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Rezensionen verfasst von
Anna Schmidt

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Nächsten Sommer: Roman
Nächsten Sommer: Roman
von Edgar Rai
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,95

0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen tschick light, 8. Januar 2015
Rezension bezieht sich auf: Nächsten Sommer: Roman (Taschenbuch)
Von federleichter, schwebender Lakonie ist der Ton dieses roadmovies. Beschwingt, ja. Aber vor traurigem Grund. Weil, wie es zweimal heißt, „jeder Anfang ein neues Ende“ ist. Gespickt mit lächelnd-wehmütigen, flüchtig hingeworfenen, tiefgedachten Einsprengseln, die wie ein Versprechen sind, an das man nicht wirklich glaubt: dass der nächste Sommer die Träume in Erfüllung gehen lassen wird. Oder vielleicht und nach Möglichkeit schon der kommende.

Ohnehin verhält es sich so, dass Rais Romanfiguren von unaufdringlicher Liebenswürdigkeit sind. Tief empfunden. Sprachlich brillant eingekreist. Charaktere, die sich einprägen. Einem ans Herz wachsen. Mit denen man mitfiebert. Mitleidet. Sich freut. Lacht. Denen man wünscht, dass alles sich zum Guten wenden möge. Dass die, die füreinander bestimmt zu sein scheinen, auch zueinander finden. Weil man sich die ganze Zeit ahnungsvoll besorgt fragt, ob die Rechnung aufgehen wird.

Es ist, noch drei Zitate, „ein schmaler Grat (…) zwischen ‚das Richtige finden’ und ‚krankhaft suchen’. Wem nichts gut genug ist, der läuft eben immer nur im Kreis. So viele schöne Strände …“ Oder dies hier: „Was konnte es Traurigeres geben, als von einem bemitleidenswerten Menschen bemitleidet zu werden?“ Und schließlich, zum Brüllen komisch, Situationskomik ganz weit oben: „Der Esel ermuntert ihn fortzufahren, indem er mit dem linken Ohr wackelt.“

Das alles heißt: Edgar Rai kann das ungemein zartfühlend Beobachtete und Gedachte in diesem Fühlen haargenau angepasste, hochgradig differenzierende Worte fassen. Und das zeichnet ja wohl einen – außergewöhnlichen – Autor aus, der sich in seinen Figuren und ihrer Geschichte bedingungslos verliert. Und damit aus der Masse derer herausfällt, deren bemühte, stets auf den zu erzielenden Effekt bedachte Satzkonstruktionen ungewollt darüber Auskunft geben, dass der ganze Aufwand nur deswegen betrieben worden ist und wird, um der sich selbst bespiegelnden Eitelkeit ihres eifersüchtig bewachten Selbsts (noch ein Zitat aus einem anderen Schmöker) ein Denkmal zu setzen.


Die letzte Welt: Roman
Die letzte Welt: Roman
von Christoph Ransmayr
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,95

5.0 von 5 Sternen Träumerisches Schwelgen, 27. November 2014
Rezension bezieht sich auf: Die letzte Welt: Roman (Taschenbuch)
Christoph Ransmayr kann schreiben. Und wie! Ein Meister seines Fachs. Ein schwer beeindruckender Autor von Format, keine Frage. Und, nota bene, ein unglaublich guter, versierter Vorleser mit seiner sanft nuancierenden, sensibel den emotionalen Details nachlauschenden, fast möchte ich sagen: einschmeichelnd-zarten Stimme und seinem ausgeprägten Gespür für theatralische Effekte. Wahrscheinlich ist an dem Mann ein brillanter Schauspieler verloren gegangen.

Aber genau das, so paradox es klingen mag, verkompliziert den Einstieg nicht nur in diesen Roman permanenter, alles in der Schwebe haltender Verwandlungen. Irgendwie sind die Welten und Geschehnisse, die Ransmayr wortgewaltig ins Leben ruft, so weit weg und fremd, dass ich mich ungemein schwer tat, mich in sie hineinzufinden. In der Nachkriegsödnis von „Morbus Kitahara“ war zunächst auch kaum ein Durchkommen und die Parole lautete: bloß nicht schlapp machen! Dazu ist die Schreibe dieses Kerls einfach zu exzeptionell.

Ja, Ransmayrs Sprache … Hypersensibel. Schlafwandlerisches Schweifen auf höchsten sprachlichen Höhen. Immer auf den Punkt. Aber wie ist es, wenn politische Ingredienzien und Hintergründe – fast hätte ich gesagt: pastellfarben – verschönt und eingesponnen werden?

Es gibt die Wendung: widerlich süß. Diese exaltierte Süße – Opium für Feinnervige – einer sich selbst zelebrierenden, feinsinnig nuancierten, zart schwingenden und schwebenden Sprache hält mich auf Distanz. Einerseits. Aber irgendwann war ich, andererseits, doch wie hypnotisiert von diesem distinguiert-nuancierten Schweben. Ganz so wie unter Droge. An einem zarten Gängelband wurde ich wie schwerelos durch die Geschichte gezogen. Und genau darin, im Aneinanderreihen von Wortgebilden träumerischen Sichverlierens, kann es Ransmayr vermutlich kaum ein Autor nachtun. Mir jedenfalls fällt keiner ein. Außer vielleicht die neoromantischen Großlyriker und Meistermanieristen George und Rilke.

Also noch einmal: Ransmayrs absonderlich präzisen und eigentümlich durchdringenden, kristallklaren Satzgebilde voller Poesie geben überbordend-erlesen anmutenden Gefühlen Wort. Ein Fall von sich selbst preisender und feiernder Literatur.


Die Gottespartitur: Roman
Die Gottespartitur: Roman
von Edgar Rai
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Atmosphäre!, 19. November 2014
Rezension bezieht sich auf: Die Gottespartitur: Roman (Gebundene Ausgabe)
Gabriel Pfeiffer, mit drei f (!), ist erfolgsverwöhnter Literaturagent. Und will es nicht mehr sein. Würde den Job am liebsten an den Nagel hängen und alles seiner überirdisch-schönen und verführerischen Sekretärin Leonore Schiller in die Hände legen.

Ihren Ausgang nimmt die kriminalistisch angehauchte Geschichte auf der Frankfurter Buchmesse. Auf über 100 Seiten werden herrlich respektlos Interna ausgeplaudert. Jahrmarkt der Eitelkeiten, wo man hinschaut. Geldgier. Geltungsbedürfnis. Starallüren eines mediokren Möchtegerngenies. Grotesker Medienrummel um einen hochgepuschten Jahrhundertroman. Pfeiffer, wer mag es ihm verdenken, hat das alles so satt. Da kommt ihm, auch wenn er zunächst, einer zur zweiten Natur gewordenen Gewohnheit gemäß, auf Abwehr schaltet, ein in der Priesterausbildung befindlicher Jüngling dann letztlich doch gerade recht, der ihm in fliegender Hast von einem Geheimnis erzählt, dem er auf die Spur gekommen zu sein behauptet. Ein Briefumschlag wird ausgehändigt. Danach, was haste, was kannste, verkrümelt sich der scheue Knabe wieder ins Alpenländische. Zwei Tage später ist der Priesterseminarist aus heiterem Himmel tot. Und Gabriel Pfeiffer macht sich, die Neugier treibt ihn an, auf der ersten Etappe dieser Odyssee auf den Weg in die Nähe des Watzmann. In eine ihm von Grund auf verhasste, fremde Welt unbarmherzigen Glaubens, die ihn als Jugendlichen das Grausen gelehrt hat und ihn zu dem gemacht hat, der er mittlerweile ist.

Der Ton dieser Schatzsuche ist beschwingt und lebendig. Vor allem deshalb, weil sie im Präsenz erzählt ist. Die Figuren haben etwas ungemein Menschliches. Mit ihren liebevoll gezeichneten Schwächen, Eigenheiten und Schrulligkeiten. Genau gezeichnet und ganz nah dran. Liebenswert eben. Aber da ist noch etwas. Etwas, das einen immer wieder an den Österreicher Wolf Haas denken lässt. Beispielsweise dies hier: "Hinter den gewöhnlichsten Fassaden lauern oft die ungewöhnlichsten Dinge. Weiß man ja. So weit nichts Neues. Aber dann wundert man sich doch." Bis in die Sprache hinein schräg-weise intellektuelle Durchblicke à la Brenner.

Und dann steht da die ganze Zeit die Frage im Raum: Wozu das alles? Wo soll das hinführen, wenn ein grantelnder, unentwegt Whiskey in sich hineinschüttender Zyniker sich im Grunde genommen widerwillig und voller Skepsis daran macht, herauszufinden, was ein anderer behauptet herausgefunden zu haben?: Nämlich beweisen zu können, dem Beweis für die Existenz Gottes auf die Spur gekommen zu sein. Und das, wo Kant doch längst ein für alle Mal bewiesen hat, dass jeder Versuch eines theoretischen Beweises zwangsläufig ins gedankliche Abseits führt.

Ist das esoterisch-verquaste Sinnsucherei? Nein! Sondern eine humorvoll-spannende Reise ins Ungewisse von einem Desillusionierten, der mit einem Rätsel konfrontiert ist, das ihn aus dem tristen Alltagstrott herausreißt. Und die Spannung steigt und steigt und steigt … Denn Edgar Rais Schreiben hat absolut "nichts mit Selbstbeweihräucherung zu tun". Und darum packt es einen und zieht den gebannten, mitfiebernden Leser unaufhaltsam bis zum furiosen Ende mit sich fort.


Uhlandgymnasium
Uhlandgymnasium
von Lothar Müller-Güldemeister
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,00

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Einer, der es kann ..., 8. November 2014
Rezension bezieht sich auf: Uhlandgymnasium (Gebundene Ausgabe)
Müller-Güldemeister macht keine Fisimatenten. Weder in seinen in summa trefflichen Amazon-Kritiken noch in seinem Roman Uhland-Gymnasium. Auf den ich überhaupt bloß aufmerksam geworden bin, weil ich der hier geführten Intensivdiskussion um Seilers preisgekrönten Kruso gefolgt bin. Endlich mal einer, der an dem geschraubten Gefasel und der notorisch selbstverliebten, tiefsinnig sein sollenden Wortdrechselei von Erfolgsautoren überaus kenntnisreich Kritik übt, die mit ihrem gekünstelten Wortrausch von der offiziellen Literaturkritik nicht zuletzt ihrer political correctness wegen gelobhudelt werden. Keine Frage, eine interessante, sprachlich hochversierte Gegenkultur schafft sich hier Gehör. Und apropos Gegenkultur: Ich nehme mal an, der Ausnahmeautor Herrndorf, der Tellkamps Schreibe als einen literarisch verwahrlosten Scheißdreck apostrophiert hat, hätte seine helle Freude an den pfiffigen Attacken dieser unverbildeten Nicht-Profis gehabt.

Das Uhlandgymnasium ist, in seinem permanenten Wechsel der Zeitebenen, glasklar strukturiert. Nie kommt Langeweile auf. Denn sowohl die hochdramatischen Vorkommnisse von annodunnemals, als auch diejenigen, die sich 39 Jahre später ereignen, haben ihre jeweilige ungebrochene Eigendynamik, die die Neugier des Lesers permanent wach- und hochhält. Dass die Sprache bei aller Klar- und Schlichtheit nie ihre literarische Höhe einbüßt, versteht sich. Figuren ganz viel Leben einzuhauchen, sie nuanciert und differenziert zu zeichnen, setzt voraus, dass man zum einen über ein gerüttelt Maß an Sensibilität verfügt, die in Worte zu fassen einem freilich bloß dann gelingt, wenn, zum anderen, das Schreiben, wie hier, so spielerisch leicht von der Hand geht (oder zu gehen scheint), als ob sich die Geschichte von selbst und aus sich heraus erzählen würde. Schlank und leicht wie aus dem Nichts entsprungen steht das Bild vor dem entzückten Blick. Oder so ähnlich …

Und exakt diesen Eindruck hatte ich bei der Lektüre dieses Romans, der mich alles um mich herum vergessen ließ. Danke für ein paar Stündchen des Abtauchens! Ich werde das Buch in meinem Freundeskreis weiterempfehlen.


Sand. Roman
Sand. Roman
von Wolfgang Herrndorf
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen ... da stirbt einer ..., 8. November 2013
Rezension bezieht sich auf: Sand. Roman (Gebundene Ausgabe)
und darum, ich muss mir hier, tut mir leid, oder auch nicht, anlässlich dieses schlichtweg unglaublichen Romans, mal etwas von der Seele schreiben, gibt es in diesem aberwitzigen Totentanz kein Vielleicht, Vielleicht-auch-nicht. Kein Spiel und Spaß mehr. Einerseits. Sondern alles ist extrem, am Rande des gerade noch Erträglichen. Oder schon darüber hinaus. Bis zu dem Schuss zwischen die Augen eines Mannes, der für nichts etwas kann. Der, wie aus dem Nichts, überrollt wird. Von allem und jedem. Zweier Röhrchen wegen, in denen Pläne versteckt sind zum Bau von ... Etwas ganz und gar Schrecklichem. Das so grausig ist, wie alles in diesem Roman. Als bereits, eigentlich unfassbar, alles gewonnen schien, ist alles, ein einziges verschissenens Missverständnis, aus. Und auch die Objekte der Begierde verschwinden unter Geröll und Staub. Das ist so traurig, dass man es nicht mehr sagen kann. All die Quälerei ... All das übermenschliche Widerstehen und Sich-nicht-aufgeben-Wollen ... Alles für die Katz'.

Und doch, andererseits: Alles ist so schwebend leicht; durch und durch ironisiert; fast bedeutungslos vor dem flächendeckenden Scheitern. Dem man nicht auskommt. Das aber nicht sein darf! Man fiebert mit beim Lesen, dass es gut ausgehen möge. Aber das tut es nun einmal nicht, wenn es ums Ganze geht.

Diese Sprache - was für eine unerhörte Sprache! - ist ganz nahe dran! An allem, dem sie sich nähert, indem sie es unmittelbar real werden lässt. Keine literarische Schöntuerei. Thomas Bernhard ... Ja! Wegen der irrwitzigen Intensität. Schreiben ohne Pardon. Keine Rücksichtnahme. Aber: Eine grotesk verworrene Geschichte wird erzählt, vor der Herrndorf nicht nur nicht ausbüchst. Sondern er komponiert das große Umsonst eines (des) Lebens auf der Dauerkippe. Ohne Larmoyanz. Kafkas gib's auf. Aber nicht spröde, sachlich-kalt und kopfschüttelnd nüchtern im Sichabwenden. Sondern jede emotionale Nuance, jeder seelische Abgrund wird ausgeleuchtet. So dass es einen schaudert vor so viel (mit-) erlebter Intensität. Bei der die unzähligen Schockeffekte, wohlgemerkt, kein Selbstzweck sind. Oder zwecks lächerlich stümperhaftem Spannungsaufbau wie bei billigen, emotional ganz und gar hohlen (Fantasy-) Thrillern von sich wichtig nehmenden, affektiert-eitlen Pseudoliteraten ohne jegliches psychologische Feingefühl. Sondern einen Gefühlszustände erleben lassen, die das Maß des Erträglichen ganz weit hinter sich lassen. Übermenschliche Qualen eines dem Tode Geweihten. Der es nicht weiß. Wie auch. Der sich dem unerbittlich heranrollenden Ende mit allem, was er hat (ganz so wie Mungo Park in Boyles Wassermusik übrigens), hilflos-heldenhaft und auf eine groteske, fast schon lächerlich anmutende Art entgegenstemmt. Against all odds. Aber der Erzähler, ihm macht keiner was vor, weiß von allem Anfang an um das nicht abzuwendende Ende. Deswegen - er bringt sich ein, damit sich auch niemand anderes etwas vormacht - die zwei bis drei spielerischen, augenzwinkernden Brüche im Erzählduktus eines Autors, der seinen Roman, so geht grotesker Spaß, als Trottelliteratur qualifiziert.

Ja, in diesem unglaublichen Roman passt, bei allem konstruierten Aberwitz, einfach alles. Ich sage es klar heraus: Sand - welch trefflicher Titel; denn alles zerrinnt hier, wie der Sand im Stundenglas! - ist nicht mehr und nicht weniger als ein literarisches Meisterwerk, das beim Leser lange nachwirkt. So er bereit ist, sich auf dieses Alles oder Nichts ohne menschelnde (Kitsch-) Reserve einzulassen. Der Autor jedenfalls tut sprachlich alles dafür, jeglichen geschmäcklerischen Einwand beim Leser fortzuschaffen. Und lässt ihn unglaublich traurig, rat- und hilflos zurück. Ganz so, als ob jemand, der einem ganz nahe stand, gestorben wäre.


Willeexperiment
Willeexperiment
von Frank-Peter Hansen
  Taschenbuch

0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen ... ist für mich ein Muss, 23. September 2013
Rezension bezieht sich auf: Willeexperiment (Taschenbuch)
Denn die gewohnte sprachlich-stilistische Souveränität und Feinfühligkeit des Autors ist der Garant dafür, dass die Charaktere dieser neuen Serie lebendig sind; dass die intensiv empfundene und in ihre diversen Schattierungen liebevoll auseinandergedröselte Atmosphäre einen beim Lesen gefangen- und mitnimmt; dass neben spannenden Passagen auch das Heitere, Traurige, Groteske und Unheimliche nicht zu kurz gekommen ist. Die Mischung ist wieder einmal, wie, ganz anders, bei der aufgeregt-atemlosen, mosaikartig strukturierten Hasenjagd Salzwiesentod auch, eine durch und durch gelungene und fein abgestimmte! Kaufen und sich bei der Lektüre dieses thematisch brisanten Krimis für ein paar Stunden wohlig verlieren.


Das weiße Grab: Kriminalroman (Droemer HC)
Das weiße Grab: Kriminalroman (Droemer HC)
von Lotte Hammer
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

1 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Toller Übersetzer, miserabler Krimi, 6. Juni 2013
Das Wichtigste an den Anfang: Günther Frauenlob ist ein herausragender Übersetzer. Woher ich das weiß? Oder woraus ich das schließe, obwohl ich weder des Dänischen noch des Norwegischen mächtig bin? Weil er sowohl die Hammer-Geschwister als auch Jo Nesboe übersetzt hat. Darum. Die Möglichkeit des Vergleichs liegt also vor. Nun denn.

Frauenlob lässt den Autor in seiner ihm eigentümlichen Sprache sprechen. Heißt, er ist ganz nahe am Text. Wie ich darauf komme? Folgendermaßen: Die Nesboe-Übersetzungen zeichnen unglaubliches sprachliches Feingefühl aus. Zarte Ironie. Starkes Mitempfinden. Dass die Grammatik stimmt, versteht sich. Und so wird das norwegische Original sein. Denn: Bei den Hammer-Geschwistern dominiert in der Übersetzung fades Radebrechen. Unbeseelt, zäh, voller grammatischer Schnitzer ist das alles. Unzählige misslungene Verb-Substantiv-Verbindungen. Adjektiv-Verb-Verballhornungen. Das Geschwisterpaar schreibt so, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, heißt, die fade, uninspirierte Sprache des Alltags dominiert. Vor allem jedoch, die Autoren dieses sage und schreibe 500 Seiten starken Krimis scheinen überhaupt keine Ahnung davon zu haben, dass für lebendiges Erzählen die szenische Art der Darstellung unverzichtbar ist. Sie reden ausnahmslos über ihre Figuren, sind vollkommen außerstande, sich in sie hineinzuversetzen. Deren gesollte und nie wirklich manifeste Gefühle werden extern beschrieben wie in einem staubtrockenen Referat, wie es für unbedarfte, unbeholfene und sich zäh hinziehende, widerwillig abgetane Pflichtaufgaben von Schülern typisch ist. Additiv wird, Spannung und Sogwirkung Fehlanzeige, ein Ereignis an das andere gereiht. Und das nervt ungemein!

Und das eben ist, umgekehrt, die fulminante Stärke Nesboes. Beseelt ist sein Schreiben. Intensiv. Aufrüttelnd. Menschliche Schicksale begegnen statt wahllos herumgeschobener, lebloser Schablonen. Und diese beiden einander konträren Stil- und Erlebnisformen, Literatur und - bestenfalls - berichtender Gymnasialstil uninspirierter Pseudoautoren, hat Frauenlob nachempfunden. Meisterlich! Auch wenn seine dänisch-deutsche Arbeit" einfach nur eine Tortur ist. Dass sie das jedoch ist, der Kreis schließt sich, zeigt, wie souverän sich dieser Übersetzer in die Eigenheiten der Autoren, denen er seine Aufmerksamkeit schenkt, hineinversetzen kann.

Kurz: ein grottenschlechter Roman zweier kühner Nichtautoren, die den schönen Berufen eines Lehrers und einer Krankenschwester nachgehen, hat seinen kongenialen Übersetzer, der nichts beschönigt und nichts kaschiert, gefunden. Sich so zurücknehmen zu können und jedem (Möchtegern-) Autor, der glaubt, in seiner Freizeit mal eben so und en passant einen 500-Seiten-Roman verfassen zu können, sein Recht widerfahren zu lassen, ist eine wirklich starke Leistung! Chapeau! Fünf Sterne für Frauenlob, einer für die Fehlgeleiteten.


Tiefflug: Der vierte Fall für Kommissar Jung
Tiefflug: Der vierte Fall für Kommissar Jung
von Reinhard Pelte
  Broschiert
Preis: EUR 9,90

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Prahlen, 30. Mai 2013
Zunächst einmal: ich schließe mich dem Urteil einer anderen Kritikerin vorbehaltlos an. Es ist schon auffällig, wie nachlässig in nicht nur kleinen Verlagen das Lektorat gehandhabt wird, bzw. eben nicht zur Anwendung kommt. Oder die mit dieser Arbeit Betrauten wissen es oftmals auch nicht besser. Gut. Oder vielmehr, schlecht und peinlich. Und ja, auch ich ärgere mich über die Unverfrorenheit eines Möchtegernschriftstellers, der mit seinem unerschütterlichen Wollen und ausnahmslosen Nichtkönnen meint brillieren zu können. Und damit auch noch einen nicht ganz unbedeutenden Verlag findet.

Aber den von vorne bis hinten misslungenen, holprigen und mit drastischen sprachlichen Schnitzern zugepflasterten Elaboraten eines Reinhard Pelte wäre vermutlich ohnehin nicht auf die Sprünge zu helfen. Weder inhaltlich noch stilistisch hat dieses betont saloppe und selbstverliebte Radebrechen irgendetwas mit Literatur zu tun. Das Groteske dabei: Pelte ist jemand, der mit seinem Permanentscheitern in die Offensive geht. Ihm geht es, siehe seine liebevoll ausgepinselte und mit reichlich Bildmaterial vollgestopfte hochtrabende homepage, vor allem um sein Renommee als geistreicher und großer Autor. Da nimmt sich einer, typisch für den Schaumschläger, extrem wichtig. Und weil das so ist, ist das Scheitern vorprogrammiert. Rüde, hölzern, roh geht's zu in seinen Texten. Weil ihm, wie so vielen anderen Pseudoautoren, die Fähigkeit völlig abgeht, sich Hals über Kopf zu verlieren. Anteil zu nehmen. Abzutauchen. Tief zu empfinden. Und nicht zu vergessen: nuanciert zu formulieren. Kein Wunder! Denn wer so offensichtlich von sich selbst vereinnahmt und begeistert ist, findet in allem, was er entsprechend lediglich äußerlich und schablonenhaft beschreibt, immer bloß sich. Kein schöner Anblick!

Und schließlich: deutsche Sprache, schwere Sprache ... Jedenfalls für Pelte und manch Andere seines gruseligen Kalibers. Abgründe!

Weniger spitz und stattdessen in Form eines belehrenden Zitats, das das Gemeinte auf den Punkt bringt: "aus innerer Kümmerlichkeit resultiert ein egozentrisch kompensierendes Geltungsbedürfnis: die Eitelkeit des Möchtegern-Genies und der Poeten-Pose. Sie entlarvt den Philisterhabitus."


Kammerspiel: Der fünfte Fall für Rünz
Kammerspiel: Der fünfte Fall für Rünz
von Christian Gude
  Broschiert
Preis: EUR 9,90

2.0 von 5 Sternen Fades Gedaddel, 29. Oktober 2012
Christian Gudes fünfter Rünz-Krimi Kammerspiel war eine einzige große Enttäuschung! Denn dieser Roman ist kein Roman, sondern ein sich zäh hinziehender Dialog ohne Sinn und Verstand. Finten und Richtungswechsel - ein purer Selbstzweck ?! - ohne Ende. Was geistreich und gewitzt daher kommt ging mir unglaublich schnell unglaublich auf die Nerven. Was nicht weiter von Belang ist. Denn was liegt daran, ob mir ein Gude-Krimi gefällt oder missfällt?

Es liegt daran: ein wirklich begnadeter und stilsicherer Autor stellt sich mit diesem faden Endlosgerede selbst ein Bein. Wo sonst brillante Satire und humorvolle (Selbst-) Verulkung speziell in Homunculus Trumpf war, dominiert nun gewollt-gefälliges Herumschwadronieren. Und das ist, auf Grund der unglaublichen Fallhöhe im Vergleich zu dem sonst Dargebotenen, wirklich schade!

War dem Verlag daran gelegen, mal wieder was von Gude zu publizieren. Und ließ der sich's gesagt sein, obwohl es an der Publikation werten Einfällen mangelte? Sei es wie es sei. Ich weiß, dass dieser Autor es, bei dem sprachlich-stilistischen Potential, normalerweise kann. Deswegen werde ich auch seinen nächsten Rünz-Fall lesen.

Für diesen Ausrutscher und bemühten Krampf allerdings gibt es lediglich zwei gute Sterne. Eben weil die Sprache gewohnt souverän ist.


Zauberflötenrache: Meranas dritter Fall
Zauberflötenrache: Meranas dritter Fall
von Manfred Baumann
  Broschiert
Preis: EUR 11,90

5 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Betulich, 24. September 2012
Merana ein Gegenentwurf zu Klufti? Gott bewahre! Das Kemptener Autorenduo macht sich einen feixenden Spaß daraus, ihren Protagonisten aus Situationen Langhammer- und Maier-gestützten schrägen Spaßes in ermittlungstechnisch relevante Spannungsmomente zu bugsieren.

Wenn es überhaupt ein Pendant zu Kluftis Schnoddrigkeit gibt, dann ist das der auf Leichenfunde spezialisierte spitzbübische Streifenpolizist Kreuthner in Andreas Föhrs erzbajuwarischen Wallner-Krimis. Liebevoll, authentisch, unprätentiös, so ist der Ton dieser launigen und mit Überraschungsmomenten gespickten Tegernsee-Krimis, in denen gekonnt zwischen fallrelevanten Passagen der Spannung und verschroben-schrulligen Privatangelegenheiten abgewechselt wird. Föhr ist eben ein wirklich stilsicherer Autor, der sich, der schwebend-leichten Ironie sei Dank, in seinen Geschichten verliert und vergisst. So dass sich auch der Leser in diesem kleinen Kosmos pudelwohl, zu Hause und geborgen fühlt. Kurz, Wallner-Krimis zu lesen bereitet eine unglaubliche Freude!

Baumann hingegen, ich muss es leider so deutlich sagen, macht aus seiner Hauptfigur in Zauberflötenrache einen Transmissionsriemen für bieder-gelehrtes und zäh belehrendes Bildungsphilistertum mit erklecklichem Schnulzenpotential. Und so, schlafmützig-zopfhaft-zäh, schreibt Baumann auch.

Immer wieder ermüdend langatmige bildungsbeflissene Weiß-warum-Ergüsse in Form eines sich hinschleppenden Singspielabends zusammen mit der mit dem Zweiten Gesicht begabten Oma etwa. Denn: Prozentual gesehen hat allenfalls 50 Prozent des Buches mit den Tötungsdelikten zu tun. Der Rest ist beschaulichem Sightseeingtourismus und Insiderausschweifungen vorbehalten. In Wasserspiele wusste das noch zu gefallen, weil es in die Handlung integriert war. In seinem neuesten Krimi jedoch trägt die fade, sich hinziehende und einfallslose Story nicht. Und weil sie dies nicht tut, gerät auch das Ambiente nicht malerisch, sondern hinterlässt den Eindruck, nichts weiter als lückenbüßender, zuweilen volkstümelnd-verkitschter Füllstoff zu sein. Als Salzburg-Reklame vielleicht gerade noch empfehlenswert; als einen Sog kreierende, weil den Leser berührende Romanhandlung sicher nicht.

Und das Finale? Eine bei Stieg Larsson stibitzte Initialzündung und ein sich daran anschließendes fades, an den Haaren herbeigezogenes Räsonnement, das immer wieder ungewollt komisch gerät. Baumann ist mit diesem Buch auch sprachlich wieder auf das Niveau seines Erstlings hinab gerutscht. Schade eigentlich!


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