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Rezensionen verfasst von
Vigoleis "Sprachschwelger" (Witten)

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Herrn Zetts Betrachtungen, oder Brosamen, die er fallen ließ, aufgelesen von seinen Zuhörern
Herrn Zetts Betrachtungen, oder Brosamen, die er fallen ließ, aufgelesen von seinen Zuhörern
von Hans Magnus Enzensberger
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 15,00

10 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Kleine Lebensweisheiten des Herrn Z., 15. September 2013
Dieses kleine Büchlein ist aus mehreren Gründen zu empfehlen. Erstens passt es in jede Jackentasche oder Handtasche, kann also stets gelesen werden, bevor einen die Langeweile überwältigt. Dann kann man das Buch irgendwo aufschlagen und lesen. Die über 250 kleinen Erzählungen, Aphorismen oder Dialoge zu aktuellen oder allgemeinen Themen des Herrn Z. haben es in sich.
Manchmal scheinbar einfach oder gar trivial, entfalten sie ihre untergründige Sprengkraft und Irritation erst beim Nachdenken. Die Geschichten erinnern in Inhalt und Struktur etwas an die Keuner-Geschichten von Bert Brecht oder an die französischen Moralisten des 18. Jahrhunderts.

Die Themen reichen von Religion, Altersweisheit, Freundschaften, Sprachgebrauch und menschlichen Gewohnheiten sowie Vorlieben bis zu quasi philosophischen Diskursen über Gott und die Welt. Es ist ein Buch voller kluge Einsichten und Weisheiten.
Hier ist für jeden Leser etwas dabei, das ihn schmunzeln, zustimmen, manchmal widersprechen oder nachdenklich werden, aber auf jeden Fall interessiert lesen lässt.
Für Reisen, lange Herbst- oder Winterabende, aber eigentlich für jede Gelegenheit die richtige Lektüre.


Warum ich kein Christ bin: Bericht und Argumentation
Warum ich kein Christ bin: Bericht und Argumentation
von Kurt Flasch
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

75 von 87 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Persönliches Bekenntnis eines großen Gelehrtern, 3. September 2013
Dieses Buch ist keine Abrechnung mit der Kirche oder eine allgemeine Auseinandersetzung mit der Religion. Kurt Flasch weist in seinem Vorwort darauf hin, dass dieses Buch keine Kirchenkritik sei, sich auch nicht mit dem Zustand der Kirchen beschäftige. Ihm gehe es allein um die kirchliche Lehre und um seinen Weg zu der titelgebenden Erkenntnis. Den Titel des Buches trug bereits vor vielen Jahren eine zweisemestrige Vorlesungsreihe an der Uni Bochum. Man kann das Buch also eine nachgeholte schriftliche Begründung nennen.
In zwei Teilen und in insgesamt 9 Kapiteln befasst sich Flasch, ausgewiesener Mittelalterhistoriker und Philosoph, mit den verschiedenen Glaubensbegründungen und den Themen der christlichen Lehre, wobei er sich eigentlich sich nur auf die katholische und evangelische Lehre bezieht. Die orthodoxen Kirchen bzw. Lehrern bleiben weitgehend ausgespart. Kurt Flasch lässt für die Prüfung des Wahrheitsgehalts der kanonischen Texte, hebräische Bibel und das Neue Testament, nur die Methode der historisch-kritischen Textanalyse zu. Ebenso verfährt er streng philosophisch mit dem Wahrheitsanspruch der Christen, mit der Ethik und anderen Aussagen. Er legt also an die kanonischen Texte die Maßstäbe einer wissenschaftlichen Textkritik an, wie er sie bei der Analyse alter Texte erlernt hat. Dies ist aber keine innerkirchliche Kritik, sondern wird von außen an die Kirchenlehre herangetragen. Erwähnenswert auch die grundsätzliche Einstellung Kurt Flaschs zur Kirche. Er selbst hat keine negativen Erfahrungen mit Kirche und Priestern gemacht. Es waren die Antworten auf seine Fragen an die Texte und an die Dogmen sowie seine wissenschaftlichen Erfahrungen als Textinterpret und Philosoph, die ihn zur Abkehr vom Christum veranlassten.
Diese Fragen und Analysen, die für manchen Laien sicherlich gelegentlich ermüdend sein können, sind für den philosophisch Interessierten eine überaus spannende Lektüre. Vor allem, weil Flasch, der sich als Agnostiker und nicht als Atheist versteht, seine Analysen und Thesen ohne Häme und Polemik ausführt. Allerdings scheut er auch keine deutlichen Worte, wenn er bestimmte Neodogmatiker angreift oder auch nebenbei bekannte Christen wie Küng, und Drewermann kurz abfertigt. Klaus Berger wird zwar namentlich nicht erwähnt, jedoch kann man an einigen Stellen mühelos seinen Namen ergänzen.
Ich kann in dieser kurzen Rezension nicht die vielen exemplarischen Analysen anführen, deshalb seien nur einige Beispiele genannt. Wenn also von Wunderheilungen in einigen Evangelien die Rede ist, dann fragt Flasch konkret nach, wann wurde der Text verfasst, gibt es Beweise dafür oder tauchen in anderen, oft älteren Texten, diese oder ähnliche Wunderberichte auf. Widersprechen sich die Evangelien zu bestimmten Fakten, dann ist ihm das ein Indiz, dass eine Version nicht stimmen kann und er fragt sich, warum man dem Verfasser dann in anderen Punkten glauben sollte. Insbesondere lehnt er die Vorstellung ab, dass die Bibel Gottes Wort sei und belegt seine Argumentation mit vielen Beispielen. Beispielhaft seine Fragen an das Glaubensbekenntnis der Katholiken. Dabei fordert Flasch keineswegs, dass sich die Leser bzw. Gläubigen seinem Votum anschließen, er will niemanden zum Nichtchristen bekehren. Was er aber erwartet, dass sich jeder Gläubige diesen gewonnenen kritischen Erkenntnissen stellt. Was der Gläubige dann damit macht, das ist Flasch dann nicht mehr wichtig.
Die teilweise geäußerte leichte Kritik, dass Flasch die moderne Entwicklung des Christentums nicht ausreichend berücksichtige, geht an dem Anliegen Flaschs vorbei. Auch heute noch wird das Glaubensbekenntnis gebetet, wird der Glaube an die Dogmen der unbefleckten Empfängnis, der Auferstehung Jesu, Himmelfahrt etc. gefordert. Flasch wendet sich ausdrücklich nicht gegen Religion, sondern er schreibt: Religion ist vielgestaltiger, bunter, uriger. Sie erzeugt poetische Vielfalt und Geschichtsbezug." Er akzeptiert die heute geäußerte christliche Wahrheit nicht als alleinige Wahrheit. Vielmehr plädiert für einen relativistischen Wahrheitsbegriff. Das mag für einige unbefriedigend sein, aber die vielen Beispiele bzw. Textsorten, die er dafür anführt, machen deutlich, dass damit alle gut leben könnten. Allerdings glaubt er nicht so recht daran, dass es dazu kommen könnte. Die monotheistischen Religionen brauchen das zugleich universalistische und faktisch-objektivistische Wahrheitskonzept: Da ihr Gott der einzige Gotte sein soll, muß er es für alle sein." (S. 106) Jan Assmann lässt grüßen.
Dieses Buch kann ich nur jedem empfehlen, der sich mit der christlichen Religion und ihren Werten und Anschauungen befassen will. Allerdings ist es keine einfache Lektüre, man muss es sicher mehrmals lesen, um es in allen Facetten zu verstehen. Flasch lässt den Leser an seinen Überlegungen teilhaben und macht seine Analyse überprüfbar. Seine Ausführungen sind kein oberflächliches Gerede wie von Manfred Lütz und auch keine Polemik und keine penetrante Besserwisserei a la Klaus Berger. Christ, Atheist oder Agnostiker können ganz entspannt dieses Buch lesen und sich an der dargestellten Vielfalt und am Erkenntnisgewinn freuen.
Kommentar Kommentare (3) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Feb 14, 2014 2:10 PM CET


Orient-Express
Orient-Express
von John Dos Passos
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,90

3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Der etwas anders geschilderte Orient, 27. Juli 2013
Rezension bezieht sich auf: Orient-Express (Gebundene Ausgabe)
1921 reiste der damals noch unbekannte amerikanische Autor John Dos Passos mit dem Orient-Express von Ostende über Venedig nach Konstantinopel. Ab erst ab Konstantinopel wird es richtig exotisch und fremdländisch. Es geht über das Schwarze Meer nach Trapezunt und dann nur noch auf dem Landweg nach Nordosten bis nach Tiflis in Georgien: Dort im Kaukasus ist man am nördlichsten Punkt und nun geht die Reise nach Südosten. Über Eriwan in Armenien und Täbris bis Teheran. Von dort geht es dann nach Südwesten durch Persien und den Irak bis Bagdad. Von Bagdad ein kurzer Abstecher nach Babylon und dann mit einer Kamelkarawane durch die Wüste bis in die syrische Hauptstadt Damaskus.

Dies die Reiseroute, die sehr schön in den vorderen und hinteren Buchdeckel eingezeichnet ist. Was macht dieses Buch für den heutigen Leser interessant und lesenswert? Dos Passos interessieren die Menschen und es ist eine Zeit des Umbruchs. Der Erste Weltkrieg ist vorbei, der türkisch-griechische Krieg spielt in den Berichten der Einheimischen eine Rolle, ebenso die kolonialen Besatzungsmächte England u d Frankreich. Viele Gespräche und grundsätzliche Einstellungen kommen uns sehr bekannt vor. Die Griechen beschuldigen die Türken und umgekehrt der Kriegsgräuel, die Armenier beschuldigen Türken und umgekehrt der Tötungen von vielen Menschen. Auch der Bolschewismus spielt in den nördlichen Regionen eine Rolle in den Berichten der Menschen. Man lernt den Fatalismus der Araber und vieler Menschen der Region ebenso kennen wie den Hass auf die Herren aus dem Westen, gemischt mit heimlicher Bewunderung für westlichen Lebensstandard und Industrialisierung. Vor allem das fatalistisch ertragene Elend in den Städten, die Hungersnöte, fehlende akzeptable Wohnungen und ausreichende medizinische Versorgung lassen Dos Passos immer wieder erstaunen.
Dabei enthält er sich wohltuend wertender Urteile. Er ist ein aufmerksamer Beobachter und Berichterstatter. Hinzu kommt eine heute kaum noch erlebbare Entschleunigung der Reise. Man stelle sie sich heute mit dem Flieger und dem IC vor. Wer nimmt sich heute noch die Zeit, um Land und Leute kennenzulernen? Auch fehlt natürlich der heute obligatorische Tourismus, obwohl einige der bereisten Regionen heute den westlichen Touristen nicht zugänglich sind. Auffällig, während der gesamten Reise keine Passkontrollen oder andere formale Hindernisse. Nur manchmal wollte man den unreinen" Westler nicht im Cafè haben.
Beeindruckend vor allem die Schilderung der 36tägigen Expedition durch Wüste mit Kamelen. Trotz allen Elends, unzureichender Ernährung etc. ist Dos Passos hier glücklich. Nie wieder werde ich an so aromatischen Lagerfeuern sitzen, mit so feinen Leuten zusammen sein. Mein Gott, ich fühle mich gut, bärtig, vollblütig, die Wüste, dieses kalte purpurrote feuersteinerne Plätteisen, hat alles Gallige aus meinem Bauch, alles Runzlige aus meinen Gedanken weggebügelt." (S. 153)
Ich habe jedenfalls nach diesem Bericht über diese Reise doch viel Neues über die Konflikte und die Menschen dort erfahren. Diese bis heute oft fortdauernden Konflikte sind ja zum Teil durch willkürliche Grenzziehungen seitens der Kolonialmächte verursacht worden. Ein alter Kulturraum erschließt sich in seinen vielen Facetten dem interessierten Leser.

Der letzte Teil des Buches schildert dann seine Reise in Marokko und den Rückflug in seine westliche Heimat. Auch hier sind einige Glanzstücke der teilnehmenden Beobachtung der Bevölkerung und des Alltags zu lesen. Eingestreut sind Gedichte von Blaise Cendrar, die dem Orient-Express einen poetischen Glanz verleihen. Abgerundet wird der Reisebericht durch Anmerkungen und ein kluges Nachwort des ausgewiesenen Experten für diese Region, Stefan Weidner.
Für Leser, die sich für diesen geografischen Raum und die Menschen und die Ursachen der Konflikte interessieren, aber auch für Leser, die sich einfach in eine vergangene Zeit versetzen lassen wollen, eine nur zu empfehlende Lektüre.


Ein Tag im Jahr im neuen Jahrhundert: 2001-2011
Ein Tag im Jahr im neuen Jahrhundert: 2001-2011
von Christa Wolf
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 17,95

4 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Der blinde Fleck der Christa Wolf, 19. Mai 2013
Das Jahrestagebuch Ein Tag im Jahr im neuen Jahrhundert" schließt an das bereits 2003 veröffentlichte Buch Ein Tag im Jahr. 1960 - 2000" an. Darin berichtet Christa Wolf jeweils über den 27.09. des Jahres. Alles, was an diesem Tag passiert und auch was sie reflektiert, erinnert, plant wird berichtet und kommentiert. Das ist in vielen Passagen aufschlussreich und interessant, zumal Chr. Wolf völlig uneitel ist und keine Nabelschau präsentiert. Chr. Wolf Leser erfahren viel Privates über Ehe, Familie, Alltagsnöte, zunehmend Krankheiten etc. Doch neben diesen unspektakulären Schilderungen kommentiert sie auch das politische und gesellschaftliche Geschehen in Deutschland und der Welt. Und genau hier setzen meine Einwände ein.
Es ist Christa Wolf natürlich unbenommen, sich subjektiv über die Wiedervereinigung, die Gesellschaft, den Kapitalismus, die USA, den Hunger in der Welt etc. zu äußern. Aber in diesen Fällen ist sie eine normale Bürgerin und darf auch für ihre Meinung kritisiert werden. Zwar habe ich mich manchmal über ihre politischen Meinungen und oberflächlichen, auf jeden Fall einseitige Aussagen geärgert, hätte aber deswegen keine Rezension geschrieben.
Wenn dieses Buch aber ausdrücklich als kluges" Buch geradezu eine Eloge bekommt, verschlägt es mir die Sprache. Um Missverständnissen vorzubeugen. Diese Einlassungen sind keine Rezension im üblichen Sinne, sondern sollen ein wenig die problematische Seite des Tagebuchs zeigen. Mir geht es in dieser Stellungnahme vor allem um ihre politischen Einlassungen.
So ihre Feststellung, dass die BRD keine Alternative für sie war. Nun hätte ich gerne einmal eine Reflexion darüber, warum die BRD 1965 und später für sie keine Alternative war, denn das wäre doch interessant. Sie äußert im Buch knapp: Drüben ist keine Alternative. (....) Habe ich die Bundesrepublik damals zu kritisch gesehen? Ich glaube eigentlich nicht." (S. 36). Für ihre Freundin Sarah Kirsch, für Hans Joachim Schädlich, Jürgen Fuchs, Thomas Brasch, Walter Hilbig, Reiner Kunze, für Manfred Krug, Jurek Becker, um nur einmal einige bekannte Autoren oder Künstler zu nennen. Natürlich spricht nichts dagegen, dass sie in der DDR geblieben ist, aber wie sie dies beschreibt, darf man doch als unzulänglich und intellektuell nicht auf der Höhe kritisieren dürfen.
Oder ihre Aussagen zu G.W. Bush, dass die DDR-Oberen nicht so schlimm wie er gewesen seien Sie schreibt:" ..daß Mr. Bush, der den Irak-Krieg im vollen Bewußtsein von Lügen lostrat, ein ungleich schlimmerer Verbrecher ist, als es die wenig mächtigen Obrigen in der DDR es je hätten sein können." (S.98) Nichts gegen die Bush-Kritik und die Kritik am Irak-Krieg, aber dass die DDR-Obrigen nie zu ähnlichen oder schlimmeren Taten fähig gewesen wären, verschlägt mir denn doch die Sprache. Hat nicht E. Krenz die Massaker in Peking verteidigt, haben nicht alle DDR-Obrigen den Einmarsch in die Tschechoslowakei begrüßt, die Niederschlagung der Aufstände von 1953 und 1956 in Ungarn verteidigt bzw. gefordert? Sie hatten nur nicht die Mittel und die Macht, sonst wären sie selbst die Täter gewesen. Dann gibt es aber noch einen, wenn auch in ihren Augen vielleicht unbedeutenden Unterschied. Georg W. Bush ist vom Volk gewählt worden, wenn auch unter nicht ganz sauberen Umständen (Florida), aber wenigstens hatten die Amerikaner die Wahl. Diese wurde aber den DDR-Bürgern doch stets vorenthalten. Wahlfälschung inbegriffen. Alles das wird ausgeblendet.
Nehmen wir mal ihre Einsichten zum Kriegsende. Sie meint sich zu erinnern, dass im April 1945 ihr Flüchtlingstreck von einem amerikanischen Flugzeug beschossen wurde. Sie hat das Hoheitszeichen erkannt. Dann die Sätze: Und von der Einsicht, daß die Bomben auch die Widersprüche im eigenen Land zudecken und zudecken sollen. Jedenfalls als erstes den Widerspruch." S. 21. Wie bitte, die amerikanischen Piloten kämpften hier nicht gegen die Wehrmacht Hitlers? Sie deckten mit ihren Bomben zuerst die Widersprüche im eigenen Land zu?
Oder ihre Überlegungen zur Zustimmung zu dem Satz des amerikanischen Präsidenten: Wer nicht für uns ist, ist für unsere Feinde." Sie merkt richtig an, dass man kritisches Denken, ist es einmal unterdrückt, nicht beliebig wieder angeknipst werden kann. Dem kann man sogar zustimmen, aber mir fällt da der Vietnamkrieg ein, wo die amerikanische Jugend und dann die Mehrzahl der Amerikaner sehr wohl wieder zu kritischem Denken gelangen. Solche historischen Fakten werden ausgeblendet. Christa Wolf ist doch selbst ein Beispiel dafür, dass trotz Unterdrückung der Kritik im Land man kritisch bleiben kann. Ich könnte noch anführen, dass meines Wissens Christa Wolf nicht gegen den Einmarsch der Warschauer Paktstaaten in die Tschechoslowakei oder der Sowjetarmee in Afghanistan protestiert hat.
Dann sorgt sie sich um das Wohlergehen der Menschen". Ich muss den ganzen Satz zitieren, damit die dahinterstehende naive, nur wohlwollende Meinung deutlich wird. Sie fragt, wo es die gesellschaftlichen Kräfte gibt, die das Establishment zu einer Verhaltensänderung zwingen könnten und fährt fort , daß wir alle, die wir von der gegenwärtigen ungerechten Weltordnung profitieren, auf Dauer nur überleben können, wenn wir uns auch um das Wohlergehen der Menschen sorgen, die jetzt unter dieser Ordnung leben." Ein völlig nebulöser, aber deutlich wohlmeinender Satz. Wer ist mit Establishment gemeint? Es ist das Jahr 2001. Wer sollte in China die chinesische Regierung bzw. Partei zwingen, die ungerechte Ordnung in China zu reformieren? Oder in Afghanistan? Wer sollte die Taliban zu einer Verhaltensänderung bewegen, die Russen in Tschetschenien, die Israelis bzw. Palästinenser während der zweiten Intifada, die Armeen im 2. Kongokrieg. Von den politischen und ökonomischen Problemen in Nordkorea und anderen Diktaturen nicht zu reden. Wer soll dies wie leisten? Kein Wort dazu, nur unreflektierte Appelle, bei denen ihr der Beifall der Unpolitischen sicher ist. Aber Frau Wolf fungiert nun mal gerne als Moralapostel. Ich werfe ihr nicht vor, diese Sätze zu schreiben, denn nicht jeder verfügt über ein hinreichendes Reflexionsniveau, aber dass diese politisch unzulänglichen Einlassungen noch als klug gelobt werden, verschlägt mir denn doch die Sprache.
Völlig in gefährliches Fahrwasser begibt sie sich, wenn sie berichtet, dass ihre Fußpflegerin die Arbeit in einer Fabrik in der DDR als die schönste Zeit in ihrem Leben bezeichnet. Das mag so sein, aber nach dem 2. Weltkrieg haben über 40% der Deutschen sich ähnlich über ihr Leben im 3. Reich geäußert. War deshalb das 3. Reich keine Diktatur oder haben die Morde nur Hitler, Goebbels und Himmler begangen? Christa Wolfs Ansichten über politische Sachverhalte oder Probleme sind oft unterkomplex, zu vereinfacht schwarz-weiß. Nun ist dies kein Geschichts- oder Politikbuch, so dass ihr das nicht vorzuhalten ist. Sie darf ihre subjektiven Ansichten äußern, muss sich aber Kritik gefallen lassen. Jedenfalls sind diese Ansichten und Meinungen alles andere als klug.
Ein anderes Beispiel sind ihre Auslassungen zu Frau Steinbach und ihrer Forderung nach einem Vertriebenendenkmal. Ich halte nichts von der Person Steinbach, ihrem Vorschlag und ihrem öffentlichen Auftreten Wenn Ch. Wolf aber ihre Forderung politisch absichtlich instinktlos" nennt und S. Maischberger zitiert, dass Frau Steinbach im Gegensatz zu ihr, Christa Wolf, keine Vertriebene sei, so wird hier auch wieder der Komplex Vertreibung auf Westkritik reduziert. Wer weiß denn heute noch, dass in der DDR das Wort Vertreibung Tabu war. Man nannte diese Leute, die aus Schlesien oder der Tschechoslowakei nach Westen vertrieben wurden oder auch die polnische Flüchtlinge, Umsiedler. Flüchtling oder Vertriebener waren verpönt, es hatte keine Vertreibung gegeben. In der Geschichtswissenschaft wird gerade auch im angelsächsischen Raum heute ganz deutlich von dem Verbrechen der Vertreibungen, nicht nur der Deutschen, nach dem 2. Weltkrieg gesprochen. Wer weiß denn heute noch, dass damals 12 - 14. Millionen Deutsche aus dem Osten flüchten und integriert werden mussten? Bei Ch. Wolf findet sich dazu nichts. Sie findet nur die Vokabel instinktlos". Sie blendet diese schlimmen Erfahrungen der Vertriebenen aus, die gleichsam stellvertretend für alle Deutschen mit dem Verlust der Heimat und dem gesamten Hab und Gut für die Verbrechen der Deutschen bestraft wurden.
Ich will es damit bewenden lassen, denn Christa Wolf hat ja ein persönliches Tagebuch und kein vorwiegend politisches Werk. Für Christa Wolf Leser sicher ein interessantes und aufschlussreiches Buch, das aber auch ein wenig kritisch gelesen werden sollte. Weil es zur Diskussion anregt und eine authentische Sicht einer DDR-Biografie zeigt, gebe ich sogar 4 Sternchen.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: May 24, 2013 10:47 AM MEST


Die Flakhelfer: Wie aus Hitlers jüngsten Parteimitgliedern Deutschlands führende Demokraten wurden
Die Flakhelfer: Wie aus Hitlers jüngsten Parteimitgliedern Deutschlands führende Demokraten wurden
von Malte Herwig
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,99

9 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Der dunkle Fleck vieler Nachkriegsdemokraten und Künstler, 16. Mai 2013
Um es gleich vorab zu sagen, ein notwendiges und hervorragendes Buch. Warum? Es stellt die Frage der der verschwiegenen NSDAP_Mitgliedschaft vieler prominenter Demokraten wie Genscher, Eppler, Emke oder Künstler wie D. Wellerhoff, W. Jens, E. Loest, M. Walser, H. Hoffmann, S. Lenz, H.W. Henze sowie Wissenschaftler wie I. Fetscher, N. Luhmann, H. Lübbe etc., ohne sie zu denunzieren oder vorschnell zu vorurteilen. Natürlich kommt auch die Waffen-SS-Zugehörigkeit von Günter Grass zur Sprache. Gerade Grass und Walser widmet er eigene Kapitel und hat sie auch, wie viele andere zum Thema interviewt.
Für Herwig ist nicht die Tasache der Mitgliedschaft an sich spannend und unverständlich, sondern das Beschweigen danach. Er gesteht den meisten der Genannten diese Jugendtoheit zu, die sie ja dann in der BRD um so fulminanter widerlegt hätten, indem sie alle vor dern Gefahren von Ideologien und totalitären Regimen warnten. Er fragt sich, warum sie sich nicht in de rLagse sahen, dies auch bei Auftauchen der Mitgliedskarte oder des Aufnahmeantrags sich dazu bekenn konnten.
Nur wenige wie I. Fetscher oder Loest stehen dazu und erklären auch nachvollziehbar, warum siue es vergaßen oder verdrängten.
Aber die meisten anderen reden sich mit einer kollektiven Zwangsüberführung ganzer HJ-Jahrgänge heraus, was Herwig anhand allierter Akten und Stellungnahmen in das Reich der Legende weist.
Interessant vor allem auch die Weigerung deutscher Regierungen, dass Dekoumentationscenter in Berlin mit den Mitgliedskarten und Anträgen der NSDAP zu übernehmen. Ebenso aufschlussreich, wie Herwig die Diskrepanz zwischen antifaschistischem Anspruch und der Realität in der DDR aufzeigt.
Fazit. Für jeden, der sich mit dieser Thematik befassen will, ein Muss.


Rudolf Steiner: Die Biografie
Rudolf Steiner: Die Biografie
von Helmut Zander
  Gebundene Ausgabe

59 von 87 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein kompetent und kritisch informierendes, aber kein polemisches Buch, 12. Februar 2011
Noch eine Rezension des Buches von Helmut Zander, bringt die noch etwas Neues? Ich hoffe, dass ich für diejenigen Leser, die sich über die Person Steiners und seine Lehren bzw. Theorien informieren möchten, und deren Interesse zwar kritisch, aber nicht polemischer Natur ist, durchaus einige wichtige informierende und differenzierte Bewertungen geben kann.
Zuerst eine knappe Inhaltsangabe, was den Leser erwartet. Zander zeichnet zunächst die Herkunft und die Studienzeit Rudolf Steiners nach, um dann auf den Philosophen und Theosophen Steiner einzugehen. Diese Darstellung umfasst ca. 300 Seiten und die Zeit bis ungefähr 1907. Danach geht er auf den weiteren Lebensweg Steiners und seine Transformation der Theosophie zur Anthroposophie sowie auf die Praxis von Steiners Theorie ein, also auf Waldorfpädagogik, alternative Medizin und Landwirtschaft usw. Den Abschluß der Lebensdarstellung bildet das Kapitel seines Todes in der "Werkstatt" und ein Ausblick auf sein Erbe. Das letzte Kapitel beschäftigt sich mit anderen Büchern zu Steiners Leben und den Grenzen des Verstehens.
Zander, der seit seiner Studie über die "Anthroposophie in Deutschland" als Experte auf dem Gebiet gilt und in der Wissenschaft anerkannt ist, wird jedoch von fundamentalistischen Anthroposophen geradezu mit Hass verfolgt, er bekam sogar Morddrohungen, und sein Buch wurde mit Polemik und Häme überzogen.
Der unvoreingenommene Leser wird nach der Lektüre allerdings feststellen, dass nichts von den Anwürfen stimmt. Im Gegenteil. Es ist nun einmal so, dass Steiner durchaus ein Kind seiner Zeit war und er seine Erkenntnise und Theorien keinesfalls von großen Meistern erhalten oder in erhellenden Stunden durch Denken allein hervorgebracht hat. Dies ist ja nicht schimm, jeder Philosoph,Psychologe oder Geisteswissenschatler fußt auf Erkenntnissen anderer und ergänzt bzw. verändert diese. Dieses Eingebettetsein in die Strömungen der damaligen Zeit haben auch Miriam Gebhardt und Heiner Ullrich in ihren jüngst erschienenen Biografien nachgewiesen.
Diese Auffassung wird aber von orthodoxen Anthroposophen vehement zurückgewiesen. Nun weist Zander diese Affinität, wenn nicht sogar Abhängigkeit von anderen mit vielfältigen Belegen und Zitaten akribisch nach. Ob es sich dabei um Goethe, Darwin, Häckel, Nietzsche oder um die Vertreter der Theosophie handelt. Steiner ist dabei durchaus originell, aber versucht im Nachhinein, diese Abhängigkeiten oder das Herkommen zu verschleiern und seine Theorien und Anschauungen als selbständige und unabhängige Erkenntnisse zu deklarieren. Dass es bei solch unterschiedlichen Vorbildern oder Autoritäten durchaus zu Brüchen oder Diskontinuitäten in seiner Entwicklung kommen musste, dies zeigt Zander an vielen Beispielen. Zander spricht allerdings hinsichtlich des Übergangs von der Theosophie zur Anthroposophie lieber von Transformation. Hier sind sicher einigen Anthroposophen seine manchmal saloppen Formulierungen etwas respektos. Es ist aber keinesfalls so, dass er häufig oberlehrerhaft argumentiert oder gar Fakten verfälscht, wie dies J. Heisterkamp hinsichtlich der Charakterisierung der Musik Richard Wagners als "Barbarei" meint anmerken zu müssen. Nicht nur erwähnt auch die anthroposophische Biografie von Christoph Lindenberg diesen Fakt, sondern man findet in Steiners Autobiografie "Mein Lebensgang" diese Formlierung auf den Seiten 74 und 76 (Ausgabe 2011)ganz exakt wie zitiert. Ebenso wird ihm immer vorgehalten, Steiner ungerechtfertigt als Antisemiten abzustempeln. Zander tut dies überhaupt nicht, vielmehr führt er aus:"So dramatisch dieses Denken auch war: Man muß auch festhalten, dass Steiner nicht zu dem Flügel des Antisemitismus gehörte, der zwischen Aussiedlung und Mord das Ende des euroäischen Judentums betrieb" (Zander , S. 75). Gleichwohl kritisiert er diese Besprechung Steiners und auch seine Reaktion auf die Vorhaltung des Juden Ladislas Specht, in dessen Haushalt Steiner als Lehrer der Söhne zeitweise lebte. Auch Lindenberg sieht hier eine Entgleisung Steiners.
Zander gibt über den bloßen Lebensweg Steiners hinaus auch sehr viele Informationen über die Zeit und die in dieser Zeit virulenten Theorien und Stimmungen. Ob es die okkulten Bewegungen zum Ende des 19. und Anfang des 20.Jahrunderts sind, die pädagogischen Reformbewegungen oder die zunehmende Akzeptanz der Evolutionstheorie und auch immer stärker werdende Technik- und Fortschrittseuphorie. Oder mit den Worten Zanders: "Die vorliegende Biografie versucht, den bis dato erarbeiteten Wissensstand über Rudolf Steiner zusammenzutragen und in eine Deutung zu überführen, die den Anspruch Steiners, Hellseher zu sein, nicht aus der Perspektive ewiger Wahrheiten erklärt, sondern aus den Lebenswelten des 19. Jahrunderts."
Insgesamt zeichnet Zander durchaus ein positives Bild von der Person Steiners und seinem Wirken, ohne dass er allerdings die Zeitgebundenheit vieler Elemente seiner Theorie unterschlägt. Er macht auch deutlich, wie der große Erfolg Steiers insbesondere nach dem 2. Weltkrieg zu erklären ist, ohne auch hier zu verschweigen,dass es ein Problem der deutschen Anthroposophie ist, sich nicht, wie z.B. die Psychoanalyse nach Freud, weiterentwickelt zu haben.
Wer etwas mehr über den Gründer der Waldorfpädagogik und Vater der Anthroposophie wissen will und sich nicht daran stört, dass dies nicht von einem Insider, sondern von einem interessierten Wissenschaftler mit Außenperspektive geschieht, ist mit diesem Buch glänzend bedient. Er sollte sich auch nicht vom Umfang, fast 500 Seiten, abschrecken lassen, wenn es auch an einigen Stellen manchem etwas zu detailliert sein mag.
Zum Schluß noch ein Wort zu den fundamentalistischen Anthroposophen. Statt sich darüber zu freuen, dass Steiner endlich auch von kritischer wissenschaflicher Seite nicht nur wahrgenommen, sondern durchaus als herausragende Person des 19. und 20. Jahrhunderts gesehen wird, die als eine der wenigen Personen noch heute eine große und wachsende Anhängerschar vor allem in der Praxis der Waldorfpädagogik, der Medizin und Ökologie hat, schäumen sie geradezu und bezeichnen Zander als Gossenjournalisten und bestreiten seine wissenschaftliche Kompetenz. Dies sagt mehr über sie selbst als über Zander und seine Biografie aus. Mit den beiden anderen neuen Biografien von Miriam Gebhardt und Heiner Ullrich hat der Leser jetzt die Möglichkeit, sich umfassend über Steiner und seine Anthroposophie zu informieren und sich selbst ein Bild zu machen. Er ist dann nicht mehr nur auf Informationen aus der oft unkritischen Anhängerschaft angewiesen, sondern kann vergleichen und urteilen.
Kommentar Kommentare (6) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Feb 14, 2011 1:10 PM CET


Die 10 größten Erziehungsirrtümer und wie wir es besser machen können
Die 10 größten Erziehungsirrtümer und wie wir es besser machen können
von Ralph Dawirs
  Taschenbuch
Preis: EUR 14,95

61 von 78 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Nicht nur Mütter können erziehen, 2. Februar 2011
Auch ich bin durch die positive Rezension des Buches in der FAZ aufmerksam geworden und habe es mir gekauft, zumal auch bei Amazon das Buch durchweg enthusiastisch besprochen wurde (5x 5 Punkte). Nach der Lektüre des Buches kann ich diese Urteile allerdings nicht so ganz verstehen.
Vorab. Natürlich stehen viele richtige und nützliche Überlegungen und Ratschläge in dem Buch. Auch ist die grundsätzliche Haltung zu Erziehungsratgebern und Erziehung nur zu unterstreichen, doch es sind einige Äüßerungen und Einstellungen der Autoren, die mich geärgert haben und wissenschaftlich bzw. nach Faktenlage nicht haltbar sind.

1. Im 1. Kapitel geht es um die Bezugsperson des Babys in den ersten Lebensjahren. Hier sind die Autoren ganz auf die Mutter fixiert. In diesem Zusammenhang unterstellen sie dem Staat, er wolle durch die Einrichtung von Krippenplätzen für Kinder unter drei Jahren die Elternrechte aushöhlen zugunsten von ökonomischen Interessen des Staates und der Wirtschaft. Einen größeren Unsinn habe ich selten gelesen. Nicht nur das Deutschland auf diesem Feld unter den westlichen Ländern einen hinteren Platz einnimmt, sondern der Bund, die Länder und Städte und Gemeinden haben mit Unterstützung der Kirchen sich jahrelang gegen die Einrichtung von Krippenplätzen gewehrt. Noch im letzten Jahr wurde mitgeteilt, dass man voraussichtlich den gesetzlichen Anspruch bis 2013 nicht erfüllen könne. Wie die Autoren hier zu ihrer Argumentation kommen, bleibt ein Rätsel. Die Intention ist dagegen klar, die Frau soll zu Hause und am Herd bleiben und die Kindererziehung übernehmen. Das ist die konservative Ideologie.

2. Nur Mütter könnten die Rolle als wichtige Bezugsperson zur Herstellung einer sicheren Bindung übernehmen und erfüllen. Der Vater oder andere Personen werden, wenn überhaupt, nur am Rande erwähnt und die Erzieherinnen in einer Krippe als das Kind nicht liebende Personen abqualifiziert. Richtig ist, dass Mütter in der Rgel diese Aufgabe gut wahrnehmen und eine frühzeitige Krippenbetreuung Probleme bringen kann. Das muss aber nicht zwangsläufig so sein. Hier sollten die Autoren einmal die Erkenntnisse der führenden deutschen Bindungsforscherin Lieselotte Ahnert zur Kenntnis nehmen, die sie in ihrem Buch "Wieviel Mutter braucht ein Kind?" dargelegt hat. Ahnert belegt mit zahlreichen Studien aus aller Welt, dass sehr wohl andere Personen eine hervorragende Betreuung mit sicherer Bindung des Kindes leisten können. Auch führt eine vorzeitige Krippenbetreuung bei guten Einrichtungen und entsprechenden Rahmenbedigungen und ergänzender guter häuslicher Betreuung durch Eltern etc. keineswegs zu irgendwelchen Defiziten in der Entwicklung. Hier hilft auch die unsinnige Formel der beiden Autoren nichts. Auch überrascht, dass das Problem der Mütter, die unter einer postnatalen Depression leiden oder sonst psychisch labil sind, überhaupt keine Erwähnung findet.

3. Im 2. Kapitel formulieren die Autoren einige abstruse Ansichten. Zum Beispiel, dass die Schule schlecht sei, wenn Eltern bei den Hausaufgaben helfen müssten. Dies zeugt nicht gerade von Kenntnis heutiger schulischer Realität. Es gibt in allen Schulformen Kinder, die, z.B. im Fach Mathematik, im Unterricht überfordert sind und die Lehrer aber keine Zeit haben, bei der Anzahl der überforderten Kinder, diese Defizite völlig im Unterricht zu beheben. Hier ist Übung und sind Hausaufgaben erforderlich, bei denen die Eltern ggf. Unterstützung leisten müssen. Ebenso abwegig ist die Behauptung, dass Zigaretten- und Alkoholkonsum der Mutter während der Schwangerschaft zu Lernschwäche, niedriger Intelligenz und Agressivität führen. Nicht nur fehlen Angaben zu Häufigkeit und Quantität, sondern es ist doch gar nicht ausgemacht, ob nicht auch das Betreungsverhalten der Mutter zu diesen Defiziten geführt hat. Natürlich ist Alkohol und Rauchen während der Schwangerschaft schädlich und sollte von verantwortungsvollen Müttern unterlassen weden, aber daraus solch weitreichende Konsequenzen abzuleiten, wird durch keine Studien eindeutig belegt. Hier gibt es immer ein Bündel von Ursachen. Ein Letztes, wenn die These stimmte, hätte es in den sechziger,siebziger und achziger Jahren Massen von agressiven Kindern mit Lernproblemen und niedriger Intelligenz geben müssen. Aber das Gegenteil war der Fall, der Anstieg der Kinder, die zum Gymnasium gingen, stieg ab den endsechziger Jahren stetig an, und dies, obwohl gerade emanzipierte Frauen häufig geraucht haben, auch während der Schwangerschaft.
Ebenso ärgerlich ist die Behauptung, dass Versäumnisse in der frühen Kindheit irreversibel sind und dass ab der Geschlechtsreife jede weitere Erziehung sinnlos sei. Die Plastizität des Gehirns geht bis zum Erwachsenenalter, ca. 20 Jahre, hier können durchaus Defizite noch korrigiert werden. Dies ist eigentlich Konsens in der Wissenschaft. Es gibt zwar bestimmte Zeitfenster, zum Beispiel beim Erlernen der Sprache oder beim Erlernen des Gehens, aber viele andere Fähigkeiten und Fertigkeiten können durchaus noch später erlernt werden.
Es wären noch einige Anmerkungen zu den einzelnen Kapiteln zu machen, das würde aber den Rahmen der Rezension sprengen.
Fazit: Es wird durchaus Richtiges und Grundsätzliches gesagt. So die Warnung vor Erziehungsratgebern und vor frühkindlicher Schulung hinsichtlich von Fremdsprachen oder anderen kognitiven Trainigseinheiten. Auch der Hinweis auf die sichere Bindung und die intuitive Elternschaft, die Autoren nennen es Liebe, ist richtig und grundlegend. Aber daneben gibt es eine Reihe von Ausführungen und Behauptungen, die wissenschaftlich nicht haltbar sind. Darüberhinaus nervt mich auch der oft verwendete Plauderton und die Geschichtchen zur Illustration des Gemeinten.
Kommentar Kommentare (3) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Feb 26, 2012 8:00 PM CET


Rudolf Steiner: Ein moderner Prophet
Rudolf Steiner: Ein moderner Prophet
von Miriam Gebhardt
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,99

20 von 30 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Steiner, ein moderner Reformer und Prophet, 23. Januar 2011
Pünktlich zum 150. Geburtstag von Rudolf Steiner am 27.02.2011 sind zwei neue und kritische Biografien über ihn erschienen. Die Historikerin Miriam Gebhardt hat sicherlich die publikumswirksamere von beiden vorgelegt, die andere Biografie stammt von Helmut Zander, einem ausgewiesenen Kenner der Anthroposophie in Deutschland. Miriam Gebhardt gelingt es mit ihrem journalistisch-lockeren, aber trotzdem sachlich-fundierten Stil, den Leser umfassend über die wesentlichen Stationen des Lebens von Rudolf Steiner und auch über seine Theorie der Anthroposophie zu informieren. Sie verortet überzeugend die Wurzeln seiner Anschauungen in dem Kontext der allgemeinen Reformbewegungen am Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland. In diesen Reformbewegungen ging es um Sport, Ernährung, Gesundheit, Erziehung, Kunst, Okkultismus, Spiritualismus, Jeseitsvorstellungen und vieles andere. Anders gesagt, es ging allgemein um den Gegensatz von Individualismus und Materialismus. Letzter wurde als Zeiterscheinung von vielen abgelehnt und man suchte nach neuen Wegen zur individuellen Selbstrbestimmung. Steiner gelang es, über die Theosophie und den Okkultismus, über das Studium von Nietzsche, den Naturschriften von Goethe, über Haeckel und die Evolutionstheorie eine eigenständige Theorie, nämlich die der Anthroposophie, zu entwickeln. Dass Steiner und seine Anhänger von diesen Wurzeln und Einflüssen später nichts mehr wissen wollten und die Theorie als eigenständige Hervorbringung Steiners deklarierten, konstatiert Gebhardt zwar kritisch, aber sie ist andererseits fasziniert von der Person Steiners, der unermüdlich durch Vorträge und Publikationen seine Theorie und Vorstellungen in der Öffentlichkeit präsentiert. Gerade auch sein Auftreten und sein Erfolg als Redner beindrucken sie, obwohl sie feststellt,dass es wohl sehr auf die Erwartungshaltung des Publikums ankommt, ob man vom Autreten Steiners fasziniert ist oder ihn ablehnt. Auch sein ambulantes Wohnen, weil er stets auf Vortragsreisen unterwegs ist sowie die Stilisierung seines öffentlichen Auftretens ganz in Schwarz mit schwarzer Schmetterlingsbinde konstatiert sie mit Respekt, wenn sie ihn auch manchmal ironisch als Guru tituliert. Dass Steiner und seine Lehre aber auch heute noch den größten Einfluß und die größte Anhängerschaft aller Reformbewegungen haben, führt sie auf die gelungene Praxisanbindung seiner Theorie zurück. Steiner gelang es, mit der Waldorfpädagogik und den Waldorfschulen, mit den landwirtschaftlichen Produkten unter der Bezeichnung "Demeter" sowie den kosmetischen Naturprodukten und Naturheilmitteln unter der Bezeichung "Weleda" wesentliche Bdürfnisse der reformbereiten Menschen anzusprechen und sich auch ökonomische Standbeine für seine Aktivitäten und seine Bewegung zu verschaffen. In der Gewichtung dieser Praxisbereiche setzt sie aber den Fokus eindeutig auf die Waldorfschulen und deren Pädagogik, während sie die landwirtschaftlichen und naturheilkundlichen Bereiche nur streift. Auch auf die alternative Medizin, wie sie von der Anthroposophie vertreten wird, geht sie so gut wie gar nicht ein. In dem ausführlichen und ausgezeichneten Abschnitt über die Waldorfschulen benennt sie deutlich Vor- und Nachteile bzw. Probleme der heutigen Waldorfschulen, überlässt es aber dem Leser, sich entsprechend seiner Präferierung dafür oder dagegen zu entscheiden. Diese neutrale Haltung kennzeichnet das ganze Buch. Gebhardt verschweigt aber weder die Brüche in der Biografie Steiners noch dunkle Aspekte seiner Theorie, wie rassistische oder antisemitische Äußerungen, stellt jedoch klar, dass Steiner damit keinesfalls in eine Reihe mit nationalsozialistischen Rassevorstellungen zu stellen ist. Fazit: Für jemanden, der sich für die Person Steiners und für die Anthroposophie interessiert und sich informiere will, ist dies ein hervorragender erster Einstieg und Überblick, zumal das Buch zwar duchaus kritisch ist, aber ausnehmend kurzweilig und wohltuend sachlich geschrieben ist.


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