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Rezensionen verfasst von
"ladykaro"

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Das Parfum
Das Parfum
von Patrick Süskind
  Taschenbuch
Preis: EUR 10,90

6 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eines der besten Bücher, die ich kenne, 25. April 2005
Rezension bezieht sich auf: Das Parfum (Taschenbuch)
„Das Parfum" von Patrick Süskind. Ein 320-Seiten starker Band, erschienen im Diogenes-Verlag, viel gerühmt und eines der wenigen deutschen Bücher, die in den letzten Jahren weltweit Aufsehen erregten. Beim „Parfum", meiner Meinung nach, zu Recht. Was für ein genialer Mensch muss dieser Patrick Süskind wohl sein, ein solch zerrüttendes, an keiner Stelle langweiliges Buch schreiben zu können?
Nun, meiner Meinung nach gibt es hierfür zahlreiche Gründe, Kriterien, die ich persönlich vornehmlich zur Bewertung von Büchern hinzuziehe. Da wäre zum Einen die Person des Hauptcharakters Jean-Baptiste Grenouille (frz. „Frosch"). Schon zu Anfang des Buches, erwähnt Süskind, dass es sich hierbei um eine der genialsten und abscheulichsten Gestalten Frankreichs im 18. Jahrhundert handle, und das mag schon was heißen, zumal doch diese Epoche nicht gerade solcher Gestalten entbehrte. Grenouille ist recht außergewöhnlich. Charakteristisch für ihn ist sein übersensibles Geruchsorgan, nicht nur besser ausgebildet, als bei allen übrigen Menschen auf dieser Erde, nein, sogar noch empfindlicher als die Nase der Hunde oder aller übrigen Tiere. Er selbst wurde als fünftes uneheliches Kind einer jungen Frau in der Rue aux Fers, dem stinkendsten Ort im gesamten Königreich, in einer Fischbude neben dem Friedhof geboren. Es war die erste Lebendgeburt dieser Frau und eigentlich wollte sie auch dieses seltsame Kind, dieses abscheulich schreiende Ungeheuer, töten, doch dazu kam es nicht, weil Grenouille die gesamte Straße herbeischrie. Kurzerhand wurde Grenouilles Mutter zu Tode verurteilt und das Kind von einer Amme zur nächsten geschoben. Hier erhielt der junge Jean-Baptiste nicht die kleinste Liebesbezeugung, derer er, ehrlichgesagt, auch gar nicht bedurfte. Schon von Anfang an wird klar, dass mit Grenouille etwas nicht stimmt: Er verströmt keinen Eigengeruch. Olfaktorisch gesehen existiert dieser Mensch eigentlich überhaupt nicht. Jean-Baptiste wird also von den anderen Menschen gemieden, weil von ihm eine böse und unheimliche Aura ausgeht, was ihn zu einem lebenslangen Einzelgänger macht. (Nicht, dass er etwas dagegen gehabt hätte). Sein ganzes Leben lang dreht sich bei ihm ohnehin alles nur um Gerüche. Er wird Gehilfe des Gerbers Grimal, Gehilfe des Parfumeurs Baldini, verbringt sieben Jahre einsam auf dem Gipfel eines Berges und wird schließlich Gehilfe eines Parfum-Meisters in Grasse, stets auf der Suche nach dem Parfum, das ihn zum geliebtesten Wesen dieser Welt macht.
Solch eine Person ist an Abscheulichkeit, aber auch an Faszination, wohl kaum zu übertreffen. Was mich an diesem Grenouille so sehr beeindruckt, ist die Tatsache, dass er ein völlig unabhängiges Individuum ist, etwas, das noch nie da gewesen ist, weder in der Realität noch in der Fiktion. Man merkt sofort: Patrick Süskind hat sich mit der Materie eingehend auseinandergesetzt, er versetzt sich dermaßen überzeugend in die Situation Grenouilles, dass man meinen könnte, er habe dies alles selbst erlebt. Zudem gelingt dem Autor durch treffende und schillernd-bunte Beschreibungen eine exakte und lebendige Schilderung der Geschichte. Süskind ist ein Meister der Worte, er weiß, wann er seinen Leser durch Dialoge zerstreuen muss, wie er ihn mit der richtigen Wortfülle bannt und wie er eindeutig eine komplexe Situation darstellen kann, ohne zu verwirren. Beeindruckend war für mich diese Fülle an Beschreibungen. Wer hätte gedacht, dass die deutsche Sprache so viele Begrifflichkeiten birgt, die bei treffender Komposition ein so eindrucksreiches Bild der Realität liefern? Und es ist ein Bild der Realität, in der Tat. Die Wirkung von Patrick Süskinds Sprache reicht von „einfach nur überwältigend" bis hin zu „surreal". Der Autor kennt hierbei keine Tabus, sondern zeigt den Menschen so wie er ist, ohne seine schlechten und animalischen Seiten zu verstecken, die stark die Handlungsweise des einzelnen beeinflussen und doch so oft vertuscht werden und unter einen moralischen Teppich gekehrt werden. Die Darstellung des Menschen insgesamt ist an Misanthropie kaum zu übertreffen. Grenouilles ganzer Hass kommt hierbei zum Ausdruck, aber auch, mit einer gehörigen Portion Zynismus, Ironie und Sarkasmus, ein Spiegel unserer Selbst, die absolute Diskrepanz zwischen unseren tatsächlichen Gedanken, unseren Worten und unserem Tun. Den einen mag es erschrecken, so direkt in sein wahres Antlitz zu blicken, doch die Wahrheit von Süskinds Beschreibungen wird dadurch nicht verändert.
Doch auch auf wissenschaftlich-sachlicher Seite gelingt Süskind eine literarische Höchstleistung. Seine präzisen Kenntnisse über das Geschäft der Parfumherstellung überzeugen nur noch mehr, dass hier einer ans Werk geht, der wirklich weiß, wovon er schreibt, kein Stümper, kein Hobbyschreiber und kein Laie, sondern einfach nur ein genialer Schriftsteller. Er beweist vielseitige Kenntnisse in Hunderten von Bereichen: Parfumherstellung, Wirkung des Geruches auf den Menschen, soziale Situation der Menschen im 18. Jahrhundert, Geschichte und Geographie Frankreichs. Und nicht zuletzt ist er ein Menschenkenner, einer, der hinter diese Fassade schaut, die jeder von uns aufgebaut hat und die wahren Beweggründe ans Tageslicht zerrt.
Zum Abschluss kann ich sagen, dass „Das Parfum" zu den eindrucksvollsten Büchern gehört, die ich je gelesen habe und kann es somit nur jedem empfehlen, der Lust auf eine Abwechslung der trivialen Alltagsberieselung hat.
Fazit: Süskind überzeugt durch
1. die Hauptperson Grenouille
2. treffende Schilderungen
3. abwechslungsreiche und spannende Handlung
4. Kenntnisse in vielen Bereichen


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