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Rezensionen verfasst von
Kai Weber (München)

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Little Trumpet
Little Trumpet
Preis: EUR 13,51

2.0 von 5 Sternen Idee und Ausführung, 11. September 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Little Trumpet (Audio CD)
Das war eine schöne Idee, die Geschichte einer kleinen Trompete mit den Mitteln einer musikalisch erstklassig besetzen Jazz-Combo zu erzählen. Aber die Ausführung ist eher lahm. Dafür, dass hier Tim Berne, Bill Frisell und Herb Robertson mitwirken, ist es für meinen Geschmack ein bisschen zu konventionell geraten.


Martin Luther: Eine Einführung (Uni-Taschenbücher M)
Martin Luther: Eine Einführung (Uni-Taschenbücher M)
von Dietrich Korsch
  Broschiert

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Vom Lohnen der Theorie, 14. Januar 2012
Dietrich Korschs Luther-Einführung zeichnet vor allem durch eines aus: Mut zur Theorie und zur entsprechenden Diktion. Biographische Erzählung sucht man hier vergeblich, für das Verständnis bestimmter Texte wichtige Ereignisse aus Luthers Leben oder der Zeitgeschichte werden auf knappstem Raum angerissen und auf das Nötigste beschränkt. Ansonsten widmet sich Korschs Text ganz zentralen Denkproblemen und Themenkomplexen, zu denen jeweils sowohl der Verstehenshorizont von Luthers eigener Zeit als auch eine heutige Sicht zu ihrem Recht kommen lassen. Martin Luther wird den Leserinnen und Lesern als "Theologe der Unterscheidung" präsentiert. Trennlinien von Luthers Unterscheidungen verlaufen so etwa zwischen Gottesgerechtigkeit und Glaubensgerechtigkeit, zwischen Verborgensein und Offenbarung, zwischen göttlicher und weltlicher Macht, usw.
Durch den recht theoretischen Zugang verlangt dieses kleine Büchlein eine konzentrierte Lektüre, die sich aber lohnt, auch für Nicht-Theologen, sogar für Nicht-Gläubige. PhilosophInnen und theorieliebende LiteraturwissenschaftlerInnen kommen hier auch auf ihre Kosten, ganz unabhängig von ihren persönlichen Glaubensvorlieben: Als eine Schule des dialektischen und strukturalistischen Denkens.


Anmut und Gnade: Roman
Anmut und Gnade: Roman
von Wolfgang Schlüter
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 36,00

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Ein Kaleidoskop vom Reißbrett, 11. Januar 2012
Rezension bezieht sich auf: Anmut und Gnade: Roman (Gebundene Ausgabe)
Es wird viel gesprungen in diesem Roman, hin und her, vor und zurück. Man bewegt sich im Frankreich des 17. bis 21. Jahrhunderts, begegnet illustren Gestalten wie den Komponisten Lully, Rameau, ein bisschen auch Mozart, den Philosophen Diderot und Rousseau, am Ende kurz auch Politikern (de Villepin, Chirac); außerdem einem sehr plastisch gestalteten Dirigenten und etwas blass bleibenden Orchestermusikern, einem Antiquar mit mobilem Laden, einem verschrobenen alten Pärchen mit diversen Sprachfehlern und sonstigen Eigenheiten und einer drohenden Masse von jugendlichen Randalierern aus den Pariser Banlieues. In vielen liebevollen Einzelheiten ist das ein wunderbarer Roman. Ganz besonders gelungen sind die intellektuellen Unterhaltungen und Reden, sowohl zwischen den Personen des 18. als auch denjenigen des 20. Jahrhunderts. Als Gesamtwerk bleibt der Roman jedoch etwas lose und disparat, einige der kaleidoskopartigen Musterfetzen scheinen sich nicht so recht zu einem schönen, großen Bild fügen zu wollen. Das Lesen dieses Buches ist dennoch keine Verschwendung von Lebenszeit, die mikroskopische Betrachtung der vielen schönen Szenen lohnt allemal.
Wer plastisch gestaltete, lebensechte und lebensnahe, fühlende Gestalten vor dem Hintergrund zeitgenössischen Musiklebens haben möchte, dem sei eher Petra Morsbachs "Opernroman" empfohlen. Wer sich an intellektueller Spielerei erfreut, sich gerne an die Lektüre von Diderots "Rameaus Neffe" erinnert und vielleicht sogar bereits Cathleen Schines "Rameaus Nichte" genossen hat, dem sei auch "Anmut und Gnade" wärmstens empfohlen.


Vanek-Trilogie Audienz - Vernissage - Protest und Versuchung - Sanierung
Vanek-Trilogie Audienz - Vernissage - Protest und Versuchung - Sanierung
von Václav Havel
  Taschenbuch
Preis: EUR 6,50

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Dauerhaft aktuell, 5. Januar 2012
Gegenüber der Literatur von sogenannten Dissidenten habe ich zunächst immer ein Vorurteil: Dass ihre literarischen Werke Produkte nur für den Augenblick sind, in dem sie eine politische Wirkung entfalten sollen. Ist der Augenblick vorüber, erübrigte sich dann auch dieses dissidentische Schrifttum.
Für diese Sammlung von 5 Stücken (3 Einakter und 2 abendfüllende Stücke) von Václav Havel gilt das überhaupt nicht. Auch mehr als 20 Jahre nach dem Zusammenbruch des mittel- und osteuropäischen kommunistischen Blocks, gegen den Havel mit diesen in den 1980er Jahren verfassten und uraufgeführten Werken protestiert hat, sind diese Stücke nicht nur lesenswert und frisch geblieben, sondern sogar weiterhin auf unsere politischen und gesellschaftlichen Landschaften anwendbar. Besonders eindrucksvoll ist das etwa in der Auseinandersetzung um Dirigismus versus Planungsfreiheit bei großen Bauprojekten im Stück "Sanierung", ein Problem, das sich in ähnlicher Weise auch in Demokratien oder Wirtschaftsunternehmen finden lässt - auch wenn die Sanktionen gegen Querulanten im Stück (Einsperren in ein Burgverlies) zum Glück so bei uns nicht mehr vorkommen.
Das beste Stück des Bandes ist meines Erachtens "Versuchung", eine Reprise des alten Faust-Stoffs (aus Faust wird hier der Wissenschaftler Heinrich Faustka, Mephisto tritt als Fistula in Erscheinung). Hier geht es um die ganz großen Themen: Das menschliche Erkenntnisstreben, Ehrgeiz, Vertrauen usw.
Den drei Einaktern hingegen, die hier zur "Van'k"-Trilogie zusammengefasst sind, merkt man ein wenig an, dass sie als schnelle Skizzen für den Gebrauch in Dissidentenkreisen verfasst wurden. Auch sie sind über weite Strecken amüsant zu lesen, aber mitunter auch etwas plakativ und reißbrettartig: so unterschiedlich die Pointen der Stücke auch in inhaltlicher Hinsicht sein mögen, so gleichartig sind sie andererseits hinsichtlich ihrer Struktur.


Lu Xun (1881-1936): Texte, Bilder, Dokumente, Chronik
Lu Xun (1881-1936): Texte, Bilder, Dokumente, Chronik
von Raoul D Findeisen
  Taschenbuch

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eigen- und einzigartig, 29. November 2009
Das Konzept dieses Buches ist eigen- und einzigartig, denn es spielt mit und an der Grenze von Biografie und Literaturwissenschaft: Eine große Anzahl von "Dokumenten" (Erzählungen, Essays, Briefe, Fotos, Holzschnitte, Tagebucheinträge usw.) wird in eine stichwortartige Chronologie von Lu Xuns Leben einsortiert. Das theoretische Konzept hinter dieser Vorgehensweise wird in einer umfangreichen methodologischen Reflexion am Ende des Buches dargelegt.
Ich muss zugeben, dass die Auswahl mir auf den ersten Seiten etwas seltsam vorkam. Die Texte schienen mir eher zufällig ausgewählt, der rote Faden war nicht sofort ersichtlich. Beim Weiterlesen wurde klar, was dieses Gefühl ausgelöst hat: Der Herausgeber Findeisen versucht ein derart weites Feld von Aspekten des Denkens, Schreibens und Lebens von Lu Xun abzudecken, dass für jeden Einzelaspekt nur eine recht begrenzte Anzahl von Seiten zur Verfügung steht. Ich hätte nichts dagegen gehabt, wenn dieses 820-Seiten-Buch 1640 oder noch mehr Seiten hätte, aber selbst dann hätte die Auswahl immer noch stark selektiv sein müssen. Doch trotz dieser Selektivität: Die Auswahl ist sehr gekonnt - und macht Lust auf mehr.
Zuletzt sollte erwähnt werden, dass das Buch eine sehr ausgewogene Neutralität wahrt. Lu Xun und sein Werk wurden von Politikern stark instrumentalisiert und wurde Gegenstand von Grabenkämpfen. Findeisen illustriert diese Kämpfe, gibt beiden Seiten eine Stimme und gibt nur zurückhaltende, sachliche Kommentare. Man bekommt beim Nachvollziehen dieser Auseinandersetzungen um das Werk Lu Xuns einen starken Eindruck davon, wie der Kalte Krieg nicht nur in der Welt des Wettrüstens, sondern auch in der Welt der Literatur ausgefochten wurde.


Ratner's Star
Ratner's Star
von Don DeLillo
  Taschenbuch
Preis: EUR 10,33

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Bewildering, 27. November 2006
Rezension bezieht sich auf: Ratner's Star (Taschenbuch)
When examining the already existing reviews on this work of DeLillo, one will find a wide diversity of opinions. Sure, every book of DeLillo could polarize the audience's opinions, but it seems especially evident in this case. What is the cause of that?

Most likely the total lack of "action". The protagonist, a fourteen year old winner of the first nobel prize for mathematics, is thrown into an episodic world like a pilgrim in a medieval drama. He is encountering all kinds of different scholars and scientists in "Field Experiment Number 1" - which is a research center allegedly built to decipher a radio message from outer space, but which is also used by a private company to manipulate international currency systems - scholars and scientists, who have only one thing in common: Each and every one of them is somehow quite "strange" (sometimes in a funny way, sometimes not). We can see DeLillo's interesting effort not only to employ scientific terminology in a fictitious work, but also to combine science with mythology and ith the prehistoric age. It may seem odd, that a writer who is always considered to be one of the prototypes for "post-modern" writing is in fact trying to give a re-united picture of mankind, a picture of mankind, where science and myth is once again reconciled with each other. However, this project of reconciliation can only be accomplished within an aesthetic and fictitious opus as provided by the genre of novel.

No doubt, this book resists easy reading; it requires some effort. Even though I do not consider it to be a true "star", this novel however deserves such an effort.

Side remark: As a native German speaker, I wish this book was available in my mother tongue as well - unfortunately it is along with "Great Jones Street" not available in German yet. Is there any translator out there who dares to give it a try?


Gulliver's Travels (Wordsworth Collection)
Gulliver's Travels (Wordsworth Collection)
von Jonathan Swift
  Taschenbuch
Preis: EUR 5,11

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen The concealed pearls of Gulliver's Travels, 19. November 2006
Many people have already reviewed this book here at Amazon's website, and a detailed summary of the content is available. So, I am not going to add just another review, but want to put a focus on the ending of the book.

The first two parts, Gulliver's travels to Liliput and Brobdingnag are the famous ones - and at the same time the ones, which most reviewers concentrated on. I did not consider these as the best parts of the book. As a satire is is not sharp enough, as an adventure story there is not enough tense in it, as a philosophical reflection it is not elaborate enough. All this changes towards the end of the book, in the fourth section. It is a story of self-alienation in an intercultural encounter, when Gulliver admires the logic and manner of the horses and detests the low spirit of the yahoos, which is just a synonym for mankind. Living in a distant culture for three years makes him take on the manners and peculiarities of the horses. This in turn causes a lot of difficulties when he gets home to England. This part of the book is very up-to-date in a globalized world, where the number of expatriates and re-patriates is ever-increasing. The first three parts may be just another nice reading, but the fourth really makes this book a valuable pearl, which can cause reflections about the human situation in the beginning of the 21st century.


Geschichte des deutschen Buchhandels
Geschichte des deutschen Buchhandels
von Reinhard Wittmann
  Taschenbuch

5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Guter Überblick, 19. November 2006
Buchhandelsgeschichte bedeutet für Wittmann nicht nur eine Geschichte der (Sortiments-)Buchhandlungen. Buchhandel meint hier die Gesamtprozesse der Vermittlung von geistigem Kulturgut eines Autors über die materielle Speicherung dieses geistigen Produkts in Form von Büchern, die Finanzierung und Verbreitung durch Verlage und Sortimentsbuchhandlungen bis hin zum Leser. Wittmann teilt das von ihm behandelte halbe Jahrtausend seit Erfindung des Buchdrucks in zwölf Epochen auf und geht in jedem seiner Kapitel eben nicht nur auf Fragen der Herstellung und Verbreitung von Büchern ein (also die eigentliche Druck-, Verlags- und Buchhandelsgeschichte), sondern stellt auch jeweils fundierte Reflexionen über das Bild und die Rolle von Autoren sowie die Erwartungshaltungen, Vorlieben und Kenntnisse der Leser an. Dieser weite Blickwinkel bedingt natürlich, dass das dargebotenen Material für die jeweiligen Epochen nicht sehr ausführlich sein kann. Wittmann beschränkt sich häufig auf prägnante Beispiele für die jeweiligen Forschungsperspektiven.

Seine Vorgehensweise bietet jedoch andererseits einen großen Vorteil: Dieses Buch ist eine interessante Lektüre nicht nur für Leute, die sich direkt für Buchhandelsgeschichte interessieren, sondern auch für solche, die einen Blick auf den Wandel des Autoren- und Leserbildes in der deutschen Gesellschaft der letzten 500 Jahre werfen wollen.


Tanzende Schatten oder Der Zombie bin ich: Romanessay
Tanzende Schatten oder Der Zombie bin ich: Romanessay
von Hans Christoph Buch
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 36,00

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Selbstbeweihräucherung, 19. November 2006
Hans Christoph Buch hat haitianische Vorfahren, kennt Land und Leute durch häufige Aufenthalte im Land und hat auch schon zuvor einige Bücher zum Thema veröffentlicht. In diesem Falle ist es leider völlig misslungen. Schon der Untertitel "Romanessay" deutet eine Hybridgattung an, was an und für sich nichts schlechtes ist, wenn man es gekonnt und überzeugend durchführt. Was macht Hans Christoph Buch also falsch?

Das Buch ist in drei Stränge geteilt, die miteinander verwoben sind. Zum einen ist da die Erzählung um den Journalisten Christoph B., der Haiti in den Neunziger Jahren besucht. Diese Ebene ist - wie der Name des Protagonisten schon anzeigt - deutlich autobiographisch geprägt, die vorgebliche Romanform ermöglicht es dem Autoren jedoch, dass er nicht bei der Wahrheit seiner eigenen Erlebnisse bleiben muss.

Der zweite - und schwächste - Strang besteht in der Erzählung eines Sklavenhändlers im späten 18. Jahrhundert, der in die Revolutionswirren auf Haiti verwickelt wird und dort an Intrigen teilnimmt. Die Figur hinter dieser Ich-Erzählung bleibt völlig blass; er gibt sich als skrupelloser und offensiver Kapitalist, der stets auf den eigenen Vorteil bedacht ist; aber trotz - oder gerade wegen - seiner offenen Beteuerungen seiner Skrupellosigkeit wirkt er unglaubhaft. Keine seiner Handlungen ist wirklich motiviert; während er beteuert, stets auf seinen eigenen Vorteil bedacht zu sein, treibt er in Wahrheit ziel- und trieblos durch die Welt. Er wirkt wie eine Karikatur, ist aber im Gegensatz zu guten Karikaturen nicht einmal witzig. Hinzu kommt noch, dass der Autor Buch diesem Erzähler ganz bewusst und absichtlich Anachronismen in den Mund legt, so dass diese Figur, die um 1800 leben sollte, auf Romane von Melville verweist oder Bertolt Brecht zitiert. Durch die häufigen Verweise dieser Figur auf "das, was in den Geschichtsbüchern" steht über das Haiti um 1800 wird deutlich: Hier hat ein Autor seine Perspektive des 21. Jahrhunderts einer Figur des 18. Jahrhunderts übergestülpt. Wäre dies gekonnt gemacht, könnte dies durchaus einen gewissen Reiz haben, aber in diesem Roman wirkt es nur platt.

Der dritte Strang schließlich ist wohl als "Essayteil" gedacht, hat aber ebenfalls viele autobiographisch erzählende Passagen über Hans Christoph Buchs Erlebnisse auf Haiti. Ebenso wie die Bezeichnung "Roman" trägt dieser Teil den Titel "Essay" zu Unrecht: Hier wird nichts kondensiert, hier gibt es keine Reflexion gemäß der Überschrift "Haiti erzählen". Am deutlichsten wird diese Schwäche, wenn Buch versucht, das Wesen des Voodoo zu erläutern: Er beteuert wiederholt, Voodoo habe nichts Mystisches, sondern sei ein normaler Bestandteil des Lebens auf Haiti. Die Schilderung seiner eigenen Voodoo-Erfahrungen können dies aber keineswegs vermitteln, sondern nähren weiterhin den Mystizismus.

Die Verwendung von Zitaten und Anspielungen, die sich in allen Strängen dieses Werkes finden, sind nicht gekonnt eingesetzt, wie dies bei den großen SchriftstellerInnen unserer Postmoderne der Fall ist. Sie dienen einzig dazu, die Belesenheit des Hans Christoph Buch zu belegen und wirken nicht selten besserwisserisch. Der hellste Moment von "Tanzende Schatten" ist wohl der, in dem der Autor zugibt, dass Haiti ihm - und vielen anderen Europäern - buchstäblich den Verstand geraubt habe. Hätte er dies als Ausgangspunkt genommen, wäre vielleicht ein gutes Buch dabei herausgekommen. Da er uns Lesern aber auf diesen 320 Seiten versucht, uns seinen Verstand zu beweisen, muss dieses Unternehmen schiefgehen.

Leider zeigt die mangelnde Qualität dieses Buches desweiteren, dass die renommierte Buchserie "Die Andere Bibliothek", in der es erschienen ist, auch "mindere Ware" veröffentlicht, wenn der Autor mit dem Herausgeber, dem Verlag oder der Serie verbunden oder befreundet ist (H. C. Buch hatte in der Anderen Bibliothek zuvor schon sein etwas erträglicheres und informativeres Buch "Blut im Schuh" veröffentlicht).


Schinderhannes: Das kurze, wilde Leben des Johannes Bückler, neu erzählt nach alten Protokollen, Briefen und Zeitungsberichten
Schinderhannes: Das kurze, wilde Leben des Johannes Bückler, neu erzählt nach alten Protokollen, Briefen und Zeitungsberichten
von Manfred Franke
  Gebundene Ausgabe

5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Ein umfassender Überblick, 14. August 2005
Manfred Franke hat in seiner Schinderhannes-Biografie nicht nur sämtliche bisher vorhandene Literatur zu diesem Thema gesichtet, ausgewertet und dargelegt, sondern er gibt auch sehr schöne Zeitbilder, die zum Verständnis des Denkens der Menschen in Südwestdeutschland in Zeiten französischer Besatzung beitragen oder auch das Verhältnis von Christen zu Juden verdeutlichen. Sehr angenehm ist dabei, daß Franke oftmals mehrere Deutungsmöglichkeiten zuläßt, sie also dem Leser/der Leserin überläßt, andererseits aber auch sehr detailliert all die verschiedenen Deutungen zum Selbstverständnis des Räuberhauptmanns Schinderhannes darlegt, man darf also selbst wählen.
Ein kleiner Wermutstropfen ist die unglaubliche Namensfülle, die in erster Linie daher rührt, daß so viele Originaldokumente zitiert werden, die eben nicht im Hinblick auf die Lesbarkeit, sondern eher auf die Gerichtsbarkeit ausgerichtet sind. Trotzdem hätte man etwas vereinheitlichen können, so wie es in diesem Buch vorliegt, kommt es einem vor wie in einem Tolstoi- oder Dostojevski-Roman: Jeder Mensch hat nicht nur einen (oder zwei) Vornamen und Nachnamen, sondern auch noch verschiedene Spitz-, Kose- oder Beinamen. Schinderhannes selbst ist dafür ja schon das erste Beispiel. Trotzdem ein sehr lesenswertes Buch.


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