Profil für Markus Fritz > Rezensionen

Persönliches Profil

Beiträge von Markus Fritz
Top-Rezensenten Rang: 40.771
Hilfreiche Bewertungen: 779

Richtlinien: Erfahren Sie mehr über die Regeln für "Meine Seite@Amazon.de".

Rezensionen verfasst von
Markus Fritz "markus1964"
(REAL NAME)   

Anzeigen:  
Seite: 1 | 2
pixel
Gewalt: Eine neue Geschichte der Menschheit
Gewalt: Eine neue Geschichte der Menschheit
von Steven Pinker
  Gebundene Ausgabe

10 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Das Ende des Jammerns, 8. Dezember 2011
Was ist mit unserer Lieblingsüberzeugung, die Welt werde immer brutaler? Sie ist falsch. Die Zahlen, die Steven Pinker in seinem - ich wage ein großes Wort - epochalen Werk "Gewalt" aufführt (und deren Methodik genau belegt wird), sind so eindeutig wie möglich: Gewalt, in all ihren Formen, hat über lange Zeiträume (Jahrzehnte, Jahrhunderte) gesehen immer weiter abgenommen, nicht nur hier, sondern, mit Verzögerung, in allen Teilen der Welt, selbst den ärmsten.
Das wußte ich nicht, und dass ich es nicht wusste und Ihr vielleicht auch nicht, hat viel damit zu tun, wie wir die Welt betrachten: anekdotisch, nicht statistisch. Wir hören von Massakern, sehen die Bilder von Kriegsopfern (in den 90ern sogar in unserer Nachbarschaft), begegnen, wenn dies unser Beruf ist, den Opfern in Person und wir folgern, so schlimm sei es noch nie gewesen.
Zudem macht gerade der für uns schon selbstverständlich gewordene Humanismus, der diesen Veränderungen zugrunde liegt - die Überzeugung letztlich, dass jedes Menschenleben zähle - es uns schwer, das Offensichtliche wahrzuhaben (z.B. dass die Kriege unserer Tage, Bürgerkriege meist, so schlimm sie auch sind, viel begrenzter sind als die großen zwischenstaatlichen Kriege der Vergangenheit und deshalb auch weit weniger Opfer fordern).

Pinker weiß natürlich, wie mühsam es ist, die intellektuell und politisch korrekte Vorstellung der Welt als Tal des wachsenden Jammers in Zweifel zu ziehen; er nimmt er sich (in der deutschen Übersetzung) 1400 Seiten Raum, um seine Zahlen zu präsentieren und Erklärungen zu suchen, welche Faktoren die Veränderung bewirkt haben und immer noch bewirken. Wozu die Mühe? Will er, wie manche deutschen Kritiker vermuten, sich und uns die Welt perfiderweise schönreden, als Entschuldigung für selbstgerechte Tatenlosigkeit? Im Gegenteil: indem er den Beweis führt, dass die Bemühungen um die Zivilisierung der Welt - bei allen Rückschlägen - langfristig enorme Verbesserungen herbeiführen und zwar nicht, wie gerne behauptet, nur hier im Westen und auf Kosten der Ärmeren, erschüttert er den politischen Nihilismus, der unsere Zunge lähmt und unsere Phantasie tötet. Die Folgerungen sind so einleuchtend wie erstaunlich:
1. Wir können die Welt DOCH verbessern. 2. Je mehr wir über uns Menschen wissen (d.h. über unsere Psychologie), umso effektiver werden wir sein.


Ein Bär im Betstuhl: Roman
Ein Bär im Betstuhl: Roman
von Arto Paasilinna
  Taschenbuch
Preis: EUR 7,99

0 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Anregender Duft?, 10. November 2011
Rezension bezieht sich auf: Ein Bär im Betstuhl: Roman (Taschenbuch)
"Aus dem Gebäude wehte ein so anregender Duft, dass die Bärin nicht widerstehen konnte. Sie umrundete das Objekt, um den Eingang zu suchen, doch da sämtliche Türen verschlossen waren, blieb ihr nichts weiter übrig, als einzubrechen: Sie erhob sich auf die Hinterbeine und drückte mit ihrem ganzen Gewicht gegen die Blechtür, die langsam nachgab und sich nach innen bog, wobei kaum Geräusche entstanden. Die Bärin horchte eine Weile, dann schob sie sich durch die Öffnung, und die Kleinen huschten hinterher.
Drinnen war es dunkel, aber mit dem untrügliche Instinkt der Waldtiere fanden die Bären schnell den Bottich, der mit 200 Liter einer dicken Flüssigkeit gefüllt war. Das kam ihnen sehr zupass, denn sie hatten großen Durst."
Warum ist das ein schwacher Text? Es liegt, wenn man es im Detail analysieren wollte, am unmotivierten Wechsel der Stilebene (Objekt), am übertriebenen Gebrauch hypotaktischer Konjunktionen (doch da..., ...denn sie hatten...), einem hässlich angeklatschten Modalsatz (wobei kaum Geräusche entstanden), abgenutzten Phrasen (Wie ist der Instinkt? Untrüglich, was denn sonst...)
All das ist bezeichnend für eine bestimmte Art der Trivialliteratur, die den Leser schonen will, die ihm das Denken erspart. Empfohlen wird dieses Werk in dem Kalender Literatur 2011"; insofern hatte ich etwas völlig anderes erwartet, hatte gehofft auf etwas im Stil der unglaublichen Groteske "Ignaz oder die Verschwörung der Idioten". Welch ein Irrtum!


Thailand
Thailand

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Ganz schön unpraktisch, 18. Oktober 2011
Rezension bezieht sich auf: Thailand (Broschiert)
Der überaus bunte Reiseführer mit seinen vielen hübschen Bildern ist sicher ganz geeignet, um einen ersten Eindruck vom Land zu bekommen und mögliche Prioritäten festzulegen.

Für eine ernsthafte Planung der Reise-Logistik fehlen fast jegliche Details: wo fahren Busse, Bahnen, Boote, wo bekommt man Fahrkarten etc. Auch dass die Hotels und Restaurants am Ende des Buches en bloc aufgelistet sind statt bei den jeweiligen Orten, macht die Anwendung nicht einfacher. Übersichtskarten der weniger besuchten Orte (wie sie z.B. LP in der Regel hat), sucht man vergeblich.

Allein mit diesem Buch würde man nicht weit kommen.


Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts
Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts
von Golo Mann
  Taschenbuch
Preis: EUR 14,95

0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein geborener Erzähler, 1. Juni 2011
Besser, jedenfalls für den Leser angenehmer, als Golo Mann das tut, kann man ein Geschichtsbuch nicht schreiben. Auch ohne jede seiner Ansichten zu teilen - die Rolle der Wehrmacht im zweiten Weltkrieg stellt er womöglich zu unkritisch dar - wird man dieses elegante, manchmal ironische, plastisch erzählende und ausgewogen argumentierende Buch überaus lesbar finden. Nicht jedem Leser wird bewußt, welche Rolle ein guter Stil spielt für das Lesevergnügen (deutsche Sachbücher verwöhnen uns da selten), er merkt ganz einfach: dies hier lese ich gerne.


Through the Language Glass: Why The World Looks Different In Other Languages
Through the Language Glass: Why The World Looks Different In Other Languages
von Guy Deutscher
  Taschenbuch
Preis: EUR 10,40

31 von 35 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Herr Löffel und Frau Gabel, 13. Februar 2011
Guy Deutscher hat das perfekte Sachbuch geschrieben. Plastisch, fesselnd und bisweilen zum Krähen komisch beschreibt er die gewundenen Pfade und Sackgassen, in denen - seit im 19. Jahrhundert die Farbschwäche der alten Griechen entdeckt wurde - Forscher dem Zusammenhang zwischen Sprache und Welterfahrung nachgespürt haben. Was bestimmt, wie bunt unsere Welt ist? Nature or nurture: die Anatomie des Auges oder die Farbwörter, die uns unsere Kultur zur Verfügung stellt?

Im Detail sind es drei Zusammenhänge, die Deutscher modellhaft beleuchtet: Farbensehen und Farbwörter, Orientierung und Ortsangaben, natürliches Geschlecht und grammatisches Geschlecht (im Deutschen beispielsweise, das er gerne zur Illustration heranzieht, bilden Herr Löffel und Frau Gabel mit dem neutralen Messer eine seltsame grammatische Familie). Am Ende erweist sich, dass Sprache tatsächlich die Art beeinflusst, wie wir die Welt sehen, wenn auch ganz anders, als es sich der Mann am Stammtisch, der sich über die angebliche Sexualscheu der Engländer amüsiert (bei denen DER, DIE, DAS durch THE ersetzt ist), vorgestellt hat.

Fast nebenbei ist dies auch noch eine brillante Abhandlung über Zeitgeist und Forschung geworden: während für den Kolonialisten "primitive" Eingeborene primitive Sprachen haben und deshalb unfähig sind, komplexe Sachverhalte zu erfassen, darf es im Zeitalter der politischen Korrektheit plötzlich überhaupt keine Unterschiede mehr geben: alle Sprachen der Welt, so wird behauptet, hätten "so ungefähr" denselben Grad an Komplexität. Wie Deutscher dieses Dogma moderner Sprachwissenschaft als sinnleeres Gerede entlarvt und zugleich demonstriert, dass auch folgerichtiges Denken mitnichten zurück in den Rassismus führt - das ist einer der Höhepunkte dieses durchweg faszinierenden Werkes. Lesen!


Pong
Pong
von Sibylle Lewitscharoff
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

6 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Verstörend betörend, 3. Februar 2011
Rezension bezieht sich auf: Pong (Taschenbuch)
Pong" ist ganz erstaunlich, nicht nur, weil die Erzählung, ohne zu ermüden, die Perspektive des Verrückten" vom ersten Satz bis zum letzten über mehr als hundert Seiten durchhält, auch, indem ein gutgelaunt skurriles Deutsch präsentiert wird, wie es nirgends noch zu lesen stand. Dass ein Schreibender ohne Geräusper und Gewürge einen neuen und nur ihm alleine eigenen wunderwarmen Ton anstimmt, das ist ja doch - für den Gernevielleser allemal - ein Ereignis! Genazino kann das, Ransmayr... Es sind nicht viele.

Da mag man nicht viel kritteln. Wenn Pong einmal den Mund aufmacht, tönt es plötzlich seltsam salbungsvoll und hölzern. Nicht nur würde KEINER so reden, auch Pong würde es nicht, wenn er, was der Lesende glaubt erwarten zu dürfen, seine paralogisch verworrenenen Gedankenpfade abschritte auch beim Reden. Aber viel sagt er nicht, und deshalb macht es auch nicht viel, meistens denkt er, denkt und erntet die Gedankenblumen und die Düfte der Gedankenblumen verstören und betören.


Apostoloff
Apostoloff
von Sibylle Lewitscharoff
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,80

3 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Vaterland und Muttersprache, 23. Januar 2011
Rezension bezieht sich auf: Apostoloff (Gebundene Ausgabe)
Dass ein Lesender, einen Autor entdeckend, sich begeistert, passiert ja doch immer seltener, je mehr er schon gelesen. Groß ist die Freude, wenn's dann endlich doch einmal wieder geschieht!

Lewitscharoff meidet die Phrase wie die bulgarische Küche, findet ungequälte Worte für das Zarte und für das Grausige. Das berühmte Monument "1300 Jahre Bulgarien" inspiriert sie: "Roh, brutal, monströs - ja, das paßt, aber es paßt auf die meisten Denkmale der letzten hundert Jahre, Ost wie West. Gewalttätig, gemein, unmäßig - stimmt alles, aber härter und häßlicher ist dieses Ding. Wüst, abstoßend, ungeschlacht - alles wahr und doch fasst es das Schlimmste nicht. Grober Dreck, misschaffener Dreck, tückischer Dreck, widerwärtiger, erpresserischer Dreck - ja und nochmals ja, aber mit Worten kann man das Monstrum nicht berennen." Die Reaktion auf die Schändung des hassgeliebten Landes: "Kummerkristalle blühen an Stelle von Schweiß auf unseren Stirnen."

Der Leser ist verblüfft und entzückt, wie frisch und glitzernd und lässig und frohgemut die oft so müde erscheinende Sprache der Mütter daherkommt bei diesem Besuch im Lande des toten Vaters. Das ist gesucht und ausgesucht, aber man merkt es kaum, es hat - anders als (laut Lewitscharoff) die Bulgarinnen - so gar nichts Parfümiertes. Dieses grausame und erlesene Deutsch gibt sich entspannt und selbstverständlich und der Leser erkennt in Dankbarkeit, dass die seltsamen Ereignisse in diesem fürchterlich faszinierenden Land Bulgarien nur so benannt sein möchten, in eben diesen Worten.

Das andere alles vermag auch zu gefallen: der skurrile, dabei meistenteils der Realität abgewonnene Plot, die feine Analyse der Lewitscharoffschen Familienbande, die ungezierte Schilderung eines verwüsteten Landes - der eigentliche Mehrwert aber ist die Sprache.


Fallstricke: Die häufigsten Denkfehler in Alltag und Wissenschaft
Fallstricke: Die häufigsten Denkfehler in Alltag und Wissenschaft
von Ulrich Frey
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,95

89 von 109 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Sprachlos, 21. Dezember 2010
Die Autoren hätten wohl etwas zu sagen, aber sie wissen nicht wie. Das Bemühen um Anschaulichkeit erstickt unter dem alles überwuchernden Amtsdeutsch: "Infrage kommt also vorwiegend Fehlerentdeckung durch andere." "Bei so schwerwiegenden Fehlern rückt natürlich die Frage nach einer möglichen Fehlervermeidung in den Mittelpunkt des Interesses." Diese Beispiele sind beliebig; das ganze Buch ist so geschrieben, wimmelt darüber hinaus von Pleonasmen: "die eigene Selbsteinschätzung", "ausgewiesene Fachleute" und und und...

Hilflos auch die Versuche, uns die trockene Darstellung mit erzählten Fallgeschichten schmackhaft zu machen. Eine davon will uns den Erforscher der Beriberi-Krankheit vorstellen, in den letzten Minuten, bevor ihm der Nobelpreis verliehen wird. Die Handlung? Er dachte zurück. Er erinnerte sich. Er schmunzelte. "Irren ist menschlich, dachte Eijkmann, und Fehler machen wir alle." Die spektakuläre Schlusspointe: "Christiaan Eijkmann lächelte stolz und sah den König den Saal betreten."

Die Gedankengänge mitzugehen ist oft mühsam; vor allen Dingen ist das dem Kampf mit der Sprache und ihrer Logik geschuldet: "Und schließlich gibt es noch ein weiteres Argument für evolutionäre Erklärungen: den Nachweis der gleichen Strukturen sowohl in verschiedenen Kulturen und Epochen als auch bei Kindern." Kinder und Kulturen gehören - der hübschen Alliteration zum Trotz - in verschiedene Kategorien. Man ahnt, was die Autoren meinen. Sagen können sie es nur schwer.

Fast schon am Ende finden sich zwei bezeichnende Sätze: "An dieser Stelle wollen wir noch einmal darauf hinweisen, dass es neben den kognitiven noch eine ganze Reihe anderer Ursachen für Fehler gibt. Diese sind aber nicht Thema unseres Buches." Das stimmt für den Inhalt. Formal ist das Buch ein sprechendes - um nicht zu sagen: stammelndes - Beispiel für den häufigsten Fehler des Sachbuchautoren: den vermeidlichen Verlust gedanklicher Klarheit durch nachlässigen Sprachgebrauch.

Wenn Wissenschaftler als Autoren überfordert sind, schlägt die Stunde des Lektors. Warum kaufen wir noch von einem Verlag betreute Sachbücher, statt uns ganz auf das Internet zu verlassen? In der Hoffnung zuallererst, einen ordentlich lektorierten Text in die Hände zu bekommen. Hier wird sie gründlich enttäuscht.


Hundert Tage: Roman
Hundert Tage: Roman
von Lukas Bärfuss
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,99

7 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Die Falschen helfen den Falschen, 12. Dezember 2010
Rezension bezieht sich auf: Hundert Tage: Roman (Taschenbuch)
Man ist dann doch gefesselt. Bärfuss gelingt es, den Leser hineinzuziehen in das mörderische Geschehen in Ruanda, 1994. Die Ich-Perspektive eines unerfahrenen Entwicklungshelfers durchschnittlicher Moral macht die Ereignisse glaubhaft in ihrer fürchterlich banalen Mechanik.

Dabei steckt dies Buch - die Profikritiker haben das ausführlich bemängelt - voller Schwächen: im Aufbau (eine Rahmenhandlung, die keinen Rahmen bildet), den blassen Charakteren, den seltsamen Analogien (mechanischer Sex - mechanisches Töten?) und so weiter.

Andererseits: wie schreibt man den perfekten Roman über einen Völkermord? Was mich überzeugt hat, ist das Fehlen griffiger Erklärungen. Der Autor kennt die verschiedenen "Gründe" der Analysten, er erwähnt sie auch, aber er lässt dem Unbegreiflichen seine Unbegreiflichkeit. Die Stärke des Buches liegt in den Bildern; sie sind es, die sich ins Gedächtnis brennen, deutlicher selbst, als es ein Film wie "Hotel Ruanda" vermag.

Klar genug ist die Diagnose, was die Entwicklungshilfe betrifft und ihre Repräsentanten: die Falschen helfen den Falschen aus den falschen Gründen. Dem kann einer, der selbst jahrelang in diesem Geschäft tätig war, kaum widersprechen. Kurze Hilfseinsätze bei Katastrophen mögen manchmal nützen, doch wer ein bitterarmes Land über Jahre und Jahrzehnte mit teueren Wohltaten erfreut, wird unvermeidlich zur Stütze eines dysfunktionalen Systems. Da macht der Autor sich und dem Leser nichts vor.

Kein Buch, das einen glücklicher macht. Dafür klüger. Und die Stunden des Lesens vergehen schnell.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jan 10, 2012 1:05 AM CET


Dance with Chance
Dance with Chance
von Spyros Makridakis
  Taschenbuch

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Lucky read, 9. November 2010
Rezension bezieht sich auf: Dance with Chance (Taschenbuch)
"Dance with chance" ist ein Ratgeber für Menschen, die Ratgeber meiden. Wie trifft einer gute Entscheidungen, ohne zu wissen, was morgen geschieht? Um diese Frage geht es. Der Leser wird angeleitet, den eigenen Verstand zu gebrauchen. Das heißt vor allem: dessen Grenzen zu akzeptieren. Wenn Menschen frohgemut versuchen, mit ihrem Scharfsinn die Nebel der Zukunft zu durchdringen, stellt sich fast unvermeidlich die "Illusion der Kontrolle" ein; nur wer sich dessen bewußt ist (was u.a. ein elementares Verständnis von Statistik und Wahrscheinlichkeitsrechnung voraussetzt), hat überhaupt eine Chance, sich vernünftig zu entscheiden. Allenthalben stoßen wir auf ein Paradox: dass wir, um mehr Kontrolle zu gewinnen, mehr Ungewissheit zulassen müssen: dance with chance.

Die Autoren erläutern ihre Erkenntnisse zunächst modellhaft für die Bereiche Medizin, Finanzmarkt und Unternehmensführung, zeigen in den letzten Kapiteln aber auch, wie sich die vorgeführte (autoritäts- und selbstkritische) Haltung nutzbringend und fehlervermeidend auf andere Gebiete ausdehnen lässt. Besonders wohltuend: wie die drei Autoren am Ende auch die scheinbar von ihnen selbst unkritisch implizierten Werte (z.B. "Geld macht glücklich") EXPLIZIT in Frage stellen und ausführlich die neuere Forschung zitieren, die solche Dummheiten längst widerlegt hat.

Der Stil ist humorvoll, manchmal flapsig, wird aber nie platt; die erfundenen Fallbeispiele sind schöne Parodien auf die entsprechenden Passagen "typischer" Ratgeber. Einige smarte Finanzgurus und dünnbrettbohrende Wissenschaftler werden auch direkt benannt und mit wohlbegründetem Hohn übergossen. Formeln kommen nicht vor. Das Buch liest sich gut.

Ab und zu findet man ein Buch, aus dem man etwas lernt für sein Leben. Und fühlt sich beschenkt. Dies ist so ein Buch.


Seite: 1 | 2