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Rezensionen verfasst von
Michael Schäfer "Kaká" (Dortmund, NRW)

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Die Leiden des jungen Werther.
Die Leiden des jungen Werther.
von Johann Wolfgang von Goethe
  Broschiert

5.0 von 5 Sternen Der ultimative Liebes- und Lebensroman, 22. September 2009
Rezension bezieht sich auf: Die Leiden des jungen Werther. (Broschiert)
Wer kennt ihn nicht - den Werther? Schon direkt nach seiner Entstehung im Jahre 1774 ein riesiger Verkaufsschlager, ist dieser Geniestreich des jungen Johann Wolfgang Goethe eines der liebsten literarischen Kinder der Deutschen geblieben.
Der Briefroman schildert - über weite Teile aus Sicht des Ich-Erzählers und Protagonisten, am Ende schließlich aus der Perspektive eines fiktiven "Herausgebers" dieser Briefe - das Schicksal des jungen bürgerlichen Werther, der sich, von Natur aus unstet, naturliebend, intellektuell geschult und hochsensibel, durch eine Zufallsbekanntschaft in die wohlhabende 17-jährige Lotte verliebt, welche für ihre 6 Geschwister die Rolle der vestorbenen Mutter übernommen hat und dabei bereits an den arbeitsamen Vernunftmenschen Albert verlobt ist. Zwar nähern sich die beiden zunächst freundschaftlich, aber unabstreitbar auch emotional sehr an, jedoch besteht das Band zwischen Lotte und Albert fort, was den jungen Werther mehr und mehr in tiefe seelische Zerwürfnisse und schließlich in den Freitod treibt. Ergänzt wird die Erzählung der Geschehnisse durch intensive, pointierte und durchaus kurz gehaltene Naturbeschreibungen und allgemeine Reflexionen der Hauptfigur bezüglich des menschlichen Zusammenlebens und anderer für ihn relevanter Aspekte des Lebens. Der Briefroman lebt also sowohl von seiner Handlung als auch von seinen über diese hinausgehenden vor allem alltagsphilosophisch anmutenden Exkursen, welche das Leben im Deutschland des mittleren bis ausgehenden 18. Jahrhunderts aus Sicht des frei denkenden Individuums reflektieren.
Doch woher kommt die fortwährende Faszination für einen Briefroman, dessen tragischer Held sich Hals über Kopf in eine zum Scheitern verurteilte Liebe verrennt und sich schließlich selbst das Leben nimmt? Müssten nicht gerade wir Menschen des 21. Jahrhunderts, die sich, um Enttäuschungen zu vemeiden, vor dem ersten Date lieber zunächst im Internet auf Herz und Nieren, Aussehen und gemeinsame Interessen und Neigungen prüfen, uns stürmend von diesem irrationalen Querkopf, ja vor diesem "Irren" distanzieren, der uns in diesem Paraderoman des Sturm und Drang entgegentritt? Nun, natürlich ist das Gegenteil der Fall, und einen Anhaltspunkt für diese Suche nach dem "Warum?" bietet hier vielleicht ein Blick in das kurze Vorwort, welches Goethe einen sozusagen zwischengeschalteten fiktiven Herausgeber den Briefen Werthers vorausschicken lässt:
"[...]Und du gute Seele, die du eben den Drang fühlst wie er, schöpfe Trost aus seinem Leiden, und lass das Büchlein deinen Freund sein, wenn du aus Geschick oder eigener Schuld keinen nähern finden kannst."
Ja ja, dieses Büchlein ist nach wie vor ein Freund jedes fühlenden Menschen. Und auch wenn wir uns nicht in aussichtslosem Liebeswerben verrennen, ja selbst wenn wir in keinster Weise so arm dran sind wie der gute alte Werther, so erfüllt dieses Buch für den verständigen Leser dennoch eben diese Funktion. Es ist ein Manifest des Gefühls, ein Manifest des Idealismus, ein Manifest der Lebensliebe und die Geschichte eines Menschen, der an einem Zuviel all dessen scheitert, was diese Welt, diese Gesellschaft, in der wir leben, uns eben zu wenig zugestehen will. Werthers ausgeprägte Naturliebe, die Bestandteil vieler berühmtgewordener Briefe des Romans ist, sein tiefes Mitgefühl gegenüber seinen Mitmenschen, nicht zuletzt seine unerschütterliche Liebe zu Lotten, aber durchaus auch seine ohnmächtige Wut gegenüber dem Ständedünkel des 18. Jahrhunderts oder sein leidenschaftliches Anrennen gegen den kühlen Rationalismus Alberts, welches sich auch in seinem unsteten und nicht gerade gutbürgerlichen Lebenswandel wiederspiegelt, all das ist es doch, was das Leben lebenswert macht, und was uns dennoch verwehrt wird, sodass wir alle erstmal unseren tristen Arbeitsalltag mühevoll hinter uns bringen müssen, bevor wir ein wenig davon kosten können. In dieser Hinsicht ist Werther ein Held, da er all den Träumen, die wir "zivilsierten" Menschen haben und die auch die Menschen im 18. Jahrhundert offensichtlich schon hatten, mit einer Konsequenz und Nachdrücklichkeit nachhängt, dass es einfach eine Wonne ist.
Das ist die Funktion dieses Romanhelden, oder besser: er ist diese Funktion. Denn dies ist ein häufiges Missverständnis, welches gerade junge und unerfahrene Leser oft abschreckt und davon abhält, Gefallen am Werther zu finden. Denn wenn ein solcher Leser kritisiert, dieser Werther sei doch ein gefühlsduseliger, nicht lebensfähiger und zudem noch fauler und wehleidiger Querkopf, dem einfach nicht zu helfen sei, dann hält dieser den Werther offenbar für eine Person, die einem Menschen in der realen Welt entspricht. Doch dies ist natürlich ein Irrglaube, Werther ist eine fiktive Figur, eine Instanz, die eine Funktion erfüllt, mit der dieser Roman, dieser Text seine Politik macht: eine Politik des Gefühls, gegen den kalten Rationalismus der Aufklärung (verkörpert durch Lottes Mann Albert), welcher zu seiner Entstehungszeit noch in Europa vorherrschte; eine Politik des Individualismus, gegen die vielen gesellschaftlichen Zwänge, die uns damals wie heute einengen; eine Politik der Natur, gegen die Eingriffe des sich zum Gott erhebenden Menschen (siehe Werthers unbändiger Zorn über das Abhacken der Bäume auf dem Kirchplatz); eine Politik des Lebens und der Menschlichkeit.
Goethes Werther hat nicht nur Epoche gemacht und Literaturgeschichte geschrieben sowie zu großen Teilen den überfälligen Weg aus der rationalistischen Sackgasse der Aufklärung bereitet, sondern er ist auch für uns heutige Menschen, die wir mitten im Leben des 21. Jahrhunderts stehen und oberflächlich betrachtet so weit weg vom Leben dieses Romanhelden zu sein scheinen, ein Werk von enormer gesellschaftlicher Relevanz (siehe Individuum vs. Gesellschaft, Verlangen vs. Notwendigkeit, Natur vs. "Fortschritt") sowie immensem Potential zum Bereiten von Lesevergnügen, denn die Schönheit der Sprache Goethes bedarf an dieser Stelle sicherlich keiner großen Worte; hierzu ist bereits genug gesagt worden.
Dementsprechend kann man nur jedem Menschen, der des Deutschen mächtig ist, wärmsten empfehlen, dieses Buch zu erstehen, sich an ihm zu erfreuen und es, wie der "Herausgeber" es schon 1774 empfiehlt, zu seinem Freund werden zu lassen. Auch mehrmaliges Lesen ist hier lohnenswert, fallen doch immer wieder neue geniale Formulierungen, scharfe Beobachtungen oder anregende Gedankengänge ins Auge. Der ultimative Liebesroman - since 1774!


1967-1970 (Blue Album)
1967-1970 (Blue Album)
Wird angeboten von jazzfred1975
Preis: EUR 13,62

3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Teil 2 der großen Kompilation, 22. September 2009
Rezension bezieht sich auf: 1967-1970 (Blue Album) (Audio CD)
Das "Blaue Album" bildet zusammen mit dem "Roten Album" die unverzichtbare Standardausstattung in Sachen Beatles, die in absolut keinem Plattenschrank fehlen darf. In chronologischer Abfolge und der gebotenen Ausführlichkeit handeln diese beiden Kompilationen das unvergleichliche Werk der einflussreichsten und besten Rock-Band aller Zeiten ab, ohne dabei in das gefährliche Fahrwasser allzu oberflächlicher Best-of-Zusammenstellungen abzudriften. Erfolgsrezept der Zusammenstellung ist dabei das gelungene Abwägen zwischen der Notwendigkeit der Beschränkung auf einen kleinen Titel der vielen Super-Songs auf der einen und dem dennoch vollends gelungenen Nacherzählen der musikalischen Entwicklung auf der anderen Seite, was vor allem durch die Songauswahl erreicht wird, welche die wichtigen Entwicklungsschritte und die größten musikalischen Errungenschaften gekonnt nachzeichnet. Während das "Rote Album" in diesem Zusammenhang gekonnt die kleinschrittigen Verbesserungen der immer komplexer werdenden Rock-Songs der Frühphase nachzeichnet, liefert das hier vorliegende "Blaue Album" die Phase von 1967 bis zum Ende der Band 1970 mit ihren hochkomplexen Kompositionen und immer neuen Errungenschaften in Sachen Arrangement und Studiotechnik. So läuten die zwei so unterschiedlichen, aber doch zusammengehörigen "Strawberry Fields Forever" (wunderschön-melancholisch und verquer von John Lennon) und "Penny Lane" (unschlagbar-melodisch und verspielt von Paul McCartney) die Kompilation gelungen ein und leiten zu den Tracks des legendären Sgt. Pepper-Albums über, das den Legenden-Status der Beatles schon zu "Lebzeiten" endgültig festigte. Hier ist natürlich vor allem das epische "A Day in the Life" hervorzuheben. Nach weiteren Großtaten aus dem "Magical Mystery Tour"-Zyklus beenden dann schließlich McCartneys Top-Hits "Lady Madonna" und "Hey Jude" sowie Lennons kreischender Blues "Revolution" die erste Disc. CD 2 enthält weitere 14 Top-Tracks, die der geneigte Beatles-Fan jedoch deshalb mit Wehmut betrachten muss, da sie die 3 letzten Alben dieser faszinierendsten Kombo aller Zeiten enthalten: So fügen sich hier Songs vom epochalen "White Album" mit den großen Hits aus "Let It Be" und den genialen Nummern des immer etwas unterschätzten "Abbey Road"-Albums zusammen. Diese sind zwar insgesamt nicht ganz so progressiv und supergenial wie die Stücke von Disc 1, welche die wohl kreativste Phase der Band abbildet, dennoch ist der Hörgenuss selbstverständlich ebenso hoch. Highlights wie das wunderschön-spirituelle "Across the Universe" von John, George Harrisons traumhafter Love-Song "Something" oder Paul McCartneys Rocker "Back in the USSR" (der Opener des "White Album" sowie auch dieser Disk) seien hier exemplarisch genannt und hervorgehoben. Insgesamt kann man nur sagen: Diese CD ist für jeden, der sie noch nicht hat, geradezu der Prototyp eines Pflichtkaufs. Einzig davon ausgenommen sind solche Puristen und Beatles-Fans der ersten Stunde, die sich ausschließlich mit den Original-Studioalben begnügen möchten. Für alle anderen gilt: am besten gleich "Rot" und "Blau" zulegen.


1962-1966 (Red Album)
1962-1966 (Red Album)
Wird angeboten von Bridge Media UK
Preis: EUR 10,21

10 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Entwicklung der Beatles im Zeitraffer, 8. September 2009
Rezension bezieht sich auf: 1962-1966 (Red Album) (Audio CD)
Best-Of-Kompilationen großer Künstler sind gemeinhin eine Sache für sich. Während man sie prinzipiell aufgrund der geballten musikalischen Qualität jedem geneigten Freund der schönen Klänge durchaus ans Herz legen kann, gilt unter tatsählichen oder selbsternannten "Fachleuten" der Grundsatz: Je besser und bedeutender der Künstler/die Band, desto überflüssiger und ärgerlicher die Best-Of-Scheibe. Denn allzu oft spiegeln solche Zusammenstellungen in keinster Weise die Entwicklung und Bedeutung eines Musikers wieder, sondern bieten lediglich dem breiten Publikum das, was sie ohnehin schon aus dem Radio oder dem Musikfernsehen kennen. Ein Rückgriff auf die Original-Studioalben ist dann erforderlich, um die ganze Schönheit der Musik einer solchen Band oder eines solchen Künstlers wirklich schätzen und genießen zu können. Letzteres sollte jeder auch im Falle der Beatles tun - genaue Kenntnis der Studioalben der Fab4 ist für jeden Freund der Rock- oder Popularmusik unabdingbar. Ausnahmsweise lässt sich daraus aber in diesem Falle kein Negativurteil zu der vorliegenden Best-Of-Zusammenstellung ableiten. Denn dieses "Rote Album", das mit dem "Blauen" ein unschlagbares Duo bildet, hat einen künstlerischen Eigenwert, der auch für Beatles-Kenner, die alle Alben im Schrank haben, seine Gültigkeit besitzt. Die Doppel-CD zeichnet nämlich durch ihre Ausführlichkeit (26 Songs aus den Jahren 62-66) sowie durch ihre strikt chronologische Tracklist die Entwicklung der Fab4 in ihrer frühen, sprich kurzhaarigen Phase in liebevoller und beeindruckender Manier nach. Auf diese Weise entwickelt die Scheibe eine Eigendynamik; sie illustriert die rasante musikalische Weiterentwiciklung der Band, vor allem in den ganz frühen Jahren. So mutet "Love Me Do", die erste echte Beatles-Single in England, noch als Liebhaberstück an, bevor mit "Please Please Me" der erste Weltklasse-Song erklingt, der es dann auch prompt zur Nr. 1 im Königreich brachte. Der Rest ist Geschichte. "From Me to You" zeigt die erste Mid-8 in Moll, "She Loves You" ist der erste Song aus der distanzierteren Perspektive der 3. Person, und "I Want to Hold Your Hand" und "All My Loving" sind die absoluten Kracher, mit denen die Jungs in den USA druchstarteten. Man könnte diese einzelnen Entwicklungsschritte allesamt in dieser Weise nachzeichnen, doch essentiell erscheint an dieser Stelle einfach die Tatsache, dass diese Best-Of-Platte die musikalische Entdeckungsreise der Band quasi im Zeitraffer anhand der wichtigsten Tracks abbildet und so die Fab4 nicht wie viele andere Best-Of-Kompilationen zu Hit-Lieferanten aus der Retorte degradiert, sondern ihre musikgeschichtliche Bedeutung schätzt und zum Ausdruck bringt, ohne den sich für diesen Aspekt weniger interessierenden Gelegenheitshörer dies spüren zu lassen. Somit erweist sich das "Rote Album", ebenso wie das "Blaue", als unverzichtbarer Bestandteil eines jeden Plattenschrankes, da es für jedes Niveau von Interesse an den Fab4 etwas wertvolles und beglückendes zu bieten hat.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Apr 12, 2015 8:01 AM MEST


Der Prozess
Der Prozess
von Franz Kafka
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 3,95

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Der Prozeß - Erbauliche Beklommenheit, 8. September 2009
Rezension bezieht sich auf: Der Prozess (Gebundene Ausgabe)
Einen Roman namens "Der Proceß" von Franz Kafka hat es nie gegeben. Was es gibt, und was man in Ausgaben wie dieser als einen solchen verkauft bekommt, ist ein Konvolut von Notizheftzetteln, auf denen Franz Kafka die Teile eines Romanfragments namens "Der Proceß" niedergeschrieben hat - und welche der kränkliche und zu Lebzeiten völlig unbekannte Prager Autor seinem Nachlassverwalter eigentlich testamentarisch zum Verbrennen übereignet hatte. Doch Max Brod erkannte glücklicherweise das literarische Potential des Nachlasses seines Freundes. So veröffentlichte er im Jahre 1925 erstmals den "Proceß", ohne dabei jedoch kenntlich zu machen, dass die vordergründige Abgeschlossenheit des Romans tatsächlich eine Interpretation seinerseits - und keinesfalls vom Autor autorisiert war. Editionskritisch gesehen muss somit jede Ausgabe, welche den "Proceß" kommentarlos als kompletten Roman vorstellt, ohne etwa zu bemerken, dass allein die Kapitelreihenfolge zweifelhaft und offen für Uminterpretation ist, unter ein kritisches Licht gestellt werden. Die historisch-kritische Ausgabe mit der kompletten Faksimilierung der Originalhandschriften Kafkas ist in dieser Hinsicht natürlich ein Ideal, das natürlich weder erschwinglich noch besonders lesekomfortträchtig ist. Natürlich ist es in Anbetracht dessen legitim, für den "Hausgebrauch" Leseausgaben wie die hier vorliegende zu verwenden. Man sollte dabei jedoch im Hinterkopf behalten, dass "Der Proceß" ein äußerst dynamisches Kunstwerk ist, in dem Querverweise und Episodenhaftigkeit der Kapitel dazu einladen, auch mal gegen die von Brod vorgegebene Reihenfolge zu lesen und seinen eigenen Proceß-Roman daraus zu konstruieren. Denn dieser Text, dieser "Proceß", ist einer der schönsten, den wir haben, und das verdanken wir einzig Franz Kafka, und niemand anderem.
"Der Proceß" ist dabei zunächst einmal die Geschichte eines in seiner Einfachheit und Geradlinigkeit bewundernswerten Charakters, mit Namen Josef K., der (scheinbar) zum Spielball einer obskuren Gerichtsbarkeit wird, und phasenweise dieses Verhältnis gegenüber der vollkommen gestaltlos bleibenden Macht und dem inhaltlosen Gesetz umkehrt und herausfordert. Wie aus dem Nichts verhaftet und angeklagt, sieht sich der in geregelten Verhältnissen lebende Bankangestellte einer Verkettung sich gegenseitig an Skurrilität und Exzentrik überbietender Situationen und Charaktere gegenüber, die ihn nach und nach in seinen "Proceß" einführen und ihn durch diesen begleiten, ohne ihn jedoch ansatzweise mit Inhalt zu füllen. Es gibt eine Verhaftung, aber kein Gefängnis, eine Anklage, aber keinen Tatvorwurf, viele Gerichtssitzungen, aber keinen spürbaren Fortgang des Prozesses, bis diese abstruse und beklemmende, immer in der Schwebe hängende Situation zu einem Teil von Ks Leben word, welchen dieser sich bei genauer Betrachtung in durchaus positivem Sinne zu eigen macht. So geht er, nach einem Stadium der Verständnislosigkeit, vollkommen in dem Verfassen von Verteidigungsschriften und Verbalattacken gegen die Gerichtsbarkeit auf. Ob dies mit einem Schuldeingestädnnis gleichzusetzen ist, bleibt eine der interessantesten Fragen an den Roman. Doch K.s strikte Absage an jegliches Schuldeingeständniss bleibt Teil das entscheidende Element, das diese Figur prägt und veredelt. Um so frappierender erscheint in diesem Kontext das "Ende" des eigentlich nicht zu beendenden weil von der kontinuierlichen "Verschleppung" des gestaltlosen Prozesses und der dadurch entstehenden immer neuen Formen des Verlangens und Erfahrungsdranges der Hauptfigur lebenden Romans, der schließlich Fragment geblieben ist und dessen Kapiteleinteilung durch Max Brod bis heute Diskussionsstoff bietet.
Zwei (scheinbar) gegensätzliche Grundstimmungen prägen bei all dem Ton und Atmosphäre der Erzählung. Auf der einen Seite ist da die Beklommenheit, das Ausgeliefertsein Ks an diese obskure Gerichtsmaschinerie, die sich etwa in der Verhaftung mit dem wie selbstverständlich von statten gehenden Eindringen in Ks Privatsphäre oder in der die Angeklagten im wahrsten Sinne des Wortes niederdrückenden Luft in den Gerichtskanzleien manifestiert. Auch der vorwurfsvolle, die aus der Luft gegriffene Anklage in keinster Weise hinterfragende Onkel, der das Element des Schuldgefühls gegenüber der Familie ins Spiel bringt, wie auch die mahnenden Worte des Geistlichen im Dom (mit der weltberühmten Parabel "Vor dem Gesetz") tragen zu diesem bedrohlichen und düsteren Grundton des Romans bei, welcher an diesen Stellen dokumentarisch darlegt und dazu ebenso prophetisch vorausahnt, wie die hochkomplexen bürokratischen Gesellschaftsmaschinerien des 20. Jahrhunderts das Individuum mit Repression und Angst konfrontieren.
Aber Kafka wäre nicht Kafka, wenn er nicht im gesamten Roman Auswege für die beklommenen Seelen bereitstellen würde, welche sich vor allem aus den großen Freuden des Lebens speisen, welche bei Kafka so reichlich vorhanden sind und doch gern übersehen werden. Da wäre der Humor, welcher der Betrachtung dieser obskuren Szenerien stets beiwohnt. Warum essen die zwei Wächter, die K. verhaften, einfach so sein Frühstück auf? Warum finden sie sich, nach dem K. sich über ihr Verhalten beschwert, mit einem lackledernen Prügler in einer Rumpelkammer in Ks Büro wieder? Warum sind die Gerichtskanzleien auf dem Dachboden irgendeines übervölkerten Armenhauses am Stadtrand, und warum zeigt nur ein mit einer kindlichen Krakelschrift versehenes Blatt Papier den Weg "zu den Kanzleien" an. Man könnte ewig so weitermachen und lachen, lachen, bei aller verstörenden und befremdlichen Wirkung, die diese Elemente im Kontext der bedrohlich anmutenden Prozesssituation zweifelsohne haben, lugt immer wieder der verschlagen grinsende Kafka hinter diesen Worten hervor und sagt uns: Lacht, macht was draus! Ebenso die Erotik, immer wieder diese hocherotischen Elemente bei Kafka: Schummrige Abende bei Fräulein Bürstner, unser K. leckt ihr einfach mal den Hals...der Untersuchungsrichter blättert während seiner Prozesse in "Unterlagen", die sich ausnahmslos als Pornohefte erweisen...das Umhertragen von Frauen von A nach B...die Dienerin des Advokaten...es ist ein Durchlauf durch die verschiedensten Stadien der Erotik, wie sie uns im Alltag begleiten und schön verleugnet oder verschwiegen werden. Kafka legt sie offen, und stellt sie uns zur Verfügung, als Ausweg aus der Repression, als letzter Strohhalm des niedergedrückten Verlangens. Es ist ein skurriler wie bestechender Humor, es ist eine prickelnde Erotik, es ist einfach alles drin in diesem Roman.
Wer bei Kafka die Düsternis nicht erkennt, dem ist nicht zu helfen. Wer aber den Humor bislang noch nicht recht entdeckt hat, der sollte sich ihm gegenüber öffnen, und ihn finden, hier, in diesem Roman, in der erschreckendsten und beklemmendsten weil subtilsten Schilderung des Totalitarismus und der Repression, hier mitten drin pulsiert, verkörpert durch diesen Josef K., das volle Leben, die volle Energie und Lebensfreude, die prickelnde Erotik und der skurrile Humor, die Kafkas Werke so erbaulich, ja so unverzichtbar machen. Solche Literatur rettet Leben!

Übrigens: Dies ist die günstigste Ausgabe!


Der Process (Reclams Universal-Bibliothek)
Der Process (Reclams Universal-Bibliothek)
von Franz Kafka
  Taschenbuch
Preis: EUR 5,00

9 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Der Prozeß - Erbauliche Beklommenheit, 3. September 2009
Einen Roman namens "Der Proceß" von Franz Kafka hat es nie gegeben. Was es gibt, und was man in Ausgaben wie dieser als einen solchen verkauft bekommt, ist ein Konvolut von Notizheftzetteln, auf denen Franz Kafka die Teile eines Romanfragments namens "Der Proceß" niedergeschrieben hat - und welche der kränkliche und zu Lebzeiten völlig unbekannte Prager Autor seinem Nachlassverwalter eigentlich testamentarisch zum Verbrennen übereignet hatte. Doch Max Brod erkannte glücklicherweise das literarische Potential des Nachlasses seines Freundes. So veröffentlichte er im Jahre 1925 erstmals den "Proceß", ohne dabei jedoch kenntlich zu machen, dass die vordergründige Abgeschlossenheit des Romans tatsächlich eine Interpretation seinerseits - und keinesfalls vom Autor autorisiert war. Editionskritisch gesehen muss somit jede Ausgabe, welche den "Proceß" kommentarlos als kompletten Roman vorstellt, ohne etwa zu bemerken, dass allein die Kapitelreihenfolge zweifelhaft und offen für Uminterpretation ist, unter ein kritisches Licht gestellt werden. Die historisch-kritische Ausgabe mit der kompletten Faksimilierung der Originalhandschriften Kafkas ist in dieser Hinsicht natürlich ein Ideal, das natürlich weder erschwinglich noch besonders lesekomfortträchtig ist. Natürlich ist es in Anbetracht dessen legitim, für den "Hausgebrauch" Leseausgaben wie die hier vorliegende zu verwenden. Man sollte dabei jedoch im Hinterkopf behalten, dass "Der Proceß" ein äußerst dynamisches Kunstwerk ist, in dem Querverweise und Episodenhaftigkeit der Kapitel dazu einladen, auch mal gegen die von Brod vorgegebene Reihenfolge zu lesen und seinen eigenen Proceß-Roman daraus zu konstruieren. Denn dieser Text, dieser "Proceß", ist einer der schönsten, den wir haben, und das verdanken wir einzig Franz Kafka, und niemand anderem.
"Der Proceß" ist dabei zunächst einmal die Geschichte eines in seiner Einfachheit und Geradlinigkeit bewundernswerten Charakters, mit Namen Josef K., der (scheinbar) zum Spielball einer obskuren Gerichtsbarkeit wird, und phasenweise dieses Verhältnis gegenüber der vollkommen gestaltlos bleibenden Macht und dem inhaltlosen Gesetz umkehrt und herausfordert. Wie aus dem Nichts verhaftet und angeklagt, sieht sich der in geregelten Verhältnissen lebende Bankangestellte einer Verkettung sich gegenseitig an Skurrilität und Exzentrik überbietender Situationen und Charaktere gegenüber, die ihn nach und nach in seinen "Proceß" einführen und ihn durch diesen begleiten, ohne ihn jedoch ansatzweise mit Inhalt zu füllen. Es gibt eine Verhaftung, aber kein Gefängnis, eine Anklage, aber keinen Tatvorwurf, viele Gerichtssitzungen, aber keinen spürbaren Fortgang des Prozesses, bis diese abstruse und beklemmende, immer in der Schwebe hängende Situation zu einem Teil von Ks Leben word, welchen dieser sich bei genauer Betrachtung in durchaus positivem Sinne zu eigen macht. So geht er, nach einem Stadium der Verständnislosigkeit, vollkommen in dem Verfassen von Verteidigungsschriften und Verbalattacken gegen die Gerichtsbarkeit auf. Ob dies mit einem Schuldeingestädnnis gleichzusetzen ist, bleibt eine der interessantesten Fragen an den Roman. Doch K.s strikte Absage an jegliches Schuldeingeständniss bleibt Teil das entscheidende Element, das diese Figur prägt und veredelt. Um so frappierender erscheint in diesem Kontext das "Ende" des eigentlich nicht zu beendenden weil von der kontinuierlichen "Verschleppung" des gestaltlosen Prozesses und der dadurch entstehenden immer neuen Formen des Verlangens und Erfahrungsdranges der Hauptfigur lebenden Romans, der schließlich Fragment geblieben ist und dessen Kapiteleinteilung durch Max Brod bis heute Diskussionsstoff bietet.
Zwei (scheinbar) gegensätzliche Grundstimmungen prägen bei all dem Ton und Atmosphäre der Erzählung. Auf der einen Seite ist da die Beklommenheit, das Ausgeliefertsein Ks an diese obskure Gerichtsmaschinerie, die sich etwa in der Verhaftung mit dem wie selbstverständlich von statten gehenden Eindringen in Ks Privatsphäre oder in der die Angeklagten im wahrsten Sinne des Wortes niederdrückenden Luft in den Gerichtskanzleien manifestiert. Auch der vorwurfsvolle, die aus der Luft gegriffene Anklage in keinster Weise hinterfragende Onkel, der das Element des Schuldgefühls gegenüber der Familie ins Spiel bringt, wie auch die mahnenden Worte des Geistlichen im Dom (mit der weltberühmten Parabel "Vor dem Gesetz") tragen zu diesem bedrohlichen und düsteren Grundton des Romans bei, welcher an diesen Stellen dokumentarisch darlegt und dazu ebenso prophetisch vorausahnt, wie die hochkomplexen bürokratischen Gesellschaftsmaschinerien des 20. Jahrhunderts das Individuum mit Repression und Angst konfrontieren.
Aber Kafka wäre nicht Kafka, wenn er nicht im gesamten Roman Auswege für die beklommenen Seelen bereitstellen würde, welche sich vor allem aus den großen Freuden des Lebens speisen, welche bei Kafka so reichlich vorhanden sind und doch gern übersehen werden. Da wäre der Humor, welcher der Betrachtung dieser obskuren Szenerien stets beiwohnt. Warum essen die zwei Wächter, die K. verhaften, einfach so sein Frühstück auf? Warum finden sie sich, nach dem K. sich über ihr Verhalten beschwert, mit einem lackledernen Prügler in einer Rumpelkammer in Ks Büro wieder? Warum sind die Gerichtskanzleien auf dem Dachboden irgendeines übervölkerten Armenhauses am Stadtrand, und warum zeigt nur ein mit einer kindlichen Krakelschrift versehenes Blatt Papier den Weg "zu den Kanzleien" an. Man könnte ewig so weitermachen und lachen, lachen, bei aller verstörenden und befremdlichen Wirkung, die diese Elemente im Kontext der bedrohlich anmutenden Prozesssituation zweifelsohne haben, lugt immer wieder der verschlagen grinsende Kafka hinter diesen Worten hervor und sagt uns: Lacht, macht was draus! Ebenso die Erotik, immer wieder diese hocherotischen Elemente bei Kafka: Schummrige Abende bei Fräulein Bürstner, unser K. leckt ihr einfach mal den Hals...der Untersuchungsrichter blättert während seiner Prozesse in "Unterlagen", die sich ausnahmslos als Pornohefte erweisen...das Umhertragen von Frauen von A nach B...die Dienerin des Advokaten...es ist ein Durchlauf durch die verschiedensten Stadien der Erotik, wie sie uns im Alltag begleiten und schön verleugnet oder verschwiegen werden. Kafka legt sie offen, und stellt sie uns zur Verfügung, als Ausweg aus der Repression, als letzter Strohhalm des niedergedrückten Verlangens. Es ist ein skurriler wie bestechender Humor, es ist eine prickelnde Erotik, es ist einfach alles drin in diesem Roman.
Wer bei Kafka die Düsternis nicht erkennt, dem ist nicht zu helfen. Wer aber den Humor bislang noch nicht recht entdeckt hat, der sollte sich ihm gegenüber öffnen, und ihn finden, hier, in diesem Roman, in der erschreckendsten und beklemmendsten weil subtilsten Schilderung des Totalitarismus und der Repression, hier mitten drin pulsiert, verkörpert durch diesen Josef K., das volle Leben, die volle Energie und Lebensfreude, die prickelnde Erotik und der skurrile Humor, die Kafkas Werke so erbaulich, ja so unverzichtbar machen. Solche Literatur rettet Leben!


That Lucky Old Sun
That Lucky Old Sun
Preis: EUR 16,27

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen That Lucky Old World still has its Wilson, 18. August 2009
Rezension bezieht sich auf: That Lucky Old Sun (Audio CD)
Brian Wilsons "That Lucky Old Sun" ist sicherlich jetzt schon als Highlight des Alterswerks des großen Beach Boys-Frontmanns zu bezeichnen, auch wenn eine Beurteilung der Scheibe zunächst als Drahtseilakt erscheint. Da ist dieser wunderbare, glockenhelle und harmonische Pet Sounds-Sound, mit aller technischer Rafinesse transferiert ins 21. Jahrhundert, gepaart mit einer Vielzahl wirklich wunderbarer Melodien und einem interessanten Gesamtkonzept unter Einbindung von Wilson selbst geschriebener und vorgetragener Gedichte rund um das Leben im Sunshine State California. Doch, so fragt sich der notorische Kritiker, ist das in unseren stürmischen Zeiten nicht alles zu viel Heimatliebe, zu viel California Sunshine, zu viele simple Love-Songs und zu wenig Weitblick? Spricht aus dieser harmonischen und in sich geschlossenen Platte nicht eine enorme Ignoranz für die Komplexität und Problembehaftetheit unserer postmodernen Zeit? Ja, ich denke schon, aber warum soll man diesem Musikgenie nicht die rosarote Brille vor den Augen gönnen, wenn sie ihn nach seiner schweren Lebensgeschichte und in seinem fortgeschrittenen Alter noch zu solch wunderbarer Musik befähigt. Man kann es nicht oft genug wiederholen, diese schwungvollen, melodiösen und ultraharmonischen Popsongs sind einfach toll, machen verschärft gute Laune und regen zum Mitsingen und -swingen an wie kaum etwas anderes, was heutzutage produziert wird. Der "Morning Beat" bluest cool durch die Gehörgänge, "Good Kind of Love" und "Surfer Girl" regen zum Träumen an und auf "Oxygen to the Brain" geht nochmal so richtig die Post ab. Solche Musik ist zum Träumen und Schwelgen da. Wir sollten unserer kritischen Ader, unserem grübelnden Geist die Pausen gönnen, die er braucht. Und das am besten mit dieser Musik!


Help! (Songs from the Film)
Help! (Songs from the Film)
Wird angeboten von GMFT
Preis: EUR 13,76

7 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Vom frühen Rock'n'Roll zu "Rubber Soul", 21. Juni 2009
Rezension bezieht sich auf: Help! (Songs from the Film) (Audio CD)
"Help!" Mit diesem hitverdächtigen Hilferuf schrie sich John Lennon auf dem absoluten Höhepunkt der Beatle-Mania erstmals seine ganz persönliche Emotionalität in einem seiner Songs von der Seele - und genau das ist der Moment, der die besondere Bedeutung dieses Albums im Gesamtwerk der Beatles, und somit auch in der Geschichte der Rockmusik, ausmacht. Dieser Moment ist es, in dem die Band den ersten Schritt vom thematisch und musikalisch leicht verdaulichen, ausschließlich über Melodiösität und Rhythmik kommenden Rock'n'Roll in Richtung einer musikalisch ausdifferenzierteren, textlich persönlicheren und variationsreicheren Musik machte. Der Titelsong hat also ebenso wie das Album, das gleichzeitig Soundtrack zum zweiten Film der Fab4 war, eine exponierte Stellung in der Entwicklung der Band inne, was die Platte zu einem absoluten Pflichtkauf für jeden Freund der Popularmusik macht.
"Help!" geht dabei direkt so richtig ins Ohr. Der kraftvollen Lennon-Nummer folgt eine starke, aber weniger bekannte McCartney-Komposition, "The Night Before". Daraufhin erklingt mit "You've Got to Hide Your Love Away" ein folkiger, von Bob Dylan inspirierter Lennon-Song, der sich in hochsensibler Weise mit der Homosexualität der tragischen Figur Brian Epsteins auseinandersetzt. Mit "I Need You" folgte eine frühe, noch etwas unausgereifte Harrison-Komposition, bevor mit dem coolen "Another Girl" und mit dem schwungvollen "You're Gonna Lose that Girl" zwei absolute Spitzennummern aus der Feder des Duos Lennon/McCartney erklingen. Mit "Ticket to Ride" folgt ein klassischer Top-Hit in typischer Beatles-Manier, bevor Ringo auf dem Cover "Act Naturally" eine mehr als passable Gesangsperformance abliefert. "It's Only Love" ist eine Spitzen-Nummer von John Lennon mit durchaus anspruchsvoller Melodieführung, und "You Like Me Too Much" ist eine schwungvolle und melodiebetonte Harrison-Komposition, die deutlich mehr zu überzeugen weiß als noch "I Need You". "Tell Me What You See" ist da ein eher unauffälligerer Vertreter, "I've Just Seen a Face" hingegen hätte mit seiner zuckersüßen Melodie durchaus Single-Hit-Potential gehabt. Was dann folgt, ist Geschichte: Ich sage nur "Yesterday". Die Coverversion der alten Rock'n'Roll-Nummer "Dizzy Miss Lizzy" bringt dieses Spitzenalbum zu einem mehr als gebührenden Abschluss im guten alten Stil; so wie man die Beatles damals kennen und lieben gelernt hat, mit einem John Lennon in gesanglicher Höchstform. "Help!" ist ein absolutes Weltklasse-Album, sowohl aufgrund der klassischen Rock'n'Roll-Elemente als auch dank der innovativen Kompositionen, mit der die Beatles musikalisches Neuland beschritten und den Grundstein für die drei vielleicht einflussreichsten Rockalben überhaupt legten: "Rubber Soul", "Revolver" und schließlich "Sgt. Pepper". Somit gehört "Help!" für den Musikfreund zum absoluten Pflichtprogramm!

Ergänzung:
Mittlerweile ist der Gesamtkatalog der Beatles im Stereo Remaster neu erschienen. Viele Beatles-Fans haben sich im Zuge dieser Neuveröffentlichung die Frage gestellt, ob ein Nachkauf bereits im Plattenschrank vorhandener Alben lohnenswert ist oder nicht. Ich persönlich war eher zurückhaltend und habe mittlerweile nach und nach vier Alben der neuen Serie erworben, darunter auch "Help!". Mein Fazit zu diesem Thema lautet, dass sich der Nachkauf aufgrund der gestiegenen Dynamik der Aufnahmen durchaus lohnt, doch wer nicht allzu viel investieren möchte, sollte sich auf die späteren Alben (ab "Revolver" oder "Sgt. Pepper") konzentrieren, auf denen die Arrangements der Songs komplexer wurden und sich somit deutlicher heraushören lässt, was die Toningenieure mit ihrem Mehr an klanglicher Transparenz und Power tatsächlich an diesen alten Aufnahmen geleistet haben. Die älteren Alben, wie etwa "Help!", auf denen noch recht überschaubar instrumentierter Gitarren-Beat geboten wird, profitieren aus meiner Sicht in deutlich geringerem Maße hiervon als etwa die Klangkunstwerke "Sgt. Pepper" oder "Magical Mystery Tour".


Beatles for Sale
Beatles for Sale
Wird angeboten von Media Vortex
Preis: EUR 19,27

6 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Das stärkste schwächste Album der Rock-Geschichte ;-), 21. Juni 2009
Rezension bezieht sich auf: Beatles for Sale (Audio CD)
"Beatles for Sale" ist das vierte Album der Fab4 und wurde, wie man hört und liest, so ziemlich zwischen den Stühlen aufgenommen. Und in der Tat merkt man der Scheibe, bei allem Spaß, den jeder Musikfreund an ihr finden wird, in Punkto Songwriting einen gewissen Qualitätsverlust gegenüber den ersten 3 Beatles-Platten an. So ist "Beatles for Sale" zwar eine gute, aber keine der gewohnt überragenden Platten, die die Beatles der Welt hinterlassen haben. So ist "No Reply" sicherlich ein guter Song, aber nicht der Kracher, den man als Opener einer Beales-Platte erwarten kann. Dies versinnbildlicht dieses gewisse Mittelmaß, dass man "Beatles For Sale" nicht ganz absprechen kann. Großartigen Nummern wie dem mitreißend-sehnsuchtsvollen 6/8-Song "Baby's in Black", dem packenden Rock-Standard "Rock'n'Roll Music", dem melancholisch-melodiösen "I'll Follow the Sun", der einzigen Hitsingle "Eight Days a Week" oder dem munteren "I don't Want to Spoil the Party" stehen doch einige Tracks gegenüber, die man im Anbetracht des musikalischen und songschreiberischen Potentials der Band ganz klar als Füllmaterial bezeichnen muss. "I'm a Loser" gehört sicher nicht zu dem besten, was ein John Lennon kompositorisch leisten kann; einen Song wie "Mr. Moonlight" muss eine solche Band nicht unbedingt covern; und der träge Blues von "Honey Don't" ist wohl mit das schwächste, was man auf einer Beatles-Platte vorfinden kann. Doch diese Kritik ist natürlich nur deshalb in dieser Schärfe zu formulieren, da man bei dem Namen Beatles voraussetzen kann, dass die musikalischen Stärken dieser Band jedem klar sein werden.
Insgesamt kann man sagen, dass "Beatles for Sale" wohl das schwächste Bealtes-Album darstellt, zumindest, was die Frühphase der Band angeht. Dennoch könnte ich mir die Platte jeden Tag gut und gern anhören. Mehr Worte braucht man also über die Band an dieser Stelle nicht zu verlieren.


Viva la Vida
Viva la Vida

5.0 von 5 Sternen Stärkster Titel eines überragenden Albums, 18. Juni 2009
Rezension bezieht sich auf: Viva la Vida (Audio CD)
Der Titelsong des 2008er Longplayers der Brit-Rock-Retter Coldplay ist gleichzeitig der stärkste Radio-Hit, den die Band aus diesem Album platzieren konnte. Und das, obwohl die Nummer ohne die übliche Rock/Pop-Instrumentierung auskommt und im Grunde komplett "klassisch" arrangiert ist. Es ist genau diese intelligente Kombination aus dominanten, sehr melodiösen Streichinstrumenten auf der einen und einem unwiderstehlichen, von einer Orchesterpauke erzeugten Rock-Groove auf der anderen Seite, die diesen Song so interessant und prickelnd macht. Zusammen mit dem sehr intelligenten Text über die zweifelhafte Süße der Macht, den Chris Martin in seiner unnachahmlichen Art vorträgt, ergibt das Ganze einen Song, der zwar auch im üblichen Rock-Gewand ein Hit, aber nicht so ein auffallend ambitioniertes Stück Popularmusik geworden wäre. In einer Diskussion über das ultimative Coldplay-Stück, welches Klasse und Vermögen dieser tollen Band am besten repräsentiert, müsste man es definitiv (gemeinsam mit "Clocks" und "Politik") zu den Top 3 zählen. Einer der wenigen Songs der letzten Zeit, für die es sich lohnt auch einmal eine Maxi-Single zu erwerben!


Echoes, Silence, Patience & Grace
Echoes, Silence, Patience & Grace
Preis: EUR 6,66

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Insgesamt solide, 15. Juni 2009
Rezension bezieht sich auf: Echoes, Silence, Patience & Grace (Audio CD)
Mit dem meiner Meinung nach überragenden "In Your Honor" haben sich die Foos mit ihrer Gegenüberstellung einer rockigen und einer akustisch geprägten Hälfte ihres Doppelalbums absolut in der Elite des Rock etabliert, gerade durch ihre überraschend großartige, ja faszinierende Performance im eher ruhigen Bereich, mit Top-Akustik-Balladen wie am Fließband ("On the Mend", "Virginia Moon", "Cold Day in the Sun" etc.). Nun ist der Versuch, diese auf "In Your Honor" noch kontrastiv dargestellten Aspekte ihres Könnens auf "Echoes, Silence, Patience & Grace" ebenso gekonnt zu verbinden, leider an einem einfach erkennbaren, aber so schwer zu behebenden Manko "gescheitert": Es fehlen auf der Albumdistanz die Melodien, die guten Einfälle im Songwriting. Die Jungs hätten sich bei der Produktion von "In Your Honor" vielleicht etwas für später aufheben sollen; denn waren auf letzterem noch ca. 15 von 20 Songs richtig klasse gelungen, so hat man auf "Echoes, Silence, Patience & Grace" doch nach etwa der Hälfte der Platte auch nach mehrmaligem Hören das Gefühl, dass da doch ein Gefälle zwischen den ersten 4, 5 und dem Rest der Tracks besteht. Um Missverständnisse zu vermeiden: Das heißt nicht, dass das Album schlecht wäre, es ist ein gutes Rockalbum, das man jedem Freund dieses Genres dringend ans Herz legen sollte, aber es bezieht seine Stärke, anders als die Vorgängeralben, aus einigen wenigen Einzelsongs, und zwar ausgerechnet aus den ersten Vieren, und diese überstrahlen den Rest deutlich. So kommt leider nicht dieses Flair eines Albums als Gesamtkunstwerk zustande, wie man es etwa bei "The Color and the Shape" in Reinform erleben kann.
Nun zu den Lobeshymnen:
Mit "The Pretender" brettern die Foos gleich so richtig los. Denkt man nach zwei Sekunden noch stark an "Stairway to Heaven", geht es danach gleich richtig ab. Ein typischer Foo-Opener mit richtig viel Power und einem exzessiven Sänger Dave Grohl; ganz stark.
Es kommt aber noch deutlich besser: Mit "Let it Die" folgt eine Verbindung verdächtig ruhiger Akustik-Passagen, die immer wieder vom enorm mitreißenden Refrain abgelöst werden und so in eine wahrhaft orgiastische Grohl-Performance erster Güte münden.
Highlight des Albums ist für mich jedoch "Erase/Replace", mit seinem unbestechlich geradlinigem Groove, seinen prägnanten Gitarren-Riffs, der rastlos-besessenen Art Grohls, uns immer wieder von Strophe zu Refrain zu hetzen und in letzterem wunderbar melodiös, und dabei zum Glück doch auch in sein charakteristisches Kreischen verfallend zu singen wie selbst er es selten zuvor geschafft hat. Wow!
Dass die sehr radiofreundlich gestaltete Hitsingle "Long Road to Ruin" mit seiner typischen Popsong-Struktur und seinen einfachen Akkordfolgen mit einem solch geilen Stück mithalten kann, zeugt von der enormen Power und der besonderen Qualität des Refrains. Eine Melodie, bei der man einfach nur mitsingen oder besser -gröhlen kann, es geht gar nicht anders, "LONG ROAD TO RUIN THERE IN YOUR EYES...". Spitze, Foos.
Was danach kommt, so muss ich zugeben, kann ich mir kaum merken. Ach ja, Track 5 ist "Come Alive", kein schlechter Song, fällt aber doch ab. Und auch alles weitere steht im Schatten der Top 4 (erinnert irgendwie an die Englische Premier League). Es ist zwar schön, dass auch ruhigere Töne angeschlagen werden, doch es gelingt einfach songschreiberisch nicht so gut wie auf Disc 2 von "In Your Honor". Es fehlt irgendwie der Kick.
Aber genug der Beschwerden: "Echoes, Silence, Patience & Grace" ist ein insgesamt grundsolides Rock-Album einer Top-Band, welches man besitzen sollte, doch welches sicherlich nicht das Prunkstück der Foo Fighters darstellt, da es auf die lange Distanz nicht das einhält, was etwa die Single-Auskopplungen versprechen. Nicht mehr, aber vor allem auch nicht weniger.


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