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Rezensionen verfasst von
Johannes 76

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Darkness & the Light
Darkness & the Light
Preis: EUR 17,46

5.0 von 5 Sternen Wenn das Herz nicht mehr heilt..., 19. Juni 2014
Rezension bezieht sich auf: Darkness & the Light (Audio CD)
Irische Songwriter werden ja gerne reduziert auf den Fiddle-Gute-Laune-Sound und ein paar launige Heimweh-Balladen. Ben Reel aus dem County Armagh kann damit nicht dienen. Allerdings präsentiert er auf "Darkness And The Light" einen höchst ansprechenden und eingängigen Americana-Sound, der sich gleichermaßen bei Bruce Springsteen, Neil Young und Roy Orbison bedient. Es geht um das, was eben einen Songwriter so umtreibt: den schmalen Grat zwischen Licht und Dunkelheit im Leben, das Sitzen im gleichen Boot, welches scheinbar plan- und ziellos im Meer des Leidens umhergestoßen wird. Dazu braucht es wenig ausgefallenen Wortballast, es genügen einige universale Metaphern, vom Schiff auf dem Meer, vom heilversprechenden Zug, auf den man vergebens wartet, von diesem kleinen bisschen Licht, das auch im verzweifeltsten Zeitgenossen noch brennt. Und genau diese Schwebe, in der das Leben steht, ist die Klammer dieser elf wunderbaren Songs - besser noch: der 16 Songs der Special Edition. Es beginnt mit einem Mantra, das aber bald schon der Bestandsaufnahme Platz macht: "We're all half crazy, we're all half insane". Dann folgt gleich ein Live-Favorit, ein Hochlied auf die Liebe: "Fill Me Up" (Achtung - nur Special Edition! gesondert über I-Tunes erhältlich). Ganz wundervoll ist das einfachste Lied des Sets, das ursprünglich als Titelsong geplante "Watershed". Was da kommen wird, das weiß man nicht, aber man wünscht es den verzweifelten Protagonisten dieser Songs, dass sich das Blatt bald wendet. Sollte dieses Album einen Hit brauchen, dann ist es ganz sicher das einfühlsam-tröstende "Heart Just Won't Heal", das wie ein Outtake von Springsteen's "Magic"-Album klingt, und kein schlechter. Natürlich gibt es auch thematische Ausflüge nach Irland. So ist das Porträt eines alten Säufers, der sein Geld am Wochenende mit Pferdewetten durchbringt ("Before Your Time"), ein bedrückender Abstecher in die irische Provinz. Er weiß selbst, dass es zu spät ist, und kommt zu dem ernüchternden Fazit: "I love all my addictions, like to keep them near my side." Noch eindringlicher die Kollaboration mit dem Songwriter-Kollegen Tony McLoughlin, "Our Father's Sins": der Versuch, die Welt der politisch zerrissenen Insel mit den keltischen Mythen in Einklang zu bringen. Und wer muss 'ran, wenn alles zu spät ist? Natürlich der große Roy: "You're Not Alone" ist ganz großes Americana-Kino - Orbison hat der Pop-Musik das Träumen beigebracht, und das greift Ben Reel natürlich gerne auf. Wer das dann doch nicht glauben will, der muss sich eben an die etwas bescheidenere Weisheit halten: "The best that you get, is someone to talk to." Und wenn gerade keiner da ist? Dann legt man eben einfach dieses Album auf...


The B-Sides
The B-Sides
Preis: EUR 9,99

6 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen grausam, 5. Februar 2014
Rezension bezieht sich auf: The B-Sides (Audio CD)
Das ist fürchterlich. Nicht mehr und nicht weniger. Dieses Album kann man gar nicht mit Springsteens "High Hopes", das ich sehr mag, vergleichen. Bruce bemüht sich in jedem Fall um Produktion. Es ist eine Schande, was man hier mit wundervollen Songs wie "The Queen of Lower Chelsea" macht - da ist nichts arrangiert, jeder Überschwang, den man an The Gaslight Anthem so liebt, wurde gnadenlos in ein grauenvolles Genörgel umgewandelt. Fürchterlich (ja doch:) dilettiert Brian Fallon vor sich hin. Die großen Hits "Great Expectations" und "The '59 Sound" kann man sich schon anhören. Aber der Kneipensänger im nächsten Irish Pub bringt sicherlich lebendigere Versionen zustande. Bei "American Slang" muss man fast ausschalten. Hat die Band sich dieses "Album", pardon: diese Zusammenstellung auch nur einmal komplett angehört? Irgendetwas wollen sie uns damit sagen. Ich fürchte, es ist nicht viel mehr als: Wir sind auch nur Menschen, vergöttert uns nicht allzu sehr. Ich hätte das nicht gebraucht. In guten Momenten sind sie nämlich nicht weniger als eine der besten Rockbands des Planeten.


Garcia Live Vol.3
Garcia Live Vol.3
Preis: EUR 22,99

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Kult oder nicht? Am Ende eben doch Garcia..., 12. November 2013
Rezension bezieht sich auf: Garcia Live Vol.3 (Audio CD)
Im Zusammenhang mit den Grateful Dead bzw. Jerry Garcia wird der Begriff "legendär" dann doch des Öfteren überstrapaziert. Garcias Jazz-Quintett "Legion of Mary" mit Merl Saunders, John Kahn, Martin Fierro und Ron Tutt wird oft mit diesem Etikett behaftet. Nun gibt es zum zweiten Mal Aufnahmen dieser Band offiziell, aus dem Dezember 1974. Jazz ist das natürlich kaum. Vor allem, weil das typischste Jazz-Element, Fierros Saxophon bzw. Flöte, hier ganz und gar nicht dominiert, meiner Meinung nach zu kurz kommt, zu leise gemischt ist und zu allem Überfluss noch mit unsäglichen Wah Wah-Verfremdungen exekutiert wird. Fierro ist für mich wirklich die Enttäuschung dieses Sets, für mehr als ein paar Farbtupfer reicht's nicht. Ganz und gar nicht enttäuschend ist die Songauswahl: "Boogie on Reggae Woman", "Wondering Why", "You Can Leave Your Hat On" (alle mit Saunders' Gesang), "Freedom Jazz Dance" und "Valdez in the Country" sind dann doch echte Raritäten, mindestens drei davon gab es meiner Meinung nach bisher gar nicht offiziell. Zweimal wird "The Night They Drove Old Dixie Down" als endlos sich dahinschleppender Totengesang für die Opfer des Bürgerkriegs dargeboten - das kann man wirklich nicht in jeder Stimmung ertragen. Der "Freedom Jazz Dance" überzeugt zwar zunächst durch die (etwas unsauberen) Unisono-Linien, endlich darf (und geht) Fierro mal ran, Garcias Improvisationen sind dann aber nur mäßig originell. Und so bleibt es wieder an Garcia und Saunders, den Repertoire-Klassikern "How Sweet It Is (To Be Loved By You)", "I Second That Emotion" oder "Mystery Train" echtes Leben einzuhauchen. Wie sie das nur machen - die Songs schleppen sich ewig dahin, gleichförmig, ohne Variation, und heben sich dann plötzlich traumwandlerisch in Höhen, die man niemals für möglich gehalten hätte. Geduld fordert diese Musik, "Wondering Why" breitet sich soulig-träge im Schneckentempo über fast 25 Minuten aus. Nur "Dixie" bleibt beides Mal unter zehn Minuten. Doch solch eine Musik machte eben niemand sonst. Diese Kritik mag vielleicht zu negativ erscheinen. Es ist ja auch ziemlich leicht, all diese Angriffspunkte zu bedienen. Die vier Sterne gibt's aber für den Rest - all das, was unerklärlich faszinierend bleibt, Saunders' mitunter beglückendes E-Piano- und Orgel-Spiel, Garcias Improvisationen, die sich stellenweise mit seinen besten messen können. Wunderbare überraschende Tempowechsel, plötzlich swingt's dann eben doch. Eine komische, und dann doch wieder: kosmische Musik. "The mood [...] was low key, [...] with a room so relaxed you can almost hear the shuffle of winter coats." So steht es im schön-informativen Booklet. Nichts hinzuzufügen.


Made in California (Limited Edition inkl. 6 CDs)
Made in California (Limited Edition inkl. 6 CDs)
Preis: EUR 56,99

36 von 41 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Unverzichtbar für Fans, gelungenes Gesamtbild, 23. August 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Also nun, verspätet, aber aus gegebenem Anlass, ein weiterer Karriereüberblick als Box-Set. Was steckt zwischen den Softcover-Buchdeckeln im LP-Format? Überraschend wenig Text, dafür sehr viele großformatige und großartige Bilder, die thematisch ("Our Car Club", "Hawthorne, City of Good Neighbors" etc.) und chronologisch angeordnet sind und alle Beach Boys-Topoi so gut wie möglich abdecken. Erzählt wird überwiegend in Original-Zitaten der Band-Mitglieder. Mir ist das deutlich lieber als die ständig gleichen Ausführungen und Stereotypen zum Karriereverlauf, z.B. auf der Homepage. Die Jahre zwischen 1980 und der Wiedervereinigung von 2012 werden allerdings komplett übersprungen. In jedem Fall muss man sich beim Anblick dieser tollen Fotografien natürlich auch sofort kopfüber in die Musik stürzen.
Das meiste ist natürlich wohlbekannt: Gut, dass hier immer gleich angegeben ist, um welchen Mix es sich handelt, denn bei der Vielzahl der letzten zwanzig Jahre gestaltet sich der Überblick zwangsläufig schwierig. Es empfiehlt sich übrigens, beim Stöbern in diesen Aufnahmen immer auch Keith Badmans Tag-für-Tag-Chronologie "The Beach Boys" in der Nähe zu haben, um vieles hier korrekt einordnen zu können. Natürlich interessieren Fans am meisten die 60 zuvor unveröffentlichten Aufnahmen. Ein einheitliches Bild können diese sicher nicht ergeben. Im Folgenden deshalb nur einige wenige, sehr verstreute Anmerkungen:

* "From the Vaults..." (Disc 6) bündelt mehr als ein Drittel der neuen Archivausgrabungen und macht durchgehend Spaß, auch wenn Intro und Outro bereits an anderer Stelle verwendet wurden. Es ergibt sich ein Bild von Amerika, dass von den Highschool-Tagen ("Pom Pom Play Girl") über Kalifornien ("C Feelin'" und "C Girls") bis zu den Farmern des Mittleren Westens (Dennis' "Barnyard Song") reicht. Highlights sind definitiv die wundervollen A Cappella Mixes von "Slip On Through" und "This Whole World", aber auch die Instrumental-Version von "Guess I'm Dumb" ist ganz zauberhaft, und man weiß sofort, warum man diese Band so liebt. Die Vignette "I Believe in Miracles" verweist unverkennbar auf "Smiley Smile", der Song "Where Is She?" erweist sich als das "She's Leaving Home" der Beach Boys. Einiges fällt dann auch ab, etwa der Alternate Lead Vocal von "Don't Worry Baby" oder die bisher zurecht unveröffentlichte Version von "You've Lost That Lovin' Feeling".
* "Lei'd in Hawaii": Drei Tracks stammen aus den Proben für dieses geplante Live-Album von 1967, alle sind essenziell, nie hat man solch eine reduziert-melancholische Version von "California Girls" gehört - bitte die brauchbaren Überbleibsel dieses Projekts, Proben und Live-Konzerte, unbedingt 'mal kompakt und umfassend veröffentlichen!
* Ganz großartig: Die Live-Aufnahmen aus den 70er Jahren. "Wild Honey" (New Jersey 1972) und "It's About Time" (Chicago 1973) beweisen, wie famos diese Band auch Rock-Musik machen konnte. Die Ballade "Only With You" (New York 1972) ist ein seelenvolles Zeugnis für stille Töne zwischen "Fun, Fun, Fun". Bitte alte Live-Konzerte ins Auge fassen, wir wollen mehr davon, denn das war eine großartige Bühnen-Band!
* Einige auch unbekanntere Titel laden zum direkten Vergleich ein: Die frühen bzw. Demo-Fassungen von "Back Home" und "California Feelin'" unterscheiden sich doch riesig von den späteren.

Der Beach-Boys-Einsteiger, wenn es so etwas noch gibt, droht in diesem oppulenten Set leicht verloren zu gehen. Gerne könnte man sich mal über den Quatsch austauschen, der sich hier auch findet - "Brian's Back" (der Alternate Mix macht's nicht besser), "Summer in Paradise" (live) und einiges anderes. Und die nächsten Veröffentlichungen sollten auch auf die größten Hits verzichten, denn davon gibt es nun wirklich unzählige Zusammenstellungen. Lieber die Raritäten bündeln. Doch als Rezensent steht man wieder einmal staunend vor dem Werk dieser Band und die Sterne-Vergabe ergibt sich da von selbst. Ich kann da nichts abziehen, unmöglich. Man müsste eher noch ein paar hinzufügen...


Where You Stand (Limited Deluxe Edition)
Where You Stand (Limited Deluxe Edition)
Preis: EUR 12,99

20 von 24 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen I will be right by you/ where you stand, 16. August 2013
Ein Geständnis vorneweg: Ich bin persönlich der Meinung, dass Travis nie mehr auch nur annähernd so gut waren wie auf dem Überalbum "The Man Who". Als sie damals mir und all den anderen Mädels und Jungs die Frage auf den Leib schrieben, warum man denn immer selbst gerade im Regen stehen muss. Natürlich waren (und sind) wir Treibholz im Fluss des Lebens. Dann kamen sie mit ihrem Vorschlag an, doch einfach zu singen und Blumen ins Fenster zu stellen, das war mir schon verdächtig. Harmonieseligkeit kann schnell langweilig werden.
Doch nun sind sie (wieder) da, und das ist sehr schön so. Zunächst Alarm, da pfeift einer bei Lied Nummer drei, das ist kein gutes Zeichen für Popplatten. Aber dann entpuppt sich "Reminder" als sehr hübsche Preziose. Die Single "Where You Stand" ist einfach zauberhaft. Genau so raffiniert in der Melodieführung, dass bei aller Eingängigkeit doch keine Langeweile aufkommt. "New Shoes" lässt Blur anklingen, "Warning Sign" erinnert mich an "Let It Be Me" von den Everly Brothers. "Moving" hat tolle Strophen, dem Refrain fehlt dann irgendwie die Raffinesse. Neben dem Titelsong gehören für mich "Mother" und "Boxes" zu den stärksten Songs. Erster eröffnet das Album vielversprechend und vielschichtig, letzter ist in seiner Einfachheit bezaubernd. Auf das (Entschuldigung:) Gegreine von "The Big Screen" kann ich verzichten, auch wenn das Ende atmosphärisch wird. Insgesamt lässt sich das Album gut durchhören, ohne dass die einzelnen Songs beliebig erscheinen.
Die Bonustracks sind okay, "Anniversary" hat etwas Country Twang, "Parallel Lines" ist ein typischer eingängiger Travis-Song.
Ein verlässlicher Freund, dieser Fran Healy, der mit seiner Combo zur rechten Zeit wiederkommt. Und jetzt alle: "I forfeit my TIIIIIMe..."
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Garcia Live 2: August 5Th 1990 Greek Theater (Dig)
Garcia Live 2: August 5Th 1990 Greek Theater (Dig)
Preis: EUR 29,99

18 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Sonntagnachmittag im Sommer 1990, 29. Juni 2013
"Innerhalb dieser temporär autonomen Zone zählen nur das Können und die Liebe zum Augenblick." So beschrieb Karl Bruckmaier eine Live-CD der JGB aus dem gleichen Jahr der hier vorliegenden Aufnahmen. Und das trifft es schon. Zunächst: Was für eine Songauswahl! Van Morrisons "And It Stoned Me" neben dem wundervollen "Waiting For A Miracle" von Bruce Cockburn ("try to set the angel in us free"), Dylans "Forever Young", Atem- und Zeitstillstand und alles. "Tears Of Rage" schält sich so ganz langsam aus einer wirren Rhythmik zur großen Amerika-Parabel. Dazwischen gibt es auch mal, ja, doch, Rockmusik ("Evangeline", "Deal"). Der Gast Béla Fleck braucht "Midnight Moonlight" zum Aufwärmen, dann steuert er sein Banjo zu "The Harder They Come" bei, gehen Reggae und Banjo eine Liaison ein, dass einem ganz psychedelisch-schwindlig wird. Bevor gegen Ende das Loblied auf den einfachen Arbeiter unter der Sonne gesungen wird, "work like the devil for my pay". Es fallen die beiden Soulsängerinnen ein und lassen die Sonne über den Himmel rollen. Doch es ist alles kurz vorm Einfallen, brüchig. Ein wenig Hoffnung, als Garcias Gitarre die höheren Sphären erreicht, seltsam verzerrt, so als würde sie sich selbst nicht trauen. Und dann denkt sich Melvin Seals, jetzt sei's doch gut, und fährt das Ganze von den wabernden untersten Registern in einen Gospelorgelmorgen. "Wash all my troubles away." Am 5. August 1990 dürfte auf der Welt wohl kaum schönere Musik gemacht worden sein als diese. Cosmic American Music, indeed!


The Sesjun Radio Shows
The Sesjun Radio Shows
Preis: EUR 20,16

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen wunderbar weltverloren, 22. Juni 2013
Rezension bezieht sich auf: The Sesjun Radio Shows (Audio CD)
Ein Jazz-Nomade, der im verbeulten Auto nur mit seinem Trompetenkoffer quer durch Europa rast, um dann ein Gastspiel in irgendeinem verrauchten Club zu geben - oder auch nicht. Manchmal auch in hässlichen Mehrzweckhallen auf Jazzfestivals. Und das alles nur, um das Geld für den nächsten Schuss Heroin aufzutreiben. Das ist der Mythos des späten Chet Baker.
Dass er dabei immer noch in den besten Momenten ganz grandiose, wertvolle, wunderschöne Musik gemacht hat, kann dabei schon mal vergessen werden. Diese Doppel-CD gehört in jedem Fall zum Besten, was Baker in seiner gesamten Karriere aufgenommen hat. Sie dokumentiert fünf Sessions in den Niederlanden zwischen 1976 und 1985 im Rahmen der Radio Show "Tros Sesjun". Es ist auch deshalb eine hervorragende Werkschau dieser Phase, weil außer Baker kein Musiker bei zwei dieser Sessions zum Einsatz kommt - jedes Ensemble unterscheidet sich grundlegend von den anderen.
Und egal ob in einer verregneten Novembernacht, in der Hitze des Hochsommers oder am Kamin im kalten Winter: Diese Musik berührt. Tracks wie "Ray's Idea" hört man die Spielfreude einfach an. Dies zeigt sich auch an dem Verve und der Freude, mit der Baker hier seine Musiker, den Pianisten Harald Danko, den Flötisten Jacques Pelzer und den Bassisten Cameron Brown vorstellt. Problematischer war da schon seine Beziehung zum Weather Report-Power-Drummer Alphonse Mouzon, der sich bei der hier vorliegenden Session mit Wolfgang Lackerschmid (die letzten drei Titel auf CD1) noch zurückhält, aber auch zwischendurch schon mal ein paar knallige Schläge einbaut, die so gar nicht zur Fusion-Aversion Bakers passen. Bei "This Is Always" beschränkt Chet sich auf den Gesang und greift gar nicht zur Trompete. Schöner als auf dieser Version von "My Foolish Heart" hat Baker wohl selten gesungen. Die längste Dokumentation einer bestimmten Besetzung findet sich dann auf der zweiten CD mit fünf Titeln des Trios mit Philip Catherine und Jean Louis Rassinfosse, das man auch von anderen Aufnahmen kennt (z.B. "Strollin'" auf dem Enja-Label). Und wie kunstvoll Catherine und Baker hier an ihrem Sound arbeiten, das bewegt immer wieder. Man höre nur die lyrische Klage "Lament" - das ist Musik, die die Welt für einen Moment zum Stillstand bringt.
Auf meine Ausführungen zu Miles Davis' Cool Jazz erwiderte ein Freund, der wenig mit Jazz anfangen kann, einmal nonchalant: "Aha, Miles Davis hat also das Langsamspielen erfunden." Wenn man es so vereinfachen will, dann kann man sagen: "Chet Baker hat ganz sicher das Schönspielen erfunden." Auch in seiner späten Phase machte er Musik, die jeder Mensch 'mal gehört haben sollte...


Hagar's Song
Hagar's Song
Preis: EUR 16,98

7 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wunderbare Momente... und "God Only Knows", 12. April 2013
Rezension bezieht sich auf: Hagar's Song (Audio CD)
Ein wenig mehr Informationen zur titelgebenden Suite hätten es schon sein dürfen. Hagar war also Charles Lloyds Ururgroßmutter, die als zehnjähriges Mädchen am Mississippi den Eltern entrissen und als Sklavin verkauft wurde. Im Interview mit der Zeitschrift Jazz thing werden jetzt einige grausame Details nachgereicht: Als Vierzehnjährige wird Hagar vom Sklavenhalter vergewaltigt, bekommt ein Kind, das wiederum der Tochter des Sklavenherren als "Leibsklave" übergeben wird. Die Musik der Hagar Suite beginnt verhalten, eine einsame Flöte. Jason Moran überführt dann das Ganze in ein kurzes rhythmisch-pulsierendes Segment, bevor sich die Musik wieder etwas freischwimmt. Beide Musiker zeichnen in der Folge den Lebensweg dieser Frau nach, mit viel Einfallsreichtum. Mal freier, dann zurückgenommen-reduziert. Der Hörer muss oder darf (je nach Sichtweise) jedoch selbst Rückschlüsse ziehen, was da gerade behandelt wird, die Titel der einzelnen Teile bleiben krytisch. In der Suite findet dann auch das von Moran geschlagene Tambourin Verwendung.
In etwas überraschendem Gegensatz dazu steht der Rest des Albums, eine Mischung aus einer Eigenkomposition Lloyds und Stücken, die ihn "bewegen", wie Lloyd selbst anführt. Vieles ist gelungen, auch wenn ein Gesamtkonzept nicht erkennbar ist.
Absolut grandios ist das abschließende "God Only Knows". Zunächst sorgt das French Horn-Intro des Originals, auf dem Piano gespielt, für die Wiederkennung, dann wird kurz darauf die Titelzeile unisono vorgestellt. Ganz zart, sparsam tastet sich das Duo an diesen vielleicht schönsten aller Pop-Songs heran. Wirft Blue Notes zwischen die Harmonien. Bis sich das Stück nach gut zwei Minuten wie ein Schmetterling in die Luft erhebt. Und für einen Moment in fantastischer Reinheit erstrahlt. Als man auf die famosen versetzten Beach Boys-Chöre des Original-Endes wartet, da fährt Jason Moran das Stück durch mehrfache Wiederholung des Intros wunderbar nachhause. Schon jetzt dreieinhalb der schönsten Musikminuten des Jahres 2013. Und was will man mehr?


Freedom Wind
Freedom Wind
Preis: EUR 13,54

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Muss für Beach Boys-Fans..., 12. April 2013
Rezension bezieht sich auf: Freedom Wind (Audio CD)
Das ist das Album, das die Beach Boys seit fast 40 Jahren gerne machen würden. Natürlich sind The Explorers Club Epigonen, das klingt alles wie die Beach Boys zwischen "Today!" 1965 und "Surf's Up" 1971. Die machen also "nur" nach. Aber wie. So schön klingt der Sommer, wer das morgens auf dem Weg zur Arbeit einlegt und nicht sofort ein Lächeln auf den Lippen hat, der hat kein Herz, keine große Freude am Leben. Wir erspähen die "Bluebirds Over the Mountain", naschen schnell ein bisschen "Wild Honey", beschließen "Let's Go Away for a While". Zwischendurch heißt's dann "Dance, Dance, Dance", wo schon 'mal all die "Surfer Girl"s da sind. Es ist eine Pracht. Der Beach Boys-Fan erkennt ein schier unendliches Sammelsurium an Zitaten aus dem Werk der Brüder bzw. hier der Väter dieser Jungspunde. War das ein Musikhochschulen-Seminar zur Analyse der größten Beach Boys-Momente? Egal, die jugendlichen Stimmen tragen hervorragende Kompositionen. Was für eine tolle Beach Boys-Cover-Band - ach doch nicht, sind ja alles Originale. Chapeau!


The Orchestrion Project
The Orchestrion Project
Preis: EUR 14,07

11 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Pats Technikbaukasten, 17. Februar 2013
Rezension bezieht sich auf: The Orchestrion Project (Audio CD)
Wer siegt im Wettstreit Mann gegen Maschine? Kindheitstraum oder Größenwahn? Die Diskussionen um Sinn und Reiz der Orchestrionics wurden ja bereits 2010 recht heftig geführt, als Pat Metheny das Album "Orchestrion" veröffentlichte. Seitdem hat er einerseits solo und mit der Unity Band bewiesen, dass er natürlich nicht angewiesen ist auf diese Mechanisierung, andererseits wollte er aber nicht mehr so ganz auf diese Gimmicks verzichten. So durfte auch das Trio mit Larry Grenadier und Bill Stewart live (kurz) gegen die monoton scheppernden Becken ankämpfen, und für den "Orchestrion Sketch" durften die Musiker der Unity Band einleitende Parts formulieren.
Nun der Nachschlag, der Soundtrack zur DVD/BluRay (die ich nicht kenne). Metheny nimmt im Studio die Suite nochmal auf, dazu sechs Klassiker seines Songbooks und zwei neue Improvisationen. Durch einen im Booklet von Robert Hurwirtz erzählten Zufall wird die fünfteilige Suite nun gesprengt, die Songs sind alphabetisch (!) angeordnet (Improv #1 war ursprünglich "Angeli", Improv #2 "Orchestrion Improv 2"). Dabei kam nun ein wirklich interessantes Sequencing heraus. Man torkelt z.B. durch den "80/81-Broadway Blues" und landet dann im flächig-majestätischen "Orchestrion", das den Abschluss der ersten CD bildet. Die zweite CD klingt recht ruhig und mit viel Akustik-Gitarre aus, bei "Unity Village" verzichtet Metheny erstmal für drei Minuten auf jede Musikmaschinenunterstützung. "Antonia" und "Stranger in Town" entfalten in diesen Fassungen Spieldosencharme.
Die Kritiker werden nun sagen: Torkeln? Wie kann eine so gleichgeschaltete Maschine torkeln? Spieldosencharme? Was hat das denn im Jazz verloren? Sequencing? Es geht doch um die Qualität der musikalischen Beiträge, nicht um die Reihenfolge ihrer Anordnung.
Aus zwei Gründen vergebe ich aber hier fünf Sterne. Erstens verdanken wir es der Eigenheit, der Singularität der Methenyschen Unternehmung Orchestrion, dass solche Fragen wieder einmal aufgeworfen werden. Hier prallen Technik/Mechanik und individueller menschlicher Ausdruck aufeinander und schaffen die für den Jazz so dringend benötigte Reibung, in Performanz, Theorie und Rezeption. Zweitens, und dies ist für mich ausschlaggebend: Diese Musik, diese Doppel-CD macht unglaubliche Freude. Ich folge den gitarristischen Exkursionen und Traumreisen Methenys gerne. Dieses gute Dutzend lädt dazu ein. Metheny sitzt dieses Mal alleine im Cockpit, seine Crew hatte anderes zu tun, blieb am Boden. Doch er beherrscht die Bordtechnik, bringt uns hoch über die Wolken, zeigt uns Weite und Schönheit und bringt uns schließlich sicher zurück. Bis demnächst...
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Feb 19, 2013 7:44 PM CET


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