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alasca

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Jagd: Kriminalroman (Ein Annika-Bengtzon-Krimi, Band 10)
Jagd: Kriminalroman (Ein Annika-Bengtzon-Krimi, Band 10)
von Liza Marklund
  Broschiert
Preis: EUR 16,99

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Keine Glanzleistung, 17. März 2015
Ingmar Lerberg, rechtskonservativer Politiker und glückloser Unternehmer, wird dem Tode nah aufgefunden: Offenbar ist er grausam gefoltert worden. Derweil blasen die digitalen Medien zur Jagd" auf Annika Bengtzons Chefredakteur Anders Schyman: Man wirft ihm vor, seine vor achtzehn Jahren preisgekrönte Doku über eine steuerflüchtige Milliardärin getürkt zu haben. In seiner Bedrängnis setzt er Annika auf den alten Fall an: Sie soll beweisen, dass seine Doku seriös ist, und Annika beginnt, zu recherchieren. Bald stößt sie auf merkwürdige Parallelen zwischen dem Fall der Milliardärin und dem Verschwinden von Lerbergs Ehefrau ...

Warum nur muss auch Marklund ihren Roman mit einer Folterszene beginnen - diesem abstoßenden Trend folgen doch schon genügend andere?

Was (davon abgesehen) spannend und rätselhaft beginnt, zerfasert in weitere Stränge und Themenüberfülle. Nina Hofmann, eine Figur aus dem Spanien-Ableger der Bengtzon-Romane, tritt als Fallanalytikerin der Polizei auf den Plan und bringt Bezüge aus früheren Romanen in die Story. Annikas Exmann Thomas, verbittert und nun endgültig neben der Kappe, verfolgt als Internet-Troll seine eigene Agenda. Und wessen Perspektive ist das, die in kursiven Einschüben immer wieder die Chronologie unterbricht: die der verschwundenen Politikergattin? Dazu kommt an gleich zwei Beispielen das ganz normale Drama neuer, auch noch gemischtrassiger Patchwork-Familien - nicht zu vergessen die Themen Steuerhinterziehung und Geldwäsche, nicht ohne den internationalen Drogenhandel zu streifen ... und natürlich Marklunds Dauerthema Nummer eins, die Presseethik und die publizistische Verantwortung der Herausgeber, diesmal mit Blick auf die Online-Medien und die Macht der Blogger.

Eine Menge Stoff also für die 384 Seiten dieses Krimis, über den Marklund ab der Mitte anscheinend die Kontrolle verloren hat - es wird wirr und an zwei Stellen SEHR unlogisch. Am Ende werden die losen Enden zwar wieder eingesammelt, aber das gerät etwas zu abrupt und handwerklich grob. Frau Marklund kann das besser und hätte noch einmal an den Schreibtisch zurückgeschickt werden müssen - auch wenn dann der Drucktermin nicht mehr passt. Wann werden die Verlage begreifen, dass der Leserin der gute Roman lieber ist als der frühe?

Trotzdem - ich mag Marklunds Schreibe und ihre ruppige, unbestechliche Heldin mit dem typisch nüchternen, immer leicht depressiven Blick auf die Welt und sich selbst. Auch ihre Analyse der Internetpublizistik, die das ganze Gewerbe verändert hat, so dass "die Printausgabe nur noch Marketinginstrument für die Online-Ausgabe" ist, hat mir gut gefallen. Man merkt, dass Marklund sich bestens in der Welt auskennt, über die sie schreibt: So ist das also, wenn man in digitalen Zeiten Reporterin ist. Das bringt keine so authentisch rüber wie sie.

Fazit: Sicher keine Glanzleistung von Liza Marklund, aber immer noch besser als manch anderes auf den Bestsellerlisten.


Wir sind nicht wir: Roman
Wir sind nicht wir: Roman
von Matthew Thomas
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,99

7 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Über das Elementare menschlicher Existenz, 9. März 2015
Rezension bezieht sich auf: Wir sind nicht wir: Roman (Gebundene Ausgabe)
Eileen, früh verantwortlich für den Familienhaushalt, den ihre alkoholkranke Mutter nicht mehr bewältigt, weiß schon im Alter von 10 Jahren, dass sie ein besseres Leben erreichen will als ihre irischstämmigen Eltern. Sie heiratet Ed, einen jungen Wissenschaftler, in den sie, wie es Frauen in den 50er Jahren taten, ihre ganze Hoffnung setzt, sie "... mit nach oben [zu] tragen." Aber Ed, der sich nie aus seiner Kleinbürgerlichkeit lösen kann und zudem ganz andere Lebensziele verfolgt als sie, muss sie unweigerlich enttäuschen. Der Leserin ist bald klar, dass die Erfüllung von Eileens materialistischen Träumen weder sie noch ihre Familie glücklich machen werden. Sie jedoch braucht fast ein Leben lang, um zu begreifen, dass "alles, was auf der Welt zählte, bereits da [gewesen] war." Dies beginnt ihr erst aufzugehen, als Ed erkrankt - wie es zunächst ausschaut, an einer Art Burnout.

Ich weiß nicht, ob ich den Roman hätte lesen wollen, wenn ich das Thema vorher gewusst hätte - vielleicht nicht. Aber so quälend es ist, den Verfall dieser sympathischen Figur langsam, Schritt für grausamen Schritt zu verfolgen, so fesselnd ist es auch und so unmöglich, sich der Geschichte zu entziehen. Matthew Thomas, dessen eigener Vater im selben Alter am gleichen Leiden erkrankte, kennt sein Thema offensichtlich ganz genau. Seine Geschichte folgt einer strengen Chronologie ohne die (im modernen Roman fast schon obligatorischen) Zeitsprünge und -ebenen. Zunächst erleben wir das Geschehen aus Eileens Perspektive; später kommt die Wahrnehmung ihres einzigen Sohnes Connell hinzu. Indem Thomas den Leser genauso lange im unklaren über die Diagnose hält wie Eds Familie, wird eine fast schon quälende Spannung aufgebaut, so dass man beinah erleichtert ist, als das Unglück einen Namen bekommt.

Eileen, mit ihren Träumen, ihrer Getriebenheit, ihrem Versagen und letztlichem Über-sich-selbst-Hinauswachsen, die ohne die Härten ihrer Kindheit nie imstande gewesen wäre, diese Last zu schultern, ist eine zutiefst glaubwürdige Figur. Man ist ganz nah dran an ihr; möchte sie abwechselnd schütteln, trösten, anschreien und umarmen. Aber auch die Innensicht ihres Sohnes Connell, in seiner Unfähigkeit, sich der Krankheit des Vaters zu stellen, ist immer nachvollziehbar. Das Schreckliche und Tragische der Erkrankung wird besonders greifbar durch den Kunstgriff des Autors, dies ausgerechnet einem Neuro-Wissenschaftler zustoßen zu lassen. Trost kann bestenfalls die Vorstellung spenden, dass einem Erkrankten immerhin noch die fundamentalen sinnlichen Erfahrungen bleiben: "... der Zitrusduft von frisch gebrühtem schwarzem Tee; [...] das wohlige Gefühl, wenn ein anderer Körper sich an dich schmiegt."

Der Roman erlangt eine fast klaustrophobische Intensität, indem er sich strikt auf die drei Hauptpersonen konzentriert. Es gibt zwar ein paar (durchaus ebenso gut gezeichnete) Nebenfiguren, aber keine hat größere Bedeutung. Es geht Thomas nicht um ein Zeitgemälde oder Sittenbild - die großen Weltereignisse in den 60 Jahren der erzählerischen Zeitspanne, wie 2. Weltkrieg, Vietnam, Golfkrieg, Afghanistan oder 9/11, kommen im Buch nicht wirklich vor. Der Autor kreiert seinen eigenen Kosmos, in dem nichts anderes Platz hat als diese familiäre Katastrophe, an der das Elementare einer menschlichen Existenz zutage tritt.

Ein unvergessliches Buch, das mich geängstigt, beeindruckt, erschüttert hat.


Etta and Otto and Russell and James
Etta and Otto and Russell and James
Preis: EUR 10,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Es ist nie zu spät für etwas Neues, 9. März 2015
Etta will endlich das Meer sehen - und so beginnt sie eines Morgens eine lange Wanderung nach Osten, quer durch Kanada an die Küste. Otto, ihrem Mann, schreibt sie auf einem Zettel: "I will try to remember to come back." Und für sich selbst steckt sie einen weiteren Zettel ein: "You: Etta Gloria McKinnick of Deerdale Farm, ..." Denn Etta, 82 Jahre alt, hat begonnen, nicht nur Dinge, sondern ihre eigene Identität zu vergessen. Währenddessen kann Otto seinen Erinnerungen aus dem Zweiten Weltkrieg nicht entkommen, die ihn bis in die Gegenwart verfolgen.

Trotz ungewohnter Einsamkeit widersteht Otto der Versuchung, Etta zu folgen. Geplagt von Schlaflosigkeit, entdeckt er seine kreative Ader und bevölkert seinen Hof mit Tieren aus Pappmaché. Russell, der Nachbar von Etta und Otto und ein versierter Spurenleser, kann nicht anders, als Etta zu suchen (und zu finden), doch sie überzeugt ihn davon, dass er seine eigene Wanderung beginnen muss (was mir ein wenig zu konstruiert erschien). Der Vierte im Bunde, James, ist ein Coyote, den Etta auf ihrem Weg trifft und der ihr hilft, zu überleben. Nicht nur in der Figur dieses sprechenden Coyoten gibt es Anklänge an den magischen Realismus der Ureinwohner. Auch wenn Otto weiß, welche Richtung Etta eingeschlagen hat, denn "he could feel the tightness in the skin across his chest pulling that way", ist dies ein Hinweis der Autorin, dass wir es nicht mit einer strikt realistischen Geschichte zu tun haben.

Im Verlauf des Romans schwingt die Handlung in stetem Wechsel in die Vergangenheit der drei Protagonisten und wieder zurück in die Gegenwart von Ettas Wanderung. Otto stammt aus einer großen Familie, die irgendwann den verwaisten Stadtjungen Russell adoptiert hat; Etta verlor früh ihre einzige Schwester und kommt, nicht viel älter als die Jungen, als ihre Lehrerin in den Ort. Russell und Otto wollen, kaum erwachsen, in den Krieg ziehen, aber Russell wird aufgrund einer Behinderung ausgemustert. Aus Europa beginnt Otto einen Briefwechsel mit Etta, während zu Hause zarte Bande zwischen Etta und Russell entstehen, der Etta sein ganzes Leben lang lieben wird.

Hooper schreibt auf einfache (und oft witzig-schelmische) Weise über komplizierte Dinge; in einer schönen, knappen Sprache, in der jedes Wort sitzt. Sie hat eine unnachahmliche Art, in wenigen kurzen Zeilen Dialog halbe Leben zu komprimieren oder Figuren mit ein paar Sätzen zu charakterisieren, so wie hier: "Shut up, said Otto. But he was happy. Russell didn't get excited very often. It was nice to see." Kurze Kapitel, kurze Sätze machen die Lektüre flüssig; Hoopers rhythmische Sprache kann umso ungehinderter fließen, als sie darauf verzichtet, die wörtliche Rede durch Anführungszeichen zu kennzeichnen. Ihre Bilder wirken lange nach und haben trotz der ernsten Themen etwas Heiter-Tröstliches (wobei ihre Art, das Thema Holocaust zu streifen, irritieren mag.) Besonders schön die mystische Naturverbundenheit und der Mut ihrer betagten Protagonisten, trotz hohen Alters noch etwas Neues anzufangen, neue Talente zu entdecken: Etta ihre Wanderung ans Meer, Otto die bildende Kunst, Russell seine eigene Pilgerfahrt.

Wer jedoch in der Literatur Eindeutigkeit braucht und erwartet, dass ein Text die von ihm aufgeworfenen Fragen auch beantwortet, wird vermutlich enttäuscht werden. Man muss sich auf das Mystische und Märchenhafte einlassen, wenn man Hoopers Roman genießen will. Auch das Ende bleibt offen: Ist das Meer als Ur-Ozean zu verstehen, in den Etta zurückkehren will; wird sie Otto und Russell jemals wiedersehen?

Ein leises, erstaunlich weises Buch von einer jungen Autorin, auf deren weiteren Weg man gespannt sein darf. Leseempfehlung!


Surferboy
Surferboy
von Kevin McAleer
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 20,00

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Ein Surfer, der auszog, das Fürchten zu lernen, 24. Februar 2015
Rezension bezieht sich auf: Surferboy (Gebundene Ausgabe)
Steve hat einen Traum: Er will einer der blonden Götter werden, die auf den Covern der Surfermagazine Monsterwellen reiten oder durch furchterregende Wellentunnels gleiten, als wäre das gar nichts. Sein Ziel: "Surfen und reisen. Mädchen flachlegen und haufenweise Kohle einstreichen."

In seinem autobiografischen Roman "Surferboy" lässt der Australier Kevin McAleer seinen Ich-Erzähler Steve berichten - von der naiven Begeisterung des Anfängers mit seinen ersten Versuchen, über das allmähliche Meistern des Bretts und den ersten spektakulären Surfmanövern bis hin zu den ganz großen Wellen. Das liest sich flüssig und leicht, mit viel Dialog und Humor, und zunächst war ich durchaus angetan. Aber obwohl McAleer durchaus szenische Beschreibungen liefert, ist dies kein Buch über die Begegnung mit dem übermächtigen Meer und dessen Magie, sondern vor allem über die Umstände, die Szene, in der sich ein Surferleben abspielt.

Und die ist ziemlich hart und ungewöhnlich arm an Sympathieträgern. Coolness ist alles; jeder kämpft für sich allein, Schwächen werden weder gezeigt noch zugegeben, Freundschaften bereitwillig für einen besseren Platz im Line-up verraten. Das alles bekommen wir mit einem Maximum an Szenevokabular serviert; gut, dass es hinten ein kleines Glossar gibt. Der Jargon macht auch durchaus Spaß, etwa wenn vom "chronowellarischen" Surferkalender gesprochen wird, nach dem der Sommer dann anfängt, "wenn die erste Süddünung durchkam." Allerdings habe ich es bald aufgegeben, nachzuschlagen, denn es macht die eigentliche Story nicht interessanter.

Letztlich muss es der Protagonist sein, von dem die Faszination ausgeht. Nun ist Steve nicht gerade meine Art von Lieblingsheld. Wenn er nicht surft, liest er Surfermagazine, sieht Surferfilme und diskutiert leidenschaftlich die Qualitäten der angesagten Surf Cracks mit seinem Freund Jim. Sein Frauenbild ist ziemlich traurig; Sex hätte er schon gerne, aber ansonsten sind Mädchen für ihn nur eine Störung beim Surfen; man könnte ihm also durchaus ein arg simples Innenleben vorwerfen. Aber auch völlig autistische Monomanen können interessant sein - warum war ich also am Ende so unzufrieden mit diesem Buch, von dem (Kem Nunn & Co. lassen grüßen) ich mir so viel versprochen hatte?

Vielleicht hat es daran gelegen, dass es in "Surferboy" gar nicht um die wahre Hingabe der echten Wellenjunkies geht. Die treten zwar auf, dienen aber - siehe oben - eher als schlechtes Beispiel. Stattdessen haben wir einen Helden, der sich eine Zeitlang von der alles verschlingenden Passion umarmen läßt, Angst bekommt vor den ganz großen Wellen und vor den Folgen des nomadischen Surferdaseins und - ohne größeren inneren Konflikt - schleunigst wieder vernünftig wird.

Das ist zwar verständlich, aber: Vielen Dank, vernünftig bin ich selber. Von der Leidenschaft will ich lesen, oder zumindest vom Konflikt zwischen Leidenschaft und Vernunft. Steves bürgerliche Art von Happy End fand ich irgendwie enttäuschend.


Soldierboy - Ein Science-Fiction-Roman vom Hugo und Nebula Award Preisträger Joe Haldeman
Soldierboy - Ein Science-Fiction-Roman vom Hugo und Nebula Award Preisträger Joe Haldeman
von Joe Haldeman
  Broschiert
Preis: EUR 12,95

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ironisch und visionär, 10. Februar 2015
Wir schreiben das Jahr 2043. Die westliche, US-dominierte "Allianz" führt seit 8 Jahren einen Krieg gegen die Rebellen der "Ngumi". Es ist ein ökonomisch getriebener Krieg, denn die Allianz verweigert dem Rest der Welt die Teilhabe am technischen Fortschritt, der das Ende von Hunger und Armut für alle bedeuten könnte. Dabei kämpft die Allianz aus der Ferne, mit Soldierboys - unbesiegbaren Kriegsrobotern, die durch "Operatoren" gesteuert werden. Einer davon ist Julian Glass, der als Wehrpflichtiger eingezogen und für geeignet befunden wurde. Eigentlich Physiker, arbeitet er gleichzeitig am Jupiter Projekt mit, dem ehrgeizigsten Projekt in der Geschichte der Menschheit. Schwer belastet mit der Schuld, die er als Operator auf sich geladen hat, würde Julian am liebsten in den Freitod gehen. Aber dann findet Amelia, Julians frühere Professorin und jetzige Partnerin, heraus, dass das Projekt Jupiter zum Untergang des gesamten Universums führen muss, wenn es nicht gestoppt wird. Auftritt der Gruppe religiöser Fanatiker, der Enders, die Armageddon herbei- und das Jupiterexperiment folglich weiterführen wollen. Und so verbündet Julian sich mit Gegenverschwörern, die ihrerseits einen Nebeneffekt der Operatortechnik für die endgültige Befriedung der Menschheit nutzen wollen. Das Problem: Der chirurgische Eingriff, der hierfür bei jedem nötig ist, verläuft zu zehn Prozent tödlich. Und: Nicht bei jedem funktioniert die Technik, auch bei gelungenem Eingriff. Was aber soll mit den verbleibenden "Nicht-Humanisierten" geschehen?

"Soldierboy", früher betitelt "Der ewige Frieden", ist die Neuübersetzung des 1998 erschienenen thematischen Sequels zu "Der ewige Krieg". Wieder schreibt Haldeman über den Krieg und dessen verheerende Wirkung auf die menschliche Psyche. Auch in "Soldierboy" ist die Gewalttätigkeit des Menschen anscheinend unbezähmbar, scheint Krieg der dem Menschen typische, unvermeidliche Zustand zu sein. Neu in "Soldierboy" sind Aspekte wie die Nanotechnologie, die es 1975 noch nicht gab, ebenso wenig wie elektronische Vernetzung oder die Möglichkeit eines Stellvertreterkrieges durch unbesiegbare Maschinen. Neu auch die Vorstellung von ultimativer Nähe durch die Zusammenschaltung von Gehirnen. Vieles von dem, was Haldeman in seinem Buch, erschienen 1998, erdacht hat, hat mittlerweile heutige Entsprechungen: der Anschlag auf das Herz der USA; Drohnen, die Terroristen jagen; traumatisierte Soldaten durch ethisch fragwürdige Einsätze. Ist der Mensch überhaupt noch zu retten?

Haldemans Ansatz ist mir deshalb so sympathisch, weil er durch und durch säkular ist: Nicht durch einen Heilsbringer oder ein göttliches Armageddon soll die Menschheit erlöst werden, sondern durch die Kraft der eigenen Empathie. Haldemans Erlösung braucht keine Heilsfigur und keinen Gott; er glaubt an die Technik und träumt davon, das Heilige im Menschen freizusetzen. Vielleicht ist er deshalb der Versuchung eines schnellen, flachen, zu harmonischen Endes erlegen, das mir ziemlich unwahrscheinlich vorkam: die mir bekannte Menschheit hat noch keine Handlung unterlassen, nur weil diese unmoralisch oder dämlich wäre.

Mir kommt es so vor, als habe Haldeman nicht so recht gewusst, wie seine Botschaft lauten soll. Trotz aufgepfropftem Happy End ist seine Konstruktion ironisch, fast schon zynisch: Eine Kriegstechnologie bringt die totale Empathie hervor. Die Maßnahme, die die Menschheit endgültig von der Gewalt befreit, kann offenbar nur mit Gewalt durchgesetzt werden. Und dem friedlichen Menschen seiner Vision könnte es genauso ergehen wie dem Dodo auf Mauritius, der den Einzug der Kolonialmächte keine 100 Jahre lang überlebte.

Trotz dieser konzeptionellen Schwäche jedoch ein beeindruckender Roman mit einer überzeugenden Hauptfigur und einer Zukunftsvision, die sich erschreckend gegenwärtig anfühlt.


Miss Blackpool: Roman
Miss Blackpool: Roman
von Nick Hornby
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

1 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eine Lanze für die leichte Muse, 20. Januar 2015
Rezension bezieht sich auf: Miss Blackpool: Roman (Gebundene Ausgabe)
Barbara Parker, "blond, kurvig und mit langen, flattrigen Wimpern", gewinnt die Wahl zur Miss Blackpool - und gibt die Krone gleich wieder zurück, denn deren Pflichten würden bedeuten, dass sie ein weiteres Jahr in Blackpool verbringen muss. Stattdessen macht sie sich eine Woche später auf nach London, um dort ihrem Vorbild Lucille Ball nachzueifern. Kein leichtes Ziel in einer Zeit, in der Frauen zwar schön, aber nicht komisch sein durften. Sie teilt sich ein Zimmer mit einem anderen Working Girl, jobbt als Verkäuferin in einem Kaufhaus und sucht nach einem Sugar Daddy, und wäre Hornby nicht Hornby, könnte diese Geschichte leicht eine über Illusion, Absturz und Scheitern werden.

Aber Nick Hornby ist kein Mann für düsteres Drama - und deshalb zeigt Barbara, Künstlername Sophie Straw, null Talent als formbares Sugar Baby, sondern überzeugt keine vier Wochen später zwei Comedy-Autoren und ihren Produzenten von ihrer komischen Begabung so gründlich, dass sie ihre bereits entworfene Sitcom eigens für sie umschreiben. Nicht nur das: Die Sitcom wird derart erfolgreich, dass selbst der Premierminister wünscht, Sophies Bekanntschaft zu machen.

In seinem neuen Roman Funny Girl bricht Hornby eine Lanze für die leichte Unterhaltung - kein Wunder, schreibt er doch selbst welche und tritt auch mit Funny Girl wieder den Beweis an, dass das Genre durchaus Unterhaltsamkeit mit Intelligenz und Tiefgang verbinden kann. Allerdings nie so viel, dass es unangenehm würde für die, die sich nur unterhalten lassen wollen. Das gilt auch für die etwas ernsteren Töne, die er mit seinen eigentlichen Hauptcharakteren anschlägt: Nicht Barbara, alias Sophie Straw ist offensichtlich die Figur, die ihn am meisten interessiert, sondern die beiden Scriptautoren Bill Gardiner und Tony Holmes, die sich im Gefängnis kennenlernen, wo sie ein paar Stunden einsitzen, weil aufgegriffen bei einer Razzia in einem Schwulenlokal. Bill ist derjenige mit der größeren Tiefe und dem größeren Ehrgeiz, Tony ist es zufrieden, seine Familie mit dem Schreiben der Scripts zu ernähren, die die BBC von ihm haben will. Und weil hier ein Autor des U-Genres über zwei Autoren derselben Zunft schreibt, müssen natürlich im Buch diejenigen scheitern, die Ehrgeiz in Richtung ernsthafte Literatur entwickeln, und diejenigen prosperieren, die der leichten Muse treu geblieben sind. Obendrein ist der einzige echte Unsympath im Roman ein intellektueller Kritiker, der es ablehnt, mit "gewöhnlichen Leuten" zu kommunizieren. Ein Schelm, der Böses dabei denkt.

In den Roman eingestreut sind Fotos und Dokumente, die der Story Authentizität verleihen sollen, wie z. B. von einer Misswahl in Blackpool oder von Harold Wilson in No. 10, aber es geht nicht um historische Genauigkeit - wie auch, wenn sich an die Handlungszeit des Romans in den frühen 60er Jahren viele der Leserinnen selbst erinnern dürften. Und es macht Spaß, sich mit Hornby zu erinnern!

Das Ende - und das ist die große Stärke Hornbys, dass er niemals der Versuchung eines allzu süßen Happy Ends erliegt - thematisiert das Alter und seine Gebrechen, aber mit einer optimistischen Note; zeigt uns, dass Menschen - Überraschung! - sich nicht wirklich ändern und dass in jeder Lebenszeit die Hoffnung zuletzt stirbt.

Fazit: Wer Nick Hornby liest, sollte nicht mehr erwarten als gute Unterhaltung. Aber auch nicht weniger! Mich jedenfalls - wahrlich keine Freundin seichter Sitcoms - hat diese klug konstruierte, heiter-nostalgische Apologie der leichten Unterhaltung bestens unterhalten und amüsiert.


Funny Girl
Funny Girl
von Nick Hornby
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

5.0 von 5 Sternen Eine Lanze für die leichte Muse, 20. Januar 2015
Rezension bezieht sich auf: Funny Girl (Gebundene Ausgabe)
Barbara Parker, "blond, kurvig und mit langen, flattrigen Wimpern", gewinnt die Wahl zur Miss Blackpool - und gibt die Krone gleich wieder zurück, denn deren Pflichten würden bedeuten, dass sie ein weiteres Jahr in Blackpool verbringen muss. Stattdessen macht sie sich eine Woche später auf nach London, um dort ihrem Vorbild Lucille Ball nachzueifern. Kein leichtes Ziel in einer Zeit, in der Frauen zwar schön, aber nicht komisch sein durften. Sie teilt sich ein Zimmer mit einem anderen Working Girl, jobbt als Verkäuferin in einem Kaufhaus und sucht nach einem Sugar Daddy, und wäre Hornby nicht Hornby, könnte diese Geschichte leicht eine über Illusion, Absturz und Scheitern werden.

Aber Nick Hornby ist kein Mann für düsteres Drama - und deshalb zeigt Barbara, Künstlername Sophie Straw, null Talent als formbares Sugar Baby, aber überzeugt keine vier Wochen später zwei Comedy-Autoren und ihren Produzenten von ihrer komischen Begabung so gründlich, dass sie ihre bereits entworfene Sitcom eigens für sie umschreiben. Nicht nur das: Die Sitcom wird derart erfolgreich, dass selbst der Premierminister wünscht, Sophies Bekanntschaft zu machen.

In seinem neuen Roman Funny Girl bricht Hornby eine Lanze für die leichte Unterhaltung - kein Wunder, schreibt er doch selbst welche und tritt auch mit Funny Girl wieder den Beweis an, dass das Genre durchaus Unterhaltsamkeit mit Intelligenz und Tiefgang verbinden kann. Allerdings nie so viel, dass es unangenehm würde für die, die sich nur unterhalten lassen wollen. Das gilt auch für die etwas ernsteren Töne, die er mit seinen eigentlichen Hauptcharakteren anschlägt: Nicht Barbara, alias Sophie Straw ist offensichtlich die Figur, die ihn am meisten interessiert, sondern die beiden Scriptautoren Bill Gardiner und Tony Holmes, die sich im Gefängnis kennenlernen, wo sie ein paar Stunden einsitzen, weil aufgegriffen bei einer Razzia in einem Schwulenlokal. Bill ist derjenige mit der größeren Tiefe und dem größeren Ehrgeiz, Tony ist es zufrieden, seine Familie mit dem Schreiben der Scripts zu ernähren, die die BBC von ihm haben will. Und weil hier ein Autor des U-Genres über zwei Autoren derselben Zunft schreibt, müssen natürlich im Buch diejenigen scheitern, die Ehrgeiz in Richtung ernsthafte Literatur entwickeln, und diejenigen prosperieren, die der leichten Muse treu geblieben sind. Obendrein ist der einzige echte Unsympath im Roman ein intellektueller Kritiker, der es ablehnt, mit "gewöhnlichen Leuten" zu kommunizieren. Ein Schelm, der Böses dabei denkt.

In den Roman eingestreut sind Fotos und Dokumente, die der Story Authentizität verleihen sollen, wie z. B. von einer Misswahl in Blackpool oder von Harold Wilson in No. 10, aber es geht nicht um historische Genauigkeit - wie auch, wenn sich an die Handlungszeit des Romans in den frühen 60er Jahren viele der Leserinnen selbst erinnern dürften. Und es macht Spaß, sich mit Hornby zu erinnern!

Das Ende - und das ist die große Stärke Hornbys, dass er niemals der Versuchung eines allzu süßen Happy Ends erliegt - thematisiert das Alter und seine Gebrechen, aber mit einer optimistischen Note; zeigt uns, dass Menschen - Überraschung! - sich nicht wirklich ändern und dass in jeder Lebenszeit die Hoffnung zuletzt stirbt.

Fazit: Wer Nick Hornby liest, sollte nicht mehr erwarten als gute Unterhaltung. Aber auch nicht weniger! Mich jedenfalls - wahrlich keine Freundin seichter Sitcoms - hat diese klug konstruierte, heiter-nostalgische Apologie der leichten Unterhaltung bestens unterhalten und amüsiert.


Ein so junger Hund: Roman
Ein so junger Hund: Roman
von Patrick Modiano
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 14,95

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Die Dinge der Welt zärtlich umwehen, 16. Januar 2015
Rezension bezieht sich auf: Ein so junger Hund: Roman (Gebundene Ausgabe)
(Klappentext) +++ Paris im Frühling 1992: Der Erzähler stößt auf ein altes Foto, und seine Erinnerung setzt sich in Gang. Das Bild stammt von Francis Jansen, dem Fotografen mit der Rolleiflex, der bald darauf für immer verschwand. Das war 1964, es war Frühling in Paris, und der Erzähler ein so junger Hund.+++

Aus der Begegnung, bei der Jansen den Erzähler fotografiert hat, entsteht eine nähere Bekanntschaft; der Erzähler ist fasziniert von Jansen und dessen Lebensstil. Jansen jedoch ist klar geworden, dass er mit seiner Arbeit Erinnerung nicht konservieren kann und entscheidet, sich bewusst dem Vergessen anheimzugeben. Der Erzähler wird Zeuge dieses Rückzugsprozesses, in dessen Verlauf Jansen auch alle Freundschaftsbande auflöst und versucht, dagegen anzukämpfen, "... weil ich mich weigerte, Personen und Dinge einfach verschwinden zu lassen." Er beginnt, Jansens Fotos zu katalogisieren, die dieser lose in drei Koffern aufbewahrt, doch eines Tages ist Jansen mitsamt seinen Koffern verschwunden. Der Fund eines einzelnen Fotos von damals in der erzählerischen Gegenwart von 1992 bewegt den Erzähler, der Vergangenheit nachzuspüren, indem er die damaligen Stätten der Begegnung aufsucht und die wenigen ehemaligen Freunde Jansens ausfindig zu machen sucht, was ihm nicht gelingt.

Das Minimum an Handlung tritt zurück hinter die eigentlichen Themen des Romans. Die Welt des Erzählers, die Welt von Modiano, ist eine Welt ohne feste Grenzen in der Zeit. Verschwimmende Grenzen ("Es ist leicht, auf die andere Seite zu gelangen.") sind überhaupt das Thema des Romans; sei es die zwischen Traum und Wachheit, zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Fiktion und Realität, Umgebung und Selbst ("mit dem Dekor verschmelzen") oder den Lebenden und den Toten. Auf seiner Suche gerät der Erzähler in einen Zustand von Unwirklichkeit, "...so dass er noch einmal das Datum und die Schlagzeilen der Zeitung [las], die ich in der Hand hielt, um mich der äußeren Welt zu vergewissern." Ein weiteres Thema ist das Licht: Das Licht in den Straßen von Paris; das Licht "... in dem wir in meiner Erinnerung spazieren gehen, ..."; das natürliche Licht, das Jansen auf seinen Fotos einzufangen sucht und das so schwer zu fassen ist. Oft glaubt er zu träumen, oder Erinnerungsfetzen von Träumen drängen sich in sein Bewusstsein, und einmal widerfährt ihm im Traum die Erkenntnis, er selbst sei Francis Jansen, so dass sich in die Liste der Entgrenzungen auch die zwischen den Identitäten reiht, die in völlige Auflösung übergehen: "Es war zu Ende. Ich war nichts mehr."

Die Melancholie des Textes, der die wehmütige Empfindung eines Déja vu vermittelt, nimmt unweigerlich gefangen und versetzt in eine wie schwebende Stimmung. Dazu tragen auch die atmosphärischen Beschreibungen des Pariser Frühlings bei, den man mit dem Erzähler zu erleben meint. Wie sein deutscher Verleger Jo Lendle sagt, besteht Modianos Kunst darin, "die Dinge der Welt auf eine zärtliche Weise zu umwehen".

Modianos Text ist keiner, der zur Identifikation einlädt oder (zumindest mir) persönliche Aufschlüsse verschafft. Ich hätte mir mehr Substanz, Biss, ein Ziel gewünscht. Und doch ist er auf unverkennbare Art besonders.


Kindeswohl
Kindeswohl
von Ian McEwan
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 21,90

7 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Regelwerk, 9. Januar 2015
Rezension bezieht sich auf: Kindeswohl (Gebundene Ausgabe)
Fiona Maye ist eine Säule der Gesellschaft: Als Familienrichterin bekannt für ihre klugen, präzisen und obendrein elegant geschriebenen Urteile hat sie mit ihren 59 Jahren einen fast schon salomonischen Grad an richterlicher Weisheit erlangt. Zu ihrem heimlichen Kummer kinderlos geblieben, lebt sie in harmonischer Ehe mit dem Historiker Jack und widmet sich in ihrer knappen Freizeit dem klassischen Klavierspiel, während Jack eher dem Jazz zugeneigt ist, den Fiona zu ihrem Bedauern nicht spielen kann: "No pulse, no instinct for syncopation, no freedom ... Respect for the rules."

Die Harmonie wird empfindlich gestört, als Jack, ganz klassische Midlife Crisis, ihr eröffnet, er gedenke eine Affäre mit einer 38jährigen zu beginnen: "I love you, but before I drop dead, I want one big passionate affair." Typisch für McEwans Ironie, dass dieses romantische Ziel ausgerechnet mit einer Statistikerin angesteuert werden soll; man ahnt gleich, das kann nicht funktionieren.

Gedemütigt und erschüttert versucht Fiona, weiterhin in ihrem anspruchsvollen Job zu bestehen und muss feststellen, dass ihr all die professionelle Weisheit und Erfahrung im Umgang mit entzweiten Paaren nicht zu der nötigen Gelassenheit in der persönlichen Krise verhilft. Im Gegenteil, sie findet sich wieder "down there with the rest, swimming with the desolate tide."

Wie immer ist McEwans Figurenzeichnung meisterlich, seine Sprache dicht und ziseliert bis ins letzte Komma. Wieder erstaunte mich, wie verblüffend gut er sich in eine weibliche Psyche hineinversetzen kann. Fionas innerer Aufruhr, ihre Wut, Demütigung, ihr Versuch, gelassen zu bleiben, ebenso wie ihre Analyse der möglichen Gründe der Ehekrise, all das ist glaubwürdig und authentisch. Er schreibt über diese rationale Frau, die über ihre Gefühle nicht sprechen kann, mit spürbarer Sympathie; offenkundig mag und respektiert er seine Protagonistin, bzw. das, wofür sie steht: Fiona gehört zu den rechtschaffenen Arrivierten, die sich von ihrem beruflichen Erfolg nicht haben korrumpieren lassen, sondern immer noch ein empfindsames Gewissen besitzen, an dem sie ihre Handlungen messen.

Zur Illustration von Fionas Alltag lässt der Atheist McEwan eine Phalanx von Fällen aufmarschieren, deren Gemeinsamkeit jeweils im Konflikt zwischen den Glaubenssätzen der Eltern und dem Kindswohl besteht. Seine detailreiche Darstellung der jeweiligen Fälle zeigt, wie fasziniert er von dem komplexen, stets um das Beste bemühten, trotzdem fehlbaren Rechtssystem ist, von dem in einem Rechtsstaat so viel abhängt. Als es schließlich um den Fall des Teenagers geht, der lieber sterben will als eine Bluttransfusion zu akzeptieren, wird es spannend wie in einem Grisham-Reißer. Natürlich ist kein anderer Urteilsspruch möglich als der, der das Leben des jungen Mannes rettet, und natürlich widersteht McEwan der Versuchung, die fehlgeleiteten Eltern, Zeugen Jehovas, zu überzeichnen.

Adam (der mich an gewisse Elfen- oder Vampirgestalten aus weit weniger literarischen Werken erinnert hat), nicht Jack, ist es letztlich, der Fiona an ihre emotionale Grenze bringt. Die Beziehung zwischen Fiona und Adam gelangt an einen Punkt, an dem ich mich fragte, wie McEwan aus dieser Nummer ohne Geschmacklosigkeiten wieder herausfinden will - und hier hätte seine allzu elegante Auflösung mehr Biss vertragen können. Umso überzeugender, dass Fiona, die Adams juristische Rettung gewesen ist, auf der menschlichen Ebene scheitert: Das, was sie im Beruf so erfolgreich gemacht hat, das strikte Befolgen von Regeln, wird Adam zum Verhängnis.

Die Kritik hat McEwans neuen Roman mehrheitlich als zu glatt und bürgerlich verworfen. Ich habe ihn ganz anders gelesen - es ist ein Buch über die Grenzen der Objektivität, über das Scheitern im Erfolg, vor allem aber über die Feigheit der Moral. Großartig zu lesen, mitreißend wie ein Justizthriller. Chapeau!


Die Wahrscheinlichkeit des Glücks: Roman
Die Wahrscheinlichkeit des Glücks: Roman
von Gisa Klönne
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

11 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Trivial und kitschig - spannendes Thema verschenkt, 10. Dezember 2014
Gisa Klönne macht ihren zweiten Ausflug ins Genre des Familienromans - und ich, erklärter Judith Krieger-Fan, habe mich erstmalig (und erwartungsvoll), auf die "andere" Klönne eingelassen.

Das Setting ist vielversprechend: Frieda ist eine arrivierte Astronomin mit dem Spezialgebiet Exo-Terrestrik; Arno, Bohemien und Zyniker, schreibt schmalzige Erotikromane und hat einen großen Roman in der festplattenförmigen Schublade. Friedas Tochter liegt im Koma, nachdem ein Geschenk ihrer siebenbürgischen Großmutter sie so verstört hat, dass sie einen Unfall verursacht. Frieda, außer sich vor Sorge, kann sich die Wirkung des Geschenks nicht erklären und versucht, dieses Rätsel zu entschlüsseln. Bei ihren Recherchen, die sie bis ins KZ Sachsenhausen führen, trifft sie auf Arno, der ebenfalls eine familiäre Verbindung zu Siebenbürgen und eine ebenso schwierige Geschichte aufgrund kriegsgeschädigter Eltern hat.

Ein spannendes Thema also, denn es geht um Migration und Heimat, vor allem aber um die transgenerationale Weitergabe von Kriegstraumata, ein wichtiges Thema für die große Zahl der heute über 50jährigen. Warum und wie wirken sich diese Ereignisse bis in das heutige Leben von Menschen aus, die niemals einen Krieg erlebt haben? Wie ist es möglich, dass gegenwärtige Beziehungen dadurch immer noch beeinflusst, ja beeinträchtigt werden können?

Nach einer recht originellen ersten Begegnung von Frieda und Arno wich mein anfänglicher Lesespaß zunehmender Irritation. Da ist vor allem die Sprache, die immer klischeehafter wird, und da sind die Interaktionen, die in den Kitsch abdriften und das Thema zunehmend trivialisieren. Immer wieder werden Dinge gedacht oder getan "aus irgendeinem (unerklärlichen) Grund", ja welchem denn? Es wird "unergründlich" gelächelt, es gibt die "blutjunge Kellnerin"; das Lachen der weiblichen Figuren "perlt" gerne mal; es wird reichlich allseits gezittert; es hagelt Alltagsweisheiten der plattesten Art "Man konnte Kinder nicht von den Realitäten des Lebens verschonen (...)", wo man obendrein an den Rand "Präposition!" schreiben möchte ... Die entscheidende Begegnung der Protagonisten kommt, ganz Hollywood, leider nicht ohne Regenguss und verlaufenden Mascara aus, und außerdem schwelgt Klönne gern im "tiefsten Inneren" oder hat "etwas tief in ihr immer gespürt". Ist dies das Resultat davon, "dass man jeden Tag seine Seiten schaffen muss, um den Drucktermin zu halten ..." ? (Zitat der Autorin). Nicht nur - der Hund liegt tiefer begraben als auf der Sprachebene.

Nachdem nämlich die Autorin das Problemfeld abgesteckt, die inneren Konflikte ihrer Protagonisten konstruiert hat, macht sie alles zunichte, indem sie ihnen - á la dea ex machina - alle Hindernisse aus dem Weg räumt. Gerade rechtzeitig wird gestorben, fliegt ein Betrug auf, wird die Wohnung unbewohnbar - alles geschieht wie bestellt, ganz ohne die Notwendigkeit unbequemer Entscheidungen - etwa die, eine langjährige, gute Ehe für eine neue Leidenschaft aufzugeben.

Ich mag es auch nicht, wenn Figuren unter den ihnen zugeschriebenen Möglichkeiten handeln. Würde eine hochintelligente Frau wie Frieda tatsächlich derart flachsinnig über die die Erhabenheit des Alls philosophieren? "Wir sind wir. Jetzt ist Jetzt," lässt sie Arno an anderer Stelle sagen. Das mag eine der fundamentalen Erkenntnisse menschlicher Existenz sein, die Kunst bestünde allerdings darin, es nicht ganz so platt rüberzubringen. Die Auflösung beider elterlicher Konflikte war mir zu ähnlich und zu gefällig, und auch das Ende des Romans enttäuscht: Wenn eine Handlungsfolge so dramatisch ist wie der Unfall Alines, muss die Ursache es auch sein. Stattdessen fragte ich mich bis zum Schluss, ob das alles gewesen sein konnte, aber leider: Ja, war es! Schließlich dümpelt die Story in eine Art von offenem Happy End.

Fazit: Die Thematik der weitergegebenen Kriegstraumata und die Historie Siebenbürgens bieten einen originellen und anspruchsvollen Ansatz, der aber durch eine allzu triviale Sprache und eine kitschige Konstruktion verschenkt wird. "Man darf sich nicht täuschen lassen von seinen Erwartungen", ist das Lebensmotto, das Klönne ihrer Heldin Frieda zugeschrieben hat. Ein Rat, den ich beherzigen muss. Daher, leider, keine Leseempfehlung.


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