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Stefan Proust "voltaire54"

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Chronik einer Familie
Chronik einer Familie
von Vasco Pratolini
  Broschiert

5.0 von 5 Sternen Weniger eine Familienchronik, sondern vielmehr eine Liebeserklärung an den Bruder, 16. Dezember 2014
Rezension bezieht sich auf: Chronik einer Familie (Broschiert)
Der hier vorliegende Roman "Chronik einer Familie" des italienschen Schriftstellers Vasco Pratolini erschien 1947 und zählt nach Meinung der meisten Kritiker zu Pratolinis besten Werken. Der Handlungsrahmen ist recht banal und schnell erzählt: Zwei Brüder werden nach dem Tod ihrer Mutter getrennt und wachsen in unterschiedlichen Gesellschaftsschichten auf. Der ältere, der Ich-Erzähler wächst bei seiner armen Großmutter, die ihre letzten Lebensjahre in einem Armenspital zubringen wird, in Florenz auf, der jüngere, Dante, später in Ferruccio umbenannt, bei dessen Geburt die Mutter starb, wird von dem Verwalter eines Großgrundbesitzers und Barons in der Toskana adoptiert, der sich um seinen Schützling liebevoll und besorgt kümmert. Der Vater der beiden Brüder, der nach dem Tod seiner Frau wieder neu heiratet, lebt nach einer Kriegsverwundung im Ersten Weltkrieg ebenfalls unter ärmlichen Verhältnissen und ist nach einem kurzfristigen Versuch, den jüngeren bei sich wohnen zu lassen, mit dieser Adoption einverstanden. In den ersten Jahren dieses in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts spielenden Romans, besucht der Ich-Erzähler gemeinsam mit seiner Großmutter seinen kleinen Bruder fast regelmäißig in der Villa Rossa, die für ihn eine andere Welt ist. Der Ich-Erzähler erinnert sich, dass er bei diesen Besuchen als Kind, das blonde Kind mit den blauen Augen nicht leiden konnte, "denn alle sagten, du seist an Mamas Tod schuld."

Vielleicht ist es jetzt der richtige Zeitpunkt zu sagen, dass der Ich-Erzähler sich in diesem kleinen Roman an seinen jüngeren Bruder wendet, dass er ihn anspricht. Ferruccio wächst in diesem anderen gesellschaftlichen Klima sehr behütet auf, für den Ich-Erzäher war es eine Kindheit, "die wie unter Wasser verbracht wurde: ohne abgeschürfte Knie, ohne zerbrochenes Spielzeug und schmutzverschmiertes Gesicht, ohne Geheimnisse und Entdeckungen, wie sie einem Kind sonst zuteil werden. Und ohne Freunde - in der großen Stille der Villa. Es war dir verboten, in der Sonne zu sitzen, in zuviel Licht, in einem kühlen Wind; verboten, die Stimme zu erheben, loszurennen, eine Frucht zu stibitzen." Nach vielen Jahren der Trennung treffen sich die beiden Brüder durch einen Zufall wieder. Der Ich-Erzähler ist inzwischen erwachsen, lebt in einer kleinen, armseligen Kammer in Untermiete, und träumt nach einer Lehrlingszeit davon Schriftsteller zu werden. An einem Tag im Jahre 1935 trifft er seinen jüngeren Brüder, der sich mit anderen Schulfreunden in einem Pingpongsaal vergnügt, flüchtig wieder. Da Ferruccio einen Streit mit seinem Wohltäter hatte, der inzwischen mit seinem Adoptivsohn nach dem Tod des Barons und des Verlusts der Villa in einer Mietwohnung lebt, beschließen die beiden Brüder, dass Ferruccio die Nacht in der Einzimmerwohnung seines älteren Bruders verbringt. In dieser Nacht, in der sie gemeinsam das schmale Bett teilen, finden die Brüder zum ersten zueinander, in ihrem langen Gespräch, in der es um ihre Muter und Großmutter geht, und vor allem in der engen körperlichen Nähe, empfinden die beiden zum ersten Gefühl wie Zuneigung und Freundschaft füreinander: "Mit dir neben mir war ich glücklich; glücklich, daß ich dich so kennengelernt hatte, wie du warst, daß du mein Freund warst und wir miteinander sprachen. Wir sprachen von der Mutter und von vielen anderen Dingen." In den darauffolgenden Tagen, in denen sie unter anderem ihre Großmutter im Armenspital besuchen und mit ihr gemeinsam Ostern feiern, gelingt es den beiden jungen Männern die Wärme und Geborgenheit einer Familie wieder herzustellen, die sie beide eigentlich nie erfahren haben.

Doch das Schichsal ist erneut gegen sie. Zunächst wird der Ich-Erzähler krank und muss zwei Jahre in einem Sanatorium verbringen. Im Jahre 1944 treffen sich die beiden Brüder, die inzwischen verheiratet sind, in Rom wieder. Der-Erzähler erfährt dass diesesmal sein Bruder an einer seltsamen Krankheit leidet und die letzten Jahre im Krankenhaus verbracht hat. Wieder schlafen sie gemeinsam in einem Bett und "redeteten, bis der Morgen dämmerte." Er erfährt, dass es seinem Bruder auch beruflich schlecht ergangen ist, eine Niederlage nach der anderen. Der empfindsame, zerbrechliche und wohl behütete Junge von einst war nicht für diese kalte, harte und strenge Wirklichkeit vorbereitet und ist letztendlich daran zugrundegegangen: "Du hattest einen heftigen Schock erlitten, und darum war dein Tag eine Folge von harten Zusammenstößen mit anderen Menschen, aus denen du unausweichlich Wunden davontrugst. Deine Empfindsamkeit brachte dich dahin, daß du jeden Konflikt, auch den banalsten, zufälligsten, wie eine Schuld vor dir sahst, für die du, weil du sie weit schlimmer machtest als die war, Demütigungen und Kummer erduldtest. Jetzt weiß ich, daß du wehrlos warst, zu einem nutzlosen Opfer bestimmt in einer Welt, wo selbst das unschuldige Lamm gezwungen ist, sich kräftig zur Wehr zu setzen." Der Ich-Erzähler begleitet auf den letzten Seiten seinen Bruder bei seinem schweren und hoffnungslosen Kampf gegen die Krankheit, gegen den körperlichen Zerfall. Ferruccios'Leiden und sein kranker Körper ist den Ärzten vollkommen ausgeliefert: "Für den Arzt ist die Person eine geheimnisvolle Krankheit, der er mit der Tinte seines Handwerks beizukommen sucht; mit besonderen Heilmitten, Eingriffen, Bluttransfusionen. Er stoppelt seine Erzählung zusammen, eine Linie über die andere, aber diesmal ist es der Körper eines Menschen, der die Dolchstiche erduldet, und die Wunden sind wirliche Wunden, das Blut ist Blut, rot und warm." Der Ich-Erzähler möchte in seinem Herzen ein anderes Bild seines Bruders bewahren, ein ganz willkürliches Bild zweifelslos, "ein kindliches Bild, das nicht dem Körper entsprach, nicht wirklich war. In meinem Herzen warst du bis dahin nicht gewachsen. Es war eine Entdeckung, die mich zuerst erschreckte; doch gleich danach überflutete sie mich mit einem warmen brüderlichen Stolz." Dieser Roman ist weniger eine Chronik einer Familie in Florenz, als vielmehr eine bewegende Liebeserklärung an den Bruder.


Die Twyborn Affäre
Die Twyborn Affäre
von Patrick White
  Gebundene Ausgabe

5.0 von 5 Sternen Ein unterhaltsames und kluges sexuelles Vexierspiel, 12. Dezember 2014
Rezension bezieht sich auf: Die Twyborn Affäre (Gebundene Ausgabe)
Mit seinem vorletzten Roman (dem letzten Roman der in deutscher Übersetzung erschien)"Die Twyborn Affäre" hat der australische Schriftsteller und Nobelpreisträger Patrick White noch einmal einen literarischen Leckerbissen seines äußerst produktiven literarischen Schaffens hingelegt. Der Roman wurde sogar für den Booker Prize nominiert, auf Wunsch aber von Patrick White aus der Nominierungsliste wieder gestrichen. Man könnte diesen Spätroman als den eigentlichen Coming-out-Roman des australischen Nobelpreisträgers von 1973 bezeichnen. Patrick White hat um seine Homosexualität nie ein Geheimnis gemacht und in seiner 1981 erschienen Autobiographie "Risse m Spiegel" bekannt, dass er mit seinen homosexuellen Neigungen keine Probleme hatte und sie schon sehr früh akzeptierte.

In dem hier vorliegenden farbenprächtigen, ironischen und sehr deftigen Gesellschafts- und Sittenroman kommt das Thema Homosexualität und Geschlechterrolle auf sehr originelle Art und Weise zur Sprache. Die Hauptfigur ist Eddie Twyborn, der Sohn eines angesehenen Richters in Australian und der in gesellschaftlichem Verruf stehenden Mutter Eadie, die sich zum Ärger ihres damals jungen Sohnes lesbischen Eskapaden und Provokationen mit ihrer Busenfreundin Joan Golson gewidmet hatte. Eddie Twyborn wird aber im ersten Teil des aus drei Teilen bestehenden Romans nicht als Mann vorgestellt und vorgeführt, sondern als die junge, androgyne und attraktive Eudoxia, die sich mit ihrem sehr viel älteren griechischen Geliebten und Ehemann Angelos Vatatzes an der französischen Küste in St. Mayeul kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges aufhält und hier auf die ehemalige Geliebte und Freundin Mr. Golson (die sich in die schöne Eudoxia verliebt) und ihren Ehemann Mr. Golson (der sich ebenfalls ein wenig in Eudoxia verguckt) trifft. Der geniale, verwirrstiftende Trick von White besteht darin, dass er im ersten Teil einen als Frau verkleideten Mann auf die erzählerische Bühne bringt, der aber weder als solcher noch überhaupt als Hauptfigur eingeführt wird und erkennbar ist. Wenn man nicht vorher den Klappentext gelesen hätte, würde man auf den ersten Seiten glauben, hier werde eine junge und äußerst attraktive Frau geschildert und beschrieben, bis es zu der ersten geschlechterverwirrenen Stelle kommt, in der ein Zeitungsverkäufer an der Küste eine Person (Eudoxia) am frühen Morgen nach einem stürmischen Unwetter in das Meer springen sieht und nicht entscheiden kann ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt, "ob der Fremdling, nackt jetzt, ein Mann oder eine Frau war, wußte Monsieur Pelletier nicht zu sagen. Es gab genug folles Anglaises an der Küste, so daß es eine Frau hätte sein können; ebenso aber gab es eine Menge romantischer Engländer und knabenliebender Poeten, von denen es ebensogut einer hätte sein können. Der doppeldeutige Anblick hatte zum Erfolg, daß Monsieur Pelletier noch tiefer erschauerte." Erst im Gange der Handlung übernimmt Eddie Twyborn alias Eudoxia die tragende Funktion im Roman und wird am Ende des ersten Teils und im zweiten Teil als junger, attraktiver und femininer Mann sichtbar. Nachdem Eudoxia mit ihrem griechischem "Ehemann" vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges aber auch vor der aufdringlichen Mrs. Golson von der französischen Küste flieht, stirbt ihr älterer Geliebter Angelos in einem Hotelzimmer und Eudoxia erlebt ihre erste oder nächste Verwandlung.

Im zweiten Teil ist aus Eudoxia Eddie geworden, der nach dem Ende des Ersten Weltkrieges, in dem er als Soldat teilgenommen hatte und sogar einen Tapferkeitsorden erhalten hat, weil er in "die richtige Richtung" gerannt ist, nach Australian, in sein Heimatland, zu seinen in Sydney lebenden Eltern zurückkehrt. Hier ist er wieder mit der Vergangenheit konfrontiert, mit der nicht aufgearbeiteten Beziehung zu seinem erfolgreichen Richter-Vater und seiner anrüchigen Mutter. Aber auch bei seinen Eltern hält es Eddie nicht lange aus, und flüchtet aus der Großstadt Sydney ins australische Buschland, zu dem Gutsbesitzer und Farmer Mr. Lushington in Bogong, wo Eddie gewöhnlicher und schwerer Arbeit auf der Farm nachgehen möchte, um sich unter anderem auch seine Männlichkeit zu beweisen. Der Versuch durch schwere, kraftvolle Landarbeit sich seiner femininen Hülle zu entledigen ist zum Scheitern verurteilt. Auch wenn er die Arbeit und vor allem die Landschaft und Natur als eine gesunde Medizin für seine bitteren letzten Kriegsjahre und den schmerzvollen Verlust seines Geliebten Angelos empfindet, kommt er von seinen homosexuellen Neigungen nicht los, indem er sich in den rüpelhaften, männlichen Verwalter der Farm "verliebt". Durch sein feminines, zurüchhaltendes und fast schon distinguiertes Verhalten und Auftreten zieht er sich den Unmut und den Spott des betont männlichen Verwalters zu, der schon sehr schnell in Eddie einen Schwulen vermutet und sich ihm später auf eine äußerst brutale Weise sexuell annähern wird. Statt seine Gefühle für Don Prowse, den Verwalter, auszuleben, beginnt er eine kurze Affäre mit der Gattin von Mr. Lushington, Marcia. Eddie Twyborn schlüpft in diese neue Geschlechterrolle um seinen Mann zu stehen: "Nie zuvor hatte er sich so aggressiv, so männlich, so von dem Wunsch besessen gefühlt, diese Frau in ihrer derben Weiblichkeit zu f... . Bewußt verwendete er in Gedanken das Wort f.... ." Auch Eddies Versuch eine heterosexuelle Geschlechtsidentität aufzubauen, scheitert und das Versagen in dieser Beziehung und in der Beziehung zu Don führt ihn erneut auf die Flucht.

Im dritten Teil ist aus Eddie eine sich in mittleren Jahren befindende Bordellwirtin, Eadith Trist, in London der 30er und 40er Jahre geworden. Weder ihre Prostituierten noch ihre Stammkunden wissen, dass die sich altmodisch, reserviert gebende Puffmutter ein als Frau verkleiderter homosexueller Mann ist, der sich vor jedem sexuellen Annäherungsversuch von Stammkunden, wie zum Beipiel dem von Lord Rod Gravenor, der mit der Bordellwirtin schlafen möchte, widersetzt. Am Ende kommt Eadith Trist, nachdem sie sich auf den Weg zu ihrer durch einen Zufall wiederbegegnenden Mutter befindet, bei einem Bombeneinschlag auf den Londoner Straßen ums leben. Bei diesem letzten Schritt im Leben hatte sich Eadith Trist wieder in Eddie zurückverwandelt, vergass aber aber ihrer Demaskierung sich den Lippenstift und die Wimperntusche zu entfernen, so dass er/sie auf der menschenleeren, nächtlichen Straße eher einem "Karnevelsdeppen oder Mann aus der Klappsmühle" glich.

Der Roman zeigt auf unterhaltsame und erzählerisch leichte Weise wie brüchig und ineinanderfließend unsere Geschlechtsrollen und Geschlechtsidentitäten sind. In seinem sexuellen Vexierspiel lässt White seine Hauptfigur durch den dramaturgischen Trick der Verwandlung alle Formen der Geschlechterzugehörikeit und sexuellen Orientierung durchspielen. Die Metamorphosen Eddie Twyborns erlauben einen Perspektivenwechsel, der die individuelle Wahrheit auch an die Geschlechterrollen koppelt. Unter diesen Umständen ist dieser Roman nicht nur absolut lesenswert, sondern ungeheuer modern.


Geliehene Zeit
Geliehene Zeit
von Paul Monette
  Broschiert

5.0 von 5 Sternen Ein anrührender, bewegender Erfahrungsbericht, 7. November 2014
Rezension bezieht sich auf: Geliehene Zeit (Broschiert)
Der amerikanische Schriftsteller Paul Monette schildert in seinem anrührenden, bewegenden und leidenschaftlichen Lebensbericht seinen gemeinsamen
Kampf gegen die Aidserkrankung seines Freundes und Lebenspartners Roger Horwitz. Nachdem die schreckliche Diagnose Aids bei seinem Freund und
Lebensgefährten Roger festgestellt wird, ist auch Paul Monette bereits an Aids erkrankt: "Der Virus, diese Zeitbombe tickt nun auch in mir. Und
ihm ist es einerlei, wie wir ihn einordnen, wie wir mit unseren Sorgen und Ängsten fertig werden."

Als die Aidsseuche Anfang der 80er Jahre in Amerika um sich greift, sind die Betroffenen zunächst noch ahnungslos und auf sich allein gestellt.
In den Krankenhäusern vermeidet man sogar das böse "A-Wort". Die Reagan-Administration und der nationale Gesundheitsdienst standen zu Beginn
dieser Seuche gleichgültig und tatenlos gegenüber. Anstatt den Betroffenen mit den richtigen Medikamenten zu helfen, anstatt die Bevölkerung zu
informieren und aufzuklären, anstatt mit den Opfern solidarisch zu sein, sahen führende christliche Politiker und Fundamentalisten in der Aidsseuche
gerechte Strafe Gottes für das sündhafte Verhalten der Homosexuellen: "Der leichtsinnige Fatalismus, demzufolge wir nur unsere verdiente Strafe
kriegen, war in höheren Regierungskreisen so verbreitet, daß die Aids-Meldungen möglicherweise nie bis zum Präsidenten vordrangen... Haß war
scheinbar die einzige staatliche Hilfsmaßnahme, die man uns gewährte."
Paul Monette spricht in diesem Zusammenhang von einer beschämenden Schande der westlichen Welt. Bereits Susan Sontag hat in ihren Büchern
"Krankheit als Metapher" und "Aids und seine Metaphern" daraufhin verwiesen, dass Krankheiten wie Aids oder Krebs (Sontag selbst erkrankte 1980 an Krebs)
im gesellschaftlich-politischen Kontext nicht vor allem als schlimme Krankheiten verstanden und analysiert werden, sondern dass ihr epidemisches
Auftreten von Politikern, Moralisten und fundamentalistischen Medizinern genutzt werden, sie als "Plage" oder "Geißel Gottes" zu metaphorisieren,
indem apokalyptische Phantasien von der Zerstörung der Menschheit und der Welt ihre Bestätigung, durch die unaufhaltsame "Plage", finden.
Unter dieser Voraussetzung wurde zu Beginn der Aidsseuche nach den entsprechenden Schuldigen und Sündenbocken gesucht und man fand sie sehr
schnell in der diskriminierten Minderheit der Homosexuellen. Diese Minderheit, so dieses Denkmodell, würde durch Aids gestraft. Nachdem frühere
epidemische Krankheiten durch den Fortschritt der Medizin ihre gesellschaftspolitisch metaphorische Funktion als "Plage" verloren haben, bietet
sich die neue Krankheit, gegen die die Medizin machtlos zu sein scheint, an, die alten Metaphern aufzufrischen und damit praktisch in
dämonisierende Denkmodelle zurückzufallen, die durch Aufklärung und naturwissenschaftlichen Fortschritt überwunden zu sein schienen.
"Es scheint so", schreibt Sontag, "als brauchten alle Gesellschaften eine Krankheit, die sie mit dem Bösen identifzieren und ihren "Opfern" als
Schande anlasten können." (Aids und seine Metaphern, S. 18)

Die politisch, gesellschaftlich und religiös bedingten Schuldzuweisungen haben zur Folge, dass die Betroffenen selber in ihrer Verzweiflung,
Ratlosigkeit und Ohnmacht Schuldgefühle entwickeln, was wiederum "nur Wasser auf die Mühlen jener Moralisten (ist), die für eine Ausrottung
des Lasters plädieren und AIDS als ein neuartiges, sauberes und effizienteres Ausschwitz betrachten." Auch unter den Schwulen selbst führte
Aids zu einer Zerissenheit und Spaltung, "die Solidarität, die uns nach Stonewell wie russische Dissidenten zusammenschweifte, (hielt) nicht
lange an. AIDS war unser Gulag, wo wir bei Wasser und Brot schmachteten, aber nicht wenige schwule Genossen wollten nichts davon hören. Es
war wohl allen zu niederschmetternd."

Indem Paul Monette seinem an Aidserkrankten Freund Roger ein Denkmal setzt, ein Zeugnis ablegt, dass "wir dagewesen sind", macht er zugleich
das politische Skandalon der diffamierenden und diskriminierenden Metaphorisierung von Aids öffentlich. Mit seinem Aids-Bericht legt Monette
nicht nur ein leidenschaftliches Zeugnis des verzweifelten und wütenden Kampfes gegen die tödliche Krankheit Aids ab, sondern zeigt auch, dass die
Liebe stärker ist als die Krankheit und der Tod. Ihr täglicher Kampf gegen die Krankheitssymptome und Infektionen, ihr hoffnungsvolles
Suchen nach den richtigen Medikamenten, den Wunderdrogen, ihr mehr und mehr eingeschränktes Leben, changierend zwischen Krankenhausaufenhalten
und der trauten Zweisamkeit im intimen Hafen, ihre Verheimlichung und Offenlegung der Aidskrankheit vor den Verwandten und Freunden, all das wird
von Monette so eindringlich, bewegend, spannend und ohne zu viel Pathos geschildert, dass man bei der Lektüre hin und wieder das Gefühl hat als
wäre man selber dabei, als würde hier die Leidensgeschichte eines nahen Freundes oder Geliebten erzählt. Die Aidserkrankung schweißt die beiden
Männer nur noch enger zusammen, schweißt sie zu einer "Zwei-Mann-Armee" gegen diesen Feindvirus ("Im Kampf hatte Roger keine andere Wahl, als sich
mit dem ganzen Körper zu wehren, während ich die metaphysische Front übernahm."). Niemals wird aber dieser Bericht voyeuristisch oder aufdringlich,
selbst da nicht wo Paul auf den Eros zu sprechen kommt: "Es stimmt, daß zuzeiten das Aneinanderkuscheln mehr als alle Leidenschaft unser
Geschlechtsleben bestimmte. Will sagen: Unsere Beziehung diente uns mehr dazu, Trost und Ruhe zu finden, weniger der Erfüllung unseres
körperlichen Begehrens. Roger fühlte sich oft nicht wohl genug, und ich war zu abgespannt, um an Sex zu denken. ...Als wir uns das erste Mal
nach Rogers Entlassung liebten, weinte er fast unter den Glücksseufzern des Orgasmus." Dass der ganze aufwendige aber niemals sinnlose Kampf
letztendlich zum Scheitern verurteilt ist (Roger erliegt schließlich auf sehr schmerzvolle und tragische Art der Krankheit) spielt hier zunächst
einmal keine Rolle, was weit wichtiger ist, dass Paul Monette der Aidsepidemie ein Gesicht, eine persönliche Note gegeben hat.


Die Flügel: Roman
Die Flügel: Roman
von Mircea Cartarescu
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 26,00

9 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Fulminantes Ende oder der apokalyptische Schrei nach Erlösung, 20. Oktober 2014
Rezension bezieht sich auf: Die Flügel: Roman (Gebundene Ausgabe)
Der Schriftsteller und Islamwissenschaftler Navid Kermani schrieb, dass er bei der Lektüre von Cartarescus Prosa von drei Gefühlen und Empfindungen heimgesucht wurde: Schwindelgefühl, Übelkeit und Schwerelosigkeit. Im letzten Teil seiner Orbitor-Trilogie "Die Flügel" wird man in der Tat an einigen Stellen Übelkeit empfinden, Schwindelgefühle werden einen bei der Lektüre dieses anarchischen, wilden, "unlesbaren" Buches hin und wieder befallen und schließlich wird man sich oft schwerelos fühlen, aufgrund des metaphysischen, phantastischen und religiösen Einschlags. Inhalt und Hintergrund dieses fulminanten Abschlusses einer literarischen Obsession bilden die politischen Umwälzungen in Rumänien im Jahre 1989. Nach den ersten Unruhen in Timisoara, wo laut Erzähler angeblich 40000 Menschen ihr Leben gelassen haben, greift die Revolution auch in der Hauptstadt, Bukarest, um sich. Die rumänischen Bürger gehen im eiskalten Dezember, kurz vor Weihnachten, auf die Straße und protestieren gegen die unmenschliche und aberwitzige Diktatur Ceaucescus, der in seinem Wahn ein gigantisches Bauwerk errichtet hat (das Haus des Volkes), der Essensprodukte ins Ausland exportiert um seine Schulden zu bezahlen, während die Bevölkerung täglich von morgens bis abends vor den Geschäften Schlange stehen muss, um Brot und andere Lebensmittel zu ergattern. Als die Proteste immer stärker werden, greift das Militär und die Miliz ins Geschehen ein und schießt mit ihren Panzern und Gewehren auf die schutzlose Bevölkerung. Das Ergebnis sind Tote und Verletzte, Verhaftungen, Verhöre und Folterungen in den Geheimkammern der berühmt-berüchtigten Securitate-Leute. Die Revolution lässt sich aber nicht mehr aufhalten und so kommt es letztendlich zum Sturz und zur Ermordung des Diktators. Der Ich-Erzähler ist bei diesen Ereignissen entweder mit involviert oder er verfolgt diese Geschehnisse gemeinsam mit seinen Eltern im Fernsehen. Wenn Cartarescu nur bei diesen historischen und realen Fakten geblieben wäre, wie sich mancher Rezensent und Kritiker es gewünscht hätte, hätte das Buch seine Attraktivität und Einzigartigkeit verloren. Cartarescu benutzt dagegen die historischen und politischen Ereignisse seines Landes in jenem entscheidendem Jahr 1989 um mit seiner überbordenden Phantasie damit zu spielen. Mit seiner ausufernden Phantasie bietet er der hässlichen Fratze der politischen Ereignisse im Jahre 1989 (hier konkret die hässliche Fratze der kommunistischen Diktatur Ceaucescus) die Stirn, er macht sie lächerlich, er verspottet sie und verweigert ihr den ehrfürchtigen Kniefall. Der Genosse Ceaucescu und seine "wissenschaftliche" Gemahlin Leana werden als zwei Irrsinnige entlarvt, die in ihrer Hybris den Bezug zur Realität und zur Bevölkerung verloren haben. Die Revolution von 1989 wird bei Cartarescu zur leibhaftigen Verkörperung einer riesengroßen Frau, die aus der auf dem Platz vor dem Zentralkomitee versammelnden Menge 30 Revolutionäre auserwählt, sie auf den Balkon des Gebäudes erhebt, damit diese in dem geschichtsträchtigen Moment vor der Menge eine Rede halten. Es stellt sich später heraus, dass es sich bei den 30 Auserwählten um die Leute aus dem russischen Wanderzirkus handelt, die bei ihren Überlegungen im Gebäude des ZK, wie es mit der Revolution weitergehen soll, schließlich die Revolution mit den langen Beinen schänden (eine wunderbare Stelle!). In der Aufbruchstimmung der rumänischen Bevölkerung steigen auch die Statuen (Lenin, rumänische Volkshelden, Altlanten, Nymphen, Gorgonen usw.) von ihrem Sockel ab um gegen ihr Joch und ihre Unterdrückung aufzubegehren und machen sich auf den Weg zum leerstehenden Haus des Volkes, um dort die Volkspartei der Bukarester Statuen (VPBS) zu gründen. Der Roman wimmelt nur so von solchen grotesken Bildern und Episoden und all das hier aufzuzählen würde den Rahmen sprengen. Hinter diesen Allegorien und grotesken Bildern steckt aber eine ernste Haltung und eine wichtige, philosophische Frage des Autors: Findet in der politischen Revolution wirklich eine Befreiung des Menschen statt, gibt es im politischen Bereich eine Erlösung? Es ist schon bezeichnend, dass Cartarescu bereits auf den ersten Seiten schildert, wie in jenen Dezembertagen des Jahres 1989 (das Jahr des Herrn) am Himmelszelt ein Gerät aus einer anderen Welt erscheint, ein Gerät mit Cherubim mit einem aus Saphir bestehenden Thron, auf dem jemand mit menschlichen Antlitz sitzt. Geschichte und Kosmos, Geschichte und Metaphysik werden hier also miteinander verknüpft. Wenn man das ganze Buch liest, wird man unüberhörbar den apokalyptischen Schrei nach Erlösung des Ich-Erzählers hören. ("Marana tha!", flüsterte ich. Komm, Herr, die Welt ist reif für Dich. Wir können nirgendwo mehr hingehen.") Alle politischen Umwälzungen und Revolutionen versprechen den Menschen das Glück auf Erden und proklamieren das schon inflationäre, weil so oft gebrauchte und missbrauchte Wort der Freiheit. Ändern tut sich aber nur sehr wenig, die Menschen essen und trinken weiter, sie verheiraten und vermehren sich und so wird es Jahrhunderte, Jahrtausende weitergehen, "der Mensch (wird) jedem Kataklysmus trotzen und ihn überwinden bis ans Ende der Zeit. Und wenn sich die Sonne in einen roten Giganten verwandelte und sich die ihr nächsten Planeten einen nach den anderen einverleibte, würden die Menschen, die zu fliegen gelernt hatten, zu anderen Sternbildern auswandern, und dort würden sie weiterhin essen und trinken, heiraten und sich vermählen. Und wenn das ewig sich ausdehnende Weltall allmählich abkühlen sollte bis zum endgültigen Erlöschen, würden die Menschen durch Hyperräume und Wurmlöcher in Paralelluniversen übergehen, in noch in ihrer Kindheit steckende, durch darwinistische Evolution und Selektion entstandene Universen, um sie, die Unsterblichen, beherbergen zu können, damit sie weiterhin essen und trinken könnten." Wo ist hier also auf der Erde und in unserem Universum Platz für Erlösung, für wirkliche (nicht politische!) Befreiung und Umwandlung des Menschen? Was geschieht nach dem Tod?: "Genrationen über Generationen, die altern und sterben. Kein Überlebender. Die alles verschlingende Zeit, die keine Gefangenen macht, unbarmherziger als jedes Konzentrationslager. All das auf einem Staubkorn in Brownscher Bewegung durchs unausdenkbare Weltall. Wo finden hier Auserwähltheit und Erlösung Platz? Wer sollte gerade dich, deine Knochen- und Muskelarchitektur, nicht anders als die von Bakterien, von Milben, auserwählen? Wie sollte man eine Alge oder einen Madenwurm erlösen? Wie sollte dir die Mikrobe, wenn du sie durchs Mikroskop betrachtest, jemals sagen: "Gott, hilf meinem Unglauben"? Un dennoch sage ich das wieder und wieder... ." Warum sprechen die religiösen Menschen von Eschatologie und Apokalypse als einem in ferner Zukunft stattfindenden Ereignis, wenn doch jeden Tag, jede Stunde, jede Minute eine Welt untergeht, eine persönliche Apokalypse geschieht? Am Ende des Romans entwirft Cartarescu ein apokalyptisches Szenerio, denn das Jahr 1989 ist das letzte des Menschen und mit jeder Erzählung endet auch eine Welt. In seinem metapyhsischen Rausch entlehnt Cartarescu viele Motive aus der Religionsgeschichte (zum Beispiel die Schilderung der heiligen Hochzeit in einem Städtchen in Italien) und Theologie (der Nachbar Herman erscheint als ein Prophet mit einer Kopfgeburt, der mit dem kleinen Mircea über die Unsterblichkeit der Seele und den mystisch-technologischen Glauben des Altes Testaments redet) und breitet sie episch und erzählerisch aus. Auch auf viele Sexstellen und Obszönitäten wird man sich einstellen müssen. Fazit: ein unvergessliches und faszinierendes Leseerlebnis.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Nov 2, 2014 10:04 AM CET


Der Körper: Roman
Der Körper: Roman
von Mircea Cartarescu
  Taschenbuch
Preis: EUR 14,90

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eine grandiose metaphysische Expedition, real und phantastisch. Klasse!, 11. September 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Der Körper: Roman (Taschenbuch)
Wer eine ordentlich, konventionell erzählte Geschichte lesen möchte, der sollte von diesem Buch am besten die Hände weglassen. Denn was Mircea Cartarescu in diesem zweiten Teil seiner Romantrilogie entwirft, sprengt alle bisherigen literarischen Traditionen und Erzählmittel. Obwohl der Roman "Der Körper" sehr oft realistische, historisch exakte und autobiographisch gefärbte Szenen und Episoden beschreibt und darstellt, so lässt er immer wieder eine Hintertür offen, durch die er hindurchgeht, um sich auf eine metaphysische und phantastische Reise zu begeben. Sicherlich treten bestimmte Elemente und Bilder in diesem zweiten Teil auf, die wir bereits aus dem ersten Teil "Die Wissenden" schon kennen (ich denke da zum Beispiel an das fast schon penetrante Faltersymbol). Dennoch versteht es Cartarescu mit seinem Erzähltalent, seiner Phantasiebegabung, seiner Fabulierkunst, seiner Sprachgewalt, seiner versteckten Ironie und seiner Kenntnis aus den Bereichen der Astronomie, Hirnforschung und Religionsgeschichte den Leser in den Bann zu ziehen. Der Schreibtstil von Cartarescu erinnert mich ein bißchen an Jean Paul oder an das Verspepos "Don Juan" von Byron. Wie bei Jean Paul und Byron gibt es auch hier keine chronologisch und linear sauber erzählte Geschichte, sondern es kommt immer wieder zum Bruch, zum Fiktionsbruch, wenn der Erzähler mit dem Leser über sein Werk, das gerade entsteht, plaudert oder sich in zahllosen scheinbar beliebigen Abschweifungen von jener Geschichte entfernt, die zu erzählen er als sein eigentliches Anliegen vorgibt. Ähnlich wie bei Jean Paul findet man bei Cartarescu Realität und Phantasie, Wirklichkeit und Traum, Reflexion und metaphysische Visionen. Der Realismus bei Cartarescu befindet sich am Rande der Transzedenz. Dieser metaphysische Horizont muss berücksichtigt werden, wenn man sich auf Cartarescus Prosa einlassen will. Von Cartarescu kann man dasselbe behaupten, was der deutsche Schriftsteller Frank Thiess über Dostojewski in seinem Buch "Dostojewski. Realismus am Rande der Transzedenz" geschrieben hat: "Für Dostojewski war wie für Homer Dichtung eine Wirklichkeit höheren Ranges, die sich als Wahrheit gegen die geschichtliche Wahrheit stellt." Cartarescu ist nicht wie Proust auf der Suche nach der verlorenen Zeit, sondern vielmehr auf der Suche nach der verlorenen Transzedenz in unserem technischen Zeitalter, nach einer Transzedenz, "die sich als das eigentliche Sein, als eine höhere unendliche Wirklichkeit erweist, die imstande ist, die Grenzen der Immanenz über sich selbst hinaus zu erweitern." (Frank Thiess, Dostojewski)Er ist aber kein naiver Gläubiger, kein Esoteriker, kein Spiritualist. Cartarescu kennt sich in der modernen Astronomie, in der Astrophysik, in der Hirnforschung sehr genau aus, er verwendet bei seinen Beschreibungen und Visionen wissenschaftliche Begriffe, Begriffe, die ich als nicht Naturwssenschaftler stets im Fremdwörterbuch nachschlagen musste.

Der Roman beginnt damit, dass der erwachsene Ich-Erzähler Mircea seine Einzimmerwohnung verlassen muss, weil der Wohnblock in dem er alleine lebt als letzter in einer Reihe von Wohnblocken abgerissen werden soll, "und wenn es stimmt, was gemunkelt wird, war nach der Sprengung und Schleifung des einsamen Zementgliedes einige Tage lang kein einziger Mann in der Stadt mehr männlich und aufgerichtet." Mircea ist gezwungen in die Wohnung seiner Eltern an Stefan-Cel-Mare-Chaussee zurückzukehren. In dieser schäbigen, armseligen Wohnung in der noch elenderen und absurderen Stadt Bukarest der Ceausescu-Ära (der gerade seinen Palast, das "Haus des Volkes" errichtet hat) unterhält sich Mircea mit seiner geliebten Mutter Maria "über Tantava, über Großvater, über Mutters Bruder und Schwestern, darüber, wo überall wir gewohnt hatten, ehe wir hierher an die Stefan-cel-Mare-Chaussee zogen." Durch die Erzählungen und Erinnerungen seiner Mutter steigt Mircea immer tiefer in die Vergangenheit, seine und die seiner Vorfahren, hinab. Auf einmal tauchen Bilder und Episoden aus dem Leben seines Urgroßvaters, des Feuerwehrhauptmann Vasile Badislav auf. Mit ihm erleben wir eine phantastische Parade Ende des 19. Jahrhunderts, einen Aufmarsch zu Ehren der damaligen Majestät Rumäniens. Wir erfahren von einem Begebnis in einem Badehaus am Rande des Dorfes von Tantava, in der es zu einer fleischlichen und sexuellen Orgie der dort Anwesenden kommt und wo Vasile Zeuge einer Entmannung wird (eine herrlich-schaurige Szene!). Wir hören die phantastische Geschichte der Urgroßmutter Maria, die sich in ihrem Dorf jeden Morgen in einen Schmetterling verwandelt, die wie Ikarus aus der griechischen Mythologie der Neugier nicht widerstehen kann mit ihren Flügeln sich immer mehr über unsere Welt zu erheben, dem gigantischen Universum, dem Nichts und der Ewigkeit, dem schrecklichen Anblick des Göttlichen entgegen. Schließlich sind wir dabei, wie Vasile diese Welt verlässt. In surrealen Bildern wird der Selbstmord von Vasile demonstriert und veranschaulicht.
Nach diesem Einblick in eine phantastische, mit surrealen und grotesken Bildern vollgestopften Vergangenheit, die dennoch eines realen Kerns nicht entbehrt, sind wir wieder in der Elternwohnung, in der sich Mircea weiter mit seiner Mutter über die triste und schreckliche Realität der Gegenwart der 60er und 70er Jahre unterhält und wo der Ich-Erzähler es für angebracht hält, "einen Schluck Wirklichkeit zuzulassen." Wie sieht diese Realität aus, von der Mircea auf paar Seiten Bericht erstattet, bevor er sich wieder seinen Phantasmagorien widmen kann, aus? Nun all den Wanhsinn in Mirceas Schädel, all die apokalyptischen und schrecklicher Bilder von Monsier Desidero Monsu, "all die unbeschreiblichen Gräuel in den Schächten, in die ich hinabgestiegen bin, zu den Spinnen und Untieren, fand ich allesamt in der wirklichen Welt wieder, gesteigert, hart und kalt wie der Granit des Pflasters." Während der Diktatur Ceausescu den Palast "Haus des Volkes" fertigbaut, leidet die Bevölkerung an Hunger und Nahrungsknappheit. Aus Mutters Ezählungen weiß Mircea von der Schar "nackter, schöner und schlampiger Mädchen aus der Konservenfabrik", die "ohne Umstände mit gespreizten Beinen aufs Fließband gelegt und von gewalttätigen männlichen Fingern in der Scham und im After durchsucht werden....das alles, um die Schwangeren ins Verzeichnis einzutragen, damit sie später ja nicht abtrieben, und die anderen in die Zange zu nehmen, die ihre patriotische Pflicht nicht erfüllten, rechtzeitig zu kalben." Auch den jungen Männern ging es nicht besser in dieser Diktatur, auch sie wurden bei ihrer Einberufung zum Wehrdienst demütigenden, vom Staat verordneten Untersuchungen unterzogen. Und nicht vergessen darf man, dass sich unter Ceausescus Regime ein Überwachungs- und Milizstaat entwickelt hatte, in der die bekannte und gefürchtete Securitate, "die Herrin der Welt" die Bevölkerung in Angst und Schrecken hielt.

Nach diesem kurzen bitteren Schluck Realität folgt eine der schönsten und einfallsreichsten Episoden des Romans. Mircea erzählt wie seine Mutter, als er ganz klein war, Perserteppiche in ihrer Wohnung webte, um die Familie durchzubringen (der Vater Costel ließ sich zum Journalisten ausbilden). An die vorgegebenen Muster hält sich Maria jedoch nicht, sondern arbeitet am wunderbarsten Teppich der Welt, "wunderbar, denn es war die Welt selbst und mehr noch als sie, ein Konzentrat von Universen, ein Bild aller Bilder, eine Ikone aller Ikonen der Welt." Als die Auftraggeber jedoch verdächtige Bilder auf dem Teppichmuster erkennen, taucht eines Tages die Securitate bei Mirceas Eltern auf, um von Maria zu erfahren, woher sie die Informationen über die Stationierungen der neuen sowjetischen Kernwaffen kannte, den Ort des neuen Kosmodroms und den Kurs des ersten U-Boots, auf welche Weise sie von der Geheimoperation der rumänischen Securitate erfahren hatte und viele andere brisante politische Geheimnisse und Details. Obwohl Maria versichert, dass sie mit ihrer Teppicharbeit keine Politik betreibe, wird sie dennoch abgeführt und bleibt für eine paar Tage abwesend. Nach einem zweiten Besuch der Securitate entdeckt ein Vertreter der Geheimorganisation ein Manuskript auf dem Tisch, in dem er die letzten Zeilen über sich liest, wie er gerade dieses Manuskript liest, worauf er fluchtartig und panisch aus der Wohnung rennt: "Wir sollten sie nie wiedersehen." Auf den nächsten Seiten taucht der mysteriöse, alkoholsüchtige Hermann (kein "Schmarotzer an der Gesellschaft" wie Mircea) aus dem achten Stockwerk wieder auf und es folgen Ereignisse aus Mirceas Kindheit und Schulzeit in der kommunistischen Diktatur, die in der dritten Person erzählt werden. Cartarescu erzählt wie der junge Mircisor das Pionierhalstuch erhält, wie er mit seinen Freunden in den Höfen der Wohnblocks spielt und sich schmutzige Wörter sagen und wie er mit seinen Eltern einen außergewöhnlichen Tag im russischen Wanderzirkus in Bukarest erlebt. In diesem Wanderzirkus, in dem es von exotischen Tieren, von kleinwüchsigen Frauen (die es mit der ganzen Zirkusmannschaft treiben) und Schlangenmenschen wimmelt, steigt der kleine Mircea während einer Hypnose in eine andere Welt ein, in jenes "fantastische Land", jene "Gegend, von der wir alle aufgebrochen sind", jenes "Königreich, in das wir alle zurückkehren wollten".

Diese Sehnsucht nach dem Ursprung (Cartarescus Landsmann und Schrifstellerkollege Mircea Eliade hat sogar ein Buch über diese Sehnsucht nach dem Ursprung geschrieben), diese Sehnucht nach der Transzedenz, dieses Heimweh nach metaphyischen Welten lässt sich nur erklären, wenn man in einer tristen, verkümmerten und schrecklichen Realität leben muss, in der man ohnmächtig gegenüber einem politischen System ist, indem man gezwungen, "in jenem unbarmherzigen Labyrinth von Betonplatten und Irrsinn zu existieren." Nachdem sein Manuskript in Hermanns Wohnung beschlagnahmt wird, wird auch Mircea verhaftet. Auf dem Rücksitz des Milizautos betrachtet er "durchs Gitter die verfallene, aschgraue, zugrunde gerichtete Bukarester Welt", "die trübseligen Gesichter, an denen wir vorbeifuhren, die Dacias mit verbeultem Blech, die wir überholten.... Mein Leben war anderswo, meine Farben waren andere. Hier war alles grau in grau unter dem anrührenden, frühlingshaft blauen Himmel. ...Wie konnte man denn an einem schönen Morgen mit blauem Himmel verhaftet werden? Wie konnte es Schützengräben geben, Panzer, in Stücke gerissene Menschen zwischen blühenden Bäumen und mannshohem Gras? Aber die Ungeheuer und Unholde lebten ja nicht nur dort, in ihren Höllen. Eines schönen Tages zeigten sie sich in vollem Sonnenschein, jagten zwischen Trauerweiden mit ergrünten Kätzchen hinter dir her, schnappten dich in einer friedlichen Gasse, wo nichts Böses möglich schien. Dann gab es Verhöre, meinen epileptischen Anfall (an den ich mich nicht erinnern will), die psychiatrische Klinik. Rorschacht-Test, Hermann Rorschacht, die Falter, die Falter, die Falter - die ewigen Falter meines Geistes."

Hier macht Cartarescu wieder einen Einschnitt und führt uns in den letzten hundert Seiten nach Amsterdam, in dem sich der schwarze Jazzmusiker und Mitglied der Sekte "Die Wissenden" Cedric aufhält. Hier spielt Cartarescu wieder mit grotesken Bildern und halluzinatorischen und metaphysischen Visionen vor dem realen Hintergrund des modernen Amsterdamer Leben mit seinen Statuenmenschen (ein genialer Einfall von Cartarescu!) und dem Rotlichtviertel, in dem unter anderem Coca, die ehemalige Wohnungsnachbarin von Maria, die angeblich den Zwillingsbruder von Mircea, Victor hier entführt hat, als Prostituierte arbeitet.

Der Roman schließt schließlich mit einer metaphysischen Reflexion und unterstreicht nur wieder, was Mircea Cartarescu von der ersten bis zur letzten Seite tut: eine metaphysische und phantastische Expedition auf der Grundlage der Erkenntnisse der modernen Astrophysik und Kosmologie. Er traut sich den Finger durch unsere Welt zu stecken und andere Welten, andere Dimensionen zu berühren ohne als spiritueller und esoterischer Spinner dazustehen. Er hat den dichterischen Mut, aus unserer Wirklichkeit, aus unserem weltlichen, historischen Dasein, aus unserem "Hochsicherheitsgefängnis" auszubrechen um in grandiosen und visionären Bildern Möglichkeiten zu entwerfen, die wir uns kaum vorstellen, geschweige zu denken vermögen. Er sucht nach dem göttlichen Kern in uns und in der Welt ("Warum müssen die großen und wunderbaren wirklichen Dinge der räumlichen Membran unserer Welt begegnen? Warum müssen sie sich so sehr vermindern, auf das Göttliche in sich verzichten, stets so tun, als entstünden, lebten und stürben sie, als litten und handelten sie? Warum musste die Hypersphäre unseres Universums die Außenhaut durchdringen und mit dem Pol des Big Bang in die Welt eintreten, sich dann in aufeinanderfolgenden Querschnitten verbreitern, bis hin zur äußersten Ausdehnung des Äquators der Sphäre, um dann beim entgegengesetzten Pol, beim Big Crunch, abzunehmen? Weshalb der Wirrwarr und das Chaos bei den aufeinanderfolgenden Diapositiven, wenn seine unsterbliche Sphäre derart ruhig und vollkommen ist?") und spricht von "dem rätselhaftesten Wort der Welt: ich". Im Grunde ist Cartarescu ein dichterischer Metaphysiker und Gnostiker. Wie schon nach der Lektüre "Die Wissenden" bleibt auch nach der berauschenden Lektüre dieses Romans die Freude auf den dritten und letzten Teil der Orobitortrilogie, "Die Flügel", das vor kurzem erschienen ist.


Tagebuch 1953-1969
Tagebuch 1953-1969
von Rolf Fieguth
  Taschenbuch
Preis: EUR 14,90

5.0 von 5 Sternen Ein Juwel !, 30. Juli 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Tagebuch 1953-1969 (Taschenbuch)
"Was für einen Eindruck habt ihr, wenn ihr mein Tagebuch lest? Kommt es euch nicht vor, als beträte da ein Bauer aus dem Sandomirschen eine dröhnende, vibrierende Fabrik und spazierte in ihr herum, als wenn es sein eigener Garten wär? Hier steht der glühende Ofen, in dem die Existentialismen gebrannt werden, dort kocht Sartre seine Freiheit-Verantwortung aus flüssigem Blei. Hier die Werkstatt der Poesie, in der tausend schweißüberströmte Arbeiter beim rasenden Schwung schwinderlerregender Bänder und Getriebe mit immer schärferern superelektromagnetischen Messern in immer härterem Material operieren, dort wiederum bodenlose Kessel, in denen Ideologien, Weltanschauungen und Glaubensrichtungen geschmolzen werden. Hier die tiefe Grube des Katholizismus. Dort weiter das Hüttenwerk des Marxismus, hier der Hammer der Psychoanalyse, da die artesischen Brunnen Hegels und die phänomenlogischen Werkzeugmaschinen, dort hinten die galvanischen und hydraulischen Batterien des Surrelaismus, oder des Pragmatismus. Und die Fabrik stöhnt und rast in dröhnenden Trubel und produziert, sie produziert immer vollkommenere Instrumente, und diese Instrumente dienen zur Verbesserung und Beschleunigung der Produktion, und so wird das alles immer mächtiger, gewaltiger und präziser. Ich aber schlendere mit nachdenklichem Gesicht zwischen diesen Maschinen und fabrikaten umher, ohne größeres Interesse, ganz so, als wanderte ich dort, auf dem Land, durch meinen Garten. Und ab und zu probiere ich mal ein Produkt(eine Birne vielleicht, oder eine Pflaume) und sage dann: Hm... hm.... das ist mir zu üppig." Oder: "Zum Teufel damit, das ist unbequem, zu steif." Oder ich sage: "Ha, gar nicht schlecht, wenn es nur nicht so überhitzt wäre!" Die Arbeiter werfen mir natürlich verstohlen böse Blicke zu. Ha sich da unter lauter Produzenten doch tatsächlich ein Konsument eingeschlichen!"

Die hier ausführlich zitierte Textpassage aus dem Tagebuch des polnischen Schriftstellers Witold Gombrowicz gibt ganz gut wieder, welche Rolle und Haltung Gombrowicz in seinem Tagebuch einnimmt. In seiner Auseinandersetzung und Konfrontation mit der Welt der Ideen spielt Gombrowicz den lockeren und unbekümmerten Flaneur und Clown, der in seinem eigenen Zirkus herumstolpert. Er ist der ideologiefreie, scharfsinnige, bissige, spöttische, hochmütige, distanzierte, anarchische, radikal subjektive und überaus gebildete Konsument der alten und neuesten geistigen und künstlerischen Denkrichtungen und Erzeugnisse. Er setzt sich mit allem auseinander, was er nicht will: mit Kommunismus, Katholizismus, Patriotismus, Nationalismus, Existentialismus, Objektivismus, Psychoanalyse, Militär, der polnischen Gegenwartsliteratur,dem bestehenden Geschlechterverhältnis und mit der falschen und unaufrichtigen Ehrerbietung der Kunst gegenüber. In seinen Reflexionen und Analysen zu all diesen Themen bleibt er stets in der Abwehrhaltung, in einer Trotzhaltung eines frechen Spötters und Demaskierers. Seine klugen, geistreichen und eigentümlichen Einwände sind bloße Abgrenzungsversuche, die im Zustand der Erörterung und Provokation bleiben. Aber genau das will Gombrowicz, er will in der reifen Unreife beharren und wählt dazu die Tagebuchform, die es nicht erlaubt, dass irgendetwas je fertig werde, vergeblich also in den Zustand der Reife gelangt. Wenn man Gombrowicz liest, muss man sich folgendes Bild vorstellen, worauf der Literaturkritiker Peter Hamm in seinem ausgezeichneten Nachwort hingewiesen hat: Gombrowicz geht davon aus , dass es einen Wandschirm gibt, der die vordergründige, offizielle und die hintergründige, private Welt trennt. Vor dem Gombrowiczschen Wandschirm der Ideen regieren die Formen, Stile, Kleiderordnungen, Gesetze und Konventionen, dahinter beginnt das Ungeformte, das Nackte, die Verführung und die Anarchie. Vor diesem Wandschirm drängt alles zum Hohen, zum Niveau, zur Reife, dahinter erstreckt sich das unermeßliche Reich des Niederen und der Unreife. Gombrowicz misstraut der Welt der Ideen und des Geistes, weil es dessen bewusst ist, das hinter dem Wandschirm ganz andere Dinge passieren, die gewöhnlicher aber auch viel wichtiger sind. Der reife Mensch entpuppt sich als unreifer Mensch, der seinem geistigen Höhenflug nicht gewachsen ist und der schließlich doch nur im Dreck landet. Die Antinomie zwischen Höherem und Niederem, die gegenseitige Durchdringung der höheren und niederen Sphäre, dieser Gedanke und das persönliche Dilemma das daraus entsteht, zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Tagebuch. Gombrowciz, der aus einer adeligen polnischen Großgrundbesitzer-Familie entstammt, fühlt sich zum Niederen, zu der Welt der Unreife, die für ihn gleichbedeutend mit der Jugend ist, angezogen. Damit steht er in bester Tradition, denn schon Montaigne, Sade, Byron und Proust fühlten sich als Aristokraten und Adelige zum Niederen und Gewöhnlichen hingezogen. Bezeichnend ist, dass Gombrowicz, als er 1939 kurz vor Kriegsausbruch sein Heimatland für immer verließ, sich als Exil Argentinien (in dem er über 20 Jahre leben sollte, bevor er wieder nach Europa, nach Paris, Berlin und Vence zuürckkehrte) auswählte, dessen kulturelle Unterrangikeit außer Zweifel stand. Was ihn an Argentinien so magisch anzog, war nicht das kulturelle Leben der nach Europa schielenden Intellektuellen Argentiniens, sondern das niedere, gewöhnliche Leben in den Vorstädten Argentiniens, in den zweifelhaften Kneipen und Häfen, wo er in Berührung und Kontakt mit zweifelhaften jungen Männern vom Heer und der Marine im Retiro kam: "welche Verständigungsmöglichkeiten gab es zwischen mir und diesem intellektuellen, ästhetisierenden, philosophierenden Argentinien? Mich faszinierten in diesem Land die untere Sphäre, hier aber der Gipfel. Mich bezauberte die Dunkelheit des Retiro, sie - die Lichter von Paris. Für mich war jene uneingestandene, schweigenden Jugend des Landes vibrierende Bestätigung meiner eigenen Gefühlszustände, dadurch riß mich das Land wie eine Melodie...Diese argentinische Elite aber sah keinen Trumpf darin, sie erinnerte eher an eine fügsame und fleißige Jugend deren Ehrzeiz es war, von den Älteren so schnell wie möglich das Ältersein zu lernen. Ach, nicht mehr Jugend sein! Ach, eine reife Literatur besitzen! Ach, Frankreich und England gleichkommen! Ach, erwachsen werden, schnell erwachsen werden!"

Die Jugend war für Gombrowicz das Idol schlechthin. In einem Tagebucheintrag beschrieb er wie er angesichts der Betrachtung des Gemäldes von der Erschaffung Adams, sich für den jungen, athletischen Adam und gegen den greißen Gottvater entschieden hat! War Gombrowicz also ein Päderast, war er homosexuell? Gombrowiczs Homosexualität konnte für aufmerksame Leser kein Geheimnis sein. Im Tagebuch bekennt er, dass er diese homosexuellen Praktiken sporadisch und unter bestimmten Umständen praktiziert hat. Im Zusammenhang mit Sandauers Erwägungen betreffend den eventuellen Geschlechtsverirrungen von Gombrowicz geht er sogar soweit zu behaupten, dass es "fast keinen Mann gibt, der unter Eid behaupten könnte, diese Versuchung niemals verspürt zu haben. Auf diesem Gebiet wird man schwerlich kategorische Beichten verlangen können."
Mit seinen Reflexionen, Gedanken und Bildern will Gombrowicz den Leser zum Nachdenken, Gelächter und Zustimmung reizen. In seiner Rolle als tragischer Clown, der von Montaigne und Rabelais herkommt, stellt er unsere Welt auf den Kopf und in Frage. Es sind keine theoretischen Konzepte , sondern eher fragmentarische Gedankensprünge, die den Leser zum Nachdenken und Schmunzeln bringen, aber auch erschüttern und wachrütteln können. Ich will nur drei solcher Beispiel der Erschütterung und Erschauerung beim Lesen des Tagebuch anführen.
In einer Tagebuchpassage entwirft Gombrowicz ein apokalyptisches und metapyhsisches Bild, das ihm dazu dient, seine Forderung, wonach der Mensch sich endlich zu seiner Nacktheit bekennen und sich frei von allen Ideologien und Glaubensvorstellungen in seinen zwischenmenschlichen Beziehungen formen soll, zu illustrieren: "Man stelle sich das bildlich vor: das ehrwürdige Gebäude einer tausendjährigen Zivilisation zusammengebrochen, Stille und Leere ringsrum, wir auf seinen Trümmern - ein Schwarm grauer und kleiner Menschenwesen, die sich vor Verblüffung noch nicht fassen können. Denn ihre Dome, Altäre, Gemälde, Kirchenfenster und Statuen, vor denen sie knieten, das Gewölbe, das ihnen Schutz bot, liegen in Schutt und Asche, und sie selbst stehen in all ihrer Nacktheit da. Wo Schutz suchen? Was vergöttern? Zu wem beten? Wen fürchten? Worin einen Quell von Inspiration und Glauben finden? Wäre es ein Wunder, wenn sie in sich selbst die einzige schöpferische Kraft und die einzige ihnen zugängliche Gottheit sehen würden? Das ist der Weg, der von der Verehrung der Menschenprodukte zur Entdeckung des Menschen als entscheidender und nackter Kraft führt."

Woanders beschreibt er ein recht banales Ereignis am Strand, dass sich aber zu einer wahrhaft existentiellen und metaphysischen Größe aufbäumt. Während er an einem sonnigen Tag am Strand, verborgen in einer sandigen Gebirgskette liegt, sieht er wie eine Kolonne von Käfern diese Wüste eifrig mit unbekanntem Ziel durcheilt. Da sieht er einen Käfer in seiner Reichweite, der vom Wind auf den Rücken umgeworfen wurde. Der kleine Käfer bemüht sich in seinem Todeskampf in der mörderischen Hitze wieder auf die Beine zu kommen, doch von selber kann er sich nicht retten. Nun beginnt ein einmaliger Bericht des eigensinnigen, oft als hochmütigen und elitären Künstler betitelten Witold Gombrowicz (der in Wahrheit ein, wie Ingeborg Bachmann wusste zu erzählen, gütiger, zarter und bescheidender Mensch war): "Ich, der Riese, der ich durch meine ungeheure Größe unzugänglich, gar nicht vorhanden für ihn (den Käfer) war - ich sah mir dieses Gewedel mit an... und befreite ihn mit einer Handbewegung aus seiner qualvollen Lage. Da zog er weiter, der vor einer Sekunde noch dem Tode geweiht war. Kaum hatte ich das getan, so sah ich etwas weiter einen identischen Käfer in gleicher Lage. Auch er ruderte mit den Beinen. Ich hatte keine Lust, mich zu rühren... Aber - warum hast du jenen gerettet, und diesen nicht... Einen hast du beglückt, der andere soll sich quälen? Ich nahm einen Stock, streckte den Arm aus - und erlöste ihn. Kaum hatte ich das getan, so sah ich etwas weiter einen gleichen Käfer in identischer Lage... Sollte ich meine Siesta in einen Rettungswagen für sterbende Käfer verwandeln? Aber ich war schon zu heimisch in diesen Käfern, in ihrem sonderbar hilflosen Gerudere... und ihr werdet verstehen, daß ich diese Rettung. da ich sie einmal begonnen hatte, nicht an beliebiger Stelle unterbrechen durfte. Es wäre zu grausam für den dritten Käfer gewesen - gerade an der Schwelle zu seinem Unglück einzuhalten...nur helfen, helfen, helfen! Aber ich wußte, das konnte nicht ewig so gehen...so war es nur eine Frage der Zeit, bis ich sagen würde "genug", und es zu dem ersten nicht geretteten Käfer käme. Welcher? Immer wieder sagte ich mir "dieser" -und rettete ihn doch, weil ich mich nicht zu dieser schrecklichen, schier niederträchtigen Willkür durchringen mochte - denn warum dieser, warum ausgrechnet dieser? Bis es in mir schließlich zum Bruch kam, plötzlich, glatt, ich brach das Mitleid ab...."

Das letzte Beispiel zeigt einen Gombrowciz, für den es nur eine einzige wahre unangenehme Wirklichkeit gibt, gegen den der Mensch, mag er in seiner Technik und Wissenschaft noch so fortschreiten, nie etwas ausrichten wird: den Schmerz und den Tod. Gombrowicz der einen gelockerten, gewöhnlichen, aber auch gleichzeitig schmerzdurchdrungenen Menschen forderte, führt im folgenden Textausschnitt einen Gedankengang durch, der mich erschauern ließ. Wenn das Leben auf dieser Erde vom Schmerz geprägt ist, woraus schließen wir, dass nach dem Tod dieser Schmerz, dieser Alptraum beendet sein wird? "Diese Erde, auf der wir schreiten, ist so von Schmerz bedeckt, bis zu den Knien waten wir in Schmerz -und es ist Schmerz von heute, von gestern, von vorgestern, der von vor Jahrtausenden - man bilde sich nur nicht ein, der Schmerz würde sich in der Zeit verlaufen, der Schrei eines Kindes vor dreißig Jahrhunderten ist kein bißchen weniger Schrei als der, der vor drei Tagen gellte. Es ist der Schmerz aller Generationen und aller lebendigen Wesen - nicht nur des Menschen. Und schließlich... aber wer sagt euch denn, daß der Tod, indem er euch von dieser Welt erlöst, irgendeine Linderung bringt? "Und wenn es dort nur Spinnen gibt?" Und wenn es dort einen Schmerz gibt, der all unsere Vorstellungen übersteigt? Dir ist nicht bang vor diesem Augenblick, du wiegst dich in der trügerischen Gewißheit, hinter dieser Welt könne dir nichts begegnen, was ganz und gar unmenschlich wäre - woher diese Gewißheit? Was berechtigt dich zu ihr? Verbirgt sich im Schoße dieser, sogar unserer Welt nicht irgendein satanisches Prinzip, das dem Menschen unzugänglich, menschlichem Verstand und Gefühl verschlossen ist? Was garantiert uns also, daß das Jenseits menschlicher sei? Vielleicht ist es die Unmenschlichkeit selbst, totale Negation unserer Natur? Aber das können wir nicht wahrhaben, denn der Mensch - soviel ist gewiß - ist von Natur aus unfähig, das Böse zu begreifen."

Wenn man das alles im Tagebuch liest, stellt sich die Frage ob Gombrowicz ein, wie immer wieder angeführt wird, Vertreter des Existentialismus war. Nach Gombrowicz kann man heute nicht mehr hinter den Existentialismus zurücktreten, was ihn jedoch vom Existentialismus und den Existentialisten trennt, ist ihr Ernst und ihre Forderung nach einem authentischen und verantwortungsvollen Leben. Es fehlt ihm der Rückzug ins private, unreife, verantwortungslose Leben, es fehlt ihm der Spaß.
Noch eine kurze Bemerkung zum Verhältnis von Gombrowicz zu seinem Heimatland Polen. Es versteht sich von selbst, dass ein polnischer Schriftsteller der mit Individualismus, Aristokratie und Unabhängkeit kokettierte, sich mit dem traditionellen Polen und seinem kulturellen und künstlerischen Betrieb hart und oft verletzend auseinandersetzen musste. Was er den Polen am meisten vorwarf, ist dass sie ihr Polentum nicht überwinden haben. Anstatt die Zweitrangigkeit der Kultur un der Nation der Polen anzuerkennen, anstatt also aus der Schwäche eine Stärke machen, gehen die Polen vor ihrer Nation und ihrer Geschichte auf die Knie. Gombrowic fordert die Polen zu einem lockeren und unverkrampfteren Verhältnis zu ihrer eigenen Nation auf: "Ich gehe zum Polen und sage zu ihm: "Das ganze Leben bist du vor IHM auf die Knie gefallen. Versuch jetzt, genau das Gegenteil zu tun. Erhebe dich. Denk daran, daß nicht du IHM dienen sollst - auch Polen soll dir, deiner Entwicklung dienen. So laß ab von der übertriebenen Liebe und Verehrung, die dich nur fesseln. Versuche, dich von der Nation zu befreien...Ich wollte erreichen, daß der Pole mit Stolz sagen kann: Ich gehöre zu einer zweitrangigen Nation. Mit Stolz. Denn wie ihr leicht sehen werdet, erniedrigt ein solcher Satz nicht minder, als daß er erhebt. Er degradiert mich als Angehörigen der Gemeinschaft und hebt mich persönlich doch zugleich über sie hinaus."

Das Tagebuch von Gombrowicz ist ein Juwel, eine Rarität im literarischen Betrieb. Es steht für mich in einer Reihe mit Montaignes "Essais" und Lichtenbergs "Sudelbüchern". Es entblößt unsere Welt, es schneidet ihr Grimassen zu, doch in all seiner Frechheit und Provokation entbehrt es nicht des Tiefgangs, des Ernstes, der Souveränität und der Humanität.


Das dunkle Licht. Roman einer Epoche 1924-1945
Das dunkle Licht. Roman einer Epoche 1924-1945
von Leo. Autor / Titel: Dembicki
  Gebundene Ausgabe

5.0 von 5 Sternen Ein zu Unrecht vergessener und totgeschwiegener Roman über die Zeit der europäischen Judenvernichtung, 1. Juli 2014
Wie soll man eine dem Werk angemessene Rezension schreiben, wenn das Buch, über das man eine Rezension schreiben möchte, seit Jahrzehnten in eine totale Vergessenheit und Gleichgültigkeit geraten ist, von den Lesern nicht gelesen und von der Literaturkritik nicht gewürdigt, sondern totgeschwiegen wird. Selbst in den Zeiten des globalen Internets findet man so gut wie keine Information über den Roman "Das Dunkle Licht" und über den Autor Leo Dembicki. Ich habe auch in vielen Literaturlexikons gestöbert, den Namen Leo Dembicki konnte ich dabei allerdings nicht finden.
Der Roman "Das Dunkle Licht" erschien 1987 auf dem deutschen Büchermarkt. Die ersten, aber leider nur wenigen Reaktionen auf das Buch waren fast alle positiv. Der damalige Chefredakteur von der jüdischen Kultusgemeinde Prag Rudolf Iltis sprach von dem "geschichtlich treuesten und erschütterndsten Werk, das in unserem Jahrhundert bisher zu diesem Thema geschrieben wurde." Ein anderer meinte sogar, dass dieses Buch die ganze Welt angehe. Das ist wohl richtig, aber leider hat die Welt ein Kurzeitgedächtnis und lebt lieber in einem Dämmerzustand, aus dem sie nicht geweckt werden möchte. Es stellt sich immer wieder die Frage, wie man über eine Zeit und ein Thema schreiben kann, in der die Humanität mit den Füßen getreten wurde, wie kann man den heute lebenden Menschen begreiflich machen, dass so ein schreckliches und grauenhaftes Ereignis wie die europäische Judenvernichtung niemals vergessen werden darf. Historische Rekonstruktionen, soziologische, politische und psychologische Analysen, Fernsehdokumentationen zur besten Tageszeit und Gedenktage können uns helfen zu verstehen, wie es zu so etwas kommen konnte, aber nur die Literatur und gute Spielfilme (wie z.B. "Schindlers Liste") können das Leid der einzelnen Menschen erzählen und vermitteln und mit der Beschreibung und Darstellung von Einzelschicksalen die Herzen von uns heute Lebenden berühren.

Leo Dembicki schildert in seinem epochalen Roman "Das Dunkle Licht" das Schicksal von einzelnen Menschen jüdischer Herkunft in Prag in dem Zeitraum von 1924 bis 1945, in deren heile und vertraute Welt jäh, unvermittelt, brutal und vernichtend die irrationale Kraft des Inhumanen einbricht. Die einzelnen Menschen sind den folgerichtigen Konsequenzen einer menschenfeindlichen politischen Ideologie, der Ideologie des Nationalsozialismus, vollkommen und wehrlos ausgeliefert. Der durch Rückblenden und Reflexionen nicht immer leicht überschaubare Roman zeigt eindrucksvoll wie in der gesicherten bürgerlichen Welt jüdischer Familien in Prag mit der deutschen Besetzung das Inferno auftaucht, das dunkle Licht. Ausgangspunkt dieses Romans ist die Verhaftung des Deutschen Anton Bergmann im Jahre 1962 in Frankfurt, der sich eines Mordes an dem Präsidenten der Industrie- und Handelskammer Werner Strack schuldig gemacht haben soll. Wie sich sehr schnell herausstellt, hat er Werner Strack tatsächlich umgebracht, wird aber freigesprochen. Seinem Freund Karl Wallner, Carlo, der Anton Bergmann in Frankfurt besucht, erzählt er seine Motive für diesen Mord. Es stellt sich heraus, dass Toni in dem Präsidenten Werner Strack den Soldaten Werner Strack wiedererkannt hatte, mit dem er zusammen 1941 als Soldat auf der Krim gewesen war. In der Rückblende sehen wir wie der junge Soldat Toni mit anderen Soldaten in einer provisorischen Kantine hockt, als sechs weitere Soldaten polternd und sich laut unterhaltend in die Kantine eintreten. In ihrer ordinären und rüpelhaften Unterhaltung berichten sie wie sie gerade "fuffzich Juden umgelegt" haben. Einer der Soldaten, ein Dicker, soll sogar auf eine ganz bestialische und rohe Weise eine junge jüdische Frau umgelegt haben. Nachdem Toni diesen Bericht gehört hat, bei dem er Übelkeit und Angst spürte, geht er auf den dicken Soldaten los, wird aber von den anderen Soldaten davon abgehalten ihn zu erwürgen. Die Gründe warum Toni gerade bei der Erwähnung von der Ermordung einer jungen jüdischen Frau so empfindlich und heftig reagiert hat, erfährt man in den nachfolgenden Kapiteln, in denen die zeitlich kurze, in Wahrheit unendliche, sich in der Tragik des Ostens verlierende Liebesgeschichte zwischen Toni Bergmann und dem jüdischen Mädchen Eva du Rieux geschildert und erzählt wird.

Neben der Familie Bergmann und der Familie du Rieux treten auch die Familie Steiner, die Familie Heller, die Familie Adler und die Familie Winterberg in den Mittelpunkt, deren Kinder die gleiche Schule besuchen, sich anfreunden und eine gegenseitige Zuneigung und in manchen Fällen Liebe füreinander entwickeln. Doch sehr bald erreichen Prag besorgniserregende Nachrichten über eine politische Gruppierung, die in Deutschland die Macht ergriffen hat. In seiner jugendlichen Unbekümmertheit begegnet der junge Toni dieser politischen Bewegung zunächst nur mit Spott. Als die deutschen SS-Soldaten in Prag durch die Straßen marschieren, kommt es zwischen ihm und einem Leutnant zu einem Gespräch, in dem Toni aus dem Mund des Leutnants die ernstvolle Gefahr dieser Truppen erblickt: "Jetzt ist hier nusch mehr geschichtsbestimmend. Jetzt sind WIR geschichtsbestimmend. Ist viel gesünder für euch." Toni Bergmann hat für die deutschen SS-Soldaten und ihrem Hang zu einer expansiven, bildungsfeindlichen Mittelmäßigkeit nur Verachtung übrig aber es dämmert selbst den eifrigsten Deutschen in Prag bald ein, dass es bei der ganzen Sache gar nicht mehr um die Interessen der deutschen Bevölkerung in Prag geht, "daß sie in diesem Land keine Vorherrschaft errungen, sondern im Gegenteil aufgehört hatten, als unterscheidbare Gruppe zu existieren." Auf dem Hradschin-Platz in Prag blickt Toni Bergmann zu den Fenstern der Burg hinauf, in der Adolf Hitler übernachtet und sich der der Menschenmenge gezeigt hat. "Das Fenster und Hitler", schreibt Dembicki, "waren wie ei zerknittertes, verschmutztes Plakat gewesen, das man fälschlicherweise durch ein Loch im Kosmos herabgelassen hatte. Zürnend widerlegten die in dem Königlichen Stein der Burg lebendigen tausend Jahre die monströse, puppenhafte Figur als einen verunzierenden Fleck, als einen Bewurf aus einer Pfütze der Geschichte."

Die ergreifendsten und erschütterndsten Szenen sind diejenigen, in denen Dembicki die Manifestationen des Bösen, die schrecklichen Folgen der deutschen Besetzung für die jüdische Bevölkerung in Prag schildert und darstellt. In Nahaufnahme sind wir dabei, wie in den Gefängnissen, den Dienststellen der Polizei, in Transportzügen Richtung Polen, in den jüdischen Siedlungen und Ghettos, in den Konzentrationslagern Treblinka und Eichwald und in den Gaskammern von Ausschwitz, das Leben von jüdischen Einzelmenschen erniedrigt, gedemütigt, zerstört und vernichtet wird. Bei dieser Darstellung, die historisch exakt wiedergegeben werden, lässt Dembicki keine Greueltat und Niederträchtigkeit aus, die Menschen anderen Menschen antun können, aber er beschreibt diese schrecklichen und unwürdigen Ereignisse in einer dichterischen, poetischen und eindrucksvollen Sprache, die geprägt ist von Humanität und Mitleid mit den Opfern. Die Zeit wird bei Dembicki transparent, die Ereignisse selbst in einem transzendentalen Zusammenhang gesehen. Vielleicht ein Beispiel für diesen transzendentalen Bezug für diese Ereignisse. In einem Ausschnitt wird einer der vielen Umlagerungstransporte aus der jüdischen Siedlung in Theresienstadt geschildert. Mitten am Rande eines lettischen Waldes hält der Zug, in dem die Menschen wie Vieh zusammengepfercht wurden, an. Die Waggontüren werden geöffnet und die SS-Offziere treiben die Menschen in Kolonnen in Richtung des Waldes an. Heinz Adler, der sich der marxistischen Ideologie verschrieben hat, ist mit seiner Familie in der Kolonne, die sich in den Wald bewegt, wo sie von den Offizieren in den Gruben erschossen werden, dabei und fragt sich warum keiner dieser Menschen schreit, sich dagegen wehrt, sondern sich willenlos und automatenhaft dem beugt: "Heinz wußte jetzt, warum niemand schrie und warum er selbst auch nicht schreien konnte. Es war, als hätten alle diese Menschen in einer gespenstischen Art alles mit den Uniformierten längst vereinbart, als seien alle diese Menschen Jenseitige, als sei es nur eben dieser eine Gang, zu dem sie ihre Körper noch brauchen." Herrlich! Wenn man als Schriftsteller so sensibel und poetisch über solche grauenhaften und nicht fassbaren Ereignisse schreiben kann, dann hat man es auch verdient, gerühmt und gelobt und vor allem, was noch wichtiger ist, gelesen zu werden.

Vielleicht sollte auch noch erwähnt werden, dass in den Berichten von den Konzentrationslagern und Transporten Dembicki sich nicht scheut, die SS-Offiziere und Soldaten nicht nur als Unmenschen zu schildern, sondern auch als Feiglinge und triebhaft gesteuterte Akteure. In dem Konzentrationslager Eichwald kommt es zwischen dem dort internierten Karl Wallner, der als einziger von Tonis Bekannten und Freunden diese schlimme Zeit überlebt hat, und der Frau eines dort anssäsigen SS-Kommandanten zu einer sexuellen Annäherung, "die äußerste Steillage der Perversion". Die Pianistin Lisa Bachmann wird von einem schönen, athletischen SS-Soldaten aus der Schar der auf dem Messegelände in Prag auf ihren Abtransport nach Theresienstadt wartenden Juden herausgeholt, der mit ihr als Gegenleistung dafür auf einem Hotelzimmer schläft und sie als Prostituierte in dem Konzentrationslager Eichwald unterbringt, weil ihre Überlebenschancen dadurch gesteigert werden sollen. Dita Steiner, die gute Freundin von Eva, wird nachdem sie ihren platonischen Freund Georg in der Dienststelle der Gestapo im Keller tot und übelzugrichtet auffindet und dadurch den Verstand verliert, als Versuchsperson für eines neues Elektroschockgerät in einer besonderen Akademie der Psychiatrischen Abteilung des SS-Lazaretts vor vierzehn Studenten nackt vorgeführt, deren Folgen der Behandlung sie später auch erliegen wird: "Die Pflegerinnen führten Dita hinter einen Wandschirm und brachten sie völlig nackt vor das Auditorium. Eine vibrierende Unruhe breitete sich aus. Mehrere der jungen Männer atmeten hörbar durch die Nase, zwei griffen mit der Hand in die Hosentasche... ."

Nach der Gaskammerepisode, in der Walter du Rieux, der Vater von Eva, die nach ihrer Flucht nach Polen spurlos verschwunden ist, dem Tod durch Ersticken erliegt, sind wir wieder in der Wohnung von Anton Bergmann in Frankfurt im Jahre 1962, in dem sich Toni mit seinem Freund weiterhin darüber unterhält, welche verhängnisvollen Folgen in der Zeit der NS-Ideologie ins Rollen gebracht wurden, welches dunkle Licht, welches aufklärungsfeindliche Denken seitdem Europa und die Welt beherrscht: "...mir wurde damals klar, daß man Entsetzlichkeiten nicht mehr als solche und insgesamt verabscheute. Hier kam eine fürchterliche Relativität hinein. Bevor man sich entsetzte, fragte man erst, wer wem etwas angetan hat. Bald beruhigen sich die Leute dabei, wenn sie die Opfer nur irgendwie klassifizieren konnten. Weil es Rebellen waren, weil es Juden waren, weil es Volksverräter oder Klassenverräter oder Hochverräter waren, weil sie sich gegen irgendeine illegale Zwangsoberhoheit aufgelehnt hatten. Nach dem Kriege ging es weiter: weil sie Deutsche waren, weil sie Einwohner von Cypern, weil sie Mohammedaner, weil sie Hindus waren. Und ganz modern ist heute wieder der Ausdruck, den schon Himmler mit sicherem Instinkt zu seinem Lieblingswort gemacht hatte: weil sie "Schädlinge" waren. DAS leitete die sogenannte Neue Ära ein, daß jeder alles mit Menschen machen durfte, die einer perhorreszierten Gruppe angehören. Ja, -seit damals ist es anders in Europa. Es war etwas aufgegangen: ein dunkles Licht." Ich würde mir wünschen , wenn meine Rezension dazu beitragen könnte, ein paar neue Leser für diesen grandiosen, leidenschaftlichen aber fast völlig vergessenen Roman zu gewinnen.


Wendekreis des Steinbocks
Wendekreis des Steinbocks
von Henry Miller
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Das Gegengift zum Gift der bestehenden, zivilisierten Welt, 13. Juni 2014
Rezension bezieht sich auf: Wendekreis des Steinbocks (Taschenbuch)
Der polnische Schriftsteller Witold Gombrowicz schrieb in seinem "Tagebuch" über Literatur folgendes: "Kennzeichen der Literatur ist Schärfe. Selbst wenn sie dem Leser gutmütig zulächelt, ist Literatur das Ergebnis einer scharfen, harten Entwicklung ihres Schöpfers. Und der Literatur muß an der Verschärfung des Geisteslebens gelegen sein, nicht an einer derartigen Winkeltoleranz. Dieses Detail, an und für sich bedeutungslos, ist doch insofern charackertistisch, als die Invasion von Weichheit in ein Gebiet aufzeigt, das hart sein sollte. Eine Literatur, die ständig von allerlei Romane und Feuilletons fabrizierenden biederen Tanten aufgeweicht wird, von den Lieferanten der letzten Prosa und Dichtung, von wortgewandten Weichlingen, eine solche Literatur ist in Gefahr, ein weichgekochtes Ei zu werden, statt - wie es ihre Berufung wäre - ein hartgekochtes zu sein." (S. 18)

Als ich diese Zeilen las, musste ich sofort an Henry Miller denken. Seine Literatur ist gekennzeichnet von einer radikalen Schärfe des Geistes und kennt keine Tabus. Sie ist kein weichgekochtes Ei, geschrieben und produziert von biederen Tanten, sondern ein hartgekochtes Ei, das den Leser aufrütteln und erschüttern will. Henry Miller ist der große Außenseiter der modernen amerikanischen Literatur, der die herkömmlichen, moralischen und formellen Maßstäbe zertrümmerte. In seinen stark autobiographisch geprägten Romanen vertritt er einen häufig anarchischen Individualismus und setzt der steril-puritanischen Bürgerlichkeit die Verherrlichung der Sexualität entgegen, wobei er vor Obszönität nicht zurückschreckt. Dabei findet er durchaus zu einer lyrisch-ekstatischen Sprache mit surrealen Elementen. Wie bereits sein Debüt- und Skandalroman "Wendekreis des Krebses" ist auch der hier vorliegende Roman "Wendekreis des Steinbocks" ein romanhaft-autobiographischer Bericht, in dem Miller seinen Lebensweg in New York/Brooklyn bis zu den Pariser Jahren erzählt. Im Gegensatz zu "Wendekreis des Krebses" spielt dieser Roman nicht in Paris der späten 20er Jahre, sondern in Millers Heimatort New York/Brooklyn in den frühen 20er Jahren. Amerika ist das große Thema von Miller in diesem Roman. Der Ich-Erzähler Henry Miller ist gezwungen eine Arbeit zu suchen, damit er seine Frau und sein Kind durchbringen kann. Er bekommt eine Stelle als Personalchef der Telegrafen-Gesellschaft in New York. Seine Aufgabe besteht zu "heuern und zu feuern". "Es war ein Schlachthaus", schreibt er, "ein Verschleiß von Menschen, Material und Arbeit." In dieser Position wird sein Hass auf Amerika und sein (Arbeits-)System nur noch stärker. Henry Miller ist ein leidenschaftlicher Hasser, ein Protestler, der die bestehende, zivilisierte Gesellschaft zerstören und vernichten will: "in der Tiefe meines Herzens war Mord: ich wollte Amerika zerstört, dem Boden gleichgemacht werden." Wohl kein anderer Schriftsteller hat Amerika so entblößt und bloßgelegt wie Henry Miller. Amerika ist für ihn wie die ganze Welt (die sich Amerika fügt) ein Narrenhaus von A bis Z. Amerika, das ist für ihn ein Kontinent "des Raubs, der Plünerung, der Folter und der Zerstörung" ("unsere Hände sind von Blut und Verbrechen besudelt"). Das gesellschaftliche Leben Amerikas treibt an den Schaufenstern vorbei, es geht nur ums Geld: "In Geld zu waten durch das nächtliche Gewimmel, geschützt durch das Geld, eingewiegt vom Geld, verdummt vom Geld, das Gewimmel selber Geld, der Atem Geld, nirgendwo auch nur das kleinste Ding, das nicht Geld ist, überall Geld, Geld und nochmals Geld, und noch nicht genug, und dann kein Geld oder ein wenig Geld, oder weniger Geld, oder mehr Geld, aber Geld, immer Geld... ." Das Leben in der modernen, kapitalistischen Gesellschaft Amerikas ist zur Ware geworden und das Ziel ist es aus jedem Bürger einen Produzenten und Verbraucher, ein brauchbares, nützliches Mitglied der Gesellschaft zu machen.

Henry Miller schafft es mit seiner gewaltigen Sprache visionäre und apokalyptische Bilder heraufzubeschwören, um seinem Ekel vor dieser Gesellschaft Ausdruck zu verleihen. Im Grunde ist dieser Roman ein ins Metaphysische und Philosophische gehender Monolog. Er zertrümmert die alte bestehende Welt, um sie wieder neu aufzubauen. Henry Miller ist großartig im Abreißen und Zerstören vom alten Gemäuer. Es ist ein literarischer Genuss seinem Abbruchunternehmen zuzusehen, nicht weil Niederreißen so schön und elektrisierend ist, sondern weil es neues Leben ermöglicht. Millers Grundtendenz ist der Wunsch nach menschlicher Erneuerung, der unüberhörbare Aufruf zur Humanität. Sein neuer Menschentyp ist nicht eine Entwicklung zum Übermenschen im Sinne Nietzsches, sondern eher eine Entwicklung zurück, eine Regression, zurück zum kindlichen Dasein, über die Kindheit hinaus, zurück zum Buschmann, zum Indianer, zum prähistorischen Menschen. Schluss mit der fortschreitenden, normalen, technischen Entwicklung, Schluss mit der Welt der Erwachsenen: "Alles, was Väter und Mütter schufen, will ich ablehnen." Miller hat sich selber als einen Metaphysiker bezeichnet, der das Dramatische und wirkliche Tatsachen benutze, um etwas Tiefgründiges zum Ausdruck zu bringen. Millers Prosa ist das Gegengift zum Gift der bestehenden, zivilisierten, etablierten Welt: "Wartet nur, ihr kosmokokkischen Telegrafen-S*******, ihr Dämonen dort oben, die ihr wartet,bis die Leitung wieder repariert ist; wartet, ihr dreckigen weißen Eroberer, die ihr die Erde mit euren Teufelshufen, euren Werkzeugen, euren Waffen, euren Krankheitskeimen besudelt habt, wartet, ihr alle, die ihr im Überfluß lebt und euren Mammon zählt, noch ist nicht der letzte Tag gekommen. Der letzte Mensch wird ein Wörtchen mitzureden haben, ehe es zu Ende ist. Bis herunter zum letzten fühlenden Molekül muß Gerechtigkeit geübt werden - und wird es werden! Niemand kann ihr entgehen, und am allerwenigsten die kosmokokkischen S******* von Nordamerika."

Miller kennt keine Tabus. Die rücksichtslose Zur-Schau-Stellung des grob Geschlechtlichen, seine derbe und provokative Sprache des Sexus, dient als Protest gegen den Zivilisationszwang, gegen den bürgerlichen Zivilisationsmist. Miller ist gegen Pornographie und für Obszönität. Die heutige, allgegenwärtige Pornographie ist, so komisch es vielleicht klingen mag, harmlos und vor allem seelenlos, sie hat sich auf das rein physische, auf den Geschlechtsakt reduziert und hat den metaphysischen und oppositionellen Faktor verloren. Sie ist ein Teil dieser heuchlerischen Gesellschaft geworden, die Miller zerstört sehen möchte. Wie schon bei Sade findet man auch in Millers Prosa blasphemische Elemente. Auf der ersten Seite bereits schreibt er wie er sich Gott, wenn es ihn geben sollte, gegenüber verhalten würde: "Ich hatte Gott nicht nötiger als Er mich, und wenn es einen gäbe, sagte ich mir oft, würde ich Ihm ruhig entgegentreten und Ihm ins Gesicht spucken." Für Henry Miller würde ich immer eine Lanze brechen, wenn es sein müsste. "Wendekreis des Steinbocks" ist ein Konglomerat von Protest, Hass, Zerstörung, Liebe, Lebenslust, Sexualität, Blasphemie, Metaphysik, Philosophie, Phantasie, visionären Bildern und Schöpfungskraft. Es ist ein hartgekochtes Ei!


Beniowski. Eine Versdichtung
Beniowski. Eine Versdichtung
von Juliusz Slowacki
  Gebundene Ausgabe

5.0 von 5 Sternen Der polnische Byron, 19. Mai 2014
"Bin heute (daß dich der Antichrist!)/Nicht länger Pole - ich bin Byronist". Dieses Bekenntnis schreibt der polnische Dichter Juliusz Slowacki in seinem ironisch-polemischen Versepos "Beniowski", das hier zum erstenmal in deutscher Übersetzung von Hans-Peter Hoelsche-Obermaier in der polnischen Bibliothek des suhrkamp verlags vorliegt. Die unvollendet gebliebene Versdichtung "Beniowski", deren erste Gesänge 1840 zum erstenmal in Polen erschienen, lehnt sich bewusst an das satirisch-polemische Epos "Don Juan" von Lord Byron (einem meiner absoluten Lieblingsbücher) an. Beiden Werken gemeinsam sind die schwierige Strophenform (abababcc), die komisch wirkende Reihung von Bildern und Vergleichen, der brillante Witz und die beißende Ironie, der unablässige Fiktionsbruch, wenn der Erzähler mit dem Leser über sein Werk plaudert oder in zahllosen, scheinbar beliebigen Abschweifungen sich von jener Geschichte entfernt, die zu erzählen er als sein eigentliches Anliegen vorgibt. "Beniowski" ist somit neben Byrons "Don Juan" und neben dem Versroman "Jewgeni Onegin" von Alexander Puschkin das dritte bedeutende Disgressionsepos in der literarischen Epoche der Romantik. Doch während "Onegin" international bekannt wurde und schon in zahlreiche westliche Sprachen übersetzt wurde, blieb Slowackis Werk im polnischen Raum verhaftet und war dem deutschen Leser bisher überhaupt nicht zugänglich. Gott sei Dank hat Hoelsche-Obermaier in einer hervorragenden und kongenialen Übersetzung 1999 dieses kleine Meisterwerk in einer zudem sehr schönen Ausgabe (mit Anmerkungen, Stellenkommentaren und einem informationshaltigen Nachwort) herausgegeben. Obwohl es in "Beniowski" eine Rahmenhandlung gibt, ist diese doch eher zweitrangig. In Wirklichkeit bilden gerade die schier endlosen Abschweifungen und Polemiken den Schwerpunkt in Slowackis Werk. Slowacki erzählt in diesem historisch-romantischen Epos die Geschichte eines berühmten Abenteurers aus dem 18. Jahrhundert (der ungarische Abenteurer Moricz Benyovszky, dessen Memoiren ein internationaler Bestseller wurden), den er zum patriotischen Helden stilisiert. Kasimir Zbigniew Beniowski ist Angehöriger der Schlachta, des polnischen Adels, der das elterliche Gut, ein kleines Dorf in Podolien, einem Teil der damaligen polnischen Ostgebiete, mit leibeigenen ukrainischen Bauern, erbt. Nachdem er sein Gut aufgrund seines ausschweifenden Lebens verloren hat und seine angehende Heirat mit Angela von seinem Schwiegervater in spe, dem kauzigen Aristokraten Ankwicz, vereitelt wird, schließt sich Beniowski den Konföderierten von Bar an, einem patriotisch gesinnten Zusammenschluss des konservativen polnischen Adels, die gegen den polnischen König Stanislaw August Poniatowski, die ihn stützenden russischen Truppen und die Hajdamaken, ukrainische Bauern und Kosaken, die 1768 ihre polnischen Herren abschlachteten ("Des weiteren sehr ihr Städte, schwarz durch Brände,/Und Junker, Jude, Hund am Straßenschild-/Womit ich den Roman zum Epos wende,/In dem der König eine Rolle spielt")kämpften.

Im weiteren Verlauf der Geschichte erlebt der Leser wie Beniowski sich den berühmeten Mitgliedern der Konföderation, dem Karmeliter Marek und dem Kosaken Sawa-Calinski, anschließt, wie er der jüngeren Schwester von Sawa, Swentyna, gegen die marodierenden russischen Soldaten beisteht (eine wundervolle Passage!), die anschließend sich bei ihm dafür revanchieren wird, wie er mit drei zufälligen Begleitern aus Litauen (darunter der tatarische Dolmetscher Hamed Abdulewicz) nach Krim zum dort herrschenden Tataren-Khan reist, der die Konföderation unterstützen soll. Hier auf der Krim lässt Slowacki seinen Helden in romantischer und burlesker Manier "exotische" Abenteuer erleben, so in dem hochkomischen gescheiterten Versuch das unglückliche, im Sand nackt liegende Fräulein Gruszcynska zu retten, das fast seine ganze Familie beim Hajdamaken-Aufstand verloren hatte. Beniowski ist in der Krim-Szene einer wütenden und kämpfenden Schar von Frauen ausgesetzt, denen er sich schließlich nicht aus physischen, sondern aus moralischen Gründen beugen muss, weil man dann von ihm sagen wird: "Ach, der Ärmste ist zu loben/Der gegen Frauen nicht die Hand erhoben!" Nachdem er im Palast des Tataren-Khans in Gefangenschaft gerät, wird im letzten hier aus dem Nachlass veröffentlichten und übersetzten Gesang Beniowskis und Polens künftiges Schicksal von einem Seher prophezeit. Aber wie schon gesagt ist die Geschichte eher nebensächlich. Viel interessanter sind die zahlreichen Abschweifungen, in denen sich Slowacki in ironisch beißender Polemik mit dem literarischen und politischen Polen seiner Zeit auseinandersetzt. So etwa wenn er das "katholische" Lager (die papsttreuen, "jesuitischen" Kritiker der katholischen Zeitschrift "Junges Polen") in die Zange nimmt: "Dir droht kein Gift, woran du dich auch labst-/Rom ist dein Untergang - das Kreuz dein Papst!" (Papst Gregor XVI. hatte 1832 den Novemberaufstand der Polen in seiner Bulle verurteilt) Besonders heftig und unbeugsam wird Slowackis Auseinandesetzung (man könnte schon von einer Fehde reden!) mit der Galionsfigur des literarischen und geistigen Polens: Adam Mickiewicz. In den letzten Strophen des fünften Gesangs (die noch zu Lebzeiten von Slowacki veröffentlicht wurden) schießt Slowacki seine polemisch-beißenden Pfeile in Mickiewiczs und damit auch Polens Herz, in dem er sich in seinem "Glaubensbekenntnis" einerseits gegen den Vorwurf von Mickiewicz wehrt, dass seine Dichtung eine "Kirche ohne Gott" sei, und zum anderen macht er Mickiewicz die geistige Führerschaft über Polen streitig. Slowacki wirft seinem Kontrahenten vor, er habe sich in seiner Dichtung in die gemeinsame Vergangenheit der Slawen versenkt, sich dem Ratschluss des Papstes demütig ergeben, anstatt sich der ganz anderen Gegenwart zu stellen (Russland als Polens Unterdrücker) und politische Wirkung zu erzielen:

"Ha, ha, mein Seher! Wohin führt der Weg?
Und welcher Leuchtturm, wo, strahlt eurem Pfade?
Im Slawentum taucht echolos ihr weg;
Zur Papsttiara treibt ihr, voll der Gnade,
Vom Blitz des Deneksn hochgeworfnen Dreck...
Ich kenne eure Häfen und Gestade!
Ich gehe nicht den Lügenweg wie ihr,
Geh andre Wege - und das Volk mit mir!"

Neben den polemischen Angriffen auf Polens Literatur-und Kritikerzunft, seine witzigen Pointen und sein hohes Pathos nimmt Slowackie auch sich selbst und sein entstehendes Werk auf die Schippe. Ihm ist bewusst, dass er in der Nachfolge von Ariost und Byron, in seinem Versepos ständig abschweift, in ständigem Wechsel der Handlungsfäden und Tonlagen. Doch dahinter steckt eine Haltung, die er in seinem poetischen Credo verdeutlicht:

"Mir geht's drum, daß die Sprache alles sage,
Geschmeidig ausdrückt, was der Kopf ermißt;
Daß sie mal heftig gleich dem Donnerschlage,
Und mal auch wie ein Steppenlied so trist,
Und mal so weich wie einer Nymphe Klage,
Und mal so schön wie Engelsrede ist..."

Neben Byrons Versepos "Don Juan", neben dem Versroman "Onegin" von Puschkin, neben Heines "Deutschland ein Wintermärchen" und Wielands ironischer Versdichtung "Oberon" ist dieses Werk ein Genuß für alle Leser, die sich für diese ausgestorbene literarische Gattung interessieren.


Wildlife: Roman
Wildlife: Roman
von Richard Ford
  Taschenbuch

5.0 von 5 Sternen Das Scheitern einer Ehe aus der Perspektive des 16jährigen Sohnes. Großartig!, 8. Mai 2014
Rezension bezieht sich auf: Wildlife: Roman (Taschenbuch)
In den letzten vierzehn Tagen habe ich vier interessante Romane von vier amerikanischen Schriftstellern gelesen: Henry Millers Skandalroman "Wendekreis des Krebses", den pessimistischen Roman über eine homosexuelle Liebes-und Freundesbeziehung "Profane Freundschaft" von Harold Brodkey, den exotischen Roman über eine Ehekrise in Nordafrika "Himmel über der Wüste" von Paul Bowles und den Roman "Wilflife.Wildleben" von Richard Ford. Von diesen vier Büchern hat mir der Roman von Richard Ford am meisten gefallen, hat mich am meisten berührt und überzeugt. Richard Ford, der für seinen Roman "Unabhängigkeitstag" den Pullitzerpreis erhielt, erzählt in seinem stillen und anrührenden Roman das Scheitern einer Ehe aus der Perspektive des 16jährigen Sohnes. Der 16jährige Ich-Erzähler Joe lebt im Jahre 1960 mit seinen Eltern Jerry und Jeannette seit kurzem in Great Falls, Montana, zur Zeit des Gypsy-Basis-Ölbooms. Der Vater erhofft sich von dem Umzug einen beruflichen und finanziellen Aufstieg und vor allem ein glückliches Leben mit seiner Familie. Als er jedoch seine Arbeit als Golflehrer in einem angesehenen Reiche-Leute-Golfclub verliert, weil man ihn eines Diebstahls bezichtigt, stürzt er in eine kleine persönliche Krise, in der er für eine ganze Zeit kein Interesse an Arbeit mehr hat. Das alles spielt sich vor dem Hintergrund starker Waldbrände in der Umgebung von Montana, in den bewaldeten Canyons hinter Augusta und Choteau, "Städten, die mir nichts bedeuteten, die aber in Gefahr waren." Am ersten Tag im Oktober kommt Jerry abends nach Hause und verkündet seiner Familie, dass man Leute sucht, die die Waldbrände bekämpfen sollen und dass er sich diesen Leuten anschließen wolle. In einer bewegenden Szene, in der Joe seinen Vater zum Reisebus begleitet, gesteht Jerry seinem Sohn die wirklichen Gründe für seine Entscheidung: "Ich habe diese Unruhe im Kopf. Ich muß was dagegen tun", und verabschiedet sich in einer traurigen und zärtlichen Atmosphäre von seinem Sohn. Joe muss nun mit seiner Mutter, die auf der Suche nach einer Arbeit ist, allein die nächsten drei Tage verbringen. In diesem kurzen Zeitraum ist Joe kleinen häuslichen Veränderungen ausgesetzt, die sich in ihrer Anhäufung zu einer familiären Katastrophe und Tragödie entwickeln. Seine Mutter lernt den älteren und wohlhabenden Warren Miller kennen, der aufgrund eines Unfalls leicht hinkt und von dem sie sich eine Arbeit in seinen Getreidesilos erhofft, zumindest erklärt sie es so ihrem Sohn, der eines Tages am Nachmittag sie mit Warren Miller im Wohnzimmer sieht. Man muss hier bereits betonen, dass all diese Ereignisse und auch die folgenden durch Joes Augen gesehen und geschildert werden, und seine Unschuld, seine Passivität, seine sprachlose Trauer geben dem Roman eine unvergleichliche Intensität. Die Beziehung zwischen Warren Miller und seiner Mutter wird von Joe zunächst als eine solche nicht gesehen. Erst nach einem gemeinsamen Besuch in Warren Millers Haus, erfährt Joe nach und nach die wahren Gefühle zwischen den beiden Erwachsenen, die in ihrer detaillierten und tief psychologischen Schilderung bewegend und großartig ist. Die vielen kleinen Details, für die der Ich-Erzähler ein intuitives Gespür hat, das Durchstöbern in den privaten Sachen in Millers Schlafzimmer, während seine Mutter mit Warren im Wohnzimmer tanzt, der eigenartige Gesichtsausdruck von Warren Miller, nachdem er seiner Mutter und ihm vorgeschlagen hat in seinem Haus die Nacht zu verbringen, der Blick von Joe durch das Wohnzimmerfenster, nachdem seine Mutter noch einmal zurück in Millers Haus gerannt ist und wo er dort mit ansehen muss, wie Warren und seine Mutter in einem leidenschaftlichen, fast schon obszönen Kuss verwickelt sind ("Ich wollte sie gar nicht stoppen oder sie dazu zwingen, etwas zu tun, was sie nicht wollten. Ich wollte nur zusehen, bis das geschah, was geschehen sollte, ganz egal, was es dann war,"), fügen sich ganz langsam zu einem Mosaik zusammen, dem der 16jährige Ich-Erzähler tatenlos ausgesetzt ist. Als er mitten in der Nacht von einem Lärm im Badezimmer geweckt wird, beobachtet er von der Diele aus, wie Warren Miller nackt aus der Toilette kommt und sich hinkend auf das Schlafzimmer seiner Mutter bewegt. Man spürt die Verwirrung und stille Trauer, aber auch die Neugier des Ich-Erzählers: "Aber ich wollte mich nicht von dort wegrühren, weil ich wissen wollte, was noch passieren, und das Gefühl hatte, dass etwas passieren würde." Diese Szene, die noch weitergeht, und wo am Schluss der Sohn seiner nur mit einem Bademantel bekleideten Mutter nach dem sexuellen Akt in der Diele unbeabsichtigt begegnet, ist eine der besten, eindringlichsten und fabelhaftesten. So etwas liest man nicht oft. Als Joes Vater wieder nach Hause zurückkehrt und von der Affäre seiner Frau erfährt, versucht er in seiner Verzweiflung und Unruhe das Haus des Liebhabers seiner Frau anzuzünden. Doch selbst diese aus Verzweiflung und Eifersucht angetriebene Tat ist zum Scheitern verurteilt. Es ist wirklich wunderbar, wie Richard Ford in seinem leisen, aber ungeheuer tiefen, suggestiven und in sich stimmigen Roman den Ich-Erzähler, der selber ein Außenseiter ist, der keine Freunde hat und der sich in dieser Zeit, wie er selber schreibt, nur für seinen Vater und seine Mutter interessiert, zum Zeugen, Gesprächspartner und Vertrauten dessen macht, was sowohl der Vater und die Mutter in ihrem Ehescheitern begehen und sagen. Joe hat sowohl für seinen Vater als auch für seine Mutter Verständnis und versucht verzweifelt seine kleine Welt, die Familie, zu erhalten. Der Roman zeichnet auf knappem Raum, in lakonischer aber eindringlicher Sprache ein fabelhaftes Bild vom Heranwachsen in Amerika der 60er Jahre in einer Gesellschaft, die in ihrer besessenen Sucht nach Glück und Erfolg so etwas wie Geborgenheit und Aufrichtigkeit nicht kennt.


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