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somabeat.com (Berlin)

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Natürliche Mängel
Natürliche Mängel
von Thomas Pynchon
  Gebundene Ausgabe

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen bekiffter Hippiedetektiv mit hellen Momenten, 28. September 2011
Rezension bezieht sich auf: Natürliche Mängel (Gebundene Ausgabe)
So recht weiß ich nicht, was ich von diesem Buch halten soll.

Worum geht es? Larry 'Doc' Sportello ist Privatdetektiv im Kalifornien der beginnenden 70er Jahre. In erster Linie aber ist er Hippie, und zwar einer, der dem Zynismus seiner Zeit einen (praktisch vom Dope imprägnierten?) Idealismus entgegen hält. Doc läuft in Sandalen durch LA, chillt am Strand, schämt sich nicht für seinen blonden Afro und trägt Motto-T-Shirts (z.B. 'Perlen-vor-Säue'). Bei Stress bekommt er ein psychogenes »rektales Pochen« und bei Begegnungen mit liebreizenden Damen unverblümt einen Ständer.
Zu Docs Kundschaft zählen seine Ex-Freundin, die sich um den psychischen Zustand und den physischen Verbleib ihres neuen Lovers sorgt (seines Zeichens Bauunternehmer mit einer Vorliebe für Aktdarstellungen auf Krawatten), eine Heroinsüchtige, deren Mann an einer Überdosis gestorben sein soll, von dem sie aber glaubt, er lebe noch, oder auch mal Ex-Knastis, die in Waffengeschäfte mit einer militanten, nationalistischen Organisation namens »Kalifornien erwache« verstrickt sein könnten. Dann ist da noch der zwielichtige Polizist Bigfoot, der seine eigenen Pläne mit Doc hat. Ringsherum schwirren Surfer & Rockbands durchs Szenario, User und neureligiöse Mystiker, Vietnamveteranen, ein Anwalt, der auf Donald Duck und daily soaps hängen geblieben ist, und sonstige Verhaltensoriginelle - sympathisch Gestörte aus Docs Bekanntenkreis. Er selbst ist der größte Verpeiler und der größte Checker in seinem Revier.
Auch wenn es nicht so aussieht, als ob irgend jemand Doc für seine Detektei-Dienste je bezahlen wird, legt der los, den Leuten auf den Zahn zu fühlen, und gerät dabei immer tiefer in die Machenschaften von Immobilienhaien, Polizei, Drogenkartellen, von Auftragskillern und dem FBI; alle sind sie (scheinbar) in seine Fälle involviert.

Na gut, die Detektivstory an sich ist gar nicht so spektakulär, eher schon, wie Doc sich durchs Geschehen kifft, vögelt & philosophiert, vorlaut, gewitzt, philanthropisch, und dabei so etwas wie einen roten Faden spinnt.

Am Ende ist man nicht unbedingt schlauer - außer dass man jetzt weiß, wie es in Docs Leben so aussieht, und dass man ein bisschen Hippie-Feeling und das Stampfen des Surf-Rhythmus' aus der Lektüre mitnehmen kann (Pynchon, Jahrgang 1937, ist in puncto Summer of Love atmosphärisch, nostalgisch, aber er verklärt nicht). Und: Man darf sich prächtig amüsieren über verpeilte Aktionen, Schlagfertigkeit und das ganze Panoptikum schräger Gestalten. Nicht zuletzt erstaunt aber Docs unverbrüchlicher Idealismus.

Das wäre jetzt alles nicht sonderlich bemerkenswert - eben ein kurzweiliges, gekonnt geschriebenes Buch. Aber dieses Buch stammt aus der Feder von Thomas Pynchon!
Wer Pynchon einmal gelesen hat, weiß, wozu dieser Autor fähig ist: Sinfonien epischen Wahnsinns, garniert mit handfestem Witz. Burlesken und explizite Erotik im Wechselbad mit kristallener Sprache und existenzialistischer Sinnsuche. Alles zusammen galoppiert oder mäandert oder oszilliert oder suppt auf hohem Niveau und mit atemberaubender Kraft durch Handlungen, deren Dimensionen man nicht immer erfasst, und deren Zusammenhänge etwas Mystisches, oft Paranoides haben, indessen immer die Möglichkeit in sich bergen, gar nicht gegeben zu sein. Körperlich spürbare Spannung, zum Bersten, man könnte diese Bücher zerfleischen oder sich ihnen in einer Art sexuellen Selbstaufgabe völlig hingeben. Freunden solcher Literatur seien die Pynchon-Klassiker "Die Enden der Parabel" (Übersetzung von Elfriede Jelinek) oder "V." wärmstens ans Herz gelegt.

Und "Natürliche Mängel"? Auch hier hat Pynchon die Verschachtelung von Anekdoten, Geschichten und falschen Fährten in die Kriminalstory aufgenommen, nur füllt diese sich nicht wie sonst mit dem (mit Verlaub) Ejakulat intellektueller und sprachlicher Orgien, was manch eingefleischter Pynchon-Leser übel nimmt.
"Natürliche Mängel" ist mitnichten ein dichter, schwerer Brocken, im Gegenteil. Ein Mangel? Pynchon hat hier sein Talent im Zaum gehalten, man fragt sich, warum? Ein Pynchon quasi, der kein Pynchon ist.
Trotzdem - bzw. eben genau Pynchon-atypisch - ist das Buch entspannt, in einem Ritt zu lesen und letztendlich sehr amüsant, das sollte hier nicht untergehen. Vielleicht wollte Pynchon einmal zeigen, dass er auch einfach nur gekonnt unterhalten kann?

Natürliche Mängel
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Oct 1, 2011 10:07 PM MEST


Comics richtig lesen
Comics richtig lesen
von Scott McCloud
  Taschenbuch
Preis: EUR 20,00

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Lehrreiche Wundertüte, 12. August 2011
Rezension bezieht sich auf: Comics richtig lesen (Taschenbuch)
Unlängst drückte mir ein Freund ein Buch in die Hand und meinte: »Hier, ich hab dir mal Fachliteratur mitgebracht.« Ich schlug auf und musste schmunzeln: Ein Comic über Comics, ok, nette Idee, aber Fachliteratur? Doch es funktionierte in der Tat! Als leicht lesbarer Comic verkleidet, untersucht und beschreibt das Buch das Medium mit genau den Mitteln, aus denen es sich zusammensetzt. Einfach prächtig!

Worum geht es? Zunächst wird sich heute kaum einer noch ernsthaft oder wenig differenziert die Frage stellen, ob Comics als Kunst zu bezeichnen sind, was 1993 beim Erscheinen des Buches wohl noch akut war. Allerdings bricht der Autor Scott McCloud (Jahrgang 1960) nicht einfach nur Lanzen für den Comic. Er stellt sich die Frage, wie Comic funktioniert und was er leisten kann, er dekonstruiert das Wesen und die Sprache und entwickelt unter Einbeziehung von Kognitions- und Kommunikationsmodellen eine umfassende Theorie des Comics.
McCloud selbst - als stilisierte Figur mit blanken Brillengläsern und karriertem Jackett - führt uns von Seite zu Seite und von Bild zu Bild durchs Thema. Vorab definiert er den Comic als »zu räumlichen Sequenzen angeordnete, bildliche oder andere Zeichen«, um dann einzelne Aspekte durchaus anspruchsvoll zu behandeln. In seinen Ausführungen zur Wahrnehmung geht es beispielsweise um Abstraktion & Identifikation (warum etwa ist es uns unmöglich, in einem Smiley etwas anderes als ein Gesicht zu sehen?). Und was geschieht zwischen den einzelnen Bildern (Panels), wie funktioniert die Induktion, die der Leser leistet, indem er Fragmente zu einem sinnvollen Ganzen ergänzt? (Zitat: »Der Tanz des Sichtbaren mit dem Unsichtbaren steht durch die Induktion im Zentrum des Comics!«) Welche Arten von Panel-Übergängen gibt es eigentlich, und was sagt uns ihre Gewichtung über die narrativen Absichten des Autors oder die Perzeptionsgewohnheiten des Lesers? Wie wirkt der fragmentierte Raum im Comic und wie lassen sich Zeitabläufe (zwischen den Panels und in einzelnen Bildern) umsetzen? Das klingt sehr theoretisch, jedoch wartet McCloud en passant mit Beispielen, Diagrammen und einfallsreichen Schaubildern auf, welche die Unterschiede zwischen verschiedenen Autoren oder den Comictraditionen und Erzähltechniken Japans und des Westens verdeutlichen (Stichwort linear vs. zyklisch). Damit nicht genug, referiert McCloud weiter über die Darstellung von Emotionen und Sinneseindrücken im Bild (Synästhesie), geht auf die Wechselwirkung von Wort, Bild und Geschichte ein und entwickelt abschließend eine hochinteressante Theorie des kreativen Prozesses (Kapitel 7, absolut zu empfehlen).

Sein Stil ist, nun ja, amerikanisch: McCloud doziert charmant & ungezwungen, pointiert & effektvoll; bisweilen wird er philosophisch: »Die Mauer der Ignoranz, die so viele Menschen daran hindert, einander zu sehen, wie sie sind, kann nur durch Verständigung durchbrochen werden. Und die Verständigung kann nur gelingen, wenn wir die Formen verstehen, die die Kommunikation annehmen kann.«
Beim Lesen erwischen uns unentwegt Aha-Effekte - indes trotz aller lehrreicher Theorie ist das Buch eine fantasievolle und kurzweilige Lektüre. Man neigt dazu, es zu unterschätzen, vielleicht weil es so viel Spaß bereitet. Aber sobald man das nächste Mal einen 'normalen' Comic zur Hand nimmt, stellt sich jenes Verständnis des Mediums ein, für welches McCloud so charmant geworben hat.

Mit seinen inzwischen klassischen Ausführungen zur visuellen Kommunikation war Scott McCloud übrigens auch wegweisend für die (Medien-)Akteure des digitalen Zeitalters. Er veröffentlichte entsprechende Nachfolgebände und doziert an verschiedenen amerikanischen Universitäten.

Wie gesagt, ein sehr lehrreiches Buch, kein gelehrtes, sondern prägend durch seine Anschaulichkeit und die narrative Kraft des Autors: Die Bilder und Themen bauen aufeinander auf, Gedanken entwickeln sich aus dem virtuosen wie leichtfüßigen Wechselspiel von Bild & Text, Inhalt & Form.

Ein junger Klassiker quasi, den man einfach im Bücherregal haben muss. Schon schwant mir ungut der Moment, da mein Freund sein Exemplar zurück verlangen wird. . .

Comics richtig lesen

A und X: Eine Liebesgeschichte in Briefen
A und X: Eine Liebesgeschichte in Briefen
von John Berger
  Gebundene Ausgabe

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen warmherzig aber ungesalzen, 6. Januar 2011
»An einem bestimmten Punkt geht jeder Schmerz in das Wort NEIN über, bevor er seinen weiteren Weg nimmt. Genauso wie jede Freude in das Wort JA fließt, bevor sie weiterzieht. Zu Dir sage ich JA; zu dem Leben, das wir zu führen gezwungen sind, sage ich NEIN. Ich bin stolz auf dieses Leben, stolz auf unsere Taten, stolz auf uns. Und wenn ich daran denke, werde ich zu einer dritten Person, weder Du noch ich, und auch Du wirst zu dieser dritten Person - jenseits von Ja und Nein!«
Dieses Buch ist wie ein Stück Schokolade auf dem Fensterbrett, ein Schaukelstuhl vor Eisblumen, dahinter halbschattige Winterlandschaft, unschuldig weiß, aber mit einem Schaudern oder Zittern darin, heimliches, sogar furchtsames Verblauen hinten.
A'ida (A) schreibt - über Jahre hinweg - Briefe an ihren Liebsten Xavier (X), der als Widerständler von einem totalitären Regime inhaftiert wurde, lebenslänglich. Ihre Worte sind süß, sanft, manchmal dunkel & schwer wie Schokolade, beinah immer aber sind sie beseelt von einem unerschütterlichen Glauben an die Liebe, von unmittelbarer Nähe zum Leben, von Zuversicht und Mut.
A'ida lebt die Freiheit in jedem Winkel ihres Lebens, selbst in vom Regime vergewaltigten Situationen. Und an dieser Kraft, an dieser Beschwörung von Freiheit & Liebe möchte A'ida ihren Xavier teilhaben lassen. Sie stellt ihm ihre Nachbarn vor, erzählt von gemeinsamen und neuen Freunden, sie ruft ihm die Erinnerung an eine gemeinsame Flugstunde wach, sie holt ihm die Weite des Himmels in seine Gefängniszelle: »Das Cockpit der CAP, mein Lieber, ist kleiner als Dein Loch.« und »Wie mein Körper war die Stille bis zum Bersten mit Ferne gefüllt.«
Sie ist nicht perfekt, sie versucht souverän ihr Leben und ihre Liebe aufrecht zu erhalten, einige (nicht an Xavier abgeschickte) Briefe berichten von ihrer Sehnsucht nach körperlicher Liebe, von ihrer Wut und ihrer Verzweiflung. A'ida verzichtet und sie zweifelt: »Warum hatte ich geweint? [...] Weil mir klar wurde, dass ich [...] nicht auf Dich angewiesen bin? Auf Dich! Es sind die kleinen Dinge, die uns erschrecken. Die großen, lebensbedrohlichen geben uns Mut.«
Und so haftet an aller Elegie und an allem amourösen Psalmodieren stets auch der bittere Geschmack der (partiellen) Kapitulation, oder zumindest des Sieges des totalitären Staates. Ein paar Mal konkret, meist jedoch in Andeutungen, in der Art, wie die Gedanken liegen & erliegen. »Wenn die Zukunft unfruchtbar ist, wird vielleicht die Vergangenheit schwanger.«
John Berger weiß, in wenige und einfache Worte ein unglaubliches Bouquet aus Poesie, Feingefühl, Beobachtung, Traurigkeit und Sympathie zu legen; und das ist seine wahre Kunst! »War auf Besuch bei Deiner Mutter. Alles in allem geht es ihr nicht schlecht. Wenn du durch die Haustür trittst, hast du immer das Gefühl, sie direkt auf den Mund zu küssen. [...] Sie nimmt den Ring und steckt ihn an den kleinen Finger meiner Linken, und ich mache eine Geste, als würde ich über den Kopf eines Hundes streichen. Und Deine Mutter hält den Atem an und erinnert sich in der ungeheuren Stille ihres Körpers daran, wie sie vor fünfzig Jahren mit demselben Ring die gleiche Geste machte.«
Berger gelingt ein ganz und gar unprätentiöses Buch, sehr sanft & subtil, manchmal allerdings zu seicht für meinen Geschmack. Er belehrt nicht, er palavert nie, immer hat A'ida etwas zu sagen, oft sind die Situationen selbst, von denen sie erzählt, die Symbole. Auffällig ist sein Hang zu etwas, das man vielleicht einen "orientalischen Gesprächshabitus" nennen kann: Was die Charaktere sagen und antworten scheint unverbunden, und dennoch birgt alles zusammen eine tiefere Allegorie.
Trotzdem fehlt etwas Salz. Das Buch verströmt die Ruhe und Einsicht eines alten Mannes (John Berger ist Jahrgang 1926), was nicht schlecht ist und uns eine ganz märchenhafte Auffassung von der Liebe beschert. Nur hin und wieder will dieser Duktus nicht recht zum Setting passen.
Dennoch: ein entspanntes Buch für innere Wärme an kalten Wintertagen. - Warmherzig aber ungesalzen.
A und X: Eine Liebesgeschichte in Briefen

Salomes siebter Schleier
Salomes siebter Schleier
von Tom Robbins
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,95

3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Leben als Wahrnehmung und der Spaß, den man daraus zieht, 4. November 2010
Rezension bezieht sich auf: Salomes siebter Schleier (Taschenbuch)
"Information über die Zeit lässt sich nicht einfach so vermitteln. Wie Möbel muss man sie abpolstern und auf die Seite kippen, damit sie durch die Tür passen. Wenn die Vergangenheit ein massives Eichenbuffet ist, dem man die Beine abschrauben und die Schubladen herausnehmen muss, bevor es in diesem veränderten Zustand durch die Pforten unseres Bewußtseins geschoben und aufgestellt werden kann, ist die Zukunft ein überdimensionales Wasserbett, das kaum eine Chance hat zu passen, vor allem dann nicht, wenn man es in einem Aufzug befördern will."

Wer Lesen als ein Vergnügen betrachtet, bei dem Bilder im Kopf entstehen, der ist bei Tom Robbins genau richtig. Die Art und Weise wie der heute 74jährige Autor Bücher schreibt, ist bemerkenswert, weil sie mit Ideenreichtum, Wortwitz und Fantasie eine Explosion im Geiste des Lesers auslöst.

"Salomes siebter Schleier" ist ein Buch über Ellen Cherry und Boomer, die in einem Wohnmobil in Form eines Truthahns von Seattle nach New York fahren, unterwegs eine Dose Bohnen in Schweinefleisch, einen Löffel und eine stinkende Socke verlieren (Dose, Socke und Löffel verbrüdern sich später noch mit einem weissagenden Stock und einer magischen Muschel). Es handelt von religiösem Fanatismus, der Frage was Kunst und was ein Künstler ist und von der Sichtweise unbelebter Objekte auf die Welt. Ach ja, und außerdem geht es um die Geschichte, die auf dem Buchumschlag erwähnt wird: Ein Jude und ein Araber eröffnen gemeinsam ein Restaurant in New York.

Ist das nicht etwas viel? Nein. Am Ende von "Salomes siebter Schleier" hat man das Gefühl, dass dieser Roman Tom Robbins beststrukturierter ist. Wenn man auf Stringenz steht, kann man das als positiv bewerten. Nicht nur, dass die Geschichte, anders als in anderen Romanen des Autors, im großen und ganzen der Chronologie der Geschehnisse folgt, auch findet man immer wieder eines der stärksten Strukturierungsmittel überhaupt: die Polarität bzw. den Kontrast.

Tom Robbins ist ein Meister darin, in seinen Romanen beispielhaft vorzuführen, dass das Leben vor allem aus dessen Wahrnehmung besteht und dem Spaß, den man daraus ziehen kann.

Auf meiner Top-Tom-Robbins-Bücher-Liste würde ich diesen Roman auf Platz 3 setzen, nach "Völker dieser Welt relaxt" und "Panaroma".

Die außerordentlich gut gelungene Übersetzung aus dem Amerikanischen stammt übrigens wieder einmal von Pociao. Vielen Dank, an dieser Stelle.

Salomes siebter Schleier

Swanlights
Swanlights
Preis: EUR 12,99

20 von 32 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Kammerflimmern?, 22. Oktober 2010
Rezension bezieht sich auf: Swanlights (Audio CD)
Antony, Antony, Antony... Wer ihn bisher nicht kannte, sollte sich nicht an dieser Anfang Oktober erschienenen Platte versuchen sondern lieber auf den Vorgänger The Crying Light (2009) oder noch besser auf I am a Bird Now (2005) zurückgreifen. Wer mit Antony bereits Bekanntschaft gemacht hat, braucht dieses Album nicht.
Eigentlich ist Antony ein Stern, geläutert und gerade dadurch von einem hohen Anteil dunkler Materie umgeben. Ein Komet, der von Ferne still den Musikhimmel durchschweift, Sog und Lodern jedoch, je näher man ihm kommt. Natürlich muß man sich an seinen Stil und den Gesang "gewöhnen" - dieses unerhörte Schillern im Obertonstübchen. Oft ist seine Stimme brüchig, herzzerreißend melancholisch, aus einem Tremolo wird ein Epos und aus der Bridge eine Arie. Zugleich vermag sich sein Organ kraftvoll in die Songs zu schrauben, schnippisch, wütend, exentrisch. Der Stern Antony schmachtet & brütet und er feiert & fordert. Sein musikalisches Herz wird analog von zwei Kammern angetrieben, deren eine dem Pop, ja dem Kitsch huldigt, während die andere von einer klassischen Bildung her der Avantgarde schlägt. Am besten ist Antony, wenn er dem Pop grandiose Kompromisse abtrotzt, wenn beide Kammern interferieren und unisono seine Kometenbahn ausleuchten.
Was er allerdings auf Swanlights unternimmt, gleicht leider eher einem Gran Sternenstaub im Nichts. All das kennen wir schon von Antony, und wir kennen es besser. Da hilft es auch nichts, wenn Björk ihren Senf dazu gibt (Flétta, Track 9) oder prominente orchestrale Begleitung aufgefahren wird. Noch weniger, wenn Antony gleich im ersten Titel des Albums mantrisch beteuert: Everything is new, dann aber musikalisch nicht mehr dazu zu sagen/zu bieten hat. Der Pop bleibt zu eindeutig poppig, und was avantgardistisch klingen soll, klingt getrimmt. Wirklich schade. Setzt hier etwa das Kammerflimmern ein? Bekommt Antony den Gleichklang seiner beiden Herzkammern nicht mehr hin? Hoffentlich nur vorübergehend.
Die Platte bleibt hörbar (Anspieltips: Track 4, 6 und 10), bietet aber weder Überraschungen noch Vertiefungen. Sicher ist es schwer, Authentizität weiter zu entwickeln, gerade wenn sie mit Extravaganz einher geht. Aber dann wird es besser sein, einige Takte in der kosmischen Hintergrundstrahlung abzutauchen, um später mit neuem Glanz die Bahnen zu durchbrechen.
Swanlights [Vinyl LP]
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Feb 15, 2011 6:24 PM CET


Die blassen Herren mit den Mokkatassen
Die blassen Herren mit den Mokkatassen
von Herta Müller
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 17,90

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen kantig und erpresserisch, 15. Oktober 2010
Also "Mokkatassen" ist ja auch ein zu schönes Wort, rein optisch. Und wenn man es eine Minute vor sich her spricht, klingts wie Musik, man könnte dazu beatboxen. "Herren" muß man Fränkisch oder Österreichisch aussprechen, denk ich mir, damit es zur Geltung kommt. . . Und dieserart kann es Wort für Wort weitergehen, denn die Gedichte, welche die nachmalige Literatur-Nobelpreisträgerin im Buch versammelt hat, kommen daher wie Erpresserbriefe: Collagen Wort für Wort, geschnipselt, geklebt, grafisch durchdacht versteht sich. Es dauert einen Moment, bis man sich eingewöhnt hat.
Worüber schreibt Herta Müller? Nun, ganz wie ein Erpresserbrief fordert auch ihre Lyrik etwas, sie setzt den Leser in eine Skepsis und Distanz, sie macht ihn zum Opfer und zum Inspektor, bis... Ja "bis". Die kurzen Texte besitzen eine Gabe und nicht selten ist man überrascht, die Abstraktion an einem unbestimmten Punkt überwunden zu haben und ertappt sich dabei, sich mit dem Erpresser zu identifizieren. Eine Art Stockholm-Syndrom das anschließend wieder forttherapiert werden muß. Inhaltlich sind es meist Erschütterungen, die Müller hervorzieht, Weichen in Lebenswegen, Liebes- und Leidmomente, Zufälligkeiten, allesamt in surreale, manchmal verspielte, immer jedoch "beruhigte" Retrospektiven verpackt. Ruhig, weise und beinah kühl werden hier die Leichen aus dem Keller geholt, verpaßte Gelegenheiten seziert, Allzumenschliches pointiert. Hintenrum durchs Genick.
Hin und wieder nervt es, daß Herta Müller ständig diese Art Haken schlägt. Haken, Ecken, Fransen, Stufen - all das ist kantig und hart, vielleicht wie unsere Zeit, wie moderne Architektur, wie Funktionalismus, nur auf einer anderen Ebene. Damit reiht sie sich in die moderne Poesie ein (Exkurs), von der ich manchmal denke, daß ihr das Mäandern und der musikalische Fluß abgeht, aus dem sie gewachsen ist. Mit anderen Worten: Sie will weniger im Gefühl denn in Gedanken wachsen und wachen. Weniger in der Bewegung als in der Betrachtung (Exkurs Ende). Das mag man finden wie beliebt. Natürlich spielt Müller verschiedene Töne, nie ist sie laut, jedoch stets direkt, gefeilt oder rauh; eindeutiger Klang vom ersten bis zum letzten Moment. Natürlich ist Müller auch Profi und hintertreibt genau dies. Und sie reimt. Dankenswerter Weise ist bei ihr der Klang nicht bloß Klammer der Konstruktion.
Das Büchlein bleibt unbestreitbar ein Lese- und Augenvergnügen und ist obendrein ein Kompendium logophilen Feuerwerks, daß es eine Freude macht:
"... die streuen den Verdacht ich könnte schon die nächste Nacht mit dem leisen Wassertaxi von einem Aug ins andere fahren ..."
"... wenn niemand schaut dann tauschen wir Hals über Kopf die Haut ..."
"... und der Mann fragte mich hast du Bohnenbeine warum nur sagte ich als kämen schwimmend alle Gärten über mich ich habe keine ..."
"... ein Kasten und darin liegt das Echo vom Nachlassen der Straßen ..."
Manchmal freilich wurde mir beim Lesen bange vor einer Autorin, die signifikant häufig von Hunden, Mokkatassen und von Zähnen schreibt. Ja, Zähne. Es dominiert der herbe Geschmack zwar reifer und einfühlsamer aber eben brüsker oder nüchterner Fraulichkeit. Das lyrische Ich in Müllers Texten - eine hagere, schmallippige, etwas versteinerte Dame in meiner Vorstellung - weiß immer ganz genau was es will (auch wenn es ihm verwehrt bleibt), bis ins Detail. Und dieses Segmentiert-Sein wiederum schlägt durch: Es gibt viele Grenzen, zwischen den Wörtern, was eine Wirkung erzielt, die erstaunlich und beabsichtigt ist. Die Texte lösen sich im Kopf zu einem Silbenrätsel auf. Einzelne Wörter & Bilder bleiben, aus denen man Kühlschrankmagneten machen könnte. Ein kurzweiliges wie anhaftendes kleines Werk. Kantig und erpresserisch.

Die blassen Herren mit den Mokkatassen

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