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robert

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Geschichte der Wälder und Forsten in Oberhessen: Eine integrierte Kulturgeschichte des hessischen Forstwesens Band 1 und 2
Geschichte der Wälder und Forsten in Oberhessen: Eine integrierte Kulturgeschichte des hessischen Forstwesens Band 1 und 2
von Burgwald-Verlag+Druck
  Taschenbuch

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Es ist ein Glücksfall, wenn ein Historiker!, 30. März 2012
Heinrich BOUCSEIN, Geschichte der Wälder und Forsten in Oberhessen Eine integrierte Kulturgeschichte des hessischen Forstwesens; Band 1 Von der Vorgeschichte bis 1650. (388 S.); enthalten Bd. 2 [gleicher Titel] Von 1650 bis 1813 (154 S.) 30 Abb. nachgeschaltet, überwiegend farbig sowie 5 farbige Kartenskizzen, sämtl. vom Verfasser. Großformat Burgwald Verlag Cölbe-Schönstadt, 2009; € 44.- (ISBN 978-3-93629-43-8)

Es ist ein Glücksfall, wenn ein Historiker sich über 50 Jahre einem Thema widmet, dem er nach Beruf und Herkunft nahe steht. Der Autor promovierte 1950 über 'Den Burgwald' und weitete seine Forschungen aus, bis sie schließlich ganz Oberhessen umfassten. Dieses Gebiet untersucht er etwa in der Abgrenzung des Jahres 1600. Dabei geht er auf erhebliche Unterschiede in der weiteren Entwicklung ein. Durch die Vielfalt der örtlichen Einflüsse werden die geschilderten Fakten bei Vergleichen besonders anschaulich.
In Haina hat der Autor bis zur Pensionierung 1984 wesentliche Teile der Forsten des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen geleitet. Neben dem Alltag blieb die Zeit, um neue Erkenntnisse zu gewinnen. Seinen quellenkritischen Arbeiten dort dienten die Archivalien des Hospitals, reichlich vorhanden und für den Zweck kaum erschlossen. Prägend kommen für Boucsein noch die Kriegsjahre in Russland und Italien hinzu. Die Beurteilung des Geländes aus Sicht des Soldaten und Forstmannes erschließt einem z.B. die Bedeutung der Höhenwege im Gegensatz zu den sumpfigen Niederungen. Die vertraute Arbeit in den verschiedenen Archiven übertrug er dann auf das gesamte Arbeitsgebiet.
Wohlfeile Energie in Reichweite der Siedler ermöglichten die Erschließung des Waldlandes. Holz war in unserem Klima die Voraussetzung jedes kulturellen Aufschwungs sowohl als Energiequelle wie auch als Rohstoff für Haus und Hof. Zudem weidete das Vieh in den lichten Wäldern, mit Glück kam Eichelsegen zur Schweinemast hinzu. Neben der eigentlichen Landwirtschaft war der Wald, vielfältig ge- und übernutzt, der 'Nährwald' unserer Vorfahren. Es ist gerechtfertigt mit der Forstentwicklung auch eine Kulturgeschichte unseres nordhessischen Raumes zu verbinden.
Von der freien Waldnutzung bis zu den durch Grenzmale markierten verschiedenen Eigentums- und Nutzungsformen führt die Entwicklung. Die gesetzten Normen erstrecken sich von den Weistümern der Markwaldungen hin zu den Forstordnungen der Landgrafen, von ungeregelter Nutzung und späterem Holzmangel zur Bedarfsregulierung durch die Obrigkeit. Knappheit bedingt schließlich die Entwicklung zur Forstwirtschaft, dies sowohl in ihrer praktischen Ausprägung wie auch dem wissenschaftlichen Überbau. Auf der einen Seite stehen die Bedürfnisse der Landwirtschaft, auf der anderen führt die herrschaftliche Jagd mit ihren Ansprüchen neben anderem zu Spannungen. Das gemeinsame Vorkommen von Holz, verfeinert zu Holzkohle, Erzen und Mühlen lassen frühe industrielle Entwicklungen zu. Grenzen werden sichtbar. Hessen gilt heute als arm an Rohstoffen, früher nutzte man Bodenschätze und Wälder sehr systematisch aus. Beeindruckend sind die Leistungen des Autors hinsichtlich der Erschließung von Quellen, geradezu erstaunlich das landes- und heimatkundliche Wissen. Die Vielfalt rasch wechselnder Einflüsse auf das langsame Wachsen der Bäume wird immer wieder erläutert, seien die Ursachen Festungsbauten in Marburg und Ziegenhain, oder auch Seuchenzüge und Kriegswirren. Anschaulich ist die Rolle des Waldes bei Feldzügen erläutert (2. Bd. S 64 und 85).
Aus unterschiedlichen Ansätzen entwickelt sich eine Forstverwaltung. Von der Ausbeutung der Wälder gelangt man notgedrungen zum systematischen Wiederaufbau durch Saat und Pflanzung, letztlich auch zum Nadelholz. Mit welchen Methoden man arbeitete, was für Ideen und Konzepte man verfolgte, auch über Kosten und Irrwege, wird berichtet. Das Wirken einzelner Personen ist gewürdigt, gleich ob sie nun örtlicher Holzgrebe oder landgräflicher Leiter des 'Jagd-Forst-Amtes' waren. Breites Fachwissen und ausdauerndes Arbeiten führten zu dieser Geschichte der Wälder. Die Fülle der Fakten verbirgt keinesfalls die großen Entwicklungslinien im heimischen Forstwesen, der Entstehung von Forstrecht und Forstverwaltung. Es fügt sich zu einer Gesamtschau der Entwicklung bis zu dem Zustand im Königreich Westphalen vor rund 200Jahren. Das Erscheinen des angekündigten 'Forst und Jagdatlas' (Bd. 2, S. 85, Fußnote 256) wäre bereichernd. Kleinere Fehler klären sich unschwer. In Bd. 1, S. 175, ist Ludwig IV. gemeint. Die Daten (Bd. 2, S.138) sind zu überprüfen.
Erwünscht wären ein Stichwort- und ein Literaturverzeichnis. Vorerst muss der Suchende die sieben Seiten umfassende und tiefgestaffelte Gliederung benutzen, will er z.B. etwas über einzelne Markwaldungen, die Forstordnungen verschiedener Eigentümer, die Situation der Wälder im Oberforst Marburg (1734 und 1750) oder das Wechselspiel von Holzvorräten und Bergbau finden.

Allenfalls für Niedersachsen gibt es eine Zusammenschau ähnlicher Bedeutung (Walter Kremser, 1990). Das Werk bereichert die hessische Geschichtsschreibung und mehrt das Verständnis für Wald, Leben und Leistung unserer Vorfahren. Man muss dem Autor Respekt zollen und hoffen, dass ihm genügend schöpferische Zeit gewährt wird, um den geplanten dritten Band zu vollenden.

Hann. Münden Klaus Olischläger


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