Profil für Irulan Corrino > Rezensionen

Persönliches Profil

Beiträge von Irulan Corrino
Top-Rezensenten Rang: 143
Hilfreiche Bewertungen: 1134

Richtlinien: Erfahren Sie mehr über die Regeln für "Meine Seite@Amazon.de".

Rezensionen verfasst von
Irulan Corrino
(TOP 500 REZENSENT)   

Anzeigen:  
Seite: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9
pixel
Kampf um Vorherrschaft: Eine deutsche Geschichte Europas 1453 bis heute
Kampf um Vorherrschaft: Eine deutsche Geschichte Europas 1453 bis heute
von Brendan Simms
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 34,99

8 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Deutschland und das europäische Staatensystem, 13. September 2014
Deutschlands sogenannte "Mittellage" in Europa und die sich daraus ergebenden Probleme für das europäische Staatensystem sind ein klassisches Thema jener Teildisziplin der Geschichte, die sich mit Außenpolitik, internationalen Beziehungen und Diplomatie beschäftigt. Der britische Historiker Brendan Simms rückt Deutschland ins Zentrum einer chronologisch weit ausholenden Geschichte des europäischen Staatensystems, die mit dem Fall Konstantinopels beginnt und in unseren Tagen endet. Über einen Zeitraum von mehr als 500 Jahren untersucht Simms, welche Rolle das Heilige Römische Reich, der Deutsche Bund, das Kaiserreich, das Dritte Reich, die BRD und die DDR in Europa spielten und welche Bedeutung dem wiedervereinten Deutschland im gegenwärtigen Europa zukommt. Die Darstellung ist freilich nicht auf Deutschland bzw. die deutschen Führungsmächte Preußen und Österreich verengt; auch andere maßgebliche europäische Staaten (England/Großbritannien, Frankreich, Spanien, Schweden), Russland/die Sowjetunion und die USA werden einbezogen.

Simms vertritt die These, dass die Kontrolle über Deutschland stets unabdingbare Voraussetzung für die Hegemonie auf dem Kontinent war. Wer Deutschland beherrschte, sei es von innen (z.B. Hitler), sei es von außen (z.B. Napoleon), wer Deutschlands Ressourcen bündeln und für sich nutzbar machen konnte, der besaß eine gute Ausgangsbasis, um nach der Vorherrschaft in Europa zu greifen. Deutschlands demographisches und wirtschaftliches Potential war zu allen Zeiten zu groß, als dass eine Macht ohne oder gegen Deutschland eine dauerhafte Hegemonie in Europa hätte erlangen können. Ob Deutschland im Mächtesystem eine aktive oder passive Rolle spielte, war von seiner politischen Verfasstheit abhängig. Das Heilige Römische Reich und der Deutsche Bund waren außenpolitisch schwache Akteure, verhinderten aber durch ihre bloße Existenz, dass sich ein anderer europäischer Staat auf Dauer als Hegemon etablieren und den Kontinent unter seinen Willen zwingen konnte. Erst mit der Reichseinigung von 1871 erfolgte der Übergang von einer Außenpolitik der einzelnen deutschen Territorialstaaten und Fürsten zu einer nationalstaatlichen deutschen Außenpolitik. Das Kaiserreich und das Dritte Reich nutzten ihre Stärke für den Versuch, Mitteleuropa, wenn nicht gar den ganzen Kontinent gewaltsam umzugestalten.

Wie Deutschland staatlich organisiert war (als lockerer Staatenbund oder Zentralstaat), welche außenpolitische Handlungsfähigkeit es besaß, welche Dynastie (z.B. Habsburger, Hohenzollern) oder politische Kraft in Deutschland tonangebend war, wie Deutschland "eingehegt" und in das europäische Staatensystem eingebunden werden konnte, diese Fragen beschäftigten jahrhundertelang die Herrscher, Politiker und Diplomaten aller wichtigen Staaten. Keine nichtdeutsche Macht konnte je bestimmenden Einfluss auf die europäische Ordnung nehmen, ohne Deutschland in irgendeiner Form in ihr Kalkül einzubeziehen. Die spanischen Habsburger konnten es genauso wenig wie Ludwig XIV. oder Napoleon oder nach dem Zweiten Weltkrieg die USA und der Sowjetdiktator Stalin. Ihnen allen ging es darum, sich entweder Deutschlands Potential zunutze zu machen oder sicherzustellen, dass von Deutschland keine Gefahr ausging. Die Tatsache, dass Deutschland, welche staatliche Gestalt es auch hatte, nicht ignoriert werden konnte, zieht sich seit der Frühen Neuzeit als roter Faden durch die Geschichte des europäischen Mächtesystems.

Um seine These von der Schlüsselstellung Deutschlands zu belegen, lässt Simms die gesamte Geschichte des europäischen Staaten- und Mächtesystems seit dem späten 15. Jahrhundert Revue passieren. Alle wichtigen Allianzen und Bündnisse, Kriege und Konflikte, Friedenskongresse und Verträge finden Erwähnung. Simms spannt einen Bogen von den dynastischen und konfessionellen Kriegen des 16. und 17. Jahrhunderts bis hin zum Kalten Krieg, zum Untergang des Kommunismus und zum europäischen Einigungsprozess. Mehrere Leitmotive durchziehen das Buch: Das Spannungsverhältnis zwischen Gleichgewicht bzw. Ausbalancierung der Kräfte einerseits und hegemonialen Bestrebungen einzelner Mächte andererseits; Versuche, durch Kontrolle der sprichwörtlichen Mitte des Kontinents ganz Europa zu beherrschen; Deutschlands wechselnde außenpolitische Rolle, mal als ohnmächtiger Spielball seiner Nachbarn, mal als eigenständiger Akteur, der schlimmstenfalls zur Bedrohung für Europa wird; schließlich die Versuche, unter Einbindung Deutschlands eine dauerhafte europäische Friedensordnung zu schaffen. Simms verschränkt diese konfliktreiche Geschichte der Staatenbeziehungen immer wieder mit knappen Einschüben, in denen er die Rückwirkungen der Außenpolitik und der Mächtekonkurrenz auf die inneren Verhältnisse der einzelnen Länder untersucht. Debatten um außenpolitische Ziele und Strategien werden erörtert, aber auch Verwaltungs-, Finanz-, Wirtschafts- und Militärreformen, die zur Steigerung der außenpolitischen Handlungsfähigkeit beitragen sollten. Das alles ist im Grunde Stoff für mehrere Bücher, und am Ende der Lektüre stehen erhebliche Zweifel, ob Simms ein Thema gewählt hat, das sich in einer gut lesbaren und lesenswerten Form behandeln lässt. Das Buch hinterlässt keinen zufriedenstellenden Gesamteindruck.

Ausgesprochen ärgerlich ist zunächst einmal der Umstand, dass Simms seinen ausufernden Text lediglich in acht große Kapitel unterteilt hat, die ihrerseits keinerlei Untergliederung aufweisen, obwohl manche von ihnen fast 100 Seiten (!) umfassen. Wer gezielt nach bestimmten Themen sucht, der muss das Register bemühen. Dieser Mangel verblasst jedoch gegenüber den anderen Schwächen des Buches. Sprachlich und inhaltlich bewegt sich das Buch auf dem Niveau eines Wikipedia-Artikels. Da Simms einen so gewaltigen Zeitraum untersucht, muss er sich wohl oder übel darauf beschränken, zu jedem Thema, zu jedem Aspekt nur das Nötigste zu sagen (in Kapitel 1 werden nicht weniger als 200 Jahre behandelt!). Folglich verharrt das Buch durchweg an der Oberfläche; eine Vertiefung ist nirgendwo möglich. Im Grunde tut Simms nichts anderes, als gut bekanntes Handbuchwissen zu referieren - und das über Hunderte und Aberhunderte Seiten hinweg. Trotz der beachtlichen Syntheseleistung ist das Buch letztlich kaum mehr als eine uninspirierte Fleißarbeit, die mitunter hart an der Grenze zu banalen Binsenweisheiten und Gemeinplätzen entlangschrammt. Dass die französischen Könige des 16. und 17. Jahrhunderts gegen die "habsburgische Einkreisung" ankämpften, dass die Reichseinigung von 1871 das europäische Mächtesystem grundlegend veränderte, dass der Vertrag von Versailles ein folgenschwerer Fehler war, das alles konnte man schon in hundert anderen Büchern lesen. Dem Zwang zur Verknappung und Zuspitzung sind mancherlei fragwürdige und irritierende Urteile geschuldet: War Unzufriedenheit mit der Außenpolitik Karls I. wirklich der Hauptgrund (!) für den Ausbruch des englischen Bürgerkrieges? War das Engagement des Deutschen Reiches in Mexiko am Vorabend des Ersten Weltkrieges wirklich eine ernste Bedrohung für die USA?

Mit der pedantischen Gewissenhaftigkeit eines Buchhalters handelt Simms alle Ereignisse und Prozesse ab, die für die Entwicklung des europäischen Staatensystems seit dem 15. Jahrhundert von Bedeutung sind. Die Geschichte, die Simms erzählt, ist von Anfang an vorhersehbar, da hinlänglich bekannt. Sie besitzt keinen Spannungsbogen; sie bietet keine neuen Erkenntnisse; sie überrascht nicht mit originellen Interpretationen. Von einem wie auch immer gearteten Lesevergnügen kann keine Rede sein. Wie beim Lesen schnell klar wird, gehört Simms nicht zu jenen englischen Historikern, deren stilistisches Talent deutsche Leser so gerne rühmen und bewundern. Das Buch ist in einer monotonen, trockenen Mitteilungsprosa gehalten, die spätestens nach 300 Seiten demotivierend und ermüdend wirkt. Am Ende jedes Kapitels fragt man sich, ob sich das Weiterlesen wirklich lohnt, denn man weiß ja, was als nächstes kommt, welcher Krieg, welcher Friedenskongress, welche neue Entwicklungsetappe des europäischen Staatensystems. Simms hat sich keinerlei Mühe gegeben, sein Thema in irgendeiner Weise attraktiv aufzubereiten (ob das überhaupt möglich ist, sei dahingestellt). Das Ergebnis ist ein langatmiges und langweiliges Buch, das dem Fachmann nichts Neues bietet und den Laien durch seinen unhandlichen Umfang und seine eintönige Darstellungsform abschreckt.


Former People
Former People
von Douglas Smith
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,49

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Fall und Untergang des russischen Adels, 2. September 2014
Rezension bezieht sich auf: Former People (Gebundene Ausgabe)
Kein anderes europäisches Land musste im Ersten Weltkrieg und in den Jahren danach einen so hohen Blutzoll entrichten wie Russland. Durch Krieg, Revolution und Bürgerkrieg, durch Hunger und Seuchen kamen zwischen 1914 und 1921 mindestens 10 Millionen Menschen ums Leben, vielleicht auch mehr. Angesichts dieser gewaltigen demographischen Katastrophe mag es unangemessen erscheinen, ausgerechnet einer vergleichsweise kleinen sozialen Gruppe wie dem russischen Adel besondere Aufmerksamkeit zu widmen und danach zu fragen, was in der Revolutions- und frühen Sowjetzeit mit dem Adel geschah. Diese Frage lässt sich leicht und schnell beantworten: Der russische Adel, jahrhundertelang die dominierende gesellschaftliche Schicht des Russischen Reiches, verschwand gleichsam über Nacht; er löste sich buchstäblich auf. Viele Adlige gingen in die Emigration und retteten dadurch wenigstens ihr Leben. Die meisten russischen Adligen blieben hingegen in Russland und verloren dort nicht nur ihren Besitz, ihre Standesprivilegien und ihre exklusive Stellung in der Gesellschaft, im Staatsapparat und im Militär, sondern oft auch ihr Leben. Es fällt schwer, in der Geschichte Parallelen zu finden für eine derart vollständige Auslöschung einer ganzen sozialen Schicht. Der russische Adel verschwand nicht nur aus der Geschichte. Auch in der historischen Erinnerung und in der geschichtswissenschaftlichen Forschung spielte er über Jahrzehnte keine nennenswerte Rolle, sowohl in der Sowjetunion als auch im Westen. Das Klischee vom tyrannischen Gutsbesitzer, der einen parasitären Lebenswandel pflegt und seine Leibeigenen quält, prägte lange das Bild vom russischen Adel, vor allem in der Sowjetunion.

Der amerikanische Historiker Douglas Smith hat mit seinem Buch eine Pioniertat vollbracht. Vor ihm ist niemand auf die Idee gekommen, den Fall und Untergang des russischen Adels in einer für ein breites Lesepublikum geeigneten Form zu schildern. Sein Buch ist keine akademisch trockene und blutleere Sozialgeschichte, in der individuelle Schicksale hinter abstrakten Kategorien verschwinden. Smith bedient sich der gleichen Methode, die Orlando Figes in seinen "Flüsterern" erprobt hat. Er hat zwei Adelsfamilien ausgewählt und erzählt ihre Geschichte vor dem Hintergrund der russischen Geschichte zwischen 1900 und 1945. In der Geschichte dieser beiden Familien spiegeln sich die tiefgreifenden und umfassenden Umwälzungen der Revolutions- und frühen Sowjetzeit. Originell ist an Smiths Buch, dass hier die sprichwörtlichen "Verlierer der Geschichte" Gesicht und Stimme erhalten, nicht wie sonst üblich die Revolutionäre und die neuen kommunistischen Machthaber. Smiths Interesse am russischen Adel speist sich nicht aus Nostalgie und Verklärung der Zarenzeit, sondern ist von der Frage geleitet, welche Folgen das Verschwinden dieser sozialen Schicht für die weitere Geschichte der russischen Gesellschaft hatte und noch immer hat.

Im Mittelpunkt des Buches stehen die Familien Scheremetjew und Golizyn. Sie gehörten zu den ältesten, prominentesten und wohlhabendsten russischen Adelsgeschlechtern. Jahrhundertelang dienten sie dem russischen Staat in exponierten Positionen. Sie verkörperten geradezu idealtypisch das Dienstethos, die Bildungsbeflissenheit und den Kunstsinn der russischen Aristokratie, die keineswegs nur müßiggängerisch dahinlebte und sich ganz dem Genuss ihres märchenhaften Reichtums hingab, wie es spätere Zerrbilder behaupteten. Beide Familien brachten in der späten Zarenzeit etliche Vertreter hervor, die sich gesellschaftlich engagierten, liberale Positionen vertraten und sich für die dringend überfällige Reform des verkrusteten autokratischen Systems einsetzten. Anhand von Tagebüchern, Briefen, Memoiren und archivalischen Quellen untersucht Smith, wie Graf Sergej Scheremetjew (1844-1918), Fürst Wladimir Golizyn (1847-1932) und ihre jeweiligen Kinder und Kindeskinder die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts erlebten. Fürst Wladimir Golizyn, der 1905 als Bürgermeister von Moskau abgesetzt wurde, weil er dem Zaren als zu liberal galt, teilte die Sorge vieler hellsichtiger russischer Adliger über Russlands Zukunft. Die Gewaltexzesse der Revolutions- und Bürgerkriegsjahre, die Eruption des Hasses der Bauern auf die Oberschichten, der sich über Jahrzehnte, wenn nicht über Jahrhunderte aufgestaut hatte, empfanden er und andere Mitglieder der beiden Familien als "Vergeltung" der Geschichte für die Reformunfähigkeit der Autokratie und das Versagen der Eliten, die sich letztlich nicht energisch genug für eine Modernisierung des Systems eingesetzt hatten.

Für beide Familien, für die Scheremetjews wie auch die Golizyns, war die Fallhöhe besonders hoch. Sie erlebten die Revolutionszeit als jähen Absturz in Armut, gesellschaftliche Isolation und Bedeutungslosigkeit. Von ihren Landsitzen und aus ihren Stadtresidenzen vertrieben, fristeten sie fortan ein karges und prekäres Dasein. Ihr Alltag war bestimmt von ständigen Existenzsorgen und Angst vor Verfolgung. In der neuen Sowjetgesellschaft war für sogenannte "ehemalige Menschen", zu denen auch Adlige gezählt wurden, kein Platz und keine sinnvolle Aufgabe vorgesehen. Der Adel gehörte zu denjenigen sozialen Gruppen, die von den Bolschewiki systematisch entrechtet, marginalisiert und verfolgt wurden. Auschlaggebend war dabei allein die soziale Herkunft, nicht etwa tatsächliche Gegnerschaft zum kommunistischen Regime. Adlige wurden drangsaliert und repressiert, weil sie Adlige waren, nicht weil sie eine tatsächliche Gefahr für den Staat darstellten. Wann immer das Regime zum Schlag gegen seine vermeintlichen inneren Feinde ausholte, traf es auch stets die in der Sowjetunion verbliebenen Adligen. Viele Scheremetjews und Golizyns waren nicht emigriert, weil es ihnen als Verrat am Vaterland erschien, Russland zu verlassen. Der Preis für die Treue zur Heimat war hoch. Dutzende Mitglieder beider Geschlechter, Männer wie Frauen, wurden zwischen 1917 und 1941 inhaftiert, in Arbeitslager verbannt, getötet. Während des Großen Terrors 1937/38 wurden auch Mitglieder beider Familien ermordet, die nach 1900 geboren worden waren und keinerlei "historische Schuld" auf sich geladen hatten. Die Schicksale einiger Familienmitglieder sind bis heute ungeklärt.

Smith macht aus seiner Sympathie für die Protagonisten seiner Erzählung keinen Hehl. Er setzt vor allem ihrem Überlebenswillen und ihrem engen Zusammenhalt in Zeiten von Not und Verfolgung ein Denkmal. Viele Scheremetjews und Golizyns schöpften Kraft aus ihrem Glauben. Fürst Wladimir Golizyn - ein Foto aus seinen letzten Jahren zeigt einen Greis, dessen Erscheinungsbild an einen Bettler oder Landstreicher erinnert - äußerte 1932 auf dem Totenbett die Gewissheit, dass das Sowjetregime auf lange Sicht nicht überlebensfähig sei. Bemerkenswert ist, dass kein Scheremetjew und Golizyn je aus Verzweiflung den Freitod wählte. Zu kritisieren gibt es an Smiths Buch nur eines: Der Personenkreis ist viel zu groß. Der Überblick geht beim Lesen immer wieder verloren. Es wäre besser gewesen, wenn sich Smith auf eine der beiden Familien beschränkt hätte. Die Liste der wichtigsten Figuren am Anfang des Buches verzeichnet fast 50 Scheremetjews und nahezu 60 Golizyns. Der Kinderreichtum beider Geschlechter und die Häufung bestimmter Vornamen verschärfen die Komplexität der Familienverhältnisse. Im Buch tauchen sieben (!) verschiedene Wladimir Golizyns auf, die auseinanderzuhalten den wenigsten Lesern auf Anhieb gelingen dürfte.

Smith leistet mit seinem Buch einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der heutigen russischen Gesellschaft. Es besteht nämlich ein enger Zusammenhang zwischen der Vertreibung, Marginalisierung und physischen Vernichtung der vorrevolutionären Eliten und der nivellierten, undifferenzierten Struktur der heutigen russischen Gesellschaft. Die heutige russische Gesellschaft besitzt nicht nur kein Bürgertum im westlichen Sinne, sie ist auch eine Gesellschaft ohne Oberschicht (die neureichen Oligarchen kann man schwerlich auf eine Stufe mit dem Adel und dem Großbürgertum der späten Zarenzeit stellen). Der russische Durchschnittsbürger von heute ist ein Nachfahre von Arbeitern und Bauern. Seine Eltern und Großeltern mögen Angestellte, Ingenieure, Wissenschaftler oder Parteifunktionäre gewesen sein, spätestens in der Generation seiner Urgroßeltern stößt er auf Arbeiter und Bauern. Abkömmlinge des Adels und des alten Bürgertums fallen statistisch gesehen überhaupt nicht ins Gewicht. Statt alter Vermögen gibt es nur neuen Reichtum. Im heutigen Russland fehlt eine historisch gewachsene Elite, die über Generationen materielles und symbolisches Kapital angesammelt und eine ausgeprägte Identität entwickelt hat; es fehlt eine Oberschicht, die genügend Gewicht besitzt, um gegenüber dem Staat als Wortführer der Gesellschaft aufzutreten, so wie es der progressive Teil des Adels in der späten Zarenzeit tat. Der russische Staat ist auch deshalb so (über-)mächtig, weil eine soziale Gruppe fehlt, die stark genug ist, ihm nötigenfalls Paroli zu bieten. Die heutigen russischen Machthaber profitieren also noch immer von den sozialen Umwälzungen der Revolutions- und frühen Sowjetzeit und vom Untergang des russischen Adels.


1815: Der Wiener Kongress und die Neugründung Europas
1815: Der Wiener Kongress und die Neugründung Europas
von Thierry Lentz
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,99

6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Neuordnung Europas, 28. August 2014
Der Wiener Kongress, dessen Beginn sich demnächst zum zweihundertsten Mal jährt, hat derzeit Konjunktur. Zu den vielen Neuerscheinungen in Deutschland und anderen europäischen Ländern gehört auch das Buch des französischen Historikers Thierry Lentz. Der Autor ist Direktor der "Fondation Napoleon" und einer der besten Kenner des napoleonischen Zeitalters. Sein Buch, das keine neuen Perspektiven auf den Kongress eröffnet, aber den gegenwärtigen Kenntnistand souverän zusammenfasst, liegt jetzt auch auf Deutsch vor. Lentz ist eine gut lesbare und informative Darstellung gelungen, die alle wichtigen Aspekte des Wiener Kongresses berührt, ohne sich jemals in übertriebener Detailfülle zu verlieren. Lentz hat sich für eine Kombination des chronologischen Ansatzes mit einem thematischen Ansatz entschieden. Das Buch beginnt mit der ersten Abdankung Napoleons und den Vorbereitungen für den Kongress; es endet mit der Unterzeichnung der Wiener Schlussakte im Juni 1815 und der Abreise der Teilnehmer.

Die Schilderung des Kongressverlaufs wird immer wieder unterbrochen durch Kapitel, in denen Lentz einzelne Sachthemen behandelt, etwa die Klärung der Deutschen und der Italienischen Frage oder die Verhandlungen über die freie Flußschiffahrt und die Abschaffung des Sklavenhandels. Auch die kulturellen Aspekte des Kongresses (Feste und Feierlichkeiten) finden Berücksichtigung. Allerdings ist Lentz der Meinung, dass man das Festgeschehen und die "Diplomatie der Salons" nicht überbewerten sollte. Dem turbulenten gesellschaftlichen und amourösen Treiben in der österreichischen Hauptstadt widmet er daher nur ein Kapitel. Der Kongress arbeitete tatsächlich hart, auch wenn die Öffentlichkeit wenig davon mitbekam. Nur wenige Informationen über die intensiven und zeitweise schwierigen Verhandlungen und ihre Ergebnisse drangen nach außen. Das war der Hauptgrund für die Entstehung des Zerrbildes vom "tanzenden" Kongress. Es feierten und tanzten in erster Linie die in Wien versammelten Monarchen und Aristokraten, weniger die vielen Kongressteilnehmer aus der zweiten und dritten Reihe (Diplomaten, Sekretäre, Fachleute usw.).

Eingangs skizziert Lentz die Idee des Gleichgewichts der Mächte, die nach dem Sieg der antinapoleonischen Koalition zur Grundlage der Neuordnung Europas erkoren wurde. Außerdem geht er darauf ein, welche - potentiell konfliktträchtigen - Vorstellungen die einzelnen Mächte von der Neuordnung des Kontinents hatten, vor allem von der Regelung der Territorialfragen. Lentz stellt die wichtigsten Diplomaten sowie deren Ziele, außenpolitische Prioritäten und Verhandlungsstrategien vor. Die Außenminister Österreichs, Frankreichs und Großbritanniens, Metternich, Talleyrand und Castlereagh, erfahren bei Lentz mehr Aufmerksamkeit als der russische Außenminister Nesselrode und das preußische Duo Hardenberg/Humboldt. In kompakter Form schildert Lentz, wie die einzelnen Punkte der Kongress-Agenda abgearbeitet und geklärt wurden. Mal traten dabei ernste Meinungsverschiedenheiten zutage (so in Bezug auf die Zukunft Sachsens und Polens), mal blieben Konflikte und Schwierigkeiten aus (etwa bei der Neuordnung Italiens). Um seine Darstellung nicht ausufern zu lassen und mit Details zu überfrachten, fasst Lentz die Arbeit der einzelnen Komitees und Kommissionen in geraffter Form zusammen. Das Buch bleibt dadurch lesbar, aber als deutscher Leser wünscht man sich doch, dass die Klärung der Deutschen Frage etwas ausführlicher behandelt worden wäre.

Was die Bewertung des Kongresses und seiner Beschlüsse angeht, so steht Lentz im Lager derjenigen Historiker, die das "Wiener System" eher positiv beurteilen. Er betont, die Wiener Beschlüsse seien unter den damaligen Umständen der bestmögliche Kompromiss gewesen. Man müsse den Kongress aus seiner Zeit heraus verstehen und dürfe ihn nicht an Maßstäben und Wertvorstellungen späterer Zeiten messen. Lentz verteidigt den Kongress gegen jene Kritiker des 19. und 20. Jahrhunderts, die der Ansicht waren, in Wien sei eine längst überlebte monarchische Ordnung wiederhergestellt und der Siegeszug von Demokratie und Nationalstaat verhindert worden. Für die Gründung eines deutschen und eines italienischen Nationalstaates war die Zeit noch nicht reif. In Wien ging es nicht darum, die Hoffnungen und Träume von Nationen und Völkern zu verwirklichen, sondern darum, Europa nach 25 Jahren Revolution und Krieg eine stabile Friedensordnung zu geben. Alles andere war aus Sicht der versammelten Monarchen und Staatsmänner zweitrangig, wenn nicht unerheblich. Lentz sieht die historische Leistung des Kongresses in der Etablierung des Konzerts der europäischen Mächte, das für ein Jahrhundert einen großen Krieg auf dem Kontinent verhinderte.

Leider fehlt in der deutschen Ausgabe der umfangreiche Anhang der französischen Ausgabe. Verzichtet wurde nicht nur auf die detaillierte Chronologie des Kongressverlaufs und das Literaturverzeichnis. Weggelassen wurden auch die Listen der Delegationen, die am Kongress teilnahmen, und der Abdruck (mit kleineren Auslassungen) der 121 Artikel umfassenden Schlussakte des Kongresses. Es hätte nicht geschadet, wenigstens die Chronologie, die Bibliographie und die Teilnehmerlisten zu übernehmen. Davon abgesehen lässt das Buch kaum Wünsche offen. Es wird sicher einen festen Platz unter den Überblicksdarstellungen zum Wiener Kongress erlangen.


Alexandra: Tragik und Ende der letzten Zarin
Alexandra: Tragik und Ende der letzten Zarin
von Elisabeth Heresch
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 9,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Eine brauchbare Biographie der Zarin Alexandra, 28. August 2014
In den 1990er Jahren gehörte Elisabeth Heresch zu jenen Autorinnen und Autoren, die das neuerwachte Interesse an Russlands vorrevolutionärer Geschichte mit Büchern über den letzten Zaren und seine Familie bedienten. 1992 veröffentlichte Heresch eine Biographie Nikolaus' II.; ein Jahr später folgte ein Buch über die Zarin Alexandra. Hereschs Buch über die Zarin weist erhebliche inhaltliche Parallelen zu der Biographie des Amerikaners Greg King auf, die 1994 erschien. Es ist nicht verwunderlich, dass Heresch und King ein Bild vom Leben und von der Persönlichkeit der Zarin Alexandra entwerfen, das viele Gemeinsamkeiten, aber kaum Unterschiede aufweist. Beide, Heresch wie auch King, nutzten im Großen und Ganzen dieselben Quellen, hauptsächlich Briefe, Tagebücher und Memoiren. Ergänzend zogen beide Autoren unveröffentlichte Dokumente heran, die sie bei ihren Recherchen in den neugeöffneten russischen Archiven gefunden hatten. Die Frage, welcher der beiden Biographien der Vorzug zu geben ist, lässt sich schwer beantworten. In erzählerischer Hinsicht ist Kings Buch gelungener. King behandelt auch einige Themen, die Heresch nur oberflächlich streift oder ganz auslässt, etwa die Ausbildung der Prinzessen Alix, der späteren Zarin.

In enger Anlehnung an die Quellen arbeitet Heresch in überzeugender Weise alle Aspekte heraus, die seit langem das Alexandra-Bild bestimmen. Heresch bestätigt noch einmal, was bereits die Zeitgenossen wussten: Die Zarin war in ihrer Stellung fehl am Platze. Königin Viktoria, Großmutter der Prinzessin Alix von Hessen-Darmstadt, hatte Recht mit ihrer Vorahnung, dass ihre Enkelin auf lange Sicht in Russland nicht glücklich werden würde. Schon als Mädchen und junge Frau entwickelte Alix Persönlichkeitszüge, die sich später, nach ihrer Heirat mit dem jungen Zaren, als schweres Handicap erwiesen: Introvertiertheit, soziale Inkompetenz, inbrünstige Religiosität, moralische Strenge, Drang nach Abkapselung innerhalb der Familie und eines kleinen Kreises von Vertrauten. Ihren Pflichten als Zarin wurde Alexandra zu keinem Zeitpunkt in zufriedenstellender Weise gerecht. Die Hofgesellschaft und die Petersburger Aristokratie sahen in ihr eine humorlose, verkniffene und spießige Langweilerin. Alexandras Ungeselligkeit und ihr Desinteresse an glanzvoller Hofhaltung wären noch zu verschmerzen gewesen. Schlimmer und folgenschwerer war, dass sich die Zarin in die Politik einmischte, ohne ein realistisches Bild von den Zuständen in Russland zu besitzen. Aufgrund ihrer selbstgewählten Isolation im Alexander-Palast von Zarskoje Selo hatte sie gar kein Gespür für das, was im Lande vor sich ging. Seinen katastrophalen Höhepunkt erreichte Alexandras negativer Einfluss auf den Zaren im Ersten Weltkrieg. Sehr anschaulich zeigt Heresch, wie die Intrigen der Zarin zum rapiden Ansehensverlust der Monarchie beitrugen. Alexandras starrsinniges Festhalten an der überlebten autokratischen Regierungsform wurde der ganzen Romanow-Dynastie zum Verhängnis.

Ist Hereschs Buch inhaltlich gelungen, so gibt es doch in formaler Hinsicht einiges zu beanstanden. Der gesamte Text ist mit Hunderten von wörtlichen Zitaten aus Briefen, Tagebüchern und Memoiren gespickt. Stellenweise nehmen die Zitate derart Überhand, dass der Erzählfluss holprig wird. Zu einem guten Buch bzw. einer guten Biographie gehört mehr als nur das geschickte Arrangieren von Zitaten. Mitunter werden ganze Briefe komplett zitiert. Viele der Zitate sind indes unnötig, da sie keine besonders interessanten oder wichtigen Informationen enthalten. Eine knappe Wiedergabe des Inhalts in den eigenen Worten der Autorin wäre besser gewesen. Ärgerlich ist aber vor allem, dass bei der überwältigenden Mehrzahl der Zitate ein Quellennachweis fehlt. Heresch, eine promovierte Historikerin, diskreditiert sich durch den Verzicht auf einen ordentlichen Anmerkungsapparat als ernst zu nehmende Autorin (bei King ist der Anmerkungsapparat vorbildlich). Bei den meisten Zitaten ist für den Leser nicht erkennbar, woher sie stammen, wo man sie bei Bedarf und Interesse auffinden könnte. Im Anhang (S. 378/379) finden sich Nachweise für lediglich 43 Zitate. Woher stammt beispielsweise der Brief der Großfürstin Elisabeth, der älteren Schwester der Zarin, aus dem Heresch auf S. 167/168 zitiert? Liegt er irgendwo ediert vor, oder hat Heresch ihn bei ihren Archivrecherchen ausfindig gemacht? Mehrfach zitiert Heresch aus den Erinnerungen der Großfürstin Olga Alexandrowna, der jüngeren Schwester des Zaren. Man muss schon ein Experte sein, um zu wissen, wo man diese Erinnerungen finden kann, wenn man sie lesen möchte. Sie sind in dem Buch "The Last Grand Duchess" des Amerikaners Ian Vorres enthalten. Das sind nur zwei Beispiele für Hereschs nonchalanten Umgang mit Quellen und Quellennachweisen. Wer so viel mit Zitaten arbeitet, der sollte die Frage der Nachprüfbarkeit besonders ernst nehmen.

Alles in allem ist Hereschs Biographie der Zarin Alexandra auch 20 Jahre nach ihrem Erscheinen ein noch immer brauchbares Buch.


Benito Mussolini
Benito Mussolini
von Wolfgang Schieder
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,95

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Mussolinis Aufstieg und Fall, 26. August 2014
Rezension bezieht sich auf: Benito Mussolini (Taschenbuch)
Wenn Wolfgang Schieder am Anfang seiner schmalen biographischen Skizze über Benito Mussolini behauptet, der italienische Diktator gehöre zu den "am meisten biographisch porträtierten Politikern des 20. Jahrhunderts", dann fragt man sich als deutscher Leser unwillkürlich, warum so wenige Mussolini-Biographien auf den deutschen Buchmarkt gelangt sind, sei es in der Vergangenheit, sei es in der Gegenwart. Seit der Biographie des Briten Denis Mack Smith (1981) wurde keine bedeutende und wissenschaftliche fundierte Mussolini-Biographie mehr ins Deutsche übersetzt. Das gilt etwa für das Werk des Franzosen Pierre Milza (1999) und die Biographie des australischen Faschismus-Experten Richard Bosworth (2002). Eine umfassende Mussolini-Biographie aus der Feder eines deutschen Historikers hat es noch nie gegeben. Die von Schieder in der Bibliographie (S. 122) aufgeführte Biographie des Würzburger Historikers Wolfgang Altgeld wird seit Jahren vom Kohlhammer-Verlag angekündigt, ist aber bisher nicht erschienen.

Schieder, einer der besten deutschen Kenner des italienischen Faschismus, hat eine knappe, aber gehaltvolle und informative biographische Skizze vorgelegt, die vor allem für Leser geeignet ist, die sich erstmals mit Mussolini beschäftigen wollen. Mangels Alternativen wird sich das Büchlein sicher rasch als Einstiegslektüre durchsetzen. Von den 13 Kapiteln sind besonders die beiden ersten von Interesse. Schieder charakterisiert zunächst den Menschen und Politiker Mussolini, bevor er ab Kapitel 3 die Entstehung der faschistischen Bewegung, die Machtergreifung der Faschisten und Mussolinis Herrschaft untersucht. Die Kapitel 3 bis 13 weisen eine erhebliche inhaltliche Überschneidung (bis hin zu identischen Formulierungen) mit Schieders Band "Der italienische Faschismus" auf, der 2010 in der gleichen Buchreihe erschienen ist. Was die Funktionsweise des faschistischen Herrschaftssystems betrifft, so geht Schieder in seiner Analyse nicht über das hinaus, was er in dem früheren Band dargelegt hat.

Lange Zeit wurde Mussolini nicht ernst genommen. Er wurde als Operettendiktator, wenn nicht gar politischer Clown und Possenreißer abgetan, zeigen doch historische Filmaufnahmen einen Mann, der vom Balkon des Palazzo Venezia wild gestikulierend und grimassierend zum Volk spricht. Apologetische italienische Historiker der Nachkriegszeit versuchten, ihn als vermeintlich "schwachen Diktator" zu verharmlosen. Schieder wendet sich energisch gegen solche Zerrbilder. Er warnt davor, Mussolini zu unterschätzen. Was die Persönlichkeitsstruktur des Diktators angeht, so hebt Schieder Mussolinis ausgeprägten Machtinstinkt, taktische Wendigkeit, intellektuelle Oberflächlichkeit, ideologische Konturlosigkeit und unverhohlene Gewalttätigkeit hervor. Mussolini war kein Mann der Ideen, sondern ein Mann der Tat, der Aktion. Seine voluntaristische Lebenseinstellung vertrug sich nicht mit programmatischen Festlegungen und einem festgefügten, eindeutigen ideologischen Bekenntnis. Als Außenseiter verdankte er seinen Weg an die Macht dem eigenen Geschick, aber auch günstigen historischen Umständen, d.h. der schweren Krise, von der Italien nach dem Ersten Weltkrieg heimgesucht wurde. Detailiert schildert Schieder, wie sich Mussolini innerhalb der faschistischen Partei als Führer durchsetzte und wie er nach der Ernennung zum Ministerpräsidenten (Oktober 1922) schrittweise seine Stellung als Diktator ausbaute.

Mussolinis politisches Meisterstück bestand darin, sich weder der faschistischen Partei zu unterwerfen noch sich von den traditionellen Eliten vereinnahmen zu lassen, die ihm als Steigbügelhalter gedient hatten. Einmal gezähmt, übte die Partei keinerlei Einfluss auf die Regierungsgeschäfte aus. Der italienische Faschismus war keine Parteidiktatur, sondern die persönliche Diktatur Mussolinis, der mit großem Geschick sowohl die Partei als auch den Staatsapparat zu bloßen ausführenden Organen seines Willens degradierte. Eine zusätzliche Stütze seiner Herrschaft war die charismatische Beziehung zum Volk, dem er sich als weiser und unfehlbarer Führer präsentierte. Diese charismatische Beziehung konnte aber nur so lange funktionieren, wie der Diktator handfeste Erfolge vorzuweisen hatte. Mussolini, der nie irgendwelchen Utopien anhing, strebte nicht nach einer Transformation Italiens, nicht nach dem Aufbau einer gänzlich neuen Gesellschaftsordnung. Seine Politik war darauf gerichtet, Italien zu neuer imperialer Größe zu führen, vor allem durch koloniale Expansion in Afrika und Gebietserwerb auf dem Balkan.

Breiten Raum nehmen die Beziehungen zwischen Italien und dem Dritten Reich und die Dynamik des Verhältnisses zwischen Hitler und Mussolini ein. Schieder sieht in Mussolinis enger Anlehnung an Hitler keinen Fehler. Im Gegenteil, er betont, dass das Zusammengehen mit Deutschland die faschistische Diktatur stabilisiert und Mussolini einen größeren außenpolitischen Handlungsspielraum verschafft habe. Ohne den deutschen Verbündeten hätte Mussolini seine ambitionierten imperialen Pläne nicht verwirklichen können. Die Misserfolge der Kriegszeit und die daraus resultierende Diskreditierung des Faschismus und Mussolinis als Führer waren in den 1930er Jahren nicht vorherzusehen. Es hätte auch anders kommen können, als es ab 1943 tatsächlich kam: Mussolini, von den eigenen Gefolgsleuten gestürzt, errichtete im Norden Italiens ein auf deutsche Waffen gestütztes Marionettenregime, ehe er im April 1945 einen schmählichen Tod fand. Der gewiefte Taktiker Mussolini, dem lange so vieles geglückt war, sah sich am Ende mit Kräften konfrontiert, gegen die seine Manipulationskunst nichts auszurichten vermochte.

Der Band enthält keinerlei Abbildungen, aber immerhin eine Chronologie und eine Bibliographie.


Der italienische Faschismus: 1919-1945
Der italienische Faschismus: 1919-1945
von Wolfgang Schieder
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,95

3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Allzu knappe, inhaltlich problematische Überblicksdarstellung zum italienischen Faschismus, 26. August 2014
Bedenkt man, wie eng die Beziehungen zwischen dem nationalsozialistischen Deutschland und dem faschistischen Italien waren, dann ist es erstaunlich, dass der italienische Faschismus hierzulande so wenig Aufmerksamkeit genießt und im allgemeinen Bewusstsein so wenig präsent ist. Bücher zu diesem Thema, die einen breiten Leserkreis erreichen könnten, muss man mit der Lupe suchen. Zwar gibt es inzwischen in der deutschen Geschichtswissenschaft eine respektable Forschung zum italienischen Faschismus, aber sie bringt ausschließlich Dissertationen, Sammelbände und andere wissenschaftliche Publikationen hervor, die naturgemäß für ein breites nichtakademisches Publikum ungeeignet sind. Auch Wolfgang Schieder, der Doyen unter den deutschen Experten für den italienischen Faschismus, hat nie ein Buch vorgelegt, das deutschen Lesern den italienischen Faschismus umfassend nahebringt. Seit 2010 liegt immerhin Schieders knappe Darstellung in der Reihe "C.H. Beck Wissen" vor. Erfüllt dieses Büchlein die Aufgabe, ein anschauliches und aussagekräftiges Bild vom italienischen Faschismus zu vermitteln?

Schieder erörtert zunächst die historischen Bedingungen für Entstehung und Aufstieg der faschistischen Bewegung. Der Nährboden, auf dem diese neuartige politische Kraft gedeihen konnte, war die Häufung von schwerwiegenden Krisen unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg. Das dritte Kapitel skizziert den Weg der Faschisten an die Macht. Im vierten Kapitel analysiert Schieder die schrittweise Herausbildung des faschistischen Herrschaftssystems zwischen 1922 und 1929. Er hebt dabei hervor, dass es sich weniger um eine Diktatur der faschistischen Partei (PNF) als eine persönliche Diktatur Mussolinis handelte, die auf dem Charisma des Duce und dem Führer- bzw. Gefolgschaftsprinzip beruhte. Abgesichert wurde die persönliche Herrschaft Mussolinis durch Kontrolle des Regierungs- und Verwaltungsapparates, straffen Zentralismus, Gleichschaltung der Medien, Propaganda und Führerkult sowie die Trias von Einschüchterung, Verfolgung und Unterdrückung. Desweiteren verweist Schieder darauf, dass die faschistische Ideologie stets eher diffus und schemenhaft war, sofern man überhaupt von einer kohärenten Ideologie sprechen kann. Das Regime war nicht ideologiegetrieben, sondern "aktionszentriert" und voluntaristisch; es setzte auf Mobilisierung, spektakuläre Kampagnen, eine auftrumpfende Außenpolitik, koloniale Expansion, den Aufstieg zu imperialer Größe. Die von Mussolini angezettelten Kriege (Äthiopien, Balkan) und die Beziehungen zwischen Italien und dem Dritten Reich stehen im Mittelpunkt des fünften Kapitels, das mit dem Sturz Mussolinis 1943 endet.

Es liegt nicht allein am begrenzten Raum, der Schieder zur Verfügung stand, sondern auch an den persönlichen Präferenzen und theoretischen Vorannahmen des Autors, dass die Darstellung einen unbefriedigenden Gesamteindruck hinterlässt. Das Hauptproblem des Buches besteht darin, dass Schieder keine Geschichte des Faschismus bietet, sondern lediglich eine Geschichte des faschistischen Herrschaftssystems. Seine Darstellung ist einseitig aus der Perspektive des Regimes geschrieben. Es fehlt die andere Seite der Medaille - die italienische Gesellschaft. Sie tritt bei Schieder nur als passives Objekt in Erscheinung, als Opfer von Repression, als Adressat von Propaganda, als Resonanzboden für den Mussolini-Kult. Schieders Bild vom Faschismus ist eindimensional, schablonenhaft und undifferenziert. Es mehr als zweifelhaft, ob die Alltagsrealität der zwanzigjährigen faschistischen Herrschaft mit dem Schlagwort vom "Polizeistaat" (S. 10) adäquat erfasst und beschrieben werden kann. Nirgendwo im Buch finden sich Ausführungen zur sozialen Basis, zu den Trägerschichten des Systems. Mehrfach ist die Rede davon, die faschistische Partei sei in den 1930er Jahren zur Massenpartei geworden. Aber wie war es um die soziale und demographische Struktur der "Massen" bestellt, die in die Partei eintraten? Welche gesellschaftlichen Schichten, welche Altersgruppen fühlten sich vom Faschismus angesprochen und angezogen? Das Regime kann nicht 20 Jahre lang nur den von Altfaschisten getragen worden sein, die vor 1922 der Bewegung beigetreten waren.

Alle Diktaturen sind immer auch "Mitmach-Diktaturen". Die Komplizenschaft eines Teils der Bevölkerung ist unverzichtbar für das Funktionieren einer Diktatur. Keine Diktatur beruht ausschließlich auf Zwang, Gewalt und Repression. Jede Diktatur wird von Hunderttausenden Enthusiasten und Fanatikern, Profiteuren, Mitläufern und Opportunisten getragen. Jede Diktatur bietet bestimmten Segmenten der Gesellschaft Identifikationsangebote, Partizipations- und Aufstiegschancen. Was gab der Faschismus den Italienern; warum akzeptierten sie ihn so lange? Was sahen die Italiener in Mussolini? Warum ist seine Grabstätte bis heute ein Wallfahrtsort? Warum wurde Mussolinis persönliches Sekretariat in den 1930er Jahren täglich (!) mit bis zu 1.500 Briefen und Karten überschwemmt, in denen Italiener aus allen Schichten ihrer frenetischen Verehrung für den Führer Ausdruck verliehen? Der Sowjetunion-Historiker Stephen Kotkin hat einst die Formel vom "Stalinismus als Zivilisation" geprägt. In ähnlicher Weise muss man den italienischen Faschismus als eine Lebensform begreifen, die Millionen Italiener einhüllte, prägte und zum "Mitmachen" anspornte. Ohne diese alltagsgeschichtliche Dimension, ohne das Gespür für die Interaktion zwischen Regime und Bevölkerung kann man den italienischen Faschismus nicht angemessen verstehen. Die von Schieder eingenommene Perspektive "von oben" ist vollkommen unzulänglich. Die Funktionsweise einer jeden Diktatur kann man nur herausarbeiten, wenn man auch den Input "von unten" berücksichtigt. Gerade weil sich Millionen Menschen aktiv für den Faschismus engagiert hatten, kam es nach 1945 nicht zu einer gründlichen Säuberung des Staatsapparates und der Verwaltung, wurden italienische Kriegsverbrechen nicht geahndet. Man hätte das halbe Volk auf die Anklagebank setzen müssen. Daran hatte niemand ein Interesse, am allerwenigsten die Westalliierten, die die neue Republik Italien als Verbündeten im beginnenden Kalten Krieg brauchten.

Ein weiteres gravierendes Manko des Buches besteht darin, dass Schieder keine Bilanz zieht. Welche Bedeutung, welcher "Ort" dem Faschismus in der modernen italienischen Geschichte zukommt, welche sichtbaren und weniger sichtbaren Folgen der Faschismus für die weitere Geschichte Italiens hatte, all das bleibt unklar. Bei Schieder erscheint der Faschismus als bloßes Interludium, als bizarrer, folgenloser Spuk, ja beinahe als ein historischer Betriebsunfall. Renzo de Felices These, der Faschismus habe auch eine modernisierende Wirkung auf Italien gehabt, wird von Schieder ins Lächerliche gezogen und oberlehrerhaft beiseite gewischt.

Wer an einer Darstellung des italienischen Faschismus interessiert ist, die auch die Gesellschaft einbezieht, dem seien die folgenden Bücher empfohlen:

R.J.B. Bosworth, Mussolini's Italy. Life Under the Fascist Dictatorship, 1915-1945 (2006).
Christopher Duggan, Fascist Voices. An Intimate History of Mussolini's Italy (2012).
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Sep 7, 2014 8:20 PM MEST


Herrscherin im Paradies der Teufel: Maria Carolina, Königin von Neapel
Herrscherin im Paradies der Teufel: Maria Carolina, Königin von Neapel
von Friederike Hausmann
  Taschenbuch
Preis: EUR 16,95

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Von Wien nach Neapel und zurück nach Wien. Ein Leben zwischen Reform und Revolution, 25. August 2014
Kaiserin Maria Theresia sparte nicht mit Ratschlägen, wenn eine ihrer Töchter vermählt wurde und zur Reise in die neue Heimat aufbrach. Ihrer Tochter Maria Carolina, die 1769 mit König Ferdinand von Neapel verheiratet wurde, riet die Kaiserin mit Nachdruck, sich niemals in die Staatsgeschäfte einzumischen. Hat man Friederike Hausmanns Biographie gelesen, dann fragt man sich unwillkürlich, wie Maria Carolinas Leben wohl verlaufen wäre, wenn sie sich an den Rat ihrer Mutter gehalten hätte. Bald nach der Ankunft in Neapel muß der Siebzehnjährigen gedämmert sein, dass sie den gutgemeinten Rat der Kaiserin unmöglich befolgen konnte. Ferdinand, der junge König von Neapel, war ein phlegmatischer Faulpelz und Taugenichts, der die lästige Pflicht des Regierens nur zu gerne auf andere Personen abwälzte. Und dabei hätte das Königreich Neapel, das zu den rückständigsten Staaten Europas zählte, einen starken und zupackenden Herrscher gebraucht.

Nach der Entlassung des greisen Premierministers Tanucci 1776 schlug Maria Carolinas Stunde. Da es in Neapel an Staatsmännern von Format mangelte, ergriff die junge Königin notgedrungen die Zügel und übernahm die Leitung der Regierung. Ihre Mutter, Gebieterin über ein ungleich größeres Reich, mag ihr dabei als Vorbild gedient haben. Maria Carolina ahnte wohl nicht, welche Konsequenzen dieser Schritt nach sich ziehen würde, wieviele Demütigungen, Enttäuschungen und Verleumdungen sie in ihrem weiteren Leben würde ertragen müssen. Der Hass und die Missgunst, die ihr Feinde und Kritiker zu Lebzeiten entgegenbrachten, haben das Bild der Königin bei der Nachwelt lange verdunkelt. Vor allem in Italien galt Maria Carolina lange als Inbegriff einer anmaßenden und herrschsüchtigen Frau, die nur Unheil anrichtet und ihr Land ins Unglück stürzt.

Von den vielen Töchtern Maria Theresias ist heute eigentlich noch nur Marie Antoinette bekannt, die Königin von Frankreich. Friederike Hausmanns Verdienst besteht darin, dass sie mit ihrer Biographie eine Frau und Herrscherin dem Vergessen entreißt, deren Leben kaum weniger dramatisch verlief als das ihrer jüngeren Schwester. Maria Carolina kam in ein Land, das vom übrigen Europa als archaisch und exotisch wahrgenommen wurde. Das Königreich Neapel schien der allgemeinen Entwicklung um Jahrzehnte hinterherzuhinken. Intelligent, selbstbewusst und energisch, gab sich Maria Carolina nicht mit ihrer Rolle als Ehefrau und Mutter zufrieden. Sie nutzte ihre Stellung als Königin in einem Maße aus, das ihrem Umfeld nicht geheuer war. Maria Carolina nahm an den Sitzungen des Staatsrates teil, traf wichtige Entscheidungen, unterstützte überfällige Reformvorhaben, suchte die Nähe von Gelehrten und Intellektuellen, engagierte sich für die Gründung einer Akademie der Wissenschaften und Künste (1778). Aufsehen erregte ihre Parteinahme für die Freimaurer, die sich Angriffen konservativer Kreise ausgesetzt sahen.

Gingen dem trägen und ungebildeten König jegliche Ambitionen ab, so waren Maria Carolinas Ziele allzu ambitioniert. Die Königin wollte Neapel nicht nur im Sinne des aufgeklärten Absolutismus modernisieren, sondern auch in den Rang eines ernstzunehmenden außenpolitischen Akteurs erheben. Wie sehr sie damit die Ressourcen des wirtschaftlich und militärisch schwachen Königreiches überstrapazierte, zeigte sich während der Wirren und Kriege, die im Gefolge der Französischen Revolution und der französischen Expansion in Italien ausbrachen. Allen rastlosen Bemühungen Maria Carolinas zum Trotz war Neapel nie mehr als ein Spielball der europäischen Mächte. Eine eigenständige Außenpolitik konnte das Königreich nicht betreiben. Wie alle gekrönten Häupter ihrer Zeit lehnte Maria Carolina die Französische Revolution leidenschaftlich ab. Aus der einstigen Gönnerin und Beschützerin der Freimaurer wurde eine Reaktionärin, die sich dem Kampf gegen die Revolution und den Emporkömmling Napoleon verschrieb. Nennenswerte Erfolge waren der Königin nicht beschieden, auch nicht im Bündnis mit Großbritannien und Österreich. Die Revolution griff auf Neapel über; zweimal musste die Königsfamilie nach Sizilien fliehen. Napoleon installierte seinen Schwager Murat als König von Neapel, während Maria Carolina und Ferdinand ihr Dasein in Palermo fristeten, abhängig von britischem Geld.

Hausmann hat eine ungemein farbige und schwungvoll erzählte Biographie vorgelegt, zu deren Vorzügen nicht zuletzt eine gründliche Kenntnis der süditalienischen Verhältnisse unter dem Ancien Régime und während des napoleonischen Zeitalters zählt. Der schwierige neapolitanische Kontext, mit dem Maria Carolina konfrontiert war, wird mit großer Anschaulichkeit geschildert. Hausmann entwirft das Bild einer Frau, die bei allem Taten- und Gestaltungsdrang letztlich kein echtes politisches Talent besaß und sich zu oft von ihren Leidenschaften übermannen ließ. Selten hat eine Königin so viel Abneigung provoziert; selten hat eine Herrscherin derart viele Feinde gehabt. Am Ende ihres Lebens war Maria Carolina isoliert und ohne Verbündete, sogar in ihrer eigenen Familie. Fortschrittlich gesinnten Kreisen der neapolitanischen Gesellschaft war sie verhasst. Die Briten, die auf Sizilien das Sagen hatten, betrachteten sie als Störfaktor und erzwangen im Frühjahr 1813 ihre Abreise nach Österreich. König Ferdinand rührte keinen Finger für seine Frau. Ihren Verwandten in Wien war die Königin unwillkommen. Den endgültigen Sieg über Napoleon und die Rückkehr der Bourbonen nach Neapel erlebte Maria Carolina nicht mehr - sie starb kurz vor Beginn des Wiener Kongresses.

Hausmann zeigt eine Frau, die mutig und entschlossen, aber nicht immer klug und weise handelte, um die Interessen ihrer Familie und des Königreiches Neapel durchzusetzen. Als Kaisertochter und Kind des Ancien Régime hatte Maria Carolina kein Verständnis für die neue Zeit, die mit der Revolution anbrach. Es entsprach nicht Maria Carolinas Charakter und Persönlichkeit, sich aus der Politik herauszuhalten, wie es ihre Mutter empfohlen hatte. Für ihren Entschluss, selbst politisch aktiv zu werden, zahlte die Königin einen hohen Preis. Ob vor der Revolution oder während der Revolutionszeit - stets wollte sie mehr bewirken und erreichen, als sie unter den gegebenen Umständen bewirken und erreichen konnte. Hausmann sieht in Maria Carolinas Tragik auch die Tragik Süditaliens. Revolution und Krieg machten alle Ansätze einer progressiven Entwicklung durch Reformen zunichte. Wie so viele Herrscher, deren Throne im Revolutionszeitalter ins Wanken geraten waren, wünschte sich König Ferdinand nach dem Sieg über Napoleon nur eines - Ruhe. Die Frau, die ihn einst zu Reformen angespornt hatte, lebte nicht mehr. Die sprichwörtliche Rückständigkeit des Mezzogiorno wurde auf lange Zeit hinaus konserviert.


Le congrès de Vienne : Une refondation de l'Europe 1814-1815
Le congrès de Vienne : Une refondation de l'Europe 1814-1815
von Thierry Lentz
  Taschenbuch
Preis: EUR 21,48

5.0 von 5 Sternen Eine souveräne, gut lesbare Überblicksdarstellung zum Wiener Kongress, 21. August 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Der Wiener Kongress, dessen Beginn sich in wenigen Wochen zum zweihundertsten Mal jährt, hat derzeit Konjunktur. Zu den vielen Neuerscheinungen in Deutschland und anderen europäischen Ländern gehört auch das Buch des französischen Historikers Thierry Lentz. Der Autor ist Direktor der "Fondation Napoleon" und einer der besten Kenner des napoleonischen Zeitalters. Sein Buch, das mit 260 Seiten Text vergleichsweise schlank ausfällt, fasst den heutigen Kenntnistand souverän zusammen. Lentz ist eine gut lesbare und informative Darstellung gelungen, die alle wichtigen Aspekte des Wiener Kongresses berührt, ohne sich jemals in übertriebener Detailfülle zu verlieren. Lentz hat sich für eine Kombination des chronologischen Ansatzes mit einem thematischen Ansatz entschieden. Das Buch beginnt mit der ersten Abdankung Napoleons und den Vorbereitungen für den Kongress; es endet mit der Unterzeichnung der Wiener Schlussakte im Juni 1815 und der Abreise der Teilnehmer.

Die Schilderung des Kongressverlaufs wird immer wieder unterbrochen durch Kapitel, in denen Lentz einzelne Sachthemen behandelt, etwa die Klärung der Deutschen und der Italienischen Frage oder die Verhandlungen über die freie Flußschiffahrt und die Abschaffung des Sklavenhandels. Auch die kulturellen Aspekte des Kongresses (Feste und Feierlichkeiten) finden Berücksichtigung. Allerdings ist Lentz der Meinung, dass man das Festgeschehen und die "Diplomatie der Salons" nicht überbewerten sollte. Dem turbulenten gesellschaftlichen und amourösen Treiben in der österreichischen Hauptstadt widmet er daher nur ein Kapitel. Der Kongress arbeitete tatsächlich hart, auch wenn die Öffentlichkeit wenig davon mitbekam. Es feierten und tanzten in erster Linie die in Wien versammelten Monarchen und Aristokraten, weniger die vielen Kongressteilnehmer aus der zweiten und dritten Reihe (Diplomaten, Sekretäre, Fachleute usw.).

Eingangs skizziert Lentz die Idee des Gleichgewichts der Mächte, die nach dem Sieg der antinapoleonischen Koalition zur Grundlage der Neuordnung Europas erkoren wurde. Außerdem geht er darauf ein, welche - potentiell konfliktträchtigen - Vorstellungen die einzelnen Mächte von der Neuordnung des Kontinents hatten, vor allem in Bezug auf Territorialfragen. Lentz stellt die wichtigsten Diplomaten, ihr Ziele, außenpolitischen Prioritäten und Verhandlungsstrategien vor. Metternich, Talleyrand und Castlereagh erfahren bei Lentz mehr Aufmerksamkeit als der russische Außenminister Nesselrode und das preußische Duo Hardenberg/Humboldt. In kompakter Form schildert Lentz, wie die einzelnen Punkte der Kongress-Agenda abgearbeitet und geklärt wurden. Mal traten dabei ernste Meinungsverschiedenheiten zutage (so in Bezug auf die Zukunft Sachsens und Polens), mal blieben Konflikte und Schwierigkeiten aus (etwa bei der Neuordnung Italiens). Um seine Darstellung nicht ausufern zu lassen, fasst Lentz die Arbeit der einzelnen Komitees und Kommissionen in geraffter Form zusammen. Das Buch bleibt dadurch lesbar, aber als deutscher Leser wünscht man sich doch, dass die Klärung der Deutschen Frage etwas ausführlicher behandelt worden wäre.

Was die Bewertung des Kongresses und seiner Beschlüsse angeht, so steht Lentz im Lager derjenigen Historiker, die das "Wiener System" maßvoll positiv beurteilen. Er betont, die Wiener Beschlüsse seien unter den damaligen Umständen der bestmögliche Kompromiss gewesen. Man müsse den Kongress aus seiner Zeit heraus verstehen und dürfe ihn nicht an Maßstäben und Wertvorstellungen späterer Zeiten messen. Lentz verteidigt den Kongress gegen jene Kritiker des 19. und 20. Jahrhunderts, die der Ansicht waren, in Wien sei eine längst überlebte monarchische Ordnung wiederhergestellt und der Siegeszug von Demokratie und Nationalstaat verhindert worden. Für die Gründung eines deutschen und eines italienischen Nationalstaates war die Zeit noch nicht reif. In Wien ging es nicht darum, die Hoffnungen und Träume von Nationen und Völkern zu verwirklichen, sondern darum, Europa nach 25 Jahren Revolution und Krieg eine stabile Friedensordnung zu geben. Alles andere war aus Sicht der versammelten Monarchen und Staatsmänner zweitrangig, wenn nicht unerheblich. Lentz sieht die historische Leistung des Kongresses in der Etablierung des Konzerts der europäischen Mächte, das für ein Jahrhundert einen großen Krieg auf dem Kontinent verhinderte.

Ist schon der Text gelungen, so wird das Buch durch den umfangreichen Anhang auch noch zu einem nützlichen Nachschlagewerk. Neben einer sehr detaillierten Chronologie (S. 305-322) enthält das Buch Listen der Kongressteilnehmer und einen Abdruck der Schlussakte (mit kleineren Kürzungen und Auslassungen). In der Bibliographie (S. 355-367) sind die wichtigsten Quellen und Forschungsarbeiten zum Wiener Kongress verzeichnet. Alles in allem hat Lentz einen Band vorgelegt, der kaum Wünsche offen lässt und sicher einen festen Platz unter den Überblicksdarstellungen zum Wiener Kongress erlangen wird.


Lenin's Brother: The Origins of the October Revolution
Lenin's Brother: The Origins of the October Revolution
von Philip Pomper
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,60

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Der Student mit der Bombe, 13. August 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Es gehört zu den bekanntesten - um nicht zu sagen zu den abgedroschensten - Leitmotiven der Lenin-Biographik, dass Wladimir Uljanow, der spätere Lenin, zum Revolutionär geworden sei, weil sein älterer Bruder Alexander 1887 wegen der Teilnahme an einem missglückten Attentat auf den Zaren zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde. Der jüngere Bruder habe sozusagen das Werk des älteren fortgesetzt und sein Leben dem Sturz der verhassten zarischen Autokratie gewidmet. Wer war dieser Alexander Uljanow, der mit nur 21 Jahren am Galgen starb? Wie und warum wurde aus dem Musterschüler und begabten Studenten der Biologie ein Revolutionär und Terrorist, der seine naturwissenschaftlichen Kenntnisse in den Dienst einer Verschwörergruppe stellte, die Zar Alexander III. am 1. März 1887 ermorden wollte, auf den Tag genau sechs Jahre nach dem erfolgreichen Anschlag auf dessen Vater, Zar Alexander II.?

Diesen Fragen geht der amerikanischen Historiker Philip Pomper, einer der besten Kenner der revolutionären Bewegung im späten Zarenreich, in seinem Buch nach. Das Buch ist keine Biographie. Über einen Menschen, dessen Leben nur 21 Jahre währte, lässt sich schwerlich eine Biographie schreiben, die diesen Namen verdient. Hinzu kommt, dass einer Annäherung an Alexander Uljanow und seine politischen Anschauungen enge Grenzen gesetzt sind. Die Quellenlage ist dürftig. Selbstzeugnisse aus Alexanders Hand - etwa Aufsätze aus der Schul- und Studienzeit oder Briefe an die Familie - sind gering an Zahl und inhaltlich unergiebig. Die Verwandlung des unauffälligen Studenten in einen Verschwörer und Bombenbauer, ein Prozess, der sich Ende 1886, Anfang 1887 innerhalb weniger Monate vollzog, lässt sich nur in groben Zügen nachzeichnen. Vieles bleibt im Unklaren. Memoiren von Angehörigen und Weggefährten, etwa die Erinnerungen der Schwester Anna Uljanowa, müssen mit Vorsicht benutzt werden, da sie Jahrzehnte nach Alexanders Tod entstanden. Es bleiben die Aussagen, die Alexander Uljanow nach seiner Verhaftung und während des Gerichtsverfahrens im April 1887 machte. Aber auch diese Aussagen gestatten nur einen begrenzten Einblick in Uljanows subjektive Gedankenwelt, denn in der Tradition russischer Revolutionäre und Terroristen stilisierte sich der jugendliche Verschwörer zum Werkzeug der Geschichte, zum Vollstrecker vermeintlich objektiver historischer Notwendigkeiten.

Pomper zeigt Alexander Uljanow als Produkt familiärer Prägungen und eines bestimmten sozialen und intellektuellen Milieus. Viele Motive, die man aus der Lenin-Literatur kennt, werden anhand von Alexanders Vita noch einmal durchgespielt: Die Bildungsbeflissenheit der Familie Uljanow; die leidenschaftlichen Debatten der russischen Intelligenzija über den richtigen Weg zur Revolution; die Enttäuschung des Bildungsbürgertums über die als unzureichend empfundenen Reformen Zar Alexanders II.; die Radikalisierung der studentischen Jugend in den 1870er und 1880er Jahren; die repressive Innenpolitik unter Alexander III. Obwohl intellektuell frühreif und von hoher geistiger Regsamkeit, entwickelte Alexander Uljanow keinerlei eigenständige oder originelle politische Ideen. Als Mitglied studentischer Diskussionszirkel an der Petersburger Universität verinnerlichte er lediglich die Anschauungen und Theorien der sogenannten "Volkstümler" (Narodniki), die in linksgerichteten Kreisen en vogue waren. Den Narodniki zufolge war die Intelligenzija die "Geburtshelferin der Revolution". Sie war dazu berufen und verpflichtet, das einfache Volk zum Kampf gegen die Autokratie zu mobilisieren. Die Narodniki wussten sich im Bunde mit der Geschichte, denn ihre "wissenschaftliche" Analyse hatte ergeben, dass die Revolution und der Übergang zum (Agrar-)Sozialismus unausweichlich seien. Man musste dem Gang der Geschichte nur etwas nachhelfen, etwa durch einen spektakulären Schlag ins Zentrum des autokratischen Systems.

Ende 1886 geriet Uljanow in eine Gruppe studentischer Verschwörer, die entschlossen war, Zar Alexander III. zu ermorden. Das Attentat sollte als Initialzündung für die große Volksrevolution dienen. Aus Sicht der Verschwörer war der Zarenmord kein Verbrechen, sondern eine befreiende Tat, die ein Hindernis aus dem Weg räumen und dem vorherbestimmten Geschichtsprozess freien Lauf verschaffen sollte. Alexander Uljanow half bei der Herstellung der Bomben und bei der Formulierung einer Proklamation, die nach dem Attentat verbreitet werden sollte. Die jugendlichen Verschwörer - die meisten von ihnen waren jünger als 25 - gingen dilettantisch zu Werke. Längst war ihnen die zarische Geheimpolizei auf den Fersen. Am 1. März 1887 und in den Tagen danach wurden sie alle verhaftet. Die Vorbereitung des Attentats, die polizeilichen Ermittlungen und der (nichtöffentliche) Prozeß nehmen den meisten Raum in Pompers Buch ein. Nur widerstrebend, aus Rücksichtnahme auf seine verwitwete Mutter und seine noch minderjährigen jüngeren Geschwister, richtete der zum Tod verurteilte Alexander ein Gnadengesuch an den Zaren (das abgelehnt wurde). Es widersprach seinem Selbstverständnis als Revolutionär, um Schonung seines Lebens zu bitten. Wer sich dem Kampf gegen die Autokratie verschrieben hatte, der musste bereit sein, das eigene Leben zu opfern.

Worin besteht Pompers Leistung? Pomper rückt einen Menschen ins historische Bewusstsein zurück, der lange Zeit im Schatten seines jüngeren Bruders stand. Da Alexander Uljanow zu den Narodniki gehörte und skeptische Distanz zum Marxismus wahrte, hatte er aus Sicht der sowjetischen Forschung den "falschen" Weg zur Revolution beschritten. Lenin hingegen, der gelehrige Schüler von Karl Marx, hatte den "richtigen" Weg eingeschlagen. Pomper stellt klar, dass man Alexander Uljanow nicht an seinem jüngeren Bruder messen darf. Man könnte die Verschwörung vom Winter 1886/87 als Fußnote abtun. Man kann sie aber auch, so wie es Pomper tut, als Sonde nutzen, um die Befindlichkeit und die Obsessionen der linken Intelligenzija und der radikalen studentischen Jugend in den Jahren der Reaktion unter Alexander III. zu erkunden. Alexander Uljanow, so kurz sein Leben auch gewesen sein mag, verkörpert geradezu idealtypisch den Habitus dieses Milieus: Frustration über die Beharrungskraft der Autokratie; Frustration über die fehlende politische Teilhabe der Zivilgesellschaft; Frustration aber auch über die Passivität der bäuerlichen Bevölkerungsmehrheit, die "wachgerüttelt" und zur Revolution angeleitet werden musste; Selbststilisierung zur revolutionären Avantgarde, die Russland auf jenen Weg führen werde, der ihm von der Geschichte vorgezeichnet sei, hin zum agrarsozialistischen Volksstaat; Selbstermächtigung zu Gewaltaktionen, die den Geschichtsprozess vorantreiben sollten.

Diese heroische Selbststilisierung stand in eklatantem Kontrast zur fehlenden sozialen Basis all der linken Splittergruppen, die in den 1880er Jahren vergeblich gegen die Autokratie ankämpften. Die Voraussetzungen für eine Revolution waren 1887 nicht im Mindesten gegeben. Der mangelnde Realitätssinn der Gruppe um Alexander Uljanow enthüllte sich darin, dass die Verschwörer eine Gewalttat wiederholen wollten, die schon 1881, bei der Ermordung Alexanders II., keinen Volksaufstand ausgelöst hatte. Die Verschwörer waren so von der Planung des Attentats absorbiert, dass sie darüber die Frage vergaßen, wie denn das Volk aufgewiegelt werden sollte. Von nennenswerten Aufstandsvorbereitungen kann keine Rede sein. Und wie hätte das überhaupt gelingen können, da doch die Gruppe nicht mehr als 15 Mitglieder umfasste? Pompers Buch ist eine Studie über die Irrtümer und Irrwege einer radikalen Minderheit, die ihre Bedeutungs- und Machtlosigkeit mit Gewalt, mit Terrorismus zu kompensieren suchte. Wer wissen will, wie aus braven Bürgersöhnen Verschwörer und Terroristen wurden, die zu untauglichen Mitteln griffen, um politische Vorstellungen zu verwirklichen, die an der Realität vorbeigingen, der wird bei Pomper aufschlussreiche Antworten finden.


Ella: Princess, Saint and Martyr
Ella: Princess, Saint and Martyr
von Christopher Warwick
  Gebundene Ausgabe

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Die Schwester der Zarin, 30. Juli 2014
Die Geschichte der europäischen Herrscherhäuser im 19. und frühen 20. Jahrhundert bietet schier unerschöpflichen Stoff für historische Sachbücher und Biographien. Gerade in der angelsächsischen Welt reißt der Strom der Bücher über königliche und fürstliche Personen jener Zeit nicht ab. Ungebrochener Beliebtheit bei Autoren und Lesern erfreuen sich vor allem die Kinder und die zahllosen, über den ganzen Kontinent verstreuten Kindeskinder der britischen Königin Viktoria, der sprichwörtlichen "Großmutter Europas". Zu Viktorias Enkeltöchtern gehörten die Gattin des letzten russischen Zaren, Alexandra Fjodorowna, und deren ältere Schwester Elisabeth, die ebenfalls in das Haus Romanow einheiratete. Königin Viktoria war dagegen, dass ihre Enkelinnen, Töchter des Großherzogs von Hessen, nach Russland heirateten, konnte sich letztlich aber nicht durchsetzen. Sie mußte nicht mehr miterleben, wie sich ihre düsteren Ahnungen erfüllten, denn sowohl die Zarin als auch die Großfürstin Elisabeth kamen in der Revolutionszeit auf grausame Weise ums Leben.

Prinzessin Elisabeth von Hessen-Darmstadt (1864-1918), Gattin des Großfürsten Sergej Alexandrowitsch (1857-1905), ist eine ideale Protagonistin für jene Autoren, die sich wie der Brite Christopher Warwick auf royale Biographien spezialisiert haben. Elisabeth, im Familienkreis "Ella" genannt, war mit den prominentesten Herrscherfamilien Europas verwandt und verschwägert und galt als eine der schönsten Frauen ihrer Zeit. Durch ihre Heirat mit einem der jüngeren Söhne Zar Alexanders II. gelangte sie aus dem eher provinziellen Darmstadt an den glänzendsten Hof Europas. Noch faszinierender für Biographen und Leser ist die tragische zweite Lebenshälfte der Großfürstin: Ihr Gatte Sergej, als reaktionärer Hardliner verschrien und allgemein verhasst, fiel 1905 einem Bombenattentat zum Opfer, und Elisabeth selbst wurde 1918 zusammen mit einigen anderen Mitgliedern des Herrscherhauses von den Bolschewiki ermordet. Aus dem Kreis hochadliger Damen ihrer Zeit sticht Elisabeth insofern heraus, als sie sich nach der Ermordung ihres Gatten aus dem höfischen und gesellschaftlichen Leben zurückzog. Sie gründete in Moskau den Martha-Marien-Konvent und nahm 1910 den Schleier. Bis zu ihrer Verhaftung im Frühjahr 1918 war sie als Leiterin des Konvents und des dazugehörigen Hospitals tätig. Die Russisch-Orthodoxe Kirche erhob Elisabeth 1992 in den Rang einer Heiligen.

Die Frage nach der historischen Relevanz eines solchen Lebens darf man in der Welt der Royalty-Enthusiasten nicht stellen. Auch Warwick bietet keine Begründung dafür, warum das Leben der Großfürstin Elisabeth erzählenswert ist. Eine Frau ihres Standes ist offenbar automatisch "biographiewürdig". Warwick hat eine ordentliche Biographie vorgelegt, die aber zumindest in den ersten neun der insgesamt zwölf Kapitel eine gewisse Banalität verströmt. In Grundzügen war das Leben der Großfürstin schon immer bekannt, und Warwick leistet im Großen und Ganzen nicht mehr, als die Lebensgeschichte seiner Heldin hier und da mit bisher unbekannten Details anzureichern. Bis zur Ermordung ihres Gatten führte Elisabeth das typische Leben einer Frau ihres Standes. Höfische Feste und Zeremonien, Reisen und Besuche bei Verwandten, Wohltätigkeitsarbeit und Mäzenatentum bestimmten jahrein, jahraus den Alltag der Großfürstin. Die Monotonie dieses Daseins überträgt sich auf die Biographie, die über weite Strecken seicht dahinplätschert. Es ist daher zu begrüßen, dass Warwick sein Buch kompakt und schlank gehalten hat. Interessanter wird die Erzählung erst in den letzten Kapiteln, die dem "zweiten" Leben der Großfürstin gewidmet sind. Warwick bietet erstmals ein genaueres Bild von der Arbeit des Martha-Marien-Konvents. Zuletzt widerlegt er auch einige zählebige Mythen über die Umstände der Ermordung der Großfürstin.

Warwick verdient Anerkennung dafür, dass er sich nicht nur auf veröffentlichte Quellen stützt. Er hat in etlichen Archiven geforscht, so in den Royal Archives in Windsor und im hessischen Staatsarchiv Darmstadt. Unter Mithilfe von Assistenten und Übersetzern hat er auch einige Quellen aus russischen Archiven ausgewertet. Bei den archivalischen Quellen handelt es sich fast ausschließlich um Briefe. Aus der Korrespondenz der Großfürstin mit ihren Verwandten hat Warwick manches bisher unbekannte Detail zu Tage gefördert, ohne dass ihm jedoch irgendwelche spektakulären Entdeckungen gelungen wären. Da die persönlichen Unterlagen Elisabeths und ihres Mannes verloren sind, kann Warwick kein aussagekräftiges Bild vom Eheleben des Großfürstenpaares zeichnen. Die Kinderlosigkeit der Großfürstin gab immer wieder Anlass zu Gewisper und Getuschel innerhalb der Zarenfamilie und der russischen Aristokratie. Ob Sergej Alexandrowitsch wirklich homosexuell war, wie schon zu seinen Lebzeiten gemunkelt wurde, lässt Warwick offen. Dass einer Annäherung an die Beziehung zwischen den Eheleuten enge Grenzen gesetzt sind, zeigt sich schon daran, dass Warwick nicht erklären kann, aus welchem Grund Prinzessin Elisabeth den Heiratsantrag des Großfürsten annahm. Liebe und Leidenschaft waren jedenfalls nicht im Spiel. Niemand drängte Elisabeth zu dieser Heirat; im Gegenteil, nicht nur ihre Großmutter Viktoria riet ihr davon ab.

Alles in allem ist Warwick eine brauchbare Biographie gelungen. Für Royalty- und Romanow-Enthusiasten dürfte sie Pflichtlektüre sein. Jenseits dieses speziellen Interessentenkreises wird sie aber sicher nicht viele Leser finden. Ärgerlich ist der Verzicht auf Stammtafeln. Offenbar war Warwick der Meinung, dass seine Leser mit den komplexen genealogischen Verflechtungen der europäischen Herrscherhäuser vor dem Ersten Weltkrieg bereits bestens vertraut sind. Wer sich damit nicht gut auskennt, der wird im Gewirr der Verwandtschaftsbeziehungen rasch den Überblick verlieren.


Seite: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9