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Rezensionen verfasst von
Norbert Meß "Parmenides" (Einbeck)

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Am Sonntag bist du tot
Am Sonntag bist du tot
DVD ~ Brendan Gleeson
Preis: EUR 14,99

5.0 von 5 Sternen Vergebung, Schuld, Umkehr und Mitleid, 17. November 2014
Rezension bezieht sich auf: Am Sonntag bist du tot (DVD)
An der rauen Westküste Irlands ist James Lavelle Priester in einer kleinen und schwierigen Kirchengemeinde. Die Gespräche mit aggressiven Gottesleugnern, enttäuschten Kirchenmitgliedern und verrückten oder eigensinnigen Gläubigen prägen seinen Alltag. Neu ist, dass ein Mitglied der Gemeinde ihn im Beichtstuhl mit dem Tod bedroht: dieser soll die Sühne sein für den sexuellen Missbrauch, den der Beichtende in früheren Jahren durch einen anderen katholischen Geistlichen erlitten hat. Lavelle wurde erst nach dem Tod seiner Frau Priester und hat eine erwachsene Tochter, um die er sich öfter kümmern müsste. Die Wut auf die Kirche, die für das Leid vieler Menschen mitverantwortlich ist, äußert sich, als die Holzkirche des Ortes in Flammen aufgeht. Mit einem jungen Priesterkollegen kommt es zu einer massiven Auseinandersetzung über die Aufgaben der Kirche, während der Bischof die bestehenden Konflikte eher verschweigen möchte. Schließlich ist der Sonntag da, an dem Lavelle sterben soll.

Mit schwarzem Humor erzählt der Film, ein Thriller mit klassischem Schowdown, die Geschichte eines gutherzigen Priesters in einer desolaten katholischen Kirche, die nahezu jegliche Glaubwürdigkeit verloren hat. Die irische Westküste mit ihren kahlen Felsen, langen Küsten und grünen Hügeln wird zum Szenario einer Passion, in der das Leiden Jesu ironisch zitiert wird. Die Personen, denen der Priester begegnet, vom brutalen Mörder im Gefängnis über den zynischen Gesetzeshüter bis zur trostsuchenen Witwe, stellen seine Integrität immer wieder auf die Probe. Seine Offenheit zum Gespräch, die verletzbar und ohnmächtig macht, führt zum Mitleiden, das die institutionelle Kirche den Fragenden, Verzweifelten, Verirrten und Suchenden oft genug verweigert.

Die Erkenntnis, dass Schuld anerkannt werden muss, ehe Vergebung gewährt werden kann, macht dieser Film eindrücklich deutlich. Reform und Umkehr gelingen nur dann, wenn Schuld akzeptiert und Mitleid für die Opfer nicht nur beschworen, sondern Leid mitempfunden wird.


Zwischen Welten
Zwischen Welten
DVD ~ Ronald Zehrfeld
Preis: EUR 13,76

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Niemand kann gewinnen, 11. November 2014
Rezension bezieht sich auf: Zwischen Welten (DVD)
Wie die meisten Kriege bewirkt auch der in Afghanistan eine Problematik, die in den Medien kaum präsent ist: diejenige der Übersetzer, die zwischen westlichen Soldaten und Einheimischen vermittlen. Ziehen die Truppen ab, befinden sich die Dolmetscher in akuter Lebensgefahr, denn in den Augen vieler gelten sie als Verräter. Trotzdem hat bisher kaum einer von ihnen das überlebenswichtige Visum für Europa erhalten.

In diesem Umfeld spielt "Zwischen Welten" der deutschen Regisseurin Feo Aladag. Im Zentrum stehen der Soldat Jesper und sein Übersetzer Tarik. Schon ihre erste Begegnung verläuft programmatisch: Der Afghane kommt zu spät zum ersten Einsatz, der Deutsche weist ihn knapp zurecht: "I like people who are in time." Tarik korrigiert höflich, aber furchtlos: "On ... on time". Binnen Sekunden ist die übliche Hierarchie ausgehebelt: Hier lernen sich zwei als ebenbürtig kennen. Was folgt, ist die Schilderung einer Atmosphäre ständiger Angst und unbeabsichtigter Fehltritte. Jesper hat den Auftrag, sich mit den Männern eines Dorfs gegen die Taliban zu verbünden. Damit prallen Welten aufeinander, deren Interessen niemals deckungsgleich sein können. So sind die ehrlichen Verständigungsversuche zum Scheitern verurtelt, und kein Übersetzer könnte daran etwas ändern.

Aladag erzählt ihr Kriegsdrama in betörenden Farben, die unsere Sehgewohnheiten herausfordern. Außerdem hat sie darauf bestanden, vor Ort, in Afghanistan, zu drehen. Beides dient letztlich dazu, ein Grundproblem dieses Konflikts zu verdeutlichen: Der Anspruch des Westens, in Afghanistan zu intervenieren, mag gut gemeint sein, erweist sich aber als überheblich, solange er die Existenz verschiedener, gleichberechtigter Welten verkennt und meint, es sei damit getan, die eigene Welt der anderen, fremden, überzustülpen.

"Zwischen Welten" ist ein tiefgründig-kluger Autorenfilm, mit dem die Regisseurin es vermag, eine lautes Thema in leisen und sehr präzischen Tönen zu erkunden.


Im Labyrinth des Schweigens
Im Labyrinth des Schweigens
DVD ~ Alexander Fehling
Preis: EUR 16,99

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Gedenken und Distanzierung, 11. November 2014
Rezension bezieht sich auf: Im Labyrinth des Schweigens (DVD)
Der junge Staatsanwalt Johann Radmann stößt 1958 in Frankfurt am Main auf eine Mauer des Schweigens, als er nach den verantwortlichen Tätern im nationalsozialistischen Vernichtungslager Auschwitz zu suchen beginnt. Was in Auschwitz geschenen ist, wird im Land des Wiederaufbaus und des Wirtschaftswunders verdrängt, verleugnet und verschwiegen. Ausgelöst hat die staatsanwaltliche Ermittlung der Journalist Thomas Gnielka, dessen Freund Simon Kirsch, Kunstmaler und Auschwitzhäftling, einen Gymnasiallehrer als seinen Peiniger von damals wiedererkannt hat. Auch die Kollegen in Polizei und Justiz verweigern die Zusammenarbeit mit Radmann. Unterstützt wird er allerdings vom hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, der selbst ein vehementes Interesse an der Auseinandersetzung mit dem Holocaust hat und ihn offiziell mit den Ermittlungen beauftragt. Viele Nachforschungen bleiben erfolglos. Doch die Fragen nach Wahrheit und Recht angesichts der NS-Verbrechen lassen Radmann nicht los.

Der Film erzält die Vorgeschichte der Auschwitzprozesse Anfang der sechziger Jahre. Auch wenn die Hauptfigur Züge verschiedener historischer Personen trägt, wird der Zeitgeist erkennbar: Schuld und Scham, die Mischung aus Tätern, Zuschauern und Mitläufern und die Kontinuität in den gesellschaftlichen Eliten führen zu einem Kartell des Schweigens. Aufklärer und Zeitzeugen werden bis zur offenen Aggression ausgegrenzt. Dramaturgisch geschickt trägt der Film die latenten Konflikte bis in die Privatsphäre Ratmanns hinein - seine Verlobung droht zu scheitern, Kollegen spotten und wenden sich ab, die Mitschuld des eigenen Vaters nicht mehr verleugnen zu können, ist eine schockierende Entdeckung.

Ein großer Film, der, indem er uns in eine Zeit zurücksetzt, in welcher die Erinnerung an Auschwitz erst erkämpft werden musste, verdeutlicht, dass das Gedenken an die Opfer und die Distanzierung von den Tätern keine Selbstverständlichkeit ist, sondern immer wieder die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit verlangt.


Philomena
Philomena
DVD ~ Dame Judi Dench
Preis: EUR 13,99

13 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Skepsis, Glaube, Verurteilung und Vergebung, 6. März 2014
Rezension bezieht sich auf: Philomena (DVD)
Nach über 50 Jahren bricht die pensionierte Krankenschwester Philomena Lee ihr Schweigen. Als Teenager hat sie einen Sohn geboren. Im streng katholischen Irland jener Zeit war dies eine Schande. Sie musste als "gefallenes Mädchen" in einem Nonnenkonvent leben und arbeiten. Gegen ihren Willen wurde das Kind adoptiert.

Nun möchte sie wissen, wo und wie ihr Sohn aufgewachsen ist. Der politische Journalist, Martin Sixsmith, ist bereit, Philomena bei ihrer Suche zu unterstützen. Trotz ihrer gegensätzlichen Glaubens- und Lebensvorstellungen freunden sich beide an. Die Nonnen helfen ihnen nicht weiter: Sie haben die Akten aus jenen Jahren verbrannt und schweigen eisern. Die Spuren des adoptierten Sohnes führen in die USA. Martin und Philomena finden heraus, dass er bis zum Präsidentenberater in Washington aufstieg. Von einem Freund erfahren sie, dass er vor einigen Jahren an einer schweren Krankheit verstorben ist.

Nach einer realen Geschichte entfaltet der Film den Dialog einer gläubigen Katholikin mit einem verweltlichten Agnostiker, angesichts ihrer tiefen Verletzung durch die Kirche. Jeden Tag ihres Lebens hat sie an den Sohn gedacht, der ihr genommen wurde. Schuldgefühle, Sehnsucht und ein kaum fassbarer Verlust haben ihr Leben überschattet. Trotz der bitteren Erfahrung hält sie an ihrem christlichen Glauben fest. In den Gesprächen gewinnen der Journalist und sie Toleranz und Verständnis füreinander. Der Film hält die Balance zwischen der Frömmigkeit und freundlichen Wärme der älteren Philomena und der kühlen Ironie des jüngeren Martin. Die Kritik an einer menschenfeindlichen kirchlichen Praxis wird genauso deutlich wie die an einer oberflächlichen Medienöffentlichkeit.

Ein großer Film; humorvoll und dennoch ergreifend, intellektuell wie emotional überzeugend, hält er die Spannung zwischen Skepsis und Glaube, Verurteilung und Vergebung offen.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Sep 19, 2014 2:46 AM MEST


Der Junge mit dem Fahrrad
Der Junge mit dem Fahrrad
DVD ~ Thomas Doret
Preis: EUR 8,99

9 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Keine Welt ohne Hoffnung, 21. Mai 2012
Rezension bezieht sich auf: Der Junge mit dem Fahrrad (DVD)
Aus einem Erziehungsheim versucht der elfjährige Cyril vergeblich, seinen Vater Guy anzurufen. Nach einem Monat wollte ihn der Vater von dort wieder abholen. Am nächsten Tag schwänzt Cyril die Schule und macht sich auf den Weg zur väterlichen Wohnung. Als er den Betreuern aus dem Heim zu entkommen versucht, die ihm auf den Fersen sind, versteckt er sich in einer Arztpraxis. Dort begegnet er der Friseurin Samantha, die er fest umklammert und nicht mehr loslassen will, als die Erzieher ihn finden. Es stellt sich heraus, dass die Wohnung des Vaters leer ist. Niemand weiß, wo er sich aufhält. Nach einigen Tagen bringt Samantha ihm sein Fahrrad, das er für gestohlen hielt. Sein Vater hatte es verkauft. Gemeinsam finden sie ihn bei einem Aushilfsjob; tief verletzt muss Cyril erkennen, dass der Vater nichts von ihm wissen will. Samantha tröstet ihn. Nun besucht er sie regelmäßig. Auch die Erfahrung falscher Freunde bleibt ihm nicht erspart. Doch Samantha hält trotz aller Schwierigkeiten zu ihm.

Der Film konzentriert sich auf die Dynamik der Suche nach einem Zuhause, in dem Cyril sich geborgen und anerkannt fühlt. Das Fahrrad wird zur Metapher dieser Bewegung, weil es die bedrängende Dynamik und nervöse Energie verkörpert, mit der er nach einem solchen Ort für die eigene Identitätsbildung Ausschau hält. Eindringlich folgt die Kamera dem stets unruhig-impulsiven Verhalten des Jungen, der um soziale Aufmerksamkeit kämpft. Samanthas Fürsorge ist ein elementarer humaner Impuls, dem sie folgt, ohne dass dies psychologisch erklärt wird. Ein von seinem Vater verlassener Junge findet Zuwendung dort, wo er sie gar nicht erwartet hat, bei einer Fremden, deren Menschlichkeit im Kontrast wie aus dem Märchen - oder dem Kino erscheint.

Ein großer Film, der der Verlässlichkeit familiärer Bindungen misstraut, aber dennoch keine Welt ohne Hoffnung zeichnet.


King of Devil's Island
King of Devil's Island
DVD ~ Stellan Skarsgård
Preis: EUR 11,49

23 von 24 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Aspekte des Nullpunkts, 19. April 2012
Rezension bezieht sich auf: King of Devil's Island (DVD)
Jugendarreste oder die Errichtung von abgelegenen Camps, in denen jugendliche Straftäter umerzogen werden mögen, werden von Pseudopädagogen immer wieder mal gefordert, weil diese Stätten eine Alternative zur heutigen Jugendjustiz zu sein scheinen, die als zu nachsichtig angesehen wird. Allerdings waren die Jugendlichen nach einigen Jahren in solchen Camps oftmals zu wirklichen Kriminellen ausgebildet; ihre nachfolgenden Karrieren waren dann sehr oft vorprogrammiert.

In dem Film -King of Devil's Island- wird das Schicksal einer Gruppe von jugendlichen Straftätern in einer solchen Umerziehungsanstalt beleuchtet. Angesiedelt ist die Geschichte nach wahren Begebenheiten, im Jahre 1915, auf der in einem norwegischen Fjord abgeschieden gelegenen Gefängnisinsel Bastoy. Es ist mitten im Winter, als Erling und Ivar dort hingelangen. Die jungen Menschen werden gebrochen, das Maß an Bestrafungen ist stets unangemessen hoch, die Aufpasser vergreifen sich an den Schutzbefohlenen und der Direktor wirtschaftet in die eigene Tasche, während die Insassen Abfälle essen müssen, und schaut, so oft er nur kann, weg, wenn es zu Übergriffen kommt.

Der robuste Erling kommt mit den Erniedrigungen, die sich zudem in äußerst rabiatem Ton und einer unmenschlich harten Plackerei als Waldarbeiter offenbaren, deutlich besser zurecht als der zerbrechliche Ivar. Erling ist der geborene Rebell und sein Streben ist vom ersten Augenblick an auf Flucht ausgerichtet. Auf der Seite der Erzieher finden sich als heimlicher Herrscher über die Jugendlichen der Heimleiter Brathen und seine Gehilfen, während der eigentliche Chef, der Anstaltsdirektor Bestyreren, es sich mit seiner schönen jungen Frau im herrschaftlichen Hauptgebäude gut gehen lässt.

Trotz solch bekannter Motive generiert dieser Film eine ergreifende Spannung und eine dichte Atmosphäre mit nicht nachlassendem Suspens. Zu verdanken ist dies auch den malerischen Impressionen, der wilden winterlichen Schönheit Norwegens, doch tragen sowohl der ruhige wie völlig unpathetisch gehaltene Erzählrhythmus als auch die jederzeit glaubwürdigen Leistungen der Darsteller dazu bei, dass der Film den Zuschauer magisch in seinen Bann zieht.

Der Film ist ein Musterbeispiel dafür, was auch ohne überbordend teure Studiotechnik möglich ist. Die Wahl des Filmschauplatzes, die unaufdringliche, aber nahe an den Figuren gehaltene Erzählweise, der handlungsführende Schnitt und die atmosphärisch-sensible Kameraführung greifen perfekt ineinander und lassen diesen Film zu einem cineastischen Juwel werden, der mit seiner Erörterung des zu jeder Freiheitsbetrachtung gehörenden Aspekts des Nullpunkts nicht nur unseren Verstand, sondern ebenso unser Herz erreicht.


Kriegerin
Kriegerin
DVD ~ Alina Levshin
Preis: EUR 6,99

6 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Kaum eine andere Wahl, 18. April 2012
Rezension bezieht sich auf: Kriegerin (DVD)
Marisa ist eine Neo-Nazibraut irgendwo in einem Mecklenburger Küstenort. Ihre Freunde sind Skinheads, und wenn sie sich nicht gerade die Zeit damit vertreibt, Ausländer und Linke zu drangsalieren, dann sitzt sie im Supermarkt ihrer Mutter an der Kasse.

Zu Beginn sieht man Marisa als Kind mit ihrem Opa am Strand. Sie schleppt einen Rucksack voller Sand auf dem Rücken, während der Großvater sie anfeuert: "Zähne zusammenbeißen. Ein Indianer kennt keinen Schmerz." Dass gelobt sei, was hart macht, klare Ordnungsmuster aus Befehl und Gehorsam sind vordergründige Weisheiten, die in dieser von Gott verlassenen Welt durchaus Bestand haben.

Man gewinnt den Eindruck, dass einem Jugendlichen in manchen Gebieten Ostdeutschlands gar nichts anderes übrig bleibt, als Neonazi zu werden, wenn er kein Außenseiter sein möchte; man sieht, wie bei Marisa Schwäche in Aggression umgemünzt wird, Neid auf vermeintlich "heile" Verhältnisse in Hass auf sie. Der sexuelle Subtext des Faschismus, die Verknüpfung von Sex und Gewalt, wird ebenso deutlich.

Vor diesem Hintergrund ist "Kriegerin" die Milieuschilderung eines braunen Randes, der Schnittmengen bis hin zur Mitte der Gesellschaft aufweist und der zugleich einen echten Sumpf darstellt, eine Subkultur der Unterschichten und Verlierer - bar jeder Fähigkeit zur philosophischen Reflexion. Der Film zeigt Menschen, die ein spießiges Kleinbürgerdasein führen, Ordnung, Anstand und Sicherheit verklären, und allen, die anders denken, Chaos, Brutalität und Angst bringen; denn sie sind unfähig zu begreifen, dass eine positive Gesellschaftsentwicklung einzig auf der Basis von Pluralität stattfinden kann.

Marisas Großvater ist treibender Keil dieser Philosophie geistig Minderbemittelter. Insbesondere weil der vergötterte Opa ein schlimmer Nazi war, der Marisa schon als Kind zur "Kriegerin" stählte und ihr einimpfte, sie solle nicht alles glauben, was über die Nazizeit erzählt wird, blieb dem Mädchen auf der Basis ihres intellektuellen Unvermögens dort, im verlorenen Osten, kaum eine andere Wahl.

Dem Regisseur und Autor, der leider zu erwähnen vergisst, dass Faschismus durchaus auch in wohlhabenden Flachköpfen - wie z.B. bei Betriebswirten - entstehen kann, ist zur vorgenannten Thematik ein technisch wie inhaltlich sehr guter und interessanter Film geglückt - eine selten gesehene Fallstudie, die bis zum Schluss spannend erzählt ist.


Wilde Erdbeeren - SZ-Cinemathek 4
Wilde Erdbeeren - SZ-Cinemathek 4
DVD ~ Victor Sjöström

5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Freiheit des Menschen, 21. Mai 2010
Rezension bezieht sich auf: Wilde Erdbeeren - SZ-Cinemathek 4 (DVD)
Ein mürrischer, einsamer, alter Professor, der sein Leben selbstverliebt und hart gegen andere verbrachte, wird in einer Traumvision mit seinem eigenen Tod, der sich in gänzlicher Verlorenheit vollziehen wird, konfrontiert. Auf einer am darauffolgenden Tag stattfindenden Autofahrt erkennt er
in den mitfahrenden Personen wie auch in den Menschen am Wegesrand sich selbst. Da er mit dieser Erkenntnis, die sich ganz und gar schonungslos vollzieht, die Dimensionen seiner umfassenden charakterlichen Mängel, mit denen er andere Menschen ins Unglück stürzte, begreift, gewährt ihm das Schicksal noch einmal die Gnade, den Weg der unvoreingenommenen Zugewandtheit und Liebe zu gehen. Erschüttert über seine menschliche Unzulänglichkeit, nimmt er dieses Geschenk zum Erstaunen seiner näheren Umwelt dankbar an und erlöst sich damit selbst.

Ein großer Film mit großartigen Darstellern, der zeigt, daß wir Menschen charakterlich nicht einfürallemal festgelegt sind, sondern die Möglichkeit zu persönlich-spirituellem Fortschritt immer haben, ja, daß gerade darin unsere Freiheit liegt.


Gattaca
Gattaca
DVD ~ Ethan Hawke

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Der perfekte Mensch, 18. Mai 2010
Rezension bezieht sich auf: Gattaca (DVD)
Der Film zeigt eine von Eugenetik bestimmte Gesellschaft, in der durch Gentechnologie und Präimplantationsdiagnostik die Auswahl von "Kindern nach Maß" nicht nur ermöglicht, sondern vorrangig erstrebt wird. Auf herkömmliche Art gezeugte Menschen gelten unter diesem Primat als solche mit einem vermehrten Aufkommen minderwertiger Phänotypen; sie gelten als invalid und anfällig. Überdies werden sie verächtlich als Uteri (Uterus) ausgewiesen. Sie bilden somit eine ganz spezielle Unterschicht, welcher lediglich die Wahrnahme niederer Hilfstätigkeiten zugestanden wird. Wie auch immer Karriere zu machen, bleibt ihnen versagt. Damit ist der Wert eines Menschen in jener (fiktiven?) Gesellschaft an den Determinanten seines Erbgutes erstens ablesbar und darüber hinaus einzig auf diese reduziert.

Die hier von Ethan Hawke hier verkörperte Figur des Vincent ist ein solcher "Uterus" oder "Invalid". Er zeigt jedoch mit seinen angeblichen "Fehlern" und "Macken", dass die genetische Abstammung letztlich unerheblich ist und dass der Mensch die Fähigkeit besitzt, seine Ziele allein mittels Persönlichkeit und Willenskraft zu erreichen. Denn ein Gen für den menschlichen Geist gibt es nicht! Mit einer falschen, nur angenommenen Identität beweist Vincent eindrucksvoll, dass in Wahrheit einzig die in ihren pseudophilosophischen Maximen erstarrte Gesellschaft invalid ist, nicht in der Lage seiend, über den Tellerrand der bloß materiellen Wirklichkeit hinauszuschauen.

Gattaca ist somit mehr als nur ein (vielleicht?) in gar nicht so ferner Zukunft spielender, äußerst spannend gestalteter Film: Er ist ein Plädoyer für die Einheit des Seins und die darin ewig gründende Dignitätsgleichheit des Menschen, jenseits jener Vordergründigkeit, die plump in den unzulänglichen Betrachtungen eines Charles Darwin gründet.

Es handelt sich um einen großen Film, der zeigt, dass sich ein Mensch ohne Frage einzig dadurch als Mensch und somit als wertvoll auszeichnet, dass er so ist, wie er ist.


Kampf um Rom, Teil I + II [2 DVDs]
Kampf um Rom, Teil I + II [2 DVDs]
DVD ~ Laurence Harvey

6 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Der Einfall der Barbaren, 4. Mai 2009
Rezension bezieht sich auf: Kampf um Rom, Teil I + II [2 DVDs] (DVD)
Als der Deutsche, Robert Siodmak, nach einer langen Hollywoodabwesenheit, in der er Filmmarksteine hoher Qualität schuf, nach Hause zurückgekehrt war, widmete er sich wiederholt dem Genre des Historischen Films, auf dessen dynamische Bildgestaltung er stets außerordentlich viel Wert legte.

Zugleich offenbarte er fast immer eine entwaffnende Gleichgültigkeit hinsichtlich der Schauspielerführung einerseits wie gegenüber dramaturgisch ausgefeilteren Betrachtungsweisen andererseits. Recht punktgenau lässt sich dies auch für "Kampf um Rom" feststellen, einen Film, der seine lange, unbeständige Karriere mit einem ungeheuren Fiasko seitens der Kritik und des Publikums beschloss.

Dennoch aber - trotz des offenkundigen Durcheinanders bei der miserabelen, unprofessionell ausgewählten internationalen Besetzung - bleibt dieses Werk von Siodmak einer der besseren Filme unter jenen vielen, die sich dem konfliktreichen Geschehen zwischen Barbaren und einem bereits dahinsiechenden Rom widmen.

Dies bezieht sich allerdings nicht auf die Respektlosigkeit gegenüber der historischen Objektivität, von der ausgehend sich das Drehbuch dieses Werks ganz im Sinne anderer, das siebente Jahrhundert betreffender, Kolossalfilme nicht gerade wenige Freiheiten nimmt, als vielmehr auf seine innere Konsequenz und Kohärenz gegenüber den expressiven Regeln eines Genres, das seine besten Karten stets eher auf große Massenszenen und visuelle Konflikte setzt, als auf die interpersonelle Dramaturgie zwischen den von der Geschichte auf den Plan gerufenen Persönlichkeiten.

Blond, von freundlichem Wesen und äußerst feinfühlig, wenn ihre persönlichen Verhaltensweisen getadelt werden, bewahren die Barbaren Siodmaks gegenüber den verschlagenen Intrigen eines Byzanz und der Doppelzüngigkeit Roms stets Würde und Anstand. Und das hebt "Kampf um Rom" deutlich aus dem Kontext der ansonsten doch recht einheitlichen Filmtradition, Neuankömmlinge im Imperium Romanum als grausam-gewalttätige Wilde oder vergnügungssüchtige, unzivilisierte Gestalten darzustellen, heraus. Wie immer es auch sei, Siodmak suggeriert - vielleicht mit einer Prise germanischen Nationalstolzes - daß jene blonden, aus dem Norden stammenden Krieger die neue moralische Größe in einer mittlerweile gänzlich korrupten mediterranen Welt verkörpern.

Optimismus ist hier allerdings nie zu spüren. Denn weder in den großen Schlachtszenen - mit optimalem Cinemascopeeinsatz auf den großen und kleineren Feldern Italiens bzw. Rümäniens von R. Siodmak und seinen Co.-Regieveteranen, Andrew Morton und Sergiu Nicolajescu, gedreht -, noch in den Liebesszenen der Hauptdarsteller wartet irgendwo etwas anderes als tödliche Bedrohung, für welche allein die besten Sequenzen des Films reserviert sind: Jene des Horrorkinos mit Amalasunta im großen Baderaum, jene auf dem Schlachtfeld des Totila, jene mit Theodora, der Priesterin des Bösen, jene mit dem Familienopfer der Julia, jene mit Amalafrida und dem Sieg der Gerechtigkeit sowie jene mit dem tragischen Ende des Cetego.

Durch eben diese tödlich-unheilvolle Spur - inszeniert mit einer erhabenen Fähigkeit zur Synthese und im Tone eines letztmalig zelebrierten Grabritus' - offenbart Siodmak seine ganze pessimistische Sichtweise der Geschichte, bekräftigt durch die cinematographische Kraft jenes endlichen Triumphes des Zwerges Narses, der als grinsender Gnom jegliche Politik als ein verkommenes und perverses Machtspiel offenbart.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Sep 23, 2014 9:51 PM MEST


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