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Rezensionen verfasst von
Dr. Steffen Stölzer

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Das Westgermanische: Von der Herausbildung im 3. bis zur Aufgliederung im 7. Jahrhundert
Das Westgermanische: Von der Herausbildung im 3. bis zur Aufgliederung im 7. Jahrhundert
von Wolfram Euler
  Gebundene Ausgabe

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Germanische Sprachgeschichte wird lebendig, 6. November 2013
Zusammen mit dem Buch von Wolfgang Euler über das Protogermanische vermittelt dieser Rekonstruktionsansatz der vom Autor postulierten westgermanischen Sprache ein Gefühl dafür, wie sich aus dem Indogermanischen Schritt für Schritt die verschiedenen europäischen Sprachgruppen, die germanische Sprachgruppe sowie zu guter Letzt die germanischen Einzelsprachen entwickelt haben. Hier kann man z. B. die kontinuierliche Auseinanderentwicklung der englischen und der deutschen Sprache nachvollziehen. Auch wenn das Englische nachträglich stark von romanischen Elementen beeinflusst wurde, so handelt es sich doch im Kern um eine germanische Sprache. Dabei ist erstaunlich, wie nah das ca. 1200 Jahren zurückliegende Althochdeutsche sowie das ungefähr ebenso alte Altenglische den jeweiligen aktuellen Sprachen sind. Es erscheint durchaus plausibel, dass sich die beiden Sprachen seit 400 n. Chr. bis ca. 800 n. Chr. aufgrund der geografischen Trennung aus einer gemeinsamen westgermanischen Wurzel entwickelt haben.

Interessant sind auch die geschichtlichen Ausführungen zu Beginn des Buches. Hier wird erkennbar, auf welcher historischen Basis sich das Altsächsische (Basis des heutigen Plattdeutschen), das Althochdeutsche sowie dessen noch heute existierenden vielfältigen Dialekte und das Altenglische aus der gemeinsamen westgermanischen Sprache entwickelt haben. Nach genetischen Untersuchungen sind die heutigen Engländer nicht nur Nachfahren von Sachsen und Angeln, sondern auch von Friesen, Holländern, Belgiern und Skandinaviern, entstammen also einem wahren Völkergemisch, was die historisch gesehen relativ schnelle Abspaltungen des Altenglischen vom Altsächsischen erklären mag.

Die ausführliche Beschreibung der erhaltenen Sprachdenkmäler wie Runeninschriften auf Steinen, die gotische Wulfilabibel und andere heidnische sowie christliche Texte aus England, Deutschland und Skandinavien gewähren einen Einblick in die Werkstatt des Sprachwissenschaftlers und lassen den Leser an dessen Gedankengängen und Schlüssen teilhaben.

Das Buch leistet auch nicht wenige Beiträge zu der Frage des speziell germanischen Wortschatzanteils, der - oft genug nur scheinbar - ohne außergermanische bzw. ohne indogermanische Entsprechung vorliegt. Wer wäre z. B. von sich aus auf die Idee gekommen, dass das englische Wort barley" (Gerste) mit dem lateinischen farina" (Mehl) eine gemeinsame Wurzel hat und dass auch die deutschen Worte für Bier" und brauen" dieser Wurzel entstammen. Die deutsche Gerste gehört dagegen mit dem lateinischen Wort hordeum" (ebenfalls Gerste) zusammen. Auch dass das lateinische Wort tenebras" und das russische temnota" (beide bedeuten Dunkelheit") zum deutschen Wort Dämmerung" gehören, ist überraschend und auf den ersten Blick nicht unbedingt erkennbar. Allerdings verbleiben auch rein germanische Lexeme ohne indogermanische Entsprechung wie z.B. das seit Jahrtausenden gehaltene Haustier Schaf", das - erstaunlicherweise erst im Mittelhochdeutschen - das althochdeutsche ou", das mit lateinisch ovis" zusammenhängt und dem indogermanischen Wortschatz entstammt, ersetzt hat.

Das Buch ist eine reich gefüllte Schatztruhe aus Erkenntnissen zur Etymologie von Worten aus den heute aktuell gesprochenen germanischen Sprachen sowie zur Gesamtschau der grammatischen Entwicklung der germanischen sowie anderer indogermanischer Sprachen, wie Latein, Altgriechisch, Kirchenslawisch, Litauisch und Altindisch, die immer wieder zu Vergleichszwecken beispielhaft herangezogen werden. Im interessierten Leser löst diese geballte Informationsfülle ein Aha-Erlebnis nach dem Anderen aus.

Allerdings wird es eben diesem interessierten aber sprachwissenschaftlich nicht vorgebildeten Leser nicht immer ganz leicht gemacht, tiefer in die geschilderten Zusammenhänge einzudringen. So wäre eine lateinische Umschrift altgriechischer Worte nützlich (altkirchenslawische und altindische Worte werden ja auch in lateinischer Umschrift und nicht in Originalschrift zitiert). Hilfreich wäre auch eine kurze Erläuterung sprachwissenschaftlicher Fachbegriffe im Anhang. Bei der sehr schönen Zusammenstellung von alten Texten in verschiedenen Sprachstufen am Ende des Buches fehlt leider in manchen Fällen die neuhochdeutsche Übersetzung, was ein Verständnis diese Sprachdenkmäler stark erschwert, denn wer kann schon spontan althochdeutsch oder gotisch verstehen?

Dennoch ist es ein Buch, das auch jedem sprachwissenschaftlich interessierten Laien empfohlen werden kann, wenn dieser sich die Zeit nimmt, konzentriert zu lesen unbekannte Begriffe ab und zu im Internet nachzuschauen.


Geschichte der Schrift
Geschichte der Schrift
von Harald Haarmann
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,95

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein spannendes und informatives Werk über die Geschichte der Schrift, 4. Dezember 2011
Rezension bezieht sich auf: Geschichte der Schrift (Taschenbuch)
Mit seinem Werk zur Geschichte der Schrift ist Harald Haarmann ein kurzes, spannendes und gleichzeitig übersichtliches Werk gelungen.

Das Buch beginnt mit einer Überraschung, die nicht jedem bekannt sein dürfte: die älteste Schrift wurde weder in Mesopotamien noch in Ägypten entwickelt, sondern in bereits um 5500 v. Chr. in der südosteuropäischen Donaukultur. Diese Schrift wurde bisher nicht entziffert, aber Teile ihres Zeichenrepertoires wurden später in andere Kulturen Südosteuropas transferiert. Vermutlich handelt es sich um eine Bilderschrift.

Ein wichtiger Akzent des Buches liegt auf der Beschreibung des Überganges von der Bilderschrift zur phonetischen Schrift, die die gesprochene Sprache entweder in Form von Silben oder einzelnen Lauten wie bei der Alphabetschrift wiedergibt. Interessant dabei ist, dass bestimmte Sprachtypen den Gebrauch der eher konservativen Piktogramme (Bilderschrift ' ein Wort = ein Zeichen) begünstigen. So ist z.B. das Altsumerische eine agglutinierende Sprache. Hier fehlen die Flexionsendungen, die z.B. sämtlichen indoeuropäischen Sprachen zueigen sind. Das Sumerische hat aufgrund seiner Struktur im Verlaufe der Entwicklung der Keilschrift nie das Schlagwortprinzip aufgegeben. Eine Weiterentwicklung der Keilschrift zur Silbenschrift fand erst dann statt, als semitische und andere flektierende Sprachen in Keilschrift geschrieben wurden. Auch im heutigen Chinesisch hat sich das Piktogramm-Prinzip vor allem deshalb erhalten, weil auch diese agglutinierende Sprache ohne Flexionsendungen auskommt. Um diese wiederzugeben, wäre die Anwendung einer phonetischen Schrift erforderlich.

Interessant und überraschend ist auch der gewaltige Stammbaum, aus dem sich unsere, die lateinische, Schrift herleitet. Aus den Wurzeln einer nord-semitischen Schrift hat sich das Phönizische entwickelt. Die Phönizier haben als die großen Seefahrer und Händler des Altertums ihre Schrift über ein Gebiet von Spanien bis nach Vorderindien verbreitet. Aus der phönizischen Schrift entstanden nicht nur das lateinische und griechische sowie das kyrillische Alphabet, sondern auch die gänzlich anders aussehenden arabischen und hebräischen Buchstaben. Wenig bekannt ist, dass sich auch indische, birmanische und singhalesische, also sogar ostasiatische Schriftsysteme aus diesen Wurzeln erklären lassen.

Darüber hinaus berichtet Haarmann über zahlreiche interessante Entwicklungen von Schriftsystemen, die heute gänzlich ausgestorben sind. Z. B. gab es auch bei den mittelamerikanischen Mayas eine allmähliche Entwicklung von einer Bilderschrift zu einer Lautschrift. Die spanische Eroberung hat einem weiteren möglichen Fortschritt ein Ende gesetzt. Auch die frühen kretischen und ägäischen Bilderschriften Linear A und B wie zahlreiche weitere Schriften des Mittelmeerraumes sind ohne Nachfolger geblieben. Zu guter Letzt werden auch die materiellen Grundlagen der Schrift erläutert, nämlich die Materialien, auf denen geschrieben wurde und wird.

Abgerundet wird das Buch mit der Frage, ob es eine Schrift gibt die letztlich als Sieger hervorgehen wird. Die Antwort auf diese Frage will ich hier nicht vorwegnehmen, damit der Leser auch noch etwas zu lesen hat.


Sprache und Herkunft der Germanen: Abriss des Protogermanischen vor der Ersten Lautverschiebung
Sprache und Herkunft der Germanen: Abriss des Protogermanischen vor der Ersten Lautverschiebung
von Wolfram Euler
  Taschenbuch

14 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Fleißarbeit mit sensationellen Ergebnissen, 8. Januar 2011
Spätestens seit dem Auftauchen der Himmelsscheibe von Nebra ist uns allen klar: unsere Vorfahren in der Bronzezeit waren nicht so rückständig wie es uns römische Geschichtsschreiber aus späteren Zeiten weismachen wollten. Sie verfügten über ein umfangreiches astronomisches, landwirtschaftliches und handwerkliches Wissen und standen mit ganz Europa einschließlich dem Mittelmeerraum in wirtschaftlichem Kontakt und geistigem Austausch.

Wolfram Euler und Konrad Badenheuer tragen einen großen Teil dazu bei, diese alten Zeiten aus sprachwissenschaftlicher Sicht lebendig werden zu lassen. Unter Hinzuziehung älterer Sprachstufen von dem Germanischen nahe stehenden indogermanischen Sprachen wie Latein, Keltisch, Baltisch und Slawisch rekonstruieren die Autoren die Kontakte dieser Völker untereinander in vorschriftlicher Zeit. Alle diese Sprachen haben ihre Spuren im Germanischen hinterlassen, und am Entwicklungsstadium der Lehnworte ist zu erkennen, wann dies jeweils in etwa geschehen ist.

Dabei wird mit mehreren lieb gewonnenen alten Theorien aufgeräumt, und das durchaus mit plausiblen sprachwissenschaftlichen Begründungen. An erster Stelle steht dabei die lange vermutete Herkunft der Germanen aus Skandinavien. Wie schon der Sprachwissenschaftler Jürgen Udolph postuliert, hat sich das Germanische bzw. Protogermanische aus dem Indogermanischen nicht in Nordeuropa sondern in Mitteldeutschland entwickelt. Interessant ist auch die eingehende Beschreibung wissenschaftsgeschichtlicher Komplikationen, die in der Vergangenheit offenbar immer wieder zu falschen Schlüssen geführt haben.

Im engeren sprachwissenschaftlichen Teil, der für Nicht-Fachleute eher schwer Verdauliches bereithält, wird der Versuch unternommen, das Protogermanische das in der späten Bronzezeit (um 1000 v. Chr.) und danach gesprochen wurde, zu rekonstruieren. Inwieweit das wirklich gelungen ist, könnte man im Praxistest wohl nur mit Hilfe einer Zeitmaschine verifizieren, die uns in eben jene Zeit verfrachtet: Versteht mich dann der Bronzezeitler bzw. der Eisenzeitler oder nicht?

Obwohl dieser Test leider undurchführbar ist, fasziniert doch die enge Verwandtschaft der rekonstruierten protogermanischen Sprache mit archaischeren indogermanischen Sprachen wie z. B. Latein oder auch Russisch, beides Sprachen, die noch eine voll ausgebildete Nominalflexion aufweisen. Wenn uns auch der Bronzezeitler nicht als Gesprächspartner zur Verfügung steht, so kann man doch erahnen, dass sich der Protogermane mit dem Proto-Lateiner und dem Proto-Slawen noch einigermaßen verstanden hätte. Mit anderen Worten: es wird deutlich, dass sich die Vorläufer heute so weit auseinander liegender Sprachen wie Russisch, Deutsch und z. B. Spanisch vor 3000 Jahre noch einigermaßen nah waren.

In einem einzigen Punkt erscheint mir die Argumentation der Autoren allerdings etwas unausgereift: Im Germanischen gibt es einen Anteil von 20-30 % des Wortschatzes, der nicht aus dem Indogermanischen ableitbar ist. Die Autoren erteilen der so genannten Substrattheorie eine Absage, die besagt, dass diese Worte aus dem Wortschatz eines vorindogermanischen Volkes stammten. Dagegen bezeichnen sie die Worte einfach als "Neologismen", die sich quasi von selbst über lange Zeiträume gebildet haben. Unbefriedigend bleibt für mich dabei, dass keine Hypothese über die Herkunft dieser Worte abgegeben wird.

Dennoch insgesamt ein hochinteressantes Werk, das viele offene Fragen zu unserer vorschriftlichen Geschichte mit Hilfe sauberer und ausgefeilter Methodik plausibel beantwortet.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Feb 2, 2013 1:09 PM CET


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