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Rezensionen verfasst von
Michael Schäfer "Kaká" (Dortmund, NRW)

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The Suburbs
The Suburbs
Preis: EUR 6,99

26 von 29 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Endlich!, 19. September 2010
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: The Suburbs (Audio CD)
Als im Hochsommer diesen Jahres die Musikgazetten ihre Lobeshymnen über The Arcade Fires anstehende Neuveröffentlichung "The Suburbs" ausschütteten, waren meine Erwartungen zweigeteilt: Große Vorfreude und gespannte Erwartung auf das Werk der vielköpfigen kanadisch-amerikanischen Indie-Kombo mischten sich mit Zweifeln, ob die intensive, immer irgendwie getrieben wirkende Energie des Vorgängers "Neon Bible" denn aufrecht erhalten - geschweige denn ausgebaut und verbessert - werden könnte. Doch das groß angelegte Konzeptalbum überzeugt auf ganzer Linie - Arcade Fire haben aus meiner Sicht für die nächsten Jahre Maßstäbe gesetzt und tatsächlich, wie vom Musik-Express angekündigt, "das erste große Indie-Album der 10er Jahre" geliefert. Das Bestechende dabei ist, dass die exzentrischen Multiinstrumentalisten um das "Frontpaar" Win Butler und Régine Chassagne auf "The Suburbs" ein musikalisch wie textlich in sich geschlossenes Rock-Kunstwerk abliefern, das im Vergleich zu seinem Vorgänger vielleicht nicht den auf den ersten "Blick" ins Ohr schmetternden Hit à la "Intervention" aufweist, aber gerade nach mehrmaligem Hören als Gesamtprodukt überzeugt, aber genau so auch eine Songperle nach der anderen enthält, die sich allesamt nach einiger Zeit auch als Einzelsongs im Gehörgang einnisten und da für einige Zeit nicht mehr herauszudrängen sein werden.
Das hat natürlich in erster Linie mit der großen atmosphärischen Varianz der Songs - von ruhig-melancholisch über hymnisch-heroisch bis getrieben-rockig - zu tun, aber zudem spielen auch das Textliche wie auch das Technische eine große Rolle. Mit letzterem Schlagwort sei vor allem auf Produktion und Arrangement verwiesen; deren Umsetzung sorgen nämlich dafür, dass die breit angelegten Klangteppiche der Band nie wabernd und breiig wirken, sondern immer völlig transparent und dynamisch ohne Ende wirken - wie schwierig das bei Bands mit so großer Instrumentalbesetzung ist, weiß jeder, der einmal selbst Hand an Musikaufnahmen gelegt hat.
Textlich überzeugen The Arcade Fire mit einfühlsamer und nie platter Gesellschaftskritik. Das Album setzt sich, wie der Titel es bereits erahnen lässt, mit dem (oft dysfunktionalen und langweiligen) Leben in der Vorstadt sowie dem Themenkomplex der modernen Zivilisation im Allgemeinen auseinander. Schilderungen der Langeweile des Lebens in der Vorstadt, die in Gewalt und (Selbst-)Zerstörung münden kann ("The Suburbs", "Suburban War"), Klagelieder über die Isolation und Entfremdung des modernen Menschen in der kapitalistischen Konsumgesellschaft ("Ready to Start", "Modern Man"), Songs über die geistige Verwahrlosung ("Rococo") oder das Nicht-Mehr-Vorhandensein junger Menschen in den (Vor-)Städten ("City with no Children") oder Einschätzungen der zunehmenden urbanen Zersiedelung in den USA ("Sprawl I und II") - solche auf feiner Beobachtungsgabe und tiefer eigener Empfindung basierenden Reflektionen über das Leben in Zeiten immer weiter zunehmender Urbanisierung haben bei The Arcade Fire immer auch eine durchaus differenzierte, ja intellektuell überzeugende Note. Sie legen den Finger in Wunden, die westliche Gesellschaften tatsächlich heute umtreiben, und somit sind sie in höchstem Grade relevant und sollten - auch und vor allem textlich-thematisch - gehört werden.
Dennoch bleiben sie vor allem eine Rock-Band, und zwar eine großartige, wie sie mit diesem Album endgültig beweisen können. Im Fokus sollten daher ihre Songs stehen, und die sind so variantenreich und überzeugend, dass sich ein Blick auf die einzelnen Stücke hier trotz des Konzeptalbumcharakters definitiv lohnt. Dabei beginnt das Album ganz unscheinbar: Der Titelsong shuffelt sich zuerst ohne rechten Höhepunkt im Midtempo durch die eingängige Akkordfolge, die nach und nach eine gewisse Spannung offenbart - doch sie löst sich nicht auf, der Song bleibt gewissermaßen in der Sphäre des Unbestimmten. Deutlich dynamischer geht es dann auf "Ready to Start" zu: ein typischer Arcade Fire-Rocker, kraftvoll und zugleich zutiefst verletzlich und schüchtern vorgetragen von Win Butler, während um ihn herum ein erstes Rock-Feuerwerk abgebrannt wird. Die Midtempo-Nummer "Modern Man" kommt da deutlich ruhiger und gesetzter daher, mit einem wunderschönen, verträumt-melancholischen Refrain. Mit "Rococo" liefern dann erstmals die Streicher-Spezialisten ein Meisterstück ab: Der bedrohlich anmutende Song kulminiert in einem minimalistischen Streicher-Motiv, das sofort im Ohr bleibt und trotzdem auch nach mehrmaligem Hören noch für Gänsehaut sorgt, gerade dank des dynamischen Steigerungslaufs, den dieser Song vollführt. Es folgt die erste von Régine Chassagnes glockenheller Stimme gesungene Nummer: "Empty Room" ist dabei ein hektischer Rocker, der Streichersounds mit genuin rockigen Elementen wie dem treibenden Bass und der E-Gitarre verbindet, deren Sound hier übrigens stark an die isländische Kult-Band Sigur Rós erinnert - ob hier nach dem Vorbild Jonsi Birgissons der Cello-Bogen an den elektrisch verstärkten Sechssaiter angelegt wurde? Es folgt mit "City with no Children" dynamischer, aber weniger hektischer Riff-Rock mit typischem Win Butler-Refrain, voller Inbrunst und emotionaler Intensität. Eine wunderschöne, langsame Nummer voller Melancholie liefert dann der im Duett der beiden Front-MusikerInnen vorgetragene Song "Half Light I". "Half Light II" stellt hierzu das Kontrastprogramm dar: Eine treibende Bass-Drum auf allen geraden Zählzeiten gibt das Tempo vor für die packende Rock-Hymne voller instrumentaler Gimmicks und Gänsehaut-Momente. Das Ganze entwickelt eine solche Intensität, dass das Ende dieses Songs - gerade in Anbetracht des folgenden Übergangs zu den geerdeten Gitarren-Arpeggios von "Suburban War" - tatsächlich den Charakter einer Zäsur hat, die das Album in ihre zwei Hälften teilt. Nach "Suburban War" erklingt nochmal hektischer Gitarren-Rock mit "Month of May", das - wenn man so will - "härteste" Stück der Scheibe. Darauf folgt eine Strecke von Tracks, die es - wohl durch die Länge des Albums bedingt - etwas schwerer haben, die Aufmerksamkeit des Hörers zu gewinnen. Gut möglich, dass es mir daher erscheint, als bildeten "Wasted Hours", "Deep Blue", "We Used to Wait" und "Sprawl I" die schwächste Phase des Albums. Mit dem extrem eingängigen "Sprawl II" liefert Régine Chassagne mit ihrer ultra-hohen und dabei immer wunderschönen Stimme nochmal ein echtes Highlight des Albums, ehe die orchestral angelegte Reprise des Titelsongs dem Album seinen würdigen Abschluss verleiht.
Arcade Fire haben es geschafft, all ihre Sträken, vom melancholischen Folkrock über wilde, intensive Indie-Kracher bis hin zu orchestralen Ausflügen auf "The Suburbs" zu bündeln und dabei auch textlich ein in sich geschlossenes Gesamtkunstwerk vorzulegen, das für den Indie-Rock definitv auf lange Sicht Maßstäbe setzen wird.


Meddle
Meddle
Preis: EUR 22,23

12 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Sanft und düster, 11. September 2010
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Meddle (Audio CD)
Zwischen dem großartigen Orchesterexperiment "Atom Heart Mother" und dem großen Floyd-Klassiker "Dark Side of the Moon" lieferten die 4 Engländer Anfang der 70er mit "Meddle" ein Werk, das man über weite Strecken als die Definition des Psychedelischen in der Rock-Musik betrachten kann. Allen voran geht hier das düster-unheimliche Instrumental "One of these Days", bei dem mir bis heute Schauer über den Rücken laufen - vor allem wenn man die Platte nachts auflegt. Mit "Pillow of Winds" und "Fearless" folgen zwei sanfte melodische Akustik-Nummern, deren tiefenentspannte, angenehme Charakteristik später im Hauptteil des Floyd-typischen Longtracks "Echoes" wieder aufgenommen wird. Auf letzterem, der das Album übrigens (im Gegensatz zum Vorgänger "Atom Heart Mother") abschließt statt es zu eröffnen, zeigen die Floyds einmal mehr alles, was sie einzigartig macht: ein überzeugender Hauptteil im Stile eines Songs im "üblichen" Sinne, umrahmt von experimentellen, atmosphärisch dichten und streckenweise unheimlich anmutenden klanglichen Versuchsanordnungen, gepaart mit großartigen Instrumentalpassagen, bei denen sich wie immer vor allem Gitarrist Dave Gilmour besonders hervortut. Dieser Gesamtatmosphäre etwas abträglich sind meiner Meinung nach der lässige Shuffle "San Tropez" und vor allem das wohl lustig gemeinte Mini-Blues-Stück "Seamus" mit dem lauthals jaulenden Hund, der alles übertönt. Nichts gegen humorvolle Elemente in der Rock-/Popmusik, doch diese beiden Songs, insbesondere "Seamus", wirken doch etwas zu "leichtfüßig"; man kann sich dem Eindruck nicht widersetzen, das sie einfach nicht hineinpassen wollen in dieses Ensemble von Stücken, das sich aus der hochinteressanten Vermengung des Düster-Unheimlichen mit dem Tiefenentspannt-Sanften speist. Der humorvolle Part ist hier des Guten, oder besser: des Kontrastiven zuviel. Doch dies ist auch schon der einzige Makel. Insgesamt ist "Meddle" ein typischen Floyd-Album der 70er, ein wichtiger Meilenstein in der Entwicklung dieser großartigen und einzigartigen Band, der in keinem Plattenschrank fehlen sollte.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Aug 7, 2014 11:05 AM MEST


Relics
Relics
Preis: EUR 12,98

6 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen sehr gute Zusammenschau der frühen Floyd, 8. August 2010
Rezension bezieht sich auf: Relics (Audio CD)
Wer wie die meisten Hörer vor allem mit den "großen" Floyd-Machwerken der 70er Jahre in Berührung gekommen ist und diese Band darüber lieben gelernt hat, hat oftmals zunächst ein bisschen zu kämpfen, wenn es darum geht, die frühen Stücke der Band angemessen zu würdigen. Zu schrammelig produziert, zu wenig ernsthaft im Vergleich zu den groß und bedeutungsvoll daherkommenden Werken à la "Wish You Were Here". Und dann dieser verrückte Syd Barret - für die Puristen ist er Kultfigur und Sinnbild der "wahren" Pink Floyd, für die Mainstreamer ist er ein verrückter Kauz, der vielleicht ein paar gute Ideen hatte, aber letztendlich die Entwicklung der großen Denker und Macher Gilmour und Waters nur aufgehalten hat.
Nun, ich persönlich würde mich im Zweifel eher der letztgenannten Meinung anschließen, doch dank der "Relics"-Kompilation bin ich zu einem differenzierteren Bild der ganz frühen Floyd gekommen. Es ist nämlich auch für Freunde der "klassisch" gewordenen Floyds der 70er gut möglich, Freude an den herausfordernden und eigentümlich-atmosphärischen Stücken der Frühphase zu gewinnen. "Relics" bietet dazu meiner Meinung nach den perfekten Einstieg, da es mit seinen 11 Tracks die ganze Bandbreite der Floyd-"Kindertage" abdeckt. Da sind zunächst die typischen Barret-Nummern wie das rhythmisch und harmonisch-vertrackte "Arnold Layne", das völlig ausgeflippte Klangfeuerwerk "Interstellar Overdrive", das melodisch-verspielte "See Emily Play" und das ziemlich kauzig daherkommende "Bike", die einerseits aufzeigen, welch kreativer Kopf Barret war, andererseits aber auch klarmachen, warum er als Komponist nie die Tiefe seiner Bandkollegen hätte erreichen können. Dem humorvoll-flippigen Frontmann der Frühphase fehlt ganz klar die kompositorische Klasse, die schon ganz früh etwa Pianist Rick Wright bewiesen hat. Auf "Relics" sind seine Songs "Remember a Day" und "Paintbox" vertreten, zwei großartige, verträumt-unheimliche Nummern, die spätere Großtaten wie "Summer 68" fast vorwegnehmen. Doch Roger Waters liefert den Löwenanteil der Songs dieser Kompilation: Das romantische Nachtstück "Julia Dream" und der von Gilmour gesungene, brachiale Rock-Kracher "Nile Song" sind dabei die absoluten Highlights; die experimentellen Epen "Careful with that Axe, Eugene" und "Cirrus Minor" weisen dezent auf die späteren Großformen hin, die spätere Floyd-Alben charakterisieren sollten, und der New Orleans-mäßige Blues "Biding my Time" rundet das variantenreiche Gesamtbild der Kompilation ab.
Insgesamt liefert "Relics" also eine sehr ansprechende, von der Menge her überschaubare und trotzdem vielseitige Zusammenschau der ganz frühen Pink Floyd, die aufzeigt, dass die Jungs immer schon gute Musik gemacht haben, aber definitiv erst in den 70ern zu voller musikalischer Reife gelangt sind.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Feb 24, 2011 6:09 PM CET


Atom Heart Mother
Atom Heart Mother
Wird angeboten von lpcdreissuesltd
Preis: EUR 16,94

5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Großes Floyd-Highlight der ganz frühen 70er, 7. August 2010
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Rezension bezieht sich auf: Atom Heart Mother (Audio CD)
Dieses fünfte Album der Prog-Rocker von Pink Floyd aus dem Jahre 1970 gehört sicherlich zu den unterschätzten Meisterwerken der Rock-Geschichte; denn diese frühe Platte mit der charakteristischen Kuh-Optik bietet alles, was man sich als Floydianer so wünscht:
Zunächst ist da der Titeltrack, ein rund halbstündiges, groß angelegtes, phasenweise geradezu meditatives Instrumentalopus voller verrückter Einfälle, mit einem von schweren, fast Wagner-haften Blechbläsern getragenen Leitmotiv im Midtempo, über das immer wieder variiert wird und in das sich Zwischensequenzen einschleichen, in denen auch mal Streicher, Orgel oder verrückte Chorgesänge die Führung übernehmen. Unheimlich-psychedelische Zwischensequenzen runden das Ganze ab und machen es sozusagen "genuin Floydianisch". Wenn man sich dann überlegt, das diese Platte 1970 auf den Markt kam, und sich dann vor Augen führt, das wenige Jahre später andere Prog-Rocker wie Jethro Tull mit dem großartigen "Thick as a Brick" oder Yes mit ihrem hochgelobten "Close to the Edge" ähnliche Long-Track-Konzepte auf den Markt warfen und davon bis heute zehren, während Floyd ihr "Atom Heart Mother" sicherlich nicht als ihr Hauptwerk betrachten würden, dann wird doch sehr deutlich, mit was für einer bedeutenden Band für die gesamte Rock-Geschichte wir es bei Floyd zu tun haben.
Um auf die Song-Ebene zurückzukommen, bietet sich natürlich nichts mehr an, als die drei wundervollen, geradlinigen Rocksongs zu bemühen (je eines von Waters, Wright und Gilmour), die den Mittelteil des Albums bilden. Das wunderschöne und erstaunlich simpel gestrickte "If", von Waters fast wie eine Art Schlaflied zur akustischen Gitarre vorgetragen, ehe sich Gilmours dezente E-Gitarren-Einwürfe und Wrights zerbrechliche Klavier-Arpeggios zum Ende hin dazugesellen, leitet diese klassische Floyd-Troika ein. Mit Wrights "Summer 68" folgt dann aus meiner Sicht das absolute Highlight des Albums: Der manchmal übersehene Pianist der Band trägt hier mit seiner wunderbaren sanften Stimme zunächst eine melodische Folk-Rock-Nummer zum Klavier vor, die im Refrain in ein mehrstimmiges Gesangsfeuerwerk mündet, das wiederum übergeht in einen bombastischen Instrumentalteil, der von einem ebenfalls mehrstimmigen Blechbläsersatz bestimmt wird und mit seiner kraftvoll-melodischen Art absolut überrascht und überzeugt. Ungewöhnlicherweise kann da Gilmours ebenfalls gutes Stück "Fat Old Sun" nicht ganz mithalten (sonst ist der Gitarrist ja meist der Mann für die Highlights bei Floyd). Doch seiner ebenfalls meditativ anmutenden Nummer fehlt ein wenig der melodische Aha-Effekt, um mit "If" und vor allem "Summer 68" mitzuhalten. Dennoch ein gutes Stück, keine Frage.
Mit dem humorvollen Instrumental "Alan's Psychedelic Breakfast", bei dem tatsächlich ein Frühstück zu hören ist, das in der Hauptsache von Rick Wrights fröhlich-verspielten Klavierklängen begleitet wird, schließt das Werk gerade so leichtfüßig und verschmitzt, wie es zuvor schwer und düster begonnen hatte. Es ist ein Floyd-Album, das ebenso charakteristisch wie ungewöhnlich für die wohl bedeutendsten Prog-Rocker überhaupt ist: charakteristisch wegen seiner Dramaturgie, seinem Ideenreichtum und seiner meditativen Atmosphäre, ungewöhnlich wegen seiner von Blechbläsern und fast rein akustisch gehaltenen Instrumentierung ohne große Gitarrensoli à la David Gilmour. Für jeden Rock'n'Roller sollte diese Platte auf jeden Fall zum Kanon gehören.
Kommentar Kommentare (3) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: May 6, 2014 7:23 PM MEST


Animals
Animals
Wird angeboten von thebookcommunity
Preis: EUR 23,98

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Atmosphärische Dichte + Sehr gekonnte Orwell-Adaption = ANIMALS!, 3. August 2010
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Animals (Audio CD)
Von vielen eingefleischten Floyd-Fans wird das Konzept-Album "Animals" oftmals etwas stiefmütterlich betrachtet; bildet es doch - und das müssen auch Freunde dieses Machwerks aus dem Jahre 1977 durchaus eingestehen - erstmalig so etwas wie einen Rückschritt in Punkto musikalischer Qualität im Karriereverlauf der Floyds an. Nach dem legendären "The Dark Side of the Moon" (1973), das zu allem Überfluss dann auch noch vom Nachfolger "Wish You Were Here" qualitativ getoppt wurde, hatte es "Animals" in der zeitgenössischen Wahrnehmung ebenso schwer wie in der Rückschau heutzutage, die hoch anspruchsvolle Anhängerschaft der Prog-Rocker um Dave Gilmour und Roger Waters zufriedenzustellen. Die drei Kritikpunkte sind klar: Erstens ist "Animals" der Anfang des Watersschen Egotrips (alle Songs sowie das Albumkonzept entstammen hier erstmals so gut wie ausschließlich seiner persönlichen Fantasie) und somit der Anfang vom Ende der Band Pink Floyd; zweitens fehlen die ganz großen Einzelsong-Kracher wie "Time", "Money", "Wish You Were Here" oder "Shine on You Crazy Diamond"; und drittens wirkt das Album an vielen Stellen düster, karg, wenig melodisch, ja verbittert, wenn man die beißende Ironie und Gesellschaftskritik von Waters' Texten hinzuzieht.
Doch gerade hier, an dieser Stelle, die für so viele den Stein des Anstoßes in Bezug auf "Animals" darstellt, liegt das eigentliche Potential des Albums. Man kann sich "Animals" nämlich wunderbar über die textliche Ebene nähern, auch wenn das dem ein oder anderen melodieverliebten, psychedelischen Floydianer Kopfschmerzen bereiten mag. Genial ist es nämlich, wie Roger Waters hier George Orwells "Animal Farm" teilweise regelrecht zitiert, teilweise variiert, und somit ein zugegebenermaßen manchmal verbittert anmutendes, aber vor allem schonungslos überzeugendes Bild der britischen (und überhaupt der westlichen) Gesellschaft seiner Zeit zeichnet, das sich in den Grundzügen bis heute wenig geändert hat. An Orwells Novelle orientiert sich dabei in erster Linie die Tier-Typologie, in der bestimmte gesellschaftliche Gruppen durch bestimmte Tierarten auf einem Bauernhof repräsentiert werden. Waters vereinfacht hierbei Orwells komplexe Bauernhof-Community und bedient sich für seine Songs auf "Animals" der Schweine als Repräsentanten der wohlhabenden Führungsschicht, die sich mit perfider Intelligenz die Unwissenheit der Übrigen in ausschließlich eigennütziger, machtversessener Manier zu Nutze macht, sowie der Hunde als Verkörperung einer getriebenen Mittelschicht, die sich aus materieller Besorgnis halb aus Unwissenheit und halb aus Alternativlosigkeit zu willfährigen Ausführern der Befehle der Schweine machen lässt, und schließlich der Schafe, die, sorglos vor sich hin blökend, als gemeiner Pöbel, als Arbeiterklasse letztlich der Willkür der Schweine ausgesetzt sind und auch durch diese erzwungene Aggressivität der Hunde fürchten müssen. Waters' Sympathie gilt dabei selbstverständlich den Schafen, aber vor allem auch den Hunden. Aus deren Perspektive sind die Songs geschrieben; das auch musikalisch überzeugendste Stück "Dogs", mit seiner halb-verträumten Düsternis und den vielen tollen Gitarrenparts Dave Gilmours zeigt dies in beeindruckender Weise auf: Es schildert den Druck, der auf dem Hund, sprich dem braven Mittelklassebürger lastet, immer leistungsbereit zu sein, da zu sein, wenn der Chef (das Schwein ;-)) es verlangt, sowie auch den wachsenden Prozess der Selbsterkenntnis, der dem düsteren Song letztlich doch ein gewisses hoffnungsvolles Gepräge verleiht ("Gotta admit that I'm a little bit confused, sometimes it seems to me as if I'm just being used").
Atmosphärisch etwas leichtfüßiger, dafür aber musikalisch viel variantenärmer und weniger dicht gestaltet sich dann der Spottgesang auf die Schweine, "Pigs". Hier lässt sich Waters' mit Hilfe der Schweine-Metaphorik über "Three Different Ones", also drei verschiedene Repräsentanten der Oberklasse aus. Eine allgemein gehaltene Strophe befasst sich mit den Finanzbonzen, wie wir Deutschen sie heute etwa in Frankfurt antreffen können, eine zweite verspottet die "Eiserne Lady" Margaret Thatcher und ihre reaktionären Ansichten, und die dritte Strophe nennt ihr Opfer sogar beim Namen: Mary Whitehouse, eine religiös verblendete Moralpredigerin und Lieblingsfeindin aller liberal- oder linksorientierter Künstler ihrer Zeit. Beißender Spott und Häme über Großkapital und Wertkonservatismus, der nichts anderes zum Ziel hat, als die "einfache Bevölkerung" klein zu halten, Machtstrukturen zu erhalten und einer kleinen Elite den materiellen Vorteil zu garantieren - viel treffender als Waters kann man das Dilemma unseres westlichen Kapitalismus gar nicht zusammenfassen, und das unter Anlehnung an einen Text, der sich zu seiner Zeit als Stalinismuskritik verstand. So wird Literatur, so wird Musik, so wird Kunst unvergänglich.
Das dynamische "Sheep", der dritte und letzte groß angelegte Song des Albums, überzeugt dann schließlich mit gewaltiger musikalischer Dynamik; textlich wird hier die Situation der unwissenden Arbeiterschaft verhandelt, die in ihr eigenens Verderben rennen und außerdem der Aggression der verunsicherten und getriebenen Mittelschichtler, der Hunde, ausgeliefert sind, sich dieser jedoch auf interessante Weise zu entledigen wissen: Sie wenden sich in einer gekonnt frechen Variation des Psalm 23 von der naiven Flucht in den Glauben als ausschließlichem Heilsmittel ab und werden aktiv, ja sie überwältigen gar die Hunde durch die Kampfkunst des Karate! Etwas irrwitzig von Waters, das Album so enden zu lassen...doch immerhin ein Zeichen von ihm, nicht alles allzu ernst zu nehmen, und vor allem den Optimismus ob der durchaus überzeugend geschilderten gesellschaftlichen Verhältnisse nicht zu verlieren.
So stellt sich "Animals" als ein so ganz eigentümliches Floyd-Werk dar: musikalisch zwar weniger brillant als seine Vorgänder, aber doch atmosphärisch dicht und mit einigen Glanzlichtern; dazu ein textlich hochinteressantes Konzeptwerk mit Anleihen aus der Weltliteratur - eine wunderbare Orwell-Adaption, die unserer Gesellschaft auch heute noch den Spiegel vorhält und zum Nachdenken anregt!
Kommentar Kommentare (3) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Sep 15, 2014 10:10 AM MEST


Magical Mystery Tour (Remastered)
Magical Mystery Tour (Remastered)
Preis: EUR 7,99

5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Remaster - Positive Überraschung, 10. Februar 2010
Rezension bezieht sich auf: Magical Mystery Tour (Remastered) (Audio CD)
Als bekannt wurde, dass es eine neue Edition des Gesamtwerks der Beatles als Remaster geben werde, dachten viele zunächst an einen weiteren klugen kommerziellen Schachzug, der jedoch das Herz des echten Beatles-Fans nicht weiter zu berühren habe. Die leichte Soundverbesserung, die so ein Digital-Remaster für gewöhnlich mit sich bringt, würde wohl kaum das Geld wert sein, das so ein Beatles-Album ohnehin schon kostet, und wenn es dann doch einen hörbaren Unterschied geben sollte, so würde dies doch wohl eher dem Flair der Originalaufnahmen abträglich werden. So oder so ähnlich lauteten auch meine persönlichen Befürchtungen im Vorfeld der großen Beatles-Veröffentlichung des Jahres 2009.
Doch auch die härtesten Fans und Puristen, die schon alles zu haben und zu kennen meinen, irren sich von Zeit zu Zeit massiv. Wie es sich am Beispiel "Magical Mystery Tour" rasch erfahren lässt, ist dieses Remaster richtig gut gelungen. Die Songs, die gerade auf diesem Album deutlich mehr von Sound und Arrangement leben als auf den meisten anderen Beatles-Alben, klingen deutlich prägnanter, kraftvoller und lauter als auf den vorher veröffentlichen CDs. Zudem ist der Sound bestechend transparent; die komplexe Instrumentierung vieler Songs dieser "hitgetränkten" Scheibe kommt so noch besser zum Ausdruck, da man alle Einzelspuren wunderbar voneinander trennen kann, ohne dass ihre verwobene Interaktion darunter zu leiden hätte. Somit lässt sich diese Remaster-Version als sehr hörenswert und durchaus wertvoll für den Beatles-Fan betrachten, auch wenn dieser schon alle vorherigen Veröffentlichungen zu den Fab4 sein eigen nennt.

Zum Album selbst ist zu sagen, dass es sich einerseits um den Soundtrack zum gleichnamigen Film handelt, der fast gänzlich auf Paul McCartneys Mist wuchs und damals doch ziemlich floppte, dass die Scheibe jedoch andererseits viel mehr als ein bloßer Soundtrack zu einem schlechten Film ist, nämlich eine Sammlung vieler faszinierend genialer Einzelsongs aus der Phase nach "Sgt. Pepper", die zwar nicht mehr die bahnbrechende Konzeptalbum-Idee des Vorgängeralbums verfolgt, aber als Hitsammlung einige wichtige Single-Hits und auch gute B-Seiten vereinigt, die einfach auch auf ein Album mussten.
John Lennons völlig verrückte und bis zum Wahnsinn faszinierende Top-Nummern "I am the Walrus" und "Strawberry Fields Forever" schmiegen sich dabei eigentlich überraschend gut an Paul McCartneys höchstmelodiöse Single-Hits "Hello Goodbye", "Fool on the Hill" und vor allem "Penny Lane" an - wenn man mal außer Acht lässt, wie selbstverständlich uns allen heute die Symbiose dieser beiden so unterschiedlichen Musikgenies erscheint. So unterschiedlich die Musik dieser beiden gegen Ende der 60er auch wurde, um so besser ergänzen sich die Stücke dieser Ausnahmemusiker bis heute. Es ist dieses Spannungsverhältnis aus Lennons künstlerisch-anspruchsvoller Exzentrik und McCartneys bodenständiger Melodieverliebtheit, die bis heute die Faszination Beatles in ihrem Kern ausmacht und konstituiert.
Die zuvor genannten Stücke sind klar das Epi-Zentrum dieses einzelsongorientierten Albums; umrahmt werden sie von weiteren starken Songs. Der schwungvolle und lustige Opener und Titelsong bildet zusammen mit der weltbekannten Liebeshymne "All You Need Is Love" den Rahmen des Albums. Inmitten solcher Giganten haben dann George Harrisons hypnotisches "Blue Jay Way", das wabernde Instrumental "Flying" oder McCartneys Akkordeon-Nummer "Your Mother Should Know" es natürlich schwer, die Aufmerksamkeit des Hörers zu gewinnen; dennoch sind sie starke Songs, auf die fast jede andere Band noch neidisch sein könnte. "Magical Mystery Tour" ist eine geradezu monströse Hitsammlung, mit einer kuriosen Geschichte und einer entscheidenden Stellung im Gesamtwerk der Beatles, gerade auf dem Wendepunkt, der sie langsam aber sicher zur Auflösung der Band führen sollte.


Editionswissenschaft: Eine Einführung in Methode und Praxis der Edition neuerer Texte (Reclams Universal-Bibliothek)
Editionswissenschaft: Eine Einführung in Methode und Praxis der Edition neuerer Texte (Reclams Universal-Bibliothek)
von Bodo Plachta
  Taschenbuch
Preis: EUR 5,00

6 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Sehr hilfreicher Einführungsband, 10. Februar 2010
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Die Editionswissenschaft beschäftigt sich mit der Art und Weise, in der literarische Texte ihren Weg von der ersten oftmals handschriftlichen Niederschrift des Autors/der Autorin zur Veröffentlichung in Buchform gelangen. Die zentrale Fragestellung liegt hierbei darin, was für einen Unterschied es macht, etwa eine Handschrift unkommentiert und ohne Berücksichtigung von Streichungen oder Vorstufen in eine sog. Leseausgabe zu überfuhren, oder die gleiche Handschrift unter Hinzufügung eines alle Streichungen enthaltenden Handapparates oder gar einer Faksimilierung der Handschrift als kritische bzw. historisch-kritische Ausgabe zu publizieren.
Bodo Plachtas als handliches Reclam-Heft erschienener Einführungsband zur Editionswissenschaft führt Literaturinteressierte und -studierende in diese höchst spannenden, aber oftmals auch im Germanistikstudium zu Unrecht vernachlässigten Bereich der Literaturwissenschaft auf ebenso verständliche wie Interesse weckende Weise ein. Dabei klärt der Band zunächst in aller gebotenen Ausführlichkeit die Grundbegriffe der Disziplin, erläutert Unterschiede zwischen verschiedenen Editionsformen wie etwa Leseausgabe, kritische und historisch-kritische Edition, und zeigt Vor- und Nachteile anhand von Beispielen adäquat auf.
Doch worin liegt überhaupt der Mehrwert einer Beschäftigung mit dieser Thematik? Reicht es nicht aus, sich mit literarischen Texten in ihrer bereits veröffentlichen Form zu befassen? Auch hier gibt Plachta eine auch für Editionsnovizen befriedigende Antwort, indem er sich mit der Textgenese, dem Zustandekommen literarischer Texte befasst und die nötigen Grundlagen hierzu klärt. So erläutert er den Unterschied zwischen sog. Kopfarbeitern, die ihren Text erst nach minutiöser Vorformulierung aufs Papier bringen, und sog. Papierarbeitern, welche sozusagen "drauflos schreiben" und sich vom Prozess des Schreibens selbst zu immer neuen Ideen treiben lassen. Gerade bei letzteren wird so nur allzu deutlich, wie wichtig es ist, die Originalhandschriften bei der philologischen Arbeit an Texten solcher
Autoren zu Rate zu ziehen, und sich auf diesem Wege endgültig von dem Ammenmärchen des abgeschlossenen Werkbegriffs zu lösen, der, wie etwa bei Franz Kafka, schon für so viele unsägliche Über- und Fehlinterpretationen großartiger literarischer Meisterwerke gesorgt hat.
Wie viel lehrreicher, spannender und auch wissenschaftlich seriöser ist es doch, sich anhand der Genese eines Texts geradezu detektivisch in einen Text und seine Aussage hineinzuarbeiten und die ganze Lebhaftigkeit etwa einer Kafka-Handschrift in sich aufzunehmen! Plachtas Band macht genau diese Faszination sehr schön deutlich, ohne jedoch dabei den Duktus des seriös-informativen Einführungsbandes zu verlassen.
Auch weitere Themenkomplexe wie etwa die Rolle der neuen Medien in der Editionswissenschaft des 21. Jahrhunderts macht Plachta zum Thema, wenn auch der Fokus seines Buches wie der editionswissenschaftlichen Forschung überhaupt klar auf der Erforschung der Handschriften der großen deutschsprachigen Autoren aus den Zeiten der handschriftlichen Erstellung von Manuskripten liegt.
Insgesamt kann man Plachtas Band als hervorragende Möglichkeit gerade für Studierende betrachten, dieses hochspannende literaturwissenschaftliche Feld für sich zu entdecken und daraus Rückschlüsse auf alle anderen Teilbereiche der Literaturwissenschaft zu ziehen.


R.E.M. - Road Movie
R.E.M. - Road Movie
DVD ~ Lance Acord
Preis: EUR 18,63

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Das R.E.M.-Monster in concert, 19. Januar 2010
Rezension bezieht sich auf: R.E.M. - Road Movie (DVD)
Nachdem die früheren Vorreiter der US-amerikanischen New-Wave-Bewegung zu Beginn der 90er mit ihrem Schritt in den einerseits massenkompatiblen, andererseits qualitativ um so hochwertigeren Folk-Rock durch Alben wie "Out of Time" und vor allem "Automatic for the People" die Musikwelt in wohlklingendes Entzücken versetzt hatten, galt es Mitte der 90er eine Gegenbewegung auszuführen, die verhindern sollte, dass R.E.M. auf ewig auf die zuvor genannte musikalische Stilistik reduziert werden und der Rest ihrer musikalischen Karriere nur noch als Bemühung um ein Anknüpfen an eben diese verstanden werden würde. Mittel der Wahl hierfür war für Berry, Buck, Mills und Stipe der Schritt hin zu einem ganz neuen, rauhen, rotzig-rockigen Sound, den sie auf "Monster" ins Extrem treiben und etwas später mit "New Adventures in Hi-Fi" in deutlich gekonnterer Form kultivieren sollten. Ausdruck dieser Phase des Schaffens von R.E.M. ist dieser Konzertmitschnitt aus dem Jahre 1996. Er zeigt die Band bei der Performance des "Monster"-Albums unter Einbeziehung ihrer wichtigsten Hits aus früherer Zeit sowie einiger Vorgriffe auf das gerade im Entstehen befindliche "New Adventures"-Album. Dies in der Retrospektive zu betrachten ist für R.E.M.-Fans zwar sehr reizvoll und unerlässlich, aber gerade in Anbetracht der Art und Weise, in der die Band die verschiedenen Phasen ihres Schaffens heutzutage in ihren Shows in angenehmer Weise zu verbinden weiß, gefällt "Road Movie" aus heutiger Sicht nur noch bedingt. Primär liegt dies daran, dass erstens bei der Songauswahl der Schwerpunkt auf dem damals aktuellen, für R.E.M.-VErhältnisse aber relativ schwachen "Monster"-Album liegt, und dass zweitens der sehr rauhe Sound dieser Stücke auch auf die Songs der "Out of Time"/"Automatic"-Phase übertragen wird. Daher wirkt dieses Konzert - anders als etwa die "Perfect Square"-Performance aus 2003 - nicht gerade zeitlos und formvollendet, sondern sehr ungeschliffen und irgendwie künstlich. Klar, genau das war die Intention der "Monster"-Phase, eine Gegenbewegung zum fast schon im Übermaße folkig-authentisch angelegten "Automatic for the People" zu setzen, um sich nicht in der eigenen Vergangenheit zu verlieren. Das mag ja auch in der damaligen Situation der Band die richtige Entscheidung gewesen sein, doch im Rückblick steht einfach fest: Die "Automatic"-Phase war qualitativ besser, "Monster" gehört zusammen mit den jüngsten Veröffentlichungen ab "Around the Sun" zu den schwächsten Machwerken der Jungs aus Athens, und so ziemlich jeder Fan wird, vor allem wenn er deutlich frühere - oder aber spätere, ab den 00er-Jahren entstandene R.E.M.-Konzerte kennen und lieben gelernt hatte, vergleichsweise enttäuscht von "Road Movie" sein. Irgendwie ist das alles nur so halb R.E.M. Der dahingerotzte Sound, die komischen Lichteffekte, das unnahbare Auftreten Stipes - das alles haben die Jungs mittlerweile längst hinter sich gelassen. Sicherlich ist "Road Movie" dennoch ein wertvolles Zeugnis einer unerlässlichen Phase in der musikalischen Entwicklung dieser US-amerikanischen Vorzeigeband. Für Fans gehört es zum Inventar, doch es gibt - auch im Bereich Live-DVDs - deutlich besseres Material dieser Band.


R.E.M. - Perfect Square
R.E.M. - Perfect Square
DVD ~ R.E.M.
Wird angeboten von Tolle Unterhaltung
Preis: EUR 4,52

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Das perfekte Konzert, 19. Januar 2010
Rezension bezieht sich auf: R.E.M. - Perfect Square (DVD)
Ein lauer, wunderschöner Sommerabend 2003 in Wiesbaden - welch eine Kulisse für das geilste Rock-Konzert, das mir bislang untergekommen ist. Hier kommt alles zusammen: großartige äußere Bedingungen, tolle Fans und blendend aufgelegte Musiker zelebrieren über zwei Stunden lang ihr Lebenswerk - mit allen Hits, die man sich als Fan dieser fantastischen Band nur wünschen kann, und mit einer spielerischen Klasse sowie einer wohltuenden Geradlinigkeit vorgetragen, dass es einfach eine Wonne ist. Ein wahres Best-of als Live-Konzert, entstanden auf einer Tour nach dem wunderschönen "Reveal"-Album und zum Glück vor dem unsäglichen "Around the Sun". Was Live-Performances angeht, zeigen sich R.E.M. hier auf dem Höhepunkt ihres Könnens. Stipe trägt die Songs ohne Probleme, mit ganz viel Charme und absoluten Frontmannqualitäten vor; Mills und Buck rocken unermüdlich die Bühne, und die wenigen Begleitmusiker (Drums, 2. Gitarre, Keyboards) tun nur das Nötigste, um der Band zu dem klaren, angenehm straffen Rock-Sound zu verhelfen, den ihre Folk-Rock-Perlen brauchen, um ihre ganze Wirkung, melodische Schönheit und rhythmische Power zu entfalten.
Besonders positiv fällt zudem die Songsauswahl auf. Dies ist der Tatsache geschuldet, dass hier nicht primär ein aktuelles Album promotet wird, sondern das ein Kaleidoskop der besten konzertkompatiblen Songs der langen und glorreichen Bandgeschichte geboten wird. So liegt der Fokus auf den rockigen, mitreißenden Nummern, und keiner der bekanntesten Hits wird ausgespart. "The One I Love", "Losing My Religion", "Man On the Moon", "The Great Beyond", "Drive"...genau diese Songs sind es doch, die man hören will. Doch auch diejenigen unter den R.E.M.-Fans, die wert auf kleine aber feine Albumtracks mit Format legen, auf die manchmal etwas stilleren Nummern mit umso größerer emotionaler Strahlkraft, kommen massiv auf ihre Kosten: So präsentiert sich etwa "At My Most Beautiful" in seinem schönsten Pet-Sounds-artigen Gewand, "Electrolite" läutet sanft die beginnende Nacht ein, und "Country Feedback" macht einmal mehr deutlich, warum dieser Michael Stipe, dieser hagere Mann mit der eigentlich nicht sonderlich voluminösen Stimme einfach einer der besten Rock-Sänger aller Zeiten ist. Dieses Gefühl von Authentizität, von schier unerschöpflicher emotionaler Ausdruckskraft, von liebevoll gehegter Südstaatenmelancholie - das alles kommt in diesem Stück so schön zum Ausdruck, dass man es als geradezu paradigmatisch für das Werk der Männer aus Athens, Georgia betrachten möchte; wenn es auch mit seiner stillen Charakteristik und seiner gepflegten Langsamkeit nur die halbe Wahrheit über die Musik von R.E.M. verrät. Die andere Seite - der mitreißende Gitarrenrock mit den geradlinigen Akzentuierungen, die so richtig unter die Haut gehen - sie dominiert insgesamt natürlich ein jedes Live-Konzert; andersherum wäre es natürlich auch undenkbar. Dennoch beweisen R.E.M. mit der Dramaturgie dieses Konzerts, dass sie Meister darin sind, genau an der richtigen Stelle den Kontrapunkt zu setzen, den ein Konzert braucht, um auch nach Jahren und Jahrzehnten noch als denkwürdig und zeitlos betrachtet werden zu können. Wie gut ihnen dies in dieser Nacht von Wiesbaden gelungen ist, davon sollte man sich als Freund gepflegter Rockmusik definitiv durch den Kauf dieser DVD überzeugen. "I was central/I had control/I lost my head/I need this!/I need this!"


Die Wahlverwandtschaften
Die Wahlverwandtschaften
von Johann W von Goethe
  Taschenbuch
Preis: EUR 5,60

13 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Goethes großer Roman als radikale Diskurs- und Erkenntniskritik, 1. Dezember 2009
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Die Wahlverwandtschaften (Taschenbuch)
Als dieses Hauptwerk des älteren Goethe 1809 erstmalig erschien, fand der Autor keine besondere Anerkennung für diese für damalige Verhältnisse doch etwas frivole Beziehungskiste. Heute, fast 200 Jahre später, gelten die "Wahlverwandtschaften" als einer der wichtigsten, wenn nicht der wichtigste, Roman der deutschen Literaturgeschichte. Und dies liegt sicherlich nicht nur an dem allzeit beliebten Sujet der Liebe mit all ihren Hindernissen, sondern vor allem an der höchst fortschrittlichen, weit über die eigene Zeit hinaus gehenden Diskurskritik, welche dieser Text vor allem in Bezug auf Wissenschafts-, aber auch auf soziologische Diskursmodelle, Typologien und Ordnungsmuster richtet. Ebenso wichtig erscheint dazu die für Goethe typische, massiv verdichtete Verweisstruktur innerhalb des Romans; kein Geschehnis, keine Charaktereigenschaft, keine Handlung geschieht hier zufällig, alles verweist aufeinander und bildet ein in sich geschlossenes Ganzes, ein vollendetes Kunstwerk, ganz so wie es dem Goetheschen Weltbild entspricht.
Auf der Ebene des Handlungsstrangs bieten die "Wahlverwandtschaften" dabei zunächst einen vergleichsweise zugänglichen, wenn auch etwas exzentrisch anmutenden Stoff: Eduard und Charlotte, ein junges Ehepaar aus dem noch gut situierten, wenn auch langsam verarmenden Landadel, führen nach dem Tode ihrer jeweils älteren und betuchten, aus reinem Kalkül geheirateten Ehegatten, in Zeiten von Säkularisierung und Aufkeimen bürgerlicher Gesellschaftsstrukturen eine (scheinbar?) glückliche, ruhig und gesetzt anmutende Ehe auf einem idyllischen Landsitz, welchen sie ebenso leidenschaftlich wie dilettantisch von Zeit zu Zeit umgestalten, um so künstlerisch auf die Natur einzuwirken und sich als Menschen ihrer zu bemächtigen - ein zentrales Motiv des Romans. Aus dem Einerlei des Lebens als politisch bedeutungslose, aber durchaus gebildete und für heutige Verhältnisse sehr entspannt und aufgeklärt denkende Adelige heraus lancieren die Partner die Aufnahme des Hauptmanns, einem Freund Eduards, sowie Ottilies, der verarmten Nichte Charlottes, auf das Landgut. Die erste Konversation zwischen den Neuankömmlingen und den Ehegatten bildet nun das Epizentrum des Romans. Der Hauptmann - ein gebildeter, rational denkender Vertreter einer bürgerlichen Lebensauffassung - entfaltet die zur Goethezeit tatsächlich populären chemischen Theorie der "Wahlverwandtschaften", nach der sich 2 "Paarungen" aus je 2 Elementen, wenn sie denn zusammengeführt werden, ihrer Natur gemäß neu anordnen und in unterschiedlicher Heftigkeit so miteinander reagieren, dass 2 neue "Paare" von Elementen entstehen; eine Theorie, welche die Charaktere selbstverständlich direkt auf die eigene Situation auf dem Landsitz übertragen. Doch während diese zunächst von zwei asexuellen, freundschaftlich verbundenen gleichgeschlechtlichen Paarungen ausgehen, kristallisert sich rasch genau das heraus, was kommen musste: Der leidenschaftlich-umtriebige Eduard verliebt sich massiv in die jungfräulich-dienstbare, zur Marienfigur stilisierte Ottilie, welche seine Gefühle durchaus erwidert, während die beiden eher rational orientierten Charlotte und Hauptmann ebensolche Neigungen füreinander entwickeln, wenn auch nicht in gleicher Heftigkeit. So wird ein Konflikt ins Rollen gebracht, welcher sich auch dann nicht auflöst, als Eduard und Charlotte nach einer zum doppelten Ehebruch stilisierten Liebesnacht ein Kind erwarten und dieses bekommen. Geradezu symbolisch wie grotesk mutet schließlich die Bescrheibung dieses Jungen an: Es gleicht nicht seinen Eltern, sondern den beiden anderen Personen, an die Eduard und Charlotte während des Zeugungsaktes in liebevoller Weise gedacht hatten. Ist es also Naturnotwendigkeit, dass die 4 Personen in der neuen Beziehungskonstellation zusammenfinden. Zunächst scheint es so, auch wenn in der sittsamen Ottilie ein anhaltender Widerstreit zwischen ihren sinnlichen und sittlichen Antriebskräften vorgeht. Als sie sich schließlich doch ihrem Verehrer hingibt, welcher de facto bereits die Ehescheidung mit Charlotte lanciert hat, geschieht jedoch ein Unglück, welches die beiden Liebenden gemeinsam in ein tragisches Schicksal führen wird, das mit seiner religiös überhöhten Dramatik als tiefe Ironie und Seitenhieb auf die allzu metaphysischen literarischen Trends der zur Goethezeit sehr einflussreichen Romantiker gelsen werden kann.
Doch ist die chemische Gleichnisrede tatsächlich der Schlüssel zu diesem Roman? Ist es wirklich alles so eindeutig, so von strukturellen Analogien geprägt? Will uns der Autor ein solch einfaches Weltbild, eine solche Konzeption von Naturnotwendigkeit verkaufen? Wohl kaum. Neuere Forschungen zu den "Wahlverwandtschaften" bestätigen den Zweifel, den man selbst intuitiv gegen diese irgendwie viel zu naheliegende und reduktionistisch anmutende Lesart vorbringt. Die Bedeutung der chemischen Gleichnisrede, welche die Theorie der Wahlverwandtschaften als Schlüssel zur Beziehungskonstellation im Roman nahelegt, sie zeugt vielmehr von einer radikalen Wissenschafts- und Erkenntniskritik, mit welcher Goethe einiges vorwegnimmt, was bis zur heutigen Zeit allzu oft vergessen worden ist, wenn man sich den fast widerstandslosen Siegeszug der positivistischen Naturwissenschaften in der westlich geprägten Welt anschaut. Die Gleichnisrede, und somit die naturwissenschaftlichen Diskurse überhaupt, sind viel zu starr strukturiert, als dass sie die Dynamik menschlicher Beziehungen, ja als das sie das vielschichtige, veränderliche und von mannigfaltiger gegenseitiger Überlagerung geprägte Wesen dieser Welt tatsächlich im Stile einer Analogie abbilden könnte. Die "Wahlverwandtschaften" sind somit ein Roman, der aufzeigt, wie wenig fassbar das Geschehen in der Welt, die Wahrnehmung des Menschen, tatsächlich ist. Typologien, Ordnungsmuster, Diskurse - sie alle können nur Notbehelf sein, wenn es darum geht, aus den Vorgängen in dieser Welt einen Sinn abzuleiten. Goethes Wissenschaftsverstädnis ist geprägt von der Einbeziehung des beobachtenden Subjekts in die beobachtete Welt. Seine Ablehnung einer strikten, dichotomen Trennung von Subjekt und Objekt findet in den "Wahlverwandtschaften" auf eine beeindruckende Weise Niederschlag. Die Welt ist alles, und das Subjekt ist ein Teil dieses Ganzen. Vereinfachende Typologien, vorgefertigte Muster, Diskurse, welche vorschreiben, wie "es ist", wie "man es richtig macht", müssen scheitern und führen den Einzelnen in die Irre. Somit stellen die "Wahlverwandtschaften" ein Paradebeispiel für die Einheit des Gesamtwerks Goethes dar. Sein Wissenschaftsverständnis sowie seine dichterische Meisterschaft vereinigen sich hier zu einem Roman, den man als Gelegenheitsleser auf der Ebene des Plots runterlesen kann wie eine spannende Liebesgeschichte, und der zudem für literaturwissenschaftlich interessierte einer der Schlüsseltexte der deutschsprachigen Literatur darstellt.

Übrigens: Die Reclam-Ausgabe glänzt durch ein erhellendes Nachwort des Bochumer Literaturwissenschaftlers Benedikt Jeßing, welcher nicht nur die Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte sowie historische Hintergrundinformationen zum Roman liefert, sondern verschiedene, sehr plausible und dem aktuellen Forschungsstand entsprechende Interpretationsansätze vorstellt, ohne dem Leser dabei präskriptiv eine bestimmte Lesart dieses vielschichtigen und dynamischen Werks nahezulegen.
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