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Medienjournal-blog.de "Der Filme- und Bücher-Blog" (Mülheim an der Ruhr)

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Der letzte Mad Man: Bekenntnisse eines Werbers
Der letzte Mad Man: Bekenntnisse eines Werbers
von Jerry della Femina
  Taschenbuch

3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen amüsant-skurrile Schilderungen einer schillernden Dekade - ein Muss für jeden Mad Men Fan!, 4. Juli 2011
Zum Inhalt:
In "Der letzte Mad Man" schildert Jerry della Femina sein Leben in der und seine Eindrücke aus der Werbebranche, die - was Dekadenz und Freiheit angeht - zweifellos im New York der 60er Jahre ihr absolutes Hoch erreicht hatte. Ständig schossen, neben etablierten Agenturen wie beispielsweise Doyle, Dane & Bernbach neue, aufstrebende, kreative Agenturen aus dem Boden, die oftmals nur ein kurzes Dasein fristeten. Denn nichts ist umtriebiger als Werbung und die Menschen, die für sie arbeiten. Von Feminas Spießrutenlauf von Daniel & Charles über Fuller & Smith & Ross, weiter zu einer Stippvisite bei Ashe & Angelmore bis hin zu seiner Tätigkeit bei Delehanty, Kurnit & Geller (DDB), einer der renommiertesten Agenturen der damaligen Zeit, berichtet dieses Buch und lässt Femina all die kleinen Anekdoten, die skurrilen Geschichten, die Grabenkämpfe um die Etatvergabe wichtiger Großkunden und die kleinen Kriegsspielereien unter den Kreativen, den Textern und den Kontaktern Revue passieren, bis hin zur Gründung seiner eigenen Agentur Della Femina Rothschild Jeary & Partners, die bis zum heutigen Tage fortbesteht.

Rezension:
Es fällt nicht schwer zu glauben, dass dieses Buch die bekannte und mehrfach preisgekrönte Serie Mad Men inspiriert hat, wie bereits das Cover von "Der letzte Mad Man: Bekenntnisse eines Werbers" verlauten lässt, da einerseits der Autor Jerry della Femina als Berater der Serienproduzenten fungiert und er sich andererseits angesichts seiner Schilderungen wahrhaftig als einen der letzten "Mad Men" bezeichnen kann.

Auch wenn er sich nicht so sehr in der Schilderung sexueller Eskapaden und dekadenter Ausschweifungen ergeht wie sich das manche wünschen würden, so zeichnet er doch ein durchweg unterhaltsames und nicht zuletzt glaubwürdiges Bild der jungen Wilden und verrückten Kreativen während der damaligen Blüte der Werbeagenturen. "Der letzte Mad Man" ist hierbei weder Roman noch Autobiografie, denn die einzelnen Anekdoten, Episoden und Stationen auf Feminas Reise durch das damalige New York sind nur lose miteinander verknüpft und weisen nicht unbedingt einen roten Faden auf, von stringenter Erzählweise ganz zu schweigen.

Dieses Unstete indes steht den versammelten Schilderungen in diesem Fall ganz ungemein, da so beinahe der Eindruck entsteht, man würde mit Jerry Femina persönlich in einer verrauchten Bar sitzen bei ein paar Martinis oder einem guten Old Fashioned, während einem dieser Insider der Werbebranche seine Geschichten und Geheimnisse preisgibt. Die Stories sind bis auf wenige Ausnahmen dabei überraschend unverbraucht und modern, obwohl die Erstauflage dieses Buches bereits 1971 unter dem provokanten Titel "From Those Wonderful Folks Who Gave You Pearl Harbor: Front-Line Dispatches from the Advertising War" veröffentlicht worden ist und sich auch damals schon gut verkaufte. Anlässlich des enormen Erfolges von "Mad Men" lässt sich leicht erklären, wieso hier a) eine Neuauflage in Betracht gezogen worden ist und b) der Titel zugunsten einer besseren Erkennbarkeit für die Serienanhänger abgewandelt worden ist.

Obwohl sich "Der letzte Mad Man" keiner Schublade zuordnen lässt, weder Fisch noch Fleisch zu sein scheint, nicht chronologisch ist, nicht tiefenpsychologisch das Terrain der Werbung unter die Lupe nimmt, sich kaum merklich mit soziokulturellen Umwälzungen im Laufe der Jahre beschäftigt, auch nicht mit der übertriebenen Dekadenz der Serie dienen kann, keinen Romanhelden, keinen Anfang und kein wirkliches Ende besitzt, kann ich dieses Buch trotzdem jedem ans Herz legen, der entweder dem Charme der Serie "Mad Men" erlegen ist oder sich für die damalige Zeit zu interessieren scheint, denn es ist so, wie Jerry della Femina selbst schreibt, "dass die Werbung großen Spaß macht, und zwar die Sorte Spaß, für die man sich sonst ausziehen muss. " Und eben das merkt man dem Buch an!


Stadt der Verlierer: Roman
Stadt der Verlierer: Roman
von Daniel Depp
  Taschenbuch

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen vor Wortwitz sprühender Beginn einer vielversprechenden Reihe, 29. Juni 2011
Rezension bezieht sich auf: Stadt der Verlierer: Roman (Taschenbuch)
Zum Inhalt:
David Spandau ist ein früherer Stuntman, der sich seit eines Unfalls als Privatdetektiv verdingt. Als moderner, nicht auf den Mund gefallener Cowboy passt er nicht so recht ins Bild der Traumfabrik Hollywood, doch seine Erfolge bei Coren Investigations sprechen für sich.

Als er den Auftrag erhält, den aufstrebenden Star Bobby Dye zu beschützen und herauszufinden, wer ihm ominöse Morddrohungen schickt ist er anfangs skeptisch und Bobbys Untergebene hat er auch nicht unbedingt auf seiner Seite. Doch schnell kommt Spandau dahinter, dass eindeutig mehr hinter der Sache steckt und Bobby Dye in Wirklichkeit von Drogendealer und Clubbesitzer Richie Stella erpresst wird, der ein starkes Druckmittel hält und Bobby zwingen will, in einem seiner Filme die Hauptrolle zu spielen.

Spandau bittet seinen alten Freund Terry McGuinn um Hilfe, einen trinkenden, raubeinigen, kampferprobten Herr der Ringe-Fan, dessen Charme die Frauenwelt nichtsdestotrotz nicht widerstehen kann, doch es steht zu befürchten, dass seine forsche Art mehr Probleme verursacht als sie löst.

Rezension:
Daniel Depps Erstlingswerk ist eine überzeugende, hochintelligent und wahnsinnig geistreich geschriebene Detektivgeschichte in der Glitzerscheinwelt von Los Angeles. David Spandau ist hierbei ein zutiefst sympathischer Protagonist mit zahlreichen Eigenarten und Schwächen, dem Daniel Depp einen bestechenden Wortwitz und eine gehörige Portion Sarkasmus spendiert hat, was wiederholt zu großartigen Lachern führt und damit die ansonsten eher ernst angelegte Geschichte gehaltvoll auflockert.

Depp macht aber nicht den Fehler, bei seinem Augenmerk auf Spandau die anderen Figuren links liegen zu lassen, sondern spendiert quasi jedem von ihnen eine mehr oder minder ausführliche Vorgeschichte, so dass weder die Guten noch die Bösen farblose Stereotypen bleiben. Gekonnt wechselt er auch zwischen den verschiedenen Handlungssträngen und den agierenden Figuren und schafft es, diese glaubhaft miteinander zu verknüpfen, bis sich am Ende alles zu einem großen Ganzen fügt.

Das Bild, dass Daniel Depp hingegen von Hollywood zeichnet ist keineswegs neu und wie schon oft gesehen eine Parabel auf die Verderbtheit der Menschen, ihre Skrupellosigkeit und ihr schwindendes Moralempfinden. Das bringt er aber so gekonnt auf den Punkt, dass die Schilderung zu keinem Zeitpunkt unglaubwürdig wird. Dies zieht sich glücklicherweise durch den gesamten Roman, so dass bei allem Übermaß, bei all der Tristesse und Hoffnungslosigkeit der Leser nie in die Verlegenheit gerät zu denken, dass es jetzt ein wenig zu viel des Guten sei.

Einzig zu bemängeln wäre vielleicht, dass sich der Autor zuweilen in seinem Ensemble verliert und die eigentliche Hauptperson ein wenig ins Hintertreffen gerät. Dabei hat - wie oben schon angerissen - David Spandau alle Qualitäten, um eine Romanreihe zu schultern. Dementsprechend erscheint auch schon im Herbst dieses Jahres sein zweiter Fall mit dem verheißungsvollen Titel Nächte in Babylon: Roman.

Ich für meinen Teil kann nur sagen, dass ich mich schon jetzt auf ein Wiedersehen mit diesem eloquenten und zynischen Freizeitcowboy freue!

Daniel Depps erster Roman überzeugt auf ganzer Linie und bietet allerfeinste Unterhaltung, verpackt in einem spannenden und mitreißenden Plot. Gerne mehr davon!


Einsamkeit und Sex und Mitleid
Einsamkeit und Sex und Mitleid
von Helmut Krausser
  Broschiert
Preis: EUR 9,99

4.0 von 5 Sternen teils klischeebehafteter, aber großartig dargebrachter Episodenroman, 29. Juni 2011
Rezension bezieht sich auf: Einsamkeit und Sex und Mitleid (Broschiert)
Zum Inhalt:
Einsamkeit und Sex und Mitleid handelt von Dr. Robert Stern, dem auf einer Zugfahrt nach Berlin seine Schuhe von einem Punk namens Holger geklaut werden. Dies tangiert ihn jedoch nur peripher, denn seine Sekretärin und Geliebte Carla versorgt ihn schnell mit neuen Tretern, während Holger in Berlin Sybille kennenlernt. Dr. Sterns Frau Sarah weiß um dessen Affäre und hat sich damit abgefunden, während ihre Freundin Julia König sich vor einem guten Jahr von ihrem Mann Uwe getrennt hat und ihr dazu rät, sich einen Jungen vom Escort-Service kommen zu lassen für die "gewissen Stunden". Dieser Junge ist Vincent, der voriges Jahr Weihnachten mit seiner Freundin zusammen gekommen ist. Julias Exmann Uwe wiederum ist Leiter eines Edeka-Marktes und lernt dort den ehemaligen Lateinlehrer Ekkehard Nölte kennen, der es nicht verwinden kann nicht mehr zu unterrichten und deshalb Zuflucht sucht im Nachtmahr, einer Berliner Kneipe, wo er die Kellnerin Minnie kennenlernt. In dieser Kneipe gerät auch der Punk Holger mit Mahmud aneinander, einem Araber, der dort mit Johnny nur ein Bier trinken möchte, obwohl beide um die Gunst der fünfzehnjährigen Swentja buhlen, deren Eltern Maschjonka und Robert Pfennig für die Teilnahme an einem Tanzwettbewerb die Hilfe der professionellen Tänzerin Janine suchen, welche den Edeka-Filialleiter Uwe über eine Online-Dating-Börse kennengelernt hat

Rezension:
So verworren sich die Inhaltsbeschreibung auch anhören mag, so gekonnt schafft es Helmut Krausser, niemals den Überblick zu verlieren und diesen Durchblick auch an seine Leser weiterzugeben. Die Figuren werden so behutsam und auf ihre ihnen eigene Art eingeführt, dass nur selten Verwirrung aufzukommen droht. Zudem schafft es Krausser durch seine Erzählweise, dass keine der Verflechtungen und Begegnungen aufgesetzt, erzwungen oder gekünstelt wirkt.

Einsamkeit und Sex und Mitleid ist so vielfältig wie die vorkommenden Figuren und weiß deshalb zu jedem Zeitpunkt wunderbar zu unterhalten, zumal sich der Autor zwar einerseits nicht zu ernst nimmt und die Geschichte mit einem Augenzwinkern in neue Richtungen zu lenken weiß, dabei das Ganze aber auch nie ins Lächerliche abdriften lässt.

Das einzige was man Herrn Krausser vorwerfen könnte ist, dass er doch extrem die gängigen Klischees bedient, sei es der saufende und stehlende Punk, der kaum des Deutschen mächtige und überaus aggressive Türke, der fanatische Araber, der gutsituierte Mann mit Geld und einer jungen Geliebten und so weiter und so fort. Zwar nimmt er diese Klischees auch wunderbar selbstironisch aufs Korn, jedoch funktioniert dies eben nicht immer oder nur bedingt.

Nichtsdestotrotz ist Einsamkeit und Sex und Mitleid ein guter Roman, zwar ohne hehre Ansprüche an die werte Leserschaft, aber doch herrlich unterhaltsam. Hier ist tatsächlich der Titel Programm, der mich natürlich als allererstes auf das Buch hat aufmerksam werden lassen, auch wenn ich gestehen muss, dass mir erst einige Zeit später aufgefallen ist, dass es sich um eine phonetisch naheliegende Umdichtung der Titelzeile der deutschen Nationalhymne handelt.

Helmut Kraussers Roman ist kein großer Wurf und kämpft mit seinen vielen Klischees, aber seine Geschichten wissen zu unterhalten und zu begeistern und sorgen so für einige Kurzweil.


Bin das ich, die du liebst?: Roman
Bin das ich, die du liebst?: Roman
von Amanda Sthers
  Taschenbuch

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen an den eigenen Ambitionen gescheitert, 29. Juni 2011
Zum Inhalt:
Andréa Stern erzählt ihren Kindern, dass sie und ihr Mann sich getrennt haben, dass die Liebe vorbeigegangen ist. Doch wie lässt man Jahre Revue passieren, wie vermittelt man glaubhaft den Exzess der Liebe. In ihrer Unfähigkeit, adäquate Worte zu finden flüchtet sich Andréa in die Biographie der anderen großen Liebe ihres Lebens: Keith Richards.

Ihrer beider Leben verschmelzen bis nicht mehr zu erkennen ist, wo Andréa aufhört und Keith beginnt.

Rezension:
Was sich anfangs zunächst spannend anhört - auch wenn ich durch den Klappentext in keiner Weise auf die Machart, die eigentliche Geschichte hingewiesen worden bin - scheitert meiner Meinung nach leider an den hoch gesteckten Ambitionen. Denn von Andréa erfahren wir im Laufe des Buches so leidlich wenig, dass ihre Figur vollständig verblasst gegenüber der polarisierenden Gestalt, die sie sich als Alter Ego geschaffen hat. Zudem funktioniert der Geschlechterwechsel nur bedingt, da es zu vielen sonderlich anmutenden Situationen kommt sobald "Keith" mit Frauen anzubändeln beginnt.

Denn Andréa versucht nicht einfach eine Geschichte zu erzählen, nein, in ihrer Gedankenwelt ist sie Keith! Schlittern wir zwischen den Schilderungen in die Realität zurück, geschieht dies so unvermittelt und ohne erkennbaren Paradigmenwechsel, dass sich die Wirkung dessen kaum entfalten kann, bevor die Rückführung in Keith` halbfiktive Lebensgeschichte erfolgt.

Es verhält sich leider so, dass die Verschmelzung beider Figuren so konsequent verfolgt wird, dass man bereits von Anfang an nicht mehr in der Lage ist zu bestimmen, wo die eine aufhört und die andere anfängt. Das führt dazu, dass auch keine Steigerung mehr erfolgen kann und das vermeintliche Finale ohne Wirkung verpufft. Außerdem bewirkt es, dass die Geschichte unglaublich richtungslos wirkt und vor sich hin plätschert, nur lose zusammengehalten von Eckdaten aus Keith` Richards Vergangenheit - und selbst hier erfolgen Zeitsprünge in beide Richtungen.

Dessen Geschichte wiederum funktioniert für sich genommen ausnehmend gut und bietet ein interessantes Leseerlebnis, insbesondere da - wie die Autorin selbst einräumt in ihrem Leben von Keith Richards alles wahr ist, aber nichts exakt. Unter diesem Aspekt empfindet man als Leser dann die wenigen Schnipsel von Andréa störend. Man kann es drehen und wenden, Amanda Sthers schafft es nicht, die beiden fragmentarischen Aspekte ihrer Geschichte zu einem sinnvollen Ganzen zu verbinden.

Bin das ich, die du liebst? steckt voller Ambitionen und scheitert an diesen kläglich. Der Stil ist gut, die Idee ebenso, an der Umsetzung hapert es allerdings umso deutlicher.


Der dritte Bruder
Der dritte Bruder
von Nick McDonell
  Taschenbuch

4.0 von 5 Sternen eine außergewöhnliche Geschichte über die Tragik des Lebens, 29. Juni 2011
Rezension bezieht sich auf: Der dritte Bruder (Taschenbuch)
Zum Inhalt:
Mike hat über einen alten Freund seines Vaters ein Volontariat bei einer Zeitung in Hongkong bekommen. Elliot Analect, Chef der Zeitung und Freund von Mikes Vater, schickt ihn nach Bangkok, um über die dortige Backpacker-Szene zu berichten. Ganz nebenbei soll er sich auf die Suche nach Christopher Dorr begeben, der dort seit geraumer Zeit verschollen ist.

Neugierig stürzt sich Mike in Bangkok in eine Welt, die beherrscht wird von Drogen, Prostitution und Gewalt und die das Gegenteil der ihm bekannten privilegierten Oberschicht darstellt.

Doch dann geschieht ein Unglück und Mike muss vorzeitig nach New York zu seinem Bruder Lyle zurückkehren.

Als dann auch noch die zwei Türme des World Trade Center einstürzen, gerät Mikes vormals so heile Welt vollends aus den Fugen.

Rezension:
Im Vergleich zu seinem Erstling Zwölf hat sich McDonells Erzählweise noch einmal merklich verbessert. Zwar finden sich auch in Der dritte Bruder unglaublich kurze Kapitel, die nur das Nötigste vermitteln, doch tun sie das hier mit einer solchen Prägnanz und Effektivität, dass das Ergebnis einem mitreißenden, schnell geschnittenen Film gleicht, der auf schmückendes Beiwerk fast gänzlich verzichtet.

Die Erzählung teilt sich hierbei in drei Teile, deren erster hauptsächlich in Bangkok spielt und den meisten Raum einnimmt. Er ebnet zudem den Boden für alles Folgende. Hierbei werden Mikes Erlebnisse immer wieder unterbrochen von Rückblenden in seine Kindheit oder seine jüngere Vergangenheit in New York. Dieses Stilmittel ist bereits durch Zwölf hinlänglich bekannt, funktioniert aber auch hier einwandfrei, um Hintergrundinformationen und einschneidende Begebenheiten sinnvoll zu vermitteln, ohne den Leser aus dem Fluss der Geschichte zu reißen.

McDonells Roman konzentriert sich vollkommen auf seinen Hauptprotagonisten Mike und schildert tagebuchartig seine Sicht der Dinge. Der Autor macht also nicht wie bei Zwölf den "Fehler", sich mit der Berücksichtigung zu vieler Figuren zu verzetteln. Das Motiv des dritten Bruders wird in unterschiedlicher Variation aufgegriffen und das teils in überraschender Weise, so dass ich gar keine Thesen bezüglich des Titels aufstellen möchte und kann, ohne Grundlegendes zu verraten.

Der dritte Bruder ist einmal mehr ein nicht unbedingt seitenstarkes Werk, doch gelingt es trotzdem, eine Geschichte epischer Breite zu erzählen, was durch die erwähnte fragmentarische Erzählweise begünstigt wird.

Nick McDonell hat bewiesen, dass er kein "One-Hit-Wonder" ist. Der dritte Bruder ist eine außergewöhnliche Geschichte über die Bedeutung von Familie und über die Tragödien des Lebens.


Nach dir die Sintflut
Nach dir die Sintflut
von Andrew Kaufman
  Taschenbuch

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen ein modernes Märchen fast biblischen Ausmaßes, 4. Juni 2011
Rezension bezieht sich auf: Nach dir die Sintflut (Taschenbuch)
Zum Inhalt:
Andrew Kaufmans neuestes Werk handelt von Rebecca Reynolds, deren Schwester Lisa verstorben ist und die das Problem hat, das jedes ihrer Gefühle auf alle umstehenden Personen projiziert wird, so dass diese dasselbe fühlen wie sie. Außerdem geht es um Lewis Taylor, Lisas Mann, der später Gott begegnen wird. Auch Rebeccas Exmann Stewart Findley, der sich in einem Hotel auf dem platten Land nahe Winnipeg niedergelassen hat, um ein Schiff zu bauen, ist Teil der Geschichte, ebenso wie die beiden Regenmacher Kenneth und Anderson Richardson, Vater und Sohn, die von den verzweifelten Bürgern von Morris, Manitoba aufgrund einer nicht enden wollenden Dürre gerufen werden.

Und natürlich und vor allem handelt Nach dir die Sintflut von Aby, eigentlich Aberystwyth, eine einer menschenähnlichen Art, den unter Wasser lebenden Hlith'afgoth' angehörige junge Frau, die sich in einem schrottreifen Honda Civic auf die Suche nach ihrer entwässerten Mutter Margaret macht, um sie zu überreden, ins Meer zurückzukehren.

Und all diese Gestalten treffen in der einen oder anderen Weise aufeinander.

Rezension:
Auch in diesem Buch, wie zuvor schon in Alle meine Freunde sind Superhelden gelingt es Kaufman, ein modernes Märchen zu erzählen, voll sonderbarer Begebenheiten, verworrener, magischer Geschichten und einzigartiger Ideen. Er schafft es dabei sowohl mit der Erwartungshaltung des Lesers zu spielen und gleichzeitig, einzigartige Bilder zu entwerfen, die eine noch lange im Gedächtnis bleiben werden. Er bedient sich hierzu auch gerne und oft einer symbolischen, einer metaphorischen Sprache und eines einzigartigen Erzählstils.

Dabei wächst einem jede einzelne Figur auf ihrer persönlichen Odyssee so sehr ans Herz und die Magie der Geschichte unterstreicht noch die gewünschte Emotionalität, statt diese zu untergraben, wie es sonst häufig der Fall ist. Zudem gelingt ihm auch der Spagat, gekonnt zwischen verschiedenen Genres zu wechseln und eine sowohl romantische, als auch dramatische, komische wie auch traurige, aber in allen Fällen überzeugende Arbeit abzuliefern.

Kaufman gelingt hier meiner Meinung nach ein kleines Meisterwerk mit fast biblischen Ausmaßen - darauf gibt auch schon der Originaltitel The Waterproof Bible einen Hinweis - , das zu jedem Zeitpunkt zu bezaubern und begeistern weiß und in seiner Form einzigartig ist.

Leider, leider lässt der Schluss des Buches den Leser mit einigen, teils gravierenden, offenen Fragen zurück und man merkt allzu deutlich, dass der Autor mit dem Gros an verschiedenen Erzählsträngen überfordert ist. Doch die Entwicklung, die Kaufman in Bezug auf narrative Strukturen von seinem Erstlingswerk Alle meine Freunde sind Superhelden zu dem vorliegenden Buch durchgemacht hat, lässt darauf schließen, dass ihm mit seinem nächsten Buch fast unter Garantie ein Meilenstein gelingen wird.

Nach dir die Sintflut hat alles was einen großartigen Roman ausmacht und wird dabei niemals langweilig oder vorhersagbar. Das Lesen ist eine wahre Freude und auch, wenn man irgendwann den Ausgang des Ganzen erahnt und das Ende leider viel zu hektisch und abrupt abgewickelt wird, bleibt man mit einem allzu glücklichen Gefühl zurück, weshalb ich das Buch nur uneingeschränkt empfehlen kann.


Killing Game: Thriller
Killing Game: Thriller
von Charlie Huston
  Taschenbuch

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen düstere, harte, schwarzhumorige Thriller-Kost, 4. Juni 2011
Rezension bezieht sich auf: Killing Game: Thriller (Taschenbuch)
Zum Inhalt:
Der Roman spielt im Jahre 1983 in einer nordkalifornischen Kleinstadt. Zu Beginn lernen wir die vier Jungs Andy, George, Paul und Hector kennen, die als eingeschworene Clique tagtäglich um die Häuser ziehen, ihre Streiche spielen und gelegentlich auch in die Häuser der reichen Kleinstadtbewohner einbrechen, um sich ihr Taschengeld aufzubessern.

Interessant wird das Ganze, als die vier mit den Mitgliedern der Arroyo-Gang in Berührung kommen und durch eine Verkettung von Umständen die Drogenküche der Gang entdecken und an deren Meth*-Vorräte gelangen. Denn was sie nicht wissen ist, dass die Arroyo-Brüder nicht die eigentlichen Oberhäupter des Drogenkartells sind, sondern dass sich noch andere Gestalten im Hintergrund tummeln und es auf die Jungs abgesehen haben. Auch die dunkle Vergangenheit ihrer Eltern und Anverwandten spielt hierbei eine nicht unwesentliche Rolle und im Laufe der Geschichte wird so manches Geheimnis gelüftet, welches besser nicht ans Tageslicht hätte gezerrt werden dürfen.

Rezension:
Der Roman gewinnt leider nur langsam an Fahrt und die ersten siebzig Seiten fragt man sich noch, wohin und in welche Richtung diese Geschichte steuern soll, auch und besonders, da die vermeintliche Bedrohung durch die Arroyo-Brüder schnell von der Bildfläche verschwindet. Doch erst langsam offenbart sich dann die Genialität des Romans, der - in verschiedenen Zeitebenen stattfindend - immer wieder unvermittelt vor- und zurückspringt und wir dadurch relativ früh vom Schicksal der Jungen erfahren und Seiten später lesen werden, wie sie in den Schlamassel hineingeraten sind. Wie oben bereits erwähnt, gibt es neben der Bande um Andy und George noch eine weitere Gruppe, die hier durch eine so unglaubliche wie auch unglaubwürdige Verkettung von Zufällen und falschen Vermutungen wieder zusammengeführt wird und die sich dereinst unter dem Kürzel BW/JL/G auf einem Bartresen verewigt hat.

Hier zeigt sich auch die wahre Stärke des Romans, denn so simpel sich der Plot um vier Jugendliche, die in Schwierigkeiten geraten, auch anhören mag, so schnell wird auch klar, dass dort noch einiges mehr unter der Oberfläche brodelt.

Außerdem nimmt sich Huston Zeit für die Entwicklung seiner Charaktere und beschreibt auch die Hintergründe der einzelnen Familien und ihres Umfelds und schafft damit ein umfassendes Bild mehrerer zerrütteter Kleinstadtfamilien in den achtziger Jahren.

In meinen Augen versteht es Huston unvergleichlich, düstere, harte, schwarzhumorige und auf den Punkt gebrachte Romane zu schreiben. Killing Game ist hier die Regel, nicht die Ausnahme, auch wenn das Werk nicht an meinen Favoriten Clean Team heranreicht. Ich bescheinige dem Roman hier - gerade aufgrund der Erzählstruktur - ein definitives: Hat sich gelohnt!


Zwölf: Roman
Zwölf: Roman
von Nick McDonell
  Taschenbuch
Preis: EUR 7,99

4.0 von 5 Sternen wort- und bildgewaltige Großstadttristesse, 4. Juni 2011
Rezension bezieht sich auf: Zwölf: Roman (Taschenbuch)
Zum Inhalt:
Zwölf berichtet von White Mike, einem Drogendealer in Manhattan, der reiche verwöhnte Kids mit Marihuana, Koks und anderen Stoffen versorgt. Doch seine Aktien sinken, als eine neue Droge auf den Markt kommt, einfach Zwölf" genannt. Dabei ist White Mike zwar definitiv Hauptprotagonist der Geschichte und seine Erlebnisse bilden so etwas wie ein Grundgerüst, doch wir erfahren von einer Vielzahl von Einzelschicksalen, wobei es sich hierbei naturgemäß überwiegend um verwöhnte Kids reicher Eltern handelt, die nicht wissen wohin mit ihrer Zeit und ihrem Geld und der unendlichen Leere in ihnen. Der Roman erstreckt sich hierbei in seiner übersichtlichen Seitenzahl auf genau fünf Tage, vom 27. Dezember bis hin zu einem fulminanten Silvsterfinale inklusive, ja, Feuerwerk.

Rezension:
Bei Zwölf handelt es sich um eine wort- und bildgewaltige Großstadttristesse der New Yorker Upper Class Jugend. Bestechend sind hierbei die großartigen Flashbacks der verschiedenen Figuren. Als Ensemblestück angelegt verkommen leider einige der Charaktere zu bloßen Statisten, da ihre Geschichten nicht konsequent verfolgt werden und der Leser mit vielen offenen Fragen zurückgelassen wird. Auch die ominöse Droge Zwölf tritt nie wirklich in den Mittelpunkt und dient nur spartanisch als Aufhänger für die Geschichte. Ich würde sogar so weit gehen zu behaupten, dass das Buch auch ohne gut funktioniert hätte.

Ein unglaublich dichtes Buch, welches durchaus zu gefallen weiß und mit einigen markigen Sprüchen und Gedanken zum Leben aufwarten kann, aber der große Wurf ist es (vielleicht aufgrund der geringen Seitenzahl?) nicht geworden.


So, jetzt sind wir alle mal glücklich: Roman
So, jetzt sind wir alle mal glücklich: Roman
von Susanne Heinrich
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,95

3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen ein fesselndes Stück Literatur, 12. April 2011
Zum Inhalt:
Susanne Heinrichs Roman erzählt von drei mehr oder weniger befreundeten Paaren, die eigentlich nur den Polterabend entspannt ausklingen lassen wollen. Denn Franziska und Georg, eins der Paare, hat vor, am nächsten Tag zu heiraten.

Doch was als gemütlicher Umtrunk beginnt, wächst sich zu einem nächtlichen Abenteuer aus, in dem so manches Geheimnis aufgedeckt, mancher Konflikt ausgetragen und vieles in Frage gestellt wird.

Rezension:
"So, jetzt sind wir alle mal glücklich" ist entgegen des Titels keine heitere Geschichte und das Glück suchen die meisten Protagonisten vergeblich. Der Roman ist aus den wechselnden Perspektiven der beteiligten Personen geschrieben und so erfahren wir als Leser, mit welchen inneren Dämonen und Problemen jeder einzelne zu kämpfen hat. Sehr schön fand ich die klare Abgrenzung der einzelnen Charaktere in ihrem Denken und Handeln, dies wurde sehr glaubhaft differenziert.

Neben dieser klaren Einteilung fand ich jedoch manchmal die Gedankenwelten der Männer etwas unglaubwürdig, was daran liegen mag, dass Susanne Heinrich eine Frau ist und ich ein Mann. Ich denke, vielen Frauen wird es bei von Männern geschriebenen Romanen ähnlich gehen, weshalb ich es hier auch nicht negativ werten werde.

Leider beginnt die Geschichte relativ beliebig und die Figuren brauchen ihre Zeit, bis man sie unterscheiden kann und sich Konflikte offenbaren. Die ersten hundert Seiten etwa dümpelt der Roman also mehr oder weniger vor sich hin, ohne dass es ihm gelingen würde, großartig zu fesseln.

Dies ändert sich, sobald die Story an Fahrt aufnimmt und man mit den Beteiligten vertraut ist. Insbesondere im letzten Drittel bietet dieser Roman einige beeindruckende Passagen mit Gedanken zu Beziehungen im Allgemeinen und den Rollen der Frauen und der Männer im Besonderen, so dass es eine wahre Freude ist, das Buch zu verschlingen.

Das Ende ist recht abrupt und nicht so konsequent oder überragend, wie ich es mir nach dem Vorangegangenen gewünscht hätte.

Alles in allem halte ich aber "So, jetzt sind wir alle mal glücklich" für ein lesenswertes Stück Literatur - wenn man denn bereit ist, sich durch die etwas drögen ersten Seiten zu quälen.

Der Roman steigert sich in seinem Verlauf stetig, sowohl was Charakterzeichnung als auch die Geschehnisse und die emotionalen Verwicklungen betrifft. Während der Anfang mir tatsächlich nur magere 3 Sterne wert gewesen wäre, so hätte ich gegen Ende gern die vollen 5 Sterne vergeben. Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen und so kommt es zu berechtigten 4 Sternen.


Wonderland, Band 1: Rückkehr ins Wunderland
Wonderland, Band 1: Rückkehr ins Wunderland
von Raven Gregory
  Broschiert
Preis: EUR 19,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen ein bildgewaltiger Alptraum, 12. April 2011
Zum Inhalt:
Alice Liddle, die es dereinst als Mädchen ins Wunderland verschlagen hat, ist erwachsen geworden, hat einen Mann und zwei Kinder. Ihr Leben könnte schön sein, doch verfolgen sie immer noch die alptraumhaften Ereignisse aus ihrer Kindheit und treiben sie in einen versuchten Selbstmord. Ihre Tochter Calie ist die Hauptleidtragende, als der Wahnsinn des Wunderlandes beginnt, in die reale Welt zu schwappen.

Und dann wäre da noch Alice` toter Hase, der in Calies Kopf zu ihr spricht und sie in den Kaninchenbau lockt.

Rezension:
Noch nie war das Wunderland so böse, finster, sexy und blutig wie in Wonderland. Nicht vieles wird einem bekannt vorkommen in dieser verdrehten Version, der Zimmermann ist ein mordlüsterner Berserker, der Hutmacher ein wahnsinniger, giftmischender Perverser, die Grinsekatze" ein zähnefletschendes, riesiges Monstrum und die Königin im wahrsten Sinne des Wortes eine zwiegespaltene Persönlichkeit.

Es gehört einiges dazu, die Geschichte Carrolls so einfallsreich neu zu interpretieren, auch wenn die Geschichten um Calie streckenweise unnötig blutrünstig und/oder freizügig daherkommen und die Geschichte in die Sparte Trash drängen. Nichtsdestotrotz ist es den Autoren gelungen, eine geistreiche, moderne Fassung des Klassikers darzubieten, die sich gleichzeitig als klassische Horrorgeschichte versteht.

Die Qualität der Zeichnungen bleibt hierbei auf konstant gutem Niveau, auch wenn diese sicher nicht zum Herausragendsten zählen und keinen besonderen, künstlerischen Anspruch bedienen werden. Aber sie vermitteln Dynamik und bieten zuweilen interessante Bildkompositionen und rücken das Wunderland ins rechte Licht.

Aufgelockert und weitergeführt wird die Geschichte durch eingestreute Tagebuch- oder Blogeinträge und zudem werden so manches Mal bekannte Werke der Popkultur zitiert (bspw. Matrix) oder eben erklärende Textpassagen aus Carrolls zugrundeliegendem Original.

Alles in allem wusste mir der erste Band der Wonderland-Reihe zu gefallen und ich freue mich jetzt schon auf die Fortsetzung(en).

Wonderland erfindet die Geschichte nicht neu und das bösartige, bluttriefende Wunderland ist sicher nicht jedermanns Sache, aber wenn man einem wenig Trash nicht abgeneigt ist, bietet der Band wunderbare Unterhaltung für einige schöne Stunden in Alice` Alptraumreich.


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