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Beiträge von Andreas Wald
Rang der Rezensentin/des Rezensenten: 109.917
Hilfreiche Bewertungen:
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Rezensionen verfasst von Andreas Wald (Berlin)
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32 von 37 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
Das Klischee von der Unausweichlichkeit des Kampfes der Kulturen, 19. November 2007
Als wäre unsere Erde einfach nicht für ein harmonisches Auskommen unter den Menschen bestimmt, suchte man am Ende des XX. Jahrhunderts, nachdem die überschaubare Spaltung der Welt in zwei Blöcke weggeknickt war, nach einem neuen Modell zur Kanalisierung von Feindbildern, verlässlicher als das des Kommunismus gegen den Freien Westen und nach Möglichkeit auch geschichtsträchtiger.
In dieses Konfliktvakuum schrieb ein bedarfsorientierter Bostoner Professor Huntington sein leider viel gepriesenes Buch "Clash of Civilisations (Zusammenprall der Zivilisationen) das weltweit, also auch in Deutschland, zum Bestseller wurde. Bei uns dient es seitdem unter dem Titel Kampf der Kulturen, was ungenau übersetzt ist, als Grundlage von Fernsehkommentaren, wenn Hinduradikale eine Mosche niederreißen, wenn Afrikaner Schadensersatz für eine geborstene Pipeline fordern, die Tausende an Hektar ihres Lebensraumes unbewohnbar machte oder gerne auch, wenn besonders willige, bärtige Bebilderungs-Statisten irgendwo in der islamischen Welt eilends gefertigte Fähnchen und Strohpuppen verbrennen.
Gab es in den 90ern noch genügend Stimmen, die Huntingtons Bild separierter Kulturkreise widerlegen konnten und vor allem auf die praktischen Folgen solcher Theorien hinwiesen, machten schließlich die Terrorakte 2001 Huntington zum unanfechtbaren Propheten und den Kampf gegen den Terror zur Aufgabe unserer von Feindbildern abhängigen politischen Orientierung. In die eingetretene Stille unter seinen Kritikern schrieb nun ein Autoren-Duo eine hervorragende Antwort auf Huntington.
Der Titel Kampfabsage wurde angesichts der Unsachlichkeit gewählt, die bereits im Moscheenbau eine Kampfansage gegenüber unserer europäischen Kultur wittert. Einer der beiden Autoren, Ilija Trojanow, dürfte uns von seinen vielfältigen Veröffentlichungen der letzten Jahre bekannt sein, sein langjähriger Freund Ranjit Hoskoté ist Präsident des indischen Penclub, Kulturkritiker der Times of India und einer der führenden Kunstkuratoren Indiens.
Zweiterem verdanken wir sicher das akribisch recherchierte Wissen über die Kulturkampfvertreter des ferneren Orients, wobei ihm der Nachweis gelingt, dass sowohl M.S. Golwalkar, der Guruji der Hindu-Militanten, als auch Sayyid Qutub, der Begründer eines militanten Islamismus, bekennende und glühende Hitler-Verehrer waren. Der erstere in seinem Traum von einem reinrassig hinduistischen Kontinent, der von der Brut islamischer Untermenschen gesäubert werden muss, zweiterer als Vorbild für den Kampf um eine (islamische) Weltherrschaft in der es gelingt, sämtliche Andersdenkenden (Ungläubigen) auf Dauer auszumerzen.
Auf beider Lebenstraum kamen und kommen abertausende von Toten, die Opfer des 11. September mitgerechnet. Beide hätten sich sicher privat sehr gut verstanden, wie auch hinduistische und islamistische Schlägertruppen eher mit westlichen Skinheads die Kultur teilen, als etwa ein Qalandar-Sufi Pakistans mit einem Anhänger der Taliban oder ein weitgereister Literaturfreund mit einem halbalphabetischen Neonazi.
Bestechender noch, als die weitblickenden politischen Analysen, ist der Kulturbegriff der beiden Autoren: Kulturen bekämpfen sich nicht, Kulturen fließen zusammen heißt es im Untertitel der Kampfabsage. Im Buch wird haarklein nachgewiesen, dass eine Kultur, die dieser Bezeichnung wert ist, erst durch die Zusammenfassung allen zu ihrer Zeit erhältlichen Wissens entsteht, und es eigentlich für eine Kultur keine fremden Kulturen gibt, sondern nur weitere Inhalte, deren Bedeutung es vorurteilsfrei zu erkunden gilt. Keine der Hochkulturen baute nicht auf früheren Kulturen auf und keine kulturelle Errungenschaft entstand reibungsfrei von Impulsen aus anderen kulturellen Regionen und Epochen.
Wer die schlüssigen und stets nachprüfbaren Genealogien von Ideen, Geisteshaltungen und technischen Erfindungen liest, bemerkt, wie viel böser Wille dazu gehört, sämtliche positiven Errungenschaften seiner eigenen Kultur zuzuordnen und allen Niedergang fremden Kulturen anzulasten.
Als das große Beispiel natürlich gilt der Ursprung unserer wichtigsten westlichen Werte, Wissenschaften und Wissensschulen im Mittelmeerraum des 9. bis 15. Jhdts., vorrangig im muslimischen Herrschaftsgebiet von Al Andalus, im arabisch-normannischen Kontakt auf Sizilien, so wie den Handelszentren der italienischen Stadtstaaten mit Venedig als deren kosmopolitischem Zentrum. Von einer lebendigen Streitkultur ist die Rede, die Gelehrte in Granada, Bagdad, Palermo, Damaskus, Bologna, Paris, Venedig und Kairo einbezog."
Wir erfahren Details der Auseinandersetzung zwischen Ibn Sina, Al Ghazali und Ibn Rushd über die aristotelische Logik und über die Folgen dieser Auseinandersetzung für die christliche Scholastik, die die katholische Kirche revolutionierte und nun von Avicenna, Algezel und Averroes reden ließ, als ginge es um Autoren aus den eigenen, vatikanischen Reihen.
Trojanow und Hoskoté ziehen direkte Linien von der Renaissance, die dem scholastischen Erwachen folgte, über die Aneignung der arabischen Wissenschaftlichkeit bis in die Zeit der Aufklärung, die ohne den Anteil der Muslime und Juden nicht möglich gewesen wäre. Heute benutzt man zuweilen die Aufklärung, die man, aus welchen Gründen auch immer, eine christlich /jüdische Errungenschaft nennt, als Ausgrenzungskeule gegen die islamische Welt, die angeblich zur Aufklärung nicht fähig sei.
Mit bemerkenswertem Respekt untersuchen die beiden Autoren, was dazu geführt hat, dass der unbestreitbare Vorsprung des Islam als eurasisch / afrikanische Leitkultur ab dem 15.Jh. zerrann wie Honig in der Mittagssonne. In dem Maße, in dem die Hüter des wahren Glaubens auch in der islamischen Welt die Vertreter der Erkenntnis diffamierten und die Mystik, die dritte Kraft, den Streit zu Gunsten der Partei des Glaubens schlichtete, gingen die Geschenke an die Muslime aus der ägyptischen, griechischen, persischen, sogdischen und indischen Zivilisation weiter an den Westen, wenn auch in komprimierter und durch Hunderte von Jahren kommentierter, veredelter Form.
Der Islam verlor seine Macht in der Zeit, in der die Parteiungen der Glaubensfundamente schonungslos damit begannen, ihre falasifa (failasuf = Philosoph) der Verfolgung und Verbannung preiszugeben und sich auch in Andalusien die Mode der Bücherverbrennung durchsetzte. Der Reconquista ging eine Herrschaft besserwisserischer Hassprediger voraus. Ein sowohl von christlicher als auch von muslimischer Seite wenig beachtetes Kapitel. Auf christlicher Seite, weil es den Triumph und auf muslimischer, weil es die Opferrolle deutlich schmälert.
Eine Ethniengemeinschaft, die es fertig brachte, sich selbst einen zivilisatorischen Rahmen zu geben, wird erst dadurch zu einer Kultur, dass sie die Grenzen ihres Geistes offen hält und das Lernen von anderen, selbst gegnerischen Zivilisationen zum Motor werden lässt. Das war das große geschichtliche Verdienst der islamischen Kultur, dies nicht mehr zu beachten der Grund ihrer ab da fortschreitenden Bedeutungslosigkeit.
Zivilisationen prallen zusammen, Kulturen fließen zusammen. Verwechselt man Zivilisation mit Kultur, Verfügungsgewalt über Wissen mit dem Erwerb von Wissen, kommt es unweigerlich zu einem Krieg, den man nicht gewinnen kann. Das Resumé der Autoren : Den Zusammenfluss anzunehmen heißt, den Kampf abzusagen, den Kampf abzusagen, heißt den Zusammenfluss anzunehmen.
Wenn das Buch auch mit neuen Erkenntnissen gespickt ist, liegt seine wirkliche Stärke in der Neugliederung bekannter Fakten zugunsten einer umfassenderen Sicht unserer aktuellen Weltkultur. Hier geht es nicht nur um die friedliebende Absicht, sondern um die Aufforderung, noch einmal seinen Verstand zu bemühen, bevor man ins allgemeine Kampfgezeter einsteigt.
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7 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
Unerhört und sehr zum Lesen, 30. Dezember 2006
"Unerhörtes Indien" heißt es im Untertitel, und in der Tat ist es ein unerhört gut geschriebenes Buch über eine Kultur, die sich uns inzwischen nur noch unter dem Zuckerguss Bollywoods anbiedert. Indien diente schon als Sehnsuchtsleinwand unerfüllter spiritueller Wuschprojektionen, als "chilling-out"- Kulisse für extasy-perforierte Technohirne und immer schon als Metapher für kaum überlebenstaugliche Traditionen, und während es nun den Bodensatz der Trashkultur bedienen soll, gelingt Peter Pannke das Unerhörte, nämlich über indische Kultur selbst zu schreiben.
Mich, als Indienreisenden der frühen Stunde, hat das Buch tief beschämt. Ich kam mir beim Lesen so vor, wie einer, der Indien nur von seinen Überschriften, seinen Zwischentiteln und Bildunterschriften kennt, während Pannke den Text dazu liefert, den Stoff nicht nur neu gliedert, sondern ungesehene Bilder ins rechte Licht rückt. So etwas habe ich nicht erlebt, noch gelesen und nicht einmal davon gehört. Ein unerhörtes Buch für die, die es ein "bisschen genauer" brauchen, doch ein unerlesenes Buch für Fastfood-Konsumenten, denn dieses Indien liefert sehr viel mehr als das übliche Curry für ihre Imbisswürste.
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