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Rezensionen verfasst von
Richard Hattemer "rhattemer" (Mainz)
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Ein Haus für Mr. Biswas: Roman
Ein Haus für Mr. Biswas: Roman
von V.S. Naipaul
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,99

1.0 von 5 Sternen Pleiten, Pech und Pannen, 1. März 2015
Rezension bezieht sich auf: Ein Haus für Mr. Biswas: Roman (Taschenbuch)
Mit diesen Worten lässt sich das Leben von Mr. Biswas in Naipauls Roman zusammenfassen. Und doch: Anteilnahme, ja Mitgefühl und Mitleid hat sich bei mir nicht eingestellt. Denn Mr. Biswas ist ein ausgesprochener Misanthrop, zieht über die meisten seiner Mitmenschen mit zynischen, ja boshaften Bemerkungen her, behandelt seine Kinder teils mit Gleichgültigkeit, teils mit Strenge, hat keinerlei Respekt vor seiner zugegebenermaßen ebenso unsympathischen Ehefrau, die sich ihrerseits gefühlskalt gegenüber den gemeinsamen Kindern verhält. Naipaul schafft es, nahezu ausschließlich unnahbare, unsympathische Charaktere zu schaffen. Alle kommen gleichermaßen schlecht weg: Frauen, Männer und Kinder. Naipauls Personen sind von vornherein so und bleiben so - eine Entwicklung findet nicht statt. Genauso verhält es sich auch mit der Handlung über mehr als 700 Seiten hinweg: Mr. Biswas zieht hierhin, dorthin, wieder zurück und abermals woanders hin ... und tritt doch immer auf der Stelle. Das spiegelt sicher die Realität vieler Lebensläufe wider, aber aus meiner Sicht als Leser macht dies einen Roman nicht erbaulich oder spannend, sondern in höchstem Maße langweilig.

In Anbetracht der Länge des Romans erfährt man zudem bemerkenswert wenig über Trinidad und Tobago, abgesehen davon, dass es Zuckerrohrplantagen gibt und die Mehrheit der Bewohner arm und ausgebeutet ist. Auch wenn Geschichte und Schauplatz nicht voneinander losgelöst sind, so dreht sie sich im engeren Sinne fast gänzlich um die Eigenheiten und Missgeschicke von Mr. Biswas und ist im Mikrokosmos des angeheirateten Tulsi-Clans angesiedelt. Möglicherweise reflektiert dieser manche Aspekte der (früheren) indischstämmigen Oberschicht auf Trinidad und Tobago, aber wohl kaum - hoffentlich zumindest - die Gesellschaft insgesamt.

Es war nach der Lektüre von "An der Biegung des großen Flusses" mein zweiter Versuch, Zugang zum Literatur-Nobelpreisträger V.S. Naipaul und seinen Themen, die mich grundsätzlich interessieren, zu finden. Zum zweiten Mal bin ich daran gescheitert; seine Charaktere bleiben mir fern, außer einer depressiven Grundstimmung werden bei mir keine Gefühle erzeugt.


Das mohnrote Meer: Roman
Das mohnrote Meer: Roman
Preis: EUR 8,99

2.0 von 5 Sternen Gute Idee weniger gut umgesetzt, 30. Mai 2013
Rezension bezieht sich auf: Das mohnrote Meer: Roman (Kindle Edition)
Amitav Ghosh hat eine Vorliebe für das große Panorama: unterschiedliche - aus europäischer Sicht exotische - Schauplätze, ein historischer Hintergrund, viele Personen, mehrere parallel laufende Handlungsstränge. Was meines Erachtens im "Glaspalast" insgesamt gut funktioniert, gelingt im "Mohnroten Meer" nur stellenweise, z.B. in den plastischen Erzählungen von Ditis Leben in einem indischen, von Mohnfeldern umgebenen Dorf oder dem Zusammentreffen der unterschiedlichen, im Romanverlauf vorgestellten Charaktere im Dritten Teil. Aber zwischendurch - und das über Hunderte von Seiten hinweg - fand ich den Roman zu sprunghaft, mäandernd und ohne rechte Zugkraft nach vorn, manche Charaktere - eingangs fulminant vorgestellt (z.B. der Laskare Serang Ali) - im Romanverlauf erstaunlich blass und vom Autor fast vernachlässigt, einige Schilderungen unerwartet und übertrieben drastisch. Gegen Schluss gewinnt der Roman an dramaturgischer Steigerung (wenn auch an manche Hollywood-Piratenstreifen erinnernd), aber das Ende kommt allzu plötzlich und lässt allzu viele Fragen offen.

Ghosh beweist an manchen Stellen Sinn für humorvolle Schilderungen (dafür einen meiner zwei vergebenen Sterne), aber aus einem Guss oder besonders tiefschürfend ist der Roman aus meiner Sicht leider nicht.


Der Dieb und die Hunde
Der Dieb und die Hunde
von Nagib Machfus
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,95

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Packendes Psychogramm, 11. Februar 2013
Rezension bezieht sich auf: Der Dieb und die Hunde (Taschenbuch)
Anders als in seiner groß angelegten Kairo-Trilogie erschafft Nagib Machfus in diesem Kurzroman kein Gesellschaftsporträt, sondern widmet sich einer Einzelperson - einem Mann, der zum Verbrecher wird, weil er sich als Opfer sieht. Machfus dringt in den Tunnel seiner Gedanken und Gefühle ein und schildert die Handlungen, zu denen ihn diese führen. Machfus schreibt distanziert und dennoch eindringlich, unpathetisch und dennoch ausdrucksstark, so z.B. "Ich werde euch heimsuchen, untertauchend wie der Fisch im Wasser, herabstürzend wie der Habicht, mauernerklimmend wie die Ratte und Türen durchdringend wie die Geschoßkugel!" Nahtlos fügt Machfus die Gedanken seines Protagonisten im Stil des Bewusstseinsstroms in den Erzählbericht und die Dialoge ein.

Mit den großen und komplexen Machfus-Romanen wie insbesondere der erwähnten Kairo-Trilogie kann sich dieses Werk meines Erachtens nicht messen. Und doch besticht es nicht zuletzt durch atmosphärische Dichte und die Intensität der Handlung.


Sieben Jahre in Tibet: Mein Leben am Hofe des Dalai Lama
Sieben Jahre in Tibet: Mein Leben am Hofe des Dalai Lama
von Heinrich Harrer
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,95

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Höhen und Tiefen, 8. Februar 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Zu Beginn seines Buches räumt Heinrich Harrer ein, "nicht die Erfahrung eines Schriftstellers" zu besitzen und sich deshalb auf "die nackten Ereignisse" zu konzentrieren. Dies erweist sich leider als eine ziemlich treffende und ehrliche Selbsteinschätzung!

Harrers langer und von Gefahren begleiteter Marsch aus dem Internierungslager in Indien über die winterlich-verschneite tibetische Hochebene und Gebirgspässe nach Lhasa wäre Stoff für einen Abenteuerroman oder packenden Bericht, wird hier aber zu einer protokollartigen Nacherzählung des Erlebten und Beobachteten. Wie viel lebendiger, spannender und humorvoller hat im Vergleich dazu die Französin Alexandra David-Néel in ihrem Bericht "Mein Weg durch Himmel und Höllen" ihren Fußmarsch als verkleidete tibetische Bettlerin durch Tibet dargestellt!

Mit der Ankunft Harrers in Lhasa und der Beschreibung seines Lebens unter den dortigen Einwohnern gewinnt sein Bericht an menschlicher Wärme - und überzeugt durch die Schilderung persönlicher Einblicke in Sitten und Gebräuche, Eigenschaften und Vorlieben der Tibeter Mitte des 20. Jahrhunderts.

Obwohl Harrers Sprache leicht verständlich ist, werden die Begrifflichkeiten beim Thema Religion ziemlich vermengt: buddhistische Geistliche werden unter dem Begriff "Kirche" subsummiert, buddhistische Tempel als Kathedralen bezeichnet, Gotteshäuser der Muslime wiederum als Tempel (?!). Auch die Stellung des Dalai Lama bleibt nebulös: Mal wird er als Inkarnation Buddhas bezeichnet, mal als göttlicher Knabe, mal als Gottkönig. Nicht, dass ich mir eine theologische Abhandlung gewünscht hätte, aber doch ein paar Erklärungen.

Fazit: Als historisches Dokument 3 bis 4 Sterne, als literarisches Werk maximal 2 Sterne.


A Bend in the River (Vintage International)
A Bend in the River (Vintage International)
von V.S. Naipaul
  Taschenbuch
Preis: EUR 15,54

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Die Entdeckung der Langeweile, 7. Juli 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Anders als meine Vorrezensenten hat mich dieses Buch nicht erreicht. Das Umschlagphoto (Gruppenbild mit Maske) ist zwar faszinierend, die thematische Ausgangssituation vielversprechend, der unmittelbare Romaneinstieg ungewöhnlich und interessant. Doch dann? Seite auf Seite habe ich darauf gewartet, dass sich so etwas wie eine Handlung entwickelt. Im letzten Drittel war dies endlich weitgehend der Fall, doch bis dahin verzweigte sich das Geschehen in Einzelepisoden und Schilderungen und trieb ohne echte dramaturgische Steigerung dahin. Die Personen blieben für mich überwiegend distanziert, die Sprache nüchtern und spröde, mehr berichtsmäßig als romanhaft, das beschriebene, aber nicht namentlich genannte Land fremd - Letzteres vom Verfasser klug intendiert und doch unbefriedigend.


Silbermond und Kupfermünze
Silbermond und Kupfermünze
von W. Somerset Maugham
  Taschenbuch
Preis: EUR 10,90

4.0 von 5 Sternen Schriftsteller trifft Maler, 4. März 2012
Rezension bezieht sich auf: Silbermond und Kupfermünze (Taschenbuch)
Inspiriert durch das Leben des Malers Paul Gauguin, erzählt W.S. Maugham die Geschichte von Charles Strickland. Maugham interessiert hierbei nicht allein der Maler Strickland, sondern mehr noch der Mensch hinter dem Maler, der "vierkantige Bolzen in einem runden Loch" (S. 198). Herausgekommen ist ein faszinierendes Psychogramm, mit viel Menschenkenntnis geschrieben und ironischem Humor gewürzt. Die kaltschnäuzig-zynischen Dialoge zwischen dem Erzähler und Strickland allein sind es wert, "Silbermond und Kupfermünze" zu lesen.
Maughams Stärke ist zugleich seine (einzige) Schwäche: er philosophiert und psychologisiert klug und treffend, aber etwas zu viel.


Die dunkle Seite der Liebe: Roman
Die dunkle Seite der Liebe: Roman
von Rafik Schami
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,90

5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Zu viele Seiten, Personen und Racheakte, 21. Februar 2012
Rafik Schamis Roman "Die dunkle Seite der Liebe" habe ich zugegebenermaßen nicht bis zum Schluss gelesen, sondern nur bis ungefähr Seite 400. Bis dahin zumindest gibt es für die zahlreichen Personen in Schamis Roman lediglich zwei Verhaltensmotivationen: Rachsucht und Sexsucht. Ein Vergeltungsakt folgt auf den anderen, eine Affäre auf die andere. Personen kommen und gehen, fügen anderen Grausamkeiten zu oder erleiden selber welche.

Auch Nagib Machfus zeichnet in seiner Kairo-Trilogie kein nahöstliches Gesellschaftsporträt in rosarot, aber SEINE Romanfiguren sind Menschen mit vielen Eigenschaften und Empfindungen, mit so viel Wärme und Liebe zum Detail gezeichnet, dass man sie im Lektüreverlauf beinahe so gut kennenlernt wie eigene Familienmitglieder. Und während bei Machfus ein Handlungsbogen entsteht, zerfasert Schamis Roman zusehends und verliert sich in Einzelepisoden um immer neue Personen - im Hammam, beim Friseur, bei einer Boxveranstaltung, in der Nachbarwohnung. Und die Einzelepisoden enden vielfach im "quickie" oder in Sexspielen ...

Sofern von einer Charakterentwicklung die Rede sein kann, mutiert der charmante Frauenverführer Nassif allzu unvermittelt zum harten Rächer Georg, der sensible und gebildete Elias zum Draufgänger und später zum unterkühlten Vater und zugleich Quartalssäufer.

Schamis Erzähltalent blitzt in diesem Roman stellenweise auf, so zum Beispiel in der Beschreibung von Damaskus in Kapitel 94 (S. 391-393). Im Ganzen fand ich jedoch, dass die Quantität zulasten der sprachlichen Qualität ging - "Erst wollte er nicht, aber dann ging er doch zu ihnen." (S. 39) oder "Zu Hause gab es Krach zwischen Elias und Nagib und Farid musste ohne Abendessen ins Bett." (S. 320). Daneben finden sich Sätze, die offenkundig Orient-Romantik wecken sollen, aber letztlich abgedroschen wirken: "Samias Gegenwart schien sich dagegen mit tausendundeinem Faden aus der Vergangenheit zu verheddern." (S. 173)

Neben der bereits erwähnten Kairo-Trilogie gibt es meines Erachtens viele andere Romanwerke, die mindestens im selben Maße ein aussagekräftiges Bild nahöstlicher Gesellschaften zeichnen, aber gleichzeitig spannender und anregender zu lesen sind als dieser Roman, zum Beispiel "Der Morgen der Trunkenheit", "Das Haus an der Moschee" oder "Der Jakubian-Bau".


Shantaram
Shantaram
von Gregory David Roberts
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,95

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eine Wucht!, 1. Januar 2012
Rezension bezieht sich auf: Shantaram (Taschenbuch)
Roberts' Roman ist wie der Moloch, in dem er angesiedelt ist: unbändig, schonungslos, gewaltsam, extrem, aber auch menschlich, verführerisch, vielschichtig und farbig.
Bereits die Schilderung der Busfahrt vom Flughafen in die Stadt gleich zu Beginn löste bei mir ein echtes déja-vu-Erlebnis aus.
Mit Karla und Abdel Khader Khan hat Roberts zwei der schillerndsten und faszinierendsten Romanfiguren geschaffen, die mir bisher begegnet sind. Eine weitere Romanschöpfung, zu der ich Roberts gratulieren möchte: Johnny Cigar - und die bitter-süße Erzählung, wie er zu diesem Namen gekommen ist.
Es mag sein: das äußere Geschehen ist teilweise wild und arg blutig geraten, die eine oder andere Beschreibung etwas Bollywood-mäßig schwülstig, der Roman im Ganzen etwas zu lang. Aber dennoch: Mit einer kraftvollen Handschrift zeichnet Roberts einen Kosmos von Bombays Schattenwelten, den Slums und dem kriminellen Untergrund, konfrontiert den Leser mit einigen mysteriösen Vorgängen, deren Hintergründe nach und nach ans Tageslicht kommen. Angereichert mit einigen interessanten philosophischen Aussagen und ungewöhnlichen Episoden, wie man sie in Indien - und vielleicht nur dort - tatsächlich erleben kann, hat dies den Roman für mich zum fesselndsten Lektüreerlebnis seit Jahren gemacht, genauer gesagt, seit Rohinton Mistrys ebenfalls in Bombay angesiedelten Roman "Gleichgewicht der Welt".


Indien zu Fuß: Eine Reise auf dem 78. Längengrad
Indien zu Fuß: Eine Reise auf dem 78. Längengrad
von Oliver Schulz
  Gebundene Ausgabe

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Indien zu Fuß, aber nicht wirklich angekommen, 25. Oktober 2011
Zu Fuß von der Südspitze Indiens bis zum Fuße des Himalaya etwa 3.000 km weiter nördlich, und dies bei Hitze, durch Nebel sowie Abgase in den Ballungszentren - mein Respekt!

Die Reisereportage ist nicht nur ein geographischer, sondern auch ein thematischer Querschnitt durch das heutige Indien. Es geht um Näher in einer südindischen Kleinstadt, den Ashram des Sai Baba, Maoisten und ehemalige Maoisten, die religiöse Reformbewegung der Radhoswami, die Hindu-Nationalisten der RSS, (zumeist kurze) Begegnungen mit unterschiedlichen Menschen und vieles mehr.

Die Lektüre hat mehrfach eigene Indienerlebnisse wachgerufen und manche eigenen Gefählsambivalenzen vor Ort treffend wiedergegeben. Und doch habe ich in Schulz' persönlich geschriebener und damit auch subjektiver Reisereportage (dies für sich genommen kein Kritikpunkt) Indien nur teilweise wiedererkannt, und zwar in erster Linie die indische Tristesse. Dass es sie gibt, will ich gar nicht bestreiten. Aber wo sind bei Schulz abgesehen von den Beschreibungen einiger schöner menschlicher Erfahrungen die Facetten, die Indien trotz all seiner Probleme und Missstände Reiz und Farbe verleihen - die bunten Märkte, die elektrisierenden Feste, die vielen Tempelzeremonien, die mitreißende Musik, Gaumenfreuden, prächtige Bau- und Kunstwerke und vieles mehr? In der vorherrschenden Tristesse blitzen sie nur sehr selten auf.

In den Schilderungen der zentralindischen Stadt Gwalior heißt es bezeichnenderweise: "Der Raum [des Mausoleums] ist dunkel und so riesig unter einer hohen Kuppel, dass die hinteren Winkel kaum zu erkennen sind (...) Riesige Ratten laufen herum. Irgendetwas riecht aufdringlich süßlich. Als würden die Gräber bis heute parfümiert werden, als müsste man noch Hunderte Jahre nach dem Tod des Heiligen seinen Verwesesungsgeruch übertünchen" (S. 231). Dass der Bau höchst kunstvoll gearbeitete Steinfenster besitzt, die schöne Licht- und Schatteneffekte erzeugen, erfährt der Leser/ die Leserin hingegen nicht. Das oberhalb des Mausoleums gelegene Fort wird als pompös bezeichnet, obwohl es - jedenfalls meiner Meinung nach - als Gesamtanlage und in vielen seiner architektonischen und künstlerischen Details äußerst beeindruckend ist.

Obwohl das Buch Informationen über verschiedene Aspekte und nicht zuletzt über einige wenig bekannte Landstriche bereithält (für Indienerkunder zweifellos von Interesse), habe ich es insgesamt mit gemischten Gefühlen gelesen.


Hunger der Gezeiten: Roman
Hunger der Gezeiten: Roman
von Amitav Ghosh
  Taschenbuch
Preis: EUR 10,00

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Ebbe und Flut, 4. Mai 2011
Rezension bezieht sich auf: Hunger der Gezeiten: Roman (Taschenbuch)
Bestimmt durch den regelmäßigen Rhythmus von Ebbe und Flut fließt das Leben der Menschen in den Sundarbans eher gemächlich dahin - bis es durch die nächste natürliche oder menschengemachte Katastrophe wortwörtlich durcheinandergewirbelt wird. Amitav Ghosh passt Geschehen und Stil diesem Rhythmus an, nimmt sich Zeit zur Beschreibung der Sundarbans und ihrer Bewohner. Dadurch entsteht ein in sich geschlossenes und eindrückliches Bild dieses Lebensraums für Menschen und Tiere. Allerdings riskiert Ghosh mit dieser - beabsichtigten? - Anpassung an den Rhythmus von Ebbe und Flut, dass in dem Roman stellenweise auch im übertragenen Sinne Ebbe herrscht. Dieser Eindruck wird dadurch verstärkt, dass Ghosh - wie schon in früheren Werken - alle paar Seiten in mechanischer und auf Dauer monotoner Art und Weise zwischen zwei Handlungssträngen hin- und herpendelt.
So interessant einige Beobachtungen und eingeschobene Einzelepisoden auch sind, so verdienstvoll sein Vorhaben, sich den Sundarbans, "dem ausgefransten Ende von Indiens Sari" (S. 13) zu widmen, so dauert es eine Weile, bis der Roman wirkliche Sogwirkung entfaltet.


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