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Rezensionen verfasst von
C. Winkel
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Arm sind die anderen
Arm sind die anderen
von Pete Smith
  Gebundene Ausgabe

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Empfehlenswert, 15. August 2011
Rezension bezieht sich auf: Arm sind die anderen (Gebundene Ausgabe)
Ein neuer Jugendroman von Pete Smith. Diesmal spielt die Geschichte nicht im Mittelalter, nicht bei den Römern oder in der Zukunft, die Protagonisten sind auch nicht "so voller Wut", sie sind u.a. ganz normale kids aus der Nachbarschaft - oder könnten es zumindest sein. Das macht für mich den Reiz aus beim Lesen, dass ich in eine Lebenswelt Einblick erhalte, wie es sie so oder so ähnlich irgendwo geben könnte, nebenan oder in Frankfurt am Main, wo die Geschichte spielt.

Der Vorhang öffnet sich und gibt unmaskiert, aber nicht vulgär, den Blick frei auf Szenen des täglichen und doch nicht alltäglichen familiären Elends, das sonst oft nur zu erahnen ist hinter den coolen oder ängstlichen und verunsicherten Gesichtern der kids, die neben uns in der Straßenbahn sitzen oder lärmend an der Haltestelle auf eine bessere Gegenwart warten.

Die Wohnung, in der der sechszehnjährige Sly mit seinen drei Geschwistern, seiner alleinerziehenden, depressiven Mutter und dem dementen Opa wohnt, liegt "am Ende einer Sackgasse, aus der nur ein Weg hinausführt". Wenngleich dieses beängstigende Bild dazu geschaffen sein mag, die Ausweglosigkeit dieser grau-bunt zusammengewürfelten Familie vorwegzunehmen, scheinen die Figuren einen Weg aus der Sackgasse zu finden.

"Ich kann einfach nicht mehr" steht auf dem Spiegel im Badezimmer, doch die Urheberin dieses mit Lippenstift geschriebenen Abschiedsspruchs kann nicht gefragt werden, was sie damit meint, weil sie fortgegangen ist. Sly ist es dennoch gleich klar, was da unausgesprochen deutlich geschrieben steht, im Badezimmer, kurz vor Weihnachten, denn er hat es schon oft gehört - aus dem Mund seiner Mutter.
So machen sich Sly und seine Geschwister mit dem Opa im Schlepptau in einem verschneiten Frankfurt am Main auf die Suche nach der vermissten Mutter, die offenbar in ihren dunklen Tagen in ein noch dunkleres Loch gefallen zu sein scheint.
Doch die Suchenden geben die Hoffnung nicht auf, denn erst ohne Hoffnung und ohne sich gegenseitig zu helfen wären sie wirklich arm. So verstehe ich den Titel.

Sly, der Ich-Erzähler, sieht sich gern als findigen und furchtlosen Odysseus, wenn er an der Seite seines zypriotischen Kumpels Agi, der eigentlich Agamemnon heißt - so wie der kriegerische, angsteinflößende König von Mykene - das Bahnhofsviertel in Frankfurt unsicher macht und daher wundert es auch nicht, dass die Suche nach der vermissten Mutter an einigen Stellen - sicher gewollt - an die Odyssee von Homer erinnert: mit einem Wahrsager und einer verführenden "Nymphe" und anderen Erlebnissen, die an die Odyssee erinnern. Das war zumindest für mich der Grund, mir nach der Lektüre von "Arm sind die anderen" wieder mal Homers Erzählung vorzunehmen.


So voller Wut
So voller Wut
von Pete Smith
  Gebundene Ausgabe

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Sehr lesenswert! Unbedingt lesen!, 4. Oktober 2009
Rezension bezieht sich auf: So voller Wut (Gebundene Ausgabe)
Nach einem Amoklauf kann man förmlich die Uhr danach stellen, wann die ersten Trittbrettfahrer mit Amoklauf-Drohungen in Aktion treten. Menschen voller Minderwertigkeitsgefühle und aufgestauter Wut werden plötzlich gewahr, wie einfach es sein kann, kurzzeitig von ihrer Umwelt wahrgenommen zu werden. Oder aber Menschen, die sich einen Jux machen wollen und sich durch die Berichterstattung über den Amoklauf oder andere Amokdrohungen inspiriert fühlen, Angst zu verbreiten. Auch naive Oberflächlichkeit, "Langeweile" und fehlende Reflektion darüber, was eine solche Tat nach sich zieht, können Motive sein. Trotzdem darf man mit gewisser Erleichterung feststellen, dass außer Verunsicherung, großer Besorgnis, empfindlicher Strafen, sowie sehr hoher Kosten, die auf den jeweiligen Trittbrettfahrer zukommen, eine solche unverantwortliche, dumme Tat in der Regel keine weiteren Folgen hat.

Im neuen Buch von Pete Smith "So voller Wut" führt eine solche Tat, ein "Scherz", wie sich im Nachhinein herausstellen wird, zwar nicht ursächlich, jedoch verstärkend zu weit furchtbareren Folgen. "Wenn schon die Ankündigung eines Amoklaufs ein derartiges Aufsehen erregt..." lässt Pete Smith im fiktiven Online-Tagebuch den späteren Amokläufer, der sich nach einem japanischen Samurai Ronin nennt, sagen, "..., wie groß wäre dann wohl der Ruhm jenes Kriegers, dessen Tat keiner öffentlichen Ankündigung bedarf...?"

Anhand der Chronologie eines nicht nur angekündigten Schul-Amoklaufs, lassen sich hier viele publizierte prototypische Faktoren identifizieren, die schließlich zur Umsetzung des schrecklichen Amoklaufs führen. Und in der Tat scheinen Menschen, die zu Amokläufern werden, oft ähnliche Vorlieben und Persönlichkeitsmerkmale miteinander zu vereinen.
Der verantwortungsvolle Klassenlehrer Kellerhoff an einer Frankfurter Schule ändert, nachdem sich die Drohung eines Amoklaufs als Scherz herausgestellt hatte, kurzfristig das ursprüngliche Unterrichtsthema und gibt seiner Klasse als Hausaufgabe auf, sich über die Motive eines Amoktäters Gedanken zu machen. Die Schüler zählen Merkmale wie Einzelgängertum, bürgerliche Herkunft, Intelligenz oder beispielsweise eine Vorliebe für Horrorvideos auf. Kellerhoff ermahnt später seine Schüler, wachsam zu sein und nicht weg zu schauen und endet mit dem Satz: "Oft kann den Betroffenen geholfen werden, bevor sie sich und andere ins Unglück stürzen."

Hier wird die Intention von Pete Smith deutlich. Er will keine reißerische Geschichte erzählen, sondern sensibilisieren für mehr Aufmerksamkeit zum einen und zum anderen - indem er uns durch das Online-Tagebuch des späteren Täters an dessen Gedankenwelt Anteil nehmen lässt - für die möglichen psychosozialen Ursachen einer solchen Amoktat. Es bleibt nur ein Versuch der Annäherung, eine Skizze, doch mehr kann und sollte es im Rahmen eines Jugendbuchs auch gar nicht sein.

Pete Smith lässt die Tat nicht aus. Ganz im Gegenteil. Er beschreibt sie so, wie wir sie aus den Nachrichten erahnen: brutal, blutig, voller ohnmächtiger Augenblicke und furchtbar traurig. Vielleicht wird ihm der eine oder andere diese Konsequenz vorwerfen, doch ist Pete Smith dafür nicht verantwortlich zu machen. Die Worte freilich sind seine eigenen: stark, sehr bildhaft, allerdings auch in keiner Weise überzogen. Die Konsequenz rüttelt auf und ermahnt uns Erwachsene, uns Jugendliche, genau hinzuschauen und rechtzeitig einzuschreiten, bevor wir wieder ohnmächtig nach dem "Warum" fragen müssen.

"So voller Wut" ist auch eine zarte jugendliche Liebesgeschichte zwischen Jasmin und Jamal, die schicksalhaft verwoben ist in die Tat des Amokläufers. Als Jasmin für ein Wochenende für ihren "Scherz" vom Richter als abschreckendes Beispiel ins Gefängnis nach Gelnhausen geschickt wird, leidet Jamal sehr heftig mit ihr. Die enge Verbundenheit zwischen den beiden bleibt dem späteren Amokläufer - der sich auch Jasmin verbunden fühlt - nicht verborgen, und räumt ihnen einen Platz in seiner verzweifelten und verwirrten Gedankenwelt ein.


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