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Rezensionen verfasst von
schallwellenreiter (Köln)

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Fußball, deine Fans: Ein Jahrhundert deutsche Fankultur
Fußball, deine Fans: Ein Jahrhundert deutsche Fankultur
von Martin Thein
  Broschiert
Preis: EUR 14,90

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Gelungenes Einstiegswerk für Interessierte, 27. März 2013
Vom einfachen Fließbandarbeiter bis hin zum Professor oder dem Bundestagsabgeordneten – der „Proletensport“ der achtziger Jahre ist mittlerweile in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Trotz der zunehmenden Beliebtheit des Ballsports verbleibt der Fußballfan an sich als zumeist unbekanntes Wesen. Spätestens mit dem Medienoverkill am Ende der vergangenen Saison wurde deutlich, wie wenig diese mediale Gesellschaft über Fans und Fankultur weiß.

Dabei ist es offenkundig, wie sehr der Fußball – im Negativen wie im überwiegend Positiven – durch seine Anhänger lebt. „Fußball, deine Fans“ – herausgegeben von Martin Thein, seines Zeichens Mitarbeiter am Institut für Sportwissenschaft der Universität Würzburg – will in diesem Themengebiet eine Lücke schließen. Auf 240 Seiten nähert sich der Sammelband in chronologischer Form den „wunderbaren und auch ihren weniger schönen Facetten“ der Fankultur. Neben professionellen Fußball-Betrachtern wie ZDF-Reporter Thomas Wark und Buchautor Michael Horeni kommen auch Fans wie Mirko Otto (Mitbegründer des Fanzines „Blickfang Ultrá“) oder der Mainzer Anhänger Fabian Beyer zu Wort.

Die Stärken des Sammelbands sind gleichzeitig auch seine Schwächen: Durch die unterschiedlichen Verfasser der jeweiligen Texte gewinnt „Fußball, deine Fans“ an Authentizität und zeigt die Vielfalt der recht heterogenen Fankultur in diesem Land anschaulich auf. Durch diese Vielzahl an Blickwinkel schleichen sich jedoch einige Redundanzen in die Texte ein. Dazu schwankt die Qualität und der Erkenntnisgewinn der einzelnen Abschnitte doch enorm. Als Beispiel sei hierfür der Vergleich zwischen dem so kurzen wie nichtssagenden Text des omnipräsenten „Medienexperten“ Jo Groebel und dem hervorragenden Schlusskommentar des Herausgebers genannt. Auch scheinen mitunter einige „Fakten“ nicht immer belegbar beziehungsweise komplett nachrecherchiert zu sein.

Überzeugend ist „Fußball, deine Fans“ vor allen Dingen in den Momenten, wo er die kleinen Geschichten der Autoren offen legt, die das große Ganze alias „Fankultur“ erst schaffen. Wie sind sie zum Fußball gekommen, was hat sie im Stadion gehalten, wie leben sie ihre Liebe zu Verein und Sport aus. Das schafft Identifikation der Leser mit den Autoren. Leider schafft der Sammelband mitunter nicht den Sprung auf eine höhere Betrachtungsebene, nämlich vom Speziellen zum Allgemeinen. Gerade bei den aktuell brennenden und komplexen Themen (vorrangig über die Ultrá-Bewegung) wäre ein übergeordneter Blick vielleicht sinnvoller gewesen.

Durch die kompromierte Behandlung des Themas (100 Jahre Fankultur auf 240 Seiten) sorgt „Fußball, deine Fans“ dafür, als leicht lesbare Kost für Übersicht, für eine erste Einordnung diverser Phänomene zu sorgen. Diese Verdichtung von Themen und Informationen sorgt allerdings auch zwangsläufig dafür, die recht vielschichtige Materie zwar in den Grundzügen analysieren zu können, aber am Ende aufgrund des fehlenden Umfangs doch zu oberflächlich betrachten zu müssen.

Letztlich ist trotz aller berechtigten Einwände „Fußball, deine Fans“ ein richtig gelungenes Einstiegswerk für Interessierte, die sich für Fankultur im Allgemeinen zu begeistern beginnen. Um danach tiefer in die jeweiligen, zumeist komplexen Themengebiete einzudringen, empfiehlt sich jedoch weiterführende Lektüre.


Denn wir sind anders: Die Geschichte des Felix S.
Denn wir sind anders: Die Geschichte des Felix S.
von Jana Simon
  Taschenbuch

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Innerlich zerrissen..., 4. April 2007
'...so hieß der Ort, an dem ich war - diese Zeile aus einem Onkelz-Song passt wie keine andere auf den hier rezensierten Roman. "Denn wir sind anders" ist die Geschichte des Felix S., erzählt von seiner Jugendliebe Jana Simon. Aber auch eine Geschichte über die Generation der "Wendekinder". Deren Vergangenheit im "real existierenden Sozialismus" mit einem Schlag ausradiert wurde. Die weder im Westen noch Osten sich richtig heimisch fühlen. Eine Geschichte über die Suche nach Identität und Anerkennung, aber auch über unzureichende Klischees. Über Gewalt und die Sehnsucht nach einem Zuhause.

Denn Felix S. ist eine zwiegespaltene Gestalt. Kickboxer, aktiver BFC-Hooligan, brutaler Türsteher, tief im Milieu verwurzelt, aber auch kulturinteressiert und eine sensible Seele. Einer, der für anderejederzeit ein offenes Ohr hat, jedoch selbst nicht über seine Gefühle sprechen kann. Jemand, der einen Hass auf die "Kanacken", die im Westen Berlins die "Türen kontrollierten", hatte, aber durch seine südafrikanischen Wurzeln selbst nicht aussah, wie der typische Deutsche. Ein Mensch, der sich außer in Ostberlin nirgendwo so richtig zuhause fühlte. Jana Simon beschreibt die Lebensgeschichte des Felix S., die so voller scheinbarer Widersprüche steckte, mit einer beeindruckenden Auffassungsgabe und geschliffenen Formulierungen. Im Laufe des Romans taucht der Leser immer mehr in Felix' Welt ein, immer aus der Sicht seiner Freundin Jana, die ihn seit dem 16.Lebensjahr kannte und nun sein Wirken nachrecherchiert. Ein Freundschaftsdienst lässt den jungen Ostberliner dann endgültig aus der Bahn geraten. 4 1/2 Jahre wegen Rauschgifthandels. Der Knast sollte das letzte bleiben, was er sehen sollte. Mit erst 30 Jahren nahm Felix' Leben ein trauriges Ende.

Dank der emotionale Nähe, die bei der Autorin zu ihrer Geschichte existiert, entsteht auch beim Leser eine gewisse Vertrautheit, eine imaginäre Verbindung zu der Person Felix S. Der gefühlvolle, aber dennoch kritisch-distanzierte Erzählstil des Romans, der auch einiges über die Vergangenheit von Felix' Familie zu berichten weiß, macht "Denn wir sind anders" zu etwas Besonderem. Wer allerdings Einblicke in die Hooliganszene, wie von manchen erwartet, verspricht, der ist bei diesem Roman Fehl am Platz. Der Bereich wird nur kurz angeschnitten, was die Bewertung zu diesem Buch allerdings nicht schmälert. Es ist jeden Cent wert! Interessant, aufrüttelnd, zum Nachdenken! Prädikat: Sehr wertvoll!


Yours Truly, Angry Mob
Yours Truly, Angry Mob
Preis: EUR 8,99

11 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Voll in die Offensive, 19. März 2007
Rezension bezieht sich auf: Yours Truly, Angry Mob (Audio CD)
Noch vor kurzem war Leeds besonders in Fußballkreisen ein großer Begriff. Die Mannschaft der einstigen Textilmetropole, die nun wirtschaftlich am Boden liegt, brachte es in der Champions League bis ins Halbfinale. Doch fünf Jungs aus dem Norden Englands träumten einen anderen Traum. Im Jahre 2005 sollte sich dieser erfüllen. Die Kaiser Chiefs – benannt nach einem südafrikanischen Fußballvereins, bei dem der damalige Leeds-Verteidiger Lucas Radebe spielte – starteten mit ihrem Debütalbum "Employment" durch in Richtung Rock’n'Roll-Thron. Das Quintett ist mittlerweile eine der größten musikalischen Attraktionen der Insel, während der ortsansässige Fußballverein – ohne Lucas Radebe – auf dem letzten Platz der zweiten englischen Liga herumdümpelt. Nun stürmen sie mit "Yours truly, angry mob" wieder nach vorn.

Schon mit der ersten Singleauskopplung ließ das Quintett aus der nordenglischen Textilmetropole keinen Zweifel daran, dass auch das neue Werk dort anknüpft, wo "Employment" aufgehört hatte. Wie vormals "Oh my god" setzte sich "Ruby" in den Ohren der geneigten Zuhörer fest. "Wir sind eine großartige Band und wir schreiben großartigen Songs", posaunt Keyboarder Nick Baines und liegt damit nicht gänzlich falsch. Immer dann, wenn die Kaiser Chiefs in die Offensive gehen und die Menge mit rockigen Klängen nach vorne treiben, zeigen sich die Stärken des Albums. Der sich langsam entwickelnde Titelsong "The Angry Mob" ist das beste Beispiel – zuerst scheint der Angriff durch eine mittelmäßige Popattitüde ins Leere zu grätschen, um dann am Ende mit einem fulminanten Schlussspurt aus der Distanz zu treffen. Auch das locker-poppige "Heat dies down", das dennoch nach vorne geht, und das eingängige "Learnt my lesson well" zeugen davon, dass das Hitpotenzial des Erstlingswerks des Leeds-Fünfers kein Zufallstreffer war.

Es zeigen sich in den wenigen, ruhigen Phasen des Albums ("Try your best", "I can do it without you") zwar gewisse Schwächen, doch wer hatte dies von den stürmischen Briten erwartet? Die Kaiser Chiefs überzeugen auf anderem Gebiet: Offensiver Indierock, der durch starke Ohrwurmgefahr und rockige Rhythmen überzeugt, ohne mit der Brechstange zu agieren. Zum Schluss setzt der "Angry Mob" mit "Retirement" noch einen wütendes i-Tüpfelchen auf eine gelungene Platte. "Kaiser" Franz wäre begeistert.


Der Alte Mann und Mr. Smith: Roman
Der Alte Mann und Mr. Smith: Roman
von Peter Ustinov
  Taschenbuch

5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Göttlich absurd & teuflisch gut, 11. Februar 2007
Der deutsche Philosoph Friedrich Nietzsche sagte bereits vor knapp 125 Jahren "Gott ist tot". Und wenn man sich die heutige, naturwissenschaftlich geprägte Zeit einmal genauer anschaut, wird man feststellen, dass der Gedanke an den "Schöpfer der Erde" in seinen Ebenbildern nicht allzu präsent ist. Würde der Mensch überhaupt seinen Gott erkennen, wenn er urplötzlich vor einem stehen würde? Und dazu noch in Begleitung des Teufels höchstpersönlich? Diesem absurden Thema nimmt sich Sir Peter Ustinov, der vielen nur als Schauspieler und Entertainer bekannt ist, in seinem Roman "Der alte Mann und Mr.Smith" an.

Es ist die Geschichte zweier Reisenden, die sich zurück auf der Erde befinden. Selbstverständlich in "God’s own country", den Vereinigten Staaten von Amerika. Ein alter Mann, gesegnet mit einer außerordentlichen Korpulenz und weißem Haar, erscheint in einem Washingtoner Hotel und checkt als "G-O-T-T" ein, nur knapp gefolgt von seinem temperamentvollen Reisepartner, den "G-O-T-T" als Mr.Smith ausgibt. Doch die Idylle des Zusammentreffens von Gut und Böse hält nicht lange. Nur kurz nach ihrer Ankunft werden die zwei skurrilen Reisenden von Beamten des FBI wegen "Falschmünzerei" festgenommen. Durch ihr Talent, in solch kniffligen Situationen verschwinden zu können, schaffen die zwei dennoch eine Flucht, die sie von einer Priestershow im Fernsehen über das weiße Haus bis in die Kreml und nach Fernost führt. In einer höchstvergnüglichen Art und Weise lässt der weltberühmte Autor seine zwei Gestalten, die sich zeitweise aufführen wie ein altes Ehepaar, das sich nach langer Zeit endlich wieder zu einem Urlaub aufgerafft hat, auf der Erdkugel herumreisen. Ausgestattet mit besonderer sprachlicher Finesse gelingt es Ustinov, dem man den Spaß an diesem Roman allein durch seine Erzählart anzumerken scheint, der Geschichte immer wieder neue Wendungen und somit neuen Schwung zu verpassen. Auch wenn "Der alte Mann und Mr.Smith" natürlich nur ein Unterhaltungsroman ist und somit nur an der Oberfläche der Probleme dieser Welt kratzt, so gelingt Ustinov es vor allen Dingen durch seine Sprachgewalt und die Gestaltung der persönlichen Beziehung zwischen den zwei Reisenden vorzüglich, den Leser in den Bann der Geschehenisse rund um diese zwei skurrilen Gestalten zu schlagen.

Auch ist der Roman weltpolitisch nicht mehr hoch aktuell, dennoch steckt einiges an immer noch aktuellen Themen in diesem Werk. Alleine Ustinovs Talent, beobachtete Sachverhalte prägnant und verständlich auf den Punkt zu bringen, macht "Der alte Mann und Mr.Smith" zu einem Muss, zu einem Klassiker, den man gelesen haben sollte. Göttlich absurd und teuflisch gut.


Hay! Hay! Hay!
Hay! Hay! Hay!
Wird angeboten von mario-mariani
Preis: EUR 37,90

13 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Das alte Lied vom Ausverkauf, 27. Januar 2007
Rezension bezieht sich auf: Hay! Hay! Hay! (Audio CD)
Im Jahr 2000 fing das Dilemma rund um die Kölner Band Brings an. Mit "Superjeilezick" landeten die fünf Jungs um Frontmann Peter Brings, die sich bis dato als vom Fasteleer losgelöste Mundartrocker bewiesen hatten, völlig überraschend den kölschen Hit des Jahres und etablierten danach sich und Kölschrock im Allgemeinen im Bühnenprogramm des Kölner Karnevals. So ist es nicht verwunderlich, dass sie pünktlich zur neuen Session mit "Hay! Hay! Hay!" ein neues Album am Start haben.

Schon beim enttäuschenden Vorgänger "Sulang mer noch am Lääve sin" zeichnete sich endgültig der Stilwechsel von kölscher Rockmusik hin zu einer Party- und Stimmungsband ab. „Hay! Hay! Hay!“ setzt dort noch einen drauf. Kaum etwas ist noch geblieben von der Band, die sich mit Alben wie "5" oder "Knapp" an die Seite von BAP und Wolfgang Niedecken gestellt hatte. Sozialkritische Rocksongs wie "Handvoll ze fresse" oder "Keine Fröhling in Kalk", mit denen Brings sich in die Herzen der Kölner Rockfans (und auch in die der auswärtigen) gespielt hatten, fehlen vollständig. Fast jeder Song wirkt wie auf Stimmung getrimmt, der alte Charme ist dem Hecheln nach Erfolg gewichen. Das alte Lied vom Ausverkauf! Zwar kann der Titelsong, ein wahrlich knackiger Rocker, der zum Mitwippen einlädt, noch überzeugen – ansonsten könnte das Album auch der Feder einer maximalst durchschnittlichen Karnevalskapelle entstammen. War die Zuneigung der Band zu Polkarhythmen bereits bekannt, so mischen hier auch noch Sirtakinummern und Schunkelsongs mit, die aber über allerhöchstens vernünftige Ansätze ("Eifel", "Rabenschwarze Nacht") nicht hinauskommen. Mit "Fußball ist unser Leben" kann auch ein bekannter Song nicht mehr viel im Bezug auf den Gesamteindruck retten. Im Wust dieser Partysongs versteckt sich jedoch noch eine Perle: Der ein wenig an Bob Dylan angelehnte Track „Loß dir nix jefalle“, ein Song über Erinnerungen an alte Zeiten, sticht – besonders in Sachen Authentizität - sehr positiv heraus.

Leider eine Ausnahme. "Hay! Hay! Hay!" ist sicherlich das schwächste Brings-Album aller Zeiten und deutet auf einen endgültigen Abschied von früherer Klasse hin. Dem Fan alter Songs bleibt nur die Hoffnung, dass das Streben nach dem schnöden Mammon wieder dem musikalischen Idealismus weichen wird. Textlich wie auch musikalisch wirkt es allerdings nicht so, als sei diese berechtigt. Man sagt, die Hoffnung stirbt zuletzt, aber diesem Werk nach liegt sie bereits auf der Intensivstation.


Nachtzug nach Lissabon
Nachtzug nach Lissabon
von Peter Bieri
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

13 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Aus der Goldschmiede der Worte, 14. Januar 2007
Rezension bezieht sich auf: Nachtzug nach Lissabon (Taschenbuch)
Es ist eine der zentralen Fragen, die sich im Leben eines Menschen stellen. Warum bin ich so geworden, wie ich heute bin? Bin ich das geworden, was ich werden wollte? Unter anderem um diese Frage der Erkenntnis herum hat der Schweizer Philosoph Peter Bieri unter seinem schriftstellerischen Pseudonym Pascal Mercier seinen philosophisch geprägten Roman "Nachtzug nach Lissabon" angelegt. Es ist nicht nur die Geschichte einer schlagartigen Bewusstwerdung, sondern auch gleichzeitig das Porträt zweier Personen, die sich ähneln und doch fremd sind.

Der Protagonist des Romans, Raimund Gregorius, der bisher ein solides und spannungsarmes Leben als Gymnasiallehrer für Sprachen in Bern führte, wird durch einen von ihm selber vereitelten Suizidversuchs einer Frau, die nur portugiesisch spricht, aus seinem bisherigen Dasein gerissen. Wie von Lebenshunger getrieben flieht er während des Unterrichts von seinem Arbeitsplatz und findet in einer Buchhandlung die Schriften Amadeu Prados, laut Titel "ein Goldschmied der Worte" und ist von einem kurzen Ausschnitt des Werkes ("Wenn es so ist, dass wir nur einen kleinen Teil von dem leben können, was in uns ist - was geschieht mit dem Rest?"') derart fasziniert, dass er nach Lissabon reist, um sich auf die Spuren des Schriftstellers zu machen. Mit geschliffenen, hoch eloquenten, aber mitunter sperrigen Sätzen stellt Mercier seinen sich in einer Sinnkrise befindenden Hauptakteur in eine ihm fremde Umgebung, in der es dem passionierten Schachspieler Gregorius nur Zug um Zug gelingt, das Leben Prados, der, wie sich herausstellt, bereits mehr als dreißig Jahre tot ist, zu einem kompletten Bild zusammen zu setzen. Ein ebenfalls gelungener Schachzug des Autors ist es, den Leser durch die zusammenhängenden Zitate aus Prados fiktiven Schriften, die zwar teilweise den Rhythmus des Romans stören, auf mehreren Ebenen an diesem Prozess der Erkenntnis in Gregorius' Bewusstsein teilhaben zu lassen.

Trotz der teilweise zu hochgestochen und kompliziert wirkenden Sprache gelingt es Mercier, zwei Personen zu porträtieren, die sich nie kennenlernten und doch viel gemeinsam hatten. Ebenso gelingt es ihm, einige hochinteressante philosophischen Ansätzen zu den zentralen Fragen, die sich der Mensch im Laufe seines Lebens stellt, in den fiktiven Aufzeichnungen des Amadeu de Prado ans Licht zu bringen. Keinesfalls leichte Kost für zwischendurch, sondern eher eine hervorragend zubereitete literarische Köstlichkeit, deren Nährwert man kaum in Worte fassen kann, wenn man sich nicht vollends auf Raimund Gregorius und Amadeu de Prado einlässt.


Sex,Love & Rock'n Roll
Sex,Love & Rock'n Roll
Wird angeboten von thebookcommunity
Preis: EUR 50,55

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Weißes Licht, 23. Dezember 2006
Rezension bezieht sich auf: Sex,Love & Rock'n Roll (Audio CD)
Geschlagene acht harte, lange Jahre musste man auf die plattentechnische Rückkehr der kalifornischen Punk-Ikonen Social Distortion um den charismatischen Frontmann Mike Ness warten, um 2004 mit "Sex, Love and Rock'n'Roll" endlich den Nachfolger von "White Light, White Heat, White Trash" dem geschundenen CD-Spieler präsentieren zu können.

Und das sehnsuchtsvolle Warten auf ein neues Werk der kalifornischen Band hat sich mehr als gelohnt, denn selten hat es solch ein dreckiges Punkrockwerk gegeben, das dennoch soviel Charme und Können ausstrahlt wie das Album der Amerikaner. Mit "Reach for the Sky" schlägt direkt zu Beginn ein kerniger Uptempo-Song ein wie einst die Bomben auf Dresden und man merkt, dass es auf "Sex, Love & Rock'n'Roll" durchaus optimistischer zugeht als auf dem Vorgänger. Dennoch nimmt sich auch dieses Album seine nachdenklichen Töne, wie "Footprints on my ceiling" oder das dem verstorbenen Bandmitbegründer Dennis Danell gewidmete "Don't take me for granted" eindrucksvoll unter Beweis stellen. Man lauscht ehrfurchtsvoll Mike Ness' Organ, dem man die Jahren in positiver Art und Weise anhört, und spürt förmlich, wie die Energie der Lieder, die Melancholie mancher Stücke wie das grandiose "Winners & losers" und die getragenen Melodien durch das Zimmer schweben und sich wie ein Schleier auf den Hörer legen.

So entsteht in den Ohren des erstaunten Rockers eine 50minütige Demonstration, dass die Mannen um Mike Ness noch lange nicht zum alten Eisen gehören. Für Liebhaber des gepflegten Punkrocks ein einziges weißes Licht in ihren Ohrmuscheln, ein absoluter Gewinner in Zeiten gecasteter Popsternchen und Möchtegern-Rock'n'Roller. Definitiv eins der Alben, das man lieben (und im CD-Schrank stehen haben) muss.


Vollidiot: Der Roman
Vollidiot: Der Roman
von Tommy Jaud
  Taschenbuch
Preis: EUR 7,99

1 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Hirnfastfood par excellence, 16. Dezember 2006
Rezension bezieht sich auf: Vollidiot: Der Roman (Taschenbuch)
Diese sogenannte Popcornliteratur ist etwas Feines. Man liest und liest und liest, wird gut unterhalten und quält sich dennoch danach nicht mit weiteren Gedanken an den Roman, den man gerade verschlungen hat und dessen Titel man schon wieder vergessen hat. Tommy Jauds Gagfeuerwerk „Vollidiot“ knüpft nahtlos an dieses Genre an, das man auch als „Hirnfastfood“ unter den Büchern bezeichnen könnte.

Tommy Jaud, früher als Gagautor in Diensten Harald Schmidts, lässt als Protagonisten seines Erstlingswerkes den T-Punkt-Mitarbeiter Simon Peters erscheinen, der nach der Trennung von seiner Freundin als Single völlig desorientiert in der Weltgeschichte umherkurvt. Darüberhinaus rückt ein bedeutendes Ereignis in bedrohliche Nähe: Simons dreißigster Geburtstag. Und keine Frau in Aussicht. Keine? Doch, die wunderschöne Thekenkraft im Starbucks, die so unglaublich lasziv den Milchkaffee aufschäumt. Aus Sicht des egozentrischen, aber gleichsam völlig unbeholfenen Simon erzählt Jaud in einer amüsant-schnoddrigen Art und Weise, wie der „Vollidiot“ es immer wieder schafft, zielgerichtet in sämtliche Fettnäpfchen zu treten und wirklich alles falsch zu machen, was man nur falsch machen kann. Sei es nun beim tête-à-tête mit einer Animateurin im Cluburlaub oder beim Schalke-Spiel, das er nur wegen seines besten Kumpels Flik besucht. Unzählige Male gelingt es Jaud, den Leser nicht nur zum Lächeln zu bewegen, sondern fast zu beherzten Lachattacken zu nötigen.

Dennoch bleibt bei all der Unterhaltung die Identifikation mit dem Anarcho-Protagonisten, der keinerlei Regeln zu folgen und nur sein Leben ohne Rücksicht auf andere zu leben scheint, auf der Strecke. Zu gewollt klischeehaft inszeniert Jaud die Geschichte des sich auf der Suche befindenden Singles, der die Rolle des Verlierers gepachtet hat. Der Leser bleibt nach 283 Seiten mit einem Lächeln zurück. Viel mehr ist nicht geblieben. Hirnfastfood par excellence.


Smile... It Confuses People
Smile... It Confuses People
Wird angeboten von meliarecords
Preis: EUR 5,56

6 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Einmal Weichspülprogramm, bitte!, 12. Dezember 2006
Rezension bezieht sich auf: Smile... It Confuses People (Audio CD)
Wie unterschiedlich die Wege zum Glück eines Vertrages bei einem Majorlabel doch sein können. Die einen quälen sich durch Castingshows, andere dagegen kämpfen sich hart nach oben, indem sie einen Gig nach dem anderen in verrauchten Bars spielen, und andere werden von der Straße weg engagiert. Nicht in diesem Falle: Die Schottin Sandi Thom spielte sich durch Liveübertragungen im Internet in die Herzen der Fans und wurde für fünf Alben von SonyBMG verpflichtet. Es gleicht einem modernen Märchen: Das Mädchen von nebenan mutiert zum Songwriter-Star.

Mit dem herrlich naiven '"I wish I was a Punkrocker'", das wahrlich leichtgängig ins Ohr geht, stürmte die schottische Newcomerin auch direkt an die Spitze der englischen Charts. Vielversprechend war es, was sie da als Single vorab in den musikalischen Orbit schickte. Eine gut ausgebildete Stimme und spärlich instrumentierte Folkpop-Songs im Stile einer K.T. Tunstall. Das Album "Smile ... It confuses people" schon bald folgen. Doch je höher die Erwartungen sind, so tiefer fällt man bei der Enttäuschung dieser. Viel mehr als weichgespülte, folkig angehauchte Lagerfeuermusik gelingt der 24jährige Schottin in ihrem Debütwerk nicht. Das ganze Album verschwimmt in einer radiotauglichen Mainstreammischung, ohne in der Art und Weise im Ohr zu bleiben, wie es die erste Single tat. Lediglich das folkige "What If I'm right" nicht noch aus der grauen Popfolkrock-Masse in einer positiven Weise heraus, den Rest kann man einmal hören und getrost vergessen. Radiomusik zum Nebenbeihören.

So muss man leider konstatieren, dass Sandi Thom, sollte nicht noch ein Wunder geschehen und sie nicht noch einen eckigeren Kurs ansteuern, im Nirvana der Popgeschichte verschwinden wird, ohne einen langfristigeren Eindruck hinterlassen zu haben. Nicht immer lohnt sich das Weichspülprogramm.


Ringleader Of The Tormentors
Ringleader Of The Tormentors
Wird angeboten von Music-Shop
Preis: EUR 7,44

10 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Neugeburt eines exzentrischen Genies, 4. Dezember 2006
Rezension bezieht sich auf: Ringleader Of The Tormentors (Audio CD)
Das höchste Gut eines Kritikers ist die Objektivität. Doch es gibt Fälle, da ist man förmlich dazu gezwungen, Ausnahmen zu machen und der feine Spur der Schwärmerei zu folgen. Steven Patrick Morrissey ist so ein Fall. Er polarisiert, es gibt nur schwarz oder weiß. Für die einen ein aufgeblasener, zynisch-boshafter Egomane, der sich von der Welt unverstanden fühlt und dies jahrein jahraus kundtut, für seine Fans ist der ehemaligen Frontmann der Manchesterpop-Band "The Smiths" ein Popphilosoph allererster Güteklasse, ein Heilsbringer, bei dem sie sich – trotz (oder gerade wegen) allem Zynismus - geborgen fühlen und dessen Liedtexte eine magische Ausstrahlungskraft besitzen.

2004 war sein Jahr. Sieben lange Jahre ließ er seine Anhänger darben, um mit seinem Album "You are the Quarry" wieder dahin zurückzukehren, wo er sich selber am liebsten sieht. Auf dem Pop-Olymp. Diesmal ließ der "Mozzer", wie er von Fans genannt wird, sich weniger Zeit, um mit "Ringleader of the tormentors" ein neues Werk in den CD-Spielern der depressiv angehauchten Klientel rotieren zu lassen. Anstatt sich aber auf das Erfolgsrezept der Vorgängerplatte zu verlassen, änderte der Engländer nahezu alles. Sogar seine Grundeinstellung gegenüber dem Leben an sich ("Living longer than I intended - something must have gone - RIGHT!"). Unerwartet positive Zeilen überraschen Fans und Kritiker gleichermaßen, ohne dass er auf seine mit gewohnt spitzer Feder vorgetragenen Attacken und feinen Anspielungen (auch auf seine sexuelle Neigung) verzichtet hätte. Der Umzug in die "Ewige Stadt" Rom scheint Morrissey Inspirationsquelle par excellence geboten zu haben. Mit der Singleauskopplung "You have killed me" ließ er direkt einmal ein locker-leichtes Sommerlied auf das Publikum los, um auf dem Album mit unfassbar bombastisch instrumentierten Pop-operetten wie "Life is a pigsty" zu antworten. Sogar vor Kinderchören wie in der zweiten Auskopplung "The youngest was the most loved" schreckt Morrissey nicht mehr zurück.

So gelingt ihm – unter Mithilfe Ennio Morricones (ja, der "Spiel mir das Lied vom Tod"-Morricone) – ein Feuerwerk an grandiosen Songs, ein wahres Popmeisterwerk, dass von wundervollen Melodien und seiner grandiosen Stimme getragen wird. Wer Musik liebt, wird "Ringleader of the tormentors" anbeten. Für mich jetzt schon das Album des Jahres – ach was, das Album der letzten 10 Jahre. Wer sagte hier noch etwas von Objektivität?


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