Profil für Tim Farin > Rezensionen

Persönliches Profil

Beiträge von Tim Farin
Top-Rezensenten Rang: 3.863.654
Hilfreiche Bewertungen: 129

Richtlinien: Erfahren Sie mehr über die Regeln für "Meine Seite@Amazon.de".

Rezensionen verfasst von
Tim Farin (Köln)
(REAL NAME)   

Anzeigen:  
Seite: 1 | 2
pixel
Good Night, and Good Luck
Good Night, and Good Luck
DVD ~ George Clooney
Preis: EUR 6,99

19 von 21 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Dringend notwendige Einblicke, 1. März 2007
Rezension bezieht sich auf: Good Night, and Good Luck (DVD)
George Clooney hat mit dem Film "Good Night, and Good Luck" ein Thema stilgerecht und dramaturgisch überzeugend inszeniert, das vor allem die Gegenwart der "Medien-Demokratien des Westens" existenziell betrifft. Er arbeitet in einer unaufgeregten, ruhigen und historisch anmutenden Art die Geschehnisse in der Murrows-Redaktion des US-TV-Netzwerks CBS auf, die den politischen Hetzjagden des radikalen Antikommunisten und Senatoren McCarthy per investigativer Recherche und ethischer sowie juristischer journalistischer Fragestellung ein Gegengewicht verlieh. Es ist nicht schwer zu erkennen, dass die Art der Schwarz-Weiß-Inszenierung uns auf das eigentliche Problem des Films hinweisen will, und das ist gut so: Aufrichtige, intensive, mit den herrschenden Verhältnissen kritisch ins Gericht gehende Medien, vor allem TV-Redaktionen, sind heute vom Aussterben bedroht und sehen sich immer stärker der Quoten-Konkurrenz von Unterhaltungsformaten ausgesetzt. Was Murrows schon in den 50er Jahren wusste, schreibt sich heute nahtlos fort, und vielerorts ist es bereits zu spät für - als verbissen oder weltfremd angesehene - moralische Appelle. "Good Night, and Good Luck" erlaubt sich einen solchen Appell: Medien haben nicht nur die Aufgabe, dem Unterhaltungsdrang mit Quiz-Shows und Werbeveranstaltungen oder jubelden Sportübertragungen nachzugehen, sie haben - und deswegen werden ihnen in Amerika ebenso wie in Deutschland besondere verfassungsrechtliche Spielräume zugestanden - die Rolle der kritischen Aufklärung im Dienste der Demokratie. Der Film zeigt, wie so etwas geht: Welche Konflikte in Redaktionen herrschen, wie sich Journalisten mit Mächtigen in ihrer eigenen Organisation und in der Politik anlegen, welche Unsicherheiten und Gewissensfragen jede brisante Recherche aufwirft. Er ist gerade wegen seiner stilisierten Antiquiertheit für uns höchst aktuell.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Nov 2, 2013 1:42 PM CET


Miami Vice
Miami Vice
DVD ~ Jamie Foxx
Preis: EUR 6,99

7 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Ausglutschte Sprüche, schwache Dramaturgie, 15. Februar 2007
Rezension bezieht sich auf: Miami Vice (DVD)
Wie ein Tour-de-Force-Ritt durch Crime und Forbidden Love treibt der Regisseur in Miami Vice das Geschehen ohne Rücksicht auf eine Erzählung voran. Die Ereignisse schmettern nur so auf den Zuschauer ein, ebenso wie die Projektile nur so durch die Luft schießen. Es geht um Drogen, verdeckte Ermittler, Gangs, ziemlich brutale Typen und auch total coole Cops. Alle Figuten sind unverantwortlich platt dargestellt, der Film entwickelt an keiner Stelle auch nur ansatzweise so etwas wie Hintergrund oder Tiefe - was ein guter Action-Film schon tun sollte. Er ist kitschig, klischeebeladen und in fast allen Sequenzen vorhersehbar. Einzig die technische Umsetzung, die Kameraeinstellungen in den Ballerszenen, sind ausgefeilt. Aber das reicht nicht. Dieser Film ist schrott, und es ist eine Schande, dass Schauspieler wie Foxx und Farrell sich dafür hergeben.


Angst essen Seele auf [VHS]
Angst essen Seele auf [VHS]
VHS

3 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Problem bleibt, Gesellschaft wandelt sich, 24. Juli 2003
Rezension bezieht sich auf: Angst essen Seele auf [VHS] (Videokassette)
Der Film "Angst essen Seele auf" setzt sich auf berührende Weise mit dem Problem der Fremdenfeindlichkeit auseinander. Die Protagonistin tanzt aus Neugierde und Zufall mit dem marokkanischen Gastarbeiter - und es entwickelt sich eine Liebesgeschichte, die gegen die anerkannten Konventionen ihrer Zeit wirkt: Familie und Bekannte, ja die ganze deutsche Gesellschaft scheint gegen den Fremden und das Fremde im Allgemeinen zu sein. Aggressionen brechen durch, hinter dem Rücken wird getuschelt und gemobbt. Die Auseinandersetzung mit dem Thema Ausländerfeindlichkeit/Fremdenhass/Xenophobie wird in Fassbenders Film drastisch präsentiert - und geht unter die Haut. Unter die Haut gehen auch die Auswirkungen, die diese Diskriminierungen auf die Charaktere zeitigen. Der Film zeigt die Ausgrenzung auf deutliche Art und regt zum Nachdenken darüber an, wie man sich selbst gegenüber "Fremden" verhält. Ein kleines Manko für den Zuschauer 30 Jahre nach Dreh: Viele Situationen wirken überzeichnet, die gesellschaftliche Situation hat sich gewandelt. Blanke, krasse Vorurteile, wie sie im Film gezeigt werden, sind teilweise aufgelöst, teilweise durch andere - oft nicht weniger diskriminierende - Verhaltensmuster ersetzt worden. Die rassistischen Charaktere in Fassbenders Film kommen teils ein wenig unglaubwürdig, da schematisch daher. Aber: Das ist vielleicht auch Teil der Botschaft. Die menschliche Beziehung der Protagonisten spielt sich vor einer gefühlstauben und flachen Kulisse aus Gegnern ab. Ein weiterer Aspekt ist durchaus hervorhebenswert: Brigitte Mira, 20 Jahre älter als ihr geliebter Film-Mann, zeigt auf eine berührende Art, wie sehr sie ihn liebt. Fast naiv kommt sie daher, hofft auf das Bessere, auf den Traum der Liebe - Szenen und Blicke, die unter die Haut gehen.


Hail to the Thief
Hail to the Thief
Wird angeboten von Lowe Records
Preis: EUR 11,80

5 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Der Wolf vor der Tür, 1. Juli 2003
Rezension bezieht sich auf: Hail to the Thief (Audio CD)
Manche beschreiben das neue Radiohead-Album "Hail to the Thief" als eingängiger denn die vorangegangene Doppel-Ladung "Amnesiac"/"Kid A". Das mag man so sehen. Eingängigkeit, das tut mir leid, sollte aber nicht die primäre Messlatte sein - denn was hier bei "HTTT" über den Hörer kommt, ist schwer zu verarbeiten. Sicher: Es klingt ein Stück rockiger, was da geschieht. Doch hören wir hin: "Wir sind Unfälle, die darauf warten zu passieren. - Dass Du es fühlst, bedeutet nicht, dass es es gibt." Das ist alles andere als eingängig - das ist tief ergreifende Musik mit tief mitreißenden, teils verwirrenden Texten.
Radiohead, man merkt es, sind über das Geschäftliche, das Gewerbliche der Musikbranche längst hinaus. Man hörte es im Ansatz auf ihren frühen Alben. Dann brachen sie, dekonstruierten alles mit ihren zwei - trotz allem - erfolgreichen "Abdreh"-Alben. Und verdrehten alles nochmals live, nahmen die Pop-Qualität noch mehr heraus. Jetzt steht ein neues Werk von ihnen im Plattenschrank, selbstbewusst als Kunstwerk und doch voller Zweifel. (Übrigens: Die Verpackung der Limited Edition ist sowohl ein gigantischer Gag als auch wirklich ein guter Grund, CDs zu kaufen und nicht nur zu "saugen")


Berlin Babylon [VHS]
Berlin Babylon [VHS]
VHS

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Alles nur künftige Ruinen, 3. September 2002
Rezension bezieht sich auf: Berlin Babylon [VHS] (Videokassette)
Mit hoher Geschwindigkeit schwenkt die Kamera über grüne Wälder und Vorortbezirke, bevor sie über dem Stadtkern von Berlin zum Stehen kommt. Dort fokussiert sie den Fernsehturm am Alexanderplatz, wo in Schwindel erregender Höhe Bauarbeiter Renovierungsarbeiten nachgehen. Unter ihnen zeigt sich das Berlin der 90er Jahre: eine ganze Stadt als monströse Baustelle.
Zwischen 1996 und 2000 ließ der Dokumentarfilmer Hubertus Siegert die Kameras im Dauerbetrieb laufen, um den Wandel in der seit November 1989 wiedervereinten Stadt festzuhalten. Berlin Babylon heißt das Endprodukt, das mit seinen eindrucksvollen Bildern und faszinierenden Einstellungen ein bleibendes Dokument darstellt. Siegerts Ziel war es, die hektische Betriebsamkeit an Berlins Baustellen und das rasende Tempo des Wandels in der deutschen Hauptstadt durch eine ruhigere Sicht zu bremsen.
Im Mittelpunkt von Berlin Babylon steht kein einzelner Mensch, auch kein Meisterplan oder kein prunkvolles Gebäude. Stararchitekten wie Helmut Jahn, Axel Schultes oder Renzo Piano erscheinen zwar kurz auf der Leinwand und versuchen, sich als Dirigenten des Städtebaus zu inszenieren. Aber ihre Worte gehen unter im Maschinenlärm der Konstruktionsarbeiten. Siegert führt keine Interviews mit Politikern, Bauherren oder Investoren. Er beschränkt sich auf unkommentierte Eindrücke, Momentaufnahmen. Ebenso stark konzentriert er sich auf die Bauarbeiter, die mit hartem Körpereinsatz den Wandel herbeiführen.
Der Regisseur bewegt sich quer durch die Metropole, von Baustelle zu Baustelle, und lässt mittels der Kamera die vielen konträren Visionen und Meinungen über Berlins neue Gestaltung gleichwertig am Zuschauer vorbeiziehen. Dabei ist er keiner Chronologie verhaftet, streift mit dem Film frei durch die Zeiten. Er zeigt, dass Bauen immer auch eine Auseinandersetzung mit der Geschichte und meist ein Tilgen des Erbes der Vergangenheit ist.
Diese historische Dimension verdeutlicht Siegert mit den Worten von Walter Benjamin: Durch die menschliche Geschichte ziehe sich ein tosender und zerstörerischer Sturm, der im Laufe der Zeiten einen stets wachsenden Trümmerhaufen hinterlasse. Diese katastrophale Kraft sei ein unabwendbarer Teil der Historie. Benjamins Fazit: „Das, was wir Fortschritt nennen, ist dieser Sturm."
Zum Titel des Films: Babylon, so wird im Prolog vorausgeschickt, steht für das Streben einer Kultur, sich mit den eigenen Bauwerken unvergängliche Denkmäler zu setzen. Aber es steht auch für das tragische Scheitern dieses großen Vorhabens. Wie die Bauherren des Turms von Babel, reden auch die Planer des neuen Berlin in diesem Film aneinander vorbei.
Berlin Babylon zeigt in ästhetischen Bildern das ganze Ausmaß der Umgestaltung nach dem Fall der Mauer. Zwar erscheint Berlin als eine Stadt rapider Modernisierung, dennoch bricht die Vergangenheit überall hervor. Am deutlichsten wird dies im Schlussbild: Die Arbeitsstelle des Nazi-Architekten Albert Speer, das neu errichtete Hotel Adlon, die brachliegende Fläche des geplanten Holocaust-Mahnmals und im Hintergrund die monumentalen Glasfassaden des neuen Potsdamer Platzes werden zu einer eindrucksvollen Komposition verbunden. Zum Abspann erklingt Musik der Berliner Band „Einstürzende Neubauten", die die Töne ihrer Lieder mit Werkzeugen, Maschinen und Baumaterialien erzeugt. Zu einem hämmernden Rhythmus setzt der Gesang ein, das eigentliche Fazit von Berlin Babylon: „Alles nur künftige Ruinen, Material für die nächste Schicht."


Die Blendung. Roman.
Die Blendung. Roman.
von Elias Canetti
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,95

4 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ideale Charaktere, 30. August 2002
Rezension bezieht sich auf: Die Blendung. Roman. (Taschenbuch)
Canettis Blendung ist ein ungeheuer umfangreiches, begeisternd starkes Buch. Die Auswahl der Charaktere ist von so tiefgreifender Präzision, Vielfalt und Fantasie - mir fällt momentan keine Parallele ein! Es geht um Verstrickungen, um Herrschaft und Ethik (die vielleicht nicht vorhanden ist), um soziale und persönliche Zwänge. Unheheuer geistesbetont: Die Dinge spielen sich irgendwie - obwohl sie doch in der realen Welt zu sein scheinen - in einer fantastischen, idealisierten Welt ab - die Charaktere sind so stark überzeichnet, dass das Lesen sogleich Freude bereitet, aber auch stets zum Nachdenken anregt.


Im Krebsgang: Eine Novelle
Im Krebsgang: Eine Novelle
von Günter Grass
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,00

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Unentrinnbarer Zusammenhang, 14. August 2002
Grass hat mit der Novelle "Im Krebsgang" sehr zeitgemäß und aktuell ein historisches Thema ausgegraben, das voller Schmerz, Scham und Verflochtenheiten steckt. Es geht um die Versenkung der Wilhelm Gustloff, des einstigen Nazi-KDF-Schiffs, das in seiner letzten Stunde ein Flüchtlingstransporter wurde.
Hervorragend gelungen ist die Inszenierung zu Beginn: Die Synopsen dreier Hauptcharakterere. Da gibt es den Blutzeugen, Namensgeber des Schiffes (Gustloff), den jüdischen Attentäter Frankfurter, der dafür sorgt, dass Gustloff zum Nazi-Helden und Namensgeber emporsteigt, und den russischen U-Boot-Kapitän Marinesko, der am Ende das Nazi-Schiff mit Tausenden ostpreußischen'Menschen versenkt.
Gut gelungen ist die Gegenüberstellung, überraschend gut auch die zeitgemäße Bezugnahme. Das Buch spielt zu einem nicht geringen Teil im Internet. Darin ist es besser geworden, als man befürchten könnte - hin und wieder eignen sich die Abläufe im Netz jedoch wegen ihrer fehlenden Chronologie nicht für eine Wiedergabe in Romanform.
Ansonsten ist das Buch durchaus lesenswert, hat einen starken ethischen Wert und stellt ein gelungenes Beispiel dafür dar, wie man Geschichte beleuchtet, ohne Partei zu ergreifen und Revisionismus zu betreiben.


América: Roman
América: Roman
von T. C. Boyle
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,90

8 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Das Ende ist uneträglich überraschend, 3. August 2002
Rezension bezieht sich auf: América: Roman (Taschenbuch)
In TC Boyles Buch "America" geht es um illegale Einwanderer und den reichen Norden, der sich vom armen Süden abschottet. Kalifornien ist der Schauplatz, eine raue Natur.
Reiche und arme illegale Einwanderer kommen sich in die Quere. Sie sprechen nie miteinander. Sie hassen einander. Sie haben kein Verständnis für das, was die anderen durchmachen und erleben. Sie können keinen Schritt über die eigenen Grenzen tun. Vor allem die reiche Seite schottet sich ab, während sich die Mexikaner in aasfressende Beutetiere verwandeln.
In diesem Buch erlebt man eine große Zahl brutaler Momente, aber auch immer wieder überraschende, neugierig machende Wendungen. Wie geht es weiter?, möchte man gerne wissen. Gibt es für das eingewanderte Ehepaar nicht doch einen Funken Hoffnung? Können sich die Reichen und die Armen nicht doch versöhnen? Boyle lässt das nicht zu. Vielmehr werden die Konflikte immer heftiger, die Entwicklung immer unmenschlicher - bis das große Ende kommt. Ein Ende mit Mischung aus tiefster Verzweiflung und diesem kleinen Funken Hoffnung, der alles noch viel unerträglicher macht.
Ein Buch, das zwar manchesmal ein wenig lapidar daherkommt, aber insgesamt ganz hervorragend zu lesen ist und mit seiner Handlung wirklich packt.


1979: Roman
1979: Roman
von Christian Kracht
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 17,90

4 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Trockene Sprache, lineare Handlung, zu großes Thema, 4. März 2002
Rezension bezieht sich auf: 1979: Roman (Gebundene Ausgabe)
Viel ist schon geschrieben worden. Ich fand die Sprache, die aufgrund ihrer Trockenheit besonders hervorgehoben worden ist, teilweise langweilig, teilweise ungenügend, teilweise angemessen, aber insgesamt viel zu wenig "geschriftstellert". Der Ablauf der Geschichte kam mir insgesamt nicht zwingend vor. Zwar ist eine Steigerung und ein Durchlauf der sozialen Krisen/Problempunkte Asiens recht eindrücklich, nur fehlt es an Tiefgang, an Notwendigkeiten: die großen Ereignisse, die hier geschildert werden, kommen unglaubwürdig, steril daher. Und das ist ein Mangel, egal wie man es nennt.


Bilder vom Juden: Studien zum alltäglichen Antisemitismus
Bilder vom Juden: Studien zum alltäglichen Antisemitismus
von Wolfgang Benz
  Taschenbuch

9 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen VORURTEILE UNTERSPÜLEN DEN GEIST, 26. Februar 2002
Bilder vom Juden. Studien zum alltäglichen Antisemitismus erforscht tradierte und noch immer vorhandene antisemitische Stereotypen im deutschen Sprachraum, die heute nicht mehr als offener Antisemitismus vertretbar, aber verdeckt wirksam sind. Benz bedient sich hierbei vor allem aus literarischen und intellektuellen Beiträgen wie Rainer Werner Fassbinder, Heinrich Mann, Theodor Fontane und durchstreift die deutsche und schweizerische Vergangenheit und Gegenwart, um Klischees und judenfeindliche Darstellungen zu zerlegen. Zehn Beiträge aus der Feder des Zeitgeschichtlers sezieren den „alltäglichen Antisemitismus“. Benz zeigt die Tradition des Bildes vom mächtigen und reichen Juden auf. In der Literatur findet er eine reichhaltige Geschichte dieses Stereotyps, angefangen bei christlichen Schmähungen der Juden als Gottesmörder, Wucherer und Brunnenvergifter, die sich festsetzten und zu unverrückbaren Vorurteilen wurden. Sie wirken noch heute, wenn im Kontext der Zwangsarbeiterentschädigung behauptet wird, die wohlhabenden Juden aus Amerika würden sich skrupellos bereichern und hätten doch eigentlich schon längst genug Geld abkassiert. Einen neuralgischen Punkt in der Geschichte des Antisemitismus macht Benz in den „Protokollen der Weisen von Zion“ aus. Er zeigt, wie aus einer dubiosen und frei erfundenen Verleumdungsschrift aus dem 19. Jahrhundert nach und nach eine mythische Verschwörungstheorie entstand, die sich weltweit verbreitet und etabliert hat. Aus einem fanatischen Gespinst, so zeigt Benz, kann rasch ein gesellschaftlich wirkendes Vorurteil werden.
Mit großer Übersicht blickt Benz auf die öffentliche Spannung zwischen Antisemitismus und ihrer Gegenposition, auf die stets wiederkehrenden Rufe nach „Normalisierungen“ und die schwierige Gemütslage der wachsenden jüdischen Gemeinde in Deutschland. Vor diesem Hintergrund kommt er schließlich auf die gesellschaftliche Rolle der Antisemitismusforschung zu sprechen. Benz fordert für sie einen ausdefinierten und wichtigen Stellenwert. Vereinfachende Erklärungen seien nicht genügend, um die gesellschaftliche Wirklichkeit zu verstehen und ihre Probleme zu beseitigen. Deswegen glaubt Benz daran, dass ein Ausbau der deutschen Antisemitismusforschung dringend notwendig ist. Auch, um andere Gruppen vor den Auswirkungen von Vorurteilen zu schützen.


Seite: 1 | 2