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Rezensionen verfasst von
Helmut Schmid "RheinNeckarPoet" (Ketsch)
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GEO Special / 03/2008 - Schweiz
GEO Special / 03/2008 - Schweiz
von Christoph Kucklick
  Broschiert
Preis: EUR 9,50

3.0 von 5 Sternen Von Spitzen, Ritzen und Tälern: Gefälliges Nord-Süd-Gefälle, 9. Mai 2015
Rezension bezieht sich auf: GEO Special / 03/2008 - Schweiz (Broschiert)
Fünfmal Rheinfall, dreimal Luzern, dreimal Zürich, zweimal Stein am Rhein, einmal Bern, einmal Genf, einmal jeweils Leukerbad, Murten und Lugano; sechsmal Gotthardtunnel, einmal Großer-Sankt-Bernhard-Tunnel, einmal Großer-Sankt-Bernhard-Pass, einmal Grimselpass, einmal Lukmanierpass; insgesamt elfmal Transit durchs Land - das sind über einen Zeitraum von fünfzig Jahren die Lebensbegegnungen des Rezensenten mit der Confoederatio Helvetica, auf Aufklebern oder Autokennzeichen auch kürzbündig CH genannt.

Auffallend in genannter Aufzählung ist die hohe Konzentration auf den Transit. Kurz mal durchgerutscht und hinter sich gelassen. Grüezi wohl Frau Stirnimaa. Oder, wie es Meike Kirsch, die Redaktionsleiterin des uns vorliegenden GeoSpecial "Schweiz" im Vorwort desselben (Nr. 3/2008) zum Besten gibt: "Die Erklärung der Schweiz dauert länger als ihre Durchquerung". Also halten wir uns ran, schreiten in Basel über die Grenze, arbeiten schnell mal das GeoSpecial durch, schreiben die dazugehörige Rezension, um drei Stunden später bei Chiasso, nahe der Grenze zu Italien, das Land der Uhren und Berge, des Käse und der Banken, wieder zu verlassen.

Dass die Schweiz mehr zu bieten hat als Uhren, Berge, Käse und Banken weiß, wer schon mal im Fraumünster in Zürich stand und dort die berühmten Kirchenfenster mit Marc Chagalls Glasmalereien bewundern durfte. "Keinen Grund zu klagen" sieht auch Markus Mäder, der in "Der Schweizkomplex" zwar die unverhoffte Pleite der identitätsstiftenden nationalen Fluggesellschaft, dem Vorzeigeunternehmen Swissair, nicht unerwähnt lässt, deren "grounding" Land und Leute "gnadenlos" getroffen hatte, "Von einem Tag auf den anderen konnte eine der renommiertesten Airlines der Welt ihre Rechnungen sind mehr zahlen - und blieb für immer am Boden." 2001 war das gewesen. Wer denkt da noch daran?

In "Die moderne Schweizerin" befasste sich der als Rhein-Neckar-Poet dichtende Rezensent mit dem Heidi-Mythos: "Ich musste mich nochmals umdreh'n ... / in Zürich hab' ich sie geseh'n: / Heidi, aus den Bergen dort, / wohnt nicht mehr im Bergesort. / Weil der nicht viel zu bieten hat, / wohnt Heidi heute in der Stadt." Unter der Überschrift "Alles Heidi, oder was?" nimmt sich auch das GeoSpecial den Klischees der alpenländischen Eidgenossenschaft an. Zu Wort kommen dreizehn typische Ständevertreter (so ein Astronaut, ein Rockmusiker u.a.), darunter mit Amanda Ammann auch die damals amtierende Miss Schweiz. "Warum ist das Heidi nicht da?", wird Jakob Marugg, Pächter der original Heidialp, oberhalb von Maienfeld (Graubünden), oft gefragt. "Es ist gerade in Frankfurt" ist dann seine Antwort.

Statistisches zeigt uns die Doppelseite "Gute Nachbarn, schlechte Nachbarn". Wir nehmen zur Kenntnis, dass es mit 35 Prozent Italien ist, das den Schweizern am Herzen liegt, während mit 10 Prozent Deutschland ungeliebt auf den vorletzten vierten Rang verwiesen ist. Nur noch Liechtenstein - kennen es die Schweizer überhaupt, oder halten sie es für einen eigenen Kanton? - schneidet schlechter ab.

Kein GeoSpecial ohne die Promotion für das Architektengewerbe. In "Hier baut sich was zusammen" werden landschafts- und bergeverschandelnde Maßnahmen ("aberwitzige Megaprojekte") vorgestellt und zu beschönigen versucht, wie z.B. der "Turmbau zu Davos", die leider auch in der Schweiz nur wenig Rücksicht auf bewährtes Bewahren von Ästhetik, Natur und Tradition nehmen. "Vorbei sind die Zeiten, in denen Schweiz-Kenner wie Formel-1-Chef Bernie Ecclestone witzelten, die Alpenrepublik sei ein wundervolles Land, nur wüssten das die wenigsten, denn die Verkehrsbüros arbeiten hier 'ein wenig wie Geheimdienste'. Heute planen die Bürgermeister und Tourismusdirektoren ihre Dorferneuerung nach der Logik von Marketingexperten und mit der kühlen Präzision von Unternehmensberatern." Ein Argument dafür, dass die Situation sich dadurch verbessert oder verbessert habe, ist das ja wohl nicht.

2008 war das Jahr des hier rezensierten GeoSpecial. 2008 war aber auch das Jahr der Fußball-Europameisterschaft, die in gemeinschaftlicher Eintracht von Schweiz und Österreich gleichzeitig in beiden Länden stattfand. Es werden vorgestellt: die vier Schweizer Austragungsorte, die EM-Städte Zürich, Basel, Genf und Bern.

"Zeit entsteht durch unser Erinnerungsvermögen. Denn sie misst Ereignisreihen, das Nacheinander unserer Erlebnisse, und wird erst real, indem wir über diese sprechen." (Ludwig Oechslin, Philosoph und damaliger Leiter des Internationalen Uhrenmuseums in La Chaux-de-Fonds). Gudrun Sachse präsentiert uns "Die Uhr-Schweizer", Experten und Uhrmacher vom alten Schlage der mechanischen Tacks und Ticks.

Was hat die Schweiz gemeinsam mit einem ihrer Käse? Man könnte sagen: die Löcher. "Tief im Gotthard-Massiv wiederholt sich die Geschichte: Zum zweiten Mal nach 1882 graben bahnsinnige Visionäre hier den gewaltigsten Tunnel einer Epoche." Nadja Klinger zeigt uns das Jahrhundert-Loch, führt und informiert zum Bau des Gotthard-Basistunnels. Wir erfahren so manches Wissenswerte aus tunnelbau- und verkehrsstrategischer Sicht. Auch werden wir mitgenommen in die historischen Zeiten des 19. Jahrhunderts, als der erste Durchstich durch die Steine und Felsen, durch Gründe, Massen und Schweren der Bergmassive des Sankt Gotthard erfolgten.

Es folgen zwei Filmtitel. Schlafes Bruder. Und täglich grüßt das Murmeltier. Nach Architekten und Unternehmern, noblen Uhrenmarken und Tunnelbohrmaschinenbauern, kommen die Gourmets und Gourmands auf ihre Kosten. Paul Imhof, Spezialist für das Feinschmeckertum wie auch nicht weniger für die Schweiz, entführt uns an die richtigen Stellen. Wir erleben nicht als Werbung ausgewiesene Werbung - mein alter und immerwährender Kritikpunkt an den GeoSpecial-Heften. In "Speisen wie Gott in der Schweiz" schleichen sich ein: Metzgereien, Bäckereien, Fromagerien, Chocolatièrien und Restaurants. Auch Hinweise auf die "großen Lebensmittelketten", vornehmlich solcher Schweizer Provenienz, dürfen nicht fehlen.

Auf diese Art werden Lifestyle-Triebe gestillt, doch keine Informationen zur Befindlichkeit des Landes oder der Menschen Vorort gegeben. Wer sich auf die hochglanzbepreisten Prospekte des GeoSpecial'istentums einlässt, muss dies wissen. In "Die hohe Kunst der Verschwiegenheit" führt der Journalist und Kritiker Hans-Joachim Müller in die kunstbespickten Räume von Villen, Stiftungen und Sammlungen schwerreicher Millionäre und anderer Präsentatoren.

Mit vier Wandervorschlägen, schön aufgeteilt in die vier Schweizer Sprachregionen, beglückt uns Thomas Widmer, der Wanderkolumnist der "Weltwoche". Italiano im Tessin. Rumantsch am Valserberg. Français im Jura. Deutsch in Appenzell.

Kompass, Dossier und Serviceteil runden das GeoSpecial Schweiz ab. Mit "Freie Sicht aufs Meer" wird, eher fotografisch als textlich, der Tatsache gehuldigt, dass es sich bei der Schweiz um ein Binnenland ohne Zugang zu den Weltmeeren handelt. Dass sie mit Wasserzugängen zu Flüssen und Seen trotzdem keine diesbezüglichen Defizite empfindet, zeigen etliche aufgeführte Beispiele. Die schönsten Fotos diese Strecke und auch insgesamt im Heft: "Exponierte Fahne am Staubbachfall", "Luganersee: Wo die Schweiz Italien küsst" und "Sehen und Gesehenwerden an den Oberengadiner Seen", alle von Andi Pohl; ferner "Alpöhi mit Ziegen" von Robert Huber und "Doubs vorm Viadukt, nahe Saint-Ursanne" von Adriano Heitmann. Wie schon oft erwähnt: GeoSpecial sind auch immer kleine Bildbände.


Vor der Zeit: Korrekturen
Vor der Zeit: Korrekturen
von Christoph Hein
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

3.0 von 5 Sternen Ein Korrektor berichtigt den Anbeginn der Zeiten, 3. Mai 2015
Rezension bezieht sich auf: Vor der Zeit: Korrekturen (Gebundene Ausgabe)
Die Vergangenheit war die Zeit vor der Gegenwart. Somit war sie Zeit. Doch die Zeit davor, wann auch immer, war die Zeit vor der Zeit. Aufgeschrieben und Beschrieben wurde die Zeit vor der Zeit in der Zeit. Die Chroniken sind die griechischen Heldensagen. Es war das Hörensagen jener Tage. Homer, Hesiod und wie sie alle heißen waren die Chronisten. Es wurde munter darauf losgeschrieben, über die Abenteuer, die Erlebnisse und Geschehnisse von vor der Zeit. Das bedarf der Korrekturen, denkt sich Christoph Hein. Und er nahm sich dafür Zeit.

"Vor der Zeit" aus dem Jahr 2013, mit dem Untertitel "Korrekturen", ist der Versuch des ostdeutschen Schriftstellers Christoph Hein, einzelne Episoden der sagenhaften Antike fortzuschreiben und sie eben auch teilweise zu korrigieren. In fünfundzwanzig Kapiteln treffen wir auf all die bekannten griechischen Götter und Göttinnen, volle und halbe, auf die von Götterspielen betroffenen Menschen, begegnen den Nymphen, Geistern und Beschützern. Wir erfahren neues von Odysseus, verschiedenes über Helena, erkenntnisreiches zu Prometheus. "Das Paradies der Paradiese" ist, womit alles beginnt.

"Hades, dessen Tage aus der Nacht bestanden und der dann folgenden Tageszeit, der tiefen Nacht", führt Klage. Asklepios, Gott der Heilkunst, beginnt eigenständige Gesundheitspolitik. Zum Nutzen der Kranken und Todgeweihten strebt er nach Reformen. Sehr zum Leidwesen des Totengräbers Hades. Der befürchtet Umsatzverluste. So erzürnte er und war gereizt, "denn es gab Sterbliche, denen er zum wiederholten Male die Todesnachricht hatte zustellen lassen müssen, da es Asklepios mit seinen Künsten gelang, diese Todeskandidaten ins Leben zurückzuholen und gesund zu machen."

Ausgiebig die Geschichte "Das goldene Vlies", in der wir den jungen Phrixos, - "sein Blut kannte noch nicht den Stachel der Lust" -, den böotischen Königssohn, kennen lernen. Als Jüngling und schönster des Landes entsprach er dem Entzücken aller und jedem dessen und jeder derer, die ihn kannten oder sahen. Ein Sternbild im Auge des Betrachters. "Die Maler und Bildhauer (...) schienen in einem Wettstreit miteinander zu liegen, den Königssohn darzustellen, derart viele Bilder und Statuen gab es von Phrixos." Insbesondere die Frauen, jedoch nicht nur, waren von dem Knaben bezaubert. Berührt von einem Hauch "des erosgebärenden Westwindes". Lange geht so etwas nicht gut. Nicht bei den Griechen, auch nicht beim korrigierenden Hein.

Zum Teil korrigiert Christoph Hein so sehr, dass man die mythologischen Originale schwerlich nur noch wiedererkennt. In Umgestaltung der Vorgeschichte zu den Argonauten fehlen im "Goldenen Vlies" die gute Helle und die böse Ino. Den mitwirkenden Götterboten Hermes suchen wie so vergebens, wie auch den berühmten Widder mit dem goldenen Fell. Anstelle dafür versetzt uns der Autor in die gefühlte Umgebung des nordamerikanischen Goldrausches des 19. Jahrhunderts. Lee Marvin und Clint Eastwood als griechische Bauern und Goldwäscher getarnt. Und das goldene Vlies? Bei Christoph Hein nur wenig mehr als ein Fell, "in das Bett des Baches gelegt und mit Steinen beschwert, damit das wirbelnde Wasser über die Vliese fließe" (sic!) "und die mitgeführten Goldkörnchen in den Locken der Felle hängen blieben." Goldwäscheralltag im Hinterland der Antike.

Was unterscheidet die vorliegenden Korrekturen vom z.B. hier vom Rezensenten ebenfalls schon kritisierten "Großen Sagebuch des Klassischen Altertums" von Michael Köhlmeier? Kurz zusammengefasst: Alles! Erleben wir bei Köhlmeier, verfasst in spritziger und damit wohlgefälliger Sprache, die Originale, finden mäandernde Orientierung im Hin und Her des Durcheinanders der griechischen Mythen, so gibt uns Christoph Hein absolut Neues: eine Irreführung durch die Labyrinthe der Erzählgärten griechischer Götter.

Björn Hayer sieht in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) Mitte April 2014 in den Erzählungen Christoph Heins Ansätze zu Parabeln. Mit erhobenem Zeigefinger, zum Gleichnis gewandt, werden moralische Fragestellungen in Bilder übertragen und umgesetzt, dem Leser zu Bildung, Ausbildung und erweitertem Bewusstsein genügend. (Kapitalismuskritik!?) Ähnlich sieht es wenige Tage später Cornelia Geißler in dem anderen Frankfurter Presseorgan, der Frankfurter Rundschau, wenn sie schreibt: "So wie die alten Mythen den Menschen einst Wege in ihre Gegenwart wiesen, findet man auch bei Christoph Hein solche Verweise, kann aus Götter-Entscheidungen Ratschläge lesen."

Väter und Söhne, Windsbräute und Wasserweiber, die Göttin des Vergessens wie auch den Drosselkönig, den dreijährigen Eros und die schöne Helena zeigen ihre neuen Seiten in "Väter und Söhne", "Windsbräute und Wasserweiber", "Die Göttin des Vergessens", "Der Drosselkönig", "Der dreijährige Eros" und "Die schöne Helena". Sie alle sind zurechtgestutzt auf ihr korrigiertes Maß. Jetzt und vor der Zeit. Verbleibt die Frage an den Lektor: Wer hat hier Korrektur gelesen?


Fermats letzter Satz: Die abenteuerliche Geschichte eines mathematischen Rätsels
Fermats letzter Satz: Die abenteuerliche Geschichte eines mathematischen Rätsels
von Simon Singh
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,90

4.0 von 5 Sternen Simon Singhs letzter Satz ..., 1. Mai 2015
... ist die Hinführung zu einem sich über mehrere Sätze und zwei Absätze ausgeweiteten Zitat des britischen Mathematikers Andrew Wiles, der Hauptperson um die es im vorliegenden Buch geht; dessen letzter Satz denn lautet: "Mein Denken ist zur Ruhe gekommen."

Doch bis es dahin kommt und kam, war viel Unruhe im Gebälk der Mathematikgenies unserer Welt, über Jahre, Jahrzehnte und Jahrhunderte. Simon Singh, Wissenschaftsjournalist aus England, fasste dies in einer seiner "abenteuerlichen Geschichte" zusammen: lesbar, locker, leicht, über weite Strecken verständlich auch für jeden Mathe-Grund- und -Leistungskursabsolventen.

Drei männliche Hauptrollen sind im Spiel der Zahlen, auf den Achsen der Unendlichkeit: drei Wissenschaftler bzw. Mathematiker: die bereits genannten Zeitgenossen Simon Singh und Andrew Wiles sowie der historische Pierre de Fermat (1607-1665). Weitere Männer, fast keine Frau - beinahe wie in einem Film von Robert Aldrich -, bilden die Nebenrollen der Handlung; die bekanntesten: Pythagoras von Samos, Leonhard Euler, Bertrand Russell, David Hilbert, Kurt Gödel sowie die beiden Japaner Yutaka Taniyama und Goro Shimura. Das Buch zum Spiel der Zahlen: "Fermats letzter Satz" von eben jenem Simon Singh.

Anhand der Geschichte der unbewiesenen Beweisbarkeit und dem daraus resultierten Bestreben ganzer Generationen von Mathematikern zum Beweis des Unbewiesenen, nämlich die Verifizierung einer Behauptung des schon genannten Herrn de Fermat - eingegangen in die Geschichte als "Fermats letzter Satz", manchmal auch als "Großer Fermatscher Satz" zu lesen -, versucht uns Simon Singh Lust zu machen und mitzunehmen auf den Weg zu mathematischen Abenteuern. Dabei ist Singh darauf aus, "mathematische Gedankengänge ohne Rückgriff auf Gleichungen zu erläutern", doch ohne gänzlich umhin zu kommen, dass "x, y und z hie und da ihre hässlichen Köpfe" hervorstrecken.

Fermat Behauptung, nämlich dass die Gleichung [(a hoch n) plus (b hoch n) gleich (c hoch n)], die zunächst dem Satz des Pythagoras nicht wenig unähnlich scheint, dann keine Lösung kennt, wenn a, b, c und n mit positiven ganzen Zahlen belegt sind und n mit > 2 bewertet, ist höhere Mathematik. In der Rezension eines Abenteuerbuchs hat dies eigentlich wenig nur verloren.

John Lynch, der für Singhs "Fermats letzter Satz" ein Vorwort "zum Geleit" zum Besten gab, sieht die Theorie, den Fermatschen Satz beweisen zu wollen, als "Himalajagipfel der Zahlentheorie", bezeichnet Fermat als "in der Tradition der Renaissance" stehend, der "entscheidend zur Neuentdeckung des Wissens der alten Griechen" mit beitrug. Seine Verwunderung gilt den Menschen, die auf dem Mond gelandet sind, "doch in der Zahlentheorie blieb die Fermatsche Vermutung unbewältigt."

Neben den Hauptrollen und Nebenrollen der beteiligten Persönlichkeiten, lernen wir einen bunten Strauß der Vielfältigkeiten von Zahlen und numerischen Werten kennen. Diese theoretische Hin- und Einführung in mathematische Grundlagen ist Voraussetzung, gleichzeitig schon Spannungselement, für das Verständnis der folgenden Kompliziertheiten, wo es um Beweisführungsmaßgaben, Gegenbeweisführung, Beweisakzeptanzen und wissenschaftliche Anerkennung geht. Wir begegnen den natürlichen Zahlen, mit und ohne der Null. Wir treffen auf ganze und rationale Zahlen. Reelle Zahlen, komplexe Zahlen und imaginäre Zahlen laufen über den Weg. Vielfach von Bedeutung sind die Primzahlen. In Folge wird es interessant und spannend. Wir verstehen die Vollkommenheit der vollkommenen Zahlen. Dies trifft uns an, obwohl wir nicht zählen. Wir rechnen nicht. Wir lesen. Simon Singh erklärt mit Geduld.

Alles ist Zahl. Fermat letzter Satz. Ein Rätsel ward geboren. Preise wurden ausgelobt.

Simon Singh erzählt. Von Bertrand Russell (1872-1970), der in "Die Entwicklung meines Denkens" die Überlegung anstellte und die Frage aufwarf, ob man denn annehmen durfte, "dass es Klassen gibt, die ein Element von sich selbst sind, und solche die kein Element von sich selbst sind. So ist z.B. die Klasse sämtlicher Teelöffel selber natürlich kein Teelöffel; aber die Klasse sämtlicher Dinge, die keine Teelöffel sind, ist ersichtlich selber eines von den Dingen, die keine Teelöffel sind." Über so etwas zu stoßen macht einfach Spaß, es zu lesen.

Interessant auch die Beschreibung der Aktivitäten des Engländers Alan Turing (1912-1954), maßgeblich beteiligt am Knacken der Codes der Nazi-Chiffriermaschine Enigma. Für entsprechende Entschlüsselungen "versuchte Turing häufig, Schlüsselwörter in den Nachrichten zu erraten. (...) Wenn die Codebrecher zum Beispiel vermuteten, dass die verschlüsselte Meldung, wie häufig der Fall, einen Wetterbericht enthielt, dann nahmen sie an, dass in der Meldung Wörter wie 'Nebel' oder 'Windgeschwindigkeit' vorkamen. (...) / Wenn es mit dem Wetterbericht nicht gelang, versuchten sich die Briten in die Lage des Enigma-Benutzers zu versetzen, um andere Wörter zu erraten." Wenn das alles nicht zum Ziel führte, ging man sogar soweit, die britische Luftwaffe zu bitten, "einen bestimmten deutschen Hafen zu verminen. Der deutsche Hafenmeister pflegte in diesem Fall sofort eine verschlüsselte Meldung zu funken, die die Briten abhörten. Die Codebrecher konnten sich dann sicher sein, dass Wörter wie 'Mine', 'vermeiden' oder 'Koordinaten' in der Meldung enthalten waren." Mit der Lösung des Fermat-Problems hat das vordergründig recht wenig zu tun. Allerdings scheut sich Simon Singh nicht, uns auch an Anekdoten und Randepisoden der mathematischen Unterhaltungswelt teilnehmen zu lassen.

An einer Stelle zitiert Singh den Mathematiker Godfrey H. Hardy (1877-1947). Von ihm stammen die Worte "Die Werke des Mathematikers müssen schön sein wie die des Malers oder Dichters. (...), es gibt keinen Platz in der Welt für hässliche Mathematik." In diesem Sinne sieht es der Rezensent, dass derjenige der Mathematik eben genau als solche bezeichnet, nämlich "Mathematik", sie auch liebt und ihr viel abgewinnen kann, ja gar – ganz nahe bei Hardy – ihre Schönheit erkennt. Im Gegensatz zu jenen, die sie nur "Mathe" nennen und in falscher Koketterie am Ende noch stolz darauf sind, sie nicht zu kapieren.

Das Rätsel wurde gelöst. Ein Geldpreis nach Jahrzehnten gewährt und angenommen. Ein Denker ist zur Ruhe gekommen. Wir dürfen lesend daran teilnehmen. Rechenkünste nicht vorausgesetzt.


Das Gesetz
Das Gesetz
von Thomas Mann
  Gebundene Ausgabe

4.0 von 5 Sternen Zwei Schreiber wie Mann und Moses, 29. März 2015
Rezension bezieht sich auf: Das Gesetz (Gebundene Ausgabe)
Was gesetzt ist, ist Gesetz. Was festgelegt, das sitzt. Was gesetzt und festgelegt, ist Satzung. Und Satzung ist Gesetz.

Gesetze sind Sätze die sitzen. Manchmal in Überlieferung vermeintlichem Naturrechts und daraus abgeleiteten moralischen Einsichten, manchmal in festgeschriebenen Kodizes auf Urkunden in Papier und Pergament. Manchmal aber sind sie in Stein geritzt, gemeißelt für die Ewigkeit.

Letztere solche sind u.a. auch die "deka logos", die zehn durch Gott gesetzten Gebote und Verbote, die Grund- und Eingangsnormen von Rücksichtnahme, menschlichem Miteinander und - ja auch - dem Respekt vor Gott. Sie brachte Moses seinem Volke, als er herabstieg vom Berg Horeb, in Form zweier Steintafeln. Nicht klar ist, wer der Steinmetz war: Gott selbst oder - wie Thomas Mann in seiner Erzählung "Das Gesetz" uns leitete und verleitet zu glauben - Moses.

Gehauen, gemeißelt und gesetzt. Bei Gott, Moses und Thomas Mann. Vieles ist anders bei Thomas Mann. Hier ein Findelkind, bei Mann das uneheliche Kind der Pharaonentochter. Hier ein süßlicher Charlton Heston, bei Mann ein knallharter Typ. Hier ein Wanderführer, bei Mann ein Expeditionsführer. Hier die zehn Plagen als Wunder Gottes, bei Mann die Plagen als Zaubertricks der Hebräer. Hier die Teilung des Meeres, bei Mann die Ebbe im wattähnlichen Seitenarm des Roten Meeres. Hier Cecil B. DeMille, bei Mann Sam Peckinpah. Doch wichtig, hier wie da: Das Gesetz.

Die Gebote sind hinlänglich bekannt. Klipp und klare Aussagen: Du sollst nicht töten. Dann wieder raffinierte Konstellationen wie die Doppelbetrachtung des Ehebruchs. "Du sollst nicht die Ehe brechen." Fein raus wären die Ledigen. Doch nein, auch an sie ist gedacht, drei Gebote später, im sogenannten Begehrungsverbot: "Du sollst nicht nach der Frau deines Nächsten verlangen." (Fein raus sind die ledigen Frauen. Denke man mal darüber nach.)

"Seine Geburt war unordentlich, darum liebte er leidenschaftlich Ordnung, das Unverbrüchliche, Gebot und Verbot."

Als einen "Mann auf der Höhe der Jahre, stämmig, mit gedrückter Nase, vortretenden Backenknochen, einem geteilten Bart, weitstehenden Augen und breiten Handgelenken, wie man besonders sah, wenn er, was oft geschah, grübelnd Mund und Bart mit der Rechten bedeckte", beschreibt Thomas Mann den Moses. Wie die berühmte Moses-Skulptur des Michelangelo, mit "Stummelhörner über dem gekräuselten Haarschopf", so vergleichbar die Personenbeschreibung des Thomas Mann. So zumindest sieht es Mathias Schreiber in seinem Moses-Artikel "Gottes Zeuge", in SPIEGEL GESCHICHTE vom November 2014. Und menschlich ist Moses bei Mann, gar sündig so nicht zuletzt auch gegen die Zehn Gebote. Zipora ist allein im Zelt, als Moses "um seiner Entspannung willen" bei einer erotischen Schwarzen, die als Mohrin bezeichnete Tharbis, mit "einer Haut voll Würze" und Bergesbrüsten sowie Wulstlippen "in die sich im Kuss zu versenken ein Abenteuer sein mochte", Abwechslung im Alltag sucht und findet.

"There can be miracles / When you believe / Though hope is frail / It's hard to kill". Vierzig Jahre durch die Wüste. Wandermarathon. "Die stolzen Mose-Leute - was für ein elender Haufen!" schrieb Mathias Schreiber schon einige Jährchen vorher, wenn er Thomas Mann zitiert: "Vorläufig waren sie nichts als Pöbelvolk, was sie schon dadurch bekundeten, dass sie ihre Leiber einfach ins Lager entleerten." Hierzu Mathias Schreiber, wenn er Moses als "mythische Erzieher" bezeichnet, "der dem Sklavenvolk die - nach dem Sinn für den 'Unsichtbaren' und der Erfindung der Schrift - drittwichtigste Grundlage der Kultur beschert: Hygiene." (DER SPIEGEL, April 2006)

Viel schon wurde interpretiert bezüglich der Erzählung Thomas Manns. Der politische Kontext, der theologische Kontext. Von Reinhard Dithmar ("Mose und die Zehn Gebote in Thomas Manns Erzählung 'Das Gesetz'") stammt die Aufzählung: Moses Geburt und Berufung / Aaron und Josua / Die Rationalisierung der Wunder / Der Auszug / Die Wüstenwanderung / Die Erziehungsarbeit in der Oase Kades / Die Episode mit der Mohrin / Der Dekalog.

Was vom Tage übrig blieb sind Verfilmungen zuhauf. Stumm und schwarzweiß, in Farbe aber schmal, dann wieder breit und in 3-D. Für das Kino, für das Fernsehen. Mit Moses-Gesichtern von dem bereits genannten Charlton Heston, mit denen von Burt Lancaster, Mel Brooks, Ben Kingsley, Christian Slater und ganz neu, unlängst in "Exodus: Götter und Könige" (2014) Christian Bale. Wir hörten und sahen ihn mit Gesicht und Stimme von Val Kilmer im Zeichentrick (1998) und Musical (2006). Grundlage war "Die Bibel", niemals "Das Gesetz".

Viel schon wurde interpretiert: Als da wäre die schon angedeutete Behauptung Thomas Manns, "dass Moses nicht rein jüdischer Abstammung sei, sondern seine Geburt das Ergebnis einer kurzen Begegnung eines jüdischen Mannes mit der Tochter des Pharao sei." (Ludwig Stockinger in "Das Gesetz, die Schrift und die Dichtung. Thomas Manns Deutung des biblischen Moses", 2010). Damit wäre Moses gar nicht Jude, weil nicht in mütterlicher Linie von einer Jüdin geboren. Die Interpretation: "Auf diese Weise wird schon durch die Herkunft der übernationale Charakter des Dekalogs betont, und gleichzeitig ein Argument gegen den Rassismus der Nationalsozialisten formuliert: Nicht die Reinheit der Rasse, sondern die Rassenmischung ist der Boden für kreative Momente in der Geschichte."


Der Algorithmus des Todes: Ein mathematischer Kriminalroman
Der Algorithmus des Todes: Ein mathematischer Kriminalroman
von Erik Rosenthal
  Broschiert

2.0 von 5 Sternen Algorithmen und andere Rhythmen in den Zeiten kurz vom Internet, 28. März 2015
Das Logo des Fischer Taschenbuchverlags sind die drei gegenläufigen Fische. Logo! Logisch dass es über kurz oder lang nicht ausbleiben konnte, dass eine der beliebten Buchserien des Verlags eine Logo-Reihe Ende der letzten Achtziger Jahre war: Fischer Logo, mit dem Zusatz: für den Spielraum im Kopf.

In fünfunddreißig Kapiteln, die alle mit irgendwelchen Personennamen überschrieben sind, zeigt uns Erik Rosenthal, von Hause aus ganz der Mathematiker, "ein Kaleidoskop logischer Unterhaltung, rätselhafter Spiele und verständlich verfasster Wissenschaft."

Mit Mathematik als beruflichem Hintergrund, das ist so eine Sache. Jedenfalls: Dan Brodsky ist Mathematiker - und arbeitslos. Deshalb verdingt er sich, zeit- und übergangsweise, mit Detektivaufträgen für einen Rechtsanwaltsbüro in San Francisco. So gerät er in den einen und anderen Fall, wie aktuell vorliegend in einen Mordfall. "Der Algorithmus des Todes" von Erik Rosenthal führt uns in vertrackte Welten der mathematischen Analysis. Und Dan Brodsky führt es zur Polizei, wo er, selbst wenn er ganz legitim dort zu tun hat, sich nie recht wohl fühlt. "Der Grund ist einfach: Meine bisherigen Erfahrungen mit den Hütern des Gesetzes sind nicht gerade rosig. Ich bin als Student der University of California dreimal verhaftet worden, jeweils aus politischen Gründen."

Nach dem Mord an einem Unternehmer gerät dessen linksradikale Tochter unter Verdacht. Ein Klassiker in us-amerikanischen Generationskonflikten jener Tage. Wir schreiben übrigens das Jahr 1986, in dem die Geschichte spielt, in dem der Roman erschien.

Aus der Inhaltsangabe wissen wir, dass an überraschender Stelle dem studentischen Detektiv die Differentialrechnung zu Hilfe kommt. Und der Rezensent fühlt sich doch glattweg an Mathe-Leistungskurs und Abitur erinnert: an Ableitungen und an Kurvendiskussionen. Doch wie wird daraus ein Kriminalroman?

Zunächst mal ist die Romanhandlung, die im Original unter "The Calculus of Murder" firmiert, nicht mehr oder weniger als ein klassisches Krimipuzzle, wie es zumindest die New York Times Ende 1986 sah. Viele Verdächtige und ebenso viele falsche Spuren. Eine lockere Schreibweise und gut gesetzte Pointen. Doch einen Kritikpunkt konnte sich auch die Tageszeitung aus New York City nicht verkneifen: Allzu oft und eifrig kokettiere der Mathematiker Rosenthal, noch dazu ohne ersichtlichen Grund, mit seinen arithmetischen Grundkenntnissen, wenn er zum Beispiel Fermats letzten Satz meint in das Geschehen einbinden zu müssen.

Fünfunddreißig Kapitel. Fünfunddreißig Namen. Achtunddreißig Personen. Weil in drei Kapiteln sich jeweils zwei Personen verbergen. Eines der Kapitel heißt zum Beispiel: "Joseph und Doris Melton". Die beiden "lebten im Sunset-Viertel von San Francisco. Die Gegend ist angemessen benannt, weil der Nebel den Eindruck eines ständigen Sonnenuntergangs erzeugt, obwohl die lyrische Bezeichnung wahrscheinlich von ihrer Lage im Westen von San Francisco herrührt."

Detektivische Kleinarbeit. Eine Zeugenbefragung nach der anderen. Fünfunddreißig Kapitel. Fünfunddreißig Namen. Achtunddreißig Personen. Obwohl, eines der Kapitel heißt: "Der Brodsky-Clan". Prächtige Mathematik in den Niederungen der Literatur. In eine Formel gepackt: p = (31 mal 1) plus (3 mal 2) plus (1 mal n). Unser Held fährt bei seinem "Büro vorbei, um nach der Post zu sehen, und fand ein Rundschreiben vom Reed College in Portland vor, dass dort eine Stelle an der mathematischen Abteilung zu besetzen sei." Hier Aushilfsjob und Teilzeit, dort Arbeitsvertrag und Vollzeit. Hier Philip Marlowe, dort Kurt Gödel.

Im selbigen Kapitel folgt denn auch der Hinweis, bezüglich der Absorptionsrate von Arsen im Körper. "'Das Gift wurde in flüssiger Form verabreicht, deshalb dürfen ähnliche Zahlenwerte gelten.' Ich begann zu schreiben: dx geteilt durch dt = cx". Die Formel wird umgestellt, abgeleitet, man könnte auch sagen: verhackstückt und algorithmisiert. "'Für mich sieht das aus wie Kauderwelsch.' / 'Ist es aber nicht. c ist die Absorptionskonstante.'"

Die Tatsache, dass es sich beim Autoren, wie auch beim Protagonisten jeweils um Mathematiker handelt sowie diese eine Stelle im Buch, diese eine Differentialgleichung - die Absorptionskonstante -, machen das Buch zum "mathematischen Kriminalroman"? Da fehlt mir jede Logik. Nicht überall ist Logo drin, wo "Fischer Logo" draufsteht. - Was vom Tage übrig blieb: Nichts!


2001, Odyssee im Weltraum
2001, Odyssee im Weltraum
von Arthur C. Clarke
  Taschenbuch

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Unheimliche Begegnung der Vierten Art, 27. März 2015
Rezension bezieht sich auf: 2001, Odyssee im Weltraum (Taschenbuch)
Was ist Science-Fiction? Auf keinen Fall die Alien-Serie! Das ist pures Horrorgenre, verlagert in ein Raumschiff. Die Star-Wars-Serie ist auch keine Science-Fiction. Die ist reine Fantasy. Schon eher sind es die gesellschaftlichen Zukunftsvisionen, die sich in Geschichten wie "1984" (George Orwell), oder "Fahrenheit 451" (Ray Bradbury), oder "Andromeda" (Michael Crichton), oder "Minority Report" (Philip K. Dick) wiederfinden. Raum- oder Zeitreisen zählen mit dazu; wobei die Weltraumreisen in beide Richtungen vonstatten gehen können: Wir suchen, finden und entdecken ferne Planeten oder Galaxien, oder wir werden besucht und/oder heimgesucht von Außerirdischen.

Ein Highlight der Science-Fiction-Literatur ist "2001: Odyssee im Weltraum" von Arthur C. Clarke (1917 bis 2008) aus dem Jahr 1968. Hervorgegangen aus einer Kurzgeschichte von 1948, jetzt ein dünnes Romanbüchlein, war es Grundlage für den und erschien zeitgleich mit dem gleichnamigen Film von Stanley Kubrick. Der Film, den sich nachsechziger Generationen leider nicht mehr anschauen können, war für einen kurzen Zeitraum nicht nur ein cineastisches Meisterwerk, er war Lebensgefühl und Philosophie, Rätsel und Religion, Weltraum und Unendlichkeit.

Arthur C. Clarke, ein Engländer, war Physiker und Science-Fiction-Autor. Über die Science-Fiction-Gemeinde hinaus bekannt wurde er durch eben jenes hier vorliegende "2001: Odyssee im Weltraum". Hochgelobt, so in einem Nachruf vom 15.04.2008 in ZEIT Online zu lesen, wurden seine Bücher "für ihre wissenschaftliche Genauigkeit und prophetischen Inhalte."

"Hinter jedem lebenden Menschen stehen dreißig Geister", allein schon diese einleitenden Worte im Vorwort von "2001: Odyssee im Weltraum" hatten mich vor Jahr und Tag in Bann gezogen. Man muss weiter lesen. "In diesem zahlenmäßigen Verhältnis sind die Verstorbenen den Lebenden überlegen. Seit Beginn der Urgeschichte sind rund hundert Milliarden menschliche Wesen auf Erden gewandelt." Doch Clarke schwitisiert weiter. "Eine sonderbare Zahl, denn durch einen merkwürdigen Zufall gibt es etwa hundert Millionen Sterne in unserem begrenzten Universum der Milchstraße. Also scheint für jeden Menschen, der je gelebt hat, in unserem Teil des Alls ein Stern." Ob die Rechnung wohl heute noch stimmt? Die Anzahl der Menschen hat sich seither verdoppelt, das Verhältnis der Geister zu den Lebenden muss ein anderes sein. Doch wie steht es um die Anzahl der Sterne? Es wurden und werden weiterhin neue entdeckt. Vielleicht bleibt das Verhältnis von Menschen und Geistern zu den Sternen ein konstantes.

"Jeder von diesen Sternen ist eine Sonne", so Arthur C. Clarke weiter, "oft eine hellere und herrlichere als der kleine uns am nächsten liegende Stern, den wir 'Sonne' nennen. Und viele - möglicherweise die meisten - dieser entfernten Sonnen besitzen Planeten, die sie umkreisen. Fraglos gibt es daher genügend Land im All, um jeden Typ menschlicher Spezies, vom ersten Affenmenschen bis zu uns, seinen eigenen privaten Himmel - oder seine eigene private Hölle finden zu lassen." Wir erkennen, wes Geistes Kind der Autor ist.

"Wie viele dieser potenziellen Himmel oder Höllen im Augenblick bewohnt sind und von welcher Art Kreaturen, können wir nicht einmal ahnen."

Arthur C. Clarke war ein Visionär. In SPIEGEL Online war im März 2008 zu lesen, wie Clarke sich Anfang der Fünfziger Jahre der Schriftstellerei zuwandte und "in seinem Roman 'Aufbruch zu den Sternen' den ersten bemannten Mondflug romanhaft vorweg" nahm. Auch sah er bereits 1945 die Technik der Kommunikationssatelliten voraus.

Wer nur den Film von Kubrick kennt, weiß Bescheid um die Faszinationen "An der schönen blauen Donau" (Johann Strauss) und "Also sprach Zarathustra" (Richard Strauss). Die Szene "Aufbruch der Menschheit", in der die ersten Menschen, die noch Affen sind, in Form eines Knochens die Kraft und Macht von Werkzeug und Waffe entdecken und fortan nutzen, ist einer der erhabensten Augenblicke der Filmgeschichte. "Ur-Nacht" nennt Clarke sein betreffendes Kapitel, bezeichnenderweise mit "Auf dem Weg zum Untergang" als Titel des ersten Unterkapitels. Wer wiederum nur Stanley Kubricks Film kennt, weiß, dass da einer dieser Affen ist, der Boss, der Clanchef, der Stammesälteste. Durch Arthur C. Clarke erfahren wir, dass der einen Namen hat: "Unter seinesgleichen war Mond-Schauer fast ein Riese."

Er, Mond-Schauer, war der letzte Affe, doch nun der erste Mensch, der das unmöglich zu identifizierende Geräusch vernahm. "(...) in der Geschichte der Welt war es noch nie zuvor gehört worden." Auch war Mond-Schauer der erste, der das gerne als Monolith bezeichnete Ding, - Gott, außerirdisch, Zauberkraft oder einfach nur Kunst? -, sah und berührte. "Es war eine rechteckige Platte, dreimal so hoch wie er selbst, aber schmal genug, um von seinen Armen umspannt zu werden." Nach diesem neuen Felsen in der Landschaft erfolgen Schulung und Leopardenjagd. Im Dämmerlicht begegnen Mond-Schauer und die seinen den gar nicht so sehr andersartigen "Anderen". Doch unsere sind jetzt bewaffnet. Und Mond-Schauer fühlte sich schon kurz danach, nach Kampf und Sieg, "als Herr der Welt. Aber er war sich nicht ganz klar darüber, was er jetzt unternehmen sollte. / Doch eines stand fest; er würde auch den nächsten Schritt tun." Nach dem Weg zum Untergang erfolgt der "Aufstieg des Menschengeschlechts".

"Ein neues Lebewesen bevölkerte den Planeten. Es kam aus dem Herzen Afrikas und breitete sich langsam über die bewohnbaren Gegenden aus." Die Langsamkeit bedeutete nur einen Wimpernschlag in der Unendlichkeit. Und schon befindet es sich auf dem "Sonderflug" zum Mond, über den "Stützpunkt Clavius" weiter zum Krater Tycho. "TMA-I" nennen sie das dort entdeckte anormale Magnetfeld, die "Tycho Magnetic Abnormaly". Wir schreiben das Jahr 2001.

Das Jahr 2000 war über viele Jahre und Jahrzehnte davor der Inbegriff der Zukunft. Dass man in den zurückliegenden Sechzigerjahren wusste, das die Siebziger nicht Science-fiction sein werden, konnte man abschätzen. Doch im Jahr 2000 wird alles anders sein. Dann ist die Zukunft übermorgen. Da waren Mindeststandards von Wunsch, Traum und Erwartung.

Das Jahr 2000 galt als die Metapher gut hin. Stanley Kubrick und Arthur C. Clarke war dieses Datum nicht Grund genug. Sie setzten eines darauf und erzielten mit 2001 nicht nur eine originelle Zahl für Film- und Buchtitel, sondern markierten damit auch das richtigerweise erst hier - und nicht schon 2000 - anzusetzende dritte Millennium.

Die "Tycho Magnetic Anomaly", die TMA-1, entdeckt auf dem Mond im Jahr 2001, ist die zweite Begegnung der Menschheit mit dem Monolithen (Gott, Außerirdische, Zauberkraft oder einfach nur Kunst). Inzwischen in der Lage zu interstellaren Reisen durch den Raum - es gibt Raumstationen und Mondbasen -, macht sich ein Team auf den Weg, die Fundstelle zu untersuchen. Geräusche und Berührungen bleiben nicht aus: Wer hören will muss fühlen.

Monate später läuft eine Discovery im Raumschiff gleichen Namens zu einer Mission aus, die erstmals etwas weiter weg führt: zum Jupiter. Es folgt die nervige Episode mit HAL, dem allzu menschlich vermenschlichten Bordcomputer, psychische Probleme ("Elektronische Neurose") mit inbegriffen. Die grenzenlose Endlosigkeit fordert ihren Tribut bei Maschine und Mensch.

"An Jupiter vorbei" geht es in "die Welt der Götter". Aus der Weltraummission wird eine Zeitreise und mehr. Die dritte und die vierte Dimension bilden längst keine Begrenzungen. "Durch das Sternentor" in den "Hauptbahnhof".

Nach dem "Inferno", dem "Empfang", dem "Rücklauf" und der "Metamorphose" steht am Ende das "Sternenkind". Schon lange haben wir das geistige Erfassen von Gott, außerirdischem Zauber (oder einfach nur Kunst) aufgegeben. Die Fülle an Interpretation schafft galaktisches Kopfweh. "Unten auf dem überfüllten Globus zuckten Alarmsignale über die Radarschirme, die Riesenteleskope suchten den Himmel ab - und die 'Weltgeschichte', wie die Menschheit sie kannte, näherte sich ihrem Ende."

Der nächste Schritt. Das war vor 14 Jahren. Und heute? HAL 9000 ist längst schon überholt. Macht Arthur C. Clarke uns Mut zum Weitermachen? Oder ist er eine Kassandra? Odysseus auf Irrfahrt in die Zukunft der Zukunft der Menschheit. Die Prognosen, so im bereits zitierten Nachruf von ZEIT Online zu lesen, "sind allerdings wenig optimistisch. Die Welt, so Clarkes Einschätzung, dürfte in einigen Jahrzehnten unbewohnbar sein."


Die Kinder von Torremolinos.
Die Kinder von Torremolinos.
von James A. Michener
  Gebundene Ausgabe

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3.0 von 5 Sternen Treffpunkt an der Sonnenküste, 23. März 2015
Nicht Peter, Paul und Mary mit ihrem Magic Dragon Puff. Auch nicht Fernando, Alfredo und José, die am Abend von Santo Domingo träumen. Vielmehr sind es Joe, Britta, Monica, Cato, Jigal und Gretchen, Vertreterinnen und Vertreter jener zeitgenössischen Flower-Power-Generation, die sich auf James Micheners Kommando in eben jenen Flower-Power-Zeiten Anfang der letzten Siebziger Jahre zum Stelldichein in Torremolinos treffen.

"Die Kinder von Torremolinos" von James A. Michener (1907 bis 1997), be- und geschrieben im Jahre 1971 und ebendann erschienen, sind die damals siebzehn- bis einundzwanzigjährigen heimatlosen Herbstzeitlosen, zu deren Gruppe sich auch der Rezensent, damals fünfzehn Jahre alt, hätte vorstellen können, sich an- und hingezogen zu fühlen. Doch genau diese zwei Jahre waren es, die den Unterschied ausmachten zwischen Traum und Wirklichkeit. In der Rückschau sag' ich mal, Gott sei Dank! Bis ich dann nach Torremolinos kam, vergingen weitere zweiunddreißig Jahre. Als es soweit war, 2003, war das kein "idyllischer Fischerort an der spanischen Mittelmeerküste" mehr, als den ihn James A. Michener bzw. sein Verlag noch beschrieb. "Alptraum aus Beton an der Costa del Sol" und "Torremolinos Ruf ist schlecht, sehr schlecht" lautet eine der Bildunterschriften in dem Artikel "Torremolinos - die Hölle sieht anders aus", in DIE WELT vom Sommer 2011, in dem Marko Martin zwar versucht, den Eindruck des heute dort sich tummelnden Massentourismus' in ein positives Licht zu rücken, ihm dies doch nicht so recht gelingen will.

Der Weltenbummler von der WELT zitiert aus Micheners Roman, den er als intelligenten Schmöker bezeichnet und als Reiselektüre an die Costa del Sol mitzunehmen empfiehlt, "In einer Woche werden Sie dort auf mehr Ideen stoßen als in einem Jahr in Oxford. Auf richtige Ideen, meine ich. Die unanwendbaren. Hier ist ein Asyl für jene, die dem Wahnsinn der Welt entfliehen wollen, nur dass es selbst total verrückt ist." Soweit James A. Michener. - Liebe WELT, lieber Marko Martin. Ich liebe sie, die journalistische Freiheit, insbesondere dann jedoch nicht mehr, wenn Expedientenreisen und die daraus entstehenden Artikel unterstützt werden, zum Beispiel vom Patronato Provincial de la Costa del Sol.

"Joe, 20, Student in Kalifornien, schickt dem Staat seine Musterungskarte zurück", Berger in "Hair" hat seine zerschnippelt und verbrannt, "und beginnt am Neujahrstag 1969 seine Flucht ins Exil, die Reise nach Torremolinos." Für James A. Michener gilt es zunächst, seine Protagonisten zu sammeln. Jeder bekommt ein ein- und zusammenführendes Kapitel. Für Joe wird dabei durchaus auch schon mal kein geringerer als Herodot zitiert. Altbekannt: "Kein Mann ist so dumm, den Krieg herbeizuwünschen und nicht den Frieden: denn im Frieden tragen die Söhne ihre Väter zu Grabe und im Krieg die Väter ihre Söhne." Die Prämisse allerdings, "kein Mann ist so dumm", entspricht leider nicht den zu beobachtenden Realitäten.

Bleiben wir in Torremolinos. So sehr sich der Rezensent über das Sujet des vorliegenden Romans wundert - schreibt doch James A. Michener sonst historische Romane über Länder und Regionen der Welt, gespickt mit Kampf- und Schlachtengetümmel -, so sehr wundert sich der Reiseschriftsteller und Spanienkenner Michener über den sich bildenden Hippiekult. Und er, Michener, damals bereits 61 Jahre alt, fühlt sich, auch ohne die jugendlichen Exzesse selbst mitzumachen, scheint es recht wohl, inmitten der illustren Gesellschaft der Teens und Twens. "Auf der ganzen Welt", so Michener, findest Du nichts, was Du mit Torremolinos vergleichen könntest." Rainer Schauer schreibt im August 1994 in DIE ZEIT, "Michener beobachtete, wie sich damals zu Beginn der siebziger Jahre in Torremolinos eine 'endlose Prozession junger Leute, hoffnungslos, schmutzig und degeneriert' durch die Gassen schob, junge Menschen, die 'von der Sonne lebten' und den 'Kalender vergessen' hatten und die 'am Strand schliefen und zu jeder Abnormität bereit waren'."

Alles, was James A. Michener hier erzählt, hat er, wie er schreibt, "selbst miterlebt oder von den Helden meiner Geschichte gehört. Die flachsblonde Norwegerin zum Beispiel, von der ich jetzt berichte, hat mich mit Geschichten aus ihrer Kindheit im Norden Norwegens wie Scheherazade tagelang verzaubert." Britta Björndahl, "18, Norwegerin aus Tromsö, flieht aus der finsteren Traumwelt der Polarnächte sonnenhungrig in die Freiheit des ungebundenen Lebens in Torremolinos."

Anfang der Siebziger Jahre schrieb DER SPIEGEL über "Die Kinder von Torremolinos" und über James A. Michener und dessen neuer Milde. Altersmilde? Verständnis für die Enkel? "Die jungen Leute haben miteinander eine richtig feine Zeit - trotz aller Süchte und Konflikte. Und Michener (...) gönnt ihnen den Spaß, auch wenn er sie hier und da vergebens vor den fürchterlichen Folgen warnt."

"Monica, 17, britische Aristokratin, erlebt in Afrika das Ende der Kolonialwelt ihres Vaters, wird Geliebte eines der neuen Herren und schockiert mit ihrer Sinnlichkeit sogar das Dolce Vita in Torremolinos." Nach den sechs einführenden Kapiteln, die den sechs Protagonisten zugeordnet sind und etwa die Hälfte des gesamten Buches ausmachen, folgen sechs weitere, meist den weiteren Reisezielen zugeordnete Kapitel, denn die Handlung bleibt nicht nur auf Torremolinos konzentriert. Es geht an die Algarve, nach Pamplona und mit Mozambique und Marrakesch eben auch in das sich entkolonialisierende Afrika.

"Cato, 19, Student in Philadelphia, Sohn eines Negerpastors", wie gutgemeint politisch unkorrekt es man in jenen Tagen doch noch schreiben durfte, Neger. Cato "nimmt an einer bewaffneten Demonstration teil und flieht vor der Polizei mit Hilfe eines Weißen nach Torremolinos."

Wollte man die Hippies in damaligen Zeiten diskreditieren, dann nannte man sie bei uns Gammler. "On the roof, it's peaceful as can be / And there the world below can't bother me / Let me tell you now", das gaben uns schon Anfang der zurückliegenden Sechziger die Drifters zum Besten: Up on the Roof. Exzellenten Rhythm & Blues im Stile jener Tage. "The Drifters", hier treffend zu übersetzen mit eben jenem "Die Gammler", so nämlich heißen "Die Kinder von Torremolinos" in us-amerikanischer Michener'schen Originalausgabe.

"Jigal, 19, Sohn anglo-amerikanischer Israelis, studiert in den USA, Held im Sechstagekrieg, steht vor der Frage, welches Land er zu seiner Heimat machen soll. Er schiebt die Antwort auf und geht nach Torremolinos."

James A. Michener als "Amerikas Lieblingsgeschichtenerzähler", so bezeichnete Albin Krebs den Autor in seinem Nachruf am 17.10.1997 in der New York Times. Zwar standen Pulitzer-Preis und das Erzählbändchen "Tales of the South Pacific" am Anfang seiner Karriere (1948), doch berühmt, beliebt und erfolgreich wurde Michener mit seinen monumentalen Sagas wie "Hawaii", "Colorado", "Texas", "Karibik" oder "Alaksa", aber auch über Israel, Polen oder Südafrika. "So geht man zwar nicht ein in die Literaturgeschichte, doch zumindest zeitweise in die Verlagsgeschichte", sagte mal einer, Orville Prescott, ebenfalls in der New York Times, anlässlich des Erscheinens von "Hawaii" im Jahre 1959.

"Gretchen, 21, Amerikanerin deutscher Abstammung, erlebt am eigenen Leib Polizeiwillkür, erkennt die Morbidität der 'heilen Welt' der Eltern, kommt auf der Suche nach Besserem, Neuerem nach Torremolinos." - "In Torremolinos angekommen, / hab' mein Zimmerchen bekommen", hieß es mal in einem der Gedichte aus dem Jahr 2003 des hier rezensierenden Poeten. In einem anderen festgehalten: "Heute habe ich mir vorgenommen, / in die Bettenburgenstadt zu kommen. / Auf den Strand- und Uferpisten, / seh' ich Tausende Touristen. / Es gehört zum guten Ton: / Landschaften die aus Beton. (...)", doch dieses Thema ist bereits abgehandelt. James A. Michener: "Die ständige Versuchung des Lebens ist es, Träume mit der Realität zu verwechseln. Die permanente Niederlage des Lebens kommt, wenn Träume in die Realität eindringen." Worte eines Realisten. Andere sehen das umgekehrt.


Der Richter und sein Henker.
Der Richter und sein Henker.
von Friedrich Dürrenmatt
  Taschenbuch
Preis: EUR 5,99

4.0 von 5 Sternen Der Dichter und sein Denker, 22. März 2015
Rezension bezieht sich auf: Der Richter und sein Henker. (Taschenbuch)
Nicht nur die Namengleiche der Bundeshauptstädte der beiden Nachbarländer bilden eine Gemeinsamkeit, auch die in den beiden Städtenamen sich jeweils abbildenden Wappentiere, die Bären, zeugen von Gleichklang in Stimmung und Gemütsverfassung. Doch ist die eine eine brummende Metropole, die andere eine knurrende Kleinstadt am Rande der Berge. Berlin und Bern. Zwei Bärennummern der Behäbigkeit.

Ein Brummbär scheint auch unser Berner Kriminalkommissar Hans Bärlach - ganz im Schweizer Originalton als "Kommissär" bezeichnet - zu sein. Momentan gesundheitlich selbst nicht in bester Verfassung, verzeihen wir ihm seinen Bären. Dann wird auch noch sein Kollege Ulrich Schmied erschossen, aufgefunden auf einer Landstraße in der Nähe von Twann am Bielersee, dort wo die bekannten weißen Bielerseeweine gedeihen. Das ist der grobe Einstieg in Mordfall und Handlung von "Der Richter und sein Henker" von Friedrich Dürrenmatt (1921 bis 1990), einem der berühmtesten Kriminalfälle in der deutschsprachigen Literatur des zurückliegenden 20. Jahrhunderts.

"Der Mann, der die Weinberge emporsteigt, hat kein Auge für die Landschaft umher: 'Er stieg unaufhaltsam und gleichmäßig hinauf, ohne sich umzukehren und ohne innezuhalten.' Wäre er empfänglicher für seine Umgebung, böte sich ihm ein unvergleichlich schönes Panorama: ein Land, das sich 'in einer ungeheuren Tiefe öffnete. / Weit ausgebreitet lagen die Elemente da: Stein, Erde, Wasser.'" So beschrieb uns - und zitierte dabei aus dem Roman - Thomas Schaefer in "Mord in der Idylle" im Juli 1996 in DIE ZEIT Stimmung und Landschaft dieses Schweizer Polizistenmordes. "Die Herbstsonne bescheint 'den See, die Insel, die Hügel, die Vorgebirge, die Gletscher am Horizont und die übereinandergetürmten Wolkenungetüme, dahinschwimmend in den blauen Meeren des Himmels'. / Dass der zielstrebige Wanderer, dessen Name Tschanz ist, sich gegenüber den Reizen der Schöpfung so resistent zeigt, liegt am Anlass seines Aufstiegs: Er ist unterwegs, um einen Mord zu begehen. / Dieses sanfte Land an der Sprachgrenze der französischen und deutschen Schweiz erscheint in diesem Fall nur als vordergründige Idylle (...)." Kein schöner Land in dieser Zeit ...

Seinen besten Ermittler hat Bärlach verloren. Selbst zurzeit nicht an vorderster Front, weil - wie schon gesagt gesundheitlich angeschlagen -, muss er seinen anderen Assistenzen, vom zweitbesten wollen wir nicht sprechen, mit dem Fall betrauen. Dumm nur, dass dieser der Mörder ist. Also ermittelt der, mit Namen Walter Tschanz, auf selbstgelegter falscher Spur. Und was wäre wohl geeigneter, als einen Sündenbock zu kreieren. Richard Gastmann, Geschäftsmann, Lobbyist und dunkle Gestalt in der Region des Kantons Bern, mit Häuschen in der Nähe des Tatorts, eignet sich.

Da so manches durch Bärlach eingefädelt, kommen Ermittlung und Ergebnisse dem Kommissar nicht ungelegen. Er hat noch eine offene Rechnung aus alten Zeiten mit dem einflussreichen Gastmann. Ein altes Verbrechen, ein Mord, konnte - obwohl dem Bärlach der Tathergang bekannt, auch durch Gastmann unwidersprochen blieb, fast eine Art Wette - dem Geschäftsmann seinerzeit nichts nachgewiesen werden. Die moralische Frage von Dürrenmatts Roman: Darf man eine nichtbeweisbare Schuld durch eine unschuldige Beweisbarkeit ersetzen? Darf man, vorbei am unfähigen Richter auf direktem Wege einen Henker engagieren?

Der Roman stammt aus dem Jahre 1951, zunächst als Mehrteiler und Fortsetzungsroman in der Wochenzeitschrift "Der Schweizerische Beobachter" veröffentlicht. Die Handlung ist drei Jahre vorher angesiedelt. Wir finden uns - insofern ein bärenstarkes Muster, das durchgehalten wird - immer mal wieder in dem Hotel "Bären", so auf dessen Terrasse, in Twann.

In SPIEGEL Online ging anlässlich einer Wiederveröffentlichung des Romans Anfang 2012 Sebastian Hammelehle mit dem Autoren Dürrenmatt härter ins Gericht - "Friedrich Dürrenmatt war irgendwann so übergroß und zum Inbegriff eines oberstufentauglichen Vorzeigeschweizers der Nachkriegsliteratur geworden, dass sein Reiz sich ebenso abgenutzt, wie sich der Titel dieses Krimidebüts mittlerweile als geflügeltes Wort verbraucht hat" -, ... härter ins Gericht als mit dem Roman, den er als "sagenhaft atmosphärisch komponierte Geschichte voller Tristesse" bezeichnete. Und: "Ein Jahrhundertbuch, dessen Qualitäten in der deutschsprachigen Kriminalliteratur nur selten erreicht werden."

Was vom Tage übrig blieb sind mehrere Verfilmungen, darunter auch Fernsehproduktionen. Was wirklich übrig blieb ist der Film aus dem Jahre 1975 von Maximilian Schell, mit John Voight als Walter Tschanz und - noch heute ringt es mir ein Lächeln ab - mit Donald Sutherland, im Film nur wenige Sekunden zu sehen, als Leiche des ermordeten Ulrich Schmied.

Sebastian Hammelehle brachte es in SPIEGEL Online auf den Punkt: "Der Richter und sein Henker" als zwischenzeitlich gerne benutzte Metapher in juristischen wie auch nicht-juristischen Abhandlungen, als geflügeltes Wort inzwischen verbraucht oder noch immer gerne unabgenutzt genutzt. So setzte sich Felix Philipp Ingold im Juni 2004 in der Neuen Züricher Zeitung in "Sprache - beim Wort genommen" mit dem Thema der Übernahme von poetischer Sprache in die Sprache von Werbung und Reklame auseinander. "Mit zunehmender Häufigkeit", so Ingold, "wird in der Presse wie in der Werbung auf allgemein bekannte (oder jedenfalls als bekannt vorausgesetzte) literarische Zitate und Werktitel wortspielerisch Bezug genommen. 'Design oder nicht sein' verweist auf Hamlet, 'Die Nackten und die Quoten' auf einen Bestseller von Norman Mailer ('Die Nackten und die Toten'), 'Fiedler ohne Ruf' auf das Musical 'Fiddler on the Roof', 'Der Richter und sein Banker' (über den Chef der Deutschen Bank vor Gericht) auf Friedrich Dürrenmatts frühen Roman 'Der Richter und sein Henker'." Das funktioniert natürlich alles nur dann, wenn auch die literarische Bezugnahme erkannt wird. Bildungskanon vorausgesetzt. Ingold verweist auf die Ironie der tieferen Bedeutung. Mit solcher umzugehen und sie zu erkennen, ist auch bei Dürrenmatts Roman "'Der Richter und sein Henker" selbst empfohlener Mindeststandard.

Wie heißt es doch bei Ludwig Fulda (1862 bis 1939) so schön: "Es ward ihm keine Frist verliehn, / Sich durch Verteidigung zu retten; / Der Henker hieß, nachdem die Ketten / Ihm abgestreift, ihn niederknien (...)" (aus: Aladdin und die Wunderlampe). In diesem Sinne ist Bärlach kein typischer Vertreter, auch nicht ansatz-, ersatz- oder aushilfsweise, der aufknüpfenden Zunft. Er ist von "schweigsamer, bedächtiger und hintergründiger Wesensart", so im "Lexikon literarischer Gestalten deutschsprachiger Literatur" nachzulesen. Obwohl, einerseits andererseits, wenn man es recht bedenkt ...


GEO Epoche, 54/2012:  Rom - Die Geschichte des Kaiserreichs
GEO Epoche, 54/2012: Rom - Die Geschichte des Kaiserreichs
von Michael Schaper
  Broschiert
Preis: EUR 10,00

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Dem Volk von Rom sein Kaiserreich, 21. März 2015
Vor uns liegt GEO Epoche, das Magazin für Geschichte, "Rom - Die Geschichte des Kaiserreichs", das behandelt die Zeiten von 27 v. Chr. bis 476 n. Chr. Es ist die Fortsetzung aus dem Jahr 2012 eines Vorgängerheftes "Rom - Die Geschichte der Republik" aus dem Jahr 2011. Mit knapp über fünfhundert Jahren behandelt es einen sehr langen Zeitraum, der - in Epochen kategorisiert - als "nach Cäsar" einzuordnen ist. Sich mit diesen Jahrhunderten zu befassen, lässt einem unweigerlich Film und Filmtitel des 1964er Sandalenfilmklassikers "Der Untergang des Römischen Reiches" (mit Sophia Loren und Stephen Boyd) in Erinnerung kommen. Denn mit wenigen Aufs und vielen Abs sind die im vorliegenden GEO Epoche behandelten Jahre vornehmlich vom Niedergang ("The Fall of the Roman Empire") geprägt. Dabei fängt alles zunächst mal noch recht gut an.

Es beginnt mit Oktavian, in die Geschichte eingegangen als der Augustus, erster Kaiser Roms - Achtung: Julius Cäsar selbst war nie ein solcher -, regierte das Land bis 14 n. Chr. In "Der zweite Gründer Roms" befasst sich Johannes Schneider mit der - zumindest innenpolitisch - als Friedenszeit empfundenen "Pax Augusta". Das Volk verehrte "jenen Mann, der dem Reich nach scheinbar endlosen Unruhen endlich den Frieden gebracht hat."

Womit Anthony Burgess in "Das Reich der Verderbnis" dreiviertel seines Romans füllte, dafür genügen dem Journalisten Reymer Klüver drei Doppelseiten: der Parforceritt von Tiberius über Caligula und Claudius bis zu Messalina. In "Im Zentrum der Macht" stellt er uns die illustre Gesellschaft dieser machtgeilen römischen Dekadenz vor. Tiberius, der uns Mitte der letzten Achtziger mit dem Gesicht von James Mason in "Anno Domini - Kampf der Märtyrer" über den Weg lief, besaß pädophile und sadistische Neigungen, die er auf Capri angeblich an seinen minderjährigen Lustknaben auslebte. Caligula, der uns Ende der letzten Siebziger mit dem Gesicht der Uhrwerkorange Malcolm McDowell in "Caligula" über den Weg lief, ernannte angeblich sein Lieblingspferd zum römischen Konsul. Claudius, der uns Mitte der letzten Siebziger mit dem Gesicht von Derek Jacobi in "Ich, Claudius, Kaiser und Gott" über den Weg lief, war angeblich ein lächerlicher Irrer, von Tacitus wenig wohlwollend der Nachwelt überliefert. Valeria Messalina, die uns Mitte der letzten Fünfziger mit dem Gesicht der wunderschönen Susan Hayward in "Die Gladiatoren" über den Weg lief, Intrigantin und als hochgradige Nymphomanin verschrien, war als Ehefrau von Claudius aktiv an so manchem bösen Ränkespiel beteiligt. Man achte auf die jeweiligen Angeblichkeiten, mit Hilfe derer der Rezensent aufgrund so mancher angeblich neuerer geschichtlicher Erkenntnis die unterstellten Bösartigkeiten zwar nicht abstreiten, so doch etwas relativierter dargestellt wissen will.

"Kein Herrscher der Antike hat einen schlechteren Ruf wie Nero". Muss es nicht "als Nero" heißen? "Der ab 54 n. Chr. regierende Kaiser gilt vielen bis heute als Ungeheuer, das den Mord an der eigenen Mutter befahl, Rom anzündete, die Katastrophe besang und die Christen für sein Verbrechen büßen ließ. Doch die wahre Geschichte des Cäsaren ist eine andere." Johannes Strempel beschreibt sie uns. Zum Beispiel Neros Manie, Trophäen und Kunstpreise zu erringen. So zieht er sechzehn Monate lang "mit großem Gefolge von Festspiel zu Festspiel, von Wettbewerb zu Wettbewerb", um am Ende "auf dem Triumphwagen des Augustus" nach Rom zurückzukehren. "Den Römern ist der pompöse Einzug eines Kaisers in ihre Stadt vertraut: Seit Jahrhunderten feiern sie die Triumphe jener Feldherren, die in einem Krieg gesiegt haben. Doch Neros Parade ist die Travestie eines militärischen Triumphzugs." Oh, o lodernd Feuer. Oh, o göttliche Macht. Nero, der uns Anfang der letzten Fünfziger mit dem Gesicht von Peter Ustinov in "Quo Vadis" über den Weg lief, dieser letzte der julisch-claudischen Dynastie, war angeblich ein imperialistischer Stalin, ein Hitler der Antike. Die moderne Forschung sieht dies zwischenzeitlich teilweise anders.

Es präsentiert sich: das Kolosseum. Mit "Seeschlacht im Kolosseum" beschreibt Sebastian Kretz das in der Zeit nach Nero entstandene Amphitheatrum Novum, seine antik-architektonische Bedeutung sowie die grausam-brutalen Zwecke seiner Nutzung. "Das erst im Mittelalter den Namen 'Kolosseum' erhaltene" Bauwerk, ist noch heute eines der Wahrzeichen der Stadt Rom.

GEO Epoche überspringt das Vierkaiserjahr, GEO Epoche überspringt die Flavier. Wir lernen kennen: Trajan. Wir finden uns wieder im Zeitraum 98 bis 117 n. Chr. Bertram Weiß beschreibt uns den Optimus Princeps, den angeblich besten und somit ersten der römischen Primi inter Pares, den ersten unter gleichen. GEO Epoche springt ohne weitere Übersprünge direkt zum nächsten der nächsten der angeblich guten: Hadrian, den Bauherrn und Namensgeber der innerbritischen Zonengrenze. Wir finden uns wieder im Zeitraum um 120 n. Chr. Als "Bollwerk gegen die Barbaren" stellt uns Jürgen Bischoff den Hadrianswall vor, diesen englischen Limes weit im Norden des Römischen Reiches.

Meinem (und meines Namensvetters, des ehemaligen Bundeskanzlers Helmut Schmidt) Liebling, dem Philosophen unter den römischen Kaisern, dem Mark Aurel (161 bis 180 n. Chr.) ist das nächste Großkapitel gewidmet. In dem bereits genannten "Der Untergang des Römischen Reiches" begegnet er uns mit dem Gesicht Alec Guinness. (Später dann im Jahre 2000 in "Der Gladiator" weniger bedeutungsvoll mit dem Gesicht von Richard Harris.) Mathias Mesenhöller beschreibt ihn uns als Intellektuellen, "der die Askese liebt und das Nachsinnen über die Natur des Menschen."

Die Jahrhunderte Roms und der Welt fließen mehr und mehr ins Bedeutungslose. Wer kennt sie, die nächsten der folgenden Zaren und Cäsaren? Commodus nur, weil auch er eine Rolle in "Der Gladiator" hat. Doch wer ist Pertinax? Wer sind Septimius Severus, Macrinus oder Elagabal? Zwischenrein gab es einen Caracalla. Er schenkte uns die nach ihm benannten Thermen. Es folgen die "Mörder auf dem Thron", die sogenannten Soldatenkaiser. Wer kennt denn welche? Und schon befinden wir uns am Ende des 3. Jahrhunderts.

Am Horizont erscheint, vor endgültigem Niedergang und Dekadenz der antiken Strukturen: das Christentum. Nach dunklen Jahrhunderten der Verfolgung wird es zur Kraft und "zur bestimmenden Religion im Imperium". Es erscheint "Konstantin - Sieger im Zeichen des Kreuzes", vorgestellt von Jörg-Uwe Albig, an prominenter Stelle mit bedeutungsschwerem Umfang inmitten des vorliegenden GEO Epoche. In "Konstantin der Große" begegnen wir ihm, weniger prominent, Anfang der letzten Sechziger mit dem Gesicht von Cornel Wilde.

"Ein Kampf um Rom" schrieb uns Felix Dahn. "Angriff der Goten" schrieb uns Dirk Liesemer. Die Helden der Germanen, hier wir dort, Theoderich und Witichis, Totila und Teja. Sie sind die Guten. Jenseits der Stadtmauern, hinter den Wällen, Cethegus und Narses, Justinian und Theodora. Sie sind die bösen Intriganten. Kein Wunder wie das "Magazin für Geschichte" mit dem "Ende eines Weltreiches" (Ralf Berhorst) epochal an das Ende des Geschichtskundeheftes heranschreitet. Wir fühlen die "Ruinen einst prächtiger Gebäude sowie die Überreste von Grenzwällen und Stadtmauern", so die einstige "Größe dieses beispiellosen Imperiums, das mit seiner Kultur, seinem Rechtsverständnis und schließlich auch dem christlichen Glauben das Fundament des Abendlandes schuf."


Caravan: Roman
Caravan: Roman
von Marina Lewycka
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,95

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Und am Abend träumen sie von Heidekraut und Birkenbaum, 19. März 2015
Rezension bezieht sich auf: Caravan: Roman (Taschenbuch)
So krumm wie bei der Banane das Warum, so schräg angedeutet ist auch die als Kartoffeldruck getarnte Titelgestaltung zweier Caravans - "Two Caravans", so denn auch der Titel der englischen Originalausgabe -, die Welt verrückt nach rechts gebeugt. Oder ist es links? "Caravan", die im Deutschen auf die Einzahl reduzierte Wohnwagenmenge, von Marina Lewycka, einer Engländerin mit ukrainisch-stämmigen Wurzeln.

Mit ihrer kurzen ukrainischen Traktorengeschichte aus dem Jahr 2005 hat Lewyckas nächster Roman "Caravan" von 2007 mit England wiederum den Ort der Handlung sowie mit der Ukraine einen Teil der Protagonisten gemeinsam. Doch die Gruppe der handlungstragenden Arbeitsemigranten geht weit über das Herkunftsland Ukraine hinaus: mit drei solchen aus Polen, zwei Chinesinnen und einem Afrikaner befindet sich hier - zusammen mit den beiden Ukrainern Irina und Andrij - eine erdbeerenerntende Gesellschaft von acht Träumern. Sie träumen vom Glück und Erfolg, dem Streben nach Geld und Wohlstand.

Untergebracht in zwei Wohnwagen, sind sie alle, zurzeit tätig als Erdbeerpflücker, Ausgebeutete in den Strukturen des britischen Landwirtschaftsproletariats. Die Löhne niedrig, Glück als solches nicht empfunden, werden Träume zu Schäume. "Strawberry Fields / Nothing is real / And nothing to get hung about / Strawberry Fields forever." Felder in Erdbeeren.

Mit "Strawberry Fields" machte sich die amerikanische Titelbenennung wenig Gedanken ob des Singulars oder Plurals der Caravans. "Da ist ein Feld - ein breites, nach Süden hin abfallendes Feld (...)". Von langen, bewaldeten Hügeln ist die Rede, von einem grünblättrigen Tal, von Weißdorn- und Hasennusshecken, wilden Rosen und Geißblatt. Man könnte glauben, "man wäre im Paradies gelandet. Und auf dem Feld stehen zwei Wohnwagen, ein Männerwohnwagen und ein Frauenwohnwagen." Das wäre damit also auch abgeklärt. "Aber wenn das wirklich der Garten Eden wäre, müsste es einen Apfelbaum geben (...). Nein, es ist der Garten England, und das Feld ist übervoll mit reifen Erdbeeren."

Im Mittelpunkt steht Irina aus Kiew. Sie ist 19 Jahre alt und die einzige aus der Gruppe, die von Marina Lewycka die Erlaubnis erhielt, ab und zu eines der Kapitel aus der eigenen Perspektive erzählen zu dürfen. Sie ist auch die einzige, deren Wunsch es ist, Schriftstellerin zu werden. Träume. Die zweite ukrainische Person ist, wie schon erwähnt, der Bergmannsohn Andrij aus der Ostukraine, der selbst in seinem Leben schon Erfahrung mit Untertage-Arbeit sammeln konnte. Und damit, und erst recht nachdem die beiden eine Art distanzierter Liebe zueinander entwickeln, ist auch schon einer der den Roman tragenden Konflikte bedeutet. Lange vor dem Ausbruch der nun, seit Ende 2013 als innerukrainischen Ost-West-Konflikt wahrgenommenen nationalistisch interpretierten Katastrophe, weist uns Lewycka schon darauf hin. Da wird über die Orange Revolution genauso gestritten wie über die Ursachen der Probleme dieses Landes. "Irina, die Leute, die die Ukraine ausgeraubt haben, waren hauptsächlich unserer eigenen Landsleute. Krawtschuk, Kutschma, deine Tymoschenko - alles Milliardäre. Wusstest du das, als sie die Minen im Donbass geschlossen haben, kamen Hilfsgelder aus Europa für die Bergleute, um neue Industrien anstelle der alten aufzubauen. Und was ist passiert? Das ganze Geld ist in die Taschen der Beamten geflossen. Neue ukrainische Beamte, keine Russen. Mobilfon-Männer. (...)". Und freundlich geht es bei den Streitgesprächen auch nicht immer zu. "Er versuchte mich mit seinem lächerlichen Donbass-Dialekt zu belehren, als wäre ich ein Vollidiot."

Irina quält sich mit Fragen "Wie konnte ich mich nur in einen Mann verlieben, der der Sowjet-Ära nachhängt? (...) eine Art kommunistisches Arbeiterparadies, (...) wie Jalta oder Sotschi, überall Sanatorien und Gemeinschaftsschlammbäder?". Andrij findet Antworten wie, "Irina, wir sind zwei Hälften desselben Landes (...). Wir müssen lernen, einander zu lieben." Irina: "Noch nie hatte jemand etwas so Schönes zu mir gesagt." Irina, oder ist es Marina, begann über "die Geschichte nachzudenken, die ich schreiben würde, wenn ich wieder in Kiew war. Es sollte eine Liebesgeschichte werden ... (...) das ganze würde vor dem Hintergrund der Orangen Revolution spielen. Die Heldin wäre eine schneidige Freiheitsaktivistin, und der Held käme von der anderen Seite, aus dem sowjetischen Osten."

Die Geschichte des vorliegenden Romans entwickelte sich längst vom stationären Feld-, Wald- und Wiesenmovie zum Roadmovie. Quer durch die unschönen Regionen des südlichen Britannien. Erlebnisse und Abenteuer inklusive. Ausgeschmückt und ausgebreitet, vom Rezensenten als zweiten tragenden Strang eines kritisch aufbereiteten Themas ausgemacht: dem Tierschutz in der Landwirtschaft. So landet im Verlauf der Handlung ein Teil unserer Helden in einer Hühnchenzuchtanlage: als Arbeiter wohlbemerkt, nicht als Tierschützer. Die Beschreibungen sind Lewycka at her Best. Wenn über Tomasz, unseren Polen, "eine Welle von Hitze und Gestank" hereinbricht und er im Halbdunkel "nichts als einen dicken Teppich aus weißen Federn" sieht, und "bewegt sich der Teppich; nein, er kriecht; nein, er brodelt. So dicht stehen die Viecher, dass man unmöglich sehen kann, wo ein Huhn aufhört und das nächste anfängt. (...) Er hat Bilder von Verdammten in den Hölle gesehen, aber das war nichts im Vergleich zu dem hier." Und das ist nur der Anfang der diesbezüglichen Lewycka'schen Beschreibungen.

"The early light is breaking / The morning sun is waiting in the sky / And I think I'm gonna break away / And follow where the birds of freedom fly". Schön ist es, unseren Busen-Opa aus der kurzen "Geschichte des Traktors auf Ukrainisch" wieder zu treffen, als dieser Irina plötzlich bei der Hand nahm "und sagte, ich hätte eine sehr hübsche Figur und ob ich ihn heiraten wolle." Später erzählt sie: "'Das einzige Problem sind seine zwei Töchter. Die sind keine netten Menschen. Sie haben sich schon dreimal eingemischt, um ihn am Heiraten zu hindern.' / 'Ist das wahr? Er hatte drei Verlobte?' / 'Vielleicht haben sie Angst um ihr Erbe.' / 'Er hat ein Erbe?' / 'Mir hat er erzählt, er ist Millionär.' Ihre Augen funkelten dunkel. 'Und er hat ein berühmtes Buch geschrieben. Die Geschichte des Traktors.'"

Arbeitsemigranten. Modernes Sklaventum. Die Sklavenkarawane. Der Buchtitel ist schon durch Karl May belegt. Die Caravan-Karawane. "Caravans, oh my soul is on the run / Overland, I am flying / Caravans moving out into the sun / Oh I don't know where I'm going / But I'm going."

Agnes Koblenzer (in "Jenseits der Erdbeerfelder") stellt fest, wie Marina Lewycka "die gesamtwestliche Ausländerarbeitspolitik" anprangert. "Das Ergebnis ist ein mehrdimensionales, schockierendes Bild des Westens." Die Frage bleibt: Interessiert das jemanden?

"Und so gaben wir uns einander hin, in der Nacht des großen Sturms." Ach du meine Güte Brontë. Liebe in den Zeiten der Wuthering Highlands, zwischen Erdbeeren und der Heather On The Hills. "Ja, es war sehr romantisch. Ja, es tat ein bisschen weh, aber meine Gefühle waren intensiv, dass ich erst später merkte, wie wund ich war." Autsch!


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