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Rezensionen verfasst von
Anna Schmidt

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Das siebte Symbol: Kriminalroman
Das siebte Symbol: Kriminalroman
von Anette Hinrichs
  Broschiert
Preis: EUR 10,95

4.0 von 5 Sternen Bartels zerfurchte die Stirn ..., 21. Juni 2015
Rezension bezieht sich auf: Das siebte Symbol: Kriminalroman (Broschiert)
Nämlich - wie immer das gehen soll, und man mag sich das blutige Spektakel gar nicht ausmalen - seine eigene. Oder er krauste sie auch. Wie das Blatt Papier vor sich auf dem Tisch?? Oder wie sich die Oberfläche des Meeres bei leichter Brise kräuselt?! Sorry. Aber das geht gar nicht! Leider wird in diesem Krimi von der Autorin nervtötend oft das Mienenspiel der in den Fall Involvierten genau so in dem gemeinten Vorgang nicht angepasste Worte gefasst. Ohnehin sind die sprachlichen Schnitzer - beispielsweise die typischen und scheinbar unausrottbaren Substantiv-Adjektiv- (-Verb-) Verballhornungen - nicht gerade rar gesät in diesem auf seine Art doch recht vergnüglichen, auf Abwechslung getrimmten Krimi, der für meinen Geschmack allerdings ein wenig arg disparat geraten ist im schließlichen Aufdröseln des chaotischen Beziehungsgeflechts. Weswegen ein Brief aus dem Totenreich am Ende - der Schluss nach dem Schluss -, als der Fall längst abgeschlossen und zu den Akten gelegt ist, für die letzte Klärung bei dem womöglich desorientierten Leser sorgen soll/muss.

Die weibliche Hauptfigur und einige ihrer männlichen Mitstreiter sind im übrigen liebenswert geraten. Ich fand freilich, dass vieles von dem, was sich um Malin herum vor allem hinsichtlich männlicher Anwartschaft auf ihr emotionales Gesamtbefinden aufbaut, ein bisschen holzschnittartig geraten ist, um nicht zu sagen in Richtung klebriger Groschenheftromantik tendiert. Ein winziges Quäntchen ironischer Distanz hätte manche Gefühlsverstrickung erträglicher gemacht und authentischer geraten lassen.

Dennoch, und das mag jetzt ein wenig überraschend kommen, ich habe diesen Schmöker letztlich dann doch mehr oder weniger in einem Zug durchgelesen. Was bedeutet, dass er mir halbwegs ungetrübte Freude bereitet haben muss. Auch wenn, eine letzte kritische Anmerkung, die für die Aufklärung des Falles hochbedeutsame Justitia-Figur kein Symbol, sondern eine Allegorie ist. Aber "Die siebte Allegorie" klänge, zugegebenermaßen, reichlich merkwürdig und gekünstelt. Obwohl ... In Ermangelung der obligatorischen Augenbinde, was zu manch grüblerischem Hin und Her anregt, kann man gegebenenfalls doch von einem Symbol sprechen?! Irgendwie animiert (mich) das Buch, ob von der Autorin so gewollt oder nicht, zum stirnzerfurchenden (sic!) Abwägen. Und das muss ja, weiß Gott, nichts Schlechtes sein!


Kühn hat zu tun
Kühn hat zu tun
von Jan Weiler
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

5.0 von 5 Sternen Wunderbar leicht und verschroben ..., 14. Juni 2015
Rezension bezieht sich auf: Kühn hat zu tun (Gebundene Ausgabe)
und eine liebenswerte Hauptfigur, wie sie mir selten zuvor in einem Roman begegnet ist. So zerbrechlich, so hilflos, so verloren. Einerseits. Andererseits schmunzelnd forsch, unbedarft draufgängerisch in und trotz all ihrer Desorientiertheit. Auf jeden Fall eine ganz kuriose Mischung. Und dann immer wieder, kompositorisch unglaublich gut, weil feinfühlig, platziert, der unkontrollierte Gedankenstrom, der sich in Kühns Kopf explosionsartig ereignet. Weswegen der Gemarterte auch unter permanenten (Ein-) Schlafstörungen leidet. Wie ein Lawine, die den Armen unzählige Male unter sich zu begraben droht. Aus heiterem Himmel. Und er weiß nicht, wie ihm geschieht. Dabei ist des Rätsels Lösung doch so erschreckend nah.

Aber eventuell besteht auch hierin das einzige Manko dieses so souverän wie liebevoll-sensibel und humorvoll-schwingend geschriebenen Kriminalromans vor politisch-historischem Hintergrund, der mit Beschreibungen und Steggreifbeobachtungen aufwartet, die einen, Tränen in den Augen, auflachen lassen: das Motivgeflecht, das den Mörder antreibt, ist so weit hergeholt, dass es fast schon wieder, ich will nicht unnötig kritteln, zum Skurrilen des Ganzen passt.


Die Tote von Kalkgrund
Die Tote von Kalkgrund
von Heinrich Dieter Neumann
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Maritime Atmosphäre, 13. Juni 2015
Rezension bezieht sich auf: Die Tote von Kalkgrund (Taschenbuch)
Zugegeben, ich war skeptisch, als ich mich an die Lektüre dieses Krimis machte. Ein literarischer Quereinsteiger, der, in die Jahre gekommen, glaubt, einen Roman, mal eben so und im Vorbeigehen, aus dem Ärmel schütteln zu können. Und dann, ausgerechnet, auch noch ein ehemaliger Luftwaffenoffizier und verdienter NATO-Mitarbeiter. Also bitte, das kann ja heiter werden …

Wurde es auch. Nur ganz anders als gedacht. Der Neumann kann tatsächlich schreiben! Spürbare Freude. Geradezu lustvoll. Donnerwetter! Er verfügt über das sprachliche Feingefühl, lebendige Figuren zu zeichnen, Atmosphäre zu erzeugen, den hügeligen Landstrich rund um die malerische Flensburger Förde vor das Auge des Lesers zu zaubern. Und salziges Meeraroma unaufdringlich und intensiv in die Nase steigen zu lassen. Auch wenn die Geschichte, die er uns erzählt, alles andere als spannend und zum Ende hin eine ziemlich dick aufgetragene, auf Wirkung erpichte und entsprechend unglaubwürdige Räuberpistole ist. Weil man ganz schnell die Zusammenhänge durchschaut hat. Die Karten liegen, eh man sich’s versieht, auf dem Tisch.

Einerseits. Andererseits besteht gerade darin die Klasse dieses Krimis, dass er, allem frühzeitigen Durchblick zum Trotz, einen Sog erzeugt. Man will immer wissen, wie’s weitergeht. Fliegt durch die Geschichte. Ist, ein Qualitätsmerkmal gediegener Erzählkunst, außer sich.

Fazit: Es existiert zur Zeit ein Triumvirat von ernst zu nehmenden Flensburg-Krimi-Autoren – ich habe sie tatsächlich alle, freilich zumeist mit kopfschüttelndem Grausen, zur Kenntnis genommen –, die, jeder auf seine ganz spezifische Weise, mitreißend und souverän lebenssatte, spannungsgeladene Geschichten zu erzählen in der Lage sind: Yvonne Asmussen mit ihren bikergestützten romantischen Abenteuerballaden, Frank-Peter Hansen, der zuletzt gemeinsam mit seiner Tochter eine in sich widersprüchlich-gebrochene Gemeinschaftsarbeit voller sinnverwirrender Wendungen vorgelegt hat, und jetzt Heinrich Dieter Neumann mit dem ostseegeschwängerten und seetanggewürzten Krimi der Extraklasse „Die Tote von Kalkgrund“.

Ich bleibe, es lohnt sich, bei allen dreien am Ball.


Das Nebelhaus: Kriminalroman
Das Nebelhaus: Kriminalroman
von Eric Berg
  Broschiert

3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Das ist richtig schlecht geschrieben ..., 30. April 2015
Rezension bezieht sich auf: Das Nebelhaus: Kriminalroman (Broschiert)
Und zwar auf dem Niveau eines Gymnasiasten, der sich – man schmunzelt über die dann allerdings altersgerechte Tapsigkeit – abmüht, geistreiche Sätze zu drechseln.

Alles an dieser Geschichte ohne jede Atmosphäre ist uninspiriert. Weil dem Autor, mangels sprachlichen Feingefühls, die Fähigkeit abgeht, seinen wie Pappkameraden herum geschobenen Figuren Leben einzuhauchen. Unbeholfen ist der Sprachduktus. Von außen wird staubtrocken und fad über nicht vorhandene Gefühle referiert. Und dass das immer wieder mit dick auftragendem Pathos geschieht, sorgt beim Lesen für Heiterkeit. Die Handlung schleppt sich zäh dahin, unzählige Male unterbrochen von oberlehrerhaften, biederen und pseudogeistreichen Reflexionen über beispielsweise die Motive von Mördern mit ihrer angstbesetzten Psyche.

Nein, Eric Berg ist allenthalben überfordert: stilistisch, sprachlich und seine Kompetenz in Sachen Grammatik ist erschreckend gering. Wurde seitens des Verlages lektoriert? Oder fand man, ein einziger Offenbarungseid, nichts zu beanstanden? Es sieht ganz danach aus.

Dennoch und trotzdem hat er den Nerv, vierhundert Seiten voll zu schreiben. Weil er, wie auch, bei den mangelhaften bis ungenügenden Voraussetzungen?, um seine Grenzen nicht weiß. Insofern gehört nicht einmal Mut dazu, sich dermaßen weit aus dem Fenster zu lehnen. Und wenn so jemand noch von allen Seiten skrupellos gelobhudelt wird, ist endgültig kein Halten mehr und alle Dämme brechen.

Einer, der so hilflos radebrecht, mag zu allem berufen sein, zum Schriftsteller auf jeden Fall nicht! Aber das werden vermutlich die Wenigsten wahrhaben wollen. Da Eric Berg doch ein amtlich anerkannter Bestseller-Autor ist.

Weil es aber tatsächlich noch miserablere Möchtegernautoren gibt, greife ich nicht in die unterste (Sterne-) Schublade.


VERHEISSUNG Der Grenzenlose: Der sechste Fall für Carl Mørck, Sonderdezernat Q Thriller
VERHEISSUNG Der Grenzenlose: Der sechste Fall für Carl Mørck, Sonderdezernat Q Thriller
von Jussi Adler-Olsen
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,90

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Bitter und alles für die Katz ..., 23. April 2015
Über hunderte von Seiten fragt man sich: wozu der ganze Aufwand? Alles ist doch längst klar. Motiv, Tathergang, diverse, den (selbst-) mörderischen Vertuschungsabsichten geschuldete, Kollateralschäden. So gesehen die nervtötende Wiederkehr des Immergleichen.

Stimmt nicht! Denn auf den letzten knapp hundert Seiten überschlagen sich die Ereignisse. Eine gedankliche und emotionale Korrektur folgt der nächsten. Man denkt: ach so, aha; so also ist das. Falsch gedacht. Da kommt immer noch etwas nach. Mit dem so nicht zu rechnen war. Und vor diesem Hintergrund ist es mehr als gerechtfertigt, die (vermeintlichen) Motive und ihre tragisch-aberwitzigen gedanklichen Qualspiralen samt daraus resultierenden todbringenden, eifersuchtsgestützten Handlungen so akribisch zu protokollieren. Eine Kette trauriger, nicht enden wollender Missverständnisse. Tragik pur.

Das alles erinnerte mich je länger je mehr an den norwegischen Krimiautor Jo Nesbö, der einen auch immer von Pontius zu Pilatus schickt.

Soviel zum Inhalt.

Aaaber! Protokollieren. Flapsigkeit und Schnoddrigkeit des Ausdrucks. Gut, man kennt das aus den Vorgängern. Das macht ja auch das Eigentümliche der Schreibe Adler-Olsens aus. Und trotzdem: Extern zu erzählen bzw. zu berichten schadet der Atmosphäre. Unzählige Male Mörcks emotionales Innenleben im Telegrammstil vorgesetzt zu bekommen. Auch das kann öden. Vor allem jedoch habe ich das sprachlich-stilistische Geschlampe als sehr ärgerlich empfunden.

Mag sein, dass es an der Übersetzung liegt. Dann ist dem Autor selbstredend kein Vorwurf zu machen. Aber letztlich glaube ich das nicht. Weil sich, so meine Mutmaßung, bei Adler-Olsen im Laufe der Komposition der mittlerweile sechs Teile diese (Un-) Art der nachlässigen, grammatikalisch hochriskanten und dem Satzaufbau Hohn sprechenden Schreibe verfestigt hat und quasi zur zweiten Natur geworden ist.

Deswegen nur vier schlechte Sterne.


Fördehaie
Fördehaie
von Yvonne Asmussen
  Broschiert
Preis: EUR 10,90

5.0 von 5 Sternen Flensburg so, Flensburg so ..., 30. März 2015
Rezension bezieht sich auf: Fördehaie (Broschiert)
Nicht so là là, sondern, jedes auf seine unverwechselbare Art, authentisch und atmosphärisch dicht. Gekonnt und mitreißend eben. Drei Autoren, eine Empfehlung.

Yvonne Asmussens Fördehaie ist allein deshalb schon der etwas andere Krimi, weil die Hauptfiguren mit ihrer sehr speziellen Konstellation aus dem Rahmen fallen. Und vor allem die outlaws - ein moderner Robin Hood mit dem Herzen auf dem rechten Fleck und seine verwegenen Mannen auf ihren sonor blubbernden Harleys samt bessergestellter hübscher Lady mit Köpfchen - schneiden, wenn man so will, ganz und gar unrealistisch gut ab. Bad and good guys einmal ganz anders sortiert. Clever gemacht, und wenn in dieser Szene, mehr als man glauben möchte, gelesen werden sollte, könnte dieser Krimi bei allen Wizards des Landes Stürme der Begeisterung entfachen. Endlich versteht uns mal eine und begegnet uns nicht immer bloß mit diesen abscheulichen Vorurteilen.

Der andere Krimi, ungefähr zeitgleich zu der Fortsetzung von Fördehaie erschienen, ist von zwei Autoren geschrieben. Vater und Tochter haben einen interaktiven LIVE-Krimi verfasst. Wobei Hansen bereits vier andere schöne Krimis, die im Norden der Republik angesiedelt sind, publiziert hat. Authentische Ermittleratmosphäre und folglich Spannung ist in Abzuchtraub, so der sonderbar klingende Titel, garantiert. Der Clou: dieses Mal ist der tiefverschneite Harz zum gut Teil Ort des hochdramatischen, atemberaubend spannenden Geschehens. Das Ganze ist dermaßen wendungs- und abwechslungsreich, dass man höllisch aufpassen muss, nicht den Überblick zu verlieren. Und exakt das ist der Kompositionsweise geschuldet.

Zum Schluss aber, wenn die endgültige Auflösung ins Haus steht, habe ich Tränen gelacht. Etwas derart Schräg-Skurriles habe ich zuvor selten gelesen. Brüllkomisch!

Für beide Flensburg- (Harz-) Krimis eine absolute Leseempfehlung! Denn schreiben, das können alle drei Autoren ganz famos!

Nachtrag: Fördewölfe von Yvonne Asmussen, auf den Tag genau ein Jahr nach dem Erstling erschienen (gutes timing!), gefällt noch mehr! Richtig schmissig und fetzig. Zwar: was die Handlung und ihre weit ausgreifenden, beziehungsweise phantastisch ausgesponnenen Fäden angeht: je länger, je mehr eine schräge Räuberpistole. Aber: was liegt daran?! Hauptsache der für einen Krimi unverzichtbare dramatische Sog stellt sich ein. Banale Effekthascherei jedenfalls ist es nicht. Dafür ist die Autorin sprachlich zu versiert und hat ein feines Gespür für die jeweilige emotionale Gemengelage. So gesehen handelt es sich um ganz großes Kino mit sozialkritischem touch inklusive Fortsetzungsgarantie ...

Merken: der 12. März 2016 ist vermutlich der Stichtag für den dritten Teil. Arbeitstitel: Fördesnipers ...


Nächsten Sommer: Roman
Nächsten Sommer: Roman
von Edgar Rai
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,95

0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen tschick light, 8. Januar 2015
Rezension bezieht sich auf: Nächsten Sommer: Roman (Taschenbuch)
Von federleichter, schwebender Lakonie ist der Ton dieses roadmovies. Beschwingt, ja. Aber vor traurigem Grund. Weil, wie es zweimal heißt, „jeder Anfang ein neues Ende“ ist. Gespickt mit lächelnd-wehmütigen, flüchtig hingeworfenen, tiefgedachten Einsprengseln, die wie ein Versprechen sind, an das man nicht wirklich glaubt: dass der nächste Sommer die Träume in Erfüllung gehen lassen wird. Oder vielleicht und nach Möglichkeit schon der kommende.

Ohnehin verhält es sich so, dass Rais Romanfiguren von unaufdringlicher Liebenswürdigkeit sind. Tief empfunden. Sprachlich brillant eingekreist. Charaktere, die sich einprägen. Einem ans Herz wachsen. Mit denen man mitfiebert. Mitleidet. Sich freut. Lacht. Denen man wünscht, dass alles sich zum Guten wenden möge. Dass die, die füreinander bestimmt zu sein scheinen, auch zueinander finden. Weil man sich die ganze Zeit ahnungsvoll besorgt fragt, ob die Rechnung aufgehen wird.

Es ist, noch drei Zitate, „ein schmaler Grat (…) zwischen ‚das Richtige finden’ und ‚krankhaft suchen’. Wem nichts gut genug ist, der läuft eben immer nur im Kreis. So viele schöne Strände …“ Oder dies hier: „Was konnte es Traurigeres geben, als von einem bemitleidenswerten Menschen bemitleidet zu werden?“ Und schließlich, zum Brüllen komisch, Situationskomik ganz weit oben: „Der Esel ermuntert ihn fortzufahren, indem er mit dem linken Ohr wackelt.“

Das alles heißt: Edgar Rai kann das ungemein zartfühlend Beobachtete und Gedachte in diesem Fühlen haargenau angepasste, hochgradig differenzierende Worte fassen. Und das zeichnet ja wohl einen – außergewöhnlichen – Autor aus, der sich in seinen Figuren und ihrer Geschichte bedingungslos verliert. Und damit aus der Masse derer herausfällt, deren bemühte, stets auf den zu erzielenden Effekt bedachte Satzkonstruktionen ungewollt darüber Auskunft geben, dass der ganze Aufwand nur deswegen betrieben worden ist und wird, um der sich selbst bespiegelnden Eitelkeit ihres eifersüchtig bewachten Selbsts (noch ein Zitat aus einem anderen Schmöker) ein Denkmal zu setzen.


Die letzte Welt: Roman
Die letzte Welt: Roman
von Christoph Ransmayr
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,95

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Träumerisches Schwelgen, 27. November 2014
Rezension bezieht sich auf: Die letzte Welt: Roman (Taschenbuch)
Christoph Ransmayr kann schreiben. Und wie! Ein Meister seines Fachs. Ein schwer beeindruckender Autor von Format, keine Frage. Und, nota bene, ein unglaublich guter, versierter Vorleser mit seiner sanft nuancierenden, sensibel den emotionalen Details nachlauschenden, fast möchte ich sagen: einschmeichelnd-zarten Stimme und seinem ausgeprägten Gespür für theatralische Effekte. Wahrscheinlich ist an dem Mann ein brillanter Schauspieler verloren gegangen.

Aber genau das, so paradox es klingen mag, verkompliziert den Einstieg nicht nur in diesen Roman permanenter, alles in der Schwebe haltender Verwandlungen. Irgendwie sind die Welten und Geschehnisse, die Ransmayr wortgewaltig ins Leben ruft, so weit weg und fremd, dass ich mich ungemein schwer tat, mich in sie hineinzufinden. In der Nachkriegsödnis von „Morbus Kitahara“ war zunächst auch kaum ein Durchkommen und die Parole lautete: bloß nicht schlapp machen! Dazu ist die Schreibe dieses Kerls einfach zu exzeptionell.

Ja, Ransmayrs Sprache … Hypersensibel. Schlafwandlerisches Schweifen auf höchsten sprachlichen Höhen. Immer auf den Punkt. Aber wie ist es, wenn politische Ingredienzien und Hintergründe – fast hätte ich gesagt: pastellfarben – verschönt und eingesponnen werden?

Es gibt die Wendung: widerlich süß. Diese exaltierte Süße – Opium für Feinnervige – einer sich selbst zelebrierenden, feinsinnig nuancierten, zart schwingenden und schwebenden Sprache hält mich auf Distanz. Einerseits. Aber irgendwann war ich, andererseits, doch wie hypnotisiert von diesem distinguiert-nuancierten Schweben. Ganz so wie unter Droge. An einem zarten Gängelband wurde ich wie schwerelos durch die Geschichte gezogen. Und genau darin, im Aneinanderreihen von Wortgebilden träumerischen Sichverlierens, kann es Ransmayr vermutlich kaum ein Autor nachtun. Mir jedenfalls fällt keiner ein. Außer vielleicht die neoromantischen Großlyriker und Meistermanieristen George und Rilke.

Also noch einmal: Ransmayrs absonderlich präzisen und eigentümlich durchdringenden, kristallklaren Satzgebilde voller Poesie geben überbordend-erlesen anmutenden Gefühlen Wort. Ein Fall von sich selbst preisender und feiernder Literatur.


Die Gottespartitur: Roman
Die Gottespartitur: Roman
von Edgar Rai
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Atmosphäre!, 19. November 2014
Rezension bezieht sich auf: Die Gottespartitur: Roman (Gebundene Ausgabe)
Gabriel Pfeiffer, mit drei f (!), ist erfolgsverwöhnter Literaturagent. Und will es nicht mehr sein. Würde den Job am liebsten an den Nagel hängen und alles seiner überirdisch-schönen und verführerischen Sekretärin Leonore Schiller in die Hände legen.

Ihren Ausgang nimmt die kriminalistisch angehauchte Geschichte auf der Frankfurter Buchmesse. Auf über 100 Seiten werden herrlich respektlos Interna ausgeplaudert. Jahrmarkt der Eitelkeiten, wo man hinschaut. Geldgier. Geltungsbedürfnis. Starallüren eines mediokren Möchtegerngenies. Grotesker Medienrummel um einen hochgepuschten Jahrhundertroman. Pfeiffer, wer mag es ihm verdenken, hat das alles so satt. Da kommt ihm, auch wenn er zunächst, einer zur zweiten Natur gewordenen Gewohnheit gemäß, auf Abwehr schaltet, ein in der Priesterausbildung befindlicher Jüngling dann letztlich doch gerade recht, der ihm in fliegender Hast von einem Geheimnis erzählt, dem er auf die Spur gekommen zu sein behauptet. Ein Briefumschlag wird ausgehändigt. Danach, was haste, was kannste, verkrümelt sich der scheue Knabe wieder ins Alpenländische. Zwei Tage später ist der Priesterseminarist aus heiterem Himmel tot. Und Gabriel Pfeiffer macht sich, die Neugier treibt ihn an, auf der ersten Etappe dieser Odyssee auf den Weg in die Nähe des Watzmann. In eine ihm von Grund auf verhasste, fremde Welt unbarmherzigen Glaubens, die ihn als Jugendlichen das Grausen gelehrt hat und ihn zu dem gemacht hat, der er mittlerweile ist.

Der Ton dieser Schatzsuche ist beschwingt und lebendig. Vor allem deshalb, weil sie im Präsenz erzählt ist. Die Figuren haben etwas ungemein Menschliches. Mit ihren liebevoll gezeichneten Schwächen, Eigenheiten und Schrulligkeiten. Genau gezeichnet und ganz nah dran. Liebenswert eben. Aber da ist noch etwas. Etwas, das einen immer wieder an den Österreicher Wolf Haas denken lässt. Beispielsweise dies hier: "Hinter den gewöhnlichsten Fassaden lauern oft die ungewöhnlichsten Dinge. Weiß man ja. So weit nichts Neues. Aber dann wundert man sich doch." Bis in die Sprache hinein schräg-weise intellektuelle Durchblicke à la Brenner.

Und dann steht da die ganze Zeit die Frage im Raum: Wozu das alles? Wo soll das hinführen, wenn ein grantelnder, unentwegt Whiskey in sich hineinschüttender Zyniker sich im Grunde genommen widerwillig und voller Skepsis daran macht, herauszufinden, was ein anderer behauptet herausgefunden zu haben?: Nämlich beweisen zu können, dem Beweis für die Existenz Gottes auf die Spur gekommen zu sein. Und das, wo Kant doch längst ein für alle Mal bewiesen hat, dass jeder Versuch eines theoretischen Beweises zwangsläufig ins gedankliche Abseits führt.

Ist das esoterisch-verquaste Sinnsucherei? Nein! Sondern eine humorvoll-spannende Reise ins Ungewisse von einem Desillusionierten, der mit einem Rätsel konfrontiert ist, das ihn aus dem tristen Alltagstrott herausreißt. Und die Spannung steigt und steigt und steigt … Denn Edgar Rais Schreiben hat absolut "nichts mit Selbstbeweihräucherung zu tun". Und darum packt es einen und zieht den gebannten, mitfiebernden Leser unaufhaltsam bis zum furiosen Ende mit sich fort.


Uhlandgymnasium
Uhlandgymnasium
von Lothar Müller-Güldemeister
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,00

2 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Einer, der es kann ..., 8. November 2014
Rezension bezieht sich auf: Uhlandgymnasium (Gebundene Ausgabe)
Müller-Güldemeister macht keine Fisimatenten. Weder in seinen in summa trefflichen Amazon-Kritiken noch in seinem Roman Uhland-Gymnasium. Auf den ich überhaupt bloß aufmerksam geworden bin, weil ich der hier geführten Intensivdiskussion um Seilers preisgekrönten Kruso gefolgt bin. Endlich mal einer, der an dem geschraubten Gefasel und der notorisch selbstverliebten, tiefsinnig sein sollenden Wortdrechselei von Erfolgsautoren überaus kenntnisreich Kritik übt, die mit ihrem gekünstelten Wortrausch von der offiziellen Literaturkritik nicht zuletzt ihrer political correctness wegen gelobhudelt werden. Keine Frage, eine interessante, sprachlich hochversierte Gegenkultur schafft sich hier Gehör. Und apropos Gegenkultur: Ich nehme mal an, der Ausnahmeautor Herrndorf, der Tellkamps Schreibe als einen literarisch verwahrlosten Scheißdreck apostrophiert hat, hätte seine helle Freude an den pfiffigen Attacken dieser unverbildeten Nicht-Profis gehabt.

Das Uhlandgymnasium ist, in seinem permanenten Wechsel der Zeitebenen, glasklar strukturiert. Nie kommt Langeweile auf. Denn sowohl die hochdramatischen Vorkommnisse von annodunnemals, als auch diejenigen, die sich 39 Jahre später ereignen, haben ihre jeweilige ungebrochene Eigendynamik, die die Neugier des Lesers permanent wach- und hochhält. Dass die Sprache bei aller Klar- und Schlichtheit nie ihre literarische Höhe einbüßt, versteht sich. Figuren ganz viel Leben einzuhauchen, sie nuanciert und differenziert zu zeichnen, setzt voraus, dass man zum einen über ein gerüttelt Maß an Sensibilität verfügt, die in Worte zu fassen einem freilich bloß dann gelingt, wenn, zum anderen, das Schreiben, wie hier, so spielerisch leicht von der Hand geht (oder zu gehen scheint), als ob sich die Geschichte von selbst und aus sich heraus erzählen würde. Schlank und leicht wie aus dem Nichts entsprungen steht das Bild vor dem entzückten Blick. Oder so ähnlich …

Und exakt diesen Eindruck hatte ich bei der Lektüre dieses Romans, der mich alles um mich herum vergessen ließ. Danke für ein paar Stündchen des Abtauchens! Ich werde das Buch in meinem Freundeskreis weiterempfehlen.


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