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Rezensionen verfasst von
Michael Schäfer "Kaká" (Dortmund, NRW)

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Der Process
Der Process
von Franz Kafka
  Taschenbuch
Preis: EUR 5,00

8 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Der Prozeß - Erbauliche Beklommenheit, 3. September 2009
Rezension bezieht sich auf: Der Process (Taschenbuch)
Einen Roman namens "Der Proceß" von Franz Kafka hat es nie gegeben. Was es gibt, und was man in Ausgaben wie dieser als einen solchen verkauft bekommt, ist ein Konvolut von Notizheftzetteln, auf denen Franz Kafka die Teile eines Romanfragments namens "Der Proceß" niedergeschrieben hat - und welche der kränkliche und zu Lebzeiten völlig unbekannte Prager Autor seinem Nachlassverwalter eigentlich testamentarisch zum Verbrennen übereignet hatte. Doch Max Brod erkannte glücklicherweise das literarische Potential des Nachlasses seines Freundes. So veröffentlichte er im Jahre 1925 erstmals den "Proceß", ohne dabei jedoch kenntlich zu machen, dass die vordergründige Abgeschlossenheit des Romans tatsächlich eine Interpretation seinerseits - und keinesfalls vom Autor autorisiert war. Editionskritisch gesehen muss somit jede Ausgabe, welche den "Proceß" kommentarlos als kompletten Roman vorstellt, ohne etwa zu bemerken, dass allein die Kapitelreihenfolge zweifelhaft und offen für Uminterpretation ist, unter ein kritisches Licht gestellt werden. Die historisch-kritische Ausgabe mit der kompletten Faksimilierung der Originalhandschriften Kafkas ist in dieser Hinsicht natürlich ein Ideal, das natürlich weder erschwinglich noch besonders lesekomfortträchtig ist. Natürlich ist es in Anbetracht dessen legitim, für den "Hausgebrauch" Leseausgaben wie die hier vorliegende zu verwenden. Man sollte dabei jedoch im Hinterkopf behalten, dass "Der Proceß" ein äußerst dynamisches Kunstwerk ist, in dem Querverweise und Episodenhaftigkeit der Kapitel dazu einladen, auch mal gegen die von Brod vorgegebene Reihenfolge zu lesen und seinen eigenen Proceß-Roman daraus zu konstruieren. Denn dieser Text, dieser "Proceß", ist einer der schönsten, den wir haben, und das verdanken wir einzig Franz Kafka, und niemand anderem.
"Der Proceß" ist dabei zunächst einmal die Geschichte eines in seiner Einfachheit und Geradlinigkeit bewundernswerten Charakters, mit Namen Josef K., der (scheinbar) zum Spielball einer obskuren Gerichtsbarkeit wird, und phasenweise dieses Verhältnis gegenüber der vollkommen gestaltlos bleibenden Macht und dem inhaltlosen Gesetz umkehrt und herausfordert. Wie aus dem Nichts verhaftet und angeklagt, sieht sich der in geregelten Verhältnissen lebende Bankangestellte einer Verkettung sich gegenseitig an Skurrilität und Exzentrik überbietender Situationen und Charaktere gegenüber, die ihn nach und nach in seinen "Proceß" einführen und ihn durch diesen begleiten, ohne ihn jedoch ansatzweise mit Inhalt zu füllen. Es gibt eine Verhaftung, aber kein Gefängnis, eine Anklage, aber keinen Tatvorwurf, viele Gerichtssitzungen, aber keinen spürbaren Fortgang des Prozesses, bis diese abstruse und beklemmende, immer in der Schwebe hängende Situation zu einem Teil von Ks Leben word, welchen dieser sich bei genauer Betrachtung in durchaus positivem Sinne zu eigen macht. So geht er, nach einem Stadium der Verständnislosigkeit, vollkommen in dem Verfassen von Verteidigungsschriften und Verbalattacken gegen die Gerichtsbarkeit auf. Ob dies mit einem Schuldeingestädnnis gleichzusetzen ist, bleibt eine der interessantesten Fragen an den Roman. Doch K.s strikte Absage an jegliches Schuldeingeständniss bleibt Teil das entscheidende Element, das diese Figur prägt und veredelt. Um so frappierender erscheint in diesem Kontext das "Ende" des eigentlich nicht zu beendenden weil von der kontinuierlichen "Verschleppung" des gestaltlosen Prozesses und der dadurch entstehenden immer neuen Formen des Verlangens und Erfahrungsdranges der Hauptfigur lebenden Romans, der schließlich Fragment geblieben ist und dessen Kapiteleinteilung durch Max Brod bis heute Diskussionsstoff bietet.
Zwei (scheinbar) gegensätzliche Grundstimmungen prägen bei all dem Ton und Atmosphäre der Erzählung. Auf der einen Seite ist da die Beklommenheit, das Ausgeliefertsein Ks an diese obskure Gerichtsmaschinerie, die sich etwa in der Verhaftung mit dem wie selbstverständlich von statten gehenden Eindringen in Ks Privatsphäre oder in der die Angeklagten im wahrsten Sinne des Wortes niederdrückenden Luft in den Gerichtskanzleien manifestiert. Auch der vorwurfsvolle, die aus der Luft gegriffene Anklage in keinster Weise hinterfragende Onkel, der das Element des Schuldgefühls gegenüber der Familie ins Spiel bringt, wie auch die mahnenden Worte des Geistlichen im Dom (mit der weltberühmten Parabel "Vor dem Gesetz") tragen zu diesem bedrohlichen und düsteren Grundton des Romans bei, welcher an diesen Stellen dokumentarisch darlegt und dazu ebenso prophetisch vorausahnt, wie die hochkomplexen bürokratischen Gesellschaftsmaschinerien des 20. Jahrhunderts das Individuum mit Repression und Angst konfrontieren.
Aber Kafka wäre nicht Kafka, wenn er nicht im gesamten Roman Auswege für die beklommenen Seelen bereitstellen würde, welche sich vor allem aus den großen Freuden des Lebens speisen, welche bei Kafka so reichlich vorhanden sind und doch gern übersehen werden. Da wäre der Humor, welcher der Betrachtung dieser obskuren Szenerien stets beiwohnt. Warum essen die zwei Wächter, die K. verhaften, einfach so sein Frühstück auf? Warum finden sie sich, nach dem K. sich über ihr Verhalten beschwert, mit einem lackledernen Prügler in einer Rumpelkammer in Ks Büro wieder? Warum sind die Gerichtskanzleien auf dem Dachboden irgendeines übervölkerten Armenhauses am Stadtrand, und warum zeigt nur ein mit einer kindlichen Krakelschrift versehenes Blatt Papier den Weg "zu den Kanzleien" an. Man könnte ewig so weitermachen und lachen, lachen, bei aller verstörenden und befremdlichen Wirkung, die diese Elemente im Kontext der bedrohlich anmutenden Prozesssituation zweifelsohne haben, lugt immer wieder der verschlagen grinsende Kafka hinter diesen Worten hervor und sagt uns: Lacht, macht was draus! Ebenso die Erotik, immer wieder diese hocherotischen Elemente bei Kafka: Schummrige Abende bei Fräulein Bürstner, unser K. leckt ihr einfach mal den Hals...der Untersuchungsrichter blättert während seiner Prozesse in "Unterlagen", die sich ausnahmslos als Pornohefte erweisen...das Umhertragen von Frauen von A nach B...die Dienerin des Advokaten...es ist ein Durchlauf durch die verschiedensten Stadien der Erotik, wie sie uns im Alltag begleiten und schön verleugnet oder verschwiegen werden. Kafka legt sie offen, und stellt sie uns zur Verfügung, als Ausweg aus der Repression, als letzter Strohhalm des niedergedrückten Verlangens. Es ist ein skurriler wie bestechender Humor, es ist eine prickelnde Erotik, es ist einfach alles drin in diesem Roman.
Wer bei Kafka die Düsternis nicht erkennt, dem ist nicht zu helfen. Wer aber den Humor bislang noch nicht recht entdeckt hat, der sollte sich ihm gegenüber öffnen, und ihn finden, hier, in diesem Roman, in der erschreckendsten und beklemmendsten weil subtilsten Schilderung des Totalitarismus und der Repression, hier mitten drin pulsiert, verkörpert durch diesen Josef K., das volle Leben, die volle Energie und Lebensfreude, die prickelnde Erotik und der skurrile Humor, die Kafkas Werke so erbaulich, ja so unverzichtbar machen. Solche Literatur rettet Leben!


That Lucky Old Sun
That Lucky Old Sun
Wird angeboten von cook29
Preis: EUR 8,77

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen That Lucky Old World still has its Wilson, 18. August 2009
Rezension bezieht sich auf: That Lucky Old Sun (Audio CD)
Brian Wilsons "That Lucky Old Sun" ist sicherlich jetzt schon als Highlight des Alterswerks des großen Beach Boys-Frontmanns zu bezeichnen, auch wenn eine Beurteilung der Scheibe zunächst als Drahtseilakt erscheint. Da ist dieser wunderbare, glockenhelle und harmonische Pet Sounds-Sound, mit aller technischer Rafinesse transferiert ins 21. Jahrhundert, gepaart mit einer Vielzahl wirklich wunderbarer Melodien und einem interessanten Gesamtkonzept unter Einbindung von Wilson selbst geschriebener und vorgetragener Gedichte rund um das Leben im Sunshine State California. Doch, so fragt sich der notorische Kritiker, ist das in unseren stürmischen Zeiten nicht alles zu viel Heimatliebe, zu viel California Sunshine, zu viele simple Love-Songs und zu wenig Weitblick? Spricht aus dieser harmonischen und in sich geschlossenen Platte nicht eine enorme Ignoranz für die Komplexität und Problembehaftetheit unserer postmodernen Zeit? Ja, ich denke schon, aber warum soll man diesem Musikgenie nicht die rosarote Brille vor den Augen gönnen, wenn sie ihn nach seiner schweren Lebensgeschichte und in seinem fortgeschrittenen Alter noch zu solch wunderbarer Musik befähigt. Man kann es nicht oft genug wiederholen, diese schwungvollen, melodiösen und ultraharmonischen Popsongs sind einfach toll, machen verschärft gute Laune und regen zum Mitsingen und -swingen an wie kaum etwas anderes, was heutzutage produziert wird. Der "Morning Beat" bluest cool durch die Gehörgänge, "Good Kind of Love" und "Surfer Girl" regen zum Träumen an und auf "Oxygen to the Brain" geht nochmal so richtig die Post ab. Solche Musik ist zum Träumen und Schwelgen da. Wir sollten unserer kritischen Ader, unserem grübelnden Geist die Pausen gönnen, die er braucht. Und das am besten mit dieser Musik!


Help! (Songs from the Film)
Help! (Songs from the Film)
Wird angeboten von Dirty Deals!
Preis: EUR 14,57

7 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Vom frühen Rock'n'Roll zu "Rubber Soul", 21. Juni 2009
Rezension bezieht sich auf: Help! (Songs from the Film) (Audio CD)
"Help!" Mit diesem hitverdächtigen Hilferuf schrie sich John Lennon auf dem absoluten Höhepunkt der Beatle-Mania erstmals seine ganz persönliche Emotionalität in einem seiner Songs von der Seele - und genau das ist der Moment, der die besondere Bedeutung dieses Albums im Gesamtwerk der Beatles, und somit auch in der Geschichte der Rockmusik, ausmacht. Dieser Moment ist es, in dem die Band den ersten Schritt vom thematisch und musikalisch leicht verdaulichen, ausschließlich über Melodiösität und Rhythmik kommenden Rock'n'Roll in Richtung einer musikalisch ausdifferenzierteren, textlich persönlicheren und variationsreicheren Musik machte. Der Titelsong hat also ebenso wie das Album, das gleichzeitig Soundtrack zum zweiten Film der Fab4 war, eine exponierte Stellung in der Entwicklung der Band inne, was die Platte zu einem absoluten Pflichtkauf für jeden Freund der Popularmusik macht.
"Help!" geht dabei direkt so richtig ins Ohr. Der kraftvollen Lennon-Nummer folgt eine starke, aber weniger bekannte McCartney-Komposition, "The Night Before". Daraufhin erklingt mit "You've Got to Hide Your Love Away" ein folkiger, von Bob Dylan inspirierter Lennon-Song, der sich in hochsensibler Weise mit der Homosexualität der tragischen Figur Brian Epsteins auseinandersetzt. Mit "I Need You" folgte eine frühe, noch etwas unausgereifte Harrison-Komposition, bevor mit dem coolen "Another Girl" und mit dem schwungvollen "You're Gonna Lose that Girl" zwei absolute Spitzennummern aus der Feder des Duos Lennon/McCartney erklingen. Mit "Ticket to Ride" folgt ein klassischer Top-Hit in typischer Beatles-Manier, bevor Ringo auf dem Cover "Act Naturally" eine mehr als passable Gesangsperformance abliefert. "It's Only Love" ist eine Spitzen-Nummer von John Lennon mit durchaus anspruchsvoller Melodieführung, und "You Like Me Too Much" ist eine schwungvolle und melodiebetonte Harrison-Komposition, die deutlich mehr zu überzeugen weiß als noch "I Need You". "Tell Me What You See" ist da ein eher unauffälligerer Vertreter, "I've Just Seen a Face" hingegen hätte mit seiner zuckersüßen Melodie durchaus Single-Hit-Potential gehabt. Was dann folgt, ist Geschichte: Ich sage nur "Yesterday". Die Coverversion der alten Rock'n'Roll-Nummer "Dizzy Miss Lizzy" bringt dieses Spitzenalbum zu einem mehr als gebührenden Abschluss im guten alten Stil; so wie man die Beatles damals kennen und lieben gelernt hat, mit einem John Lennon in gesanglicher Höchstform. "Help!" ist ein absolutes Weltklasse-Album, sowohl aufgrund der klassischen Rock'n'Roll-Elemente als auch dank der innovativen Kompositionen, mit der die Beatles musikalisches Neuland beschritten und den Grundstein für die drei vielleicht einflussreichsten Rockalben überhaupt legten: "Rubber Soul", "Revolver" und schließlich "Sgt. Pepper". Somit gehört "Help!" für den Musikfreund zum absoluten Pflichtprogramm!

Ergänzung:
Mittlerweile ist der Gesamtkatalog der Beatles im Stereo Remaster neu erschienen. Viele Beatles-Fans haben sich im Zuge dieser Neuveröffentlichung die Frage gestellt, ob ein Nachkauf bereits im Plattenschrank vorhandener Alben lohnenswert ist oder nicht. Ich persönlich war eher zurückhaltend und habe mittlerweile nach und nach vier Alben der neuen Serie erworben, darunter auch "Help!". Mein Fazit zu diesem Thema lautet, dass sich der Nachkauf aufgrund der gestiegenen Dynamik der Aufnahmen durchaus lohnt, doch wer nicht allzu viel investieren möchte, sollte sich auf die späteren Alben (ab "Revolver" oder "Sgt. Pepper") konzentrieren, auf denen die Arrangements der Songs komplexer wurden und sich somit deutlicher heraushören lässt, was die Toningenieure mit ihrem Mehr an klanglicher Transparenz und Power tatsächlich an diesen alten Aufnahmen geleistet haben. Die älteren Alben, wie etwa "Help!", auf denen noch recht überschaubar instrumentierter Gitarren-Beat geboten wird, profitieren aus meiner Sicht in deutlich geringerem Maße hiervon als etwa die Klangkunstwerke "Sgt. Pepper" oder "Magical Mystery Tour".


Beatles for Sale
Beatles for Sale
Preis: EUR 16,10

4 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Das stärkste schwächste Album der Rock-Geschichte ;-), 21. Juni 2009
Rezension bezieht sich auf: Beatles for Sale (Audio CD)
"Beatles for Sale" ist das vierte Album der Fab4 und wurde, wie man hört und liest, so ziemlich zwischen den Stühlen aufgenommen. Und in der Tat merkt man der Scheibe, bei allem Spaß, den jeder Musikfreund an ihr finden wird, in Punkto Songwriting einen gewissen Qualitätsverlust gegenüber den ersten 3 Beatles-Platten an. So ist "Beatles for Sale" zwar eine gute, aber keine der gewohnt überragenden Platten, die die Beatles der Welt hinterlassen haben. So ist "No Reply" sicherlich ein guter Song, aber nicht der Kracher, den man als Opener einer Beales-Platte erwarten kann. Dies versinnbildlicht dieses gewisse Mittelmaß, dass man "Beatles For Sale" nicht ganz absprechen kann. Großartigen Nummern wie dem mitreißend-sehnsuchtsvollen 6/8-Song "Baby's in Black", dem packenden Rock-Standard "Rock'n'Roll Music", dem melancholisch-melodiösen "I'll Follow the Sun", der einzigen Hitsingle "Eight Days a Week" oder dem munteren "I don't Want to Spoil the Party" stehen doch einige Tracks gegenüber, die man im Anbetracht des musikalischen und songschreiberischen Potentials der Band ganz klar als Füllmaterial bezeichnen muss. "I'm a Loser" gehört sicher nicht zu dem besten, was ein John Lennon kompositorisch leisten kann; einen Song wie "Mr. Moonlight" muss eine solche Band nicht unbedingt covern; und der träge Blues von "Honey Don't" ist wohl mit das schwächste, was man auf einer Beatles-Platte vorfinden kann. Doch diese Kritik ist natürlich nur deshalb in dieser Schärfe zu formulieren, da man bei dem Namen Beatles voraussetzen kann, dass die musikalischen Stärken dieser Band jedem klar sein werden.
Insgesamt kann man sagen, dass "Beatles for Sale" wohl das schwächste Bealtes-Album darstellt, zumindest, was die Frühphase der Band angeht. Dennoch könnte ich mir die Platte jeden Tag gut und gern anhören. Mehr Worte braucht man also über die Band an dieser Stelle nicht zu verlieren.


Viva la Vida
Viva la Vida

5.0 von 5 Sternen Stärkster Titel eines überragenden Albums, 18. Juni 2009
Rezension bezieht sich auf: Viva la Vida (Audio CD)
Der Titelsong des 2008er Longplayers der Brit-Rock-Retter Coldplay ist gleichzeitig der stärkste Radio-Hit, den die Band aus diesem Album platzieren konnte. Und das, obwohl die Nummer ohne die übliche Rock/Pop-Instrumentierung auskommt und im Grunde komplett "klassisch" arrangiert ist. Es ist genau diese intelligente Kombination aus dominanten, sehr melodiösen Streichinstrumenten auf der einen und einem unwiderstehlichen, von einer Orchesterpauke erzeugten Rock-Groove auf der anderen Seite, die diesen Song so interessant und prickelnd macht. Zusammen mit dem sehr intelligenten Text über die zweifelhafte Süße der Macht, den Chris Martin in seiner unnachahmlichen Art vorträgt, ergibt das Ganze einen Song, der zwar auch im üblichen Rock-Gewand ein Hit, aber nicht so ein auffallend ambitioniertes Stück Popularmusik geworden wäre. In einer Diskussion über das ultimative Coldplay-Stück, welches Klasse und Vermögen dieser tollen Band am besten repräsentiert, müsste man es definitiv (gemeinsam mit "Clocks" und "Politik") zu den Top 3 zählen. Einer der wenigen Songs der letzten Zeit, für die es sich lohnt auch einmal eine Maxi-Single zu erwerben!


Echoes, Silence, Patience & Grace
Echoes, Silence, Patience & Grace
Preis: EUR 6,99

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Insgesamt solide, 15. Juni 2009
Rezension bezieht sich auf: Echoes, Silence, Patience & Grace (Audio CD)
Mit dem meiner Meinung nach überragenden "In Your Honor" haben sich die Foos mit ihrer Gegenüberstellung einer rockigen und einer akustisch geprägten Hälfte ihres Doppelalbums absolut in der Elite des Rock etabliert, gerade durch ihre überraschend großartige, ja faszinierende Performance im eher ruhigen Bereich, mit Top-Akustik-Balladen wie am Fließband ("On the Mend", "Virginia Moon", "Cold Day in the Sun" etc.). Nun ist der Versuch, diese auf "In Your Honor" noch kontrastiv dargestellten Aspekte ihres Könnens auf "Echoes, Silence, Patience & Grace" ebenso gekonnt zu verbinden, leider an einem einfach erkennbaren, aber so schwer zu behebenden Manko "gescheitert": Es fehlen auf der Albumdistanz die Melodien, die guten Einfälle im Songwriting. Die Jungs hätten sich bei der Produktion von "In Your Honor" vielleicht etwas für später aufheben sollen; denn waren auf letzterem noch ca. 15 von 20 Songs richtig klasse gelungen, so hat man auf "Echoes, Silence, Patience & Grace" doch nach etwa der Hälfte der Platte auch nach mehrmaligem Hören das Gefühl, dass da doch ein Gefälle zwischen den ersten 4, 5 und dem Rest der Tracks besteht. Um Missverständnisse zu vermeiden: Das heißt nicht, dass das Album schlecht wäre, es ist ein gutes Rockalbum, das man jedem Freund dieses Genres dringend ans Herz legen sollte, aber es bezieht seine Stärke, anders als die Vorgängeralben, aus einigen wenigen Einzelsongs, und zwar ausgerechnet aus den ersten Vieren, und diese überstrahlen den Rest deutlich. So kommt leider nicht dieses Flair eines Albums als Gesamtkunstwerk zustande, wie man es etwa bei "The Color and the Shape" in Reinform erleben kann.
Nun zu den Lobeshymnen:
Mit "The Pretender" brettern die Foos gleich so richtig los. Denkt man nach zwei Sekunden noch stark an "Stairway to Heaven", geht es danach gleich richtig ab. Ein typischer Foo-Opener mit richtig viel Power und einem exzessiven Sänger Dave Grohl; ganz stark.
Es kommt aber noch deutlich besser: Mit "Let it Die" folgt eine Verbindung verdächtig ruhiger Akustik-Passagen, die immer wieder vom enorm mitreißenden Refrain abgelöst werden und so in eine wahrhaft orgiastische Grohl-Performance erster Güte münden.
Highlight des Albums ist für mich jedoch "Erase/Replace", mit seinem unbestechlich geradlinigem Groove, seinen prägnanten Gitarren-Riffs, der rastlos-besessenen Art Grohls, uns immer wieder von Strophe zu Refrain zu hetzen und in letzterem wunderbar melodiös, und dabei zum Glück doch auch in sein charakteristisches Kreischen verfallend zu singen wie selbst er es selten zuvor geschafft hat. Wow!
Dass die sehr radiofreundlich gestaltete Hitsingle "Long Road to Ruin" mit seiner typischen Popsong-Struktur und seinen einfachen Akkordfolgen mit einem solch geilen Stück mithalten kann, zeugt von der enormen Power und der besonderen Qualität des Refrains. Eine Melodie, bei der man einfach nur mitsingen oder besser -gröhlen kann, es geht gar nicht anders, "LONG ROAD TO RUIN THERE IN YOUR EYES...". Spitze, Foos.
Was danach kommt, so muss ich zugeben, kann ich mir kaum merken. Ach ja, Track 5 ist "Come Alive", kein schlechter Song, fällt aber doch ab. Und auch alles weitere steht im Schatten der Top 4 (erinnert irgendwie an die Englische Premier League). Es ist zwar schön, dass auch ruhigere Töne angeschlagen werden, doch es gelingt einfach songschreiberisch nicht so gut wie auf Disc 2 von "In Your Honor". Es fehlt irgendwie der Kick.
Aber genug der Beschwerden: "Echoes, Silence, Patience & Grace" ist ein insgesamt grundsolides Rock-Album einer Top-Band, welches man besitzen sollte, doch welches sicherlich nicht das Prunkstück der Foo Fighters darstellt, da es auf die lange Distanz nicht das einhält, was etwa die Single-Auskopplungen versprechen. Nicht mehr, aber vor allem auch nicht weniger.


Elect the Dead
Elect the Dead
Preis: EUR 8,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Er kann es auch solo!!!, 15. Juni 2009
Rezension bezieht sich auf: Elect the Dead (Audio CD)
Mit "Elect the Dead" hat Serj Tankian ein Soloalbum auf den Markt gebracht, auf dem er, wie ein sehr amüsanter youtube-Clip bezeugt, absolut alles selbst gemacht hat - vom Songwriting über das Einspielen sämtlicher Instrumente bis hin zur Produktion; ganz abgesehen vom Gesang natürlich. Und dennoch wirkt die Scheibe zumindest was das Songwriting angeht so, als wäre sie einfach die nächste System Of A Down-Platte, nur dass Daron Malakian sich geweigert hätte, wie sonst mitzusingen...und dass diesmal Klavierpassagen dabei sind. Und das ist, wenn man weiß, dass fast alle System-Songs zumindest hauptsächlich aus der Feder des genial-verrückten Gitarristen Malakian stammen, schon ein ganz schönes Kompliment für den guten Serj. Er hat sich all diese Songs ausgedacht, sich dabei sicherlich an seinem Kumpel aus der Band orientiert, aber dazu noch eine ganz neue Klangfarbe in den derben Gitarrensound eingeflochten, den man sonst von der armenisch-amerikanischen Metal-Hitmaschine kennt: und zwar das Klavier. Dieses Instrument dominiert weitgehend die Intros der Songs und verleiht ihnen somit ein gewisses majestätisches Flair, indem es eine kontrastreiche und hochinteressante Verbindung mit den nach wie vor harten E-Gitarren-Parts eingeht. So wirkt das klangliche Gesamtbild deutlich weniger ruppig als zu System-Zeiten; dafür sind aber die zentralen Stilmittel, die bislang gute System-Platten ausgemacht haben, weiterhin in Hülle und Fülle vorhanden. Überraschendes Umschwenken von ganz leise zu ganz laut, slawisch-orientalische Harmonien und Gesangsmelodien über klassichen anglo-amerikanischen Power-Rock-Grooves, ein höchst pathetischer Gesang, mit politischen, zeitkritischen Texten - auf all das muss der geneigte System-Hörer auch auf Serjs Solowerk nicht verzichten.
Da bei all dem die Melodien stimmen und ins Ohr gehen, der Sound nach wie vor voll mitreißender Kraft ist und die hymnischen Refrains einfach für Gänsehaut sorgen, kann man Serj Tankian nur zu seinem Solodebüt gratulieren. Es gibt fast kein Füllmaterial (naja "Praise the Lord..." soll wohl "experimentell" sein), etwa jeder zweite Song absolut hitverdächtig und kann in Sachen Songwriting und Melodieführung absolut überzeugen. Besonders hervorzuheben sind für mich dabei das packende "Lie lie lie", das dramatische "Honking Antelope", die durchaus radiotauglich und straight nach vorne rockende Single "Sky Is Over" sowie die brilliante Berg- und Talfahrt "Tearing Us".
Fazit: Ein absolutes Muss auch und vor allem für System Of A Down-Freunde. Ja, der Mann kann es auch solo, sein Songwriting ist nicht mal erkennbar schlechter als D. Malakians, und das will schon was heißen. Der Sound ist interessant, vor allem für Musikfreunde, die sich nicht knallhart und ausschließlich dem reinen Gitarren-Metal verschrieben haben, sondern sich über Pianointros und an den richtigen Stellen eingesetzte Streichinstrumente freuen.


Thinking of You
Thinking of You

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Was für ein Song!, 10. Juni 2009
Rezension bezieht sich auf: Thinking of You (Audio CD)
Lange Zeit wusste ich nicht, was ich von dieser Katy Perry halten sollte. Dieses hübsche Gesicht, diese schönen dunklen Haare, diese heißen Beine - wow! Aber musikalisch? Mit "I kissed a girl" wurde sie bei uns so richtig bekannt, und was das Video an Optik hergab, stellte den etwas schräpigen und effekthaschenden Möchtegern-Skandal-Song (denn was ist schon dabei?) schon ziemlich in den Schatten (was ich, nachdem ich den mir deutlich besser zusagenden Rock-Remix gehört habe, deutlich zugunsten des Songs relativieren möchte). Mit "Hot'n'cold" ging es dann schon steil aufwärts, dank gesteigerter Melodiösität und schwungvoller Rhythmik. Doch was dieses songschreibende Mädchen tatsächlich kann, zeigt sie uns erst auf dieser Single, "Thinking of you". Was für ein Song! Eine so schmerzerfüllte Ballade. Gänsehautfeeling ohne Ende, Gesang von einem anderen Stern, und zum Glück ein packendes und durchaus lautes Arrangement, das der balladesken Grundausrichtung des Songs den nötigen Drive nach vorne verleiht. Schon in den ersten Sekunden berührt Katy uns tief mit ihrer Stimme, die hochemotional und unheimlich authentisch rauf und runter geht und eine sehr abwechslungsreiche Lead-Melodie schon in der Strophe vorgibt. Ebenfalls supergeil: der kraftvolle Übergang von Strophe zu Refrain, mit jeweils kurzer Pause und hämmerndem Drum-Fill. Highlight des Songs ist dabei natürlich der abschließende Refrain, bei dem Katys Stimme sich am Höhepunkt so richtig schön orgiastisch und orgasmisch überschlägt, um in mitreißend-verheulte Gesangsvariationen über die abschließende Wiederholung des Refrains zu münden, die einem emotional endgültig den Rest geben. Wenn man den Song so richtig laut durchgehört hat, brauch man erstmal ne Pause, so sehr reißt die Nummer einen mit. Das ist höchste Qualität, und zwar in allen drei Kategorien, die gute Pop-Musik ausmachen: Songwriting, Arrangement und Gesang. Bleibt zu hoffen, dass Katy dies auch über die gesamte Albumdistanz nachweisen kann. Mach bitte so weiter Katy!


Kafka: Für eine kleine Literatur (edition suhrkamp)
Kafka: Für eine kleine Literatur (edition suhrkamp)
von Gilles Deleuze
  Taschenbuch
Preis: EUR 11,00

27 von 30 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Mit radikaler Offenheit zum totalen Kafka-Genuss, 28. Mai 2009
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Was ist über diesen wunderbaren Autoren nicht für ein Mist geschrieben worden? Generationen von Studierenden und Schülern haben das Schreibgenie aus Prag als Autor des Eskapismus, des Schuldgefühls, des Vaterkomplexes, der negativen Theologie etc. präsentiert bekommen. Generationen von Literaturwissenschaftlern haben sich gegenseitig eingeredet, sie müssten in dieser Form über das verstörend-faszinierende Werk des Prager Rätsels Kafka urteilen, nur so sei es zu verstehen.
Das poststrukturalistisch orientierte Philosophenduo Gilles Deleuze/Felix Guattari hat diesem urdeutschen hermeneutischen Spekulierwahn den Kampf angesagt und betrachtet das Werk Kafkas in der vorliegenden Veröffentlichung aus einem völlig neuen, ungeahnten Blickwinkel, der nicht nur zu einer deutlich positiveren, weniger verklärten und von Normvorstellungen und psychoanalytischen Theorien verstellten Sicht auf den Autor und sein Werk führt, sondern sich auch als kohärente und überall in den Originaltexten nachvollziehbaren Kafka-Lektüre erweist.
Ausgangspunkt ist dabei das Deleuze/Guattarische Bild vom Rhizom: Hierarchisch gegliederte, eindeutig von a nach b weisende Strukturen im Baumformat werden demnach der Komplexität der Verhältnisse in der Welt nicht gerecht, vielmehr soll das Bild vom Rhizom, dem durch mannigfache Verbindungen zwischen allen Bestandteilen gekennzeichneten "unterirdischen Bau", als Orientierungshilfe im Umgang mit den Dingen der Welt fungieren.
In diesem Sinne liefern die Autoren mehrere Zugänge zum Werk Kafkas. Einer führt über den (titelstiftenden) Begriff der "kleinen Literatur". Als im bereits von einer deutschen Verwaltung dominierten Prag des ausgehenden Habsburger Reiches bedient sich Kafka der "großen Kultursprache" des Deutschen, um in ihr mit der Zunge des entwurzelten (wie Deleuze und Guattari es formulieren würden "deterritorialisierten") tschechischen Juden eine Form der Literatur zu entwerfen, in der alles Ausgesagte hochgradig politisch und für die gesamte Ethnie der Prager Juden von Bedeutung ist, da sich durch die räumliche Enge der jüdischen Enklave jede Stimme aus dem Volk zu einer kollektiven Aussage des Volkes verkettet.
Unter dieser Prämisse analysieren Deleuze und Guattari zunächst Kafkas Briefe, daraufhin seine Erzählungen und schließlich seine drei unvollendeten weil unendlichen Romane. Dabei betrachten sie, und das ist vielleicht der entscheidende Punkt, seine Texte nicht als Entsprechung von Ausdruck und Inhalt (wie es dem Selbstverständnis einer "großen Literatur" entsprechen würde), sondern bezeichnen das Werk als eine Schreib-Maschine, die beim Sich-Ausdrücken beginnt und so einen sprachlichen Intensivstoff erzeugt, der schließlich Inhalte hinterherschleift, die mit der Ordnung der Dinge in Konflikt stehen. So "demontieren" Kafkas Texte alle Instanzen, alle Regime, alle Formen der Repression, einfach alles, was das Verlangen zurückdrängen, "reterritorialisieren", ihm die Verbindungen abschnüren will. Im "Proceß"-Roman gelingt dies am perfektesten, denn hier demonstriert Josef K., wie er sich von der leeren Hülle des "Gesetzes", das ihn "verhaftet", nicht einfangen lässt, sondern wie er sich, einfach immer dem Verlangen folgend, von einer Situation in die andere überführen lässt, in einer unendlichen Verkettung von Zuständen und Intensitätsstufen der Maschine, die Kafkas Werk darstellt. Diese unendlichen Verkettungen in Kafkas Romanen sind für Deleuze und Guattari die dritte Stufe der Entwicklung der Kafkaschen Ausdrucksmaschine dar. Die ersten beiden Stufen waren die Briefe mit ihrem Versuch, sich aus den Zwängen gesellschaftlicher Erwartungen durch möglichst einfallsreiches Schreiben an die ungeliebten Lieben zu befreien ("Der Teufelspakt") sowie die Erzählungen mit dem Versuch, dem Teufelskreis von Fliehen und Eingefangen-Werden durch das Einführen der Metamorphose, der Verwandlung zum Tier, zu entkommen ("Was Kafka in seiner Stube betreibt, ist seine Verwandlung zum Tier"). Doch beide Versuche scheitern, auch wenn sie großartige literarische Werke wie etwa den "Brief an den Vater" oder die unzähligen faszinierenden Erzählungen ("Verwandlung", "Urteil", "Strafkolonie", "Die Sorge des Hausvaters", ...) hervorbringen. Denn sie bringen die Gefahr der Reterritorialisierung, des Eingefangen-Werdens mit sich. Nur die Verkettungen der endlosen Romane können Kafka die totale und absolute Deterritorialisierung, also sozusagen die "dauerhafte Freiheit" bringen.
Diese Kafka-Lektüre ist, wie man schnell feststellt, herausfordernd, voraussetzungsreich und sehr radikal. Gerade ihre philosophische, nicht literaturwissenschaftliche Herangehensweise ist es aber, was sie so wertvoll macht. Meiner Meinung nach wird nur eine Lektüre von einer solch radikalen Offenheit bei konsequenter Ablehnung jedweder Festlegung von Kafkas Werken auf irgendeinen "höheren", transzendenten Sinn der Genialität, Vielgestaltigkeit und betörend-verstörenden Schönheit der Originaltexte gerecht. Mit dieser Lektüre einher geht nur ein Appell: nämlich der zur Rückbesinnung auf das unvoreingenommene Lesen der Primärtexte, ohne Anspruch auf Finden eines "Sinns", ohne Deutungsabsicht im Hinterkopf. Einfach genießen, was dieser Prager Büroangestellte des Nachts in seiner Stube vollbracht hat: die wohl kreativsten, geheimnisvollsten, humorvollsten und schönsten Texte in deutscher Sprache überhaupt zu schreiben.


Abbey Road
Abbey Road
Wird angeboten von ImLaden
Preis: EUR 11,13

11 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Das ultimative Abschiedsgeschenk an diese Welt, 16. April 2009
Rezension bezieht sich auf: Abbey Road (Audio CD)
Nach dem katastrophalen Versuch, in den Londoner Twickenham Studios neue Songs einzuspielen und sich dabei durchgängig filmen zu lassen, um das neue Album letztendlich auch noch zur Gänze live aufzuführen und als Live-LP zu veröffentlichen, schien das Ende der größten Band aller Zeiten besiegelt. Interne Streitereien nahmen überhand, Uneinigkeiten über die künstlerische Ausrichtung wurden unüberwindbar und große Motivationsprobleme in Sachen öffentlicher Aufmerksamkeit und dem Leben in der Band, vor allem seitens der spirituell interessierten John Lennon und George Harrison, ließen keine andere Schlussfolgerung mehr zu. Doch es geschehen noch Taten und Wunder: Nachdem das Twickenham-Projekt erstmal auf Eis gelegt wurde (um später unter dem Titel "Let It Be" noch als ganz manierliches, wenn auch ziemlich unausgegorenes Abschlussalbum zu erscheinen), rauften sich die Fab4 noch einmal zusammen und präsentierten schließlich das bestmögliche Abschiedsgeschenk, was sie ihren Fans hätten machen können: Abbey Road, ein Album wie aus einem Guss, voller hitverdächtiger Melodien, aber auch und vor allem voller neuartiger, herausfordernder Song-Strukturen und interessanter Arrangements - eine Platte voller Inspiration und Harmonie; einfach der würdige Abschluss des größten popularmusikalischen Phänomens überhaupt.
Schon die berühmten Anfangssequenzen des leicht jazzig angehauchten Klassikers "Come together" weisen zum Auftakt die Richtung, bevor mit George Harrisons "Something" der vielleicht schönste Lovesong der Rockgeschichte erklingt, gespickt mit Harrisons gefühlvollen Gitarrenriffs, seiner butterweichen Stimme und satten Streichern - legendär. Weniger emotionsgeladen, dafür aber ebenso melodiös und eher amüsant geht es in der Folge bei McCartney Popnummer "Maxwell's Silver Hammer" sowie seinem genialen 6/8-Kracher "Oh Darling!" daher. Daraufhin darf auch Ringo Starr mal als Songwriter ran: Sein "Octopus' Garden" kommt eher als banales Popliedlein daher, das sich allerdings schnell und effizient im Gehör des Rezipienten festsetzt und da auch nicht mehr heraus möchte. Einen starken Kontrast dazu bildet der Geheimtipp dieser Platte: Mit "I want you! (She's so heavy!)" bietet John Lennon unter Zusammenarbeit mit dem Keyboarder Billy Preston alles auf, was er hat: Leidenschaft, Melodiegespür, einfach Genialität in Sachen herausforderndes Songwriting. Diese 7 Minuten-Nummer hat einfach alles - ein Hochgenuss für anspruchsvolle Musikgenießer. Wiederum eine totale Wendung um 180 Grad stellt Harrisons darauf folgendes "Here comes the sun" mit seinem berühmten zuckersüßen Gitarrenintro sowie seinen eher seichten Melodielinien und Textzeilen dar. Ein Welthit, zu dem man weiter nichts hinzufügen muss. Was nun folgt, ist eine Serie zusammenhängender Tracks, die Lennon und McCartney so ziemlich im Wechsel beisteueren und zu einem hochinteressanten Ganzen zusammenbringen: Zunächst erklingt das fast als Choral in Erscheinung tretende "Because"; mit "You never give me your money" geht es dann ebenso schwungvoll wie McCartney-mäßig melodiös weiter, bevor das meditativ daherkommende "Sun King" für Entspannung sorgt und zu zwei weiteren, eher spaßig anmutenden Lennon-Nummern, nämlich "Mean Mr. Mustard" und "Polythene Pam" überleitet. Was nun noch folgt, ist eine Reihe von 5 McCartney-Tracks, bestehend aus dem schwungvollen "She came in through the Bathroom Window", den Schlafliedern "Golden Slumbers" und "Carry that Weight", sowie dem plakativ an diese Stelle gesetzten Rocker "The End", der in einem klugerweise nicht zu opulent angelegten orchestralen Finale kulminiert und das Album eigentlich schon abschließt, wenn sich da nicht noch das kurze Scherz-Lied "Her Majesty" einschleichen würde (vermutlich als poststrukturalistische Absicherung gegen jegliche Kitsch-Vorwürfe).
Insgesamt präsentiert sich "Abbey Road" als großartiges und herausforderndes Rock-Album, welches als geschlossenes Ganzes daherkommt und sich trotz der späteren Veröffentlichung des eher tristen "Let It Be" mit Recht als das ultimative Abschiedsgeschenk der Beatles an diese Welt, die sie und ihre Musik seit jeher mit so offenen Armen empfangen hat, gelten kann.


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