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Buchrezensent aus-erlesen "Buchrezensent aus-erlesen" (Leipzig)
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"Denk ich an den Bodensee ...": Eine literarische Anthologie
"Denk ich an den Bodensee ...": Eine literarische Anthologie
von Manfred Bosch
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 20,00

5.0 von 5 Sternen Literarische Liebeserklärung, 24. April 2015
Einem Besucher des Bodensees muss man nicht mehr für diese einzigartige Landschaft begeistern. Er wird ein Leben lang ein Freund der Region bleiben und wiederkommen. Leider ist es nur Wenigen vergönnt ihre Schwärmerei in passende Worte zu kleiden. „Großartig“, „faszinierend“ werden oft, zu oft verwendet, um seinen Emotionen Ausdruck zu verleihen. Da ist es an der Zeit den Dichtern und Wortakrobaten auch vergangener Epochen zu lauschen, ihren Ausführungen zu folgen. Dieses Buch ist der willkommene Anlass die kommende freie Zeit am größten See im deutschsprachigen Raum zu verbringen.
Das Inhaltsverzeichnis liest sich wie das Who is Who der Weltliteratur: Ernest Hemingway, Rainer Maria Rilke, Klaus Mann, um nur drei Namen zu nennen. So manch einem ist die Reisestrapaze ein kulinarischer Graus, was man heutzutage kaum noch nachvollziehen kann. Martin Walser macht sich Gedanken zu Eigentum und Gemeinwohl. Der Lyriker Bruno Goetz setzt dem Binnenmeer ein Denkmal in Reimform.
Wie einst die Romantiker ist dieses Buch ideal zum visuellen Flanieren an den Ufern des Bodensees. Sich auf eine Bank setzen, oder eine Mauer, den See zu Füßen. Die Sonne in der Nase kitzelnd steckt man selbige ins Buch und schwelgt in den wohlformulierten Aufzeichnungen von Theodor Heuss und Arthur Schopenhauer. Eine schönere Liebeserklärung gab es nie.
Mit jeder Zeile steigt die Sehnsucht nach einem paradiesischen Ort, den es wirklich zu geben scheint. Irgendwo im Süden, dort wo die Alpen sich gen Himmel recken, das Klima den Menschen umschmeichelt. Schon immer haben sich Potentaten und gekrönte Häupter es sich hier gutgehen lassen. Dichter und Literaten fanden hier Inspiration und ein zweites Zuhause. Touristen erholen sich ab Ankunft.
Herausgeber Manfred Bosch muss es ein Fest gewesen sein diese Texte zusammenzutragen. Mit jedem Abschnitt nimmt Elysium Form an. Die kurzen Texte erlauben es immer wieder den Kopf zu heben und den Blick schweifen zu lassen. Auch wenn man nicht am Ufer sitzt.


Schmetterlinge entdecken, beobachten, bestimmen: Die 150 häufigsten tagaktiven Arten Mitteleuropas
Schmetterlinge entdecken, beobachten, bestimmen: Die 150 häufigsten tagaktiven Arten Mitteleuropas
von Edelgard Seggewiße
  Broschiert
Preis: EUR 29,90

5.0 von 5 Sternen Exzellent gestaltetes und lehrreiches Naturbuch, 24. April 2015
Schon immer haben Tiere die menschliche Phantasie angeregt. Stark wie ein Löwe sein, listige wie ein Fuchs oder grazil wie ein Schmetterling. Scheinbar chaotisch fliegen sie ihrer Wege. Manche sind farbenfroh, manche zeigen ihr Antlitz nur bei ganz genauem Hinsehen. Sie haben prachtvolle Namen wie Schwarzer Apollo (der gar nicht so viel Schwarz auf seinen Flügeln trägt), Aurora-Falter oder Pfaffenhütchen-Harlekin. Doch wer kann die federleichten Farbtupfer, die en Sommer verheißen schon auseinanderhalten?
Zwei von Ihnen, Edelgard Seggewiße und Hans-Peter Wymann haben ihr Wissen zusammengetragen und in diesem handlichen, praktischen und mehr als kenntnisreichen Buch veröffentlicht. Einhundertsechzig Arten, die im mitteleuropäischen Raum tagsüber anzutreffen sind, werden beschrieben. Soweit die blanken Zahlen.
Ihr Buch ist nach Familien geordnet. Von den Wurzelbohrern und Langhornmotten über die Familie der Widderchen und Ritterfalter bis zu den Bläulingen und Edelfaltern. Die einzelnen Familienkapitel sind unterschiedlich farbig gestaltet, was das Suchen und Blättern immens erleichtert. Jedem Familienmitglied wird eine Doppelseite gewidmet: Mit Zeichnungen des Schmetterlingsweibchens und -männchens inklusive der Flügelunterseite. Der Hinweis „Art unverwechselbar“ ist für Einsteiger unverzichtbar. Denn manchmal ähneln sich zwei Arten so sehr, dass es nur Fachleuten gelingt den exakten Namen zu bestimmen. Eine kleine Grafik zeigt an, wann das abgebildete „Flugobjekt“ zu erhaschen ist. Ein kurzer Text gibt Auskunft zu Vorkommen, der Nahrung und in welchem Revier der Schmetterling sich am wohlsten fühlt.
Für alle, die sich nicht nur für Schmetterlinge als Tattoo-Vorlage interessieren oder es als Fabelwesen der Hippie-Zeit ansehen, sondern für alle, die den schwer zu fassenden Flugkünstlern näher auf die Pelle rücken wollen, ist dieses Buch ein heiliges Buch. Für Moderne Jünger gibt es den Buchinhalt auch als App für Android und iOS.


Die Midaq-Gasse: Jubiläumsausgabe
Die Midaq-Gasse: Jubiläumsausgabe
von Nagib Machfus
  Broschiert
Preis: EUR 8,95

5.0 von 5 Sternen Mikrokosmos Gasse, 23. April 2015
Große Boulevards zeugen von der Großartigkeit einer Stadt und der Kühnheit ihrer Planer und Erbauer. Doch es sind die kleinen Straßen, die Gassen, die uns in Erinnerung bleiben. Für Nagib Machfus sind sie Sinnbilder unserer Welt. In ihnen spielt sich das Leben ab wie es sein soll. Traditionen und Moderne werden hier auf engstem Raum zusammengeführt. Die sich liebenden Dächer lassen nur tagsüber genug Licht hinein. Gegen Abend taucht das Abendrot die Gassen in verträumte Farbspiele. Die Midaq-Gasse in Kairo ist so eine Gasse und der literarisch wahrgewordene Schmelztiegel der Welt.
Gleich rechts hat Onkel Kamil seinen Laden. Er verkauft Bonbons. Links, ihm gegenüber hat Abbas al-Hilu seinen Friseursalon. Salim Alwan gehört eine Handelsfirma. Außerdem gibt es hier noch das Café Kirscha, ein Ort, an dem der Orient zu sehen, zu fühlen, zu riechen und zu schmecken ist. Sanija Afifi gehör das zweite Haus in der Midaq-Gasse. Dort wohnt Umm Hamida. Eine Frau wie es sie tausendfach auf der Welt zu geben scheint. Sie kennt jeden und seine Geheimnisse. Wer etwas wissen will, kommt zu ihr. Als Brautwerberin und Badewärterin ist sie eine Institution. Klatsch und Tratsch sind ihre Leidenschaften. Die raue Stimme und die gelebte Erscheinung verleihen ihren Worten Nachdruck. Sie weiß von Dr. Buschi, dem Dichter, der sich an ein kleines Mädchen ranmachte, als die Stadt bombardiert wurde. Sie weiß um die Schläge der Bäckersfrau, die diese ihrem Mann verpasste. Eine wie sie gibt es überall, doch es gibt nur eine Umm Hamida. Langweilig wird es hier nie. Es gibt immer was zu erzählen. Zum Beispiel über Hamida. Deren Geldquellen sind nicht gerade die besten. Das muss schlussendlich auch Abbas feststellen. Mit keinem guten Ende.
Das Leben in einer Gasse in Kairo in den 40er Jahren des vergangenen Jahrhunderts wird von Nagib Machfus so eindringlich, so liebevoll beschrieben, dass einem jede einzelne Figur ans Herz wächst. Der Hauch der Geschichte(n) zieht durch Mark und Bein.
Nagib Machfus (auch Mahfuz geschrieben) bekam 1988 als erster und bis heute einziger arabischer Schriftsteller den Nobelpreis für Literatur als – wie es in der Begründung hieß: „Wegbereiter neuer (sozialkritischer) ägyptischer Erzählkunst zwischen Tradition und Moderne.“ Er starb 2006 im Alter von 94 Jahren.


Matto regiert
Matto regiert
von Echte
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,95

5.0 von 5 Sternen Mehr als nur ein Studer-Krimi, 22. April 2015
Rezension bezieht sich auf: Matto regiert (Taschenbuch)
Borstli und Pieterlen sind fort. Was wie aus einem Kinderreim klingt, ist besorgniserregend. An diesem Wort – „besorgniserregend“ – hätte Jakob Studer seine Freude. Zu nachtschlafender wird er mit dieser – besorgniserregenden – Situation aus Morpheus Armen gerissen. Dr. Laduner wird ihm Näheres erklären. Laduner, Laduner, den Namen kennt er. Doch der Treibsand in seinen Augen lässt noch keine Schlüsse zu.
Borstli ist der Direktor der Nervenheilanstalt in Randingen, Pieterlen Kindsmörder. Beide sind nicht mehr da, wo man sie vermutet. Während Wachtmeister Studer sich die Fakten berichten lässt, dämmert es ihm. Laduner – klar, der war doch damals in Wien dabei als Studer das Bauernopfer spielen musste und strafversetzt wurde. Dass das mehr als nur eine Randnotiz ist, wird einige Seiten später klar als Studer in der Anstalt auf Caplaun trifft. Dessen Vater, der Oberst, war damals, in Wien, auch mit von der Partie. Na, das kann ja heiter werden.
Das Büro des Direktors, Borstli, ist verwüstet. Das Mobiliar liegt verstreut, Fensterscheiben sind zerbrochen, Blut auf dem Boden. Beim Rundgang durch die Anstalt lernt Studer schnell, dass hier nur mit Zucht und Ordnung ein geregelter Tagesablauf möglich. Die Ärzte sind die Könige, die Insassen bedauernswertes Volk. Sie sind aus unterschiedlichen Gründen hier, Kriminelle und Kriegsversehrte. Das dem Borstli was zugestoßen ist, freut den Einen mehr als den Anderen. Kurz bevor Studer die Leiche des Direktors entdeckt, hört er das erste Mal von einem Geist, der in der Anstalt wohnt. Studer – ganz in seinem Element – nimmt es zur Kenntnis, tut es allerdings nicht ganz als Spinnerei eines Insassen ab. Gut so, Studer!
Bei seinen Rundgängen und Ermittlungen taucht Studer immer tiefer in die „heiligen Hallen“ der Anstalt ein, er fährt wie mit psychisch Kranken heutzutage verfahren wird. Neue Behandlungsmethoden versprechen Linderung, doch haben die auch Nebenwirkungen. Auch die Vergangenheit ruht nicht …
Matto, der Geist, der alle Formen annehmen und Unheil verbreiten kann, ist allgegenwärtig und allmächtig. Studer ermittelt nicht mehr nur in einem Mordfall und sucht nicht mehr nur einen Flüchtigen, einen Geisteskranken. Er taucht ab in bis für ihn bis dahin unbekannte Welten.


Das kleine Buch der Sprache
Das kleine Buch der Sprache
von David Crystal
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,00

5.0 von 5 Sternen Kommunikator, 18. April 2015
Es ist der erste echte Höhepunkt der Eltern: Das Kind spricht. Mama. Papa. Auto. Yippie. Jetzt geht’s los! Doch was da als Wort verkleidet die Außenwelt verzückt, sind Geräusche. Keine bewusst gewählten und geformten Artikulationen. Erklären Sie das mal der stolzen Mama, oder dem Papa, der bis über beide Ohren grinsend den Sprössling vor sich herträgt. Wen Sprache eine lineare Entwicklung wäre, würden wir täglich bis zu unserem zehnten Geburtstag weniger als eine Handvoll Wörter lernen. Babies lernen das, was sie hören. Der Rhythmus und die Melodie bestimmen die ersten Laute und Worte. Dudu, dada und ähnlich geartetes Verwandtengeschwätz haben da weniger Einfluss als gedacht. Ansonsten würden The Police immer noch touren, („De Do Do Do De Da Da Da“ wäre der Titel mit der längsten Chartplatzierung).
Sprache ist das primäre Unterscheidungsmerkmal der Kulturen. Jede Sprache hat ihre eigene Sprachmelodie. Wie oft hört man, dass das Italienische so melodisch klingt. Das Deutsche hingegen klingt für viel hart oder kratzig. Ein Vorteil in einer multikulturellen Gesellschaft ist das Wissen um die eigene Kultur. Denn wenn Andere ihre Eindrücke über das ihnen Fremde wiedergeben, lernt man so einiges.
Die Sprache hat auch eine mechanische Komponente. Nein, keine Roboter, Verstrebungen oder Seilzüge. Seilzüge ist vielleicht do gar nicht so verkehrt. Um einen Laut zu bilden, die Grundlage eines Wortes, was die Grundlage eines Satzes ist, der wiederum die Basis der Sprache ist … muss im menschlichen Körper was geschehen. Die Stimmlippen (Stimmbänder), die Lippen, der Kiefer und die Lunge sind unerlässliche Werkzeuge der verbalen Kommunikation. Je öfter die Stimmlippen schwingen, desto höher die Stimmlage. Umgekehrt genauso.
David Crystal beschreibt in seinem Buch das, was uns täglich umgibt. Von den ersten Lauten über die körperlichen Voraussetzungen bis hin zur Herausbildung von Slang und der Entwicklung der Sprache und ihrer Arten. Ohne abzuschweifen dringt er in die Tiefen der Wissenschaft vor, um kurzweilig und teils auch amüsant der allgegenwärtigen Sprache aufs Maul zu schauen.


Mein Paris
Mein Paris
von Ulrich Wickert
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,00

0 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Vom Glück einen Experten an der Hand zu haben, 17. April 2015
Rezension bezieht sich auf: Mein Paris (Gebundene Ausgabe)
Einmal Paris so richtig genießen, ganz tief eintauchen, es so sehen wie kein Anderer. Das wär’s! Für die meisten reicht es dann für Eiffelturm (meist dann auch noch nur mit einem F), Champs Elysees und vielleicht noch Sacre Cœur. Den Rest kennt man von der Schlussetappe der Tour de France. Doch wenn man schon mal da ist, in Paris, dann wäre es doch schön einen Reiseführer zu haben, der eben mehr als nur die Touristenhighlights zu bieten hat. Am besten Einen, der sich hier auskennt, hier geboren ist, hier lebte, und am besten Deutscher ist. Denn die Unterschiede sind trotz aller Nähe immer noch da – was allsonntägig auf arte in der Sendung „Karambolage“ zu erfahren ist. Verdichtet man seinen Wunsch derartig, bleibt nur einer übrig: Ulrich Wickert.
Beschwingt wie ein Chanson der jungen Françoise Hardy schlendert der Journalist durch Paris. Faktenreich, exakt und zackig wie ein Militärmarsch parliert er in Geschichte. Einzelne Kapitel sind zweigeteilt: Zuerst das Vergnügen, dann die Arbeit. Erst ein Spaziergang, dann die historischen Exkurse.
Und so schlendert man lesend durch die Stadt der Liebe. Vorbei und mittenrein. Notre Dame, Arc de Triomphe, Champs Elysees, Place de la Concorde – alles bekannte Namen. Und doch zeigen sich beim Lesen Wissenslücken auf. Die schließt Ulrich Wickert gekonnt. Wie kaum ein anderer Schreiber versteht er es sein enormes Wissen ohne den Zeigefinger zu heben dies zu vermitteln. So wird ein Stadtbummel en passant zu einer Lektion in Geschichte, Geographie und französischer Kultur. Paris wird nie mehr nur ein Reiseziel sein. Paris ist von nun an Liebe.
Die Boulevards, übrigens ein Wort deutschen Ursprungs, einst Bollwerke, werden zu Flaniermeilen der Liebe. Die Wasserspeier an Notre Dame sind nun mehr als nur eine Zierde. Der Arc de Triomphe erstrahlt in neuem Lichte. Alles, weil man die Geschichten herum nun kennt.
Ulrich Wickert nimmt sich zuerst die großen Sehenswürdigkeiten der Stadt vor, um dann den Leser auf eine Kulturreise ins Herz der Franzosen mitzunehmen. „Essen als schöne Kunst betrachtet“ nennt er das beeindruckendste Kapitel. Wer zu diesem Abschnitt vorgedrungen ist, hat schon viel über Paris gelernt. Aber alles Bisherige war zum Greifen nah. Konnte man betrachten, erklimmen, berühren. Doch Frankreich, Paris ohne die cuisine ist eben nicht mehr als eine Reportage: Schön anzusehen, appetitanregend, doch immer sehnsuchtsvoll. Weil nicht erlebt. Mit einem Feinschmecker wie Wickert sich durch Paris zu fressen, ein formidables Erlebnis. Als amuse-gueule serviert Ulrich Wickert immer wieder kleine Anekdoten, wie die von der Fotografin Gisèle Freund, der sogar Francois Mitterand gehorchte. Oder von Restaurantbesitzer Rene Lafon, der Hemingway und Dali, Sartre und Picasso zu seinen Gästen zählte.
Nach so viel Wissen, so eloquent dargebracht, fehlt nur noch eine entscheidende Reiseinfo: Das Wetter.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Apr 26, 2015 3:31 PM MEST


Der Feigenkaktus: Jubiläumsausgabe
Der Feigenkaktus: Jubiläumsausgabe
von Sahar Khalifa
  Broschiert
Preis: EUR 8,95

5.0 von 5 Sternen Roadmovie, 17. April 2015
Amman – Nablus, eine kurze Strecke. Umgerechnet auf mitteleuropäische Verhältnisse würde man, je nach Verkehrslage eine Stunde benötigen, um von A nach B zu kommen. Es dauert eine Ewigkeit von A nach N zu kommen. Wer in den vergangenen drei, vier Jahrzehnten auch nur einmal die Nachrichten geschaut hat, weiß warum.
Usama hat sein Glück in der Fremde gesucht. In den Ölstaaten. War dort Übersetzer. Kam viel rum. Syrien, Algerien. Aber er war Ausländer. Palästinenser. Ein Pass wie ein Pulverfass. Immer vorsichtig. Immer damit rechnend ausgewiesen zu werden. Jetzt ist es so weit. Der Vater starb vor zwei Jahren. Die Mutter stellte einen Antrag auf Familienzusammenführung. Jetzt ist es soweit. Jetzt reist Usama wieder ein. In sein Land. Schon beim Zoll wird ihm die schwierige Lage drohend bewusst. Einreisen darf er, zu einem hohen Preis. Schikanen, Anfeindungen, Demütigungen muss er über sich ergehen lassen. Naja, für die Familie und ein geborgenes Heim nimmt man dies auf sich.
Doch das Land hat sich verändert. Verwandte arbeiten in Israel. Bei den Besatzern. Die bezahlen gut. Das Land bietet immer noch genug. Aber keiner, der da ist, um es zu bestellen. Usama versteht die Welt nicht mehr. Kein Kampfeswille mehr in den Knochen der alten Recken.
Sahar Khalifa beschreibt die Ernüchterung so vieler Rückkehrer in ihre Heimat vor knapp einem halben Jahrhundert. An einen palästinensischen Staat war noch lange nicht zu denken. In Deutschland legten Terroristen teilweise das öffentliche Leben lahm. Im Nahen Osten waren Anschläge und Krieg an der Tagesordnung. „Kissinger wird’s schon richten“ ein geflügeltes Wort in dieser Zeit, das die Ohnmacht und die Sehnsucht nach Frieden kurz und knapp zusammenfasst. Usama kann sich mit dieser Litanei nicht abfinden. Verschreckt begibt er sich auf die Suche nach seinem Land, das er einst verlassen hat. Es braucht nicht viel, um dieses Land zu blühen zu bringen. Es ist genügsam. Genau wie ein Feigenkaktus…
Gefangen zwischen General Mosche Dajan („Es gibt kein Palästina mehr. Erledigt...“) und dem Dichter Pablo Neruda („Die Urneigung des Menschen ist die Poesie, aus ihr ist die Liturgie, sind die Psalmen entstanden und auch der Inhalt der Religionen.“) ist Usama auf der Suche nach dem Sinn des Lebens.


Schlumpf Erwin Mord: Wachtmeister Studer
Schlumpf Erwin Mord: Wachtmeister Studer
von Friedrich Glauser
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,95

5.0 von 5 Sternen Auf Wanderschaft durch die Schweiz mit dem besten Ermittler, 15. April 2015
Der Kaufmann Witschi ist ermordet worden. Und dreihundert Franken hat man ihm gestohlen. Verdächtig ist Erwin Schlumpf. Einer zu dem das Verbrechen passt. Gelegenheitsarbeiten wechselten sich mit Gefängnisaufenthalten ab. Und außerdem hat er kurz nach dem Mord im „Bären“ einhundert Franken gewechselt. In seiner Tasche befanden sich noch mehr als 280 Franken. Klar, dass er es war. Außerdem war mit Sonja liiert. Die ist die Tochter des Opfers. Alles sonnenklar: Der war’s!
Nur einer zweifelt. Wachtmeister Studer von der Kantonspolizei Bern. Der gemütliche Bulle mit dem analysierenden Stigma hat ihn als Erster vernommen. Irgendwie scheinen die Ausführungen des Delinquenten plausibel. Die Handlungen Schlumpfs nicht. Als er befragt werden soll, haut er ab. Spricht nicht gerade für jemanden, der unschuldig ist. Nun liegt er da, schnappt nach Luft – nach einem Selbstmordversuch nicht Ungewöhnliches. Studer hält ihm Händchen, versucht Informationen aus ihm herauszubekommen.
Den Untersuchungsrichter hat Studer schon fast auf seine Seite gezogen. Der ist mittlerweile auch nicht mehr hundertprozentig von Schlumpfs Schuld überzeugt. Witschi lag kopfüber im Dreck. Auf den Tatortfotos sieht man keinen einzigen Krümel auf dem Rücken des Opfers. Seine Taschen waren leer. Da stimmt was nicht! Und warum sollte der Täter, also Erwin Schlumpf, das Opfer, Witschi, anhalten, in den Wald scheuchen, ausrauben und ihn dann hinterrücks erschießen?
Als dann auch noch Cottereau vermisst wird, kommt Schwung in den Fall. Cottereau war es, der den Toten entdeckt hat. Studer bekommt Hilfe, von Kommissar Zufall. Er entdeckt Cottereau. Doch der hält lieber sein Maul als dem Fahnder zu helfen. Auch das Verhalten Sonjas kommt Studer komisch vor…
Studer ist einer, der sich einmischt. Einer, der sich nichts vormachen lässt und einer, der sich nur einer Sache verpflichtet fühlt: Der Gerechtigkeit. Wer ihm nichts sagen will, ist zwar nicht automatisch verdächtig, doch bekommt er eine Sonderbehandlung. Diskret versteht sich. Studer ist ein Meister der Beobachtung. Die Lebenserfahrung hilft ihm die Dinge ins rechte Licht zu rücken.
Friedrich Glauser führte selbst ein unstetes Leben, arbeitete in vielen Berufen an verschiedenen Orten, war morphiumsüchtig. Seinem Kommissar Studer kommen diese Erfahrungen zugute. Der Leser wird augenblicklich zum Komplizen des Ermittlers und rätselt Kapitel für Kapitel mit dem träge wirkenden Studer, um letztendlich durch Beharrlichkeit und Kombinationsgabe den wahren Täter zu ermitteln.


Memed mein Falke: Jubiläumsausgabe
Memed mein Falke: Jubiläumsausgabe
von Yasar Kemal
  Broschiert
Preis: EUR 8,95

5.0 von 5 Sternen Aufschlagen, lesen, in fremde Welten fliehen, 14. April 2015
Karg liegt das Land. Nur am Himmel tanzen die Wolken vor Glück. Es ist eine unwirtliche Gegend. Taurusgebirge. Hier herrschen Dürre und Öde. Doch genau das macht den Charme ihren Charme aus. Ruhe, Stille. Nur das Heulen des Windes durchbricht ab und zu die Einsamkeit. Doch was ist das? Schritte. Sie kommen näher. Es knirscht auf dem hageren Boden. Ein Mensch sinkt zusammen. Kraftlos. Ein Kind. Rappelt sich auf. Nur noch wenige Schritte. Dann ist es geschafft.
Der, der da so angsterfüllt durch das lebensfeindliche Land huscht, ist Memed. Er ist auf der Flucht. Will niemanden mehr sehen. Zuflucht findet er bei einem armen Bauern und seiner Frau, die ihn wieder aufpäppeln. Das Land, das von Graudisteln überwuchert ist, ist das Land von Abdi Aga. Ein Menschenschinder und Ausbeuter par excellence. Das Wenige, was das Land hergibt, nimmt er den Bauern. Ihnen bleibt nicht viel. Weniger wäre nichts. Die Bauern kennen nur ihr Dorf, ihr Land, was ihnen nicht einmal gehört. Sondern Abdi Aga.
Der glaubt auch, dass ihm die Menschen gehören. Memeds Flucht wird bemerkt und bestraft. Noch nie wagte es einer sich aus den Fängen des Abdi Aga zu befreien. Der Familie wird alles genommen, jedem, der ihr hilft die Höchststrafe angedroht.
Der Zorn des Abdi Aga dauert an. Memed reift zum Mann. Einer vielsprechenden Zukunft sieht er mit Hatce entgegen, seiner Frau. Das Schicksal hat andere mit ihm vor. Statt das Leiden seiner Ahnen fortzusetzen, stellt sich Memed dem Abdi Aga. Er schließt sich Räubern an. Wird selbst zum Gesetzlosen. Immer wieder erschüttern Gerüchte um seinen Tod die Dorfgemeinschaft. Abdi Aga übt grauenvolle Rache. Nach jahrelangem Zögern ermordet der Lehnsherr alle, die Memed lieb und wichtig waren…
Die ganze Brutalität des Seins schmückt Yaşar Kemal in den Farben der Poesie aus. Erst wenn man sich einmal kurz von seiner Sprachgewalt lösen kann, wird dies bewusst. Mord, List und Tücke im Gewand von Schöngeist, Farbenvielfalt und Romantik – so muss ein Buch sein!
Als Yaşar Kemal zu Beginn des Jahres im Alter von 91 Jahren verstarb, trauerte eine ganze Nation um seinen Nationaldichter. Tausende gaben dem Literaten das letzte Geleit. „Memed mein Falke“ war der Auftakt einer Reihe von Büchern um Memed, dem Rebellen und Kämpfer für die Freiheit, der im Jahr 2003 mit „Der letzte Flug des Falken“ abgeschlossen war.


Herr Huang in Deutschland: Ein Chinese auf Weltreise zum Kulturerbe. Aus dem Chinesischen von Annelie Dangel und May-Britt Wilkens.
Herr Huang in Deutschland: Ein Chinese auf Weltreise zum Kulturerbe. Aus dem Chinesischen von Annelie Dangel und May-Britt Wilkens.
von Huang Nubo
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,80

5.0 von 5 Sternen Außenansichten, die den Nerv treffen, 12. April 2015
Wer sich eingehend und langfristig mit einer Sache beschäftigt, läuft Gefahr „betriebsblind“ zu werden. Und das ist etwas, was man jedem Volk vorwerfen kann. Man denke nur an die Probleme zwischen Deutschland und Griechenland. Wer von außen auf sich selbst schaut, entdeckt so manches, was ihm bisher verborgen blieb. Insofern ist „Herr Huang in Deutschland“ eines der deutschesten Bücher überhaupt.
Huang Nubo gibt es wirklich. Also kein Roman! Er ist ein erfolgreicher Unternehmer aus China, der es sich in den Kopf gesetzt hat alle UNESCO-Weltkulturerbestätten zu besuchen. Und das sind Hunderte. Deutschland kann vierzig Stück aufweisen. Und hier beginnt auch die Weltreise des Herrn Huang.
Wer kann sie alle aufzählen? Kaum einer! Aachener Dom, Kloster Maulbronn, Wörlitzer Park. Man kennt sie, aber, dass sie Weltkulturerbe sind, weiß niemand. Eine der Tatsachen, die Herrn Huang sofort auffallen. So effizient die Deutschen sind, so achtlos gehen sie in den Köpfen mit ihrem kulturellen Erbe um. Huang Nubo freut sich, dass so viele Stätten so gut erhalten sind und werden.
Knapp vier Wochen nimmt Huang Nubo Zeit, um Deutschland kulturell zu erkunden. Die Denkmale sind die Ziele, die Menschen herum der Weg. Asiatische Gelassenheit und kindliche Neugier sind seine ständigen Reisebegleiter. Die werden allerdings schon beim ersten Kontakt mit der deutschen Obrigkeit, beim Zoll, auf eine harte Probe gestellt. Kein Blickkontakt gleich gründliche Kontrolle. Huang Nubo nimmt in seinem Reisetagebuch kein Blatt vor den Mund. Erfrischend!
Ein Chinese auf Weltreise zum Kulturerbe lautet der Untertitel des Buches. Huang Nubo ist schon weit gereist, bevor im Jahr 2013 aufbrach. Er war unter anderem dreimal auf dem Mount Everest. Weitsicht ist sein Metier. In vier Wochen eine ganze Nation kennenzulernen ist unmöglich. Aber Herr Huang hat in dieser Zeit einen tiefergehenden Einblick gewonnen als so mancher Eingeborener. Ständig zieht der Weltbürger Vergleiche zu seiner Heimat. Schließlich ist Deutschland auch erst vor historisch kurzer Zeit zusammengewachsen. China, Hongkong und Taiwan stecken da noch in den Kinderschuhen. Huang Nubo bereist Deutschland, führt Tagebuch und dem Leser sein eigenes Land vor Augen. Ehrlich, ungeschminkt und unterhaltsam.


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