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Rezensionen verfasst von
Werner Titz
(TOP 1000 REZENSENT)   

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Wider den globalen Kapitalismus: Für ein neues Denken in der Politik nach den Morden von Paris
Wider den globalen Kapitalismus: Für ein neues Denken in der Politik nach den Morden von Paris
Preis: EUR 5,49

4.0 von 5 Sternen Wenn das Leben nichts mehr zählt., 28. April 2016
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
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Es gibt sie noch, die klaren Denker, die uns in Zeiten, in denen sich alles auf EINEN Feind fokussiert, auf EINE Ursache, EINE Lösung, auf die Widersprüche unseres Denkens und Handels aufmerksam machen. Sie stellen die Frage ob der Feind wirklich der wahre Feind ist, oder wessen Feind er eigentlich ist. Sie wenden sich gegen den Habitus westlicher Politiker, sich als Repräsentanten der gesamten Menschheit und der Zivilisation als solcher zu verstehen.
Badiou ist einer dieser Denker. Er hört zum Beispiel genau hin, wenn Obama über die Terroranschläge vom 15. November 2015 in Paris von einem Verbrechen nicht nur gegen Paris und Frankreich, sondern ‚gegen die Menschheit‘ spricht. ‚Gegen die Menschheit‘ - das hört man nie bei Massenmorden und Attentaten im Irak, in Nigeria, in Syrien. Die leidende Menschheit scheint es nur in westlichen Ländern zu geben. Woanders ist Terror ‚nur‘ gegen Menschen gerichtet, in Europa gegen die Menschheit.

Im Original heißt das Buch *Notre mal vient de plus loin* - und Badiou holt auch weiter aus als bis zum Entstehen des derzeitigen islamischen Fundamentalismus. Das Übel kommt von weiter her, es ist die sichtbare Wiederkehr der Ur-Energie des Kapitalismus, der heute mit Neoliberalismus unzulänglich bezeichnet wird. Es handelt sich um den 'Triumpf des globalisierten Kapitalismus, der ohne jede Scham und fast ohne Einschränkung die allgemeinen Merkmale dieses Systems weltweit durchsetzen kann'. Die Staaten haben dem nichts mehr entgegenzusetzen, sie handeln selbst nach der Logik des Kapitals.

Wenn 1 % der Weltbevölkerung so viel verfügbare Ressourcen besitzt wie andererseits 50%; wenn 10 % so viel besitzen wie die restlichen 80 %, und wenn 50 % nichts besitzen, dann bedeutet das, dass wir in einer mondialen Oligarchie leben, oder in einer Feudalgesellschaft. Die 10 % der Bevölkerung, die 80 % der Ressourcen besitzen, entsprächen ungefähr dem Anteil des Adels in der Feudalgesellschaft. Bleiben noch 40 % der Weltbevölkerung, die als die Mittelklasse bezeichnet werden kann und die 14 % der Ressourcen auf sich vereinen.
Es ist diese Mittelklasse, die immer durchlässiger wird, und auch immer anfälliger für Rassismus, und immer unsicherer, aus Angst vor dem Abstieg.

Badiou vergisst auch nicht die ca. 2 Milliarden Menschen die nicht einmal zu den 50 % der Mittellosen gehören, denn sie haben gar nichts, sie zählen nicht, sie konsumieren nicht, sie haben keine Arbeit, sie sind weder Arbeitskräfte noch Konsumenten, sie sind auch vom Kapital nicht ‚verwertbar‘, sie befinden sich außerhalb des Weltmarktes, das heißt im globalisierten Kapitalismus: im Nichts.

Das ist das Umfeld im dem der Terror geschieht. Das ist das Umfeld aus dem sich der Terrorismus rekrutiert, auch aus den ‚Zentren der europäischen Zivilisation‘, wie man gerade nach den Anschlägen in Paris weiß.
Slavoy Zizek, der sich in seiner Streitschrift *Blasphemische Gedanken – Islam und Moderne* mit demselben Thema beschäftigt wie hier sein Freund Badiou, hält die Propheten des IS für *terroristische Pseudofundamentalisten, die vom sündigen Leben der Ungläubigen zutiefst umgetrieben und fasziniert sind. Man spürt, wie sie ihre eigene Versuchung bekämpfen, wenn sie den sündigen Anderen bekämpfen*.
Ähnlich Badiou über die angeblichen Glaubenskrieger: *Dass sie sich von der Mischung aus Korruption und opferbereitem, kriminellem Heroismus angezogen fühlen, hat mit ihrer eigenen Subjektivität zu tun, nicht mit ihrem moslemischen Glauben*. Den haben sich die meisten Terroristen nachträglich zugelegt, als Ausweg aus der Misere, ja, als Ausweg aus ihrem eigenen Leben.

Noch einer der klugen Sätze aus diesem Buch:
*Eine Identität ohne universelle Bedeutung definiert sich in erster Linie über die Verfolgung derer, die dieser Identität nicht entsprechen*
Das trifft voll auf das Wüten des IS zu, der durch Mord und Verwüstung eine religiöse Identität schaffen will.
Fragt sich nur, ob wir in Europa nicht auch schrittweise eine als Gegenbewegung gemeinte ‚Identitätsstiftung‘ erleben. Die Überbetonung nationaler oder regionaler Glaubensinhalte, Riten oder Verhaltensweisen, die von den sich selbst so nennenden ‚Identitären‘ in mehreren europäischen Ländern vertreten wird, definiert sich auch zunehmend über die Ablehnung bis Verfolgung derer, die ihrer Identität nicht entsprechen, egal ob diese ‚von außen‘ kommen, oder einfach Mitbürger mit anderer Lebenseinstellung sind.

Das Buch ist eine Mitschrift aus einem Vortrag den Alain Badiou nach den Anschlägen in Paris im November 2015 gehalten hat.
Er wendet sich hier direkt an den Leser, polemisch, mit Fakten und mit Engagement, und trotz allem mit Optimismus, den man allerdings, angesichts der Fakten die er selbst darlegt, schon fast eschatologisch nennen könnte.


Als es geschah: Stimmenberichte
Als es geschah: Stimmenberichte
von Reinhard Wegerth
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,00

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen ... dann werden die Steine sprechen., 26. April 2016
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Als Vorwort im Buch steht *… dann werden die Steine sprechen (Lukas 19.40) *.
Die Steine sprechen, wenn nichts Anderes mehr da ist um zu bezeugen was geschehen ist. Die Türme sprechen während sie zu Schuttbergen zerrfallen; der Regenwald, auf den ein Trockengewitter aus Metallsplittern regnet; die Gletscherbahn, die mitsamt den Passagieren verglüht; das Südsee-Atoll, von Wellen umspült und von den Druckwellen der Atomversuche aufgerissen; ja, und auch die Steine, hier in einer Geschichte, die kleinen Steine, die geworfen werden um den Teufel zu vertreiben.

Es geht um Katastrophen die von Dingen erzählt werden, direkt vor Ort, in einer rudimentären Sprache, die sich in wiederholenden Satzschleifen dem Geschehen nähert und den Gang der Zerstörung verfolgt. Menschen haben in diesen Katastrophen keine Stimme, sie sind Objekte die stürzen wie die Türme, brennen wie die Gletscherbahn.

*Das Prinzip Verantwortung* - im Sinne von Hans Jonas - kommt in diesem Buch nicht zur Sprache, Ist auch nicht das Thema, auch nicht die Warnungen von Günther Anders, dass unser Können immer unserem Tun hinterherhumpelt.

Die Berichte lesen sich teilweise wie ein Countdown zur Katastrophe. So in ‚Rodeo‘, dem Bericht über den seinerzeit als Supergau bezeichneten Zusammenstoß zweier Boeings auf dem Flughafen von Teneriffa: der kleine Irrtum, der einen weiteren – größeren – Irrtum auslöst, die Unzulänglichkeiten des Flughafens, die meteorologischen Verhältnisse der Insel, der Nebel der zu dieser Uhrzeit auf das Hochplateau steigt, auch die aktuelle politische Lage - eine Bombendrohung auf einer anderen Insel verursacht verspätete Abflüge - und der letzte Auslöser, ein nicht gekennzeichneter Ausgang, der nie eine Rolle gespielt hätte ohne die fatalen kleinen Schritte vorher, der zum fatalen Abschluss führt.

Trotz der lakonischen Erzählweise, die sich dadurch ergibt, dass die Dinge erzählen, gelingen dem Autor starke Bilder. So in ‚Die Ölung anderer Art‘ über das Schiffsunglück des Tankers Exxon Valdez, wo es der verunglückte Tanker selbst ist, der berichtet, wie sich der Ölteppich um ihn herum ausbreitet und Vögel, diesen wegen seiner Glätte für eine Lande- und Ruhefläche haltend, sich darauf niederlassen und nicht mehr loskommen, und sich, je mehr sie sich mit Schnäbel und Flügel daraus befreien wollen, das Gefieder mit dem schwarzen Teer verkleben.

Oder im Bericht über die Schäden, die die französischen Atomversuche auf dem Mururoa Atoll verursacht haben, zuerst die oberirdischen Explosionen die ‚die Lagune wie kochende Milch aufschäumen ließen und Weichtiere Kebse und Fische herabregneten‘ und dann die unterirdischen, die das Atoll nicht nur durch Erdbeben erschütterten, sondern sich auch tief in die in Millionen Jahren gewachsene Kalkskelette des Atolls bohrten.

Andererseits ist die Geschichte ‚Ein Bild von einem Kuss‘ (gemeint ist das Foto des küssenden Politpaares Breschnew/Honecker) ein Bild das aus dem Rahmen dieses Buches zu fallen scheint. Es ist schon die kunsthistorische, (oder wie immer gemeinte) Analogie zwischen dem Jugendstil-Gemälde *Der Kuss‘ von Klimt mit diesem Foto sehr gewagt, auch als vermutlich abstoßend gemeintes Beispiel für ein System.
Aber auch die Berliner Mauer, und damit die DDR, in die Reihe der hier beschriebenen meist terrestrischen Katastrophen einzuordnen, scheint so sinnvoll zu sein, wie den zweiten Weltkrieg auf ein tektonisches Beben der eurasischen Kontinentalplatte zurückzuführen, das Europa in Trümmer gelegt hätte.

Vielleicht gerade deshalb, weil die Katastrophen in diesem Buch literarisch, in einer sehr eigenen Sprache, und ohne Deutungsversuche und Schuldzuweisungen, sozusagen ‚naturalistisch‘ dargestellt sind, kommt man einer Vorstellung von ihrem Ausmaß und ihren Auswirkungen nahe – und bekommt eine Ahnung von jenen Katastrophen die noch kommen werden.

Denn, wie Günther Anders sagte:
*Die uns bedrohenden Gefahren sind unvorstellbar. Darum nehmen wir sie nicht ernst*.
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Reichtum ohne Gier: Wie wir uns vor dem Kapitalismus retten
Reichtum ohne Gier: Wie wir uns vor dem Kapitalismus retten
von Sahra Wagenknecht
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

41 von 42 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen *Wir müssen den Wirtschaftsfeudalismus des 21. Jahrhunderts überwinden*, 12. März 2016
Sahra Wagenknecht schafft es, ein linkes Buch zu schreiben, dem eigentlich bis weit in die CDU alle zustimmen müssten. Die ordoliberalen Wirtschaftsweisen der Nachkriegszeit, Walter Eucken und Alexander Rüstow, werden, teils mit Zitaten aus CDU-Programmen, als Zeugen für die Fehlentwicklung von der damals propagierten sozialen Marktwirtschaft zum heutigen Neoliberalismus aufgerufen, so wie die Linke mit Marx die Fehlentwicklungen des realen Sozialismus erklärte.

Und als wäre ihr eigentliches Anliegen die Rettung des Kapitalismus, sorgt sich die Autorin auch gleich um die Rettung transparenter Märkte, um einen wirklichen Wettbewerb und um die Wiederherstellung echter Demokratie auf allen Ebenen. Märkte sollen nicht abgeschafft, sondern vor dem Kapitalismus gerettet werden. Es geht der Autorin um eine Gesellschaft in der die objektiven Marktgesetze zu echten Entscheidungen führen, und wo *nicht die Marktmacht einzelner oligarchisch gewachsener Wirtschaftsblöcke* regiert.

Sehr exponiert innerhalb der Linken sind die Aussagen zur EU: *Demokratie und Sozialstaat wurden aus gutem Grund im Rahmen einzelner Nationalstaaten erkämpft, und sie verschwinden mit dem Machtverlust ihrer Parlamente und Regierungen. Es existiert daher auf absehbare Zeit vor allem eine Instanz, in der echte Demokratie leben kann und für deren Re-Demokratisierung wir uns einsetzen müssen: das ist der historisch entstandene Staat mit seinen verschiedenen Ebenen.*
Ein Trauma, nicht nur der Linken, ist natürlich, wie mit Ländern umgegangen wird, die sich den neoliberalen Vorgaben und Auflagen entziehen wollen: *Wir haben erlebt, wie im Krisenfall Euro-Länder von einer Technokratengang aus EU-Kommission, EZB und IWF entmündigt wurden und ihnen eine Politik diktiert wurde, die die Krise verschärft und die Ungleichheit massiv erhöht hat. Diese Gang konnte viel rücksichtsloser vorgehen als jede gewählte Regierung, weil sie von der Bevölkerung des betreffenden Landes in keiner Weise kontrollierbar und absetzbar war. Normalerweise nennen wir solche Verhältnisse Diktatur.*
Natürlich eignet sich die EU auch zur Auseinandersetzung zwischen den Schulen von Friedrich August von Hayek und von John Maynard Keynes, wovon ersterer in der EU eine Chance sah, wichtige Entscheidungen außerhalb der nationalen demokratischen Souveränität zu entscheiden, und letzterer dafür plädierte, dass Waren lokal erzeugt werden, wo immer das vernünftig möglich ist,
und dass vor allem die Finanzen im nationalen Kontext verbleiben sollten.

Wagenknecht weckt uns auch aus dem Halbschlaf mit dem wir die nicht einmal ansatzweise gelösten Probleme verdrängen, die zum Finanzcrash 2008 geführt haben: Die meisten Probleme wurden durch Nichtstun noch verschärft. Nur 2 % der weltweit getätigten Finanztransaktionen haben noch irgendeinen Bezug zur Realwirtschaft. Der Hochfrequenzhandel blüht mehr denn je mit seinen inzestuösen Geldgeschäften. Die europäische Bankenunion ist weit davon entfernt, Eigentümer und Gläubiger an der Sanierung maroder Banken zu beteiligen, solange dies mit nur maximal 8 % der Bankschulden vorgesehen ist.

Während Sahra Wagenknecht nicht den Kapitalismus an sich, sondern nur seine Strukturen beseitigen möchte, die immer mehr negative Auswirkungen zeigen, ist ihre Einstellung zur Struktur und der Machtpositiion der heutigen Finanzmärkte radikal im Sinne von ‚an die Wurzel gehend‘. Die Geldversorgung der Wirtschaft gehört nicht in die Hände und die Kompetenz gewinnorientierter Institute. *Es gibt keine sanfte Regulierung der Finanzmärkte mehr. Entweder man kappt die Basis ihrer Macht, oder man hat verloren*.

Vieles in diesem Buch hört sich an, als ginge es nicht darum, dass die Verhältnisse für die Menschen besser werden, sondern um zu verhindern, dass sie noch schlechter werden. Oder es wird statt auf eine bessere Zukunft auf eine Vergangenheit verwiesen, die aus heutiger Sicht in einem besseren Licht erscheint als unsere Gegenwart.
Vielleicht passt zu dieser zurückhaltenden Vorgangsweise der Satz von Slavoy Zizek aus seinem Buch *Ärger im Paradies*:
*Wir müssen auf jedes eschatologische Schema verzichten. Es wird nie eine Linke geben, die auf magische Weise konfuse Revolten und Proteste in ein großes konsistentes Heilsprojekt verwandelt; alles, was wir haben, sind unsere Aktivitäten. *

Die derzeit möglichen Aktivitäten hat Sahra Wagenknecht in diesem Buch exemplarisch und detailliert dargelegt.
Ihr Fazit: Feudale Strukturen und leistungsloses Einkommen müssen der Vergangenheit angehören. Echte Märkte, freier Wettbewerb und ein Ende der beschränkten Haftung für Wirtschaftseigentum werden dazu führen, dass der technologische Fortschritt sich zum Nutzen aller entwickeln kann.
*Wenn wir in einer freien, demokratischen, innovativen, wohlhabenden und gerechten Gesellschaft leben wollen, müssen wir den kapitalistischen Wirtschaftsfeudalismus überwinden*.
Wohlgemerkt: Den Wirtschaftsfeudalismus, nicht unbedingt den Kapitalismus selbst.


Alles, was ist: Roman
Alles, was ist: Roman
von James Salter
  Taschenbuch
Preis: EUR 10,99

4.0 von 5 Sternen Ist das alles?, 7. März 2016
Rezension bezieht sich auf: Alles, was ist: Roman (Taschenbuch)
Warum soll man einen Roman über einen Mann lesen, der einem eigentlich nichts zu sagen hat? Wozu eine Biographie, in der die Hauptperson keine eigene Entwicklung mitzumachen scheint; und die noch dazu in einer Zeit lebt von der in dieses Buch nicht mehr eindringt, als gerade noch von Partygesprächen hängen bleibt.

Man liest über das Leben von Philip Bowman, der als junger Marinesoldat die Seeschlacht gegen die Japaner im Pazifik mitgemacht hat, den Untergang seines Schiffes mit Glück überlebt hat, danach in Harvard studierte und eher zufällig in einen Beruf geriet der mit dem Kauf und Verkauf von Büchern und dem Umgang mit Verlegern zu tun hatte. Wie das Fehlen charakteristischer persönlicher Eigenheiten, so geht der Autor auch auf die berufliche Tätigkeit seiner Romanfigur kaum ein.

Man hört Philip Bowman hunderte Male bei Gesprächen oder pointierten Dialogen mit dutzenden Bezugspersonen zu, erlebt aber kaum einmal eine Selbstreflexion über seine Handlungen, kein Infragestellen, kein Wunsch nach Änderung. Als Folge der ständigen Rotation der Hauptperson in neue Beziehungen kommen immer weitere Akteure und Nebenfiguren in diesen ausufernden Reigen, verschwinden eine Zeitlang und tauchen in neuem Zusammenhang wieder auf, wenn man sie schon vergessen hatte.

Die meisten Personen geistern die längste Zeit als ‚sie‘ oder ‚er‘ durch die Geschichte, bis man sie endlich durch ein Aufeinandertreffen mit einer anderen Figur der Geschichte zuordnen kann, oder bis der Autor sie endlich wieder einmal beim Namen nennt.
Bei der Anzahl der Personen, die der Autor in die Geschichte einbezieht, ist es kaum möglich, jede einzelne lebendig werden zu lassen oder ihr ein Gesicht oder markante Wesenszüge anzupassen. Die Physionomien werden nur rasch skizziert und einmal verwendet selbst dieser Autor das in oberflächlichen Romanen der anglo-amerikanische Literatur häufige Klischee, eine Person sehe aus *wie eine Figur aus einem Dickens-Roman*.

Allerdings, ein paar Mal zumindest zeigt dieser Autor auch in diesem Buch seine literarische Kraft und überhöht die reinen ‚facts‘ mit den Mitteln großer Bildgewalt und setzt dramatische Paukenschläge oder Zeilen leiser Trauer.
So etwa am Beginn des Romans bei der Beschreibung der Seeschlacht im Pazifik mit dem Untergang der YAMATO, dem größten und als unbesiegbar gehalten Kriegsschiff der Japaner, der als Inferno geschildert wird in dem ein Stahlmonster das Wasser bis zum Meeresgrund aufreißt und bei dem in einem gigantischen Strudel als biblische Flammensäulen die Geschütztürme, Tonnen über Tonnen geschleuderte rotglühende Stahlteile und 3000 Menschen in die Tiefe gerissen werden.
Oder später, wenn der Autor in einem einzigen über eine ganze Seite geknüpften Satz das verlassene Haus mit dem verwachsenen Garten von Bowmans Freund Eddin beschreibt, kurz nachdem dessen Frau und Sohn in einem Brand umgekommen sind. Ein einziger langer Satz beschreibt und zerstört die Idylle, in die der Tod eingeschlagen hat, und *die Vernichtung sich ins Leben gerammt hat wie ein gespitzter Speer*.

Im Vorwort sagt der Autor, *dass nur geschriebene Dinge die Möglichkeit haben, wirklich zu sein*. Mag sein, aber leider hält sich der Autor nicht an seine eigene Maxime. Die Dinge die er beschreibt, sind keinesfalls wirklich. Hier ist über weite Teile keine Wirklichkeit hinter dem Geschriebenen spürbar.

Oder ist das gewollt?
Man denkt unwillkürlich an Wittgensteins Tractatus logico-philosophicus.
Ist Salters Buchtitel *Alles, was ist* vielleicht eine Anspielung auf Wittgensteins berühmten ersten Satz *Die Welt ist alles was der Fall ist*?
Von der Logik dieses Buches aus gesehen, und der Lakonik mit der der Autor seine Hauptfigur beschreibt, oder besser gesagt, mit der er sie in diesem Roman ihrem vorgeschriebenen Schicksal überlässt, könnte der Titel tatsächlich eine Anspielung auf Wittgenstein sein, und die pure Beschreibung ‚dessen was der Fall ist‘ ein aus der Philosophie Wittgensteins abgeleitetes Stilmittel.

Einen großen Roman, wie James Salter es für sein Alterswerk verdienen würde, macht die mögliche Referenz auf Wittgenstein aus diesem Buch aber auch nicht.


Die Schatten der Globalisierung
Die Schatten der Globalisierung
von Joseph Stiglitz
  Taschenbuch

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Warum soll man im Jahr 2016 noch eine Rezension schreiben….., 22. Januar 2016
Rezension bezieht sich auf: Die Schatten der Globalisierung (Taschenbuch)
….. über ein Buch das die Weltwirtschaft vor 15 Jahren behandelt?

Die Antwort: Weil dieses Buch heute aktueller ist als zur Zeit als es geschrieben wurde, oder anders gesagt: weil man erst heute sieht, wie die Politik und die Finanzwelt die Erfahrungen und die Empfehlungen des Nobelpreisträgers Joseph Stiglitz komplett ignoriert haben. Buchstäblich jede der Warnungen, die der Autor am Ende des Buches auf Grund seiner langjährigen Tätigkeit in höchsten Ämtern in aller Welt zusammenfasst, wurde ignoriert.

Stiglitz schrieb dieses Buch in den Jahren 2000 bis 2002. Die Ostasienkrise war gerade vorbei, die Dotcom-Blase war das nächste Warnzeichen, der NASDAQ-Index erreichte seinen Höhepunkt, und implodierte. Stiglitz erlebte die Krisen aus allernächster Nähe, als international tätiger Ökonom, als Berater im Team von Präsident Clinton, als Chefvolkswirt der Weltbank, als Professor an mehreren Universitäten und als vielseitiger Publizist.

Die Lawine war erst im Anrollen als Stiglitz Anfang unseres Jahrhunderts eine stärkere Regulierung der Finanzmärkte verlangte, aber niemand hörte ihn, so wenig wie die anderen Warner, bevor es zum großen Crash von 2008 kam. Gut, man könnte annehmen, zumindest nach dem Crash wäre die Elite aus Politik und Finanzen klüger geworden. Irrtum! Kein einziger Punkt der im Buch empfohlenen Do-to-Liste hat es geschafft, auf eine Agenda der EU-Gremien zu kommen.

In seinem Buch beschreibt Stiglitz auch die Entwicklung Russlands in den Jelzin-Jahren, wo von 1990 bis 1999 die Industrieproduktion um 60 % und das BIP um 54 % zurückging, wo 1990 2 % der Russen in Armut lebten, und 1999 schon ein Viertel der Bevölkerung verarmt war. Er schrieb diese Entwicklung zum Großteil dem IMF zu, dem nichts wichtiger war als die Privatisierung von Volksvermögen und die Durchführung seiner neoliberalen Agenda. Wer hätte damals gedacht, dass trotz der katastrophalen Ergebnisse, nicht nur in Russland, der IMF wenig später, im Zuge der ‚Griechenlandkrise‘ von der EU auf Empfehlung der deutschen Bundesregierung auch auf die Krisenländer der Eurozone angesetzt wird?

Ebenso warnte Stiglitz vor *Bailouts*, die *kein Problem lösen, sondern nur neue schaffen*, er verurteilte die Politik der *Konditionalität*, also die Vergabe von Krediten gegen Auflagen die direkt in wesentliche Entscheidungen demokratisch gewählter Regierungen eingreifen.
Die Gläubiger könnten nicht gleichzeitig Konkursrichter sein und dem Schuldnerland die Wirtschaftspolitik diktieren. Und grade das wurde und wird von der sogenannten Troika und den' Institutionen' an den Ländern der europäischen Peripherie exekutiert, und ‚Konditionalität‘ gehört heute wie selbstverständlich zum Vokabular diverser EU-Gremien.

Deutlich genug hat Stiglitz seine Meinung ja gesagt, daran kann es nicht liegen:

*Der IWF glaubt, per ‚Ordre de Mufti‘ in den Ländern eine neue Ära einzuläuten und es führt nur zum arroganten und zum Scheitern verurteilten Versuch von Bürokraten, die kaum etwas vom Land wissen, mit engstirnigen wirtschaftlichen Standardrezepten den Lauf der Geschichte zu ändern*.

Und an anderer Stelle:
* Die Empfehlungen des IWF hören sich an, als bräuchte die Volkswirtschaft lediglich ein gutes Abführmittel.*

Man muss jetzt nicht unbedingt eine daran anschließende Assoziation bemühen um zu beschreiben was mit dieser Politik bisher produziert worden ist.

Aber es ist doch erwähnenswert, dass ein Bestseller aus dem Beginn unseres Jahrhunderts, geschrieben von einem der fähigsten Köpfe seiner Zunft, derart folgenlos blieb, und dass die Erkenntnisse und Ratschläge des Autors nicht nur ignoriert, sondern auch noch ins Gegenteil gekehrt wurden.


Ballade vom Abendland
Ballade vom Abendland
von Èric Vuillard
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,90

5.0 von 5 Sternen Eine neue Art, Epochen der Geschichte literarisch zu erfassen, 20. Januar 2016
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Ballade vom Abendland (Gebundene Ausgabe)
Ein 'frischer, fröhlicher Krieg' hätte es werden sollen, so hatte Wilhelm II den Weltkrieg I jedenfalls angekündigt. Und zumindest in diesem Buch fängt das Jahr 2014 auch recht beschaulich an:
*Die Osterglocken hatten schon Mitte März geblüht. Dann war die Reihe an den Kirschbäumen, den Magnolien, all die weißen rosafarbenen Büschel, die verwaist auf schwarzen Ästen wachsen'.das milde Wetter hatte zu einem Aufblühen aller Blumen gleichzeitig geführt'*
Aber gegen Ende dieses Frühlings *knistert die Welt - schon gerät etwas ins Stottern und man produziert, was an Granaten und Kanonen gebraucht werden wird. Der Krieg ist ein Überraschung, die vorbereitet werden will*. Und dann die Ouvertüre zum Beginn des großen Schlachtens, die der Autor, in seinem typischen kompositorischen Muster, so beschreibt: *Der Rost ist fertig, die Kelle schabt über die Mauer, man wird das Fleisch brechen können wie Brot*.

Der Titel der deutschen Übersetzung des Buches «La bataille d'occident» des französischen Autors Eric Vuillard ist *Ballade vom Abendland*. Rhapsodie wäre vielleicht als Bezeichnung für diesen Text treffender, denn dieser Text ist zwar lyrisch, erzählt aber keine Geschichte, ist nicht chronologisch, sondern ein musikalischer Text mit Motiven und Assoziationen die lose miteinander verbunden sind, und die insgesamt doch das ganze Panorama des Grauens darstellen in dem Europa in diesen 4 Jahren versinkt.
Um alles zu erfassen, ändert der Autor ständig den Blickwinkel. Er beschreibt im Bullet-Time-Effekt wie die Kugel aus dem Revolver in den Kopf des französischen Sozialisten Jean Jauré trifft, als dieser während einer Rede gegen den Krieg erschossen wird. Er betrachtet aus der Vogelperspektive die Leichenfelder bei Ypern und das Vorrücken der deutschen Armee, *die sich über Frankreich auszubreiten schien wie ein sich ausrollender Teppich*.
Er kommentiert Originalaufnahmen, kleine Schwarz-Weiß-Fotos, die auch im Buch abgebildet sind. Wie durch einen alten Guckkasten sieht man da das ausgebleichte Portrait des obersten Strategen im deutschen Generalstab, Alfred Graf von Schlieffen, oder man blickt in das Gesicht des Attentäters Gavrilo Princip; oder in die groteske *Clownsgrimasse* eines Verwundeten.

Der Blick des Autors reicht bis nach Anatolien, wo Türken die Armenier in den Tod treiben, und nach Russland, wo die roten Soldaten die Weltordnung umstürzen und für ein Dekret für den Frieden stimmen, mit dem sie die Völker Europas auffordern, die Menschheit vom Schrecken des Krieges zu befreien.

Alle werden sie mit hineingerissen in diesen Krieg, die verstaubten Größen wie Nikolaus II und Georg V, die *Groschenromanmajestäten*, wie der Autor sie nennt, herausgerissen aus ihren Beschäftigungen, Nikolaus II vom Briefmarkensammeln, Georg V vom Tennisspielen.
So wie am Beginn schon Franz-Ferdinand mit seiner Sophie Chotek, die in Sarajevo eine Kugel in den Unterleib bekommt bevor es gleich danach ihren Gatten in den Hals trifft. Hätte er standesgemäß geheiratet, der Herr Thronfolger, hätte er einen seiner Bedeutung gemäßen Sicherheitsschutz bekommen. Aber weil er nur eine Hofdame heiratete, die bei diesem Attentat nur gräfliches, blaues, Blut verströmen kann, kam er nicht in den Genuss eines vollständigen Ordnungsdienstes wie es königlichem Blut zusteht.

Wenn man ein Jahrhundert später über den Ersten Weltkrieg schreibt, kann man dem Grauen vermutlich nur mit Wut und Sarkasmus Ausdruck geben wie es Eric Vuillard in diesem Buch meisterhaft tut. Schon aus Gründen der historischen Distanz ist kein 'Mitleiden' mit den Opfern angebracht, wohl aber ein genaues Hinsehen auf die Folgen des Krieges, wie es der Autor zum Beispiel bei der Beschreibung der Leichenfelder in den Ebenen Flanderns macht:

*All diese Fleischgerippe, diese Uniformen, das alles liefert Humus, Pilze, Nährstoffe. Alkali! Auch das Herz verwest langsam im wimmelnden Fleisch. Eine kalte Hand hindert es, zu schlagen und seinen Knochenkäfig zu heben. Die Arme verlassen den Körper, die Hoden quellen durch die Hauttasche, die Köpfe schneiden andere Grimassen. Ganz schnell sind diese jungen lebensvollen Leute nichts mehr als Elsternnester, Schnäbel picken sie an, Rüssel saugen sie aus, sie werden von Stacheln, von Würmern durchbohrt, eine winzig kleine gefräßige Bevölkerung*

Eric Vuillard begründete mit diesem Buch eine neue Art, Epochen der Geschichte literarisch zu erfassen, und führte sie in *KONGO*, seinem zweiten bisher in deutscher Sprache erschienen Buch, erfolgreich fort. Wer sich die Mühe macht, in dieses dichte literarische Geflecht aus Fakten und Assoziationen einzudringen, wird durch neue Einblicke in dunkle Zeiten belohnt, und mit Formulierungen, die wie Blitze die beschriebene Zeit erhellen.


Kritik der schwarzen Vernunft
Kritik der schwarzen Vernunft
von Achille Mbembe
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 28,00

8 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Das menschliche Metall, die menschliche Ware, das menschliche Geld, 6. Januar 2016
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
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Achille Mbembe ist Politikwissenschaftler und einer der wichtigsten Intellektuellen in der kritischen schwarzen Tradition.
Sein Buch ist keine Chronologie des Kolonialismus oder des Rassismus, wenn auch deren wichtigste Stationen behandelt werden, vom transatlantischen Sklavenhandel bis zur Kolonialisierung Afrikas, und bis zur Ideologie der Selektierung der Menschenarten auch in der heutigen Zeit, in der die Menschen immer noch auf einer Stufenleiter der Ungleichheit angeordnet werden.

Das Buch ist eher ein Essai, und eine Reflexion darüber, wie aus der Kritik der Vergangenheit eine Zukunft herzustellen wäre, die unlösbar mit der Vorstellung von Gerechtigkeit, Würde und Gemeinsamkeit aller Menschen verbunden ist. Mbembe verwendet bewusst und durchgehend das Stereotyp „Neger“ (ohne Anführungszeichen), denn: *Sobald man das Wort „Neger“ ausspricht, holt man die Abfälle unserer Welt ans Licht zurück*, heißt es im Buch.
Der Autor weist darauf hin, dass es auch eine Zeit gab, Anfang des 20. Jahrhunderts, als dieses Stereotyp bei vielen Weißen Ausdruck einer Verehrung war. Man sah Afrika positiv in seiner Andersartigkeit, als ein Reservoir an Mysterien und des Magischen. Und auf Seiten der Schwarzen wurde „Neger“ zeitweise ein Symbol der Schönheit und des Stolzes und zu einer radikalen Herausforderung oder zum Aufruf zur Rebellion.

Mbembe sieht die Schwarzen, oder die Afrikaner allgemein, als Teil des Transformationsprozesses von Menschen in Ware und von Ware in Geld und findet dafür starke Metaphern wie die folgende:
*Das Substantiv „Neger“ ist ein Name, den man dem Produkt jenes Prozesses gibt, in dem die Menschen afrikanischer Herkunft in lebendes Erz verwandelt werden, aus dem man Metall gewinnt. Das ist seine zweifache metamorphe und ökonomische Dimension. Wenn zur Schlafenszeit Afrika der privilegierte Ort der Förderung und Ausbeutung dieses Erzes war, so war die Plantage in der neuen Welt der Ort, an dem man sie einschmolz, und Europa der Ort seiner Umwandlung in Geld. Dieser Übergang vom menschlichen Erz zum menschlichen Metall in menschliches Geld ist eine strukturierende Dimension des Frühkapitalismus*. Aus der Sicht der merkantilistischen Vernunft jener Zeit ist der Negersklave Objekt, Körper und Ware in einem. *Die Welt des transatlantischen Handels mit Negersklaven ist dieselbe wie die des Jagens, Fischens, und Sammelns, des Verkaufens und Kaufens*.

In der Epoche der Aufklärung und des Liberalismus erreicht der transatlantische Sklavenhandel seinen Höhepunkt. Rousseau und Voltaire erkennen auf philosophischem Wege die Schändlichkeit des Sklavenhandels allgemein, ignorieren aber den real existierenden Handel mit Menschen. Alexis de Tocqueville sieht die Afrikaner in den Vereinigten Staaten als unterwürfige Sklaven ohne Möglichkeit zur Emanzipation und setzt sich in Frankreich dafür ein, Algerien zu kolonialisieren und die Bevölkerung Algeriens als untergeordnete Diener zu behandeln.

Der Rassismus war besonders um die Wende zum 20. Jahrhundert *ein Eckstein bürgerlicher Sozialisation*. Da die Rassen mit dem Thema des Blutes verbunden wurden, das man früher bekanntlich zur Rechtfertigungen der Privilegien des Adels benutzt hatte, rechtfertigte das Bürgertum damit seine Privilegien gegenüber den kolonisierten Völkern. Der *Nationalkolonialismus* vereinte in Europa die sonst unterschiedlichen Parteien.

*Die Privatisierung der Welt unter der Ägide des Neoliberalismus, der den Anspruch erhebt, die Welt auf der Basis der Unternehmenslogik zu rationalisieren*, wie Mbembe unsere Gegenwart charakterisiert, ist natürlich auch nicht geeignet, den Kampf von Menschen afrikanischer Herkunft um die *Gleichheit der Anteile* zu unterstützen.

Das Ausmaß einschlägiger Literatur, das Mbembe zitiert, ist beachtlich und umfasst insbesondere die französische, englische und deutsche Philosophie und Soziologie. Zu Recht verweist er unter anderem auf die prägnanten Arbeiten von Joseph Vogl zur Frühzeit des Kapitalismus (siehe Josef Vogl: Das Gespenst des Kapitals, 2010, und Der Souveränitätseffekt, 2014). Selbstverständlich geht er ausführlich auf die Schriften von Aimé Césaire und Frantz Fanon ein, und in einem eigenen Kapitel auf Beispiele der Literatur afrikanischer Gegenwartsautoren.

Es geht Achille Mbembe in diesem Buch um das *Projekt des gemeinsamen Zuwachses an Menschlichkeit*. Von seiner Seite hat dieser afrikanische Denker dazu sehr überzeugend und mit seinem umfassenden Wissen beigetragen.
Man sollte sich auf darauf einlassen.


Der neue Klassenkampf: Die wahren Gründe für Flucht und Terror
Der neue Klassenkampf: Die wahren Gründe für Flucht und Terror
von Slavoj Zizek
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 8,00

20 von 24 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Die wahren Gründe für Flucht und Terror, 28. Dezember 2015
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Wenn Slavoy Zizek zur aktuellen Flüchtlingskrise sagt: *Unsere wahre Bestrebung sollte sein, die Basis der Gesellschaft weltweit so umzugestalten, dass keine verzweifelten Flüchtlinge mehr auf diesen Weg gezwungen werden* ... werden ihm wahrscheinlich alle, unabhängig von ihrer Weltanschauung, zustimmen. Wenn er dann hinzufügt: *Die Zurschaustellung altruistischer Tugenden hingegen verhindert letztlich die Umsetzung dieses Zieles*… werden sich manche um den Genuss ihres guten Gefühls der Mitmenschlichkeit betrogen sehen und sich lieber auf ihre Empathie beschränken. Wenn Zizek dann aber auch noch den globalen Klassenkampf als Perspektive für die Umsetzung dieses Zieles auf die Tagesordnung bringt, also die globale Solidarität mit den Ausgebeuteten und Unterdrückten, um ein menschenwürdiges Leben in möglichst allen Ländern zu gestalten, dann wird die Zustimmung sehr schnell schwinden.

Klassenkampf? Das eignet sich nicht als Buchtitel. Wenn überhaupt, wird das Wort nur mehr von Parteien und Unternehmern verwendet wenn sie zum Beispiel den Gewerkschaften angeblich überzogene Forderungen vorwerfen. Dann schon lieber Spenden ins Krisengebiet, Entwicklungshilfe, Freihandelsabkommen à la EPA und Hilfe bei der weiteren Implementierung der ‚westlichen Werte‘ im jeweiligen Land.
Mit den Machthabern legt es sich der Westen nicht an. Saudi Arabien und die Emirate sind, ökonomisch betrachtet, Außenposten des westlichen Kapitals, gänzlich abhängig von ihren Öleinnahmen hauptsächlich aus dem Westen. Die feudalen Kräfte in Pakistan und anderso sind die natürlichen Verbündeten der liberalen westlichen Demokratien, wie es auch die nordafrikanischen Diktaturen waren und noch sind.

Die wahre Bedrohung für unsere westliche Lebensweise, so Zizek, sind nicht die Immigranten, sondern es ist die Dynamik des globalen Kapitalismus. Flüchtlinge sind der Preis der globalen Wirtschaft und der kolonialen Expansion, die der Hauptmotor der neueren Geschichte war. Absurderweise führt der IS jetzt wieder zusammen, was nach dem Ersten Weltkrieg von den Kolonialherren aus England und Frankreich durch Grenzen getrennt wurde.

Wir sollten die vorherrschende linksliberale humanitäre Haltung verwerfen, rät Zizek.
Es hilft weder die Selbstgefälligkeit, mit der sich die westlichen Liberalen über die Fundamentalisten mokieren, die kein Verständnis für die Gleichstellung der Geschlechter haben; noch das Gegenteil: die pathetische Solidarität mit den Flüchtlingen; und auch nicht die Selbsterniedrigung von uns selbst, weil ‚wir‘ unsere Mitschuld an der Misere der Flüchtlinge eingestehen. Und schon gar nicht die einwanderungsfeindliche Brutalität. Wir sollten helfen, weil es unsere Pflicht ist, aber ohne Sentimentalitäten.

Was allgemein für den Begriff ‚Nachbar‘ gilt, gilt auch für Flüchtlinge. Gegen den Nachbarn, wie auch den Flüchtling, dessen für uns ungewohnte Handlungen wir nicht verstehen und dessen Verhalten unsere gewohnte Lebensweise durcheinanderbringt, hilft laut Zizek *nicht nur ein ‚Einander-Verstehen‘ sondern auch ein ‚Einander-aus-dem-Weg-gehen‘, ein angemessener Abstand, ein neuer Code der Diskretion*.

Als bevorzugte Art, einem Nachbarn, oder einem Flüchtling, zu begegnen, empfiehlt Zizek
*…nicht eine der Empathie oder des Verständigungsversuchs, sondern eine des respektlosen Lachens, das sich sowohl über den Anderen als auch über uns lustig macht, genauso wie über unseren beidseitigen Mangel an (Selbst-)Verständnis*.

Einen interessanten Hinweis gibt Zizek auf einen anderen Aspekt, der jenseits von mitfühlender Einsicht und moralsicher Pflicht zum Verständnis für den Fremden führt: In Konfrontation mit Fremden muss man sich plötzlich eingestehen, dass man sich selbst ein Fremder ist. Man ist sich selbst ein Fremder weil man merkt, dass man selbst nicht so ist wie ‚WIR (angeblich) sind‘.

Viel Stoff zum Nachdenken auf knapp 100 Seiten. Ein neuer Zizek im Kleinformat, wie schon der Vorgänger mit dem Titel ‚Blasphemische Gedanken: Islam und Moderne‘, der als Ergänzung zu diesem neuen pocket book zu empfehlen ist.
Beides Schnellschüsse, die das Thema genau treffen.


Das Kapital des Staates: Eine andere Geschichte von Innovation und Wachstum
Das Kapital des Staates: Eine andere Geschichte von Innovation und Wachstum
von Mariana Mazzucato
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,95

5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Wer, wenn nicht der Staat?, 3. Dezember 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Die gängige Lehre besagt, der Staat soll sich aus der Wirtschaft heraushalten, er soll nur die Rahmenbedingungen für wirtschaftliche Unternehmungen schaffen, und gelegentlich die Banken und Anleger vor dem Kollaps retten.

Die italienisch-amerikanische Wirtschaftswissenschaftlerin Mariana Mazzucato ist da ganz anderer Ansicht: sie plädiert für einen aktiven, unternehmerischen Staat, einen Staat, der als Motor für Innovation und Wandel agiert, und der mutig vorangeht, klare und kühne Visionen hat - genau das Gegenteil des Bildes, das üblicherweise vom Staat gezeichnet wird.
Sie verweist auf die Grundlagenforschung, die sie als ‚öffentliches Gut‘ versteht, und für die nur der Staat die langfristige Perspektive, das Geld und die notwendige Vernetzung bieten kann die dafür erforderlich sind.

Nicht jener Staat ist erfolgreich, der Investoren mit niedrigen Steuern und billigen Arbeitskräften anlockt, sondern der Staat in dem die öffentliche Hand in neue Technologien investiert und den Unternehmen ein Netzwerk für die innovative Weiterentwicklung bieten kann.
*Das Wirtschaftswachstum in Italien ist seit 15 Jahren nicht deshalb so niedrig, weil der Staat zu viel ausgegeben, sondern weil er in Bereichen wie Bildung und F&E nicht genug ausgegeben hat*, heißt es beispielhaft an einer Stelle.

Umfangreiche und langfristige staatliche Investitionen seien die Triebkraft hinter nahezu jeder Basistechnologie im letzten Jahrhundert gewesen. Zum Beispiel ist das Internet aus einem kleinen Netzwerkprojekt des Verteidigungsministerium entstanden, bei dem es darum ging, ein Dutzend Forschunganlagen in den USA zu vernetzen. Silicon Valley verdankt seine gegenwärtige Struktur staatlicher Finanzierung. Die große Leistung von Steve Jobs und von Apple ist unbestritten, aber im iPhone steckt nicht eine einzige Technologie, die nicht staatlich finanziert wurde: Internet, GPS, Touchscreen-Displays, Mobilfunktechnik, Mikroprozessoren, Clickwheel, Lithium-Ionen-Akkus, Flüssigkristallbildschirm, und so weiter.
Der Algorithmus, dem Google seinen Unternehmenserfolg verdankt, wurde mit dem Geld der National Science Foundation entwickelt. Die Pharmaindustrie macht mit staatlichen Forschungsergebnissen große Gewinne.
Mit Sarkasmus, oder mit Wut, je nach Veranlagung, stellt man beim Lesen dieser großen Namen fest, dass es genau diese Namen sind, die man bei den größten Steuervermeidern wiederfindet. Würde Apple in Kalifornien, wo die Firma von staatlicher Forschung und von Steuergeldern profitiert hat, auch seine Steuern zahlen, und nicht in Irland, wäre Kalifornien nicht so verschuldet wie es heute ist.

Als gute Beispiele von aktiver staatlicher Innovation in anderen Ländern wird unter anderen die brasilianische Entwicklungsbank BNDES genannt, die deutsche staatliche Förderbank KfW, und die China Development Bank. Auch kleine Länder werden gewürdigt, wie Dänemark, für die aktive Rolle, die der dänische Staat für die Entwicklung des dänischen Konzerns Vestas spielte, der über Jahre hinweg der weltweit größte Hersteller von Windturbinen war.
Von Süd-Korea ist bekannt, dass es die staatlichen Initiativen waren, die in dem energiearmen Land dafür sorgten, dass sich eine breit aufgestellte Industrie etablieren konnte. Der koreanische Wirtschaftswissenschaftler Ha-Joon Chang hat darüber interessante Bücher geschrieben. China ist geradezu ein Paradebeispiel für die aktive Rolle des Staates bei der Entwicklung der Wirtschaft. Die Chinesen machten genau das Gegenteil von dem was IWF und WELTBANK den Ländern empfohlen hatten die noch heute unter diesen Empfehlungen leiden.

In den USA wird offenbar auch eine aktivere staatliche Innovationspolitik betrieben als in Europa.
Als Beispiele werden das MRC (Medical Research Council), SBIR (Small Business Innovation Research), das sogar unter Reagan aufgebaut wurde, die DAPRA (Defence Advanced Research Projects Academy) die maßgebend am Internet beteiligt war, und zuletzt die NNI (National Nanotechnology Initiative).
Sicher, Die Vereinigten Staaten haben schon in den 1950er und 1960er Jahren mit großen staatlichen Forschungsprojekten begonnen, als in Europa gerade mal über die Gemeinschaft für Kohle und Stahl, die Montanunion, nachgedacht wurde. Aber auch heute, in der EU, scheinen die Chancen für eine aktive innovative Rolle der Staaten oder der Gemeinschaft nicht günstig zu sein, sei es aus Gründen der neoliberalen Ideologie, die den Staat nur als Retter bei Marktversagen akzeptiert, oder aufgrund der peniblen Sparpolitik in der EU, deren wirtschaftliches Blickfeld nur auf die schwarz Null beschränkt zu sein scheint, wie die Autorin meint.
Könnte die Lösung heißen: *Mehr Staat = mehr Privat*?


Die drei Leben der Antigone: Ein Theaterstück
Die drei Leben der Antigone: Ein Theaterstück
von Slavoj Zizek
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Neues von der Ödipus-Sippe, 1. November 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Geht er jetzt auch noch unter die Dichter, der philosophische Superstar Slavoy Zizek?
Der Kulturkritiker und Theoretiker der Psychoanalyse - jetzt auch noch als Stückeschreiber in der Nachfolge von Sophokles?

Nein, sagt Zizek im Vorwort zu seinem Theaterstück *Die drei Leben der Antigone*, das Stück erhebt nicht den Anspruch, ein Kunstwerk zu sein, sondern ist als ethisch-politische Übung zu sehen.
Die Handlung vollzieht sich bei Zizek gemäß der klassischen Vorlage, allerdings gestrafft auf das Wesentliche, um nach Ende der Originalversion, also nachdem sich Antigone erhängt hat und Kreon am Boden zerstört ist, dem Stück noch zwei weitere Enden anzuhängen.

Die verblüffendere dabei ist die dritte: beide, Antigone und Kreon müssen sterben, und zwar auf Befehl des Chors der alle bisherigen Varianten nur kommentiert hat und nun in eine aktive Rolle wechselt, in die der Bürgergemeinschaft, oder ‚des Volkes‘ wie man will. Er übernimmt als Kollektivorgan die Macht und lässt sowohl Antigone wie auch Kreon hinrichten. Als Begründung dient die Ansicht, dass der Konflikt innerhalb der Ödipus-Sippe nicht zu lösen sei und der Streit das Überleben der ganzen Stadt gefährdet.

*Wir sind es müde, im Schatten zu stehen und nur vortreten zu dürfen, um deine Taten zu kommentieren und dich mit hohlen Phrasen zu feiern*, sagt der Chor zu Kreon, und zu Antigone: *Wir sehen, wie sehr du dich deiner Sache hingibst und bereit bist, alles für sie zu opfern. Doch lehrt uns die Weisheit, dass, wenn man alles für eine Sache aufgibt, man manchmal die Sache selbst verliert und alle Opfer nutzlos waren*.

Die Idee, ein Stück mit verschiedenem Ausgang zu schreiben, stammt von Berthold Brechts Lehrstücken.
Brecht hatte jedoch für seine Antigone-Version für die ‚Kämpferin gegen die Mächtigen‘ noch das mehrstrophige Gedicht geschrieben: *Komm aus dem Dämmer und geh / Vor uns her eine Zeit / Freundliche, mit dem leichten Schritt / Der ganz Bestimmten, schrecklich / Den Schrecklichen. ….

Die neutrale Sicht, und gleichzeitig die schicksalhafte Unmöglichkeit, den Konflikt zu lösen, sah aber schon Hegel sehr deutlich, der in seinen *Vorlesungen über die Ästhetik* über Antigone und Kreon schrieb:
*So ist Beiden an ihnen selbst das immanent, wogegen sie sich wechselweise erheben, und sie werden an dem selber ergriffen und gebrochen, was zum Kreise ihres eigenen Daseyns gehört.*

Zizek folgt bei seinem Theaterentwurf inhaltlich der Geschichte des großen Sophokles, formal aber Brecht, philosophisch Hegel, und politisch seiner eigenen Ethik.


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