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H. P. Roentgen
(TOP 500 REZENSENT)    (REAL NAME)   

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1000 Peitschenhiebe: Weil ich sage, was ich denke
1000 Peitschenhiebe: Weil ich sage, was ich denke
Preis: EUR 3,99

22 von 22 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein leidenschaftliches Bekenntnis zu Toleranz und Meinungsfreiheit, 1. April 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
»Ich hatte es mir zur Aufgabe gemacht, eine neue Lesart des Liberalismus in Saudi-Arabien zu finden und meinen Teil zur Aufklärung meiner Gesellschaft beizutragen. Ich habe versucht, die Mauern der Unwissenheit niederzureißen, die Heiligkeit des Klerus zu brechen, ein wenig Pluralismus zu verbreiten und Respekt vor Werten wie Ausdrucksfreiheit, Frauenrechten und den Rechten von Minderheiten und Mittellosen in Saudi-Arabien.
Das war mein Leben, bevor ich im Jahre 2012 verhaftet und mit Personen, die man aufgrund der verschiedensten Kriminaldelikte festgenommen hatte, zusammengeworfen wurde«

Raif Badawi ist zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt worden, zu 1.000 Peitschenhieben und zur Zahlung von umgerechnet ca. 200.000€ verurteilt worden. In Saudi-Arabien, weil er „den Islam beleidigt habe“. Auf Beleidigung des Islams stehen in muslimischen Staaten schwere Strafen, in einigen dieser Staaten kann man deshalb zum Tode verurteilt werden. Gleichermaßen gefährlich ist der Abfall vom Glauben, deshalb wurde er im ersten Prozess verurteilt.

„Beleidigung des Islams“ ist der Paragraph, der den Hardcore-Muslimen erlaubt, jegliche Kritik zu unterdrücken und ihre Ideologie als die einzige Interpretation des Korans und des wahren Glaubens darzustellen. Wer der Beleidigung des Islams schuldig ist, kann auch ganz ohne Prozess ermordet werden. Das widerfuhr den Zeichnern von Charlie Hebdo, deren Mördern aus den Banlieus von Paris stammten, aber indoktriniert wurden von wahabitischen Theologen aus Saudi-Arabien und dem islamischen Staat.

Gerne nehmen wir in Europa an, dass der islamische Staat und seine Theologie nicht „der wahre Islam“ sei, dass er von jungen Männern vertreten werde, die in Problemvierteln ohne Zukunftsaussichten aufwachsen und der Hass sei nur eine Reaktion auf ihre Marginalisierung.

Dieses schmale Büchlein erinnert uns daran, was für eine Fehleinschätzung das ist. Diese Theologie ist die offizielle Koranlesart der Theologen, die im Zentrum der Macht sitzen, in einem der reichsten Länder der Welt und ganz und gar nicht sind sie marginaliert. Auch ist ihre Koranauslegung nicht nur eine abseitige Theorie einiger Spinner, es ist heute die offizielle Linie der meisten islamischen Staaten – und ganz besonders von Saudi-Arabien und dem Islamischen Staat (IS). Und diese Theologie bedroht nicht nur die westliche Welt – ganz im Gegenteil, sie bedroht vor allem die Muslime, die eine liberalere, eine menschlichere Lesart des Korans bevorzugen. Sie riskieren ihr Leben, wenn sie diese Meinung öffentlich kuntun. Die meisten der tausenden Opfer dieser Ideologie waren keine Europäer, sondern Muslime in muslimischen Staaten.

Das Bändchen ist nur ein Auszug aus Badawis Artikeln, einige sind verloren gegangen, andere zu speziell. Sie sind ein leidenschaftliche Bekenntniss zu Liberalität, zu Toleranz. Und so einfach sie auch geschrieben sind, so wirkungsvoll erinnern sie uns daran, dass „Meinungsfreiheit“ und „Toleranz“ keine Selbstverständlichkeiten sind.

Nicht immer war die saudische, die muslimische Welt so von Theokraten beherrscht wie heute. Badawis Großmutter erzählte ihm, dass es früher selbstverständlich war, dass Frauen und Männer gemeinsam arbeiteten – heute in Saudi-Arabien undenkbar. Dass zur saudischen Buchmesse ausnahmsweise Frauen und Männer gemeinsam gehen durften, gilt schon als Ausgeburt westlicher Verworfenheit, die von den Theokraten heftigst angefeindet wurde. Die außerdem von jeder saudischen Studentin in Großbritannien verlangen, dass sie einen männlichen „Beschützer“ nachweisen müssten.

Die Bücher der muslimischen Ketzer werden natürlich nicht auf der saudischen Buchmesse ausgestellt, wer sie besitzt, sollte sie gut verstecken. Und natürlich werden in Deutschland wieder die aufschreien, die diesem Bändchen „Islamophobie“ vorwerfen werden – schließlich hätte er sich ja nicht so leidenschaftlich für Toleranz einsetzen müssen. Das Auswärtige Amt in Berlin hat bereits vor der Veröffentlichung des Buchs gewarnt, meldete die FR. Jeder weiß doch, dass das die Gefühle der Muslime verletzt. Hat nicht auch in Deutschland ein Muslim eine Anzeige wegen „Beleidigung des Islams“ gegen den Komiker Nuhr erstattet? Dass es vor allem die Gefühle der Hardcore Islamisten beleidigt, wird gerne übersehen.

Solcher Denke lässt gerade jene Muslime und Araber (nicht jeder Araber ist Muslim!) im Regen stehen, die sich eine liberalere, tolerantere Gesellschaft erhoffen und ihr Leben riskieren, wenn sie das fordern. Und ich hoffe, dass Badawi möglichst viele Leser und noch mehr Unterstützer finden möge. Er hat es bitter nötig, die Muslime haben es bitter nötig – und wir anderen auch.

Hans Peter Roentgen


How to Write a Novel Using the Snowflake Method (Advanced Fiction Writing)
How to Write a Novel Using the Snowflake Method (Advanced Fiction Writing)
von Randy Ingermanson
  Taschenbuch
Preis: EUR 10,99

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Romanentwicklung mit Schneeflocken: Witzig und spannend dargeboten, 16. März 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
»Goldilocks had always wanted to write a novel. […] On a beautiful morning in September, after sending her children off to school, Goldilocks sat down at her computer and opened a new document. She wanted to write an exciting story packed with romance and Suspense. It would star a handsome man and a beautiful woman and an evil villain during a dangerous time – the last year of the Third Reich.
She typed the first word of her novel “The”.
Goldilocks stopped typing. She stared at the screen. She had a million different choices for the next word. And a million for the word after that.
The possibilities were endless.
And she couldn’t type the next word. There were too many possibilities.
She didn’t dare make a mistake.«

Randy Ingermanson hat vor etlichen Jahren die Schneeflocken Methode entwickelt, um Romane zu schreiben. Sie ist mittlerweile berühmt, aber im Deutschen gibt es nur eine kurze Übersetzung. Seit Mitte 2014 gibt es ein englisches Buch zu der Methode.

Der Gedanke dahinter ist einfach: Entwickle deine Geschichte aus einem Satz, aus dem du dann fünf machst und aus jedem der fünf Sätze dann fünf Absätze und so entsteht ein Konzept des Romans. Anders als manche andere Methode ist die Schneeflockenmethode nicht auf einen Autorentyp zugeschnitten. Bekanntlich gibt es Kopfschreiber, die vorab alles planen und Bauchschreiber, die loschreiben. Die Schneeflockenmethode eignet sich für beide. Man kann immer zurückgehen und den alten Entwurf überarbeiten und dann wieder vorgehen, um den Rest anzupassen. Man kann Dinge auslassen, die für das eigene Konzept nicht nötig sind oder nicht zur Arbeitsweise des Autors passen.

Vor allem ist dieses Buch eine unterhaltsame Reise durch die Abgründe des Romanschreibens, das nicht nur die Methode vorstellt und eine Menge über die hohe Kunst des Geschichtenerzählens, sondern uns zwei Geschichten erzählt. Einmal die Geschichte eine Fallschirmspringers und einer Französin und wie diese Geschichte entwickelt wird aus der sehr allgemeinen und nichtssagenden Form „Ich möchte eine Romanze über einen ansehnlichen jungen Mann und eine schöne Frau im letzten Kriegsjahr schreiben“.

Und dann ist da die Geschichte von Goldilocks, Papa Bär, Mama Bär und dem kleinen Bär, die sich auf einer Autorenkonferenz treffen. Mit dabei der große böse Wolf, Robin Hood, drei kleine Schweinchen und einige andere Möchtegern Schriftsteller. Auch das entwickelt sich anhand der Schneeflockenmethode und ist höchst unterhaltsam, weil einem so manche bekannte Autorenfigur über den Weg läuft. Wer ehrlich ist, erkennt sich dabei selbst.

Und mit den Autorenfiguren begegnet man auch so mancher Schwierigkeit, so manchem Problem, mit dem Nachwuchsautoren konfrontiert werden. Wie wäre es mit dem Bösewicht, um den so mancher Autor einen großen Bogen macht, anstatt ihn lebendig und mitfühlend zu schildern? Oder den abstrakten Sätzen, statt anschaulich den Lesern das Problem erleben zu lassen?

Das Buch hat nur einen Wermutstropfen. Dass es nicht auf Deutsch erhältlich ist.

Hans Peter Roentgen
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Mar 30, 2015 9:11 AM MEST


Schattenboxer
Schattenboxer
von Horst Eckert
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Schwarz, schnell und nicht weglegbar, 7. März 2015
Rezension bezieht sich auf: Schattenboxer (Gebundene Ausgabe)
»Also der Anwalt präsentiert eine Frau, die behauptet, zum fraglichen Zeitpunkt mit Götz zusammengewesen zu sein, und schon knickt die gesamt Justiz ein?«
»Herr Veih ...«
»Auf diese Art können wir sämtliche Morduntersuchungen der letzten Jahre neu aufrollen! Wie begründet es die Frau denn, dass sie erst jetzt mit ihrer Neuigkeit angerannt kommt?«
»Sie war damals illegal im Land und fürchtete die Abschiebung. Erst später hat sie einen Deutschen geehelicht und sich einbürgern lassen und war danach zur Aussage bereit.«
»Und die ist schlüssig und glaubhaft?«
»Ausreichend im Sinne des Paragraphen 359 der Strafprozessordnung.«

Vincent Veih ist gerade Leiter des KK11 geworden. Da erfährt er, dass der Fall Polesch neu aufgerollt werden soll. Weil der Anwalt des Mörders eine Entlastungszeugin gefunden habe, die er im Prozess nie präsentiert hat. Die Schmauchspuren am rechten Ärmel der Jacke von Polesch, die Tatwaffe, die die Polizisten in seinem Zimmer gefunden haben, die DNA Spuren, alles umsonst?

Der Mord war ein besonders heimtückischer Fall, die Tochter eines Polizisten wurde dabei verletzt und lag tagelang im Koma. Vor wenigen Tagen hat sie sich umgebracht. Und jetzt wittert der Anwalt Morgenluft und will den Prozess neu aufrollen. Unterstützt wird er von einer Initiative, die der Polizei Rassismus vorwirft. Denn der verurteilte Mörder ist schwarz.

Dass Veihs Mutter ein neues Buch herausbringt, macht es nicht besser. „Frei und ohne Furcht“ heißt es und damit macht die Ex-Terroristen Kohle und Karriere. Umgeben von schwarzgekleideten Kulturfuzzies, die sie verehren. Ihrem Sohn hat sie erst den zweiten Vornamen „Che“ verpasst und ihn später verlassen. Seine Kollegen hatten ihn deshalb für einen Maulwurf der Terroristenbande gehalten.

Horst Eckert hat aus der deutschen Vergangenheit, aus RAF, dem Mord an dem Treuhandchef und manchem anderen einen Krimi gebastelt, der einem den Atem nimmt. Hardboiled crimi noir, das können nur die Amis? Falsch, Eckert kann das ebenfalls, das hat er bereit mit Schwarzlicht bewiesen und jetzt wieder mit Schattenboxer.

Und er versteht es, die Geschehnisse aus immer neuer Perspektive zu schildern, was eben noch gesichert erschien, sieht plötzlich ganz anders aus. Der Polesch Mord wird zu einem ...

Nein, das verrate ich jetzt nicht. Das müssen Sie selbst lesen. Und lesen sollten Sie diesen Krimi auf jeden Fall. Weil er zeigt, zu was deutsche Krimiautoren fähig sind.

Hans Peter Roentgen


Über das Schreiben
Über das Schreiben
von Sol Stein
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

19 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen DAS Standardwerk über das Schreiben, 24. Januar 2015
Rezension bezieht sich auf: Über das Schreiben (Gebundene Ausgabe)
Ich sitze vor meinem Text. Irgend etwas stimmt nicht, ich kann aber nicht sagen was. Der Bleistift, extra scharf gespitzt, tritt nicht in Aktion. Wie zum Teufel kann ich den verdammten Text verbessern, wenn ich nicht weiß, was ihm fehlt? Kommt euch dieses Gefühl bekannt vor? Dann solltet ihr euch Soll Steins Buch anschauen. Lange Zeit war dieses Werk vergriffen, wurde gebraucht zu Höchstpreisen gehandelt, jetzt hat der Autorenhausverlag es dankenswerterweise neu aufgelegt.

Aus seiner Arbeit als Herausgeber und Lektor bringt Sol Stein eine Fülle von Beispielen, wie Texte verbessert werden können und vor allem: welche Texte verbessert werden müssen. Sein Buch liest sich spannend und oft habe ich nach einem Kapitel meinen Text hervorgekramt, weil ich Lust hatte, ihn zu verbessern. Meist fielen mir auch die Stellen auf, die ich ändern musste. Heute überarbeite ich selbst Texte von Autorinnen und Autoren – Sol Stein war mein wichtigster und erster Lehrmeister.

Wer alle Regeln über das Schreiben kennt, kann sowenig schreiben, wie einer mit allen Regeln des Fahrradfahrens im Kopf Rad fahren kann. Übung gehört in beiden Fällen dazu und zum Üben bietet das Buch viele Beispiele.

Personen haben gute und schlechte Seiten, starke und schwache. Ein Protagonist, der nur edel, ein Schurke, der nur gut ist, sind keine Persone,n sondern Maschinen. Niemand interessiert sich, was Maschinen zustößt, es sei denn, sie entwickeln wie Frankenstein menschliche Züge. Geschichten entwickeln sich aus Personen, was dem blonden Siegfried zustieß, hätte Odysseus nicht passieren können - die Nibelungensage wie die Odyssee entwickeln ihre Handlung aus den unterschiedlichen Charakteren ihrer Helden. Einfach nur einen Plot entwickeln, um dann Personen einzustreuen, bringt bestenfalls drittklassige Actionfilme hervor. Sol Stein beginnt den Hauptteil des Buches deshalb mit der Charakterisierung der Personen und wie ein Autor es erreichen kann, dass seine Figuren Leben bekommen.

"Spannungsaufbau" und "Szenenfolge" behandelt er nicht abstrakt, wie viele anderen Schreibbücher, sondern anhand zahlreicher Beispiele, wie ein vorhandener Text verbessert werden kann.

Jeder weiß, ein Autor soll zeigen, nicht beschreiben (show, don’t tell). Sol Stein zeigt auch, wie das geht und wie ein beschreibender Text in einen zeigenden geändert wird. Er ist Fanatiker des Streichens, führt eine Unzahl von Beispielen an, Texte durch Streichen von Wörtern, Satzteilen oder auch ganzer Szenen spannender zu gestalten. "Wie wird man überflüssiges Fett los" ist denn auch eines der wichtigsten Kapitel seines Buches.

Er beschreibt die häufigsten Fehler von Autoren:
- Zu viele Adjektive und Adverbien ("Wenn Sie ein Adjektiv finden, bringen Sie es um" zitiert er Mark Twain)
- zusammenfassende ("narrative") Schilderungen des Autors, mit denen Szenen verbunden werden sollen, statt mit hartem Schnitt von Szene zu Szene zu gehen
- blasse Charaktere und was sich dagegen tun lässt.

Am Ende des Buches zeigt er, wie die Arbeit des Korrigierens so aufgeteilt wird, dass der Autor nicht alles gleichzeitig machen muss und vor allem nicht jedes Mal das gesamte Manuskript neu lesen muss. Jeder, der schreibt, sollte dieses Buch im Bücherschrank haben.

Hans Peter Roentgen


HEUTE SCHON GESCHRIEBEN? - Band 2: Figuren entwickeln: Mit Profitipps zum Bucherfolg (Dianas Schreibschule)
HEUTE SCHON GESCHRIEBEN? - Band 2: Figuren entwickeln: Mit Profitipps zum Bucherfolg (Dianas Schreibschule)
Preis: EUR 4,99

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Was sie schon immer über Romanfiguren wissen wollten ..., 8. Januar 2015
Eigentlich wollte ich schon vor einem Jahr diese Rezension schreiben. Weil mich die Autorin mit diesem Buch so begeistert hat. Aber dann kam mein eigenes Buch dazwischen.

Jetzt ist meins raus und schnell nochmal ein Blick in Buch „Figuren entwickeln“ werfen. Dann kann ich ja die Rezension dazu schreiben.

Hat sich was mit dem schnellen Blick. Ich bleibe wieder im Text hängen. Weil das Buch so toll geschrieben ist. Dabei ist das Thema eigentlich ausgelutscht. Dass Romane und Geschichten von den Personen leben, behauptet jeder Schreibratgeber, nicht wahr?

Doch Diana Hillebrand behauptet es nicht nur, sie zeigt es uns. Show, "don't tell" praktisch angewendet. Nicht trocken, sondern mit vielen Beispielen und Übungen. Macht Lust darauf, sofort mit dem Schreiben anzufangen. Natürlich erst, wenn man das Buch gelesen hat. Denn das muss man sofort. Eines der wenigen Sachbücher, das man in einem Zug auslesen will.

Locker schreibt die Autorin darüber, wie man Personen entwickelt und kann es an Beispielen erläutern. Lädt zum Schreiben ein mit ihren Übungen. Lässt uns grinsen über ihre lottoverliebte Hauptperson, die uns beibringt, wie unsere Personen selbstständig werden und die Autoren überraschen. Und wie Texte dadurch gewinnen.

In diesem Buch hat sich die Autorin selbst übertroffen. Man spürt, wie viel Erfahrung sie damit hat, Autoren zu coachen und zu fördern. Sie zeigt uns, wie Autoren über ihre Personen gute Geschichten entwickeln können. Und dass, wer Bücher schreiben will, vor allem eins tun muss: Schreiben, Schreiben, Schreiben!

Deshalb fünf Sterne. Und die anderen Bücher aus der Reihe „Heute schon geschrieben“, in der Diana Hillebrand Newcomer an der Hand nimmt und sie in die Geheimnisse des Schreibens einführt, sind genauso empfehlenswert.

Hans Peter Roentgen


WIE MAN ERFOLGREICH E-BOOKS VERKAUFT. Exklusivinterviews mit Top-Autoren: 8. Auflage (Frielings Bücher für Autoren 3)
WIE MAN ERFOLGREICH E-BOOKS VERKAUFT. Exklusivinterviews mit Top-Autoren: 8. Auflage (Frielings Bücher für Autoren 3)
Preis: EUR 3,99

3 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wie haben Sie das geschafft, lieber Selfpublisher?, 2. Januar 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Ruprecht Frieling, auch als „der Bücherprinz“ bekannt, hat zahlreiche erfolgreiche Selfpublisher interviewt. Nika Lubitsch, Marah Woolf, Jonas Winner, Béla Bolten, so ziemlich jeder erfolgreiche Selfpublisher aus 2011-2014 findet sich hier. Sie sind auch eine Zeitreise durch die Geschichte des E-Book Publishing und erinnern daran, wieviel sich in den wenigen Jahren geändert und getan hat.

Beinahe hätte das Buch mich eine Nacht gekostet, nur die Ahnung, wie sich am nächsten Morgen mein Kopf anfühlen würde, konnte mich dazu verleiten, den Reader um Mitternacht endlich abzuschalten. Was zeigt, wie lebendig und spannend die Interviews sind. Ruprecht Frieling ist kein Anhänger strohtrockener Texte und auch seine Interviewpartner plaudern lockig und flockig aus dem Nähkästchen der Selfpublisher.

Der Schwerpunkt liegt auf den verschiedenen Methoden, die Bücher bekannt zu machen. Jeder der interviewten Autoren hat seine eigene und das ist auch die Stärke des Buches. Es wird nicht EINE Strategie vorgestellt, um als Selfpublisher erfolgreich seine Werke platzieren. Sondern ein ganzes Bündel, das zeigt, wie sehr es eben auch vom Autor und seinem Werk abhängt, wie man bekannt wird.

Die meisten nutzen Facebook und Twitter, aber es gibt einige, die damit gar nichts anfangen können und dennoch erfolgreiche Bücher veröffentlicht haben. Marketing ist immer auch eine individuelle Sache, was bei Hans Müller funktioniert, macht Lieschen Müller ganz anderes und beide können damit Erfolg haben, wenn sie authentisch bleiben und wenn es zum Buch und zum Autor passt.

Die meisten Autoren betonen aber auch, wie wichtig es ist, überhaupt erst einmal ein lesbares, spannendes Buch zu schreiben, damit man Erfolg hat.

„Auch Trash braucht Handwerk“ sagt Nika Lubitsch, „Zuallerst mal ein gutes Buch schreiben“, stimmt ihr Birgit Böckli zu. Und Dirk Bongart schreibt Westernromane, ein Genre, von dem viele glauben, es käme auf Qualität nicht an. Irrtum sagt Bongart und bemängelt das fehlende Qualitätsbewußtsein mancher Selfpublisher: „Sie stellen von Rechtschreib- und Grammatikfehlern strotzende Buchbeschreibungen ein“. Korrektorat (Rechtschreibung) und Lektorat gehören bei allen Interviewpartnern genauso dazu wie professionelles Cover und Layout.

Da zeigt sich auch, wie sich die Szene und vor allem die erfolgreichen Selfpublisher immer mehr professionalisieren.

Das Buch wird ständig ergänzt und ist als Print und E-Book erhältlich.

Hans Peter Roentgen


Die Self-Publisher-Bibel - Das Jahrbuch für Indie-Autoren 2013
Die Self-Publisher-Bibel - Das Jahrbuch für Indie-Autoren 2013
Preis: EUR 4,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Alles, was Indies wissen müssen, 15. November 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Die Selfpublisherbibel ist kein Ratgeber, sonder eine Sammlung von Blogartikeln aus Matthias Mattings Blog.

Eigentlich kann man das alles im Internet nachlesen. Aber hier kommt es sehr viel kompakter auf den Reader und lässt sich einfacher lesen, ohne dass man dazu vor dem Computer sitzen muss. Auf der Couch ist es nun mal bequemer.

Alles, was rund um E-Book und Print für Selfpublisher interessant ist, findet sich hier in diesem E-Book. Neben jeder Menge nützlicher Informationen auch alle möglichen Link, die man sich sonst mühsam zusammen suchen müsste.

Ich dachte zum Beispiel, meine Epub/Mobi Dateien seien schon ziemlich perfekt. Hatte ich sie nicht auf dem Kindle, dem Kindle Previewer und Calibre getestet? Doch der Link aus der Selfpublisherbibel zu dem IDPF Test zeigte noch ein paar verbesserungswürdige Dinge auf und mit dem Links auf den Sigel Editor konnte ich gleich sehen, wo der Hund begraben war und meine Papyrus Datei verbessern.

Also kann ich nur jedem raten, der mit dem Gedanken ans Selfpublishing spielt: Zugreifen. Es ist einfach ein MUSS.

Nur einen kleinen Wunsch hätte ich an eine überarbeitete Version. Damit auch die Tolino Benutzer auf der Couch lesen können, wäre es schön, wenn es die Bibel auch im Epub Format geben würde. Nicht jeder hat einen Kindle.

Hans Peter Roentgen


Ausbruch
Ausbruch
von Dominique Manotti
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 17,00

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ein toter Terrorist wird zum Mythos, 17. Mai 2014
Rezension bezieht sich auf: Ausbruch (Gebundene Ausgabe)
Filippo ist ein Kleinkrimineller in Rom. Im Gefängnis teilt er seine Zelle mit dem berühmten Carlo, berühmt, weil er in den Siebzigern ein Führer der terroristischen roten Brigaden in Italien war. Dessen Erzählungen faszinieren Filippo und als Carlo aus dem Gefängnis ausbricht, schließt sich ihm Filippo kurzentschlossen an.

Doch Carlo hält nichts von dem Taschendieb, er trennt sich von ihm und nennt ihm nur eine Adresse in Paris, falls er aus Italien flüchten müsse.

Einen Monat später wird Carlo bei einem mißglückten Banküberfall getötet. Die Polizei und die Zeitungen verdächtigen Filippo, an dem Überfall beteiligt gewesen zu sein und er flieht nach Paris, zu der Adresse, die ihm Carlo gegeben hat: Eine ehemalige Freundin von Carlo. Sie versorgt ihn mit einer Wohnung und einer Nachtwächterstelle, doch ansonsten interessiert sie sich auch nicht mehr als Carlo für Filippo.

Der ist frustriert. Carlo hat ihm die Kämpfe Ende der Sechziger und Anfang der Siebziger in Italien so farbenprächtig geschildert, er hat davon geträumt, mitzukämpfen, doch jetzt sitzt er in einem Kabuff in einem Hochhaus und beobachtet die Monitore, damit sich niemand nachts in das Gebäude stiehlt.

So beginnt er zu schreiben. Die Geschichte von Filippo und Carlo, wie er sie gerne erlebt hätte. Zwei Freunde, die jeder Gefahr trotzen, zwei Robin Hoods, die zusammenstehen, in guten und in bösen Tagen und nur der Verrat kann sie trennen. Den Bankraub (oder das, was er darüber gelesen hat), baut er geschickt in die Geschichte ein. Er will damit seine Vermieterin beeindrucken, ebenfalls eine politische Italienerin, die aus Italien floh, die ihm aber nicht die Aufmerksamkeit schenkt, die er sich wünscht.

Die Vermieterin ist begeistert und vermittelt ihn an einen Verlag. Und das Verhängnis nimmt seinen Lauf, der Verlag veröffentlicht das Buch, für die Kulturredakteure ist es ein gefundenes Fressen, genau die Geschichte, die sie sich ebenfalls erträumen. Natürlich sind alle überzeugt, es sei autobiografisch.

Leider stößt das Buch nicht überall auf freundliche Aufnahme. Da ist die Ex von Carlo, die immer noch ihren alten Träumen nachtrauert und eifersüchtig ist, dass jetzt ein hergelaufender Kleinkrimineller das Bild von Carlo, dem Bandenchef malt. Da ist die italienische Polizei, die mit dem Bankraub eigene Pläne verfolgt und die extreme italienische Rechte, die Filippos Buch ebenfalls ausnutzen möchte. So kommt es dazu, dass ...

Nein, das müssen Sie jetzt selbst lesen.

Dominique Manotti hat nicht nur einen spannenden Krimi geschrieben, sie hat auch die Literaturschickeria aufs Korn genommen und die Medien, die Mythen so lieben und sie als "wahre Geschichten" verkaufen. Kein Zweifel, die Autorin kennt diese Szene, die Personen stehen dem Leser lebendig vor Augen, die Geschichte reißt den Leser mit.

Leider ist der Anfang mühselig, die ersten fünfzig Seiten im gleichförmigen Stakkato-Stil geschrieben und die Figuren reden hölzern, immer voll ausformulierte Sätze, die den Duden freuen, den Leser aber nicht. Filippo, der Kleinkriminelle, der kaum lesen und schreiben kann, sagt Sätze, die ihm die Autorin in den Mund legt, die aber nicht zu ihm passen. Und Carlo erzählt so platt, dass ich mich wundere, dass diese steifen politischen Glaubensbekenntnisse Filippo so beeindrucken, dass sie ihn zu seinem Buch beflügeln. Sicher, die radikale, terroristische Linke ist nicht für anschaulichen Stil bekannt, sondern dafür, dass ihre Statements sich so aufregend lasen, wie die neuesten EU-Paragraphen. Aber seitenlange Ergüsse in solchem Stil, mit viel Klischee vermengt, fördern nicht den Lesefluss.

"Carlo erzählte von den bald schon täglichen Versammlungen in seiner Fertigungshalle, in seiner Fabrik, wo jedermann das Wort ergriff und wo jedermanns Wort gleich viel wog, wo man tastend ein kollektives Denken, einen kollektiven Willen entwickelte.
Dann flammte Begeisterung in Carlo auf, wenn er beschrieb, wie sie fasziniert die Macht von Menschen entdeckten, die gemeinsam handeln, und die alle gleich sind."

Leider werden diese Erzählungen nie konkret, die Autorin sagt, wie es war, aber der Leser erlebt es nicht. Außer einmal, wenn Carlo eine Szene mit seinem Großvater schildert. Auch die Ex-Freundin Carlos wird nie richtig lebendig. Was in den Teilen über den Literaturbetrieb, über die Intrigen der italienischen Politik und Gerichte so farbig erzählt wird, fehlt in Szenen über die alten Rotbrigadisten leider weitgehend. Ob das deshalb so ist, weil die Autorin den Buchmarkt und die italienische Politik kennt, die Rotbrigadisten aber nur durch ihre Pamphlete? Ich weiß es nicht.

Möglicherweise ist deshalb mancher Leser versucht, das Buch vielleicht vorzeitig zuzuklappen. Doch "Ausbruch" ist eines der wenigen Bücher, bei denen es sich lohnt, einen nur bedingt spannenden Anfang durchzustehen. Die weitere Geschichte entschädigt für alles, das verspreche ich Ihnen.

Fazit: Holpriger Anfang, der aber bald Fahrt gewinnt und den Leser in eine spannende Geschichte über Mythenbildung und Politik verwickelt.

Hans Peter Roentgen


Ein paar Tage Licht
Ein paar Tage Licht
von Oliver Bottini
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

6 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen ein faszinierendes Land, brutale Gewalt und deutsche Waffenhändler, 4. April 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Ein paar Tage Licht (Gebundene Ausgabe)
Djamel spielt Fußball, als sein Vater verschwindet. Die Militärs haben ihn abgeholt, er taucht nie wieder auf. Pech gehabt. Einer der hundertausende, die in den Neunzigern zwischen die Fronten von Militär und Islamisten geraten und für immer verschwinden. Berichten darf man in Algerien noch immer nicht davon.

Dann reist ein deutscher Waffenhändler an, Peter Richter, der ein Lizenzwerk in Algerien betreuen will. Das Werk liegt in Constantine und er ist begeistert über die Landschaft. Doch als er Abends die Altstadt besichtigen will, hindern ihn seine Bewacher daran. Zu gefährlich. Und dann wird er entführt. Eine unbekannte islamistische Splittergruppe übernimmt die Verantwortung. Die Islamisten sind oft der Vorwand für die Militärs, ihre Unterdrückung zu perfektionieren. Und aus Deutschland Waffen zu beziehen. Korruption munkelt man, aber Beweise hat niemand. Oder rückt sie nicht heraus.

Ralf Eley ist BKA Kontaktbeamter bei der deutschen Botschaft in Algier. Doch die algerischen Behörden verbieten ihm die Ermittlungen. Zu gefährlich sagen sie. Eley glaubt nicht an die Splittergruppe, er weiß, dass die Islamisten der alten Garde - "le pouvoir" nennen sie die Algerier - oft als Vorwand dienen. Um sich zu bereichern, um sich an der Macht zu halten.

Djamel, nun erwachsen, will seinen Vater rächen. Und damit nimmt eine rasante Geschichte ihren Lauf. Spannend, schockierend, bedrückend.

Oliver Bottini hat sich tief in die Geschichte Algeriens eingearbeitet. Von dem Befreiungskrieg gegen die Franzosen bis heute spannt sich der Rahmen. Er schildert die Landschaften, dass man meint, sie am Fenster vorbeifliegen zu sehen, er lässt die Personen lebendig werden, der Leser begreift, warum es in Algerien keinen arabischen Frühling gegeben hat und wie Waffenexporte in Deutschland laufen.

Schwarz-weiß Malerei ist nicht sein Ding. Alle seine Personen sind in eine Geschichte verwoben, habe ihre eigenen Leichen im Keller, wir verstehen, warum sie handeln, wie sie handeln und gerade das macht den Roman so bedrückend. Ein Roman, der die Liebe zu einem großartigen Land atmet und die Verzweiflung darüber, dass es immer wieder in Blut und politischer Gewalt ertränkt wird. Danach hat man nicht nur einen superspannenden Roman gelesen, man weiß eine Menge über Land, Leute und Geschichte und auch einiges über deutsche Rüstungsexporte. Und am Ende gibt es ein ausführliches Nachschlagekapitel, das aufzählt, was im Buch erfunden und was bittere Wahrheit ist.

Ein wenig erinnert es an Yasmina Khadras "Die Schuld des Tages an die Nacht" oder an "Nacht über Algier", ebenfalls ein guter Roman über Algerien, ebenfalls ein Krimi, der dem Leser staunend und entsetzt zurücklässt.

Ach ja, das Buch stand im April auf der Krimizeit Bestenliste auf Platz 2. Verdient, finde ich.

Hans Peter Roentgen
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Oct 18, 2014 11:20 AM MEST


Fehlurteil: Justiz-Thriller (Kriminalromane im GMEINER-Verlag)
Fehlurteil: Justiz-Thriller (Kriminalromane im GMEINER-Verlag)
Preis: EUR 9,99

5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Dr Watson und Sherlock Holmes in der Freiburger Justiz, 10. Februar 2014
»Als ich ihn neben ihr stehen und auf sie einreden sah mit seinem schwarzen Hut, von dem der Regen tropfte, der dicken Jacke, deren schwarz-weißes Fischgräten-Muster zuletzt vor 20 Jahren modern gewesen sein mochte, den eindringlichen Gesten und einem Blick, der wie besessen schien, hielt ich ihn für einen Querulanten, wie man sie auf den Gängen der Gerichte, Behörden und Kanzleien immer wieder trifft. Männer meist, oft ungepflegt und ungewaschen, die davon überzeugt sind, dass ihnen bitterstes Unrecht geschehen ist, und nun, bewaffnet mit Stapeln von zerschlissenen Papieren, Unterlagen, Urteilen, ausgerissenen Zeitungsartikeln, Briefen, Bittschriften und Petitionen einen Richter oder einen Anwalt suchen, der ihnen helfen soll, ja, helfen muss, das vermeintliche Unrecht ungeschehen zu machen. Sie fordern Gerechtigkeit!, lautstark und unbedingt, und ahnen dabei nicht, dass das Wort allein schon den Juristen unangenehm berührt«

Ein alter Mann, ein Jude spricht die junge Staatanwältin Margarethe an. Er hatte versucht, das Haus seines Vaters zurück zu gewinnen, das dieser in der Nazizeit einem Deutschen für ein Spottgeld verkaufen musste. Doch ein Gericht hat diese Rückübereignung abgelehnt und nun hat er einen Strafantrag gestellt. Wegen Rechtsbeugung, gegen den Senat eines Oberlandesgerichts.

Rechtsbeugung! Klarer Fall von Querulantentum, so sieht es zunächst aus, so sieht es der junge italienischstämmige Staatsanwalt Tedeschi. Doch seine Kollegin Margarethe bemerkt Ungereimtheiten. Nicht nur die Akte ist verschwunden, auch die zugehörige Karteikarte. Und nach und nach tauchen weitere Merkwürdigkeiten auf. Der Vorsitzende des Senats ist allerdings ein mächtiger Mann im Ländle, war Abgeordneter und Justizminister. Keiner, der in der Justiz etwas werden will, legt sich mit so einem an. Das meint auch Margarethes Verlobter, der als Verteidiger Karriere machen will. Er ist nicht der einzige, der ihr Steine in den Weg legt.

Auch ihr Kollege Tedeschi rät ihr, die Sache einzustellen. Doch dann packt auch ihn dieser Fall und die beiden verfolgen diesen merkwürdigen Fall gemeinsam. Nicht ungefährlich, im Justizsystem sich mit der obersten Hierarchie anzulegen.

Der Schriftsteller und Rechtsanwalt Ellen Stanley Gardner hat vor etlichen Jahrzehnten amerikanische Gerichtsthriller geschrieben und gezeigt, welche Spannung man damit erzeugen kann. Herbert Rosendorfer, ebenfalls ein Jurist, hat in seinen Büchern immer wieder Justizfragen aufscheinen lassen. „Fehlurteil“ erinnert an die beiden Vorbilder. Sascha Berst ist Anwalt und jede Zeile seines Buches zeigt, dass er weiß, wovon er schreibt. Wir tauchen in die Freiburger Justiz ein, erleben Anwälte, Richter und Staatsanwälte, ihre Träume und ihren Berufsalltag, die Intrigen und die Arroganz der Macht.

Nicht zu vergessen: der kleine, dickliche Tedeschi, Sohn eines italienischen Gastarbeiters, der in Sindelfingen am Band schuftete. In der sehr deutschen Justiz der Neunziger Jahre eine ungewöhnliche Figur, die meisten Juristen stammen aus alteingesessenen Bürgerfamilien. Tedeschi, dieser schwäbelnde Deutsch-Italiener weiß nicht genau, wo er eigentlich zu Hause ist, und er ist auch nicht wirklich der Held der Geschichte. Er ist Dr. Watson neben Sherlock Margarethe. Aber Watson alias Tedeschi erzählt sie uns, erzählt über seine Kollegin, die er heimlich verehrt, über Männerbünde und Burschenschaften, über Freiburg und Skandale, über eine Frau, die sich so auf Männer versteht und sie für sich einspannen kann und doch wählt sie sich den falschen Freund aus.

Ein spannender Gerichtskrimi also. Aber es ist noch viel mehr. Da ist einmal die genaue Beschreibung, jeder Ort, jede Person steht lebendig vor dem Leser; da ist die Sprache, bei der jedes Wort genau gewählt wurde und passt; da ist der langsame, aber gekonnte Aufbau einer Spannung, die einen das Buch nicht mehr aus der Hand legen lässt. Obwohl: Soviel passiert dort gar nicht. Kein Blut, kein Serienkiller, keine Schießerei und doch ist es spannender als viele, viele Krimis voller Action. Dass wir dabei auch eine Zeitreise durch die Geschichte der deutschen Justiz machen, kommt noch hinzu. Krimi at his best und gleichzeitig gute Literatur.

Hans Peter Roentgen


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