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M. Lehmann-Pape
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Sommer 1927
Sommer 1927
von Bill Bryson
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein durchaus entscheidendes Jahr, 7. November 2014
Rezension bezieht sich auf: Sommer 1927 (Gebundene Ausgabe)
Es gibt Jahreszahlen, die man besser und prägnanter im Kopf mit Ereignissen verbindet.

1918, 1929, 1939, 1945, 1989.

Das nun dieses Jahr 1927, welches Bryson breit und vielfältig vor die Augen des Lesers stellt, es für Amerika intensiv "in sich hatte", fast ebenso wie die eingeprägten "großen" Daten des letzten Jahrhunderts, das erschließt sich allerdings bei der Lektüre des Buches schnell und griffig.

Die Atlantiküberquerung Lindberghs im Mai 1927 (wie überhaupt die Flugpioniere von sich reden machten in diesem Jahr), die Erfolge von Babe Ruth (und Bryson erläutert in bester Weise hier die Bedeutung des Baseball und jenes Babe Ruth in diesem 1927 auch für den europäischen Leser), die Enthüllungen über eine Affäre des amerikanischen Präsidenten, finanzpolitische Absprachen und Entscheidungen, die für den Zusammenbruch der Börsen 1929 von schicksalhafter Bedeutung waren (wie die 20er Jahre an sich bekannt waren für finanzielle Täuschungsmanöver im großen Stil), die internationale Affäre um Sacco und Vanzetti mit den zigtausend Zuschauern beim Trauerzug nach deren Hinrichtung, die Hochzeit Al Capones, die Modeerscheinung der "Flappers" mit vorher nie gekannter Lässigkeit und Freizügigkeit, der Anfang vom Niedergang Fords, und, und, und.

Verbindend zwischen den vielen "großen" und auch manchen "kleinen" Themen im Buch ist die spürbare kulturelle Veränderung im Amerika des Jahres, die entweder in jenem Sommer kulminiert und lange bereits schwelende Entwicklungen zusammenführt, aber auch Entscheidungen und Ereignisse, die von diesem Jahr aus tief auf die weitere Zukunft einwirkten.

Entwicklungslinien, die Bryson ebenso flüssig erzählt vor Augen führt, wie er die Vielfalt der Ereignisse dieses Jahres noch einmal lebendig werden lässt.

Dass ein Präsident mit einem einfachen Satz ohne weitere Erläuterung mitteilt, dass er nicht mehr antreten wird und über 80 Jahre gerätselt werden wird, was die genauen Hintergründe für Coolidge waren gehört dabei ebenso in die besonderen Ereignisse von 1927, wie die besonderen Ereignisse um Lindbergh herum.

"Die Ironie ist, dass Charels Lindbergh zu dem Zeitpunkt, als Amerika bereit war, sich in die Lüfte zu schwingen, niemandes Held mehr war".

Aber er hat entscheidend mit dafür gesorgt, dass Amerika bereit war, "in die Lüfte" zu gehen.

Ein interessantes, buntes, sehr präsent wirkendes Buch zu Ereignissen, die fast 90 Jahre zurückliegen und doch das moderne Leben durch ihre Weichenstellung mitgeprägt haben und manchen Mythos der Neuzeit begründeten.


Die zerrissenen Jahre: 1918-1938
Die zerrissenen Jahre: 1918-1938
von Philipp Blom
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 27,90

5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Das Taumeln der Welt zwischen den Kriegen, 7. November 2014
Die "alte Ordnung" hatte sich gewissermaßen selbst zerstört, gipfelnd im Geschehen des ersten Weltkrieges (was Blom bereits intensiv aufgearbeitet hat).

Nun war eigentlich der Weg frei für eine neue Weltordnung, für Demokratie und Freiheit, für ein Zusammenrücken der Völker und ein kulturell-gesellschaftliches Aufatmen.

Doch intensive, merkwürdige, einfach tatsächlich "zerrissene" Jahre sind es, die folgen werden und die Blom sprachlich wunderbar verständlich und in Teilen wie im Stil eines Romans nun dezidiert betrachtet.

Offenheit und "freies Leben" (die "wilden 20er", Flappers, Swing, Jazz, freie Wahlen) stehen auf der einen Seite der Entwicklung.
Das Durchkommen durch das tägliche Leben, geistige Enge, Hetze, Entstehung radikaler politischer Kräfte auf beiden Seiten des politischen Flügels, Zusammenbruch der Wirtschaft, Hyperinflation, Rassismus, all dies findet sich auf der anderen Seite der Entwicklung.
Stark reibende, aneinander reißende, gegenteilige Kräfte.

Eine Reibung, der Blom in ruhigem Ton Schritt für Schritt nachgeht und so diese 20 entscheidenden Jahre für die Geschichte nicht nur Europas minutiös offen legt.

Wie sehr er dabei Wert auf die inneren Befindlichkeiten der Zeit, auf die kulturelle Entwicklung legt, das zeigt schon der Beginn des Buches, in dem Blom den Jazz in den Mittelpunkt stellt. Mamie Smith und ihr "Crazy Blues", der, und das war neu, sich in weißen und schwarzen Haushalten gleich gut verkaufte, der mit dazu beitrug, ein anderes, frischeres, aber auch innerlich hektischeres Lebensgefühl zu etablieren.

Diese Musik "klang wie die implizite Aufforderung zu mehr Lebensfreude". Zu einem Zeitpunkt, als die vormals ordnende Kräfte und Mächte ihrerseits geschwächt waren.

Es folgten eben nicht nur die "wilden 20er" Partyjahre, es folgten Revolutionen, Splittergruppen, Hunger, Emigration, begleitet vom ständigen massiven Misstrauen zwischen den Nationen.

Beileibe nicht nur in Deutschland folgte aus diesen Zusammenbrüchen ehemals verbindender und ordnender Werte eine latente Bereitschaft für eine "starke Kraft", all dies steht in einem global zu nennenden (was die damaligen Weltmächte anging) Rahmen, in dem vieles "Zerrissene" einander bedingte, aufeinander Einfluss nahm und an den verschiedensten Ecken der Welt sich Ausdruck verschaffte.

Ein Gesamtzusammenhang, den Blom bestens darlegt, der flüssig verfasst vor den Augen des Lesers überzeugend entsteht. Seien es die ideologischen Unversöhnlichkeiten (die sich handfest Ausdruck verschafften) zwischen "Rechts" und "Links" in Deutschland und anderen Teilen Europas, seien es die Spannungen zwischen schwarz und weiß in Amerika (eine überwindende Kraft besaß der Jazz nun nicht), sei es das Gefälle zwischen Reich und Arm, nichts mehr war nach 1918 wirklich in Ordnung.

All diese historischen Fakten, die in der ein oder andern Form natürlich bereits Teil verschiedener Betrachtungen waren, im Gesamtzusammenhang zu sehen, chronologisch Jahr für Jahr abzugehen und dabei diese rote Linie der "Zerrissenheit" und ihrer sichtbaren historischen Zeichen nicht aus den Augen zu verlieren, das ist die Stärke dieses Buches in dem Blom erkennbar auch einen Schwerpunkt auf die amerikanische Kulturgeschichte jener Zeit setzt. Was sich letztendlich als Vorteil herausstellt, denn der eurozentrische Blick, vor allem der auf das Deutschland jener Jahre, der ist nun wahrlich bereits sattsam besprochen.

Eine sehr informative und auch im Stil sehr flüssige Lektüre.


Schopenhauer-Handbuch: Leben - Werk - Wirkung
Schopenhauer-Handbuch: Leben - Werk - Wirkung
von Daniel Schubbe
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 59,95

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Übersichtliche und fundierte Darstellung, 4. November 2014
Im Rahmen einer Auswahl der wichtigsten und wichtigen Themen des Werkes, dessen philosophischen Kontextes und der Rezeption der Gedanken Schopenhauers ist es den Herausgebern dieses Handbuches gelungen, trotz Verzicht auf manche Seitenthemen und Konzentration im Sinne einer einfachen Handhabung für Laien und Kenner Schopenhauers, den Kern des Werkes verständlich aufzuarbeiten und darzustellen. Zudem bietet das Handbuch immer wieder einfache „Sprungbretter“ an, Hinweise auf weiterführende Literatur, mit denen der Leser auf Wunsch einzelne Themen oder knappe Hinweise weiter vertiefen kann.

Gerade was die sehr breite Rezeption des Werkes Schopenhauers angeht, ist die Konzentration auf die wesentlichen Linien unabdingbar, will man den Rahmen eines Handbuches nicht heillos sprengen.
Da der Anhang des Buches (als eigener Hauptteil gestaltet) vielfache Hilfsmittel für die Forschung anbietet und hier vor allem in Form durch eine Konkordanz (bis dato existiert keine kritische Gesamtausgabe der Werte Schopenhauers) hilfreich zum Vergleich der unterschiedlichen Werke beiträgt, bieten die Herausgeber und Autoren dieses Handbuches dem Leser mit dem Handbuch zum einen beste Voraussetzungen für einen qualifizierten Einstieg in Leben, Werk und Wirkung Schopenhauers und darüber hinaus vielfache Hilfsmittel für eine intensivere Erarbeitung dann besonders interessierender Bereiche des Werkes.

Ruhig und sachlich im Ton bildet ein knapper, biographischer Einblick den Auftakt des Handbuches (knapp 20 Seiten).

Der Schwerpunkt des Handbuches liegt daher leicht erkennbar zum einen auf dem Werk des Philosophen, bietet in einem eigenen, ausführlichen und präzise gefassten Hauptteil von der asiatischen Philosophie über Platon, die Mystik, Spinoza, Kant, Fichte bis hin zu Schelling und der gesamten Romantik eine differenzierte Einordnung dieses Werkes im Blick auf die Wurzeln Schopenhauers, die erkennbaren Einflüsse auf seine philosophischen Gedanken du den Kontext seines Wirkens.

Die Wirkung Schopenhauers wird im Folgenden vor allem an den „Trägern der Flamme“ und deren Rezeption dargelegt. Sei es Feuerbach, Nietzsche, Freud oder Georg Simmel, Henri Bergson und Jung, im Einzelnen wird fundiert sichtbar gemacht, in welcher Form Schopenhauers Philosophie aufgenommen und weiter bzw. „anders“ dann gedacht wurde.

Wobei die entsprechenden Strömungen im Handbuch nicht vergessen werden. Auch wenn in mancherlei Hinsicht die Klärung des Verhältnisses Schopenhauers zu manchen philosophischen Strömungen nicht einfach ersichtlich ist.

So gilt (nicht nur) in Bezug auf die Existenzphilosophie, das auch „detektivische“ Arbeit im Buch geleistet wird. Gerade weil eine solche Verbindung zu Schopenhauer mancherorts eher geleugnet wird. Und dennoch nach Lektüre dieses Handbuch für manche „leugnenden Bereiche“ nicht von der Hand zu weisen ist (Heidegger, Sartre). Manche thematische Parallelen (die im Buch differenziert vorgetragen werden) werden dabei als „Zeugen“ der Rezeption überzeugend herangezogen.

Der „Primat des Willens“ als Zentrum des Denkens Schopenhauers („Über den Willen der Natur“), die zentrale Stellung der „Vernunft“, die Kritik der Kantschen Philosophie, seine Reflexionen über die „Universitäts-Philosophie“ wie auch das Spätwerk, Schopenhauers Überlegungen zu Ästhetik, Metaphysik und Ethik, die „Freiheit des Willens“ und die „Grundlagen der Moral“ (Mitleid) werden dabei im Buch ebenso stringent vor Augen geführt, wie das Spätwerk und der Nachlass (vor allem die Briefe, aber auch der handschriftliche Nachlass) präzise und knapp, aber nicht zu knapp, gewürdigt werden.

Alles in allem eine sehr gelungene, thematisch breite und inhaltlich auf den Punkt kommende Darstellung und Einordnung des Denkens und Werkes Schopenhauer, bei dem die biographische Seite sicherlich nicht im Zentrum der Darstellung steht, dafür aber vielfache und hervorragende Hilfsmittel und Verweise auf eine vertiefende Beschäftigung mit den einzelnen Themen Schopenhauers und seiner Rezeption dargeboten werden.


Fünf Menschen, die mir fehlen: Roman
Fünf Menschen, die mir fehlen: Roman
von Christie Hodgen
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Entwicklungen geschehen in Beziehungen, 4. November 2014
Mary wird erwachsen werden in diesem Buch. Vom Kind zur Frau, vom Mädchen zur Mutter.

Ein Geschehen, dass sich nicht gerade unter den günstigsten Voraussetzungen vollzieht. Weder, was den Ort angeht (zudem ziemlich nah gegenüber einer psychiatrischen Anstalt), noch, was die familiären Verhältnisse, vor allem das zur Mutter, angeht. Noch, was die prägenden Menschen dieses Weges angehen wird, die allesamt scheiternde Wesen sind (ohne das immer selbst so genau zu wissen).

So sind es ganz eigene, teils skurrile, immer aber besondere Menschen, die ihr näheres Umfeld ausmachen, die ihren Weg in das erwachsene Leben hinein begleiten. Manches Mal ohne das Mary dieser Einfluss wirklich klar wird.

Menschen, die Hodgen in ihrem bewegenden und sprachlich wunderbar (auch teils gerade wegen einer gewissen, kühlen Distanz zu den Figuren) gestalteten Buch intensiv betrachtet, in die Tiefe geht, die Stärken und Schwächen der Figuren differenziert auslotet.

"Es gibt keine Vergangenheit, sagtest du, und keine Zukunft. Alles passiert gleichzeitig..... Die Vergangenheit komme uns weit entfernt vor, doch das stimme eigentlich gar nicht".

Um das zu begreifen, wird Mary (das Buch über) ihre Zeit brauchen.

Dabei stimmt ihre Erkenntnis, dass Menschen darüber verbunden sind und werden, welche "unbedeutenden Handlungen" sie täglich füreinander ausführen. Dieser kleine Alltag.
Doch dazu gehören eben auch jene Dinge und Erlebnisse, die ihr, währende sie geschahen, distanziert und wenig berührend vorkamen.

Vielleicht aber braucht es einfach manchmal auch eine lange Zeit, braucht es den Tod und den Verlust, um das zu erfassen.

"Als du nicht mehr da warst, fehltest du mir".
Ein lapidar klingender Satz, der aber auf dem Hintergrund der Beziehungsgeschichte(n) im Buch seine ganz besondere Bedeutung erlangen wird.

In fünf ausführlichen Einzelbildern erzählt Hodge die Gesamtgeschichte Marys, von der erwähnten Mutter über den Onkel (einer der geschult war in den Fertigkeiten eines Onkels: Kitzeln, im kunstvollen Rülpsen, im scheußlichen Umstülpen der Augenlider), den merkwürdigen Mitschüler, die ebenso merkwürdige Freundin in der Collegezeit und James Butler, den Mann mit den hochfliegenden Plänen, einem durchaus gewissen Talent und trotzdem auch einer, der scheitert. Dem Mary aber vorher sehr nahe kommen wird auf ihrer Suche nach echten Ankerpunkten im Leben, nach einem inneren "zu Hause"

"Elegien" nennt Hodges selbst ihre Geschichten zu den einzelnen Personen, die ihre gewichtige Rolle in Marys Leben spielen, die, jede für sich, Mary auf dem Weg zur eigenen Identität begleiten, die am Ende so etwas wie ihre echte und wahre Familie darstellen.

Personen, die immer auch genau Kinder ihrer Zeit, ihres Jahrzehnts sind und damit den Leser in die teils seltsamen Ausprägungen dieser Zeiten zurückführen. Charaktere, die jeweils, wie es scheint, unter ihren Möglichkeiten bleiben und dennoch diese Möglichkeiten immer wieder aufblitzen lassen. Im Kleinen eben nur.

Und am Ende bleibt, dass das ganze Leben, alles, was wichtig ist, sich immer um Beziehungen dreht, gerade um die Besonderheiten der Erinnerungen. Beziehungen, die, während sie sich ereignen, in ihrer Bedeutung zu wenig gesehen werden.

In sehr assoziativem Stil, die Zeitebenen und die Ereignisse oft miteinander verwebend, erzählt Hodgen ihre Klagelieder über verdrehtes Denken, nicht erreichte Ziele, intensive Nähe und kühle Distanz anhand von ganz eigenen, scheiternden Personen, die in Marys Leben die entscheidenden Eindrücke gesetzt haben.

Mit melancholischem Unterton bei aller auch vorhandener Situationskomik, mit einer gewissen Verzweiflung dem Leben gegenüber, aber auch mit (späten) Erkenntnissen, die innerliche Ruhe bereit halten, wenn all die Aufregungen sich gelegt haben werden.

Eine interessante, lesenswerte Sicht auf das Leben. in dem jene konkreten Menschen später zwar physisch fehlen, immer aber anwesend sein werden.


Der nie abgeschickte Liebesbrief an Harold Fry: Das Geheimnis der Queenie Hennessy
Der nie abgeschickte Liebesbrief an Harold Fry: Das Geheimnis der Queenie Hennessy
von Rachel Joyce
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,99

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Vervollständigung des ganzen Bildes, 4. November 2014
Da war mehr. Viel mehr, als Harold Fry ahnt, als er sich im ersten Buch von Rachel Joyce auf seine spontane Reise zu Fuß zu seiner sterbenden, ehemaligen Kollegin Queenie machte.

Wie viel mehr, das ahnt selbst der Leser nicht, auch wenn zu Beginn dieser „Erinnerungen“ der sterbenden Frau zumindest deutlich wird, dass zu jenen Zeiten damals sie viel, viel mehr als nur eine angenehme Kollegin für Harold Fry sein wollte.

Ein Liebesroman also ist es, den Rachel Joyce nun ihrer „Pilgerreise“ nachfolgen lässt. Ein melancholischer Roman. Der Versuch der Frau im Hospiz, zum Ende ihrer Tage hin jetzt aber alles der Wahrheit entsprechend niederzuschreiben. In Form eines Briefes an Harold Fry.

Es ist ein dramatisches, belastendes, massives Geschehen, das Queenie seit über 20 Jahren mit sich trägt. Ein Geschehen, dass sie, aus ihrer Sicht, so tief von dem heimlich geliebten Mann trennte, dass sie ihre Gefühle danach nie mehr zu erwähnen wagte.

So liegt sie nun im Hospiz und leidet vor allem seelisch. Als eine neue Betreuerin, Schwester Mary Inconnue, wie aus heiterem Himmel (im wahrsten Sinne des Wortes), ihr Zimmer betritt. Ihre Schreibmaschine zu Recht rückt und ihre Hilfe bei dieser Lebensbeichte anbietet.

Es wird ein langer, intensiver, lebendiger Brief voller Gefühl und dichter Emotionen, soweit sei vorweg gesagt. Und es wird eine Erklärung geben für jenen Brief voller Punkte und Striche, der keineswegs einen Morsecode darstellt, wie es die Leiterin des Hospizes später vermutet. Was bleiben wird ist ein inneres Lied, das ist, worum die letzten Stunden und Tage von Queenie kreisen und das ist, worum letztlich vielleicht das gesamte Leben der Menschen kreist.

„Vielleicht ist es weiser, einfach hinzunehmen, was wir nicht verstehen, und es damit gut sein zu lassen. Erklären heißt manchmal schmälern….Wir teilen alle dieselbe Erde“.

Und vielleicht auch denselben seelischen Kern von Sehnsucht, wie ihn Rachel Joyce durch ihre Queenie immer wieder im Buch andeutet und hervorzaubert.

„Und so viele Menschen, die ihrem Leben nachgehen…gewöhnliche Menschen, die gewöhnliche Dinge tun, von niemandem bemerkt oder besungen, aber trotzdem sind sie da und so lebendig“.

Und so lebte Queenie auch und lebt noch, für einen Hauch. Und ergänzt das Bild der „Pilgerreise“ um überraschende, andere, wichtige Wendungen. Ereignisse und Emotionen, die Harold Fry nicht wissen konnte, die nun zur Sprache kommen.

„Ich fange an zu weinen. Nicht vor Schmerz. Es sind Tränen der Erleichterung“.

Eine innere Linie, in der Joyce mehr und mehr in die Tief geht und diese Tiefe menschlicher Emotionen und dessen, was ein Leben an „Lebenslied“ ausmacht, fassbar zu formulieren versteht. Eine emotionale Nähe zum Leser, die nicht unberührt lässt und die zur Frage aufruft, was denn alles im eigenen Leben noch danach ruft zu Recht gerückt zu werden. Auch wenn das Ende noch nicht so akut im Raume steht, wie bei Queenie.

„Es gibt so viel, was wir nicht sehen“, hatte Harold auf einer der gemeinsamen Dienstfahrten damals seiner Kollegin gesagt. Und das stimmt. Nicht nur, was Harold selber angeht, der so viel nicht gesehen hat und nicht wusste. Erfährt er es jetzt, durch diesen Brief? Wer weiß.

Dazu muss man natürlich das Buch mit seinen sehr überraschenden Enthüllungen und Wendungen zu Ende lesen. Was nicht schwer fällt in dieser dichten Geschichte, mit sprachlicher Ruhe und Intensität geschrieben. Und das die Tiefe menschlicher Empfindungen auslotet und präzise in Worte zu fassen versteht.


Lockwood & Co. - Der Wispernde Schädel: Band 2
Lockwood & Co. - Der Wispernde Schädel: Band 2
von Jonathan Stroud
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,99

1 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Spannende Unterhaltung, 4. November 2014
Nach der Lösung des ersten Falles gehört die kleine Agentur Lockwood & Co nun zu den bekanntesten Geisteragenturen Londons. Und schon rollt der nächste Fall auf die Geisterjäger zu.

Zunächst hört sich der Auftrag fast zu einfach an. Ein stählerner Sarg soll geborgen und dessen Inhalt gesichert werden. Bedauerlicherweise für Lockwood und die Seinen (nicht für den Leser) verschwindet der Sarg umgehend auf mysteriöse Art und Weise. Was bedeutet, dass Anthony Lockwood, Lucy Carlyle und Geborge Cubbins nun all ihre Fähigkeiten in die Waagschale werfen müssen, um den Sarg wieder aufzutreiben.

Dabei bekommen sie Hilfe von einer alten Freundin Lockwoods, Flo Burne, passionierte Artefakten-Jägerin und nicht auf den Mund gefallen.
Ebenso wie die zweite hilfreiche Kraft, die hinzutritt. Der Geist eines Totenschädels, der sich zumindest Lucy flüstern mitteilen kann.

Aber auch gefährliche Feinde sind nicht weit und sorgen für mehrfache hochgefährliche Situationen für die vereinten Geisterjäger.

Sehr fesselnd und spannend verfasst Stoud auch diesen zweiten Band der Reihe um Lockwood & Co., Geisterjäger, die das Zeug zu Kultfiguren haben.

Humorvoll, klar gezeichnete Figuren, ein interessanter "Fall" und jede Menge Abenteuer und (leicht) gruselige Spannung ziehen dabei nicht nur die Kernzielgruppe der jugendlichen Leser in den Bann.

Eine Spannung im Übrigen, die Stroud mit Tempo über die gesamte Lektüre hin aufrecht zu erhalten versteht und damit dafür sorgt, dass die Lektüre durchgehend fesselt.

"Lucy, nimm den Degen. Geh zur Tür. Schau einmal kurz heraus und dann verbarrikadieren wir uns hier drin".

Wissend, dass man nicht ewig hinter den Türen versteckt bleiben kann sondern zu einem gewissen Zeitpunkt den Gegnern entgegen zu treten hat.

"Irgendwo hier war er gestorben. Und dann hatten die Ratten..... Nein, sich diese Geschichte ins Gedächtnis zu rufen war keine gute Idee!".

Für den Leser allerdings schon, denn schon steigt wieder die Spannung.

Eine sehr empfehlenswerte Lektüre, die für beste Unterhaltung sorgt.


Geschichte der Welt  1350-1750: Weltreiche und Weltmeere
Geschichte der Welt 1350-1750: Weltreiche und Weltmeere
von Akira Iriye
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 48,00

5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Mit besonderem Blick, 4. November 2014
Im Rahmen der auf sechs Bände angelegten Reihe des Beck-Verlages zur „Geschichte der Welt“ setzten sich die verschiedenen Autoren in diesem (wie gewohnt schon von der Seitenzahl sehr umfangreichen Werk) den Schwerpunkt der Entstehung und Stabilisierung der „Weltreiche“ durch die Beherrschung der Meere von 1350-1750.

Und dies, ein durchaus frischer Ansatz, nicht aus der sattsam bekannten Perspektive einer europäischen Zentrierung (Spanien, Holland, vor allem England), sondern „von den Rändern her betrachtet“.

Wie war die Lage, die Reaktionen, die innenpoltischen Strömungen zu jener Zeit in Eurasien (China, Russland, Japan, Korea u.a.)?

Welche Entwicklungen, auch angesichts der europäischen Entwicklungen, nahm das osmanische Reich und die islamische Welt (Iran)?

Neben den beginnenden Handelsrouten, der Kolonialisierung fand in Südasien und dem indischen Ozean eine eigenständige Entwicklung statt, der auf knapp 150 Seiten im Buchen nachgegangen wird, ebenso, wie Südostasien und Ozeanien einen eigenen Hauptteil darstellen.

Natürlich wird auch ein Blick (komprimiert und relativ kurz mit den 100 Seiten im Buch) auf Europa selbst geworfen. Dieser steht aber weniger unter einer Nachzeichnung der „Eroberung der Meere“, sondern konzentriert sich auf den „Un-Zusammenhang“ der Menschen auf den drei beteiligten Kontinenten, bis es dann zur „Kenntnis“ der anderen und zur „Unterwerfung“ durch die europäischen Mächte kam.

Ein an sich vertretbarer Ansatz, denn in jenen Jahrhunderten herrschte „über die Welt“, zumindest aber über das nähere Einflussgebiet immer jene Kräfte, welche die Meere beherrschten, deren Flotten am weitesten fortgeschritten waren.

Ereignisse, die in ihrer vielfach national geprägten Weise durchaus, wie die Herausgeber herausstellen, die Grundlagen für die heutige Globalgeschichte durchaus legten. Die „fünf verschiedenen Welten“ begannen, langsam zwar und mit Risiken behaftet, aber dennoch zu „interagieren“. Dennoch wäre ein rein solcher Blick auf die „Weltgeschichte“ der verschiedenen Regionen zu verkürzt und zu sehr teleologisch aus gegenwärtiger Sicht beeinflusst. Bei der Entwicklung zur Gegenwart hin handelt es sich eher, wie die Herausgeber feststellen , um eine „Akkumulation in Schüben“ mit durchaus zeitweise auch Zurückbildungen

Daneben aber liegen faktisch eigenständige Geschichte und Geschichtsbilder je regional geprägt vor, hier gilt es, die jeweiligen Vergangenheiten „nach deren eigenen Bedingungen zu rekonstruieren“. So wendet sich das Buch in seiner Zielsetzung entschieden gegen eine (rein) „eurozentrierte Sicht“ der Weltgeschichte und setzt daher logischerweise die anderen Teilnehmer am „Meeres-Geschehen“ deutlicher in den Mittelpunkt der Betrachtungen.

Im Gesamten ergeben sich in den einzelnen Hauptteilen und den einzelnen Einlassungen der verschiedenen Autoren durchaus profunde Bilder der Zeit und ein sorgsames Nachgehen der je individuellen, regionalen Geschichte (man könnte sagen der „kleineren Weltreiche“ oder der Versuche der Expansion).

Eine Schwäche der Darstellung ist dabei die starke Abgrenzung, die teils kleinteilige, nur für sich bestehende Betrachtung der Historie. Vom vielleicht mangelndem Interesse mancher Leser an bestimmten Ereignissen in Südostasien in jenen Jahrhunderten einmal ganz abgesehen, fehlt am Ende der verbindende Blick, die Betrachtung der Folgen einzelner regionaler Ereignisse für den weiteren Fortgang der Geschichte und den Gesamtzusammenhang.

Für an konkreter Regionalgeschichte anderer Kontinenten interessierte Leser bietet dieses Werk eine breite und detaillierte Darstellung oft nicht sonderlich bekannter historischer Entwicklungen und Ereignissen, als „Geschichte der Welt“ aber ist das Buch zu sehr regional ausgerichtet in seiner Darstellung. Der bessere Titel wäre :“Die Geschichte der anderen oder des Restes der Welt“ gewesen.
Wie auch nichtunbedingt jede regionale Kraft im Buch als „Weltreich“ zu bezeichnen wäre.

Dennoch bietet sich in den einzelnen Darstellungen profundes und fundiertes Wissen mit hohem Informationsgehalt.


Die Schönheit ist eine Linie: 13 Variationen über ein Thema
Die Schönheit ist eine Linie: 13 Variationen über ein Thema
von Werner Hofmann
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 29,95

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Über die zentrale Schönheit der "Schlangenlinie" in der Kunstgeschichte, 4. November 2014
Die Formeigenschaft der Schlange ist jene der "fortwährenden Bewegung" ,mit "unvorhersehbaren Abläufen". Vielleicht liegt darin ja jene "Schönheit der Linie", die schon Schiller ansprach und die über die Jahrhunderte in der Kunst zentrale Verwendung gefunden hat.

Die Bewegungen der Schlange als Metapher für eine Vielzahl von Verwandlungsmöglichkeiten, immer begleitet von Ambivalenzen.

13 solcher Metaphern hat Werner Hofmann für seine Betrachtungen ausgewählt.

Wie ein "Gerüst gegen ein Gemenge" kann man die Ausdrucksformen dieser Linie betrachten. wobei das Gerüst auf die konstruktive Vollendung zielt (als zielgerichtete Bewegung in Schlangenlinien) und das Gemenge auf proteische Verwandlungen und Widerrufe zielt (die Ambivalenzen, das nicht Vorausschaubare der Bewegungen).

Diese "verwirrende Dynamik" stellt Hofmann in diesem, seinem letzten Werk quer durch die Kunstgeschichte nun vor.

Von den "linearen Schwingungen" bei Dürer (eine Linie, "daraus man wunderbarlich Ding machen kann" über den "Stellenwert der Schlange an sich" in Mythos, Mythologie, Religion und Politik, für "alle Kulthandlungen, die der Welt eine gute und eine böse Seite zuweisen", in ihrer "Vieldeutigkeit" hin zur "subtilen Formökonomie der keltisch-germanischen Ornamentsprache".

Wie dann beim "Kopf der Medusa" oder der Laokoon-Gruppe, den "Sündenfall" und das Zusammenwirken von Mensch und Schlange als einerseits getrennte Wesen (Lokoon) und anderseits "Zwitterwesen" (Medusa).

Wobei späterhin gerade in der abstrakten Kunst (Kandinsky, Duchamps) die "Schlangenlinie" eine zentrale Rolle einnehmen wird (".....wenn die Linie die Qualität eines autonomen Dings annimmt" (Duchamps)), bis hin zu den linearen Raumkonstruktionen eines Naum Gabo oder den begehbaren Linienkunstwerken von Heike Mutter und Ulrich Genth (die Vorstellung eines modernen Laokoon in Form einer Achterbahn).

Dabei gilt (und dies lässt Hofmann in den einzelnen Variationen zum Thema im Hintergrund mitlaufen): "Jede Spirale verläuft in zwei Richtungen: von einer Mitte weg und auf diese zu".

Im Mittelpunkt seiner Darstellungen findet der Leser dabei jene Versuche und Ansinnen der verschiedenen Künstler und Kunstformen, jene "Entgrenzung" zwischen Kunst und Leben zum Ausdruck zu bringen, in welcher auch und gerade durch die Schlangenlinie der Versuch unternommen wird, "sich anschmiegend der gesamten Wirklichkeit zu bemächtigen".

Wofür am Ende des Buches einiges der Kunst Hundertwassers von Hofmann kurz beleuchtet wird.

Insgesamt bietet Hofmann in Stil und Thema keine einfache Kost. Im Gebiet unerfahrene Leser werden sich daher schon bei den einleitenden Worten leicht überfordert fühlen, Hofmann setzt einiges an Wissen und bereits vertieften Interesse voraus.

Trotz der vielfachen Illustrationen besitzt das Buch einen hohen Abstraktionsgrad und wird vor allem Kunsthistoriker und an der Formensprache der Kunstgeschichte interessierte Leser anziehen.

Diese aber finden im Buch sorgfältige und in die Tiefe reichende Betrachtungen der Entfaltung der Schlange als Wesen und der Schlangenbewegung als Linienform, die von der klaren "künstlichen" Ornamentsprache hin zum Versuch der "Entgrenzung" zwischen Kunst und Leben führt. Getragen von der Hoffnung Camus (die Hofmann teilt), "wonach es darum geht, die Schönheit zu leben und nicht (nur) zu imaginieren.


Erwarten Sie Wunder!: Expect the Unexpected
Erwarten Sie Wunder!: Expect the Unexpected
von Kent Nagano
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,90

3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Über die existenzielle Schönheit der klassischen Musik, 28. Oktober 2014
Man muss nur einmal ein einfaches, klassisches Konzert in einer Philharmonie besuchen, um am Altersdurchschnitt der Besucher umgehend zu erkennen, dass die Liebhaber (und damit die zahlenden Zuschauer) für diese Form der Musik zunehmend ins hohe bis höchste Alter inzwischen gelangen.

Und mit den Kennern und Genießern dieser Musik verliert die klassische Musik an sich an Bedeutung. Subventionsabbau, Zusammenlegung, Streichung, Verdichtung von Angeboten, immer deutlicher stellt sich die Situation (weltweit und gerade auf dem bedeutsamen Markt Deutschland) dar.

Auf der anderen Seite, wenig andere Musik hatte und hat so viel Einfluss auf die gesamte Kultur je der Gesellschaft, so viel „Nachwirkung“, wie es die klassische Musik hat und hatte.
Musik, die es vermag, existenziell den Menschen innerlich zu treffen.

„Das größte Geschenk, das Gott den Menschen machen konnte, war die Gabe zu sprechen und zu kommunizieren, Und ein großer Teil von Kommunikation ist Musik“ (Leonard Bernstein). Und zwar als eine universelle, mit einiger Übung verständliche und innerlich betreffende Art der Kommunikation.

„Klassische Musik ist ein Abenteuer, eines, das wir erleben, wenn wir uns auf sie einlassen. Sie nimmt uns mit in eine andere Welt…..sie entfaltet dort Macht… (die) uns ungemein viel geben (kann)“. (Kent Nagano).

Leidenschaftlich, profund, glühend für sein Metier nimmt Nagano den Leser mit in diese Welt, in dieses Abenteuer der klassischen Musik. Und erläutert, erklärt, erzählt von dieser Macht der Musik Seite um Seite. Verständlich, klar und zugleich emotional.

Und eröffnet damit einen weiten, sehr weiten Blick über fast 1000 Jahre Musikgeschichte, vor allem aber darüber, wie sehr in der klassischen Musik fast die gesamte abendländische Tradition sich abbildet, wie eng verwoben im gegenseitigen Einfluss klassische Musik und Kulturgeschichte im Ablauf der Jahrhunderte sind.

Dabei erzählt Nagano von seinem Leben, seinen Berührungen mit dieser Kunstform schon in jungen Jahren, aber auch vom „Golden Age“ der Klassik, von „Lauter Toden auf Raten“.

Beschreibt den Rückgang der Bedeutung einerseits mit harten Zahlen, andererseits mit dem Verweis, wie der gesamte kulturelle Konsens gesellschaftlich erodiert, wie Parkhäuser im öffentlichen und politischen Denken einen höheren Stellenwert einnehmen als der Betrieb eines Opernhauses, in einer „Welt im Wandel – Werte im Wandel“ Zeit.

Und dennoch bleibt und gilt: „Musik kann mehr als Worte“. Auch wenn Nagano in diesem Buch das Wort wählt. Seine Blicke auf Bach, Schönberg, Beethoven, den Messias, Bruckner, Bernstein und Ives sind immer auch Portraits einer Zeit, einer kulturellen Strömung, an denen der Leser die inneren Zusammenhänge erkennen, lesen kann und, vielleicht, im Nachgang der Lektüre mit entsprechenden Werken sich auch dann, durch das Buch bestens erläutert, neu „erhören“ könnte.

Nicht nur mit Leidenschaft, auch mit Sachverstand, Erkennbarkeit der eigenen Person und mit vielen Informationen rund um die Klassische Musik, deren aktuellem Stand und deren zeitloser Bedeutung verfasst, bildet dieses Buch eine sehr empfehlenswerte Lektüre.

Nicht nur für den Liebhaber klassischer Musik, sondern für jeden kulturell und am Geschehen der Zeit(en) interessierten Leser.


Die Wahrscheinlichkeit des Glücks: Roman
Die Wahrscheinlichkeit des Glücks: Roman
von Gisa Klönne
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Liebe braucht keinen Glauben, 28. Oktober 2014
Die eine ist Astrophysikerin.
Klar, direkt, logisch, rational. An „Schicksal“ oder „Glück“, an unverhoffte emotionale Wendungen glaubt sie nicht. Die Welt, das Leben, die Vorgänge, all das ist berechenbar, kann kühl abgewogen werden, die eigenen Schritte vorweg durchgegangen werden. Frieda Telling.

Der andere ist einerseits das Gegenteil. Sinnlich, genussorientiert, eher emotional den Spuren des Lebens folgend. Auch von Berufs wegen. Arno Rether. Autor erotischer Romane mit Tendenz zum Schlüpfrigen.

Beide allerdings vereint zunächst einander unbekannterweise, dass beide nicht an die „große Liebe“ glauben. Überhaupt an die „Macht der Liebe“.

Die eine lebt ganz im hier und jetzt ihrer Forschung, ihrer Berechnungen, im klaren Korsett ihres Lebens. Der andere treibt ebenso nur im hier und jetzt ein wenig chaotisch vor sich hin und frönt dem ihm innewohnenden Hedonismus.
Und beide wollen nur ungern in ihrer Art zu leben gestört werden.

Doch dramatische Ereignisse reißen zunächst Frieda aus ihrer gewohnten Bahn und bringen etwas später die kluge Frau und den sinnesorientierten Autor zueinander.

Weil Frieda auf der Suche ist nach einem Ereignis in der Vergangenheit. Nach der Geschichte eines halben roten Halstuches. Ein Tuch aus der Geschichte zweier Rumänen mit deutschen Wurzeln, die in den brutalen Jahren nach dem großen Krieg drangsaliert, als junge Menschen in ein „Speziallager“ gebracht wurden, das kurze Zeit zuvor noch den Deutschen als Konzentrationslager diente (Sachsenhausen).

Nicht aus reinem Interesse macht sich Frieda auf den Weg nach der Geschichte des Tuches. Es stammt von ihrer Mutter und wurde ihr „zu treuen Händen“ von dieser für ihre Tochter mit auf den Weg gegeben anlässlich einer Feier. Genaueres wird ihre Mutter ihr nicht erklären können, zu stark ist die Demenz bereits fortgeschritten.

Doch das Tuch brachte Friedas Tochter durcheinander. Völlig in Verwirrung. Planlos stürzte sie aus dem Haus, auf die Straße, vor ein Auto. Und liegt nun im Koma.

Ein Ereignis, das Friedas konstruierte Welt aus den Fugen geraten lässt.

Sie klammert sich an das einzige Indiz, das ihr bleibt, das rote Tuch. Und wird ihre eigene Familienvergangenheit darin finden. Und mehr.
Denn sie kennt zwar die Geschichte ihrer Eltern in Ansätzen, aber darüber hinaus hat sie sich nie wirklich interessiert und muss nun mit wenig Anhaltspunkten die Spuren in der fernen Vergangenheit suchen und zusammensetzen.

Wie gewohnt schreibt Gisa Klönne sprachlich flüssig und mit Tempo.
Mit einem großen Augenmerk auf die intensive Charakterisierung ihrer Personen.
Alle Beteiligten wirken authentisch, real und stellen in ihrer Typisierung Haltungen des Lebens dar, die sicherlich jeder kennt.

So gelingt es Klönne von Beginn an, den Leser vor allem in die Personen mit hinein zu ziehen und emotional Anteil zu geben. An Henny, der alten Mutter, Frieda, der kühlen und doch suchenden Frau, Arno, der meint, nicht suchen zu müssen und doch Wichtiges vermisst und Aline, die nicht ohne Grund auf das rote Tuch so reagierte, wie sie reagierte.

Zudem führt Klönne ebenso lebendig den Leser in der Zeit zurück in das Grauen, dass nach dem Krieg für so manche Bevölkerungsgruppen noch lange nicht zu Ende war und baut eine miteinander verwobene Familiengeschichte, die sich erst im letzten Teil des Buches in all ihren Verbindungen erschließen wird.

In beiden Fäden der Geschichte verbindet sie dabei spürbar die Kraft der Liebe.
Die nicht nur äußere Bedrängnis tragen lässt, sondern auch innerlich Menschen bewegt, die sich dem gar nicht bewusst aussetzen. Liebe braucht keinen Glauben, sondern geschieht.

Und die verbindet. Kein Mensch ist ein Solitär, sondern steht in einer Abfolge von Familie, Ereignissen, Geschichte, die ihn prägt. Auch wenn man sich, so wie Frieda, dieser Prägung intensiv versucht, zu entziehen.

Eine empfehlenswerte Lektüre.


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