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deep read

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Cops: Roman (suhrkamp taschenbuch)
Cops: Roman (suhrkamp taschenbuch)
von Matt Burgess
  Taschenbuch
Preis: EUR 15,99

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Fesselnd wie eine Fernsehserie, 6. Dezember 2015
"Cops" erzählt von den alltäglichen Dramen und Grabenkämpfen im Drogendezernat von Queens und entwickelt dabei eine ähnliche Sogwirkung wie episch angelegte US-Ermittlerserien à la “True Detective” oder “The Wire”. Es braucht ein paar Episoden bzw. Kapitel, bis man drin ist und ein Gefühl für die Beziehungen der Figuren untereinander entwickelt hat, aber dann taucht man ab in diese asphaltgraue und von Schlafentzug ganz paranoid gewordene Parallelwelt, die ihren eigenen Gesetzen und Regeln folgt, und dementsprechend natürlich auch ihr eigenes Vokabular pflegt. Das Drogendezernat firmiert hier unter dem Namen “der Affenstall” und die Zivilfahnder nennen sich “Uncles”. Die Aufgabe eines Uncles besteht darin, sich Drogen verkaufen zu lassen. Dazu müssen sie ziemlich überzeugend rüberkommen: als Junkies, Obdachlose, böse Buben. Muss man erwähnen, dass – nicht gerade subtile Diskriminierung am Arbeitsplatz – fast alle Polizisten, die für diesen Job ausgewählt werden, schwarz sind? So auch die 26-jährige Janice Itwaru: “Jung, farbig, aus der Stadt, ohne Collegeabschluss, mit dem unbedingten Wunsch aufzusteigen, alleinstehend und ohne Kinder, ohne jemanden, der, würde sie im Dienst getötet werden, ihre Pension einstreichen würde, war sie rein theoretisch der perfekte Uncle, der Traum eines jeden Lieutenants im Drogendezernat.”

Janice hat nur noch wenige Monate als verdeckte Ermittlerin zu überstehen, bevor sie zum Detective aufsteigen wird. Sie ist gut, weil sie harmlos aussieht, doch mit jedem Tütchen Gras, jedem Opiumklümpchen, das sie auf der Straße kauft, wird es schwieriger, Dealer zu finden, die ihr Gesicht noch nicht kennen. Ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, als Janices Erfolge nachlassen, führen ihre Vorgesetzten eine Käufetafel ein: Jeder Uncle muss bis Ende des Monats eine bestimmte Anzahl an Transaktionen abschließen, sonst fliegt er. Also geht Janice immer größere Risiken ein, um die Quote zu schaffen, und bringt dabei sich selbst und ihre Teampartner in Gefahr.

“Cops” ist ein ausgereifter Polizeiroman, der das Genre zwar nicht neu erfindet, aber definitiv bereichert. Einzig und allein die Art, wie der Autor versucht, aktuelles Nachrichtengeschehen wie beispielsweise Obamas Aufstieg vom Senator zum ersten afroamerikanischen US-Präsidenten in die Handlung einfließen zu lassen, wirkt etwas bemüht. Auch ohne solche Anspielungen wirkt der Roman authentisch, aktuell (oder eben nicht mehr aktuell) und unterschwellig politisch. Wenn sich Janices Kollegen etwa den grausamen Scherz erlauben, ihr eine Burka zu schenken, nachdem sie enttarnt wurde oder wenn einer aus dem Uncle-Team, der nicht nur Eddie Murphy heißt, sondern sich auch als der echte Kinostar Eddie Murphy ausgibt, anmerkt, dass ein Film mit einem afroamerikanischen Undercover-Cop “etwas weniger Massenmarkt-Appeal hätte, wenn du verstehst, was ich meine”. Gerade diese Nicht-Massenkompabilität ist es, die die Uncles in diesem Buch zu sympathischen Antihelden aus Fleisch und Blut macht, mit denen man mitfiebert und mitleidet.


Moshi Moshi
Moshi Moshi
von Banana Yoshimoto
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 21,90

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Lesen als Meditation, 21. Oktober 2015
Rezension bezieht sich auf: Moshi Moshi (Gebundene Ausgabe)
Obwohl Yoshimoto eigentlich immer über dasselbe schreibt: Junge Menschen in Tokyo, die vom Schicksal richtig krass auf die Mappe kriegen, aber statt rumzuheulen (okay, ein bisschen heulen sie schon) sich wieder aufrappeln. Das gilt auch für "Moshi Moshi". Trotzdem sind ihre Geschichten immer anders und nie, nie, wirklich nie langweilig!

Yotchan ist 22 Jahre alt, als ihr Vater in einem Waldstück Selbstmord begeht. Völlig unerwartet und dann auch noch mit einer fremden Frau zusammen. Yotchan ist überzeugt, dass er nicht freiwillig aus dem Leben ging, sondern von der Frau in den Tod mitgerissen wurde. Nachts quälen Yotchan Alpträume, in denen ihr Vater versucht sie anzurufen, um ihr etwas Wichtiges zu sagen. Daher auch der für deutsche Ohren irgendwie niedlich klingende Titel “Moshi Moshi” – eine Begrüßungsformel, die man in Japan am Telefon benutzt.

So düster und “The Ring”-mäßig das jetzt klingen mag, ist der Roman aber nicht die Bohne. “Moshi Moshi” ist ein positives Bekenntnis zum Leben! Nicht verdrängen, sondern aufarbeiten, lautet die Devise. Yotchan ist klar, dass sie sich von den Geistern der Vergangenheit lösen muss. Wie genau sie das anstellen soll, muss sie selbst noch herausfinden – und davon erzählt der Roman. Es ist beinahe seltsam im Zusammenhang mit einem Buch, das in gewisser Weise von Trauerbewältigung handelt, von Spaß zu reden, aber ja: Es ist eine helle Freude Yotchan dabei zu begleiten, wie sie zurück in den Alltag und zu sich selbst findet. Weil sie einfach jemand ist, der sein Leben selbst in die Hand nimmt und gleichzeitig die Dinge, auf die man eh keinen Einfluss hat, akzeptiert wie sie sind. Das ist vielleicht sehr japanisch, auf jeden Fall ist es sehr schön.

Für mich jedenfalls ist das Lesen von Yoshimotos Büchern ein wenig wie Meditieren. Ich lese die ersten Sätze und werde ganz ruhig. Ich gleite auf einem Erzählstrom dahin – es gibt keine poetischen Schnörkel oder effekthascherischen Stürze. Alles fließt auf knappen 300 Seiten konzentriert auf ein Ziel zu. Denn das Leben ist zu kurz, um sich von Negativem oder Überflüssigem ablenken zu lassen


Eure Väter, wo sind sie? Und die Propheten, leben sie ewig?: Roman
Eure Väter, wo sind sie? Und die Propheten, leben sie ewig?: Roman
von Dave Eggers
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,99

3.0 von 5 Sternen Spannendes Gesellschaftsdrama, das zum gewöhnlichen Psychothriller wird, 21. Oktober 2015
Kein Autor reagiert so schnell auf die Welt wie Dave Eggers. Manchmal ist er seiner Zeit sogar ein Schnippchen voraus, so wie mit seiner Vision einer digital überwachten Gesellschaft im gehypten "Der Circle". Auch dieser Psychothriller ist so hochaktuell, das es beinahe beängstigend ist. Es geht um Pädophile, die bereits bevor sie eine Straftat begangen haben, kriminalisiert werden, um Polizisten, die sich von Fremden so stark bedroht fühlen, dass sie losschießen und um einen jungen Mann, der sein ganzes Leben funktioniert hat, bis er auf einmal austickt.

Während das klar umrissene Feindbild in “Der Circle” die Sozialen Netzwerke waren, geht es in “Eure Väter, wo sind sie?” gleich gegen das ganze System. Die Väter und Propheten glänzen vor allem durch Abwesenheit. Hauptfigur Thomas fehlt es an Vorbildern, an Respektspersonen und an Glaube. Er ist enttäuscht von der Regierung, der Gesellschaft, vom Leben. Aber weil man das System nicht greifen kann, schnappt er sich kurzerhand einige Stellvertreter dieser Maschinerie, entführt sie auf das verfallene Militärgelände Fort Ord in der kalifornischen Wüste und will sie erst wieder freilassen, wenn er Antworten auf seine Fragen bekommen hat.

“- Ich brauche keine Medikamente oder Therapie. Ich brauche Antworten auf meine Fragen.
– Was für Fragen, junger Mann?
– Keine besonders schwierigen. Einfache Sachen. Sie kennen die Antworten.”

Schade ist nur der Moment, an dem man merkt, dass Thomas nicht bloß ein verzweifelter Mensch in einer Sinnkrise ist, sondern ein gewöhnlicher Psychopath. Aus dem Romanhelden wird ein Straftäter, aus dem Gesellschaftsroman ein Thriller. Am Ende fragt man sich nicht: Wo sind sie hin, die Väter, die Propheten, die einem sagen, was man mit seinem Leben anfangen soll? Sondern: Wird Thomas geschnappt oder nicht? Irgendwie platt, aber auch typisch für Dave Eggers. Bei diesem Kerl weiß man nie, ob er etwas mit voller Absicht tut oder es einfach nicht besser drauf hat. Was auch schon wieder irgendwie ein smarter Schachzug ist.

Worüber man sich bei diesem Roman bestimmt auch uneins sein kann, ist die Form. Der Text ist komplett als Dialog geschrieben. Normalerweise finde ich so etwas schnell anstrengend, aber hier ist es der Hammer! Ich hatte wirklich das Gefühl, die Dinge geschehen jetzt, in diesem Moment. Ich habe die Stimmen der Figuren gehört, sie vor mir gesehen. Ich konnte die Lektüre wegen dieser Unmittelbarkeit auch gar nicht unterbrechen und habe die 220 Seiten in einem Rutsch gelesen. Ich glaube nicht, dass das Buch so ein Riesenhit wird wie sein Vorgänger. “Der Circle” war einfach griffiger in Form und Inhalt. Auf jeden Fall beweist Eggers aber einmal mehr, dass er einer der aufregendsten literarischen Chronisten der Gegenwart ist. Es gibt den Vorwurf, er wolle zu viel in seinen Büchern. Aber besser zu viel, als zu wenig.


Makarionissi oder Die Insel der Seligen: Roman
Makarionissi oder Die Insel der Seligen: Roman
von Vea Kaiser
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

3 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Warmherziges und temperamentvolles Familienepos, 21. Oktober 2015
Mit 23 haben andere Studenten gerade mal ihre erste Hausarbeit geschrieben. Vea Kaiser hatte da bereits ihren ersten Roman "Blasmusikpop" fertig. Jetzt legt die Österreicherin mit "Makarionissi" nach – wieder eine rasante Familiensaga, die ihren Ausgangspunkt in einem abgelegenen Bergdorf nimmt. Billige Kopie also? Keineswegs. Es ist wohl eher so, das diejenigen, die bereits an “Blasmusikpop” ihre helle Freude hatten, auch hier wieder auf ihre Kosten kommen.

In diesem Roman wimmelt es von Helden – von mythischen, wahren und solchen, die es gerne wären. Deshalb ist auch die Handlung selbst wie ein großer Homer’scher Heldenepos angelegt, mit Gesängen statt Kapiteln. Alles beginnt 1956 in dem Dorf Varitsi an der griechisch-albanischen Grenze, das mehr Ziegen als Einwohner zählt. Hier wachsen Eleni und Lefti auf. Aus Mangel an Alternativen werden die beiden schon als Kinder einander versprochen. Das hat Familienoberhaupt Yiayia Maria so beschlossen, nachdem ihr die heilige Paraskevi im Traum erschienen ist. Leider liest die alte Frau die Vorzeichen falsch und beschert ihren zwei Enkelkindern damit ein Los, das die Heiligen-Lotterie so bestimmt nicht vorgesehen hat. Denn Eleni und Lefti passen zusammen wie Tzatziki mit Schwarzwälderkirsch.

Vea Kaiser erzählt die Geschichte ihrer beiden Helden über mehrere Jahrzehnte, Generationen und Länder hinweg. Es ist eine abenteuerliche Odyssee, die aus den Vollen schöpft und alle Großereignisse des Lebens von Hochzeiten über Geburten bis hin zu Todesfällen bereit hält. Auf den letzten hundert Seiten rast die Handlung zwar wie im D-Zug vorbei, um geradewegs auf das etwas zu gemachte Happy End zuzusteuern, aber dies sei verziehen. “Makarionissi” bleibt ein herrlich unterhaltsamer Wohlfühl-Schmöker, vielleicht nicht ganz so anspruchsvoll und verschlungen in seinem Inhalt wie “Blasmusikpop”, aber immer noch mit dieser Kaiser-typischen Erzählweise, die gewitzt, warmherzig und temperamentvoll die Seiten ausfüllt.


How To Be Parisian wherever you are: Liebe, Stil und Lässigkeit à la française - Deutsche Ausgabe
How To Be Parisian wherever you are: Liebe, Stil und Lässigkeit à la française - Deutsche Ausgabe
von Anne Berest
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 14,99

5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Viel Lärm um Nichts, 20. Oktober 2015
Mir scheint, diese Pariserin ist vor allem in einer Sache Weltklasse: Viel Tamtam um ein bodenloses Nichts machen. Die dünnen Textchen enthalten entweder Botschaften, die von jedem Frauenmagazin bereits so zerschlissen wurden, dass man durchgucken kann (der Minirock verträgt kein Dekolleté; niemals ins Bett gehen, ohne sich vorher abzuschminken) oder sich zum Teil sogar widersprechen (Wenn man nackt ist und seinen Hintern nicht mag, einfach mit dem Rücken zur Wand entlang gehen und stattdessen die Brüste zeigen. Zwei Zeilen weiter: Sei keine Sklavin des Körperkultes und mach das Beste aus dem, was du hast! … Ja, was denn nun?). Aber ich vergaß: Die Pariserin darf sich so gegensätzlich ausdrücken, denn sie ist “stolz und doch voller Selbstzweifel". Haha, wie besonders.

Was ich aber besonders schade finde, ist, dass die Autorinnen höchst wahrscheinlich wirklich mehr weiterzugeben hätten als Schminktipps, Kochrezepte oder ein Einmaleins der Untreue. Sie alle sind jung und schaffen irgendwie den Spagat zwischen Geschäftstüchtigkeit, Kreativität und Familie. Klar, das Buch heißt “Liebe, Stil & Lässigkeit à la francaise”, aber zum Thema Mutterschaft und Kindererziehung finden sich zumindest auch ein paar Seiten – warum also nicht zum Thema Karriere? Es scheint, das wahre Geheimnis des Erfolgs der Pariserin bleibt weiterhin ein Geheimnis.


Null bis unendlich
Null bis unendlich
von Lena Gorelik
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ein Liebesroman, der keiner ist (und das ist gut so), 20. Oktober 2015
Rezension bezieht sich auf: Null bis unendlich (Gebundene Ausgabe)
Manche Menschen sind nicht für die Liebe gemacht. So wie Nils Liebe, das ist wirklich sein Name. Nils Liebe ist ein Einzelkind, das “immer einzeln geblieben” ist und dem Bücher sympathischer sind als Menschen. Bis Nils Liebe Sanela trifft. Ein Mädchen, das nicht so einfach zu lesen ist. Und weil es für den 14-Jährigen eine ganz neue Erfahrung ist, dass er etwas nicht versteht, verliebt er sich in Sanela. Und wird sie ein Leben lang weiterlieben, egal wie weh das tut.

Lena Gorelik hat einen Liebesroman geschrieben, der keiner ist. Mit zwei Liebenden, die keine sein wollen, die nichts fühlen wollen und doch alles füreinander empfinden, die einem als Leser eigentlich unsympathisch sein sollten, weil sie andere Menschen für ihr Normalsein verachten, und doch habe ich am Schluss Rotz und Wasser um die beiden geheult.

“Nils, das ist Sanela. Sanela kommt aus Jugoslawien zu uns. Sie spricht unsere Sprache nicht, noch nicht, und sie wird Hilfe brauchen. Mit der Sprache und auch in den anderen Fächern. Es wäre schön, wenn du dich ihrer annehmen und ihr helfen würdest. Den Unterrichtsstoff kannst du ja schon. Du kannst ja alles.” Mit diesen Worten der Klassenlehrerin lernen sich Nils und Sanela im Jahr 1992 kennen. Da weiß Nils noch nicht, dass er sich mit diesem Mädchen, das ganz alleine aus dem Krieg gekommen ist, auch ohne Worte unterhalten kann, dass er kurze Zeit später mit ihr in einen Zug steigen wird und ihr zurück zu den bosnischen Grabenkämpfen und ans stürmische Meer folgen wird, und dass er sie zweimal verlieren wird, durch einen Selbstmordversuch und an eine Krankheit.

Im Klappentext heißt es, dies sei ein Roman “darüber, warum es gut ist, anders zu sein”. Dabei liegt die Tragik der Figuren gerade darin, dass ihre Andersartigkeit sie eint und gleichzeitig trennt. Niels Liebe, der mit seinem Intellekt alles kaputt analysiert, und Sanela, die mit ihrer Wut um sich schlägt, bis jedes Glück zerstört ist. Lena Gorelik rollt ihre Geschichte von hinten auf, mit dem Ende, weil klar ist, dass es für diese beiden kein Happy End geben wird. Happy Ends ertragen diese beiden Charaktere eh nicht.

Dabei bleibt die Geschichte in ihrer eigenen Romanhaftigkeit etwas starr verhaftet. Nils Liebe ist das ganze Buch lang “Nils Liebe” – ein Vor- und ein Nachname, untrennbar, gewichtig wie ein schlechtes Omen. Wenn Nils Liebe und Sanela bei ihrer ersten Verabredung in einer Buchhandlung verschwinden und sich gegenseitig Zitate von Beckett bis Brecht zeigen, dann wirkt dies nicht ganz unmöglich, aber doch nicht ganz glaubhaft. Dennoch wünscht man sich, es wäre so. Weil es eine schöne Vorstellung ist, so wie man sich Romantik zwischen zwei Außenseitern vorstellt. Dass es nicht pathetisch wirkt, liegt an Lena Goreliks wacher, austarierter Sprache. Jedes Wort scheint präzise platziert und mit Bedacht gewählt. Der Erzählton ist so eigenwillig wie ihre Protagonisten und deshalb kann man sich ihrer Andersartigkeit auch nicht entziehen.


Das Licht der letzten Tage: Roman
Das Licht der letzten Tage: Roman
von Emily St. John Mandel
  Broschiert
Preis: EUR 14,99

4.0 von 5 Sternen Überleben allein ist unzureichend, 20. Oktober 2015
Dieser Roman ist so ganz anders als der andere durchgedrehte Postapokalypse-Wahnsinn. Keine Zombies, keine Aliens, keine Naturkatastrophen. Stattdessen: Ruhige Töne und ein melancholisches Nachsinnen über die Bedeutung von Ruhm, die Zerbrechlichkeit unserer Welt und die Wunder der Technik, die wir nicht mehr sehen, weil wir sie für selbstverständlich nehmen.

Aber das sind sie nicht. Wenn niemand mehr da ist, um unsere Kraftwerke zu betreiben oder nach Öl zu bohren, dann sind unsere modernen Errungenschaften einfach nur nutzlos und wir fallen zurück ins früheste Entwicklungszeitalter. Smartphones und Kreditkarten werden zu Museumsgegenständen, Flugzeuge und Fast-Food-Restaurants zu Wohnhäusern und das Internet zu einer Legende über die die Älteren den Jüngeren erzählen. Mandel zeichnet eine so detailliert schillernde Zukunftsversion, dass man glaubt, es könnte morgen schon so weit sein.

An einem Winterabend im Elgin Theatre in Toronto erleidet der berühmte Hollywood-Schauspieler Arthur Leander mitten im 4. Akt des King Lear einen Herzinfarkt. Es ist das Ende eines bewegten Lebens, eines Hinterherjagens nach Geld, Ruhm und Unsterblichkeit. Nur etwa 24 Stunden wird es dauern, bis die Schlagzeile über seinen Tod vergessen sein wird. 24 Stunden bis eine globale Grippe-Pandemie ausbricht. Danach gibt es keine Zeitungen oder Fernsehsender mehr, die Schlagzeilen produzieren könnten. Etwa 99 Prozent der Menschheit sind tot.

Der Roman erzählt auf verschiedenen Zeitebenen die Geschichte einer Handvoll Menschen, die Arthur Leander persönlich gekannt haben und dadurch auf schicksalhafte Weise miteinander verbunden sind. Kirsten, die als Kind ebenfalls bei der King Lear-Aufführung im Elgin Theater mitgewirkt hat, und 20 Jahre später mit einer Truppe von Musikern und Schauspielern durch die zersprengten Siedlungen um den Lake Michigan See zieht. Jeevan, ein Ex-Paparazzi, der den Zusammenbruch aus dem 45. Stock eines Wolkenkratzers beobachtet und dabei ständig an den R.E.M.-Song “It’s the end of the world as we know it” denken muss. Miranda, Arthur Leanders erste Ehefrau, die ihr Leben lang an einer Comicserie arbeitet, die zwar nie veröffentlicht wird, den Weltuntergang aber dennoch überdauert. Held des Comics ist der Physiker Dr. Eleven, der auf einer Raumstation lebt, deren künstlicher Himmel einen permanenten Sonnenuntergang simuliert – das Licht der letzten Tage.

“Was beim Zusammenbruch verloren ging: So gut wie alles, so gut wie alle, aber es ist immer noch so viel Schönheit geblieben.”

Was bleibt von uns übrig, wenn man uns alles nimmt? In Mandels Roman lautet die vorsichtig optimistische Antwort: Menschlichkeit, Erinnerungen und nicht zuletzt die Kunst. “Überleben allein ist unzureichend” hat sich die Theatertruppe, mit der Kirsten durch die Lande zieht, zum Motto gemacht. Kein Satz aus Shakespeare, sondern aus der Fernsehserie “Star Trek: Voyager”. Überall ist Schönheit und Wahrheit zu finden, nicht nur in der Weltliteratur, sondern auch in den banalsten Stoffen – wenn man sie nur entdeckt. Auf filigrane Weise verwebt die Autorin Science Fiction, Popkultur und klassisches Drama miteinander. Das einzige, was man diesem Roman vorwerfen könnte, ist, dass die Art wie hier alles mit allem zusammenhängt etwas sehr Artifizielles hat. Gleichzeitig fasziniert diese durchdachte Perfektion aber auch. Alles macht am Ende einen Sinn. Weil wir Menschen uns nach Bedeutung sehnen. Und so klappt man diesen Roman nach 400 Seiten zu und ist unglaublich einverstanden, zuversichtlich, getröstet. Und dass, obwohl gerade die Welt untergegangen ist.


Giraffen
Giraffen
von Anne Philippi
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

18 von 22 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Maximal notwendig, 28. Februar 2015
Rezension bezieht sich auf: Giraffen (Gebundene Ausgabe)
Berlinromane sind leider ebenso verbreitet und lästig wie Herpes. Denn wenn wir mal ehrlich sind, braucht außerhalb der Hauptstadt kein Mensch Berlinromane. Aber ab und zu kommt dann doch jemand daher, der zeigt, wie das geht, einen Berlinroman schreiben, der maximal notwendig ist! Und der nicht wegen der darin enthaltenden Party-Drogen-Exzesse so krass aus der Masse hervorsticht, sondern wegen seiner besonderen literarischen Qualität.

Aber wieso Giraffen? Den Spitznamen haben die langbeinigen Blondinen verpasst bekommen, die in den 1960ern mit Playboy Gunter Sachs den Strand von St. Tropez unsicher gemacht haben. Die Giraffe lässt sich ihre Gesellschaft nicht mit Geld bezahlen, sondern mit Appartments, Dinners, Kleidern, Reisen, Luxus eben. Sie schläft auch nicht mit vielen Männern gleichzeitig, sondern zieht von Wasserstelle zu Wasserstelle. Ich-Erzählerin Eva wäre gern eine Giraffe, ist sie aber nicht. Denn sie hat den Absprung nicht geschafft. Sie ist hängen geblieben auf Henry. "Ein echtes britisches »Trust Fund Baby«, ein Glücksgriff." Vielleicht ist es sogar Liebe, zumindest nach einer Flasche Rotwein. Henry ist reich, alt, aber gutaussehend auf Pierce-Brosnan-mäßige Weise, Alkoholiker, Kokser, Partyanimal. Eva ist die Co-Abhängige, eine Soldatin, passenderweise in Militärjacke so wie Mitte-Mädchen halt aussehen. "ich habe Disziplin, ich mache weiter. Ich erforsche alles. Bis es nicht mehr geht."

Und es geht schon lange nicht mehr. Trotzdem wird fünf Tage die Woche hart gefeiert so wie andere zur Arbeit gehen. Schlafen ist nicht, denn "Ohne Schlaf ist alles wahr. Kaltes Wasser kälter, Gefühlsäußerungen dramatischer, Orgasmen heftiger, das Küssen brutaler. Kurz vor dem Umkippen ist alles schöner." Und darum gehts: Ums Umkippen oder Abstürzen. Henry, Eva und die anderen Feierwütigen in der "Ausflippungsmetropole" liefern sich einen verbissenen Kampf darum, wer sich härter zerstört, als ob es eine Medaille zu gewinnen gäbe. Die beiden taumeln in einer schwindelerregenden Tour de Force von einer Party zur nächsten, von Sauf- und Shoppingtouren ins siffige Pornokino und noch siffigere Clubtoiletten. Zum Runterkommen sind die Taxifahrten da, zum Fitwerden gibts Vitaminspritzen.

Beim Lesen von "Giraffen" habe ich es wieder gespürt, dieses Kribbeln, das Sprache auslösen kann. Dabei wirkt es bei Philippi so einfach wie sich eine Zigarette anzünden. Eine Sprache erzeugen, die auf unwiderstehliche Art im Hier und Jetzt ist. Und dabei völlig ohne Facebook-Digitalismus auskommt. Ich-Erzählerin Eva lebt in einem Wirrwarr aus Einsamkeit und Selbsttäuschung, das in eine Sprache übersetzt wird, die genau diese Dissonanz fulminant abbildet. Und dabei handelt es sich nicht um die Autorin, die hier spricht, sondern ganz klar um ein Rollen-Ich - leider muss man sowas ja heutzutage besonders erwähnen.

Vielleicht hat mich der Roman ja auch deshalb so gekickt, weil mich genau wie Anne Philippi diese ewigen Mädchen wie Eva wahnsinnig interessieren, irgendwo zwischen Faszination und Kopfschütteln. Diese Borderline-Grazien, mehr Kate Moss als Christiane F., die keine Grenzen kennen, alles mitnehmen, jede Party-Erfahrung gemacht haben wollen, egal wie kaputt, erniedrigend oder idiotisch. Aber was, wenn man beim Tanz am Abgrund in die falsche Richtung abrutscht? Wenn man die Situation nicht beherrscht, sondern die Situation einen selbst. Wenn dabei tiefe Schneisen in die Psyche und Identität geschlagen werden, so wie bei Ich-Erzählerin Eva:

"Wir waren nicht mehr fünfundzwanzig. Wir waren sechsunddreißig. Wir ignorierten unsere Jahre. Wir taten so, als ob es für immer okay wäre, wegen Eisenmangels in Ohnmacht zu fallen, mit Gespenstergesichtern durch die Ackerstraße zu laufen. Wir hatten nichts vorzuweisen. Keine Produkte, keine Kinder, keine Haltung, keine Stimme. Nur eine Stimmung. Und auf die konnte sich wirklich niemand verlassen."

Indem Eva sagt "wir taten, als ob" wird der Selbstbetrug ganz offensichtlich. Und deshalb wünscht man ihr auch von Herzen, dass sie wie Alice wieder aus dem Kaninchenbau findet, weil hinter all der Zugedröhntheit ein rasiermesserscharfer Verstand steckt, der nur mal wieder nüchtern werden müsste.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: May 15, 2015 3:58 PM MEST


Zoo City
Zoo City
von Lauren Beukes
  Broschiert
Preis: EUR 14,99

0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Fantasy-Thriller mit angezogener Handbremse, 28. Januar 2015
Rezension bezieht sich auf: Zoo City (Broschiert)
Ex-Junkie Zinzi December im urbanen Fantasy-Krimi "Zoo City" ist eine Getierte. Wie bei jedem Menschen, der ein schweres Verbrechen begangen hat, taucht wie aus dem Nichts ein Geistertier auf, dass sie fortan wie ein “Schuldig”-Banner begleitet. In ihrem Fall ein Faultier. Aber jedes Tier bringt seinem Besitzer auch eine Gabe. Bei Zinzi ist es die Fähigkeit, Verlorenes wiederzufinden.

So hält sie sich mit Suchaufträgen wie verlegten Schlüsseln oder Liebesbriefen über Wasser. Normalerweise lautet Zinzis Arbeitsdevise: Kein Aufspüren von Drogen, Waffen oder Personen. Aber sie hat immer noch horrende Schulden aus ihrer eigenen Drogenzeit. Deshalb lässt sie sich darauf ein, für einen mächtigen Musikproduzenten und Nachtclubbesitzer sein jüngstes Pop-Sternchen in den Straßen von Johannesburg aufzuspüren. Bis Zinzi selbst zur Gejagten wird.

Der Roman verbindet eine hard-boiled-Detektivgeschichte mit Urban Fantasy-Elementen, die auch nicht Fantasy-Fans Spaß machen dürfte. Leider nimmt die Story nicht richtig an Fahrt auf. Sie liest sich eher wie der Auftakt zu einer Serie. Erst einmal muss man dem Leser erklären, wie diese Welt funktioniert, wie die Romanheldin tickt, die ihren eigenen Bruder im Drogenrausch erschossen hat und damit ihr Recht verwirkt hat, jemals wieder ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft zu werden, und nicht zuletzt ist es auch das Johannesburg-Setting mit seinen vielen Stadtteilen, in dem – zumindest ich – mich erstmal zurechtfinden musste. Ein kleines Glossar mit den wichtigsten südafrikanischen Fremdwörtern wie Shavi (Geist) oder Makwerekwere (Ausländer) von Übersetzerin Judith Reker ist zumindest eine Hilfe.

Den Fall um das verschwundene Pop-Sternchen, den Zinzi versucht aufzuklären, gerät jedenfalls bei allem Drumherum ganz schön in den Hintergrund. Dadurch zerfranst die Handlung etwas, entlädt sich aber zumindest in einem actiongeladenen Showdown.Für mich ist dieses Debüt zwar nicht der große Wurf, da ausbaufähig, aber es hat seine starken Momente – und ein unwiderstehlich süßes Faultier…


Ein Bild von dir
Ein Bild von dir
von Jojo Moyes
  Broschiert
Preis: EUR 14,99

17 von 22 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Moyes bisher düsterster Roman, 28. Januar 2015
Rezension bezieht sich auf: Ein Bild von dir (Broschiert)
Ja, ja, die meisten Literaturfeinschmecker mögen Moyes' Liebesschmöker für überzuckerten Plunder halten. Wer das allerdings so sieht, hat mit hoher Wahrscheinlichkeit noch nie ein Buch von ihr gelesen! Denn Moyes' Erzählungen sind zwar gefällig (natürlich erobern die Heldinnen auch verheult und ungewaschen die Männerherzen im Sturm), aber nicht trivial.

So mag "Ein ganzes halbes Jahr" das traurigste Buch der Britin sein, "Ein Bild von dir" ist ihr bisher düsterstes. Okay, schnurrt man die Handlung auf den Klappentext-Satz zusammen "Zwei Paare – getrennt durch ein Jahrhundert, verbunden durch ein Gemälde", klingt das derbst nach Rosemunde Pilcher-Style. Dabei gehts hier nicht nur um Romantik, sondern auch um Kriegsverbrechen, Raubkunst und Restitutionsfälle, die durch schwindelerregende Geldsummen zu einem Riesengeschäft geworden sind, sodass es nicht länger nur um ideelle Werte und die Wiederherstellung von Gerechtigkeit geht, sondern auch um monetäre Interessen.

Was mir an Moyes Romanfiguren immer wieder gefällt sind ihre Bruchstellen. Sie sind in ihrem Handeln oft schwer zu begreifen, sie sind kompliziert und widersprüchlich. Sie tun nicht immer das Richtige. Und so müssen die beiden Hauptfiguren Sophie und Liv auf schmerzliche Weise erfahren, dass Gegenstände keine Menschen ersetzen können. Und dass es im Krieg und in der Liebe häufig keine Sieger gibt, sondern nur Versehrte.
Kommentar Kommentare (5) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Feb 9, 2015 12:50 PM CET


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