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Rezensionen verfasst von
Julian Wangler "jwangler1985"
(REAL NAME)   

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Der Mitternachtspalast: Roman
Der Mitternachtspalast: Roman
von Carlos Ruiz Zafón
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

3.0 von 5 Sternen Ein früher Zafón auf dem Weg zu Größerem, 19. März 2015
Rezension bezieht sich auf: Der Mitternachtspalast: Roman (Taschenbuch)
"Der Mitternachtspalast" ist zwar ein Ruiz Zafón, aber definitiv eines der Frühwerke auf dem Weg zur späteren Brillanz von "Der Schatten des Windes". Vieles wirkt noch nicht so stimmig. Die Atmosphäre von Kalkutta im frühen 20. Jahrhundert ist zwar (wie immer) toll eingefangen, aber die Geschichte wirkt, je weiter man kommt, doch arg konstruiert. Trotz Auflösung bleiben Ecken, Kanten und offene Fragen. Was mich ehrlich gesagt auch ziemlich störte, ist, dass Ruiz Zafón ständig Geschichten in der Geschichte aufmacht. Das hat er in späteren Werken zwar auch immer wieder getan, aber da wesentlich gezielter und dosierter - im "Mitternachtspalast" wirkt es manchmal so, als wolle er einfach noch ein bisschen Platz füllen. Womit ich in diesem Buch jedoch am Allerwenigsten warm geworden bin, ist die Zentrierung der Protagonisten um einen selbst gegründeten Club aus Waisen, die Chowbar Society. Diese wirken für mich wie eine frühere Version der drei Fragezeichen, scheinen mir insgesamt für die Bedingungen, unter denen sie aufwuchsen und leben, viel, viel zu schlau, verschlagen und sprachlich eloquent - und dann noch bei ihrem zarten Alter. Die Art, wie sie sich besprechen und den Rätseln von Bens und Sheeres Vergangenheit auf die Schliche kommen, passt so ganz und gar nicht zu Jugendlichen in einer indischen Großstadt dieser Zeit, die viel Elend kennt. Teilweise wirkt diese Jugendbande geradezu altklug und besserwisserisch. Insofern würde ich zwar sagen, das Glas ist beim "Mitternachtspalast" halbvoll (insbesondere, was den tollen Einstieg in das Buch angeht!), aber Ruiz Zafóns schriftstellerische Karriere, das merkt man rasch, stand erst am Anfang ihrer Entfaltung.


Welt in Flammen
Welt in Flammen
Preis: EUR 19,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Europa am Abgrund - und der Orient Express mittendrin!, 21. Dezember 2014
Rezension bezieht sich auf: Welt in Flammen (Kindle Edition)
Die alte Ordnung in Europa bricht mit dem Ausbruch von Hitlers Westfeldzug endgültig zusammen - und genau in diesen schicksalhaften Tagen, in denen einfach alles auf der Kippe steht, bricht der Simplon Orient Express zu seiner letzten Fahrt von Paris nach Istanbul auf. An Bord: Ein wilder Haufen von Personen aus komplett unterschiedlichen Welten. Sie alle haben ganz verschiedene Gründe, an Bord des Zuges zu sein, und sie alle haben schwerwiegende Geheimnisse.

Während Europa um den Orient Express herum im Chaos versinkt, wird auch der Zug mehr und mehr zu einem Pulverfass. Hier vollziehen sich Intrigen und Ränke, werden neue Allianzen geschmiedet, werden neue Lieben geboren und alte beerdigt, werden Selbstfindungsprozesse in ganz neue Richtungen vorangetrieben, werden Morde und Anschläge verübt oder vereitelt, wird der Fanatismus des ideologischen 20. Jahrhunderts greifbar. Nichts ist mehr absehbar - alles kann passieren, weil alles ungewiss geworden ist.

Mit dieser packenden Atmosphäre ist "Welt in Flammen" eine unglaublich gut recherchierte, allerdings teils fiktive Darstellung eines kollabierenden Europas. Der Leser wird regelrecht hineingezogen in dieses dunkle Szenario, das Autor Monferat mit sprachlicher Brillanz und an vielen Stellen jeder Menge Empathie für seine Figuren gekonnt entfaltet. Allerdings macht er dabei den Fehler, hin und wieder bei den inneren Monologen zu sehr auszuschweifen und einigen Figuren spontane Wendungen zu geben, die nicht zu ihrem bisherigen Leben passen wollen. Abgesehen davon, dass der Wandel grundsätzlicher Lebenseinstellungen binnen der wenigen Tage, in denen das Buch spielt, an sich schon mal fraglich ist, auch wenn es überaus dramatische Zeiten sein mögen. So haben mir die Protagonisten extrem unterschiedlich gut gefallen, ganz einfach, weil ihre Entwicklungen unterschiedlich authentisch herüberkommen.

Nichtsdestotrotz hat mich in den letzten Jahren kaum ein Buch so sehr gefesselt wie "Welt in Flammen". Die reichhaltigen historischen Bezüge und die authentische Schilderung des Orient Express, wie sie nur von einem echten Eisenbahnliebhaber kommen kann, tun ihr Übriges, um die markerschütternde Fahrt quer durch ein politisch und gesellschaftlich in Flammen aufgehendes Europa zu unterfüttern. Am Ende der Fahrt ist nichts mehr, wie es einmal war.


House of Cards - Die komplette zweite Season (4 Discs)
House of Cards - Die komplette zweite Season (4 Discs)
DVD ~ Kevin Spacey
Preis: EUR 20,99

4 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Zum Gähnen vorhersehbar, 19. Dezember 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Ich hatte ja die Hoffnung, dass die zweite Staffel anders würde als die erste - dass hier Underwood wirklich mal ernsthafte Probleme bekommt...und ins Straucheln gerät. Dass Claire mit ihrer Moral ins Wanken gerät... und, und, und. Stattdessen ergießt sich das Ganze in völliger Vorhersehbarkeit. Superschurke Underwood hat wieder mal ein allzu leichtes Spiel, da ausschließlich extrem schwache und wenig clevere Gegenfiguren (einige sind sogar unfähige Trottel, wie z.B. der Präsident). Er verputzt sie alle zum Frühstück. Hinzu kommt, dass sich das Format extrem ernst nimmt und dadurch der völligen Überzeichnung der beiden dunklen Hauptfiguren Tür und Tor öffnet. Man hätte so viel mehr aus dieser Serie machen können. Sie ist wirklich viel versprechend gestartet, aber am Ende von Staffel 2 ist man so oft mit demselben Kopf gegen dieselbe Wand gerannt, dass es mir persönlich reicht. Keine inneren Konflikte, keine Zerrissenheit, keine großen Charaktermomente, keine nennenswerten Herausforderungen für Underwood und Claire, sondern bloß ein Durchmarschieren zur Macht. Dass die Nebenplots alle grottenschlecht sind, fällt da kaum noch ins Gewicht. Ich bin schwer enttäuscht. Und was kommt als nächstes? Der Griff nach der Weltmacht?


Alien - In den Schatten: Roman
Alien - In den Schatten: Roman
von Tim Lebbon
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,99

0 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Große Enttäuschung und ein überflüssiges Buch, 12. November 2014
Rezension bezieht sich auf: Alien - In den Schatten: Roman (Taschenbuch)
Ohne hier groß den Inhalt des Buches rekapitulieren zu wollen: Anfangs fand ich die Idee, eine nie erzählte Nischengeschichte zwischen dem ersten und zweiten Alien-Film erzählen zu wollen, eine interessante Idee. Denn die Vorstellung, dass Ripley auf ihrem 57 Jahre währenden Kryoflug vielleicht doch mal geweckt wurde (und anschließend vielleicht ihr Gedächtnis verloren hat), ist ja durchaus nicht abwegig. Leider macht Autor Lebbon nicht viel aus diesem Was-wäre-wenn-Szenario, nachdem er es geschaffen hat. Stattdessen präsentiert er uns einen eher müden Aufguss eben jener Filme, zwischen denen "In den Schatten" platziert ist. Die MARION ist atmosphärisch ein Klon der NOSTROMO - hier wird die Alien-1-Atmosphäre brühwarm aufgekocht. Auf dem Planeten wiederum gibt es das Massen-Invasion- und Bienenstock-Feeling des zweiten Films. Hier und da werden auch einige Informationen aus "Prometheus" eingestreut - doch alles zusammen bleibt ein blasser, actiongeladener Abklatsch des bislang Gesehenen, bringt weder die Figur Ripley noch das Alien-Universum als Ganzes weiter. Ich habe vergeblich auf den großen Aha-Effekt gewartet. Man wird das Gefühl nicht los, dass es außer den immergleichen, häufig sehr stereotypen 80er Jahre-Charakteren, die am Ende eh einen qualvollen, unnatürlichen Tod sterben, Alien-Nestern und düsteren, verwinkelten Raumschiffen nicht viel Neues mehr zu erzählen gibt. Da fand ich Ashs Rückkehr noch das innovativste Element in diesem ansonsten aussage- und kreativitätsfreien Buch.


Star Trek - Die Welten von Deep Space Nine 01: Cardassia - Die Lotusblume
Star Trek - Die Welten von Deep Space Nine 01: Cardassia - Die Lotusblume
Preis: EUR 4,99

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Kein Wiedersehen mit der cardassianischen Seele, 1. August 2014
Achtung, diese Rezension enthält Spoiler.

Vorbemerkung

Mit dem großen Finale Unity hat die achte DS9-Staffel ihr Ende gefunden. Die Parasiten-Bedrohung konnte abgewendet werden, Bajor wurde doch noch Föderationsmitglied, und die politreligiöse Pluralisierung des Planeten wurde nicht der befürchtete Spaltpilz. Abgesehen davon kehrte Benjamin Sisko von den Propheten und sein Sohn Jake aus dem Gamma-Quadranten zurück – mitsamt einer ehemaligen Kai, die viel zur Befriedung Bajors beitragen konnte.

Trotzdem blieben Fragen offen, und Pocket Books dachte nicht daran, an dieser Stelle mit dem DS9-Relaunch aufzuhören. Also überlegte man sich ein neues Konzept und schuf im Anschluss an Unity die Worlds of DS9-Reihe. Es handelt sich dabei um sechs kompakte Geschichten, die einen sehr speziellen Fokus haben. Deep Space Nine hat zu Serienzeiten ganz bestimmte Welten schwerpunktmäßig und wiederkehrend thematisiert; bei der Romanfortsetzung kam sogar das eine oder andere Volk neu dazu.

Nun stehen eben diese Völker im Mittelpunkt der Geschichte. Die heimatlichen Gefilde der Cardassianer, Andorianer, Trill, Bajoraner, Ferengi und des Dominion werden besucht und die aktuelle Situation dieser Spezies in den Blick genommen. Es geht darum, auf Basis bisheriger Informationen in Serien und Filmen ein möglichst dichtes und schlüssiges Bild ihrer Kulturen zu zeichnen und zugleich ein umwälzendes Szenario in der Gegenwart mitzuerleben, das einschneidend für diese Lebensgemeinschaften, ihre politische Zukunft und ihr Selbstverständnis ist.

Die DS9-Crew begleiten wir nicht mehr ganzheitlich, dürfen aber dafür einigen ausgewählten Helden über die Schulter schauen, die es auf die eine oder andere Welt verschlägt. Das bietet immerhin die große Chance, sich auf bestimmte Figuren und Figurenkonstellationen zu konzentrieren und Neues auszuprobieren.

Obwohl im englischen Original immer zwei Geschichten in einem Band veröffentlicht wurden, wird im Folgenden jede Worlds of DS9-Geschichte einzeln rezensiert und bewertet, da alles andere wenig Sinn machen würde. Beginnen wir nun mit der ersten Erzählung im ersten Band, The Lotus Flower, die sich mit Cardassia beschäftigt.

Inhalt

Die einstige Großmacht des Alpha-Quadranten, die Cardassianische Union, ist tief gefallen. Was vor ihr liegt, ist ein langer und harter Weg des Wiederaufbaus – und vor allem der politischen Neuorientierung, seit sie sich mit dem Anschluss an das Dominion den verheerendsten Fehler ihrer Geschichte leistete. Nun ist es genau ein Jahr her, dass der Krieg endete, doch noch immer sind die Zeugnisse der von den Gründern verhängten Strafaktion überall auf Cardassia anzutreffen. Achthundert Millionen starben damals im Flächenbombardement, doch Jene, die überlebten, müssen sich in einer Welt zurechtfinden, die alle ihre alten Gewissheiten verloren hat.

Güter des täglichen Bedarfs sind knapp, die Infrastruktur und der Wohnraum immer noch in weiten Teilen zerstört. Selbst in Lakat City, der Hauptstadt, ist das Elend an jeder Straßenecke zu besichtigen. Die Föderation tut zwar ihr Möglichstes, um die humanitären Missstände zu lindern, doch angesichts der gewaltigen Herausforderungen, eine ganze Welt wieder aufzubauen, erscheint ihr Engagement fast wie ein Tropfen auf den heißen Stein.

Der instabilen und im Volk wenig beliebten Regierung von Alon Gheomor, dem neuen demokratischen Oberhaupt der Cardassianischen Union, werden dabei begrenzte Fördermittel zur Verfügung gestellt, die nach eigenem Ermessen für verschiedene Projekte ausgegeben werden können. Da die bewilligten Kredite längst nicht für alle Initiativen reichen, müssen Ghemors Administration und das neu berufene Parlament genau entscheiden, welche Projekte eine Förderung verdienen.

In dieser Situation arbeitet Keiko O'Brien an einem biologischen Projekt, das die Versorgungssituation auf dem Planeten massiv verbessern soll. Obwohl ihr Mann, Chief Miles O’Brien, nicht gerade Feuer und Flamme ist, ausgerechnet auf Cardassia ein neues Leben zu beginnen, sondern lieber auf der Erde geblieben wäre, unterstützt er seine Frau bei ihrem Vorhaben und arbeitet seither eng mit Garak, der nun Berater Ghemors ist, für den Wiederaufbau. Keiko verfolgt ihre Arbeit mit Fleiß und Ehrgeiz, doch trotz ihrer Bemühungen hat das Projekt noch längst keine gesicherte Zukunft. Wissenschaftler arbeiten nämlich auch an einem anderen Versorgungsexperiment, und noch ist nicht klar, welches der beiden Konkurrenzvorhaben den Zuschlag erhält.

Anhand dieses an und für sich eher sperrigen Themas erhält der Leser Einsichten in den unbequemen Aufbruch Cardassias in ein demokratisches Zeitalter. Doch wie lange dieses währt, ist höchst fraglich, da die verschiedenen Parteien und Institutionen es häufig gar nicht auf eine konstruktive Zusammenarbeit anlegen, sondern jedes noch so kleine Problem zum Anlass nehmen, den politischen Prozess zu blockieren. Aus diesem Grund ist auch O’Briens Werben für Keikos Projekt vor einem cardassianischen Gremium zunächst alles andere als ein Selbstläufer.

Inmitten von Vorträgen und komplizierten politischen Debatten erreicht O‘Brien, Garak und Ghemor unwesentlich später die Nachricht, dass eine minderjährige Cardassianerin die Mitarbeiter des Andak-Projekts, das Keiko leitet, als Geiseln genommen hat. Ihr Erpressungspotenzial liegt in dem beträchtlichen Aufgebot an Sprengstoff, das sie mit sich führt. Drahtzieher dieser Aktion ist, wie sich herausstellt, eine radikale cardassianische Gruppierung namens 'Der Wahre Weg', die den Rückzug aller Nicht-Cardassianer fordert und vor allem der starken Involvierung der Föderation feindselig gegenübersteht.

O’Brien wendet sich an Gul Macet, mit dem die Besatzung von DS9 bereits erbauende Erfahrungen gemacht hat, und setzt alles daran, seine Frau und seine Kinder zu retten…

Kritik

Vielleicht so viel vorweg: An und für sich finde ich es eine tolle Idee, im Anschluss an die achte Staffel einige Sondergeschichten aufzulegen, die das Schicksal der DS9-relevanten Welten behandeln. Damit wird nicht nur ein neues Storyformat geschaffen, das für Abwechslung sorgt, sondern aus meiner Sicht gibt es tatsächlich einen großen Bedarf, das Augenmerk auf diese sechs Völker zu legen und das bestehende Wissen zu vertiefen. Denn wenn DS9 sich durch etwas von anderen Star Trek-Serien abgesetzt hat, dann auch durch seine Festlegung auf bestimmte Welten und Kulturen, wohingegen TNG oder Voyager die Alien-of-the-Week-Show verfolgten.

Was Cardassias tragisches Schicksal angeht, so habe ich mich schon seit Serienende gefragt, wie es mit dem Wiederaufbau der cardassianischen Zentralwelt weitergeht und welche Herausforderungen es geben wird. Zwar erhielten wir im Laufe der achten Season immer wieder ein paar Andeutungen, etwa aus dem Mund von Dukats Cousin Gul Macet, aber so richtig bekamen wir keine Einblicke in das dortige Geschehen.

Es ist ziemlich naheliegend, dass die Cardassianer nach ihrer Stunde Null ein schweres Los gezogen haben. Ihre politischen Führer haben in einer fatalistischen Mischung aus Minderwertigkeitskomplex und Größenwahn einer militaristischen Allmachtfantasie nachgehangen, die in einem Inferno ihr Ende fand und ausgerechnet Cardassia zu einem der größten Kriegsopfer machte. Nun ist die Union weitgehend besetztes Territorium, vieles ist unwiederbringlich verloren gegangen, nahezu jede Familie hat Verluste zu beklagen, Wasser, Nahrung und medizinische Versorgungsgüter sind knapp, die Zwänge, sich politisch komplett neu zu orientieren, groß. Dass viele Cardassianer von diesen Aussichten nicht gerade begeistert sind, ist klar. Aufgrund der geringen Größe des Buches aus der Feder von Una McCormack erfährt man gleich zu Anfang von dieser brodelnden Unzufriedenheit.

Die Schuldigen sind aus Sicht weiter Teile der cardassianischen Bevölkerung schnell gefunden: Außenweltler, die nach Cardassia gekommen sind, um es mit fremden Ideen zu überschwemmen und ihm dadurch das letzte Bisschen Identität und Gewissheit zu rauben, das nach dem Krieg geblieben ist. Dieser Vorwurf trifft die als aufoktroyiert empfundene demokratische Regierung ebenso wie die von Föderationsangehörigen geleiteten Wiederaufbauprojekte oder die politischen Initiativen bajoranischer Geistlicher (namentlich vor allem Vedek Yevir), die die nach wie vor in weiten Teilen des cardassianischen Volkes ungeliebte Anhängerschaft des Oralianischen Wegs (cardassianische Urreligion) ertüchtigt haben. Gerecht ist keiner dieser Vorwürfe, doch viele Cardassianer suchen schlicht ein Ventil für ihre prekäre Situation; es scheint weniger eine fanatische Einstellung zu sein als pure Verzweiflung, obwohl es natürlich nach wie vor auch einige Hardliner gibt.

Die geistige Überschrift dieses Buches lautet daher: Cardassias Umgang mit neuen Realitäten und neuen Ideen. Ein Volk, das vor kurzem noch davon träumte, die neuen Herren der Galaxis zu sein, muss sich unter ganz neuen Lebens- und Politikbedingungen wiederfinden und kämpft in einem System, das als fremd erlebt wird, darum, seinen Wesenskern nicht zu verlieren. Diese Idee ist an und für sich so schlicht wie genial. Leider wird sie in dem Buch nicht überzeugend verfolgt, geschweige denn umgesetzt.

Dass ein Anschlag in Vorbereitung ist, kann der findige Leser bereits nach den ersten Seiten vermuten. Von daher überrascht der letztendliche Angriff auf das Camp der Biologen nur wenig. Noch bedauerlicher aber als die weitgehende Vorhersehbarkeit der Handlung finde ich drei Punkte:
•Den meisten cardassianischen Figuren, die in der Geschichte auftauchen, wird keinerlei Entwicklungsspielraum zugebilligt. Da gibt es die Cardassianer, die einem neuen demokratischen Aufbruch wohlgesonnen sind, dort die Ewiggestrigen und Antidemokratischen. Es entsteht dadurch häufig ein ziemlich plattes Schwarzweißmuster, und man findet nur wenige Abstufungen. Die Einstellungen der meisten dargebotenen Cardassianer ändern sich nicht im Verlauf der Geschichte oder werden zumindest nicht weiterverfolgt, was viel Potenzial vergibt.
•Noch schlimmer als die relative Statik cardassianischer Charaktere finde ich, dass die terroristische Aktion keine öffentliche Debatte auslöst, in deren Verlauf die Cardassianer sich vergewissern, wer sie heute sind und wo sie in Zukunft hin wollen. Gerade von Gehmor hatte ich mir erhofft, dass er sich im Zuge der Ereignisse doch noch als verheißungsvoller demokratischer Anführer öffentlich ins Szene setzen und Tritt fassen kann. Doch eine solche Szene bleibt aus, und wir bekommen maximal ein paar vage Andeutungen einer Stabilisierung der Regierung infolge des vereitelten Attentats.
•Am traurigsten finde ich, dass in The Lotus Flower durch die relativ stereotype Darstellung vieler Cardassianer kaum eine Möglichkeit besteht, in die Seele dieser gebeutelten Nation zu blicken und so die Beweggründe und Befindlichkeiten besser zu verstehen. Stattdessen wird das Terrorismusproblem durch ‚alte‘ cardassianische Methoden gelöst. Es gibt weder für ein Verständnis der cardassianischen Mentalität noch für die Entfaltung eines Mentalitätswandels genügend Raum, was meine Erwartungen an eine solche Geschichte schwer enttäuscht. Anders als in McCormacks späterem Werk, The Never-ending Sacrifice, oder in der grandiosen Garak-Biografie, A Stitch in Time, legt die Autorin hier nicht die kollektive cardassianische Gedanken- und Gefühlswelt offen, sondern kratzt bestenfalls an ihrer Oberfläche. Am Ende gibt es deshalb nur die 'guten' und die 'bösen' Cardys.

Immerhin bietet der Roman eine solide Charakterbasis an. Zwar mag der eine oder andere auf eine Garak-Erzählung gehofft haben und bekam nur eine O’Brien-Geschichte, die natürlich weniger spektakulär ausfiel. Dennoch agieren die eingesetzten Figuren so wie ihre Serienvorbilder. Keiko ist die sorgende Mutter, O'Brien der mürrische Ingenieur und Garak verschlagen wie eh und je. Dies ist auch schön zu lesen, obwohl keiner der Protagonisten nennenswerte persönliche Entwicklungen durchmacht. Der Auftritt von Vedek Yevir ist ebenfalls positiv hervorzuheben, da er sich hier ein wenig von seiner negativen Rolle im bisherigen DS9-Relaunch absetzen kann. Zudem werden ein paar lose Enden von DS9 betreffend die cardassianische Separatistengruppe 'Der Wahre Weg' aufgegriffen und weitergeführt.

Auch, was den Schreibstil angeht, muss ich McCormack ein Lob aussprechen. Ohne einen einfachen, flüssigen Stil aufzugeben, gelingt es ihr auf relativ wenig Seiten mit einer malerischen Sprache, der Vorstellung des sich langsam aus den Trümmern erhebenden Cardassia Leben einzuhauchen.

Fazit

The Lotus Flower ist als kurzweilige Geschichte durchaus akzeptabel, und es ist schön, dass Cardassias Lage nach dem Krieg unter die Lupe genommen wird. Gemessen an den Erwartungen, die man an eine Welten- und Kulturstudie hat, lässt die Geschichte aber vieles an Potenzialen brach liegen und bietet nicht den nötigen Tiefgang - was im Rahmen von nicht einmal zweihundert Seiten freilich auch nicht möglich ist.

Was hätte man nicht alles über die komplexe cardassianische Seele zutage fördern können! Da kann man sich direkt McCormacks Meisterwerk The Neverending-Sacrifice zur Hand nehmen und das aktuelle Buch vergessen, denn die Autorin kann es wahrhaft besser.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jun 21, 2015 11:33 PM MEST


Star Trek - Die Welten von Deep Space Nine 3: Trill - Unvereinigt
Star Trek - Die Welten von Deep Space Nine 3: Trill - Unvereinigt
von Andy Mangels
  Broschiert

4.0 von 5 Sternen Die Welt der Trill aus den Fugen, 1. August 2014
Achtung, diese Rezension enthält Spoiler.

Inhalt

In der ersten Geschichte des zweiten Bandes mit dem Titel Unjoined haben die Trill ein schwerwiegendes Problem: Im Zuge der zurückliegenden Parasitenkrise hat sich herausgestellt, dass die Machthaber der symbiotischen Spezies Jahrhunderte lang die Öffentlichkeit der Föderation und ihr eigenes Volk getäuscht haben. Es besteht eine enge Verwandtschaft zwischen den Symbionten und den Parasiten. Mit der Lüftung dieses Geheimnisses kündigen sich neue Offenbarungen an, die die politische Führung Trills vielleicht sehr bald leisten muss. Spätestens seit der Ermordung Shakaars durch ein ranghohes Mitglied des Verteidigungsministeriums der Trill, herrscht ein zunehnmend angespannteres Klima auf Ezri Dax' Heimatwelt - die Bevölkerung fordert ihre Regierung auf, endlich reinen Tisch zu machen und verdächtigt sie weiterer Lügen, ohne schon zu wissen, was bald noch ans Tageslicht kommen könnte.

Angesichts der für die gesamte Föderation bedrohlichen Parasitenkrise wird mit Ausklang des Jahres 2376 auch im Föderationsrat der Druck deutlich erhöht. Die politische Kammer der Planetenallianz fordert eine vollständige Offenlegung sämtlicher, die Symbionten betreffenden und bislang von der Trill-Administration gut gehüteten Akten. Endgültig soll Schluss sein mit jener Geheimniskrämerei, die eigentlich nicht mit dem vertrauensbasierten Grundsatz der Föderation konform geht. Es erheben sich sogar Stimmen, die eine Verhängung von Sanktionen über Trill befürworten, sollte sich die Regierung von Präsident Maz nicht kooperationsbereit zeigen. Manch einer droht sogar schon mit einem Ausschluss aus der Planetenallianz.

Der Föderationsrat fällt letztlich den Beschluss, die zurückliegende Parasitenplage müsse säuberlich aufgebarbeitet werden, um sie künftig ausschließen zu können. Daher wird ein Team von DS9 mit einer Mission betraut, die es nach Minos Korva führt – der Ort, wo die ganze Katastrophe ihren Ausgang genommen und wo auch Skakaar Edon von einem Neuralparasiten übernommen worden war. Das Ergebnis ist eindeutig: Das Außenteam findet in den unterirdischen Eishöhlen Minos Korvas nur mehr tote Kreaturen vor und gelangt zur Feststellung, dass diese nach dem Tod der Über-Königin vor einem Monat ebenfalls verendet sind.

Im Anschluss an den erfolgreichen Ausgang des kurzen Überprüfungseinsatzes wird Ezri Dax von Captain Nerys darüber in Kenntnis gesetzt, dass die Trill-Regierung sich dazu durchgerungen hat, eine offizielle Investigation bezüglich der zurückliegenden Parasitenplage einzuleiten – natürlich nicht aus freien Stücken, sondern auf Druck der Föderationsadministration. Dax soll nach Trill reisen, um in ihrer Rolle als vereinigte Trill und Sternenflotten-Offizier bei der Aufklärung des Vorfalls zu helfen. Sie bricht sofort auf, kommt aber nicht umhin, dass ihr Liierter, Julian Bashir, sie begleitet.

Während des Flugs nach Trill mit dem Runabout Rio Grande analysiert Bashir ein fragiles Objekt, welches das Außenteam in der Parasitenhöhle auf Minos Korva gefunden hat: eine Art Tonscheibe. Er gelangt zur Erkenntnis, dass es nicht von Minos Korva kommt, sondern von Kurl, einem Planeten, dessen Zivilisation vor fünftausend Jahren ausstarb. Des Weiteren stellt er die Vermutung an, dass jene Kurl vielleicht auch eine symbiotische Spezies gewesen sein könnten und daher eine gemeinsame Wurzel mit den Trill existiere.

Auf Trill angekommen, wird Dax vor dem Senat in Bezug auf die zurückliegende Parasitenkrise befragt – der erste Schritt der Trill-Regierung, die Veröffentlichung streng geheimer Daten hinsichtlich der Verwandtschaft von Symbionten und Parasiten vorzubereiten. Dabei bringt sie auch die jüngsten Erkenntnisse im Zusammenhang mit der Investigation auf Minos Korva und dem Fund des Kurl-Fragments zur Sprache.

Dann beginnen sich die seit Wochen bestehenden Spannungen auf dem Planeten gewaltsam zu entladen: Es kommt zu Massenaufläufen und Demonstrationen, gewaltsamen Ausschreitungen und sogar terroristischen Anschlägen in allen großen Städten des Planeten. Unbekannten Eindringlingen gelingt es, die Sicherheitssysteme im Senatstower zu sabotieren, einen wichtigen Senator zu töten und einen Sprengsatz zu legen. Dieser kann in letzter Sekunde von Bashir und Dax mithilfe des Runabout-Transporters in den Weltraum gebeamt werden.

Wenig später bekennen sich die unvereinigten Neopuristen als für die Terroranschläge verantwortliche Gruppierung - und es kommt noch schlimmer: Offenbar ist es dieser fanatischen Fraktion gelungen, Dax' Bericht vor dem Senat in die Finger zu bekommen. Nun wird zum einen öffentlich, dass es zwischen den Trill und den Kurl ein enges Verhältnis gibt. Die Neopuristen bestätigten dabei Bashirs anfängliche Theorie und gehen sogar noch einen Schritt weiter, wonach die Kurl nicht nur mit den Trill in Verwandtschaft stünden, sogar ursprünglich Trill-Kolonisten gewesen seien. Zum anderen - und das ist wohl am verheerendsten - wird ein bereits in der DS9-Episode Das Equilibrium erwähntes Geheimnis allgemein bekannt: dass nämlich ein sehr viel größerer Teil der Trill-Bevölkerung zur Vereinigung mit einem Symbionten fähig ist als die Symbiosekommission vorgibt. Diese Wahrheit wurde jedoch verborgen, um den Status quo auf Trill nicht zu gefährden und um fehlerhaften Vereinigungen besser vorbeugen zu können.

All diese explosionsartig an die Öffentlichkeit entlassenen Wahrheiten verwandeln die Welt endgültig in ein Pulverfass und fachen den Hass der Neopuristen weiter an. Diese hegen nun die Absicht, die vereinigten Trill mit einer chemischen Waffe zu beseitigen und die Machtstrukturen auf der Welt ein für allemal umzukrempeln.

Während Bashir im zentralen Krankenhaus der Hauptstadt um das Leben zahlreicher Verwundeter ringt, begibt sich Dax in die Höhlen von Mak‘ala und betreibt Nachforschungen in Bezug auf die Kurl-Parasiten-Verbindung. Um mit den dort lebenden unvereinigten Symbionten in Kontakt zu treten, geht sie ein lebensgefährliches Wagnis ein, durch das sie schließlich Wissen erlangt, das nicht nur die Zukunft ihres Volkes, sondern auch ihr eigenes für immer verändern wird. Es ist das Wissen einer Welt, die zu lange geschwiegen hat…

Kritik

Wenn es neben Andoria eine zweite Welt gibt, auf die der DS9-Relaunch dramatische Auswirkungen hatte, so ist es Trill. Und deshalb hatte ich besonders hohe Erwartungen an die vorliegende Geschichte aus der Feder von Andy Mangels und Michael A. Martin.

Tatsächlich entpuppt sich Unjoined als das Zugpferd des zweiten Bandes. Die Story ist düster, gut geschrieben und äußerst spannend, nimmt die lange Zeit in Selbstverleugnung lebende Trill-Gesellschaft genauestens unter die Lupe. Leider sind manche Handlungsvorgänge ein wenig übertrieben, denn in kürzester Zeit schaffen es die Autoren, den Planeten auf den Kopf zu stellen (was auch damit zusammenhängt, dass das eine oder andere Geheimnis zu viel ist, was hier behandelt wird). Tausende Vereinigte sterben, die Zahl der Symbionten wird auf ein kritisches Niveau dezimiert. Angesichts der Terroranschläge und innenpolitischen Krisen wäre vielleicht etwas weniger mehr gewesen. Trotzdem passt die Geschichte rund um eine extremistische Terrorgruppe hier viel besser als bei der Cardassia-Story (The Lotus Flower) und wirkt auch deutlich glaubwürdiger.

Besonders fasziniert hat mich neben der Aufarbeitung des Canons zu den Trill vor allem die Darstellung dieser einzigartigen Gesellschaft. Bestanden zwischen verschiedenen TV-Episoden, in denen Trill vorkamen, noch Ungereimtheiten und Widersprüche, werden diese nun behoben und in eine Gesamterklärung eingebettet. So zum Beispiel auch, warum die Trill, als sie schon längst Föderationsmitglied waren, nie aus freien Stücken offenbarten, dass sie eine symbiotische Spezies sind (TNG-Episode Odan, der Sonderbotschafter).

Man kann deutlich erkennen, wie diese Welt regelrecht gefangen ist in einem System von Vereinigten und Unvereinigten, einer echten Zwei-Klassen-Gesellschaft, die zudem noch ein Monopol der Geheimnisse etabliert hat. Die Tatsache, dass die höheren Ebenen in Politik, Militär und Forschung ausschließlich von Vereinigten besetzt sind und diese auch einen höheren medizinischen Status haben als Unvereinigte, zeigt die tiefe Spaltung der Gesellschaft. Ebenfalls stimmig reiht sich die Lüftung des großen Geheimnisses der Trill in den ominösen Höhlen Mak‘alas ein.

Natürlich habe ich mich beim Lesen immer wieder gefragt, wie eine so kompakte und doch so umwälzende Geschichte enden soll. Auch in dieser Hinsicht bin ich von Mangels und Martin nicht enttäuscht worden. Sie präsentieren, wie sich kaum vermeiden lässt, ein offenes Ende, machen aber anhand der gelungenen Ansprache der Trill-Präsidenten an ihr Volk viele Andeutungen für die Zukunft. So wird angesichts der starken Dezimierung der Symbionten bis auf weiteres ein 'Vereinigungsmoratorium' verhängt, das den Trill Gelegenheit gibt, über ihre gesellschaftliche Zukunft nachzudenken und etwas Luft zu schnappen. Dabei geht die Präsidentin mit gutem Beispiel voran. Darüber hinaus kündigt sie an, dass sie alles unternehmen wird, um die soziale Ungleichheit zwischen Vereinigten und Unvereinigten zu beseitigen. Das mögen erst einmal nur Worte sein, doch in Anbetracht der Offenlegung sämtlicher großen Geheimnisse sind es ehrliche Worte, die das Potenzial für einen gesellschaftlichen Neuanfang bergen. Dieser wird lang und hart sein, aber der Leser bekommt doch eine Vorstellung davon, dass mit dem Aussprechen dessen, was war und ist, das, was sein wird, zumindest eine gute Chance hat.

Vor allem für Fans von Ezri Dax ist diese Geschichte vermutlich besonders interessant. Ihr Charakter wird stark ausgebaut, und es gibt wichtige Veränderungen in ihrem Leben. Leider erfahren wir nicht mehr über ihre Familie (DS9-Episode Die verlorene Tochter), dafür immerhin einige Details aus Dax‘ früherem Leben und wie dieses bereits mit den Parasiten in Berührung kam. Tatsächlich war es Audrid, eine frühere Dax-Wirtin, die zur Zeit von Captain Christopher Pike in die Vertuschung der Symbionten-Parasiten-Verbindung verwickelt war.

Julian Bashir hat zwar nicht so viel zu tun wie seine Partnerin, wird dafür aber auch sehr gut getroffen. Besonders eindringlich ist für beide Figuren ein wegweisender Dialog am Ende von Unjoined. Es ist schön zu sehen, wie beide Protagonisten sich immer stärker von den Vorgaben der Serie gelöst haben. Andere Figuren bleiben daneben etwas blass. Wenigstens treten aber aus dem DS9-Relaunch oder anderen Reihen bekannt Charaktere wie Gard, Cyl oder Ranul Keru auf.

Trotz der gelungenen und mitreißenden Geschichte erschien mir der Schreibstil des Autorentandems diesmal ein wenig sperrig und langatmig. Das mag auch damit zusammenhängen, dass sie diesmal besonders stark in die seelischen Tiefen von Bashir und Ezri abtauchen und die Abgrenzung zu realen Vorgängen nicht immer gelingt. Sind Dax‘ aufkommende Erinnerungen auf Minos Korva noch ein beinahe gänsehautähnliches Erlebnis, gelingt dies an späterer Stelle weniger gut. So fällt es bisweilen ein wenig schwer, sich einzelne Szenen bildhaft vorzustellen.

Fazit

Dennoch steht mein Urteil fest: Unjoined ist eine inhaltlich sehr gut durchdachte und handwerklich rundum gut umgesetzte Geschichte mit erdrutschartigen Folgen für die Gesellschaft der Trill. Es werden lose Enden verbunden, und auch die Charaktere verändern sich. Kurzum: Eine Geschichte, die mustergültig zur Worlds of DS9-Reihe passt.


Winter People - Wer die Toten weckt: Wer die Toten weckt
Winter People - Wer die Toten weckt: Wer die Toten weckt
Preis: EUR 12,99

4.0 von 5 Sternen Verheißungsvoller Gruselroman mit schwachem Ende, 13. Juli 2014
Ich habe schon lange keinen Roman mehr gelesen, der so unter die Haut ging. Jennifer McMahons Beschreibungen sind niemals langweilig oder ausufernd, dabei aber sehr bildhaft, empathisch und zuweilen brillant verstörend. Ihr gelingt es, alle Hauptfiguren toll zu treffen und die Mysterien und Dramen, die ihre Leben umwehen, herauszuarbeiten und zudem einen fühlbaren Eindruck von der Atmosphäre in West Hall und Umland zu vermitteln. Anfangs fand ich die vielen Wechsel der Zeitebenen ein wenig störend, doch nach einer Weile weiß man sie sogar zu schätzen, weil die Schauplätze dieselben bleiben (die Teufelshand, die Wälder, Saras Haus...). Alles in allem baut McMahon eine große Erwartungshaltung im Hinblick auf das Finale auf. Doch dieses fand ich etwas kurz und weniger gelungen. Dass wir es, wie eine der letzten Szenen zeigten, hier mit einem handfesten Fluch zu tun haben, hat mich dann wieder versöhnt. Dennoch hätte ich gerne mehr über die Schlafenden erfahren und über Auntie. Aber natürlich lebt "Winter People" auch von vielem Unbeantworteten und Unausgesprochenen.


Der verborgene Garten
Der verborgene Garten
von Audiobuch Verlag
  Audio CD
Preis: EUR 9,95

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen 4 Sterne dank herausragender Sprecherin!, 16. April 2014
Rezension bezieht sich auf: Der verborgene Garten (Audio CD)
Nachdem ich es vor ein paar Jahren mit dem "verborgenen Garten" als Buch probiert hatte, aber auf halbem Weg stehen geblieben war, fand ich vor kurzem das Hörbuch und startete noch mal von vorne. Nun habe ich das Buch durchgehört und bin durchaus angetan.

Kate Morton erzählt eine verworrene Geschichte rund um ein sich auftuendes Familiengeheimnis, die vor allem von ihrer bestechenden Atmosphäre und der weitgehend authentischen und empathischen Beschreibung bzw. Entwicklung der Figuren lebt. Dass manche Wendungen überstürzt oder zu wenig erklärt erscheinen, fällt kaum ins Gewicht. Ich muss allerdings sagen, dass ich mir eine spannendere Story gewünscht hätte, denn außer der Ergründung der wahren Geschichte rund um Nells familiären Hintergrund durch die Enkelin Cassandra passiert bis zum Schluss nicht wirklich viel. Auch der verborgene Garten entpuppt sich nicht als das große Mysterium oder die entscheidende Wendung der Geschichte, sondern eher als zentrale Metapher des Romans.

Dennoch ist "Der verborgene Garten" eine gute Geschichte voller kleiner Welten, in die Morton kunstvoll und gekonnt eintaucht. Wirklich zum Vergnügen wird das Ganze aber erst durch die Sprecherleistung von Doris Wolters, die eine unglaubliche Feinfühligkeit, Variation und Dichte transportiert.


Star Trek: Enterprise: Rise of the Federation: Tower of Babel
Star Trek: Enterprise: Rise of the Federation: Tower of Babel
von Christopher L. Bennett
  Taschenbuch
Preis: EUR 7,63

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Enterprise-Relaunch wird endlich besser!, 26. März 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Achtung - diese Rezension enthält Spoiler!

Vorbemerkung

Wir erinnern uns: Im ersten Roman des zweiten Enterprise-Relaunch-Aktes (Rise of the Federation) mit dem bedeutungsvollen Titel A Choice of Futures erlebten wir, dass die Ausrichtung und das Selbstverständnis der Föderation - trotz der allgemeinen verfassungsmäßigen Prinzipien, auf denen sie fußt - unmittelbar nach ihrer Gründung noch nichts Feststehendes sind. Die gerade geborene Interspeziesallianz muss sich erst finden - und sie muss sich entscheiden, wer sie selbst sein möchte.

In A Choice of Futures stand die Föderation angesichts ihrer Bedrohung durch die ,Mutes` vor einer solchen Entscheidung und gab schließlich statt einer militärischen einer diplomatischen Lösung den Vorzug. Damit bestand sie ihre erste große Bewährungsprobe und durchkreuzte die dunklen Pläne derer, die sie zu Fall zu bringen versuchten. Auch in Tower of Babel, dem nächsten Werk aus der Feder von Christopher L. Bennett, geht die Selbstfindungsreise des blutjungen Völkerbundes weiter, sowohl in außen- als auch innenpolitischer Hinsicht. Und wieder gibt es diejenigen, die ihm nach dem Leben trachten.

Inhalt

Das Jahr 2164 bricht an. Zwei Jahre nach ihrer Gründung schreitet die Festigung der Föderation langsam, aber sicher voran. Es bestehen gewisse Aussichten, dass schon bald ein paar neue Mitglieder hinzukommen könnten. Doch immer wieder gibt es Schwierigkeiten zu meistern, die die beiden Herzen in der Brust der Sternenflotte ansprechen: Auf der einen Seite gilt es, Bedrohungen durch aggressive Piraten mit harter Hand militärisch zu ahnden, um die Sicherheit von Frachtern und Kolonien zu garantieren und Abschreckungspotenzial aufzubauen. Auf der anderen Seite muss die Föderation, wann immer dies möglich ist, als Friedensmacht auftreten, der daran gelegen ist, Konflikte mit nicht-militärischen Mitteln zu lösen und die Rolle eines neutralen Vermittlers einzunehmen.

In genau diesem Spagat befinden sich die beiden ,Frontschiffe` der Sternenflotte, die U.S.S. Pioneer unter Captain Reed und die U.S.S. Endeavour unter Captain T'Pol seit etlichen Monaten. Obwohl sich infolge von A Choice of Futures gewisse Handlungsmaximen hin zu einer Föderation als Soft Power abzuzeichnen beginnen, muss stets aufs Neue um den richtigen Weg und vor allem die feinen Kontraste zwischen einer Politik der harten Hand und einem sanften, besonnenen Vorgehen gerungen werden.

Besonders bedenklich für die Zukunft der Föderation ist, dass sie nach wie vor nicht von allen Mitgliedern ihrer Völker akzeptiert wird. Kolonisten, die sich einst von Welten wie Tellar oder der Erde lossagten, um ein neues Leben zu beginnen, aber sich niemals formell unabhängig erklärten, fühlen sich brüskiert, dass sie plötzlich in den Geltungsbereich des Föderationsrechts fallen und Sternenflotten-Schiffe von ihnen die Beachtung der Gesetze einfordern. Ein andorianischer Chauvinist hat sogar als Reaktion auf die Gründung der VFP einen eigenen Kleinstaat im Exil errichtet und betreibt lautstark Propaganda gegen die Planetenallianz. Das spielt immer stärker werdenden separatistischen Bewegungen auf nahezu allen Heimatwelten in die Hände, die in der Föderation eine (von der Erde gesteuerte) diktatorische Zentralmacht sehen, die sich auch die letzte freie Kolonie gefügig machen will.

Jonathan Archer kennt auf diese inneren Verwerfungen erst einmal nur eine Antwort: die Föderation weiter wachsen zu lassen. Bei seinem neuen diplomatischen Megaprojekt geht es darum, die Rigel-Welten für eine Mitgliedschaft zu gewinnen. Dadurch hofft er zum einen, die nach wie vor schwelenden Ängste in der Föderation zu zerstreuen, die Menschen würden diese Allianz zu dominieren versuchen, und den Separatisten somit ein gewichtiges Argument zu nehmen. Zum anderen möchte er einen großen Sektor des Alls, der bislang nicht nur für friedlichen Handel, sondern auch für eher zwielichtige Geschäfte bekannt war, stabilisieren und an rechtschaffene Prinzipien binden.

Leider trifft seine diplomatische Initiative nicht bei allen auf ungeteilte Begeisterung. Der andorianische Botschafter Thoris, einer der Kandidaten für die kommende Präsidentschaftswahl (die erste reguläre Wahl, anlässlich derer in der ganzen Föderation Wahlkampf tobt), weicht vor der Agitation der Separatisten in seinem Volk zurück und verkündet, dass er die Aufnahme weiterer Mitglieder in die Allianz in absehbarer Zeit nicht gutheißt. Die Aussicht, dass die nächste Föderationsregierung potenziellen Neuzugängen gegenüber skeptisch bis ablehnend eingestellt sein könnte, macht den Verhandlungsmarathon, den Archer und sein Kollege Soval mit den Rigelianern vor sich haben, jedenfalls nicht einfacher. Zwar erklärt sich die multiethnische Handelsgilde nach einiger Bedenkzeit einverstanden, offizielle Beitrittsverhandlungen zu eröffnen, möchte allerdings noch von den großen Vorteilen einer Mitgliedschaft in der Föderation überzeugt werden. Der Verhandlungsort wird auf den Föderationsplaneten Babel in unmittelbarer Nähe zum rigelianischen Raum gelegt.

Kaum haben die Gespräche begonnen, zeigen sich die Mühe der Ebene für alle Beteiligten. Die Rigelianer haben Bedenken, dass ein Beitritt zur Föderation mit rechtlichen Beschränkungen und Auflagen für ihre Handelsgeschäfte einhergehen könnte, die das Rigel-System auf Dauer Wohlstand und Freiheit kosten. Obwohl ihnen im Gegenzug mehr als nur der Schutz der Sternenflotte angeboten wird, ist die Delegation rund um Archer und Soval zeitweilig ziemlich frustriert.

Dann ereignet sich ein unvorhergesehener Zwischenfall. Mitglieder einer radikalen und abseitigen rigelianischen Fraktion, die sich selbst als ,Erste Familien` bezeichnet, plündern im Rahmen einer minutiös geplanten Aktion extrem sensible Staatsgeheimnisse der Handelsgilde. Zudem entführen sie zwei Crewmitglieder von Reeds Schiff, der Pioneer, die zu dieser Zeit das Rigel-System besucht. Bei den entwendeten Informationen handelt es sich um ein detailliertes Verzeichnis, das Hintergründe und Zusammenhänge hinsichtlich aller geschlossenen Handelsgeschäfte sowie streng vertrauliche Kundendaten enthält. Eine Veröffentlichung dieser Daten könnte nicht nur die Handelsgilde - deren größtes Kapital ihre Diskretion ist - ökonomisch zu Fall bringen, sondern auch jede Menge gefährliche Zwietracht unter den Spezies und Gruppierungen im Rigel-System säen und alte Konflikte wieder aufbrechen lassen. Archer und seine Vertrauten sind wieder einmal gefordert...

Kritik

Bevor ich das letzte Buch, A Choice of Futures, gelesen hatte, war ich nicht sicher, ob es eine kluge Entscheidung ist, die Geschichte von Enterprise weiter fortsetzen. Wie schon häufiger erwähnt, hat das Zweigespann Mangels und Martin die Erzählung vom Krieg gegen die Romulaner ziemlich vergeigt, und irgendwie hatte ich am Ende von To Brave the Storm das Gefühl, das Ganze hätte sich endgültig erschöpft und sei an sein Ende gelangt. Doch beim Lesen von A Choice of Futures wurde mir mehr und mehr bewusst, dass der schriftstellerische Erbe, Christopher L. Bennett, Enterprise komplett neu aufstellen wollte. Dabei geht es in Rise of the Federation nun in erster Linie um den mühseligen Prozess des Aufbaus der neuen Interspeziesallianz. Archer ist als Oberkommandierender quasi unter die Politiker gegangen, die einstige Enterprise-Crew hat auf zwei neuen Schiffen neue Plätze besetzt, und die ganze Geschichte ist deutlich polyzentrischer und reicher an Gastcharakteren geworden.

Obwohl ich nicht sagen kann, dass ich von A Choice of Futures übermäßig angetan war, sind die neue Stoßrichtung des Relaunch und Bennetts Ehrgeiz nicht zu leugnen: Kaum ein Thema ist wohl von einer solchen Komplexität für einen Star Trek-Autor wie die Darstellung der Genese der Föderation in den ersten Jahren nach ihrer Gründung. Während Enterprise aufgrund seiner frühzeitigen Einstellung Antworten über diese Zeit schuldig blieb, bekamen wir in TOS, TNG, DS9 und VOY einen Haufen Andeutungen und relativ unpräziser Informationen zum Wesen und zur Beschaffenheit des interstellaren Völkerbunds geboten. Dies gilt es nun zu entwickeln und mit Leben zu füllen. Ich habe Bennett also eine Chance gegeben und war gespannt auf das nächste Buch.

War A Choice of Futures noch durch ein zu großes Nebeneinander von sehr unterschiedlich wertvollen Handlungssträngen und eine meiner Meinung nach zu starke Fokussierung auf ein weiteres Alienvolk sowie eine überzogene politische Verschwörung geprägt, macht Tower of Babel vieles besser - nicht unbedingt wegen einer großartig veränderten Gesamtrezeptur, sondern ganz einfach, weil die Gewichtungen diesmal weitgehend richtig gesetzt werden.

Deutlich stärker stehen jetzt die internen Diskussions- und Findungsprozesse in der Föderation im Vordergrund. Bennett gelingt es, sehr authentisch und nachvollziehbar darzustellen, welche Schockwellen die Entstehung eines so revolutionären politischen Gebildes nicht nur in die übrige Galaxis, sondern vor allem in ihre Mitgliedswelten selbst gesandt hat - im positiven wie im negativen Sinn. Eine der Konsequenzen besteht eben leider auch darin, dass separatistische Strömungen, nationalistische Agitatoren und zweifelhafte Ideologen an Zulauf gewonnen haben, die das Unbehagen zahlreicher Bewohner der Allianz vor einer Bevormundung und Fremdbestimmung durch die VFP aufgreifen und nähren. Die Föderation, dieses beispiellose politische Projekt, wurde so schnell Realität, dass es viele Herzen nicht richtig mitnehmen konnte. Es droht damit zu einem Projekt der Eliten zu verkommen (gewisse Parallelen zu den gegenwärtigen Herausforderungen der Europäischen Union sind damit gegeben).

Trotz der anfänglichen Erfolge der Planetenunion zeigt sich, dass ein stures Weiter-so immer weniger funktionieren kann. Die Akteure innerhalb der Föderation müssen zur Kenntnis nehmen, dass sie nicht nur im Hinblick auf ihren außenpolitischen Kurs vielfach noch in der Selbstfindungsphase stecken, sondern auch, was die innere Beschaffenheit, die Strukturen und die rechtlichen Vorgaben der Allianz angeht. Bennett entfaltet dies sehr gekonnt - hier liegt meiner Ansicht nach die eigentliche Stärke des Buches.

Mit der Präsidentschaftskandidatur von Botschafter Thoris erreichen die föderationsskeptischen Stimmen zum ersten Mal die höchste politische Ebene. Thoris wird zwar aufgrund eines Skandals, in den er unlängst verwickelt ist, nicht lange Kandidat sein, aber seine Ansichten und Zweifel sind dennoch berechtigt. Thoris ist der Auffassung, dass die Verfassung der VFP für die einzelnen Mitgliedsnationen zu starr und zu stark auf die Schaffung eines starken Zentralstaats ausgerichtet ist. Er möchte sicherstellen, dass die einzelnen Staaten ein Maximum an Souveränität wahren können, ohne die Einheit und die Handlungsfähigkeit der Föderation zu schwächen. Im Gegenteil, Thoris ist der Überzeugung, dass gerade eine möglichst große Selbstbestimmung der beteiligten Völker die Akzeptanz der Föderation langfristig erhöhen und föderationsfeindlichen Bewegungen den Wind aus den Segeln nehmen wird.

So sehen wir hier erste Schritte hin zu einer VFP, wie sie uns aus späteren Jahrhunderten bekannt ist: ein aufgeklärter interstellarer Völkerbund, in dem Souveränität von Welten und Völkern groß geschrieben wird, in dem es unterschiedliche Geschwindigkeiten und Tiefen der Integration gibt (etwas das ja auch für die Europäische Union immer wieder diskutiert wird), in dem die Sternenflotte zwar eine herausgehobene Position innehat und einige Welten dennoch eigene Flotten und Verteidigungsstreitkräfte unterhalten. Gerade diese optimale Balance aus Pluralismus und Einheit, das wird durch das vorliegende Buch deutlich, ist eines der entscheidenden Erfolgsrezepte dieses beispiellosen Vielvölkerprojekts. Doch der Weg dorthin ist gepflastert mit schwerwiegenden Zerreißproben.

Was ich wieder gut finde, ist, dass am Ende jeder irgendwo Recht hat - die progressiven, um Archer gruppierten und die eher skeptischen, von Thoris verkörperten Elemente in der Föderation. Die Lösung liegt in einem klassischen Kompromiss: die politischen Strukturen werden peu à peu überarbeitet und verfeinert, dem Föderalismus und der Selbstbestimmung der Völker eine größere Rolle eingeräumt. So zeigt sich, dass eine weitere besondere Stärke der Föderation darin besteht, dass sie ihre internen Konflikte und Krisen fruchtbar für die Gestaltung ihrer Zukunft nutzen kann.

Kommen wir zur Handlung rund um Rigel. Ich muss zugeben, ich habe mich ein wenig gewundert, warum die Erdregierung und Archer derart versessen darauf sind, die Ausdehnung der Föderation bzw. die Aufnahme neuer Mitglieder so schnell voranzutreiben - man versucht es ja nicht nur bei den Rigelianern, sondern auch bei der Vega-Kolonie und den insektoiden Bewohnern von Kaferia. Wo es doch schon so viele hausgemachte Schwierigkeiten gibt, erscheint ein solches Vorgehen überstürzt. Warum wird nicht zuerst der Status quo konsolidiert, warum mit einer potenziellen Erweiterung ein so hohes politisches Risiko eingegangen? Die vorgebrachten Begründungen haben mich da nicht wirklich überzeugen können. Allerdings folgt es dann wieder einer gewissen Logik, dass Bennett die Rigelianer in den Vordergrund stellt. Die Beschäftigung mit dieser mehrere Völker umfassenden politischen Entität hat mir deutlich mehr Lesespaß abgerungen als der Einbau der ,Mutes`, der Orioner, Tandaraner oder Mazariten im letzten Roman.

Da das Rigel-System in der ersten und der letzten ENT-Episode besucht wurde, ist es auf symbolische Weise mit der Geschichte der ganzen Serie verknüpft. Hinzu kommt, dass wir Versatzstücke über die Rigelianer bereits kennenlernen durften, beispielweise durch den Chelonen Jetanien in Vanguard. Aber das ganze Bild dieses dicht besiedelten Sternensystems und der dahinter stehenden Gesellschaft blieb uns bislang verborgen. Ohne allzu stark in einen für ihn typischen, erklärseligen Wissenschaftsflash abzugleiten, gelingt Bennett die Zeichnung eines weltoffenen und äußerst heterogenen Zusammenschlusses unterschiedlichster Spezies, die sich im Grunde genommen so etwas wie eine lockere Mini-Föderation geschaffen haben. Lediglich der Umstand, dass die Rigelianer offenbar in einem zentralen Datenarchiv ihre sensibelsten Kundendaten ablegen, hat mich doch schwer gewundert.

Die ersten Gespräche mit den Rigelianern sind spannend. Sie wollen sich zwar anhören, was die Föderation ihnen zu sagen hat und erwägen einen Beitritt, sind jedoch offensichtlich alles andere als überzeugt davon. Anhand der Reaktionen der Handelsgilde bekommt man ein Gefühl dafür, wie ein so großer und ziemlich abrupt entstandener politischer Block wie die Föderation auf andere Völker wirken muss - mit allen positiven Aspekten, aber auch Schattenseiten und Befürchtungen, die damit verbunden sind.

Leider beginnt das hohe Niveau der Handlung in der zweiten Hälfte des Buches deutlich abzufallen. Es liegt natürlich an der Geschichte rund um den seltsamen Datenklau und das Kidnapping. Entführungen hatten wir - gerade in Enterprise - sehr oft, aber das ist gar nicht mal mein Hauptproblem mit dem weiteren Verlauf der Handlung. Nach den ersten hundert Seiten hatte ich mich auf eine Geschichte gefreut, die uns die Kunst der Föderationsdiplomatie vor Augen führt. Darauf, dass wir intensiven und konfliktlastigen Verhandlungen mit den Rigelianern beiwohnen dürfen, bei denen Archer, Soval und Co. kurz vor einem Scheitern doch noch die Wende hinbekommen und ihre ganze Überzeugungskraft in die Waagschale werfen.

Doch nach den ersten Gesprächen mit den neuen Beitrittskandidaten kommt die diplomatische Ebene kaum noch zum Zuge. Stattdessen kriegen wir - nebst einer höchst überflüssigen zeitweiligen Mordverdächtigung Archers - eine Katz- und Mausjagd quer durch das Rigel-System geboten, die weder besonders spannend ist noch Hintergründe zu enthüllen hat, die uns nicht hinreichend bekannt wären: Natürlich stecken kriminelle Elemente hinter dem Zwischenfall, natürlich ist das Orion-Syndikat treibende Kraft, und natürlich will es um jeden Preis verhindern, dass ihm mit dem Rigel-System Handelswege und Einflussräume für seine subversiven Machenschaften verloren gehen. Dass die Orioner dabei offensichtlich auch den Plan verfolgen, eine Art Multispezies-Mafia aus der Taufe zu heben, entlockt mir kein Staunen.

Abgesehen davon, dass Orioner als Hauptantagonisten nicht so richtig taugen (ich habe irgendwie meine Schwierigkeiten mit drei leicht betuchten, ränkeschmiedenden orionischen Mädels), wirkt es einfach nicht sonderlich glaubwürdig, dass eine Versammlung von Piraten und Gangstern einer so gewaltigen Planetenallianz wie der Föderation - die sogar die Romulaner bezwungen hat - gefährlich werden kann. Zudem hatten wir ja schon im letzten Buch eine politische Intrige gegen die Föderation, an der auch das Syndikat beteiligt war, und wir wissen ja ohnehin, dass ein Scheitern dieses Coups vorprogrammiert ist. Das alles schmälert die Qualität und Spannung der Diebstahlgeschichte zusätzlich.

Doch das eigentliche Problem bleibt, dass sie vieles von dem, was sich in der ersten Hälfte angekündigt hat, unter sich begräbt. Die Handlung kippt teilweise in eine typische 45-Minuten-Episode, wohingegen viele Potenziale aus dem verheißungsvollen Auftakt von Tower of Babel verschenkt werden. Abgesehen von Sicherheitsbedenken und der Tatsache, dass die Sternenflotte den Rigelianern bei der Lösung des Zwischenfalls hilft, erscheint es mir nicht so richtig nachvollziehbar, warum sich die Händlergesellschaft zuletzt der Föderation anschließt. Die Story hätte IMO erheblich besser funktioniert, wenn es diesmal ausschließlich um föderationsinterne Angelegenheiten und die Erweiterungsfrage rund um Rigel gegangen wäre. Wir brauchen nicht immer platte Schwarzweiß-Bösewichter.

Neben dem dominierenden Rigel-Plot gibt es eine kleinere Parallelhandlung, die Trip Tucker bei einem Einsatz für Sektion 31 auf Sauria über die Schulter sieht. Am Ende dieser nicht sonderlich spektakulär in Szene gesetzten Mission wird Trip anders über Sektion 31 denken, was sich in folgendem Zitat ausdrückt: Protectin` the Federation is all that matters to them. So much so that maybe they're fortgetting about protecting what it stands for." Man wird abwarten müssen, ob ihn diese veränderte Einstellung bald in ein neues Verhältnis zu seinem Arbeitgeber bringen wird. Allerdings wäre eine Opposition zu Harris' Büro auch nur eine Wiederholung der Bashir-Thematik. Insofern frage ich mich hier besonders, was Bennett für die Zukunft plant.

Noch ein Wort zu den Figuren: Es gibt einiges an Techtelmechtel, aber wirklich überzeugt hat mich nichts. T'Pol und Trip kommen auch in Tower of Babel mit ihrer Beziehung nicht recht vom Fleck (hoffentlich ändert sich das mit Trips Desillusionierung in Bezug auf Sektion 31 demnächst), T'Pols andorianischer XO fühlt sich zeitweilig etwas an den Rand gedrängt, Archer denkt nach dem Verlust von Erika Hernandez wieder über eine Beziehung nach und verliebt sich prompt in die falsche Frau. Obwohl relativ viele Figuren Auftritte haben, agieren sie meist nur als Statisten, weil es angesichts der Fülle von Orten und Schiffen schlicht nicht den nötigen Entfaltungsspielraum gibt. Das gilt auch für Sam Kirk. Sei's drum. Ich denke nicht, dass jedes Mal große Charakterentwicklungen stattfinden müssen, deshalb würde ich an dieser Stelle mit der Kritik an Tower of Babel Milde walten lassen.

Fazit

Tower of Babel spinnt die neue Grundlinie des Enterprise-Relaunch, die mit A Choice of Futures begründet wurde, konsequent weiter. Gegenüber dem Vorgänger steigert sich die Qualität der Geschichte zweifellos. Besonders die Darstellung des inneren Selbstfindungsprozesses der Föderation ist äußerst gelungen und klug dargestellt. Leider verliert sich diese Story später in der etwas tumben Verschwörungs- und Intrigengeschichte des Orion-Syndikats. Somit bleibt Tower of Babel ein Buch mit tollen Potenzialen, die leider nur zum Teil genutzt werden.

Trotzdem: Nach jahrelanger Ernüchterung stelle ich verwundert fest, dass es sich um den bislang besten Roman des Enterprise-Relaunch handelt. Da kann man nur wünschen, dass Bennett weiterhin an seinen Brettern bohrt, auch, wenn für die nächste Zeit kein weiteres Buch in der Reihe mehr ansteht. Aber kreative Pausen sollen ja manchmal ganz nützlich sein...
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Mar 29, 2014 1:27 PM CET


Star Trek: Voyager: Protectors
Star Trek: Voyager: Protectors
von Kirsten Beyer
  Taschenbuch
Preis: EUR 6,70

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Voyager nimmt (endlich) wieder Fahrt auf, 19. Februar 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Star Trek: Voyager: Protectors (Taschenbuch)
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Vorbemerkung

Protectors ist der erste Teil einer Trilogie anlässlich des zwanzigjährigen Jubiläums von Star Trek: Voyager. In der Ankündigung von Paramount heißt es über diese Trilogie: „When these stories have been told, all of the questions that have remained unaddressed since the fleet’s new mission began will be answered.”

Inhalt

Die bislang dramatischste Mission seit ihrer Rückkehr in den Delta-Quadranten liegen hinter der Voyager und ihrer Flotte. Im Zuge der zurückliegenden Ereignisse von The Eternal Tide ging es nicht nur um die Rettung des Multiversums, sondern mehrere Schiffe einschließlich der bisherigen Flottenkommandantin Captain Afsarah Eden gingen unwiederbringlich verloren – und die vierzehn Monate lang tot geglaubte Kathryn Janeway kehrte wundersam ins Leben zurück.

Diese dramatischen Vorfälle führen nun dazu, dass die Sternenflotte neu über die Zukunft des Projekts Full Circle nachdenkt. Auf den ersten Blick scheint vieles dagegen zu sprechen, die Voyager und die verbliebenen Einheiten weiter im Delta-Quadranten zu belassen: Erstens hat die Voyager bislang keinen echten Hinweis darauf finden können, dass das Borg-Kollektiv noch existiert (das war einer der wesentliche Aufträge), zweitens kann es sich die Sternenflotte angesichts ihrer Herausforderungen beim Wiederaufbau und der sich verschlimmernden Konfrontation mit dem Typhon-Pakt nicht leisten, alle (inzwischen fünf von insgesamt neun) verloren gegangenen Schiffe zu ersetzen (wodurch eine Langzeitmission kaum noch machbar ist) und will zudem im Alpha- und Beta-Quadranten auf tunlichst kein Schiff verzichten.

Gewichtig hinzu kommt noch, dass zwar der Leiter der Full Circle-Projekts, Admiral Montgomery, Janeway den Oberbefehl über die Flotte angeboten hat, aber von seinen Vorgesetzten im Oberkommando – darunter insbesondere Admiral Akaar – überstimmt wurde. Diese weigern sich, Janeway ohne weiteres zu Edens Nachfolgerin zu ernennen, weil sie an ihrer Diensttauglichkeit Zweifel haben. Also wird sie erst einmal zwecks eingehender Befragung und psychologischer Begutachtung zur Erde zurückzitiert. Janeway wiederum scheint nicht einmal hundertprozentig überzeugt, dass es richtig wäre, den Posten an der Spitze der dezimierten Flotte zu übernehmen. So hängt das Projekt Full Circle zum ersten Mal in den Seilen.

In dieser Situation beschließt Captain Chakotay, der Sternenflotte zu demonstrieren, dass die Arbeit der Voyager hier draußen von beträchtlichem Wert ist und nicht einfach fallen gelassen werden kann – koste es, was es wolle. Er will nicht länger nach dem Verbleib der Borg suchen, sondern sich ganz neuen Themen und Fragestellungen zuwenden, die wieder mehr mit Forschergeist zu tun haben. Im Anschluss an eine groß angelegte Zeremonie zum Gedenken an die gefallenen Besatzungen der Esquiline, Quirinal, Hawking und Curie bricht das medizinische Versorgungsschiff Galen mit Janeway an Bord Richtung Erde auf (mit ihr kommen der Doktor, Barclay und Icheb, welcher ebenfalls zur Erde zurückkehrt, um sein Studium an der Sternenflotten-Akademie zu beenden).

Währenddessen beruft Chakotay eine Sitzung der Führungsoffiziere von Voyager und Demeter ein. Nach einem Brainstorming verschiedener Missionsideen begeistert Kim ihn mit Informationen über ein Weltraumphänomen, dem die Voyager in ihrem allerersten Jahr im Delta-Quadranten begegnete: jener Raumverzerrung, die sich als Lebensform herausstellte (Episode Der mysteriöse Nebel). Bevor sie sich damals entfernte, lud sie die Datenbank der Voyager herunter und kopierte ihrerseits große Datenmengen in die Speicherbänke des Schiffes. Doch wie Kim eröffnet, hat es sechs Jahre gebraucht, bis er mit diesen kryptischen Informationen etwas anfangen konnte. Nun wagt er die These, dass der Nebel nicht – wie einst von Janeway vermutet – einfach nur ‚Hallo‘ sagen wollte, sondern offenbar eine Art Notsignal absetzte – und zwar in Bezug auf den Ursprungsort, von dem er loszog.

Der Sicherheitschef glaubt, dass diese ominöse Entität aus einer unbekannten Region in den unkartografierten Tiefen des Delta-Quadranten stammt und bereits 20.000 Lichtjahre ‚gewandert‘ war, als ihr die Voyager vor zehn Jahren begegnete. Die Koordinaten hat er jetzt praktischerweise verfügbar (und gibt auf Fragen, warum er das Thema nicht schon früher ansprach, zu bedenken, dass die Voyager, hätte sie damals diesem vermeintlichen Notruf nachgehen wollen, 40.000 Lichtjahre in die falsche Richtung hätte reisen müssen). Wie gut, dass vor kurzem ein dramatischer Technologiesprung bei der Sternenflotte eingesetzt hat und die Voyager nun über experimentellen Quanten-Slipstream-Antrieb verfügt. Dadurch werden aus Jahren der Reise nur noch ein paar Wochen. Chakotay fängt Feuer und lässt einen Kurs setzen. Noch ahnt niemand, dass diese selbst erteilte Mission die Voyager mit extrem gefährlichen Alienartefakten in Berührung bringen wird, hinter denen eine uralte Zivilisation steht, und die das Überleben Vieler gefährden.

Auf der Erde angekommen, ist Janeway einem Wechselbad der Gefühle ausgesetzt. Einerseits ist das Wiedersehen mit ihrer Familie, Freunden und Bekannten eine längst überfällige und sehr innige Erfahrung, andererseits entpuppen sich die Sitzungen im Oberkommando als annähernd so unangenehm wie von ihr befürchtet. Dabei wird immer offensichtlicher, dass die Bedenken der Admiralität gegen ihre Ernennung als neue Befehlshaberin der Full Circle-Flotte nicht nur mit ihrer Assimilation bzw. Wiederauferstehung und den prägenden Erlebnissen mit den Q und Omega zu tun haben. Vielmehr glaubt man im Oberkommando, dass Janeway ihrer Besatzung mittlerweile zu nahe steht, um noch ihre Vorgesetzte sein zu können. Obwohl sie alles daran setzt, die Zukunft des Projekts Full Circle zu sichern, scheinen Akaar und die anderen Admiräle bereits festgelegt zu sein.

Nachdem die Galen Janeway auf der Erde abgesetzt hat, fliegt sie auf dringenden Befehl direkt weiter nach Sternenbasis 185 an der Föderationsgrenze im Beta-Quadranten. Speziell die Dienste des Doktors wurden angefragt. Er soll sich um einen Patienten kümmern, der vor kurzem aufgelesen wurde und scheinbar ein Caeliar ist. Da der Doktor mittlerweile entscheidende Fortschritte beim Studium von Sevens Catomen erzielt hat, die nach der Auflösung des Borg-Kollektivs durch die Caeliar-Gestalt alle Nanosonden in ihrem Körper ersetzt haben, ist es ihm zuerst möglich, die Theorie, dass es sich beim Fremden um einen Caeliar handelt, zu widerlegen. Kurz darauf stellt er fest, dass der Fremde ein ehemaliger Borg ist, der sich weigerte, in die Caeliar-Gestalt aufgenommen zu werden. Und mehr noch: Offenbar handelt es sich um einen alten Bekannten von Seven of Nine: Axum. Im Zuge von Axums Behandlung findet der Doktor heraus, dass die Föderation schon sehr bald von einem tödlichen Virus betroffen sein könnte, das von den Catomen ausgeht…

Kritik

Ich muss zugeben, ich hatte den Voyager-Relaunch schon beinahe abgeschrieben. Seit dem wirklich überragenden Full Circle, das so viel Potenzial bot, versank die Romanfortsetzung in höchst mittelmäßigen und soaplastigen (!) Einzelabenteuern, die alles andere taten als den ‚Kreis zu schließen‘. Der letzte Roman, The Eternal Tide, brachte dann Janeway zwar mit Pauken und Trompeten zurück, bot allerdings nebst enormem Schiffsverschleiß eine ziemlich wirre Geschichte über Raum-Zeit-Paradoxien und das Multiversum, bei der ich teilweise nur noch abgeschaltet habe. Obwohl es noch das beste Buch der letzten Jahre war, habe ich nicht wirklich Feuer gefangen. Immerhin hat The Eternal Tide aber neue Tatsachen geschaffen: Die Full Circle-Flotte wurde mehr als halbiert, Captain Eden hat sich für den Fortbestand der Milchstraße geopfert, und Janeway ist zurück von den Toten. Kirsten Beyers neuester Streich, Protectors, macht genau an dieser Stelle weiter – und hat mich wirklich positiv überrascht.

Zum ersten Mal seit langem hat man das Gefühl, dass der Voyager-Relaunch wieder in eine neue formative Phase eintritt. Diese scheint die Fehler vorangegangener Phasen tunlichst vermeiden zu wollen. Was genau meine ich damit?

Zum einen die Rückkehr zur Caeliar-Thematik: Endlich kommt diese mächtige Spezies, die es in Destiny mal eben vollbrachte, das ganze Borg-Kollektiv verschwinden zu lassen, wieder vor, wenn auch nur indirekt. Full Circle riss gerade im Zusammenhang mit der Transformation Seven of Nines viele Fragen an, ließ diese aber weitestgehend offen. Was dann folgte, waren verschiedene Einzelabenteuer der Flotte im Delta-Quadranten – der Voyager-Relaunch kam von seinem roten Faden ab und verzettelte sich immer mehr. Dabei ist ja die Vertiefung der Caeliar-Thematik gerade ein guter Weg, die Voyager-Romane stärker mit den anderen Star Trek-Geschichten zu verbinden sowie die Ereignisse aus Destiny fortzuführen. Jetzt scheint der große Bogen, der mit dem ersten Roman des zweiten VOY-Relaunch begonnen wurde, wieder aufgenommen zu werden, und das lässt mich hoffen, zumal der Handlungsbogen rund um die Catom-Seuche ja noch im kommenden Band, Acts of Contrition, weitergeführt wird.

Der zweite wichtige Aspekt betrifft meiner Meinung nach das Wiedervorkommen des Alpha-Quadranten: Waren die ersten vier Romane der Serienfortsetzung – damals noch aus der Feder von Christie Golden – im Alpha-Quadranten angesiedelt, kehrte die Voyager ab Full Circle wieder in den Delta-Quadranten zurück und führt seitdem dort ein ziemliches Eigen-, fast möchte man sagen Einsiedlerleben. Janeways Rückkehr zur Erde (dem Quanten-Slipstream sei Dank!) und die Handlung rund um den vermeintlichen Caeliar-Patienten des Doktors zeigen: Jetzt ist wieder der Anspruch da, die Geschehnisse in der südlichen Milchstraße mit dem Delta-Quadranten zu verflechten – und Voyager so stärker mit der Typhon Pact-Reihe zu verzahnen. Das kann nur von Vorteil sein und bringt auch mehr Abwechslung hinein. Darüber hinaus gibt es aber auch ein Reservoir an Figuren auf der Erde, die jetzt endlich wieder genutzt werden können. Auf diese Weise gibt es hier einen Brückenschlag zu den Auftaktbänden des VOY-Relaunch: Gastcharaktere wie Julia Paris (die Witwe des in Destiny verstorbenen Admiral Paris, die Tom nicht verzeihen kann, dass er in A Singular Destiny den Tod von B’Elanna und Miral vorgetäuscht hat), Tuvok (wenn auch nur postalisch), Mark Johnson oder die Familie Janeway tauchen direkt oder indirekt auf.

Die dritte Veränderung, die gegenüber den früheren Romanen auffällt, ist der sehr gezielte Umgang mit den Figuren. Was angenehm auffällt: Es gibt deutlich weniger belangloses Techtelmechtel zwischen B- und C-Crewmitgliedern, stattdessen wieder eine Fokussierung auf die Kernmannschaft (dankenswerterweise ist ja auch durch die Dezimierung der Flotte das Reservoir potenzieller Lückenbüßerfiguren stark geschrumpft) und eine deutlich bessere Dosierung von Charakterszenen. So gibt es zum Beispiel gar kein langes Geturtel zwischen Janeway und Chakotay, und abgesehen von B’Elannas zweiter Schwangerschaft und den damit verbundenen Schwierigkeiten, dem Verhältnis von Seven und Cambridge oder Harry Kims zunehmende Ambitionen auf ein eigenes Kommando wird der Leser nicht mit persönlichen Beziehungskisten erschlagen. Lediglich den Streit um Miral, der in der Familie Paris zum Ende des Buches aufflammt, finde ich verzichtbar. Ansonsten ist die Zeichnung der Figuren ist bei Beyer wie immer gewohnt gut und authentisch.

Was Protectors im Kern wirklich ausmacht, ist die minutiöse und durchweg gelungene Charakterstudie Janeways. Ihre Bemühungen, der Full Circle-Flotte neue Ressourcen zuzuschaufeln, rücken dagegen beinahe in den Hintergrund. Man könnte fast sagen, dass der einstige Voyager-Captain psychologisch komplett durchleuchtet und dekonstruiert wird. Besser als vermutlich in jedem anderen Band werden so ihr Wesen und ihre bisherigen Entscheidungen verständlich und nachvollziehbar. Die herausragenden empathischen Fähigkeiten, die Beyer wieder einmal an den Tag legt, führen hier wirklich zu besonderen emotionalen Höhepunkten. Protectors rückt zudem das Bild einer arroganten, selbstbezogenen Admiralin, wie es in manchen anfänglichen TNG-Relaunch-Bänden herüberkam, wieder gerade.

Ein zweiter Aspekt, der in Proctors meiner Meinung nach überaus gekonnt entwickelt wird, ist Janeways Gefühl zunehmender Fremde in der Heimat. Sie kehrt in eine stark veränderte Föderation zurück, die eine unglaubliche Borg-Apokalypse erlebt hat, gegen die der Dominion-Krieg eher ein müder Witz war. Diese Föderation ist offenbar bereit, Folter in Kauf zu nehmen, um Leben zu retten, wie die Handlung um Axum zeigt, welche in Acts of Contrition weitergeführt wird. Es reizt mich, zu erfahren, wie sich Janeways Einstellung zur Föderation in den folgenden Büchern entwickeln wird. Aber schon in Protectors ist die Desillusinierung deutlich spürbar: Immer mehr beginnt sie zu erkennen, dass das nicht mehr ihr Zuhause ist und sie hier kein Glück finden kann – und das verstärkt ihren Wunsch, wieder auf die Voyager zurückzugehen. Hinzu kommen die direkten oder latenten Vorwürfe, mit denen sie konfrontiert ist: dass erst ihr Feldzug gegen das Borg-Kollektiv in Endspiel dazu geführt habe, dass die kybernetischen Invasoren sich dazu entschlossen, die Föderation ausradieren zu wollen. Auch hier gibt es ein großes Charakterkino.

Alles in allem entsteht der Eindruck, dass Protectors kein Buch ist, das sich in den falschen Plots verirrt, sondern weitgehend konsequent die Handlung aus The Eternal Tide fortsetzt. Allerdings gibt es auch Schwachpunkte, die zwar deutlich geringer ausfallen als in früheren Bänden, die ich gleichwohl aber nicht verschweigen will.

Die Voyager-Handlung erscheint mir als die mit Abstand schwächste von allen Plots. Das liegt vor allem daran, dass die Geschichte rund um den ‚mysteriösen Nebel‘ eigenartig und willkürlich erscheint. Vieles wirkt extrem konstruiert. Kim kommt (nach langem und für mich wenig verständlichem Schweigen) plötzlich auf die Idee, man könnte doch mal diesem Nebel von vor zehn Jahren nachgehen, und Chakotay wirkt, als hätte er nur darauf gewartet. Was sich dann im Laufe des Buches dem Leser preisgibt, ist eine gewöhnungsbedürftige Story rund um böse Artefakte, eine ausgestorbene Zivilisation und Milliarden Lebewesen, die davon bedroht sind. Hatten wir das nicht schon zuhauf in anderen Star Trek-Reihen? Auch die Probleme mit dem Demeter-Kommandanten O'Donnell und die Diskussionen in Bezug auf die Oberste Direktive überzeugen mich weniger. Dieser Handlungsbogen erscheint mir weitgehend als Lückenbüßer.

Nebenbei bemerkt: Es erschließt sich mir nicht wirklich, warum Chakotay der Sternenflotte mit dieser Mission einen ‚Beweis‘ für den Wert der Full Circle-Flotte liefern will – und was das bringen soll. Es ist doch in vielerlei Hinsicht total unstrittig, dass es von großem Vorteil ist, ein paar Schiff im Delta-Quadranten zu haben, und ich wüsste nicht, was ein aus dem Ärmeln geschüttelte weitere Mission daran ändern sollte, erst recht, wenn sie derart willkürlich gewählt ist?

Überhaupt hätte ich es besser gefunden, nicht so viele parallele Handlungsbögen laufen zu lassen und auf die separate Mission der Voyager zu verzichten. Mir hätte es nämlich gefallen, wenn die gesamte Voyager-Crew mal wieder im Alpha-Quadranten gewesen wäre. Im Gegenzug hätte man die anderen Plots besser ausgestalten und ihnen noch mehr Platz einräumen können.

Schattenseiten gibt es wiederum beim Janeway-Plot, allerdings weniger bei der Qualität der Handlung, sondern wegen einiger Längen, die negativ auffallen. Zum einen wird relativ ausführlich rekapituliert, was in den 14 Monaten, in denen die Admiralin ‚weg‘ war, mit der Föderation und ihrer Nächsten passierte. Der Leser weiß das ja schon alles. Hier hätte Beyer sich deutlich kürzer fassen können.

Was eine weitere Länge ist: Janeways Hadern, ob sie jetzt in den Delta-Quadranten zurück will oder nicht, kauft man ihr von vorneherein nicht wirklich ab – erst recht nicht, wenn sie ständig über ihre Crew als die Personen spricht, die ihr am meisten bedeuten. Man weiß doch, dass sie letztlich nichts lieber will als auf die Voyager zurückzukehren und die Full Circle-Flotte zu befehligen (allein schon Chakotay ist da ein starkes Pro-Argument). So hätte man sich auch hier etwas kürzer fassen können – und sich insbesondere die Szene mit Picard sparen können, der in Protectors fast wie ihr Beichtvater auftritt.

Was ich dann auch ein wenig verwunderlich fand, war, wie schnell sich die ganze Blockade seitens der Admiralität aufzulösen beginnt. Janeway wendet eine andere Strategie an (die ihr Picard erst ins Ohr flüstern musste), und schon scheint niemand mehr etwas dagegen zu haben, dass sie in Zukunft dem Projekt Full Circle vorstehen wird.

Fazit

Dennoch: Alles in allem macht Protectors vieles sehr richtig und dafür relativ wenig falsch. Es bietet nicht mehr die Angriffsflächen früherer VOY-Romane, dafür aber zeigt Kirsten Beyer einmal mehr, dass sie eine herausragende Charakterautorin ist.

Protectors ist kein Buch, das sich verzettelt, sondern seit Full Circle der bislang beste Roman, weil offenkundig der Versuch unternommen wird, die Voyager nicht (wie so häufig schon zu Serienzeiten) in Einzelabenteuern versauern zu lassen, sondern die Grundfragen, die dereinst Full Circle stellte, wieder anzugehen und die Serie stärker in den Kontext der Typhon Pact-Reihe einzubetten. Abgesehen vom weniger gelungenen Voyager-Plot bietet das Buch vor allem tolle und tiefgehende persönliche Momente. Ich muss zugeben, ich hätte nicht gedacht, dass der VOY-Relaunch noch einmal die Kurve kriegt, aber es sieht fast danach aus. Jetzt habe ich die Hoffnung, dass in den zwei folgenden Teilen der Trilogie noch einer obendrauf gesetzt wird.


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