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Rezensionen verfasst von
Julio

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5 Original Albums
5 Original Albums
Preis: EUR 12,49

4.0 von 5 Sternen Schönes Einstiegspaket...oder doch nicht?, 2. September 2015
Rezension bezieht sich auf: 5 Original Albums (Audio CD)
Irgendwie ist dieses Set weder Fisch noch Fleisch. Enthalten sind, wie z.B. auch bei Status Quo, vier Originalalben und eine Compilation. Allerdings ist die einhellige Meinung fast aller Saga-Fans, dass die wichtigste Schaffensphase der kanadischen Band aus den ersten vier Alben besteht. Von denen ist hier nur "Images at Twilight" (1979) enthalten, dass von den vieren am seltensten genannt wird, wenn es um das beste Saga-Album geht. Die restlichen drei markieren eher die langsame, aber unübersehbare Entwicklung vom zugänglichen, locker-flockigen Prog/Melodic-Rock/Artpop der Anfangsjahre hin zu einem eher AOR-geprägten Sound. Auch das konnten Saga ganz gut, wie speziell "Behaviour" (1985) zeigt, aber speziell das ohne Keyboarder Jim Gilmour und Drummer Steve Negus aufgenommene "Wildest Dreams" (1987) mit seinem immer noch komplexen, aber definitiv deutlich kommerzielleren Poprock spaltet Fans bis heute. "Heads or Tales" (1983) steht als Übergangsalbum irgendwo dazwischen und bietet Abwechslung zwischen großartig ("The Flyer"), völlig abgefahren ("The Pitchman") und langweilig ("The Writing").

Nun gut, man könnte annehmen, dass die fehlenden Klassiker aus "Saga", "Silent Knight" und "Worlds Apart" dann auf der beigepackten Compilation enthalten sind. Aber Pustekuchen! Die zwei womöglich besten Saga-Songs überhaupt, "Humble Stance" und "Don't Be Late (Chapter 2)" sucht man hier vergebens. Die seltsam betitelte "How Do I Look" ist eine Budget-Zusammenstellung des Labels Spectrum aus den Neunzigern und der Sinn hinter der Auswahl erschließt sich mir nicht wirklich. Drei Songs von "The Beginner's Guide to Throwing Shapes" (1989) sind eine willkommene Ergänzung, aber sechs der vierzehn Songs sind Dopplungen mit den Alben im Set. Vom Debütalbum gibt es nix (!), kein "How Long", kein "Humble Stance", kein "The Perfectionist". Von "Silent Knight" sind nur "Time to Go" und "Too Much to Lose (Chapter 7)" enthalten (und nicht etwa die Klassiker "Don't Be Late (Chapter 2)" oder "Careful Where You Step"), von "Worlds Apart" nur "On the Loose" und "Amnesia". "Wind Him Up" gibt es als Liveversion, was mich gleich zur Frage bringt, warum man nicht gleich das Livealbum "In Transit" (1982) mit dazugepackt hat - da wären nämlich die von mir geforderten Klassiker alle mit drauf gewesen. Eine andere Option wäre die Compilation "1978-1993: All the Best" (1994) gewesen, mit 15 Songs, von denen 10 nicht auf den vier hier enthaltenen Alben vertreten sind. Gut, da ist "Beginner's Guide" komischerweise nicht vertreten, aber dafür gibt es zwei Songs von "The Security of Illusion" (1993) und praktisch alle Klassiker. Auch "Defining Moments, Volume One" (ein Volume Two hat es nie gegeben!) und "The Very Best Of…" (auf der leider "Don't Be Late" fehlt) enthalten nur je fünf Überschneidungen mit den vier oben erwähnten Alben bei jeweils 15 Tracks.

Zum Sound: Universal hat keine Rechte an den Anfang der 2000er bei SPV erschienenen Remasters. Im Hinblick auf Bonustracks geht da nicht viel verloren, und da der Sound der Remasters auch nicht unbedingt über den grünen Klee gelobt wird, kann man durchaus mit den hier enthaltenen Polydor-CDs zufrieden sein. Bis auf das extrem kalt-sterile "Heads or Tales" klingen diese CDs ziemlich angenehm - dynamisch (DR-Werte zwischen 11 und 16) und ausgewogen-luftig, allerdings auch recht bassarm, was mich aber nicht besonders stört. Auch "How Do I Look" klingt gut.

Für den Saga-Neueunsteiger ist dieses Set nicht schlecht, aber es führt kein Weg an den Alben "Saga", "Silent Knight" und "Worlds Apart" vorbei. Oder zumindest noch eine der erwähnten Compilations als Ergänzung, denn ohne "Don't Be Late" oder "Humble Stance" geht nun wirklich gar nix.

PS: Okay, jetzt bin ich echt erstaunt... es gibt doch tatsächlich seit kurzem eine Volume 2 mit "Saga", "Silent Knight", "Worlds Apart", "In Transit" und "Pleasure and the Pain" (!).


Sector 3
Sector 3
Preis: EUR 39,99

4.0 von 5 Sternen Eine Progband in den Achtzigern…, 2. September 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Sector 3 (Audio CD)
Diese Box enthält das letzte Drittel der Mercury-Jahre, also die fünf Alben "Signals" (1982), "Grace under Pressure" (1983), "Power Windows" (1985), "Hold Your Fire" (1987) und "A Show of Hands" (live, 1988). "Signals" ist zudem als DVD-Audio in Hi-Res-Stereo und 5.1 Surround enthalten. (Also mit voller Auflösung nur über DVD-A kompatible Player oder Computer mit entsprechender Software wie z.B. foobar2000 abspielbar.) Wie es danach weiterging, kann man in der Box "The Studio Albums 1989 - 2007" nachhören (wobei dort, anders als bei den Sector-Boxsets, die Livealben ausgeklammert werden; auch das Booklet ist weniger aufschlussreich, und eine DVD-A sucht man dort auch vergebens). Was davor kam, lässt sich anhand Sector 1 & 2 nachvollziehen. Musikalisch hatten sich Rush seit ihrem Debüt extrem verändert; gerade der stetig zunehmende Einsatz von Keyboards, die aufgrund des Unwillens der Band, ein weiteres Bandmitglied dazuzuholen, von Bassist und Sänger Geddy Lee bedient wurden, bestimmte in dieser Phase den Sound von Rush. Synthesizer gab es zwar schon seit Mitte der Siebziger bei Rush, aber jetzt übernahmen sie tragende Rollen - man könnte auch sagen, nahmen ziemlich überhand, denn in den Augen/Ohren vieler Fans sind Rush nun mal eine harte Gitarrenband. Es gab auch generell einen Strukturwandel, der bereits 1980 mit "Permanent Waves" seinen Anfang gemacht hatte. Nach "Moving Pictures" sollte bis 2012 kein Rush-Album mehr Songs mit mehr als sieben Minuten Laufzeit enthalten. Ganz so weit wie Genesis gingen Rush aber nicht, selbst die relativ einfach daherkommenden Songs sind unter der kommerziell angestrichenen Oberfläche immer noch ziemlich komplex (wobei Genesis neben harmlosen Singles á la "Invisible Touch" auch immer noch Longtracks auf ihren Alben hatten). Aber insgesamt wurden Rush schon zugänglicher und die Melodien massenkompatibler, weniger abweisend. Die langen, programmatischen Instrumentalabfahrten der Siebziger waren auf jeden Fall passé.

Zur Verpackung: Alle Sector-Boxen sind wirklich toll gestaltet. Hier auf den Bildern ist das nicht zu 100% erkennbar, aber die Aufmachung mit silbern glänzendem Logo (hier von "A Show of Hands") auf schwarzem Hintergrund sowie "Starman"-Logo ist einfach schön anzuschauen. Auf der Seite des Schubers ist diesmal Drummer Neil Peart abgebildet. Im Schuber stecken das dicke Booklet (alle Songtexte der Studioalben, Credits und Fotos) sowie die CD-Hüllen an sich, die jeweils den LPs nachempfunden sind (Signals und A Show of Hands sind Gatefolds). In diesen Papphüllen stecken dann die Plastiksleeves mit den CDs drin. Etwas fummelig zu bedienen, aber dafür sind die CDs gut geschützt.

Sound: Wie bei den Vorgängeralben wurde auch hier von Andy VanDette remastert, dessen Arbeit wegen Anlehnung an den Loudness-War und seiner Erwähnung von mobilen Abspielgeräten als Referenz nicht von allen Fans gutgeheißen wird. Wirklich schlimm klingt hier aber nicht viel, insgesamt empfinde ich den Sound sogar als leicht besser verglichen mit Sector 2, was womöglich an der geringeren Gitarrendominanz liegt. Kurze Anmerkungen zu jedem Album:
Signals - Klingt gut...generell bleibt das Problem, dass der Mix des Albums etwas sumpfig ist, aber am Remaster kann ich nicht viel aussetzen. Ein bisschen mehr Höhen hätten sein können.
Grace under Pressure - Die Snares sind definitiv zu leise. Auch hier gilt letztlich, dass man den speziellen Sound des Albums (irgendwie künstlich) mögen muss.
Power Windows - Viel zu viel Kompression. Wenn ich aufdrehen möchte, dann drehe ich bald wieder leise. Die Produktion des Albums an sich ist vielleicht die beste, die es je auf einem Rush-Album gab (vergleiche "90125" von Yes), wodurch das Album allerdings auch etwas steril wirkt. Aber was soll die Kompression?
Hold Your Fire - Hier hatten Rush dann ihren spezifischen, etwas eigenartigen Sound wiedergefunden. Das Remaster könnte/sollte mehr Höhen und mehr Dynamik haben. Außerdem sind hier bei mindestens einem Song ("Mission" - hier tauchen plötzlich Streicher auf) leichte Abweichungen im Mix zu hören.
A Show of Hands - Klingt für ein Livealbum sehr gut. Der Mix ist besser als auf "Exit…Stage Left" und das Mastering ist besser als bei "Different Stages". Die Liveatmosphäre kommt gut rüber.
Signals 5.1 - Dieser Surroundmix wurde generell eher mittelmäßig bewertet, was sicher auch am generellen Sound des Albums liegt, der recht dicht ist. Wer darauf (und auf einen Referenz-Mix) verzichten kann, der bekommt hier aber anhand von teils abweichenden Gesangsparts und der Verteilung auf die Kanäle (z.B. bei "Countdown") einige neue Einblicke in das Album. Bonus ist eine Bildergalerie.

Musik:
Ich schließe mich der Fraktion an, die "Signals" für das beste Rush-Album dieser Phase (und vielleicht sogar das bis heute letzte exzellente) halten. Die folgenden Alben gleiten langsam, aber sicher in eine gewisse stilistische Behäbigkeit ab, aus der sie sich erst mit "Presto" 1989 wieder befreien sollten. Für diese Phase spricht dagegen, dass Geddy Lee großartig singt und so gut wie nie mit Kreischen nervt. Außerdem waren Rush zu dieser Zeit besonders melodiebetont, was sicher auch dem einen oder anderen Hörer entgegenkommt. Später setzten sie wieder mehr auf Riffs, das aktuelle Album "Clockwork Angels" von 2012 ist eine gelungene Synthese aus beiden Ansätzen, allerdings leider entsetzlich schlecht produziert. Zurück zu den 80ern:
Signals - Geddy Lee setzt hier deutlich mehr Synthesizer als noch auf "Moving Pictures" ein, aber es sind vor allem die Einflüsse aus New Wave und Reggae, die dem Album den entscheidenden (sorry, blödes Wortspiel) Push gaben. Gerade die ungewöhnlich coolen Grooves von "Digital Man" oder "Chemistry" machen für mich den Reiz von "Signals" aus - abgesehen von Klassikern wie dem unschlagbaren "Subdivisions" natürlich.
Grace under Pressure - Irgendwie gehen hier bei mir die Probleme los. Nicht dass die Songs schlecht wären, nein, aber...irgendwie klingen sie alle gleich. Die extrem kühle, futuristische Atmosphäre hat bei Synthpop britischer Prägung besser funktioniert und macht hier einiges zunichte. Die Klimperkeyboards passen nicht zu Rush. Kennt man "Distant Early Warning", kennt man auch den Rest, überspitzt ausgedrückt.
Power Windows - Das klingt schon eher wieder nach den alten Rush: Vertrackte, an der Oberfläche massentaugliche Songs mit guten Texten mit Geddys Charakterstimme, die hier wieder so einzigartig klingt wie eh und je. Die Streicherarrangements auf einigen Songs sind ein ungewöhnlicher, aber willkommener Farbtupfer. "The Big Money" und "Marathon" sind Klassiker. Nachteil allerdings: Die Keyboards sind doch sehr in ihrer Zeit verhaftet, und an einigen Stellen spielt sich zu viel im Midtempo ab. ~ Brought to you by the letter "M"
Hold Your Fire - "PoW minus P/G = HYF?" Zwar rocken Rush hier wieder in einigen Songs wie dem druckvollen "Force Ten" etwas flotter, andererseits fällt aber eine etwas befremdliche Orientierung in Richtung New Age auf, was die Keyboardflächen und die teilweise Abwesenheit der Gitarrenriffs angeht. Zum ersten Mal überhaupt klingen Rush über weite Strecken eines Albums gezähmt und nur noch wenig abenteuerlustig. Wenig überraschend: Nur wenige Songs bleiben lange im Liveprogramm.
A Show of Hands - Wem die Studioalben zu steril sind und wer auf die schwächeren Songs verzichten kann, der bekommt hier eine fast unangreifbare Auswahl von Songs der vorigen vier Alben (Signals ist etwas unterrepräsentiert, allerdings sollte "Analog Kid" später auf "Different Stages" auftauchen) in mitreißenden Liveversionen. Dass Rush die teils extrem ausgeklügelten Arrangements weiterhin zu dritt umsetzen konnten (bei "Distant Early Warning" spielt Geddy z.B. den Bass mit den Pedalen, wann immer er die Hände fürs Keyboard braucht), ist wirklich respekteinflößend.

Mein Fazit ist dasselbe wie schon in meiner Rezi zu Sector 2 - es gibt von manchen Alben bessere Versionen (Original-CDs, Bob Ludwig Remasters; gerade erscheinen von allen Mercury-Alben auch neue Remasters auf Vinyl und als Hi-Res-Downloads, für beide Formate werden die neuen Versionen von den Audiophilen sehr positiv bewertet; die Surroundmixe von "Fly By Night", "A Farewell to Kings" und "Signals" gibt es nun auch als Blurays), aber die hochwertige Verpackung, der faire Preis und natürlich die Tatsache, dass man hier fünf Alben auf einen Schlag kaufen kann, sprechen doch für Sector 3. Musikalisch gefällt mir Sector 2 etwas mehr.


Everybody Loves a Happy Ending
Everybody Loves a Happy Ending
Wird angeboten von realmusicmore
Preis: EUR 4,29

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Das vom Loudness-War sabotierte Comeback, 5. August 2015
Rezension bezieht sich auf: Everybody Loves a Happy Ending (Audio CD)
Und dann waren sie wieder da, unsere liebsten Pop-Perfektionisten und Konzept-Melancholiker. Das Comeback war unerwartet - und offenbar (den Verkaufszahlen nach zu schließen) auch unerwünscht. Orzabal behauptete tatsächlich, dass "ELAHE" der Nachfolger von "The Seeds of Love" hätte sein sollen. Hätte. War aber nicht. Sowohl "Elemental" als auch "Raoul and the Kings of Spain" haben ihre Spuren auch auf ELAHE hinterlassen. "Size of Sorrow" und die Bonustracks "Pullin' a Cloud" sowie "Out of Control" stammen aus den Neunzigern, und "Killing With Kindness" ist ein schlechtes Plagiat von "Cold". Die Verbindung zu "The Seeds of Love" liegt allein in den überladenen Arrangements und dem Beatles-Einfluss von "Sowing the Seeds of Love", der zu Nachfolgern wie dem Titelsong (fantastisch) oder "Closest Thing to Heaven" (unspektakulär) führt. Doch in der sterilen Produktion ("all instruments: Roland Orzabal, Curt Smith & Charlton Pettus") liegt ELAHE viel näher bei "Elemental". Außerdem fehlen die Soul- und Blues-Einflüsse komplett, was dem Album viel von der Substanz nimmt, die "The Seeds of Love" so 'warm' machte. Im Vergleich zu "Seeds" sind auch die Songs so eng gestrickt, dass kaum Platz für Solos oder atmosphärische Parts ist. Dafür bedienen sich TFF erstaunlich offensichtlich bei den Sixties - Anspielungen auf die Beatles und andere Bands aus der Zeit finden sich fast überall, sehr häufig tauchen Mellotronklänge auf, Synthesizer gibt es kaum, dafür sind viele Titel Klavier-dominiert. Klar, die Beatles waren immer ein wichtiger Einfluss, aber die Anspielungen waren zuvor eher subtil ("Sgt. Pepper"-Gitarrenriff in "Schrödinger's Cat"!), wenn man mal von "Sowing the Seeds" absieht.

Es fehlt dem Album aber auch eine klare thematische Linie, wenn man mal vom selbstmitleidigen "Midlife-Crisis"-Gejammer absieht. Startet das Album mit dem Titelsong und "Call Me Mellow" schon fast unerträglich fröhlich, wird es dann bei "Size Of Sorrow" und dem "Hey Jude"-artigen "Who Killed Tangerine?" erstaunlich morbide - jedoch ohne die Message ihres ersten Albums. Am besten funktioniert die düstere Seite dieses Albums aber immer dann, wenn sich Tears for Fears nicht auf bewährte Songstrukturen verlassen ("Quiet Ones", "The Devil"). Immerhin ist "Who You Are" ein Novum, denn dies ist der erste Song auf einem TFF-Studioalbum, an dem Roland Orzabal nicht mitkomponiert hat. Ganz offensichtlich hat Curt Smith mit Charlton Pettus an seiner Seite mehr Einfluss beim Songwriting in Anspruch genommen. Ob das sich positiv auf das Album ausgewirkt hat, kann man aber zumindest anzweifeln. Zwischen "Who You Are" und "The Devil" gibt es eine überraschende Reprise des Titeltracks. "Secret World" präsentiert wieder nervige Beatles-Fröhlichkeit, doch immerhin gibt es hier echte Orchestermusiker, was dem Ganzen deutlich mehr Tiefgang verpasst. "Ladybird" ist rhythmisch interessant, aber irgendwie auch nicht auf TFF-Niveau. Das zurückgelehnte, unterschwellig R&B-artige "Last Days on Earth" bietet einen schönen Schluss und klingt zur Abwechslung mal bei Weitem nicht so überladen und einförmig wie viele der anderen Songs.

Letztlich führt dies dazu, dass "Everybody Loves a Happy Ending" kein schlechtes Album geworden ist, aber weder den Alben der Achtziger noch "Raoul" das Wasser reichen kann. Vielleicht hätten Orzabal und Smith einfach ein paar Songs streichen und sich auf LP-Länge beschränken sollen...

Auf die Dauer schleppen sich nämlich einfach zu viele Songs im gleichen Modus dahin. Eine spritzige Nummer wie (das ein Jahr später veröffentlichte) "Floating Down the River" wäre eine gute Bereicherung gewesen. Hier sind lediglich Teile von "Everybody Loves a Happy Ending", "Call Me Mellow" und "Quiet Ones" einigermaßen Uptempo, und nur "Quiet Ones" ist irgendwie "rockig".

Sehr unangenehm fällt auch der extrem komprimierte Sound auf, der die Songs geradezu ersticken lässt (Stichwort: "Loudness War"). Da geht jede Dynamik in einer Soundwand verloren. Eine Schande, denn so machen sich schnell Ermüdungserscheinungen beim Hörer (zumindest bei mir) breit. Die Stimmen von Roland und Curt klingen unnatürlich, der Bass verschwindet, und das Schlagzeug ist eine Katastrophe. Viele Details der opulenten Arrangements gehen unter, weil dem Album das "Raumgefühl" fehlt, das die meisten anderen TFF-Alben auszeichnet, genauso wie der Kontrast zwischen lauten und leisen Passagen - hier ist alles gleich laut (oder leise, wenn man den Volume-Regler betätigt). Wenn ich diesen Stephen Marcussen in die Finger bekomme...

(Wer nicht versteht, was ich damit meine: Mal die Songs "Closest Thing to Heaven", "Call Me Mellow", "Who Killed Tangerine?" und "Secret World" auf dieser CD mit der "GOLD" Compilation vergleichen. Der Unterschied ist nicht eklatant, aber doch hörbar. Auf einmal sind mir Dinge aufgefallen, die ich vorher nie gehört habe, weil die "Soundwand" mich nicht mehr erschlägt. Noch besser klingt übrigens der Single-Edit von "Secret World" auf der "Secret World - Live in Paris". Interessant, immerhin war hier ebenfalls Herr Marcussen für das Mastering verantwortlich. Mal hoffen, dass Roland & Curt beim nächsten Album darauf Acht geben. Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass der undynamische Sound der CD auch z.T. für ihren Misserfolg verantwortlich war. Musik ohne Dynamik klingt nun mal weniger mitreißend und neigt dazu, auf die Dauer an den Nerven zu nagen, sodass man am Ende doch wieder zu den "alten" Alben greift, ohne genau zu wissen, warum der "Funke" nicht "überspringen" will. Besonders schlimm hat es "Who Killed Tangerine?" mit seinem lauten Refrain erwischt: DR 4 ist eine echte Schande, auf "GOLD" hat derselbe Song mit DR 7 eine weitaus höhere Dynamik.)

Übrigens : Auf der CD steht "Copy Protected - Not Playable on PC". Ich habe die CD zwar nach anfänglichen Schwierigkeiten am PC zum Laufen gebracht, andere berichten jedoch davon, dass CDs mit diesem Aufdruck u.U. Laufwerke beschädigen können. Wenn das stimmt, dann ist das in meinen Augen eine ziemliche Schikane. Schließlich ist es kein Verbrechen, wenn man z.B. die Songs auf einen mp3-Player übertragen möchte. Womöglich ist es eine bessere Alternative, die CD am CD-Player abzuspielen und über einen mit Line-In-Kabel angeschlossenen PC aufzunehmen. Das wäre dann ein "analoger Rip", zwar umständlicher, aber auf jeden Fall ohne Risiken.
Kommentar Kommentare (11) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Aug 20, 2015 3:46 PM MEST


8 Classic Albums
8 Classic Albums
Preis: EUR 15,75

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen "What can I do? I just sing the blues, cause that's the only thing I know how to do.", 15. Juli 2015
Rezension bezieht sich auf: 8 Classic Albums (Audio CD)
Zunächst einmal natürlich RIP, B.B.
Ich hatte diese Rezension bereits vor einiger Zeit verfasst, aber irgendwie ging bei der Veröffentlichung etwas schief. Hier mein ursprünglicher Text.

Der König des Blues wird mal wieder verramscht. Das klingt jetzt sehr negativ. Etwas Neues ist es jedoch nicht. Viele der hier enthaltenen Alben waren ursprünglich in den späten Fünfzigern und frühen Sechzigern auf dem Crown-Label erschienen, und wurden für Spottpreise verkauft. (Was dann auch Kings Wechsel zum Major-Label ABC mit auslösen sollte.) Nun gut, der Titel lehnt sich an die von anderen Plattenfirmen bekannten "Original Album Series"/"Original Album Classics" an, die meistens drei oder fünf (oder, wenn der Interpret Elvis Presley heißt, auch mal zwanzig...) Originalalben enthalten. Genauso wie bei diesen Serien gibt es hier keinerlei Informationen (außer Erscheinungsjahren). Anders als bei den erwähnten Serien sind hier allerdings acht Alben auf vier CDs verteilt (also je zwei pro CD), die auch nicht in Papphüllen, sondern in einem aufklappbaren Plastik-Vierercase liegen. Das bedeutet: Nicht einmal die Coverabbildungen der Einzelalben bekommt der Käufer zu sehen (obwohl sich dafür ja zumindest die CD-Oberseiten angeboten hätten). Informationen hätte man in den Inlays unterbringen können. Stattdessen gibt es dort jedoch eine riesige Auflistung von weiteren CD-Boxen aus dieser Serie. Das ist es, was ich mit "Verramschung" meine: Ein solches Einheitsdesign ist natürlich eine kostengünstige Variante. Das schlägt sich logischerweise im Preis nieder, 84 (!) Titel zum Preis von unter zwölf Euro, da kann man nicht meckern.
Oder doch?
Von den enthaltenen Alben hatte ich zuvor nur eines, nämlich "More B.B. King". Dieses jedoch in der hervorragend aufgemachten und mit jeder Menge Bonus-Tracks erweiterten Remaster-Version von Ace, die zudem noch informative Liner Notes enthält. Und wenn ich es mir recht überlege, dann scheinen mir die CDs der Ace-Serie weitaus hochwertiger und dem Stellenwert B.B. Kings angemessener zu sein als diese Box.
Zumindest war es eine preiswerte Möglichkeit, einige der hier enthaltenen Tracks endlich in ordentlicher Soundqualität zu hören. Einige Titel wie "Long Nights" oder einige der Spirituals hatte ich zuvor nur in schauderlichem Klang, was mich im Nachhinein veranlasst, die Doppel-CD "Most Famous Hits" (auf der einige Titel sehr mies klingen) als sehr fragwürdig anzusehen. Ob hier alles wirklich "digitally remastered and enhanced for superior quality" ist, kann aber auch angezweifelt werden. Zumindest konnte ich bei "More" keinen Unterschied zwischen der hier enthaltenen Version und der Ace-CD feststellen, sodass ich mal vermute, dass die Box auf diese (hervorragenden) Remasters zurückgreift, aber eben ohne die Bonus-Tracks. Wie wichtig diese Bonus-Tracks sind, ist natürlich Geschmackssache - viele der hinzugefügten Titel (oft Singles) sind m.E. kaum schlechter als die Albumtracks. Zur Komplettierung eignet sich diese Box also nicht. [Zudem scheint ein Blick auf die Dynamikwerte die Vermutung nahezulegen, dass hier etwas nachkomprimiert wurde, was eigentlich unnötig ist.]

Musikalisch sind die hier enthaltenen Alben größtenteils typisch B.B. King: Blues und R&B, mal schneller, mal langsamer, so gut wie immer mit einer aus Bläsern, Klavier, Bass und Schlagzeug bestehenden Begleitband. Aus der Reihe schlagen allerdings "B.B. King Sings Spirituals" und "Compositions of Duke Ellington and Others". Auch die zwei streicherlastigen Soulpop-Schmachtfetzen "My Reward" und "Don't Cry Anymore" sind eher ungewöhnlich (und relativieren den Vorwurf, King hätte seine Musik später zu sehr kommerzialisiert). Es dominiert, wie gesagt, der King-typische urbane Blues, der weniger rau und kantig ist als der Chicago-Blues von Leuten wie Muddy Waters, sondern eleganter und einschmeichelnder (und auch - meist - mit weniger Macho-Attitüde daherkommt, dafür die [un]glücklicke Liebe ins Zentrum der Texte stellt). Über allem stehen natürlich die Stimme und Gitarre von Mr King himself. Sein Gitarrenspiel klingt bereits hier sehr ausgereift und im Sound teils so schneidend wie damals kaum ein Bluesgitarrist. Unter der Eindruck des Rock-Booms sollte er ab Mitte der Sechziger in puncto Geschwindigkeit und Aggression noch eine Schippe drauflegen, aber hier gibt es bereits viele Solos der Extraklasse. Was Gefühl und Nuancen angeht, war King sowieso immer in einer anderen Liga als die meisten von ihm beeinflussten Blues- und Rockgitarristen. Noch signifikanter sind hier jedoch die Vokalperformances des 'King of the Blues'. Zu dieser Zeit hatte er noch eine enorm facettenreiche Stimme, die sich (geschult vom Gospeltraining) in enorme Höhen aufschwang und ihn damit als einen der besten Bluessänger verewigte. Nicht dass spätere Aufnahmen *schlecht* wären, aber so gut wie hier hat er später nicht mehr gesungen. Ab ca. 1966 musste er sich in die Höhen heraufquälen und entwickelte daher den tieferen, "voluminösen" Gesangsstil, mit dem man ihn bis heute identifiziert.

Die meisten Klassiker finden sich übrigens auf "Singin' the Blues": "Please Love Me", "You Upset Me Baby", "Every Day I Have the Blues", "3 O'Clock Blues", "Woke Up this Morning", "Darlin' You Know I Love You", "Sweet Little Angel", "Ten Long Years" und "Crying Won't Help You Now" gehören in jede Blues-Sammlung und wurden von B.B. auch später immer wieder aufgenommen. Wer das Album "Blues on the Bayou" hat, der könnte auch "I'll Survive", "Good Man Gone Bad", "If I Lost You", "You're on the Top", "Understand" oder "Bad Case of Love" kennen. Auch "Partin' Time" und "Crying Won't Help You Now" tauchten mit teils drastisch anderen Arrangements später auf "Completely Well" auf. Das Livealbum "Live at the Regal" besteht zu großen Teilen aus den R&B-Hits dieser Zeit.

"Singin' the Blues" ist ein Album voller unsterblicher Bluesklassiker. "The Blues" macht genau da weiter (mit "Don't You Want a Man Like Me" gibt es sogar eine Art Reprise von "Woke Up this Morning"), ist aber insgesamt noch etwas erdiger und traditionsbewusster, was sich z.B. im passend betitelten "Boogie Woogie Woman" niederschlägt, oder in "That Ain't the Way to Do It", das geradewegs aus dem Delta stammen könnte. Beide Alben sind in Mono.
"King of the Blues" ist vor allem von fetten Bläsersätzen geprägt und hat einen ausgesprochen "nächtlichen" Charme ("Long Nights"!). Durch die Bigband-Anklänge (die durch die Stereoabmischung hier auch besser zur Geltung kommen als bei den Vorgängern) klingt das Album etwas urbaner und weniger "rootsig" als die beiden Vorgänger. "Sings Spirituals" ist natürlich ein Exot, da B.B. King hier tatsächlich nur Spirituals singt (Gitarre kaum vorhanden). Die Orgel und die Gospelchöre sind Geschmackssache, aber hört man Songs wie "Save a Seat for Me", dann weiß man, wo King die Akkordsequenzen für seine Bluesballaden herhat - Teile sind mit "Darlin' What Happened" praktisch identisch. Zudem sorgt sein kraftvoller Gesang für so manchen Gänsehautmoment ("Servant's Prayer"). Wer verstehen will, wo B.B. "herkommt", muss auch mal in dieses Album reinhören. Blues + Gospel = B.B. King!
Die andere Grundsäule von B.B. Kings Musik gibt es in ähnlich purer Form dann auf "My Kind of Blues". Hier hört man B.B. mit "kleinem Besteck", sprich: ohne Bläser, nur mit Klavier, Bass und Schlagzeug. Dieses Album enthält auch ungewöhnlich viele Coverversionen (u.a. von John Lee Hooker oder Victoria Spivey) bzw. Bluesklassiker ("Catfish Blues"), die King hier mit eigenen Strophen erweitert und sich so zu Eigen macht. Ein sehr stimmungsvolles Album. "Easy Listening Blues" kommt komplett ohne Gesang aus - ein Instrumentalalbum also, das Kings Fähigkeiten als Gitarrist in den Vordergrund stellt. Die kontrolliert eingesetzte, aber durchaus vorhandene Geschwindigkeit und sein sehr nuanciertes Spiel stellen sicher auch versierte Gitarristen vor eine Herausforderung, sodass sich "Easy Listening Blues" prima als "Lern-Album" eignet. Die Stücke sind oft eigenständig, manchmal aber auch instrumentale Versionen von bereits bekannten King-Songs. "More B.B. King" ist das eklektischste der hier enthaltenen Alben, da neben typischem, Swing-angehauchtem Blues auch ein kraftvoller Slow Blues, die oben angesprochenen Pop-Balladen und zwei flotte Instrumentals die stilistische Palette bestimmen. Das abschließende "Compositions of Duke Ellington and Others" hat hier eigentlich nichts verloren, es handelt sich um ein vorwiegend instrumentales Big-Band-Album, bestehend aus Songs, die von Duke Ellington geschrieben oder bekannt gemacht wurden. Eingespielt wurde das Album von Mitgliedern der Ellington-Big-Band mit den Originalarrangements. Ach ja, und was hat das Ganze dann mit B.B: King zu tun? Nun, er singt auf "Don't Get Around Much Anymore", dem einzigen Titel hier mit Gesang. Schlecht ist das Album sicher nicht, und wer mal wieder Klassiker wie "Take the 'A' Train", "Mood Indigo", "Sophisticated Lady" oder "Cotton Tail" hören will, der wird es auch mögen. Aber auf diesem B.B. King-Set hat es einfach nichts zu suchen, und man fragt sich unwillkürlich, ob diese Boxen im Fließbandverfahren zusammengestellt werden, ohne dass irgendjemand sich genauere Gedanken über den Inhalt macht.
Dennoch gilt: Wer aus dieser Schaffensphase des "King of the Blues" noch nichts oder nur wenig hat und bei der Vielzahl an Compilations nicht durchblickt, bekommt hier viel hochklassige Musik zu einem fairen Preis.


40th Anniversary Box Set
40th Anniversary Box Set
Preis: EUR 147,99

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Progressives bis poprockiges Gesamtwerk (mit Einschränkungen), 13. Mai 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: 40th Anniversary Box Set (Audio CD)
Diese Box enthält alle Studioalben von Manfred Mann's Earth Band sowie Manns (Solo-)Projekte "Plains Music" und "2006". (Die beiden Chapter-Three-Alben sind hier also nicht enthalten.) Enthalten sind auch die beiden bisherigen Livealben "Budapest" und "Mann Alive" sowie das neue und bislang exklusive "Live in Ersingen 2011". Außerdem gibt es mit "Leftovers" eine Ergänzungs-CD mit den vier größten Hits sowie ein paar Outtakes und Raritäten, manche davon noch nie zuvor veröffentlicht, wobei hier zugegebenermaßen auch vieles an wichtigem rarem Material fehlt. Neben den CDs findet sich auch noch ein Poster (Vorderseite: aktuelle Earthband-Besetzung, Rückseite: Credits der Alben), ein Booklet mit Fotos, Zeitungsausschnitten und einem langen Text über die Geschichte der Band und ein hartgebundenes Büchlein ("Thoughts & Reminiscences") mit Erzählungen aus dem Leben von Manfred Mann. Da die Box 2011 zusammengestellt wurde, ist Manns neuestes, duchaus umstrittenes Soloalbum "Lone Arranger" logischerweise nicht enthalten. (Wer allerdings über Manns Online-Store bestellt, bekommt "Lone Arranger" - vermutl. als Einzel-CD - gratis dazu und das "Thoughts & Reminiscences"-Büchlein von Mann signiert.)

In ihrer Aufmachung erinnert mich die Box ein wenig an die "Sector"-Boxen von Rush. Die Hüllen befinden sich in einem Schuber aus dickem schwarzen Karton; auf diesem sitzt wiederum ein Deckel aus dickem schwarzen Karton. Auf der Vorderseite glänzt das MMEB-Logo, auf der Rückseite (allerdings zumindest bei mir seltsamerweise um 90° gedreht) eine Übersicht aller enthaltenen Alben. Jede CD steckt in einer Papphülle, auf der das MMEB-Logo in Schwarzweiß und die neue Katalognummer (zumeist "MMCD..." - diese Nummern werden auch für die neuen Einzel-CDs verwendet, dazu später mehr) abgedruckt sind. Diese Papphülle wiederum steckt in einer größeren Papphülle, die das jeweilige Albumcover leider nur vorne enthält - die Rückseiten sind alle einheitlich schwarz mit weißem Text. Vom Designer habe ich erfahren, dass dies an Zeitproblemen lag, da die Box rechtzeitig bis Weihnachten fertig werden musste...ärgerlich speziell bei "Watch", das seine ganze Pracht erst in der Kombination aus Vorder- und Rückseite entfaltet. Alle Alben sowie die beiden Booklets wurden in wiederverschließbare Plastikhüllen verpackt. Das erklärt dann auch den Aufpreis gegenüber den bekannten Clamshell-Boxen von Warner Brothers, aber eine solche hätte ihren Zweck natürlich auch erfüllt.

Zum Klang: Für die Box wurden alle Alben neu remastert. Die Alben enthalten nur die Tracks der jeweiligen UK-Originalausgaben (Ausnahme: "Plains Music", das der US-LP folgt und somit "Salmon Fishing" enthält). Nach Veröffentlichung der Box werden die Remasters auch peu à peu als Einzel-CDs wiederveröffentlicht. Diesen CDs fehlen ebenfalls die Bonus-Tracks der 1998er Remasters, es gibt sie aber zumindest als MP3 per Download-Code zu den EInzel-CDs. (Anscheinend gibt es auch Pläne, die Bonus-Tracks alle auf einer neuen CD zu versammeln.) Generell finde ich die Bonus-Tracks nicht unbedingt so spannend, aber es gibt schon Ausnahmen wie die 1977-Version von "Spirits in the Night" oder einige B-Seiten. Das Remastering orientiert sich kaum am Zeitgeist - vom Loudness-War ist nichts zu spüren. Dennoch empfinde ich das 98er Remastering im Falle von "Watch" (eine der wenigen 98er CDs in meinem Besitz) als leicht besser, da dort noch mehr Dynamik herrscht und auch die Höhen weitaus dezenter daherkommen. Kritikwürdig sind höchstens "Messin'" und vielleicht "Solar Fire", in beiden Fällen klingen die Becken irgendwie seltsam und im Fall von "Messin'" nerven sie sogar leider ein wenig. Ansonsten sind die CDs aber kaum zu beanstanden. Wer gegen Höhenanhebung allergisch ist, sollte sich allerdings in einigen Fällen nach früheren Versionen (manche der 98er Remasters oder die Original-Bronze-CDs) umschauen. Laut Fans, die viele Versionen miteinander verglichen haben, sind einige Alben (speziell die späteren) hier aber auch in ihren definitiven Versionen vertreten.
Wichtig auch: Hier ist "2006" zum ersten Mal ohne den lästigen Kopierschutz zu haben, damit also endlich uneingeschränkt auch am PC abspielbar.

Aufgrund der großen Zahl an enthaltenen Alben kann ich nicht auf jede CD eingehen. (Einzel-Rezensionen einiger Alben sind geplant.) Es erstaunt aber doch immer wieder, wie die Earth Band es geschafft hat, poppigen Rock und jazzigen Prog so unter einen Hut zu bringen, dass beide Fraktionen etwas damit anfangen können. Dabei sind die ersten sechs Alben (u.a. "Solar Fire" und "Nightingales & Bombers") insgesamt stärker im Prog verwurzelt, abgesehen vom R&B-lastigen Debüt vielleicht. Elegische Meisterwerke wie "Messin'", "Father of Day, Father of Night" oder "Earth Hymn" stehen neben abstrakten Instrumentals mit rasanten Läufen und Improvisationen, die alle Grenzen sprengen und (speziell im Falle Manns) oftmals sprachlos machen. Manfred Mann ist sicher einer der besten Keyboarder, die es im Rock jemals gegeben hat - kaum jemand schafft es, den Moog so zum Singen zu bringen wie er. Nach dem vorübergehenden Ausstieg von Gitarrist/Sänger Mick Rogers wurde die Earth Band mit Chris Thompsons unglaublicher Stimme zugänglicher und konzentrierte sich mehr darauf, ihre Songs im Studio auf Hochglanz zu polieren. Meine Lieblingsalben "Watch" und "The Roaring Silence" mit Hits wie "Blinded by the Light" oder "Davy's on the Road Again", die nur in ihren Albumversionen wirklich voll überzeugen, stammen aus dieser Zeit. Die Alben nach "Angel Station" sind nicht mehr alle auf einem konstant hohen Level: "Chance" sackt nach drei tollen Anfangsnummern extrem ab, "Criminal Tango" und "Masque" bleiben weitgehend belanglos. Es bleibt eigentlich nur das politische Halb-Konzeptalbum "Somewhere in Afrika" als einziges wirklich gelungenes MMEB-Album der Achtziger übrig. "Soft Vengeance" ist da schon besser, schließt aber natürlich nicht wirklich an die Siebziger an. Das halbe Solo-Album "2006" geht neue Wege und verheddert sich dabei öfters mal, aber der Experimentiergeist überzeugt. Das von Musik der amerikanischen Ureinwohner inspirierte "Plains Music" ist schön atmosphärisch, aber auch leider etwas gleichförmig. Wenn man nicht vorhat, alle MMEB-Alben zu kaufen, dann kann man sich auch auf die wichtigsten beschränken und diese als Einzel-CDs erwerben. Nur hier bekommt man aber die beiden Bonus-CDs "Leftovers" und "Live in Ersingen 2011". "Leftovers" ist ein wild durcheinandergewürfelter Mischmasch aus den erfolgreichsten Singles (absolut essentiell: "Runner"), bekannten Raritäten ("For You" in der Akustikversion, das düstere "Hillbrow" von den "2006"-Sessions) und neu entdeckten Outtakes wie z.B. drei Versionen von Songs, die für "Glorified Magnified" vorgesehen waren oder lange Versionen von "Crossfire" (mit Gesang) und "What You Give is What You Get". Wieso "Demons & Dragons" hier drauf musste, weiß aber wohl nur der Father of Day, Father of Night. ;-)
"Live in Ersingen 2011" transportiert, anders als das radikal zusammengeschnittene "Budapest" und das etwas flickenhafte "Mann Alive" (letzteres nach wie vor mit den zwei Plains-Music-Tracks als Dreingabe, die hier einfach unnötig sind und durch die 2003 veröffentlichte Version von "Davy" mit Noel McCalla hätten ersetzt werden können...), tatsächlich echte Konzert-Atmosphäre. Abgesehen von einem sehr lustlos heruntergespielten "Blinded" hat die Band auch, wie ich selbst einige Monate später erleben durfte, nach wie vor Feuer und Ideen. So werden neben "Oh Well" auch gleich noch "Strange Brew" und "Smoke on the Water" in "Mighty Quinn" eingepflanzt. Das Problem ist jedoch in meinen Ohren Neu-Sänger Robert Hart, der mit seinem angestrengten kehligen Gesang, der oft an Geschrei grenzt, den Songs nicht gerecht wird. Schade.

Ich habe darüber nachgedacht, wegen den fehlenden Bonustracks und anderen kleinen Defiziten (fehlende Backcovers) einen Stern abzuziehen. Aber letztlich wird diese Box ihrer Aufgabe gerecht, und wer das gesamte Studiowerken von Manfred Mann & Co. in den Jahren 1972 bis 2011 (mit einigen Goodies versehen) braucht, der wird keine bessere Möglichkeit als dieses Set zu finden. Vier Sterne würden weder den musikalischen Höhenflügen auf den 70er-Alben noch dem für die Anzahl der CDs immer noch geringen Preis gerecht. Apropos Preis: Wer mit dem Gedanken spielt, sich diese Box zuzulegen, sollte nicht zu lange zögern, denn der Preis wird zweifellos weiter steigen und es ist nicht abzusehen, ob und wie lange sie noch produziert werden wird.


Obscured By Clouds (remastered)
Obscured By Clouds (remastered)
Preis: EUR 9,99

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die große Unbekannte im Floyd-Werk, 1. Mai 2015
Rezension bezieht sich auf: Obscured By Clouds (remastered) (Audio CD)
Manche Alben sind zu Unrecht vergessen. Erst kürzlich gab es in einem Rock-Magazin einen Artikel zu Pink Floyd. Da wurden nebenbei in einem Kasten sechs Klassiker vorgestellt: "Meddle", "Dark Side of the Moon", "Wish You Were Here", "Animals" und "The Wall". Das sind natürlich alles berechtigterweise Klassiker (wobei "Animals" zwar das Lieblingsalbum vieler Floyd-Fans ist, von der Öffentlichkeit aber nach wie vor übersehen wird). Aber was ist mit der LP zwischen "Meddle" und "Dark Side"? Auf keiner der Compilations "A Collection of Great Dance Songs", "Echoes" oder "A Foot in the Door" sind Songs des Albums "Obscured by Clouds" vertreten, lediglich "Works" enthält "Free Four" (der erste Single-Erfolg in Amerika und damit wichtige Grundlage für den Durchbruch mit "Dark Side"). Die generelle Auffassung ist offenbar, dass "Obscured by Clouds" zu vernachlässigen ist. Dem möchte ich jedoch entschieden widersprechen.

Es handelt sich bei "Obscured by Clouds" um einen Soundtrack. Das ist nichts Neues, Pink Floyd haben an einigen Soundtracks mitgewirkt - die allererste Studioaufnahme der Band ("London 66/67") war für den Film "Tonight Let's All Make Love in London" entstanden. Später kamen "More", "Zabriskie Point", "La Vallée" und "La Carerra Panamericana" dazu. Von diesen sind nur die beiden Barbet-Schroeder-Scores "More" und "La Vallée" als vollwertige Floyd-Alben erschienen. Aber während ich "More" für ein eher uninteressantes Experiment halte, das nur in wenigen Stücken einen echten Fortschritt der Band dokumentiert, ist der Soundtrack von "La Vallée" (von Pink Floyd schließlich in "Obscured by Clouds" umbenannt, was wiederum dazu führte, dass der Film diesen Titel ebenfalls übernahm...) in meinen Ohren ein viel überzeugenderes Album geworden. Interessanterweise hat sich die Band dabei jedoch viel weniger Mühe gegeben - das komplette Album wurde in gerade mal zwei Wochen aufgenommen, und nach den frustierenden Erfahrungen mit Michelangelo Antonioni bei "Zabriskie Point" überließen sie es Schroeder, die richtige Musik für die jeweiligen Szenen auszuwählen. Diese spontane Herangehensweise führte zu einem sehr lockeren Album, das mir mit am meisten Spaß macht.

Interessanterweise sind trotz des Fehlens eines übergreifenden Konzepts und der recht rohen Einspielweise (kaum Overdubs) zahlreiche Parallelen zu "Dark Side of the Moon" feststellbar. Dazu muss man wissen, dass DSOTM bereits Anfang 1972 live gespielt und in Form gebracht wurde, die Aufnahmen jedoch erst nach OBC begannen. Auf OBC kann man denn auch zum ersten Mal das markante Dröhnen des VCS3-Synthesizers hören (Titelsong, Free Four, Mudmen, Childhood's End). Es gibt vier Instrumentals, die restlichen Songs werden zumeist von David Gilmour gesungen (mit Rick Wright im Duett auf "Burning Bridges"), wobei Rick Wright ("Stay") und Roger Waters ("Free Four") jeweils einmal alleinigen Leadgesang übernehmen. Insgesamt klingt OBC schon wie der kleine Bruder von DSOTM.

Die Kürze der Stücke deutet es an: OBC ist eindeutig song-orientiert. Es gibt keine Longtracks wie auf den drei Vorgängeralben. Auch das ist eine Gemeinsamkeit mit DSOTM, wobei man letzteres natürlich auch als eine einzige lange Suite ansehen kann. Was mich immer wieder beeindruckt, ist, dass die Stücke allesamt eine enorme suggestive Kraft besitzen. Genau das fehlt mir bei "More", vielleicht abgesehen von "Cirrus Minor", fast komplett. Ich sehe OBC immer als Album für den Morgen, und kein Stück veranschaulicht das besser als der Titelsong: Langsam, bedächtig schwellen die Synthesizer an, ein langsames Schlagzeug gesellt sich dazu, und David Gilmour lässt einige genial simple Gitarrenlinien erklingen. Der Groove des Stücks ist seiner Zeit weit voraus. Ohne Pause schließt sich "When You're In" in derselben Tonart an, doch das Tempo wird angezogen, und neben der Gitarre ist nun auch eine Orgel zu hören. Das Stück ist ebenfalls sehr simpel und basiert auf einer abgewandelten Bluesform. Kein Zweifel, die beiden Instrumentals gehören zusammen und geben die Stimmung des Albums vor. Mit "Burning Bridges" im ungewöhnlichen 3/4-Takt folgt der erste gesungene Titel. Die getragene Hauptmelodie wird von Gilmour (im linken Kanal) sanft gesungen, bevor im rechten Kanal Rick Wright übernimmt und sich die Stimmung eintrübt. Danach geht es mit einem wunderschönen Gitarrensolo wieder zurück zur anfänglichen, sonnendurchfluteten Stimmung, woraufhin man Wright und Gilmour in perfekter Harmonie gemeinsam singen hören kann. "Burning Bridges" ist für mich eine der schönsten Wright-Kompositionen, gerade wegen der einfallsreichen und eindrücklichen Akkordsequenzen. Es folgt mit "The Gold It's In The..." ein richtiger Gitarrenrocker, an dem ich mich auch nie satthören kann, obwohl (oder gerade weil?) Gilmour eine gefühlte Ewigkeit im Outro vor sich hin soliert und dabei einen gitarristischen Gipfel nach dem anderen erklimmt. So gelöst kann man ihn selten hören. Die ebenfalls wieder gelungene Akkordsequenz tut ihr Übriges. Wobei ich mich wundere, ob Wright hier beteiligt war, denn ich höre keine Keyboards (!). Das etwas merkwürdig betitelte "Wot's... Uh the Deal" ist eine folkige, von Akustikgitarren-Picking geprägte Midtempo-Nummer und enthält eine der besten Melodien, die je auf einem PF-Album zu hören waren. Rick Wright bereichert es durch Klavier und Orgel, während Gilmour ein Slidegitarrensolo einstreut. Gegen Schluss nimmt die Nummer sogar noch etwas Fahrt auf. Nick Masons Schlagzeugspiel ist auch aller Ehren wert.
Die zweite Seite eröffnet mit einer instrumentalen Variation von "Burning Bridges". Anders als "Bridges" ist "Mudmen" jedoch im 4/4-Takt, was für eine sehr interessante Umformulierung des Klaviermotivs sorgt. Die schon in der gesungenen Version vorhandenen Atmosphärenwechsel werden hier noch viel besser herausgearbeitet. Die Dramatik und Intensität von "Mudmen" sind beeindruckend, speziell an der Stelle, wo Gilmours schneidende, verzerrte Gitarre einsetzt und sich auf die von Wrights Orgel gesponnenen Texturen draufsetzt. "Mudmen" wirkt fast, als hätte man die Essenz von Pink Floyd eingefangen und in eine Flasche gefüllt. "Childhood's End" dagegen ist wieder eher untypisch, da recht rockig. Andererseits ist dieser Song - der letzte von Gilmour komplett alleine komponierte bis zu Waters' Ausstieg 1985 - gleichzeitig mit seinem sphärischen Intro, dem pochenden Rhythmus und dem philosophischen Text auch ein direkter Verwandter von "Time" und nicht nur deswegen mein persönliches Lieblingsstück auf dem an tollen Tracks nicht armen Album. Hört man direkt danach Waters' "Free Four", dann ist es fast ernüchternd, wie musikalisch uninteressant das nach "Childhood's End" klingt und wie Waters schon damals zu sehr auf den Text geachtet hat. Der ist in seiner Zynik brillant, kontrastiert Waters doch sein Musikerleben mit dem Tod seines Vaters. Aber "Free Four" ist eine Komposition ohne ordentliche Melodie, ohne Refrain und mit einer lächerlichen Drei-Akkord-Progression. Was es jedoch rettet, das sind wiederum die zwei Gitarrensoli, die nicht anders als "phänomenal" bezeichnet werden können. Gilmour war hier wirklich in Hochform. Wrights "Stay" ist wieder melodischer und hat ähnlich wie "Burning Bridges" tolle Akkordwechsel. Gilmours Gitarrenlick im Refrain bricht einem dann nebenbei noch das Herz. Der Text, von Wright mit sanfter Stimme vorgetragen, behandelt ähnlich wie "Summer '68" vom "Atom Heart Mother"-Album die Groupiekultur oder auch einen One-Night-Stand und die damit verbundenen Gewissenskonflikte. In der letzten Strophe heißt es denn auch mit entwaffnender Ehrlichkeit "I rise, looking through my morning eyes/Surprised to find you by my side/Rack my brain trying to remember your name/Try to find the words to tell you goodbye".
Na ja, und dann gibt es da doch leider einen Schwachpunkt. Das haben für mich praktisch alle Floyd-Alben, nur DSOTM ist m.E. makellos. Hier ist es die Schlussnummer "Absolutely Curtains", deren Instrumentalteile nie so richtig in Fahrt kommen. Am Ende hört man dann die Gesänge der im Film gezeigten Ureinwohner von Papua-Neuguinea (dort befindet sich das im Filmtitel erwähnte Tal - "La Vallée"), was im Kontext des Films durchaus Sinn macht und sogar als frühes Beispiel für "Weltmusik" gelten kann. Nur ist mir diese Passage dann einfach zu lang und eintönig. Ein schwacher Schluss für ein ansonsten wirklich tolles Album.

"Obscured by Clouds" ist weniger ausgefeilt als "Meddle", aber dafür abwechslungsreicher und ausgewogener. Verglichen mit "Dark Side" ist es fröhlicher, leichter, weniger geschliffen, hat aber insgesamt genügend experimentelle Momente, um als sehr wichtiges Album in der Entwicklung von Pink Floyd gelten zu können. Es enthält auch einige der besten Gitarrensolos von David Gilmour, genauso wie die gesamte Band so gut eingespielt ist wie sonst wohl nur noch auf - eben - DSOTM. Mein persönlicher Geheimtipp für alle Fans dieser Phase. (Ich habe die 2011er-Remaster-Version und kann zu früheren Ausgaben nichts sagen, allerdings habe ich gelesen, dass das Booklet der 94er CD schöner sein soll. Seltsamerweise wird hier Nick Mason mit "Drums & Vocals" angegeben.)
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: May 1, 2015 10:51 PM MEST


Couldn't Stand the Weather (Legacy Edition)
Couldn't Stand the Weather (Legacy Edition)
Preis: EUR 8,99

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Tolles Zweitwerk (neu aufgelegt), 1. Mai 2015
"Couldn't Stand the Weather" ist das zweite Studioalbum von Stevie Ray Vaughan & Double Trouble. Es erschien 1984 als Nachfolger des grandiosen Debüts "Texas Flood", das damals für viel Verwunderung gesorgt hatte. Mitten in die Hochphase des Synthiepops krachte da dieser texanische Über-Gitarrist mit seinen beiden Mitstreitern Tommy Shannon (Bass) und Chris 'Whipper' Layton (Drums) und seinem fetten, absolut modernen - aber dennoch unmodischen - Blues. Mit "Texas Flood", "Love Struck Baby" und "Pride and Joy" hatte der Mann mit dem Hut gleich drei veritable Klassiker gelandet. "Couldn't Stand the Weather" war daher das erste Album, bei dem die Band von Anfang an die Unterstützung einer Plattenfirma im Rücken hatte. Die Tatsache, dass Huey Lewis das Album liebte und die Band in sein Vorprogramm nahm, wirkte sich natürlich enorm positiv auf den Erfolg der Band aus, genauso wie das Stevies Gastauftritte auf David Bowies "Let's Dance"-Album bereits ein Jahr zuvor getan hatten. Aber auch die Qualität des Albums sprach erneut für sich.
Das Album besteht zur Hälfte aus Eigenkompositionen ("Scuttle Buttin'", der Titelsong, "Honey Bee" und "Stang's Swang") und Cover-Versionen (Guitar Slims "Things I Used To Do", Jimi Hendrix' "Voodoo Child (Slight Return)", Robert Geddins' "Tin Pan Alley"). "Cold Shot" wurde von Stevies Freunden Mike Kindred und W.C. Clark geschrieben. Alles fügt sich erstaunlich nahtlos zusammen - das Album ist fast wie aus einem Guss. "Scuttle Buttin'" ist ein extrem kurzes und furioses Instrumental als Eröffnung. Der Titelsong "Couldn't Stand the Weather" entpuppt sich als funkige Rocknummer mit einem rhythmisch ungewöhnlichen Intro. Das vergleichsweise langsame "The Things I Used to Do" dagegen ist ein Klassiker, den u.a. auch schon Chuck Berry und Albert Collins gecovert haben. Ja, und dann kommt sie: die Acht-Minuten-Version vom Hendrix-Klassiker. Im Booklet wird erklärt, dass manche Bluespuristen Vaughan dieses Cover anscheinend übelnahmen. Aus heutiger Sicht ist das aber kaum noch nachzuvollziehen, denn genauso wie Vaughan hat doch auch Hendrix den Blues genommen und etwas Neues daraus kreiert. Auch "Voodoo Child" war mal "Rolling Stone", dann "Voodoo Chile (Blues)" und schließlich "Voodoo Child (Slight Return)". Stevie Rays Version ist souverän, nie hat man den Eindruck, dass er sich an der Vorlage verhebt, aber in puncto Innovation ist das Original natürlich unerreicht. "Cold Shot" ist ein zäh groovender Minor-Blues. Hier kann man auch erfahren, dass SRV seinen Drummer aus dem Schlaf gerissen hat, damit er die Drums einspielte! Das ideale Rezept für einen "Laid-Back-Sound"...
Der spannungsgeladene Slow Blues "Tin Pan Alley" war schon seit den Anfängen im Repertoire von SRV & DT, hier erstreckt es sich über fast zehn Minuten. Das ist stellenweise grandios und spannend, stellenweise fesselt es mich aber auch nicht ganz so sehr. "Honey Bee" ist vielleicht der schwächste Song, recht kurz und wenig nachhaltig. Dutzendware halt, aber nicht schlecht. Sehr aus dem Konzept sticht dann aber "Stang's Swang" heraus, eine richtig flotte Jazznummer mit Gastsaxofonist Stan Harrison. Hier beweist Stevie Ray, dass er auch ganz anders spielen konnte und abseits der simplen Akkorde des Blues auch komplexe Rhythmusfiguren meistern konnte.

Es gab 1999 eine erste Wiederveröffentlichung ("Expanded Edition") mit vier Bonustracks. Die 2010 erschienene Legacy Edition setzt da noch einen drauf mit weiteren Bonustracks (insgesamt elf!) und einem kompletten Konzert auf CD 2. Beide CDs sind fast randvoll. Dabei soll aber auch nicht unerwähnt bleiben, dass vier der Bonustracks bereits auf dem posthum veröffentlichten Album "The Sky is Crying" zu finden waren und hier erstmals im korrekten historischen Kontext zu finden sind. Die Outtakes von "The Sky is Crying", "Boot Hill" und "Stang's Swang" als Trio-Version sind aber komplett neu. Insgesamt sind die Bonus-Songs kaum schlechter als die des regulären Albums. Auch hier finden sich wieder Klassiker wie Earl Kings "Come On (Let the Good Times Roll)" (hier mit "Part 3" betitelt, womit Vaughan an King und Hendrix anschließt), Hank Ballards "Look at Little Sister", Elmore James' "The Sky is Crying", Freddie Kings Instrumental-Standard "Hide Away", Hound Dog Taylors "Give Me Back My Wig", Lonnie Macks "Wham!", Willie Dixons "Close To You" (bekannt durch Muddy Waters) und Hendrix' "Little Wing" (als Instrumental) neben einer weiteren SRV-Nummer, "Empty Arms". Einige der Songs tauchten später auch in anderen Versionen u.a. auf dem nächsten Album "Soul to Soul" auf. Auch hier kann man Vaughans Gitarrenkünste bewundern. Noch mehr gilt das allerdings für das Konzert aus Montreal auf CD 2. Hier spielten Stevie Ray Vaughan & Double Trouble fast das komplette neue Album (lediglich "Scuttle Buttin'" fehlt) und ein paar Klassiker vom Debüt wie "Love Struck Baby" oder das unvermeidliche "Texas Flood". Der Sound ist definitiv gut (besser als "Live Alive"), wenn auch ab und an ein wenig "lärmig". Das ist aber auch generell mein Problem mit Power-Trios - der Gitarrist muss so viele Lücken im Sound schließen, dass es schnell mal etwas zu viel wird. Auch muss man Stevies immer etwas gequälten Gesang nicht unbedingt mögen.

Unabhängig von solchen Geschmacksfragen ist aber die musikalische Qualität wie auch die Materialfülle der beiden CDs so hoch, dass ich ganz objektiv nicht weniger als fünf Sterne vergeben kann. Auch das Booklet ist sehr gut gemacht: Die ausführlichen Liner Notes mit vielen Anmerkungen von Tommy Shannon und Chris Layton sind absolut lesenswert; dazu kommen neben vielen tollen Fotos auch Abbildungen von Konzertplakaten, Merchandising (Kleidung, Basecap...) und Anmerkungen zur Studioarbeit (z.B. "fattened bass should be prominent in mix while having both a huge sounding bottom quality, and a 'breathy almost transparency to it'").

Das Mastering ist über beide CDs auch sehr gelungen, keine Spur von Loudness-War (Dynamikwerte um die 12-13) - wer beim Wort "Remaster" zusammenzuckt, kann hier erleichtert sein. Die Abmischung der Studiotracks ist natürlich wenig basslastig, aber so wurden Alben in den Achtzigern halt produziert. (Die Unterschiede im Sound zwischen Expanded und Legacy Edition sind eher marginal.)


Vapor Trails-Remixed
Vapor Trails-Remixed
Preis: EUR 9,99

3.0 von 5 Sternen Schwieriges "Neufindungs"-Album, 24. Februar 2015
Rezension bezieht sich auf: Vapor Trails-Remixed (Audio CD)
Als bekannt wurde, dass Rush sich wieder zusammengefunden hatten, war schon im Vorfeld klar, dass "Vapor Trails" den Beginn eines neuen Karriereabschnittes darstellen würde. Nach den privaten Schicksalsschlägen in Neil Pearts Leben hatte die Band ja mehrere Jahre auf Eis gelegen, und "Test for Echo", das letzte Album vor der Zwangspause, war definitiv kein Meisterwerk, sodass die Band auf jeden Fall eine neue Richtung einschlagen musste. Dass Rush sich jedoch so radikal neu erfinden würden, war nicht unbedingt abzusehen gewesen. "Vapor Trails" ist ein sehr düsteres Album, ziemlich hart, schroff, reduziert und auch ziemlich anstrengend. Denn Rush nehmen den "Neuanfang" sehr ernst: Es gibt keine Keyboards mehr, kaum Gitarrensolos, keine Instrumentals. Stattdessen orientiert sich die Band an ihren Anfangsjahren, als sie noch ein traditionelles Power-Trio ohne Prog-Einflüsse war. Und tatsächlich: Man kann den Einfluss von Bands wie Cream oder Taste "zwischen den Zeilen" hören, wobei Rush sicherlich auch moderne Rockvarianten (Nu Rock? Nu Metal? nicht gerade mein Metier...) gehört haben. Der Haken dabei allerdings: Das Frühwerk von Rush gilt nicht unbedingt als Tafelsilber der Band, und ohne diese Verspieltheit und die beiläufige Virtuosität haben Rush irgendwie nicht diesen Rush-Charme, an den man sich längst gewöhnt hatte. Selbst das Album "Counterparts", mit dem Rush ihre Härte wiedergefunden hatten, war trotz allem immer noch komplex und melodiös. Hier hat man eher den Eindruck, dass sich Rush ihrer Ausdrucksmöglichkeiten berauben und stattdessen einfach nur drauflosbrettern. Oder dass Rush erst wieder lernen müssen, Rush zu sein, wie es Geddy Lee ausgedrückt hat. Ohne die ganzen wilden Breaks und Trommelwirbel klingt Neil Peart nicht wie Neil Peart, sondern eher wie ein "normaler" Rock-Drummer. Geddy Lee ist einfach Geddy Lee, aber auch sein Bass klingt nicht so prägnant wie sonst (Ausnahmen: "Ghost Rider" & "Nocturne"!), und sein Gesang wirkt zum ersten Mal irgendwie gequält und nicht mehr so selbstverständlich und souverän wie früher. Und Alex Lifeson? Haut immerhin einige gute Riffs raus. Ansonsten ist das Fehlen seiner verspulten Gitarrensolos (abgesehen von einigen Passagen bei "One Little Victory" und "Ceiling Unlimited") ein großes Problem in dieser Einöde. Das zweite große Problem ist das Songmaterial: Keiner der Songs ist wirklich schwach, aber keiner hat wirklich das Zeug zum Klassiker. Es sind eigentlich immer nur bestimmte Passagen, die gefallen - schlüssige Lieder kommen dabei eher weniger raus. "One Little Victory" hat es immerhin zum Ohrwurm gebracht, und auch "Ceiling Unlimited", "Ghost Rider", "Vapor Trail", "Secret Touch", "Nocturne" und "Freeze" (die späte Fortsetzung der "Fear"-Serie) sind nicht zu verachten. Bei alledem nervt mich gedoch, dass Rush es für nötig halten, in jeden Stück so loszuknüppeln, dass man das Gefühl hat, die Band verpasst ihren Hörern dreizehn Ohrfeigen. Weniger wäre hier mehr gewesen, und es gibt auf diesem Album eigentlich nur zwei Typen von Songs: Entweder von vorne bis hinten laut und heftig, oder nach einem verhaltenen Beginn laut und heftig. Alex Lifesons Gitarrensounds lassen sich auch mit zwei Fingern abzählen: Entweder breit, laut, schleimig, flächig und ohne Form - wie man es bereits von "Test for Echo" kennt - oder gedämpft und clean, was z.B. am Anfang von "Vapor Trail" und "Secret Touch" zu hören ist. Passenderweise zwei der besten Momente des Albums. Besser als "Test for Echo" ist "Vapor Trails" aber allemal. Auch wenn das Beste an diesem Album die Texte sind. Die Idee, anstelle von Keyboards Geddys Background-Gesang als "Textur" zu benutzen, ist mal was anderes, nutzt sich aber spätestens bei "Vapor Trail" ab. Wirklich nervig finde ich allerdings den Schlusstitel "Out of the Cradle"..."endlessly rocking"? Na ja. Lieber nicht.

Das Album wurde von David Bottrill remixt, weil die Band selbst erkannt hat, dass sie das Original versaut hat. Wer allerdings meint, dass Rush sich damit vom Loudness-War abkehren und endlich zu einem dynamischen Bandsound zurückkehren würden, sieht sich hier getäuscht, denn Andy VanDette hat beim Mastering zugelangt und die DR-Werte auf 7-8 gedrückt. Da wäre viel mehr drin gewesen. Aber der Band ging es vor allem darum, den dumpfen Mix zu beheben, und dafür hat sie Bottrill freie Hand gelassen. Das wiederum wird teils gelobt (die neu aufgetauchten Solos, insgesamt ein klarer, balancierter Sound) und teils kritisiert (Bassdrum ohne Volumen, Ridebecken "weg"). Fairer wäre es m.E. gewesen, hätten Rush den remasterten, clipping-freien Originalmix (in dem Remaster, das Andy VanDette einst für HDTracks angefertigt hatte) und den neuen Mix als Doppel-CD zu veröffentlichen. Dann hätten diejenigen, die den Sound des Originals bevorzugen, die Chance gehabt, das Album ohne "Ohrenbluten" so zu hören, wie die Band es einst selbst gemixt hatte. Die HDTracks-Version ist übrigens längst verschwunden - sie wurde durch den neuen Mix ersetzt.


More (remastered)
More (remastered)
Preis: EUR 9,99

4 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Das schwächste Pink-Floyd-Album?, 24. Februar 2015
Rezension bezieht sich auf: More (remastered) (Audio CD)
Ich finde, ja, es ist das schwächste Album, das Pink Floyd je veröffentlicht haben. Es war zwar ein interessantes Experiment, aber die Hälfte der Stücke ist verzichtbar und funktioniert wahrscheinlich erst mit den Filmbildern. Das ist auf "Obscured by Clouds", dem zweiten regulären Soundtrack-Album der Band, ganz anders. Hier stechen vor allem "The Nile Song", eine extrem rohe Hardrocknummer und sehr Floyd-untypisch, sowie eine Reihe von schönen folkigen Songs ("Cirrus Minor", "Crying Song", "Green is the Colour" und "Cymbaline") hervor. Abgesehen von "Ibiza Bar", einer Art Reprise von "The Nile Song" - nur mit anderem Text - sind alle anderen Stücke rein instrumental. Das muss nichts heißen, aber in diesem Fall schaffen es Pink Floyd nicht wirklich, eine Atmosphäre aufzubauen, die auch außerhalb des Films Sinn macht. Am spannendsten finde ich hier das jazzige "Up the Khyber", welches eine Art Ableitung von "Syncopated Pandemonium" ist. Überhaupt ist es auffällig, dass "A Sauceful of Secrets" den Rahmen für alles darstellt, was Pink Floyd 1969 getan haben. "More", "Ummagumma" und auch die live gespielten Suiten "The Man"/"The Journey" basieren alle in Teilen auf "Saucerful". Auf "More" ist es neben "Up the Khyber" in "Cirrus Minor" am offensichtlichsten (die Orgel am Schluss). Erwähnenswert ist auch noch die Tatsache, dass David Gilmour hier alleiniger Leadsänger ist. Ansonsten fällt mir nicht mehr viel zu diesem Album ein. Die erste Seite ist OK, die zweite kann mich kaum überzeugen. Die beiden Variationen des Hauptthemas sind ganz nett im wabernden Spätsechziger-Psychedelicstil gehalten. "A Spanish Piece" ist ein schlechter Witz. "Quicksilver" ist eine sieben Minuten lange Zeitverschwendung. Der "More Blues" hat irgendwie was, bleibt aber die ganze Zeit über im Schnarchmodus, in den ich beim Hören dieses Albums meistens auch übergehe.

Wer "The Endless River" zerrissen hat, der sollte sich dieses Werk noch einmal zu Gemüte führen. Früher war nicht immer alles besser.
Kommentar Kommentare (5) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jul 30, 2015 8:25 PM MEST


The Complete Studio Albums 1970-1990
The Complete Studio Albums 1970-1990
Preis: EUR 29,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Preis-Leistungs-Verhältnis, 24. Februar 2015
Das ist doch das Wichtigste. Ich kann es aber gut nachvollziehen, wenn man über die ZZ-Top-Veröffentlichungspolitik seinen Kopf schüttelt. Erst der grausliche "Sixpack", der vor allem dazu geführt hat, dass man wohl bis ans Ende aller Tage zwei der besten ZZ-Songs ("Tush" und "La Grange") immer nur in verhunzten Versionen im Radio hören wird. Dann die beiden Retrospektiven "Chrome, Smoke & BBQ" (4 CDs) und "Rancho Texicano" (2 CDs), für die alle Songs - in Originalmixen! - remastert wurden und auch ein paar Raritäten ausgegraben wurden, zudem versehen mit ausführlichen Liner Notes. Als dann auch noch "Tres Hombres", "Fandango!" und "Eliminator" als Remaster-CDs mit Bonustracks auf den Markt kamen, hätte man annehmen können, dass das der Start einer Remaster-Kampagne war, in deren Folge die "Sixpack"-Einzel-CDs der Originalalben endlich verdrängt würden. Aber nichts geschah. Stattdessen gab es dann dieses Set.
"Degüello", "Afterburner" und "Recycler" sind hier identisch mit den alten CDs, d.h. entsprechend damaligen CD-Mastering-Gewohnheiten mit wenig Bass und größtmöglicher Dynamik. Auf gut Deutsch: "Dünn, nicht fett."
"Fandango!" und "Eliminator" entsprechen den Remaster-CDs, jedoch ohne Bonus-Tracks (und im Falle von "Eliminator" auch ohne DVD...).
"First Album", "Rio Grande Mud", "Tres Hombres", "Tejas" und "El Loco" wurden speziell für dieses Boxset neu digitalisiert und einem leichten Remastering unterzogen, das jedoch weniger 'knackig' klingt als bei den anderen beiden Alben. Bis auf "Tres Hombres" und "El Loco" (letzteres war im Sixpack nur remastert und nicht remixt) sind diese Alben damit zum ersten Mal im Originalsound auf CD zu haben. Außer beim dumpfen "First Album" (hier könnte die Sixpack-Version sogar besser sein - trotz Hall und ver[unst]alteten Schlagzeugsounds) geht der Sound auch in Ordnung.

Die Papphüllen entsprechen den LP-Hüllen, d.h. "Tres Hombres" ist ein Gatefold und "Tejas" sogar ein Dreifach-Gatefold. Das bedeutet jedoch auch, dass die Fotos/Illustrationen der CD-Booklets und jegliche Songtexte (wenn die jemals irgendwo dabei waren) fehlen. So fehlt hier z.B. nicht nur das "Saxophon"-Foto von "Degüello", sondern auch komplett der Hinweis darauf, dass Billy Gibbons, Dusty Hill und Frank Beard tatsächlich selbst die Saxophone spielen. Genauso wie hier auch die Songwriting-Credits fehlen (bei allen anderen Alben stehen sie auf den Coverrückseiten). Die Rush-Box hat bewiesen, dass man einer solchen Box auch durchaus ein Booklet spendieren kann. Da könnten dann z.B. die Texte rein, oder Interviews, oder Liner-Notes, oder die oben angesprochenen fehlenden Bilder. "Chrome, Smoke & BBQ" bzw. "Rancho Texicano" hatten schöne Essays, in denen man viel über die Geschichte der Band lesen konnte. Das wäre sicher auch hier nicht fehl am Platze gewesen, schließlich ist die Historie von ZZ Top ja durchaus interessant.

Wer die ersten zehn Alben von ZZ Top zu einem guten Preis auf einen Schlag erwerben will, liegt hier richtig. Wer "First Album", "Rio Grande Mud" oder "Tejas" im unverhunzten Sound auf CD hören will, *muss* sich sogar dieses Set zulegen.
Musikalisch empfinde ich alle Alben außer dem Debüt und "El Loco" als durchweg gelungen. Dabei will ich aber auch zugeben, dass die ZZ Top der Siebziger immer noch die beste Version der Band sind. In den Achtzigern gab es die Band ja im Studio überhaupt nicht mehr - Sänger/Gitarrist Billy Gibbons hat "Eliminator" und "Afterburner" (und auch schon Teile von "El Loco") mit seinem Toningenieur fast komplett alleine ausgetüftelt. Man kann daher auch davon ausgehen, dass nicht nur in dieser Phase Bassist/Sänger Dusty Hill und Schlagzeuger Frank Beard beim Songwriting eher wenig zu melden hatten. Zumindest kann man bei "Recycler" wieder teilweise die alte Band hören (der Sound des Albums ist eine Mixtur aus den programmierten Rhythmen der Vorgänger und echtem Schlagzeug), aber den alten Groove, der gerade bei "Tejas" in Vollendung gehört werden kann, hat die Band nie vollständig wiedergefunden.

Ein kurzer Abriss der 10 Alben:
First Album - Nicht weltbewegend, aber solide. Alle typischen Merkmale des Bandsounds sind schon da, aber ZZ Top spielen noch zu sehr auf Sicherheit. Zudem wiederholen sie sich auch mal.
Rio Grande Mud - Das erste Highlight: eine risiko- und experimentierfreudige Band spielt sich in den Southern-Rock/Guitar-Boogie/Texas-Blues-Rausch und legt damit auch die Grundlage u.a. für den späteren Stoner Rock.
Tres Hombres - Knapper und mehr auf den Punkt, mit dem Band-Denkmal "La Grange" und jeder Menge weiterer Klassiker.
Fandango! - Eine Live-Seite (enorme Energie, aber nicht immer toll), eine Studio-Seite (mit dem ersten Hit "Tush" und weiteren Knallern).
Tejas - Großartig...eine Vertonung des Bundesstaates Texas. Die Songs ergeben ein stimmiges Ganzes, bestechen aber auch durch Komplexität und Abwechslungsreichtum und eine Prise Country.
Degüello - Auch wenn das Schlagzeugspiel hier bereits etwas an Glanz verliert, ist "Degüello" doch ein "Winner". Die Songs sind alle grandios, bluesig-erdig und modern-experimentell zugleich. Dazu das unsterbliche "Cheap Sunglasses".
El Loco - Ein uninspiriertes und enttäuschendes Übergangsalbum, das zwar jede Menge Neuland beschreitet, aber kaum brauchbare Kompositionen enthält. Zudem klingt die Band (ein Jahr nach dem Rockpalast-Auftritt!!!) ziemlich schlaff.
Eliminator - Die Songs (darunter mindestens vier absolute Klassiker) sind eine ganze Klasse besser als die auf "El Loco". Allerdings hält das Album das Anfangsniveau leider nicht bis zum Schluss, und verglichen mit dem Groove der 70er-Alben ist es einfach traurig, dass Bass und Schlagzeug fast durchgängig aus der Konserve kommen. Was hätte nur aus "I Need You Tonight" werden können, wenn da nicht dieser steife Beat wäre...?
Afterburner - Macht mir mehr Spaß als "Eliminator", obwohl sich ZZ Top deutlich von ihren Roots entfernen und die Synthesizer stellenweise genauso wichtig sind wie die Gitarren.
Recycler - Hätte Gibbons die Songs der Vorgängeralben in petto gehabt...nun gut, der Stern der Band beginnt hier zu sinken, aber man hört wieder mehr Blues und mehr rockige Riffs.

Als "Chrome, Smoke & BBQ" erschienen ist, wurde groß damit geworben, dass u.a. einige Raritäten enthalten waren (z.B. die allererste Single "Salt Lick"/"Miller's Farm" oder einige Maxi-Versionen). Von denen haben es drei auch auf "Rancho Texicano" geschafft. Die oben erwähnten Einzel-Remasters enthalten ebenfalls Bonus-Tracks, v.a. Live-Aufnahmen. Davon ist hier nichts mehr übrig. Mal abgesehen davon, dass die meisten Maxi-Versionen bzw. 12"-Remixe nach wie vor auf eine ordentliche Wiederveröffentlichung warten. Von "Complete" kann also nach wie vor nicht die Rede sein.

Bei alledem: die Box ist, so wie sie ist, natürlich OK. Das grundlegende Problem ist aber, dass man sich als ZZ-Top-Fan das Ding zulegen muss, um endlich die Originalmixe von drei Alben auf CD zu bekommen. Da wären mir ordentliche Einzel-CD-Remasters von "First Album", "Rio Grande Mud" und "Tejas" mit Bonus-Tracks lieber (und bei der Gelegenheit auch noch von "Afterburner" und "Recycler" mit den fehlenden Remixen...) - sodass man sich quasi selbst eine hochwertige (wenn auch teurere) "Complete Album Collection" zusammenstellen kann. Wer diese Musik mag und nicht mit einer Compilation zufrieden ist, der sollte hier dennoch zuschlagen.


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