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Lothar W. Brenne-Wegener "LWB" (Hamburg, Deutschland)
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Die ethnische Säuberung Palästinas
Die ethnische Säuberung Palästinas
von Ilan Pappe
  Gebundene Ausgabe

111 von 137 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein lange verdrängtes Kapitel israelischer Geschichte sichtbar gemacht, 21. Oktober 2007
Es gibt Bücher, die unsere Buchhandlungen nicht im Sortiment vorhalten. Handelt es sich um ausländische Neuerscheinungen, ist eine der gängigsten Begründungen, daß die Titel möglicherweise nicht ins Deutsche übertragen wurden. Das 1992 in New York erschienene Buch "Profits of War. Inside the Secret U.S.-Israeli Arms Network" des ehemaligen israelischen Geheimdienstoffiziers Ari Ben-Menashe gehört ebenso dazu, wie die im Jahr 1995 erschienene Veröffentlichung von HRH General Khaled Bin Sultan "Desert Warrior. A Personal View of the Gulf War by the Joint Forces Commander", jenes saudi-arabischen Generals, der neben dem hinlänglich bekannten US-General Norman Schwarzkopf ein "parallel command" im Zweiten Golfkrieg 1991 innehatte.
Bei näherem Hinsehen könnte neben der fehlenden deutschen Übersetzung jedoch auch noch ein anderer Grund dafür in Frage kommen, nämlich, daß der Inhalt dieser Bücher sich nicht für eine Diskussion in unserem Lande eignet! Denn wer möchte schon darüber nachlesen, daß Israel dem Iran, der das Land heute mit seiner Vernichtung bedroht, in seinem Krieg gegen den Irak von 1980 bis 1988 mit Waffen beliefert hat? Und wen interessiert schon, daß die arabischen Staaten für die Befreiung Kuwaits ihre Streitkräfte kaum dem Kommando eines amerikanischen Generals unterstellt hätten.
Das bereits im Jahr 2006 in Oxford/ England erschienene Buch von Ilan Pappe "The Ethnic Cleansing of Palestine" gehört seit neuestem nicht mehr zu dieser Kategorie: unter dem Titel "Die ethnische Säuberung Palästinas" liegt es dankenswerterweise inzwischen auch in deutscher Übersetzung vor, so daß sich auch jene intensiver mit der Materie auseinandersetzen können, denen wegen mangelnder Sprachkenntnisse das englische Original bisher verschlossen blieb.
In ihm beschreibt der israelische Historiker und Professor für Politische Wissenschaften der Universität Haifa den Krieg 1948 zwischen dem gerade erst gegründeten Staat Israel und Palästina. Während dieser Krieg in der israelischen Wahrnehmung als "Unabhängigkeitskrieg" bezeichnet wird, rückt Pappe die massenhafte und von der israelischen Armee mit brutaler Gewalt vorangetriebene Vertreibung der Palästinenser in den Mittelpunkt seiner Betrachtung. Die ethnische Säuberung großer Teile Palästinas, so Pappe, sei von Anfang an eine sorfältig vorbereitete Strategie gewesen und stelle heute eine der Wurzeln des andauernden Konflikts im Nahen Osten dar. Vor allem räumt Pappe auf mit dem Mythos des 'voluntary flight' - von der freiwilligen Flucht der Palästinenser aus ihrer Heimat - der heute immer noch weitgehend durch die Argumentation geistert. Tatsache sei vielmehr, daß an die 1 Mio. Palästinenser unter Anwendung von Gewalt gezwungen worden seien, ihre Häuser und Dörfer zu verlassen. Dieser Vorgang, der teilweise unter den Augen von UN-Beobachtern, einer offenbar sich kaum darum kümmernden britischen Mandatsmacht und einer im allgemeinen indifferenten Weltpresse stattfand, habe, so der Autor, zu einer der größten Massenvertreibungen der neueren Geschichte geführt. Detailliert und kenntnisreich beschreibt er die Vorgänge der damaligen Zeit. Er stützt sich dabei, nicht wie etwa andere Historiker, nur auf israelische Quellen, sondern begibt sich selbst an die Orte des Geschehens, rekonstruiert die Überfälle der israelischen Armee und befragt überlebende Zeitzeugen. Pappe selbst sagt, mit seinem Buch habe er zweierlei untersuchen wollen, zum einen, wie 1948 bei der ethnischen Säuberung vorgegangen wurde, und zum andern, die Art und Weise, wie diese anschließend in der Öffentlichkeit wahrgenommen worden sei. Die nur drei Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs allenthalben voherrschende Gleichgültigkeit sowie die auffällige Zurückhaltung jeglicher Kritik gegenüber dem jüdischen Staat nur drei Jahre nach dem Holocaust, habe der Welt erlaubt, den Vorgang schlichtweg zu verdrängen und so die Verantwortlichen in die komfortable Lage versetzt, das Verbrechen, das die zionistische Bewegung 1948 an dem palästinensischen Volk begangen habe, einfach abzustreiten.
Wer immer sich mit dem Problem 'Naher Osten' und den Befindlichkeiten der sich nahezu unversöhnlich gegenüberstehenden Parteien befaßt, und wer vor allem nach Erklärungen für das heutige Verhalten der Palästinenser sucht, für den ist Ilan Pappes Buch ein absolutes Muß!
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: May 17, 2010 12:15 AM MEST


The Ethnic Cleansing of Palestine
The Ethnic Cleansing of Palestine
von Ilan Pappe
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,53

56 von 62 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein lange verdrängtes Kapitel israelischer Geschichte sichtbar gemacht, 27. Juni 2007
Es gibt Bücher, die unsere Buchhandlungen nicht im Sortiment vorhalten. Handelt es sich um ausländische Neuerscheinungen, ist eine der gängigsten Begründungen, daß die Titel möglicherweise nicht ins Deutsche übertragen wurden. Das 1992 in New York erschienene Buch "Profits of War. Inside the Secret U.S.-Israeli Arms Network" des ehemaligen israelischen Geheimdienstoffiziers Ari Ben-Menashe gehört ebenso dazu, wie die im Jahr 1995 erschienene Veröffentlichung von HRH General Khaled Bin Sultan "Desert Warrior. A Personal View of the Gulf War by the Joint Forces Commander", jenes saudi-arabischen Generals, der neben dem hinlänglich bekannten US-General Norman Schwarzkopf ein "parallel command" im Zweiten Golfkrieg 1991 innehatte.
Bei näherem Hinsehen könnte neben der fehlenden deutschen Übersetzung jedoch auch noch ein anderer Grund dafür in Frage kommen, nämlich, daß der Inhalt dieser Bücher sich nicht für eine Diskussion in unserem Lande eignet! Denn wer möchte schon darüber nachlesen, daß Israel dem Iran, der das Land heute mit seiner Vernichtung bedroht, in seinem Krieg gegen den Irak von 1980 bis 1988 mit Waffen beliefert hat? Und wen interessiert schon, daß die arabischen Staaten für die Befreiung Kuwaits ihre Streitkräfte kaum dem Kommando eines amerikanischen Generals unterstellt hätten.
Neuerdings scheint auch das im vergangenen Jahr in Oxford/ England erschienene Buch von Ilan Pappe "The Ethnic Cleansing of Palestine" dazuzugehören. In ihm beschreibt der israelische Historiker und Professor für Politische Wissenschaften der Universität Haifa den Krieg 1948 zwischen dem gerade erst gegründeten Staat Israel und Palästina. Während dieser Krieg in der israelischen Wahrnehmung als "Unabhängigkeitskrieg" bezeichnet wird, rückt Pappe die massenhafte und von der israelischen Armee mit brutaler Gewalt vorangetriebene Vertreibung der Palästinenser in den Mittelpunkt seiner Betrachtung. Die ethnische Säuberung großer Teile Palästinas, so Pappe, sei von Anfang an eine sorfältig vorbereitete Strategie gewesen und stelle heute eine der Wurzeln des andauernden Konflikts im Nahen Osten dar. Vor allem räumt Pappe auf mit dem Mythos des 'voluntary flight' - von der freiwilligen Flucht der Palästinenser aus ihrer Heimat - der heute immer noch weitgehend durch die Argumentation geistert. Tatsache sei vielmehr, daß an die 1 Mio. Palästinenser unter Anwendung von Gewalt gezwungen worden seien, ihre Häuser und Dörfer zu verlassen. Dieser Vorgang, der teilweise unter den Augen von UN-Beobachtern, einer offenbar sich kaum darum kümmernden britischen Mandatsmacht und einer im allgemeinen indifferenten Weltpresse stattfand, habe, so der Autor, zu einer der größten Massenvertreibungen der neueren Geschichte geführt. Detailliert und kenntnisreich beschreibt er die Vorgänge der damaligen Zeit. Er stützt sich dabei, nicht wie etwa andere Historiker, nur auf israelische Quellen, sondern begibt sich selbst an die Orte des Geschehens, rekonstruiert die Überfälle der israelischen Armee und befragt überlebende Zeitzeugen. Pappe selbst sagt, mit seinem Buch habe er zweierlei untersuchen wollen, zum einen, wie 1948 bei der ethnischen Säuberung vorgegangen wurde, und zum andern, die Art und Weise, wie diese anschließend in der Öffentlichkeit wahrgenommen worden sei. Die nur drei Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs allenthalben voherrschende Gleichgültigkeit sowie die auffällige Zurückhaltung jeglicher Kritik gegenüber dem jüdischen Staat nur drei Jahre nach dem Holocaust, habe der Welt erlaubt, den Vorgang schlichtweg zu verdrängen und so die Verantwortlichen in die komfortable Lage versetzt, das Verbrechen, das die zionistische Bewegung 1948 an dem palästinensischen Volk begangen habe, einfach abzustreiten:
"With time, the Zionist whitewash of words proved so successfull in inventing a new language to camouflage the devastating impact of its practices" (Pappe).
Wer immer sich mit dem Problem 'Naher Osten' und den Befindlichkeiten der sich nahezu unversöhnlich gegenüberstehenden Parteien befaßt, und wer vor allem nach Erklärungen für das heutige Verhalten der Palästinenser sucht, für den ist Ilan Pappes Buch ein absolutes Muß!
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Mar 22, 2008 5:36 PM CET


The Great War for Civilisation. The Conquest of the Middle East
The Great War for Civilisation. The Conquest of the Middle East
von Robert Fisk
  Taschenbuch
Preis: EUR 16,95

12 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein aufrüttelndes Dokument zur Zeitgeschichte, 26. Juni 2007
Geschafft! Dabei habe ich alles in allem nur vier Monate gebraucht, um mich durch die eintausenddreihundert Seiten kleingedruckten englischen Text des voluminösen Taschenbuchs "The Great War For Civilisation. The Conquest of the Middle East" des britischen Journalisten Robert Fisk zu arbeiten. Aber, um es gleich vorweg zu sagen, die Mühe hat sich in mehrfacher Hinsicht gelohnt. Zum einen ist es für die eigene Fähigkeit, englische Texte zu lesen, zugegebenermaßen eine enorme Herausforderung, aber zugleich auch eine nicht hoch genug einzuschätzende geistige Übung. Auch wenn man nicht alles Wort für Wort übersetzen kann, allein schon der grobe Rahmen reicht aus, um sich jeden Tag aufs neue von den teilweise unglaublichen Schilderungen des Autors gefangennehmen zu lassen. Fisks Buch liest man mit großer innerer Anteilnahme. Dabei wechseln sich oft genug Empörung mit stiller Wut, Verzweiflung mit innerer Anteilnahme ab. Dies besonders an den Stellen, an denen er unglaubliche Einzelschicksale beschreibt und den Toten nicht nur einen Namen gibt sondern ihnen zudem durch seine Schilderung ein bleibendes Andenken setzt. Viele Vorgänge und Zustände, die er beschreibt, fanden in unserer Presse so gut wie kaum oder gar keine Beachtung, weil sie nicht ins jeweilig vorherrschende Weltbild paßten. Fisks Stärke: er schreibt nicht nach dem Mainstream sondern fühlt sich ausschließlich seinem Gewissen und seinem Beruf als Journalist verpflichtet. Hier hat jemand seine persönlichen Erlebnisse vor allem in Middle East aufgeschrieben und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Detailliert und kenntnisreich schreibt er nach der Devise "...our job is to monitor the centres of power", und bezieht sich dabei auf eine Äußerung der jüdischen Journalistin Amira Hass, die jahrelang im Gaza-Streifen unter den Palästinensern gelebt hat, weil sie am eigenen Leib deren alltägliche Diskriminierung durch die israelischen Besatzer erleben wollte. Hass' Worte hält er für die beste Definition von 'Journalismus' die er je gehört hat, wie er selbst in seiner Einleitung bekennt. Er beschreibt die aktuellen Brennpunkte des Weltgeschehens Afghanistan, Irak, Iran, Pakistan, Israel, Palästina nicht aus der Ferne, sondern als Berichterstatter vor Ort und macht obendrein das, was vielen Journalisten heute abhandengekommen zu sein scheint: er berichtet nicht nur aus der Gegenwart heraus, sondern liefert Hintergründe, die sorgfältig und punktgenau recherchiert sind! Dabei legt er auch schonungslos jene Rolle offen, die die USA und Großbritannien in diesem Trauerspiel eingenommen haben. Alles in allem ist Fisks "The Great War for Civilisation" ein aufwühlendes, ein erschreckendes, die Bigotterien westlicher Politik überdeutlich aufzeigendes, notwendiges und deshalb für diejenigen, die der englischen Sprache in ausreichendem Maße mächtig sind, empfehlenswertes Buch. Es ist sowohl eine Fundgrube an Fakten und Informationen, als auch ein Hoffnungsschimmer gleichermaßen, daß es doch noch Journalisten gibt, die sich ausschließlich der Wahrheit verpflichtet fühlen und sich auch nicht einschüchtern lassen von unzähligen Emails, in denen ihnen 'Anti-Amerikanismus' oder auch 'Anti-Semitismus' vorgeworfen wird. Am Ende ist der Informationszugewinn über das, worüber Fisk berichtet, unschätzbar und läßt einen leicht die Mühe, die man vielleicht bei der Lektüre gehabt hat, vergessen.


Der ästhetische Imperativ. Schriften zur Kunst Fundus 166
Der ästhetische Imperativ. Schriften zur Kunst Fundus 166
von Peter Sloterdijk
  Gebundene Ausgabe

21 von 32 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Wo Sloterdijk draufsteht, muß auch Sloterdijk drin sein!, 7. Juni 2007
Neulich war die Frage, mit welcher Wortwahl Peter Sloterdijk sich wohl in Berlin an eine Imbißbude stellen und dort eine "Currywurst mit Pommes rot/weiß" bestellen würde, Gegenstand einer ebenso lebhaften, wie ernsthaften Erörterung zwischen dem Rezensenten und dessen Freund.
Spätestens seit Herausgabe der "Kritik der zynischen Vernunft" gilt nämlich "...wo Sloterdijk draufsteht, muß auch Sloterdijk drin sein"! Dies um so mehr, wenn für den Urheber, wie für kaum einen anderen, gilt, daß die Sprache die Basis ist für die geistige Fähigkeit des Menschen. Wenn also die Auswahl des Vokabulars als Signal an die Umwelt gilt, daß geschniegelter Verbalismus in direktem Zusammenhang zu den geistigen Fähigkeiten seines Urhebers stehen, so muß man wohl befürchten, daß seine geblümte Dekorationssprache entweder menschlicher Koketterie und vordergründiger Effekthascherei entspringen, oder ihm tatsächlich eine unvergleichliche Erfindungsgabe zur Neuschöpfung von Wortgirlanden zu eigen ist, die nicht gerade für so eine geistlose Bestellung wie eine schnöde Currywurst entworfen ist. Denn schließlich ist Peter Sloterdijk, der Meister der artifiziellen Aufblähung einer geflügelten Winzigkeit zu einem hybriden Monster, einer der vordersten Protagonisten dieser Spezies. Er kommt so ernsthaft und gleichsam so gebildet daher, daß man bei ihm, dem angesagtesten Lieblingsintellektuellen der Republik, beinahe um die Verbalisierung des Banalen fürchten muß.
Von Ludwig Wittgenstein ist das Zitat überliefert: "Die Philosophie ist ein Kampf gegen die Verhexung unseres Verstandes durch die Mittel unserer Sprache." Bei Peter Sloterdijk wäre man geneigt, eher das Gegenteil zu konstatieren, nämlich: die Sprache diene ihm vielmehr als Mittel zur Verhexung unseres Verstandes! Trotz aller und vielleicht sogar gerade wegen seiner unerschrockenen Verbalisierungsakrobatik begegnen wir ihm mit einer unerschütterlichen Aufgeschlossenheit und einem beinahe schon trotzigen Verständnis, so daß man mitunter den Eindruck gewinnen könnte, seine Anhänger bewunderten ihn um so mehr, je weniger sie ihn verstehen.
Geben wir dieser Erkenntnis ein wenig Zeit, sich zu setzen!
Um gleichwohl zur eingangs gestellten Frage zurückzukehren: wenn er es also tatsächlich könnte - nämlich sich eine Currywurst bestellen - dann drängt sich natürlich die Frage auf, warum er eigentlich immer wieder einfache Sachverhalte so verklausuliert, daß man als Otto Normalverbraucher kaum in der Lage ist, ihm hinreichend zu folgen? Wenn nein, dann bleibt einem nach einem erlösenden Durchatmen die Genugtuung, daß er tatsächlich nicht von dieser Welt und deshalb sowieso mit anderen Maßstäben zu beurteilen ist.
Jetzt hat der unvergleichliche Peter Sloterdijk, Professor für Philosophie und Ästhetik der Universität Karlsruhe und zusammen mit Rüdiger Safranski Alphatier der ZDF-Sendung "Das philosophischen Quartett", sich auf fast fünfhundert Seiten über den "ästhetischen Imperativ" ausgelassen, auf denen er, gemäß Peter Weibel, "...alle klassischen und modernen Gattungen der Kunst, von der Musik bis zur Architektur, von der Kunst der Erleuchtung zur Kunst der Bewegung, vom Design zur Typographie" und noch vieles mehr berührt. Folgerichtig trägt denn auch die von Weibel sehr passend als "Erkundung" apostrophierte Zusammenstellung den Untertitel "Schriften zur Kunst".
Nun mag sich der geneigte Leser fragen, wie man über die Kunst der Gegenwart in ihrem geistreichen Stumpfsinn, ihrer schwerleibigen Öde und ihrem selbstwählerischen Hang zur Strapaze auch noch fünfhundert Seiten füllen kann? Thomas Kapielski sagt, den Kritikern sei jene Kunst die liebste, an der es wenig zu sehen und infolgedessen sehr viel zu deuteln gäbe. Angesichts von Agnes Martins "Roter Vogel" aus dem Jahre 1964, der 2004 in der großen Berliner MoMA-Ausstellung gezeigt wurde, mag Kapielsi ja durchaus recht haben, aber Sloterdijk ist kein Kunstkritiker!
Tatsächlich handelt es sich bei seinen Traktaten um teilweise bisher unveröffentlichte Texte, die in zwei Jahrzehnten zu den unterschiedlichsten Anlässen entstanden sind, und in denen er immer wieder auf die Kunst im allgemeinen und die ihr innewohnende Ästhetik im besonderen zu sprechen kommt, und das in dem ihm eigenen, rhetorisch forcierten Ausdrucksüberschwang, der allem Alltäglichen entrückt zu sein scheint.
Unlängst in einer Veranstaltung von einem Zuhörer gefragt, ob man den "ästhetischen Imperativ" in eine ebenso knappe Definition bringen könne, wie den kantschen "kategorischen Imperativ", antwortete der Meister denn auch mit einem ebenso klaren wie knappen "Nein!".
Also: belassen wir es dabei!
Sloterdijk liest man entweder in masochistischem Lustzustand wollüstiger Erregung oder man legt ihn mit gepflegter Langeweile beiseite. Lesen kann eine subtile Lust, ein sinnliches Vergnügen sein, aber bei Sloterdijk gerät diese Tätigkeit zu veritabler Arbeit. Der öffentliche Jubel, der dem Autor gleichwohl allenthalben entgegenschallt, macht es einem jedoch unmöglich, letzteres offen zuzugeben, ohne daß dies mit einem gravierenden Imageverlust verbunden wäre.
In seinen Vorlesungen über die Ästhetik hat schon Georg Wilhelm Friedrich Hegel hinsichtlich der Kunst festgestellt, ihre Form habe aufgehört, das höchste Bedürfnis des Geistes zu sein. Was dagegen die Sprache betrifft, bekennt der 1994 gestorbene Philosoph Karl R. Popper in seinem Buch "Alles Leben ist Problemlösen. Über Erkenntnis, Geschichte und Politik":
"Wir wollen auffallen, und reden in einer unverständlichen, aber überaus eindrucksvollen, gelehrten, kunstvollen Sprache, die wir von unseren hegelianischen Lehrern haben und die alle Hegelianer verbindet. Das ist die Sprachverschmutzung, die Verschmutzung der deutschen Sprache, in der wir miteinander wetteifern. Es ist die Sprachverschmutzung, die es geradezu unmöglich macht, mit uns Intellektuellen vernünftig zu reden und uns nachzuweisen, daß wir sehr oft Unsinn reden und im Trüben fischen."
Bezogen auf die Texte Sloterdijks erscheint mir diese Feststellung Poppers irgendwie tröstlich.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jun 10, 2013 4:43 PM MEST


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