligen Verzicht auf Glück möglich: "Einen Moment lang fühlte sie sich gealtert. Kompromisse einzugehen, alt und klug genug zu sein, nichts von der Welt zu wollen: sie hatte das Gefühl, das jetzt zu können" (S. 480).

Der unglücklichste von allen aber ist Ka. Ohne Heimat, die Kreativität des Dichters, die seiner Verzweiflung in Sublimation Erleichterung bringen kann, lange Zeit verloren. Der Traum seines Lebens, die ewig bestehende Wunde der Verlassenheit durch die ideale Frau zu heilen, erscheint zeitweise möglich. Genauso wie Einsamkeit und Elend ihm über Jahre hinweg eine Heimat geworden sind, kann er das blendende Glück nicht ertragen und trägt unbewußt zu seiner Zerstörung bei. Mit seiner kindlichen Suche nach Glück gerät er rasch zwischen die Fronten des Militärputsches und wird von beiden Seiten ausgenutzt. Seine fadenscheinigen Kontakte zu Frankfurter Journalisten nutzt er, um sich wichtig zu machen. Seine inadäquate Eifersucht kennt keine Kompromisse, kostet Lapislazuli das Leben und Ka die Liebe und später das Leben.

Orhan Pamuk hat den Roman so vielschichtig erdacht, daß es bis zur letzten Seite eine wahre Faszination ist. Seine Gefühle und Gedanken fließen in Ka und Orhan Bey" ein: in Ka die Verlassenheit, tiefe Verzweiflung und Gefühlsstarre, in Orhan Bey eher etwas Reflektierteres und Reiferes und die sich selbst gestattete Trauer.


Back to Black
Back to Black
Preis: EUR 6,66

4 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Bestes Album des Jahres., 26. Oktober 2007
Rezension bezieht sich auf: Back to Black (Audio CD)
Dieser Kauf war goldrichtig: tolle kraftvolle Soulmusik, die so spontan und ungekünstelt wirkt. So etwas hat es schon lange nicht gegeben, und solch eine Leistung in diesem zarten Alter! Frau Winehouse singt von ihrem eigenen Leben: eigene und fremde Untreue, Depression, Alkoholismus und Entzugsklinik. Die durch ihre Direktheit und Wahrheit bestechende Musik ist ein angenehmer Kontrast zur glattpolierten und schrottreifen Castingmusik heutiger Tage.
Im Konzert konnte man sehen, wie dieser Sound entsteht: neben Gitarre/Baß/Schlagzeug ein E-Piano mit dem glockenähnlichen Klang der 70er Jahre, dazu Trompeter, Alt- und Baßsaxophon. Ansonsten war das Konzert (Oktober, Berlin) aber eine schwache Leistung. An das Vorprogramm schloß sich eine Wartezeit von knapp einer Stunde an. Dann wurde recht unengagiert ca. eine Stunde gespielt (inklusive Zugaben!). Frau Winehouse wirkte lustlos, kränklich, verpaßte Einsätze, hatte Hustenanfälle, bei denen man ohne den haltgebenden Mikrofonständer um den sicheren Stand der Künstlerin fürchten mußte. Die zwei hervorstrahlenden Backgroundsänger (allerdings im Vordergrund stehend) verhalfen dem Konzert mit ihrer kraft- und gefühlvollen Körper- und Stimmarbeit zu ein wenig Glanz und hielten den Kontakt zum Publikum. Tolle Titel wie Rehab", bei dem der Tanzfuß sofort zu zucken beginnt, wurden schnell und planvoll zu Ende gebracht und nicht genutzt. Bei der Vorstellung der Band rief Frau Winehouse die Namen derb wie Holzklötze ins Mikrofon. Jemand hinter mir faßte ihre Erscheinung und Ausstrahlung an diesem Abend mit den Worten: eine bedauerliche Kreatur" treffend zusammen.
Leider war auch die Tonmischung im Konzert nicht optimal für meinen Geschmack. Die Stimmen verschwanden im mitteltonlastigen Schallteppich, die Bässe waren zu hören aber nicht zu spüren.

Fazit: Album wie Konzert: tolle intensive, ungeschminkte, rotzfreche Soulmusik, dem Hörer ohne Schnörkel vor die Füße geworfen. Die Stimme und das Talent von Frau Winehouse sind einzigartig, live ist sie leider eine Langweilerin.


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