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Beiträge von M. Lehmann-Pape
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Rezensionen verfasst von
M. Lehmann-Pape
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Die Beschützerin: Thriller
Die Beschützerin: Thriller
von Susanne Kliem
  Broschiert
Preis: EUR 14,99

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Sich steigernde psychologische Spannung, 10. März 2014
Rezension bezieht sich auf: Die Beschützerin: Thriller (Broschiert)
Vermutet der Leser im ersten Drittel des Buches noch, dass unter Umständen die Dinge und Gemengelage der Beziehungen sich komplexer darstellen werden, der „Täter“ nicht so offenkundig bereits im Raume steht, so sieht man sich in dieser Erwartung dann doch im Lauf der Lektüre enttäuscht.

Letztlich steht schon mit Lesen des Klappentextes im Raum, wer „gut“ und wer „böse“ ist und so richtet sich die Konzentration der Lektüre alleine darauf, wie sich das Wechselspiel um die „Fernsehfrau“ Janne Amelung Seite für Seite steigert und sie mehr und mehr in den Strudel eines gefährlichen Stalkings, in das Objektiv einer gestörten Person gerät.

Jane, die im Sender nicht nur die wichtigstes Show (mit dem attraktivsten Showmaster) betreut, sondern die auch, ohne es zu wollen, fast nebenbei in die Verantwortung für die Zukunft des Senders gerät.

Die „Berater“ sind im Haus und durchforsten nach Einsparpotential. Jannes Chef spielt ein merkwürdiges Spiel dabei und taucht zunächst gar nicht auf, Jannes Freund sieht seine private Zeit mit Janne hinweg schwimmen (und reagiert dementsprechend ärgerlich), der neue Nachbar wendet sich ihr zu, aber mehr und mehr muss Janne feststellen, dass sie beruflich und bald auch privat „unter Beschuss“ gerät.

Geplante Projekte werden gestört, ihre wichtige Präsentation wird von außen unterminiert, ihr Freund hat plötzlich einen neue kontakt, eine neue „Kundin“, die Sand sehr geschickt Sand ins Getriebe der Beziehung zu schütten scheint.

In einfacher Sprache erzählt Kliem diese Geschichte von Mobbing und Bedrohung, die über weite Strecken durchaus unterhaltsam und flüssig zu lesen ist, der es aber doch hier und da an möglichen Überraschungen, komplexen Ereignissen und möglichem „Beziehungstiefgang“ fehlt. Zu gerade und klar spinnt die Spinne ihr Netz.

Zum Ende hin dann zieht Kliem die Spannungskurve deutlich an, bietet einen intensiven Showdown auf engstem Raum und öffnet im Epilog noch einmal neue Bedrohungen, bei denen man die innere Unruhe Jannes (die bleiben wird) sehr gut nachvollziehen kann.

Alle in allem ein eher „leichter“ Unterhaltungsroman“ mit stereotypen Figuren, der das Thema des Mobbing, Stalking und der Bedrohung in stetigem Tempo „geradeheraus“ (und dies durchaus in emotional wirksamer Atmosphäre) vorantreibt.


Intervention: Thriller
Intervention: Thriller
von Jonathan Freedland
  Broschiert
Preis: EUR 16,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Geheime Elite-Forschungen, 10. März 2014
Rezension bezieht sich auf: Intervention: Thriller (Broschiert)
Nicht nur die Machthaber des dritten Reiches gingen in den Jahren kurz vor und zu Anfang des zweiten Weltkrieges bereits sehr geheimen und nicht sonderlich moralischen Forschungen nach, auch auf vor allem amerikanischer Seite gab es Haltungen im Verborgenen, die für deutlichen Aufruhr gesorgt hätten, wären sie öffentlich bekannt geworden.

Forschungen, ein geheimes Projekt, dem der Psychologie-Professor James Zennor in Oxford eher ungewollt und durch ein schmerzhaftes „Liebeserleben“ auf die Spur kommen wird.

Zennor, ein Mann mit verletzter und nie ganz wieder geheilter Schulter, ist bereits in innerem Ungleichgewicht, weil alle seine Versuche, seinem Land im Krieg gegen den Faschismus zu dienen, bisher nicht erhört wurden. „Ausgemustert“, so fühlt er sich.

Er, der doch schon 1936 in Spanien überzeugt und unter Einsatz seines Lebens den Faschismus bekämpfte, er ist einfach zu nichts mehr zu gebrauchen?

Innerlich angespannt, durchaus oft nahe daran, in einem inneren Schleier von Jähzorn und Wut die Haltung zu verlieren.

Sein einziger wirklicher Halt des ehemaligen Modellsportlers, der einzig wirkliche Wert in seinem Leben ist Florence, seine Frau, ehemalige Leistungsschwimmern, Olympiateilnehmerin und ebenfalls Wissenschaftlerin, wie er. Und sein kleiner Sohn Harry.

So wundert es nicht, dass Zennor völlig die Fassung verliert, als er eines Tages von seinem morgendlichen Rudertraining zurückkehrt und das Haus leer vorfindet. Frau und Kind verschwunden. Haben sie ihn verlassen ob seiner inneren Zerrissenheit und Distanz gerade zu seinem Sohn? Wurden die beiden entführt? Wohin überhaupt können sie verschwunden sein?

Zennor lässt nichts unversucht und findet eine Spur, die nach Amerika, in die weltbelkannte Yale Universität führt. Aber nicht nur in ein anderes Land geht sein Weg, auch hinter die Kulissen einer gefühllosen, rein rational begründeten geheimen Forschung. Mit der Florence und sein Sohn irgendetwas nicht wirklich Greifbares zu tun haben.

Und er wird feststellen, dass an dem ganzen Geschehen um das Verschwinden von Frau und Sohn wenig zufälliges ist und auch er schon lange im Blick der Hintermänner sich befindet.

„Sie sind da über etwas viel Größeres gestolpert, als ihnen klar ist. Es ist größer und gefährlicher“.

So groß, dass über Leichen gegangen wird, Zennor unter Mordverdacht gerät und einen weiten Weg bis zu „Wolfs Head“ gehen wird. Was immer sich dahinter verbergen mag.

Seine grundlegend journalistische Ausbildung und Arbeitsweise ist Jonathan Freedland auch in diesem Thriller deutlich anzumerken. Fundiert recherchiert legt ein Projekt und Programm des zweiten Weltkrieges zum Mittelpunkt der Ereignisse, in dem die Zweischneidigkeit der „rein rationalen“ Wissenschaft aufzeigt, was passiert, wenn Ethik und Moral als Komponenten menschlicher Kultur nicht mehr mit bedacht oder „mit gefühlt“ werden. Wenn der Krieg auch von „Opferseite“ her (jenen, die angegriffen werden) nicht nur negativ, sondern in seinen möglichen „Früchten“ als „nützlich“ betrachtet wird.

Das legt Freeeland intensiv und interessant als Frage dem Leser vor Augen.

Was allerdings die emotionale Dichte angeht, das Hereinziehen des Lesers in die Personen und in die Gefahren- und Spannungsmomente, da verbleibt Freeland im Stil letztlich zu kühl, zu rein berichtend und äußerlich beschreibend (auch wenn er teils ausgiebig versucht, innere Verzweiflung in Worte zu gießen), als dass der Leser inmitten des Geschehens auch emotional ankommen könnte.

Interessant, informativ, gradlinig und unterhaltsam aber allemal, wenn auch der letzte Kick an Leseenthusiasmus sich nicht einstellen will.


Juninovember
Juninovember
von Sarah Kirsch
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Erinnerungsmomente, 10. März 2014
Rezension bezieht sich auf: Juninovember (Gebundene Ausgabe)
Im letzten Jahr ist Sarah Kirsch gestorben und nun erscheint, aus dem Nachlass der Lyrikerin, dieser Band mit kurzen, oft wie hingeworfen wirkenden Notizen, kleinen Tagebucheintragungen, die eher konkrete Assoziationen benennen, denn umfassend von Tagen oder wichtigen Momenten berichten.

Auch wenn die ein oder andere Eintragung ein wenig mehr Länge vorweist, sind die Gedanken doch eher kurz.

„Es ist wohl der letzte Tag, an dem ich wie Ein Kakadu auf der Veranda Sitze mich erinnern Wärmen kann“.

Oder:

„Das Christkind backt – nun wird es aber Zeit, der Himmelsbackofen glüht. Keen Schnee in Tee so weit ich seh …. Habe noch allerletzte Weihnachtskarte verfasst….. Wir müssen die Mülltonnen herausstellen. Wegen der Feiertage wird einen Tag eher abgeholt“.

Wie bei Kirch gewohnt (eines ihrer an sich wichtigen Themen), lassen sich auch kurze, prägnante Naturbeobachtungen lesen, alles so, wie „ihr der Schnabel gewachsen ist“. Mit ein wenig sprachlicher Verballhornung, Umgangssprache, aber auch kleine Poesien:

„Abends hat der geschwärzte Himmel Einen Fuchspelzsaum“.

Zudem erfährt der Leser, dass Sarah Kirsch dem Fernseher sehr zugewandt war, online hier und da Bücher bestellt hat und, häufig, wie denn genau das Wetter an bestimmten Tagen so war.

Das ist über lange Strecken nicht sonderlich interessant oder unterhaltsam, auch wenn sich genau jene kurzen Gedankengänge einprägen und das Lesen lohnen, die allgemein Menschliches, genau Beobachtetes an und in der Natur oder hier und da auch eine Bewertung zur „allgemeinen Lage“ oder zu prominenten Menschen in sich tragen.

Melancholie ist herauszuhören an so manchen Stellen, eine Nähe zur „dunklen, trüben“ Jahreszeit.

Alles in allem eher ein kleiner Band für Kirsch-Verehrer, die sich in den oft hingeworfenen Notizen und kleinen auch Boshaftigkeiten ein Bild des Alltages der Autorin machen möchten, in dem nicht unbedingt viel an Äußerem geschieht.


Die schönsten Gärten an Deutschlands Küsten: Bezaubernde Refugien an Nord- und Ostsee entdecken
Die schönsten Gärten an Deutschlands Küsten: Bezaubernde Refugien an Nord- und Ostsee entdecken
von Beate Schöttke-Penke
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 39,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Beeindruckende Gartenanlagen, 10. März 2014
Ein prächtiger, blühender, gestalteter Garten am Meer, eine Zusammenschau von Wasser, Strand und üppiger Vegetation, mit einem Blick Natur in vielfältiger Form erfassen, dass ist so in dieser Form in deutschen Breitengraden nicht unbedingt möglich (außer auf Helgoland, wo eine Gartenanlage mit direktem Meerblick zu finden ist).

Aber vielfach sind in direkter Nähe an Deutschlands Ostsee und Nordsee dennoch gestaltete Gartenlandschaften zu erleben, die den Besuch ungemein lohnen und die in diesem Bildband beeindruckend in Szene gesetzt vor die Augen des Betrachters geführt werden.

„Gärtnern hart im Wind“, das trifft die Situation an den deutschen Küsten. Da, wo das Land über lange Zeiten hinweg dem Meer regelrecht „abgetrotzt“ wurde.
Ein paar Kilometer ab und an landeinwärts also muss der Besucher sich schon aufmachen, bevor er an die vielfachen, beeindruckenden Gartenlagen gelangt, die in den letzten Jahren vielerorts entstanden sind.

Wobei nicht nur öffentliche Anlagen im Blick stehen. Aktionen wie „In Nachbars Garten“ oder „Offene Gärten“ haben zum „Gartenfieber“ im Norden Deutschlands geführt.

25 individuelle, besondere, facettenreich ausgewählte Gärten führen Schöttke-Penke in ihren Texten und Lehsten mit seinen Fotografien im Buch nun vor. Einblicke, die sich lohnen, die Lust auf mehr machen und zum ein oder anderen Ausflug, Kurzurlaub Besuch der „Gartenorte“ durchaus animieren.

Was auch daran liegen mag, dass Bewohner der Landschaft hier und da vor allem eines haben, was benötigt wird für eine abwechslungsreiche und vielfältige Gartenanlage: Platz.

Wie die Diddens am Stadtrand von Leer, die sich mit ihrem Garten vor keinem Park eines englischen Herrenhauses zu verstecken brauchen.

Oder die betäubende, vielfältige Blüten, vor allem Rosenpracht der „Elsflehter Gärtnerinnen“.

„Die Blüten sind so kostbar, blühen nur einmal im Jahr. Und doch kann man sich jedes Jahr auf die Rosen verlassen“.

Gärten der Nordseelandschaft, die ihr Pendant im „Rosarium beim Wasserschloss“ an der Ostseeküste finden.

Vielfältige Einblick, die ein um das andere Mal Respekt für die liebevolle Anlage und Pflege der Gärten hervorrufen, die in ausführlichen Erläuterungen textlich und mit vielen Fotografien aus verschiedenen Perspektiven heraus bestens im Buch „in Szene gesetzt“ werden.

Eine sehr empfehlenswerte Lektüre über eine (noch) nicht breit bekannte „Landschaft der Gärten“ an Ostsee und Nordsee.


Aus dem Leben einer Matratze bester Machart
Aus dem Leben einer Matratze bester Machart
von Tim Krohn
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 16,99

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Wenn der Kreis des Lebens sich schließt, 10. März 2014
Dass diese Matratze, die jenes Hotel ganz neu angeschafft hatte, auf der Immanuel Wassermann mit der jungen Kellnerin Gioia, die er nach kurzem Kennen spontan geheiratet hat (sie „konnte seiner jungenhaften Art nicht lange widerstehen“), von ganz besonderer Qualität ist, das zeigt sich über die Jahre und Jahrzehnte hinweg bis ihn zum Ende des Buches.

Kleine Geschichten sind es, die mit, auf und unter der Matratze geschehen.

Kinder im Keller unter Bombenhagel 1944, Mirtha Pistorius mit ihrem Mann 1951 (auch wenn dieser meint, gar keine Matratze zu benötigen, auf jeden Fall nicht das alte Ding vom roten Kreuz), Rosi Stadler, deren Geist bereits weitgehend in anderen Gefilden als denen der Gegenwart sich aufhält und so manch anderer wird die Matratze „im Haus“ haben und seine kleine Geschichte um dieses „Ding“ herum erleben.

Eine Matratze mit einem Fleck, der die Umrisse Amerikas zu zeigen scheint, der von der Unschuld zeugt und der im Lauf all der Jahrzehnte von 1935 bis zum „Schließen des Kreises“ 1992 das einzigartige Wiederkennungsmerkmal darstellt.

Geschichten, die im Übrigen nicht als Romanzen angelegt sind, die nicht poetisch überhöht sich darstellen, sondern die Tim Krohn mitten aus dem wahren, sicherlich dabei etwas abseitigen, Leben schöpft.

Was allein schon der „Zweitbesitzer“ Immanuel Wassermann spüren wird. Denn so, wie er sich das denkt, als Jude in Deutschland mit der neu angetrauten Sizilianerin, so wird das nicht werden. Auch wenn Glück im Unglück auch Teil dieser Ereignisse sein wird.

Und späterhin geht da auch nicht der weise und gereifte „Alte“ stetig dem Sonnenuntergang an der Küste entgegen, sondern einer, der von sich sagt: „Die Nutzlosigkeit des Alters hatte seinen Blick geweitet“. Einer, der allerdings so (abseitig) lebensweise geworden ist, dass er in allem den gleichen Wert erkennt, vom alten kleinen Plastikring bis zu anderem Treibgut am Strand hin.

Dinge, die ihn an sich selbst erinnern. „Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen“. Bis er diesen Stofffetzen mit den ausgeleierten Federn entdeckt.

Lakonisch, teils anrührend in den Lebensträumen, teils besonders in den Lebensaufgaben, teils das Grauen der Bomben im Spiel nachgestellt. In ruhiger Sprache bietet Tom Krohn Portraits von Menschen und, vor allem, von konkreten Zeiten der letzten Jahrzehnte deutscher Wirklichkeit „im Kleinen“, die lesenswert im Buch je einen ganz eigenen Kosmos und Lebensweg ergeben.

Nicht durchgehend in gleicher Weise den Leser tief ansprechend, aber doch immer mit dem „Besonderem“ an den dargestellten Episoden und dem melancholischen Unterton, um länger über die einzelnen Geschichten nachsinnen zu können.


Der Krieg und das Mädchen
Der Krieg und das Mädchen
von Jürgen Seidel
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 16,99

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Die Veränderung der Lebensatmosphäre, 10. März 2014
Sommer 1914.
Fünf Tage Sommerfrische der Oberstufenklasse des Jungengymnasiums am Müggelsee vor den Ferien. Aufgeheizte Atmosphäre der Vorkriegswochen und beschauliche Idylle.

Fritz Wanlo und zwei seiner Freunde, Rasmus Bloemacher und Wieland Hassel, haben mit Mila, einem ernsthaften jungen Mädchen, die „Somnanbulen“ gegründet.

Treffpunkt ist das „Cafe im Westen“ (intern auch „Cafe Größenwahn“ genannt). Eine kleine Gruppe literarisch interessierter. Aber das Wichtigste ist „Freiheit“. Im Leben und im Denken. Freiheit auch in den internationalen Verbindungen. Der Traum wäre es, in Paris zu studieren.
Auch Mila reist zum Müggelsee für ein Zusammensein, vor allem mit Fritz, dem sie verliebt verbunden ist. In einer Zeit der strikten, gesellschaftlich-moralischen Rahmung, die solche Gefühle sich immer nur zart andeuten lässt.

Das ist die eine Seite der „guten alten Zeit“, wo doch „nichts mehr passieren kann“, die Welt ein „zivilisierter Ort“ geworden ist.

Aber da ist auch Janota, schärfster Lehrer des Gymnasiums, der die Welt in jene unterteilt, die Kommandos geben und in die Millionen anderer, die als „Rädchen“ zu funktionieren haben.
Eine Weltsicht, die manch Schüler durchaus teilen und umsetzen.
Und da ist das aufgeheizte Klima, in dem die kleinen Steppkes auf den Straßen mit Besenstielen Soldat spielen.

Eine Gemengelage zwischen Alltag, Gewohnheit und beginnender, massiver Veränderung, die vor allem Mila am eigenen Leib leidvoll spüren wird.

Nicht nur, dass ihre junge Liebe zu Fritz und ihr Traum, einen „Männerberuf“ zu ergreifen, stark unter Druck geraten. Zudem war ihr Vater Franzose, was ihre nunmehr alleinerziehende Mutter stark zu spüren bekommt, als Janota stirbt und seine Witwe voller Hass mit dem Finger auf Mila und ihre Mutter zeigt.

Während Fritz mit ganz anderen, inneren, „biologischen“ Veränderungen zu kämpfen hat, mit einer „Krankheit“, wie er es nennt. Er meldet sich schnell zum Kriegsdienst, denn nur an einer Front, meint er, könne diese „Krankheit“ ausgemerzt werden.
Eine ganze Welt, die so heil schien, die sich in literarischen Träumen und jungen Lieben vermeintlich bewegte, gerät so aus den Fugen. Vor lamme und zunächst innerlich.

Das ist die große Stärke Seidels, dieses innere „Wegkippen“ präzise und genau zu erfassen und zu beschreiben, die Entwicklung seiner Figuren angesichts des „Schicksals“, dem gegenüber diese ohnmächtig ausgeliefert scheinen, abzubilden.

Ihn einer Sprache und einem Stil, der doch sehr an die Roman jener Zeit erinnert, in der Seidel diese Geschichte ansiedelt. Nicht ohne Grund erwähnt er im Buch Fontanes „Effie Briest“. Eine Sprache, die dennoch nicht „altbacken“ wirkt, aber doch in ihrer Weise die Atmosphäre dieses Sommers 1914 nicht nur im Erzählten, sondern auch in der Form auszudrücken versteht.

Ein wenig zu ruhig, zu innerlich allerdings ist dieses Buch im Gesamten dann doch, auch in der Bedrängung Milas durch den Tod des Lehrers taucht nur mäßige Spannung auf und die weitverzweigten, teils marternden Selbstreflektionen der jungen Menschen ziehen sich doch das ein oder andere mal sehr breit im Buch dahin.

Alles in allem aber eine gelungene Darstellung der „Zeitenwende“ 1914, die sich ja vor allem in den Menschen vollzog, im Aufeinandertreffen von „Internationalisten“ und „Weltvereinern“ mit jenen, denen „Ehre“ und „das Reich“ über alles geht und die im Waffengang den heiligen Ort männlicher Bewährung wähnen, an dem das „Wesen des Mannes“ gesundet.


Kann das Gehirn das Gehirn verstehen?: Gespräche über Hirnforschung und die Grenzen unserer Erkenntnis mit Angela D. Friederici, Gerald Hüther, Ch. ... Gerhard Roth, Henning Scheich und Wolf Singer
Kann das Gehirn das Gehirn verstehen?: Gespräche über Hirnforschung und die Grenzen unserer Erkenntnis mit Angela D. Friederici, Gerald Hüther, Ch. ... Gerhard Roth, Henning Scheich und Wolf Singer
von Matthias Eckoldt
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 29,95

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Erkenntnisse und Grenzen der Neurowissenschaft, 10. März 2014
„Nein“, wäre, nach der Lektüre der hochinteressanten, aber beileibe nicht immer einfach zu verstehenden Dialoge, die Eckoldt mit namhaften Vertretern der Neurowissenschaft im Buch führt, wohl am ehesten die Antwort auf den Titel des Buches.

Soweit man unter „Verstehen“ einen bewussten Vorgang des „Bewusstseins“ versteht. Denn gerade was dieses „Bewusstsein“ angeht, da geraten die Erkenntnisse, die klaren Aussagen, die Überzeugungen von den je eigenen Forschungen doch im Rahmen der im Buch niedergelegten Gespräche, erkennbar an ihre Grenzen.

Wie sollte das auch nachgewiesen werden im praktischen Versuch? Und wie könnte eine solche Frage nach dem „bewussten Verstehen“ überhaupt auch nur Ansatzweise eine gemeinsame und belastbare Antwort erfahren, wenn schon die Definition des Begriffes wenig greifbar und, bei den verschiedenen Gesprächspartnern, auch sehr verschieden gefüllt im Raum steht?

Dass diese leichte Verwirrung so offen zu Tage tritt, dass in den Gesprächen teils der „Boden verlassen“ wird, das ist vor allem der intensiven, nicht nachlassenden und sich nicht mit zunächst ungefüllten Begriffen abspeisen lassenden Haltung Ekoldts zu verdanken.

In aller Ruhe hakt der Philosoph nach, stellt sich hier und da einfach mal „ganz dumm“, fragt konkret und gezielt nach und so treten im Lauf der Lektüre der Gespräche zwei Erkenntnisse dem Leser klar vor Augen: Zum einen ist „die Sache mit dem Gehirn“ im ganzen nicht wirklich fassbar, darstellbar, nachweisbar, weder mit EEG noch mit „Landkarten des Gehirns“ noch in klarer Abgrenzung zu anderen Lebewesen. Zum anderen aber ist in vielen Einzelheiten, in umrissenen Fragen, in empirischen Versuchen viel passiert an Erkenntnis seit dem „Manifest der Hirnforschung“, welches vor einem Jahrzehnt von deutschen Neurowissenschaftlern formuliert wurde.

Dieses Manifest ist zugleich auch der „Aufhänger“ des Buches. Denn was für Fortschritte wurden gemacht? Hat es einen Erkenntnisgewinn seitdem gegeben und wenn ja, welchen? Leitfragen, mit denen Eckoldt in die einzelnen Gespräch hineingeht.

Wobei viele Themen gestreift werden, die durchaus interessante Informationen enthalten. Gerade im vereinfachten Blick auf das Gehirn als „Chemiebaukasten“ finden sich im Buch eindeutige Absagen, gar Warnungen vor Psychopharmaka, deren Folgen weitgehend noch gar nicht absehbar sind und die eben nicht „einfach so“ gezielt wirken. Das Gehirn ist kein „Baukasten“, das Gehirn ist eine „Struktur“, welche man einfach chemisch steuern könnte.

Oder auch den durchaus nicht von der Hand zu weisenden „materiellen Ansatz“, den Frank Rösler im Buch andeutet. Dass für jede Handlung, aber auch für jeden Gedanken „materielle Prozesse“ im Hintergrund stehen, als „Produkt eines biologischen Systems“. Auch wenn dieses nicht einfach oder klar zu verorten ist. Wenn „Denken“ nicht gemessen werden kann, ist ein Nachweis dieses materiellen Verständnisses mentaler Prozesse schwierig.

„Was ist Bewusstsein“?
„Das ist eine weitere der nicht gelösten harten Fragen, die wir haben“.

Eine souveräne Gesprächsführung, die nicht locker lässt, die Antworten der Gesprächspartner durchaus erhält, die die aktuellen Forschungsgänge nachvollzieht, aber auch die Grenzen gerade bei den „harten Fragen“ des aktuellen Standes der Diskussion offen legt.

Insgesamt ein sehr interessantes und lehrreiches Buch, gerade weil einfache Antworten nicht möglich sind und das Gehirn des Lesers in Bewegung gerät innerhalb der vielfältigen Ansätze und Erkenntnisse der Gesprächspartner Eckoldts.


Die Wahrheit und andere Lügen: Roman
Die Wahrheit und andere Lügen: Roman
von Sascha Arango
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

8 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Treffsicher erzählt, 10. März 2014
Die vielfachen Erfahrungen in Richtung Drehbuch merkt man Sascha Arango in diesem Roman deutlich an.
Strukturiert, klare, abgegrenzte Szenen, ein durchgehend roter Faden im Vordergrund und ein sich stetig, intensiv entwickelnder „roter Persönlichkeitsfaden“ im Hintergrund sorgen für eine sich stetig aufbauende Spannungskurve, die umgehend verfilmt werden könnte.
Vor allem, da die Frage nach dem Ende allezeit in der Schwebe verbleibt, so dass auch in dieser Hinsicht hohe Spannung erhalten bleibt.

Wer ist dieser Henry Hayden wirklich, vordergründig Bestsellerautor und Hauptperson des Romans? Was geht in ihm vor?

Einfach ein in sich schwankender Mensch? Schwach darin, dass zu tun, was er als richtig erkennt und sich fest vornimmt? Einfach nur durch Zufälle daran gehindert, die „richtige“ Gelegenheit für das klärende Wort zu finden? Einer, der Schlimmes als Kind erleben musste?

Oder einer, der vor allem sich selber zu belügen versteht? Einer, der schon sehr genau „seinem Plan“ nachgeht, sich darin aber nicht ertragen könnte? Der die Person im grünen Subaru doch erkennt, aber nicht sehen will? Der hinter der Kurve nur vordergründig auf den nachfolgenden Wagen wartet, aber innerlich doch genau abschätzt, wo er da steht und was die Betonklötze am Rand der Straße alles anrichten könnten? Dann aber schnell hilft?

Einer, der zwar weiß, dass er die Finger hier und da von den jeweiligen Frauen lassen sollte, aber doch keine Kontrolle über „seine Finger“ hat? Einer, dessen Pyjama als Kind tatsächlich einfach zerrissen ist, oder der doch ein wenig nachgeholfen hat?

Je mehr Arango den Leser in diesen Henry einführt, je mehr er von der Vergangenheit des Bestsellerautoren aufdeckt, desto ambivalenter wird das Bild dieses Mannes und die Frage steht immer deutlicher im Raum, ob Henry mehr durch die Ereignisse seines aktuellen Lebens taumelt oder diese doch perfide und geschickt auch steuert. Schon als Kind.

Eines allerdings ist klar: „Herrgott im Himmel, wenn ich die Wahrheit sage, glaubt mir keiner“.

Nicht nur, was seine Manuskripte angeht. Aber, glaubt er sich selbst? Einer, dem der Leser lange Zeit zunächst auch einfach nicht böse sein kann. Kann er denn was dafür, wie sich das entwickelt alles? Kann er was dafür, was er damals unter dem Bett dieser merkwürdigen Frau gefunden hat, die er später heiratete? Oder für all das, was folgen wird?

„Dies wäre die Gelegenheit für ein offenes Wort gewesen …. Aber in keinem Moment ist der Mann feiger, sind seine Lügen erbärmlicher, als wenn man ihn in flagranti erwischt“.

So sieht das Henry, so mag das sein. Nur, dass man ihn gar nicht wirklich in flagranti erwischt hat. Es fühlt sich für ihn eben nur so an und bietet wieder eine willkommene Ausrede, ganz andere als die nun eigentlich angesagten Wege zu planen und zu gehen.

Ein „Kind-Mann“, der mit allen Verdrehungen und auch schrägen Argumentationslinien sich das gönnt, was genau er will.
Immer nur dem akuten, kurzfristigen Drang folgend und das wohl begründen könnend.

Mit einer ständig mehr verwischenden Grenze zwischen Wahrheit und Lüge, auch sich selbst gegenüber und einem „es sich einfach machen“ auch in dramatischsten Momenten.

Das alles fängt Arango auf den Punkt ein und erzählt mit gleichbleibendem Tempo eine fesselnde Geschichte, deren Ende lange Zeit überhaupt nicht absehbar ist. Was den Reiz des Lesens noch einmal deutlich erhöht und auch ihn selbst pointiert vor die Frage nach der gleitenden Grenze von Wahrheit und Lüge im Leben stellt.


Sommer 1914: Zwischen Begeisterung und Angst - wie Deutsche den Kriegsbeginn erlebten
Sommer 1914: Zwischen Begeisterung und Angst - wie Deutsche den Kriegsbeginn erlebten
von Tillmann Bendikowski
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Viel differenzierter als nur „Hurra-Patriotismus“, 10. März 2014
Schon bei oberflächlich näherem Nachdenken dürfte jedem vernünftigen Menschen klar sein, dass durchgehende Begeisterung, freudiger „Frontwille“ und bedingungslose „innere und äußere Treue“ zu Kaiser und Vaterland sicherlich nicht durchweg und simpel die Gemüter in Deutschland zu Kriegsbeginn 1914 bestimmte.

Ebenso, wie auch nicht alle deutschen Politiker säbelrasselnd voranstürmten. Ebenso, wie es im Vorfeld politisch mahnende Worte und Versuche mancher Diplomaten gab, die angespannte Lage zu entschärfen, ebenso waren Angst, Ablehnung des Krieges, Sorge auch Gemütszustände im Volk.

Allein schon die Aufzeichnungen Stefan Zweigs, aus denen heraus (gerade in „Die Welt von Gestern“) sich eine paneuropäische, im künstlerischen vereinte europäische „Begeisterung“ sich erkennbar ableiten lassen, zeigen, dass es auch „die andere Seite“ vernehmbar gab.

So stimmt bei näherer Betrachtung, die Bendikowski dem Leser ruhig, sachgerecht und fundiert recherchiert vorlegt, nicht, dass „der Krieg, der Kampf, all die Gefahren – all das sei regelrecht herbeigesehnt worden“.

Doch, es gab auch solche Stimmen und Kreise, aber die Gesamtlage der Deutschen 1914 war wesentlich differenzierter und uneiniger, als es im Nachhinein der Fall gewesen sein schien.

„In der historischen Wirklichkeit waren die Reaktionen auf die Kriegsgefahr und den Beginn des Krieges sehr viel komplexer und widersprüchlicher“.

So die These, der Bendikowski sich anschließt und die er Seite für Seite im Buch zu belegen weiß. Um dies zu entfalten, wählt Bendikowski stilistisch fast die Form einer biographischen Reportage(n), in deren Mitte er fünf verschiedene Personen stellt, denen er für den Sommer 1914 breit nachgeht. „Stellvertreter“ für die unterschiedlichen Gruppen der Bevölkerung, Land-Stadtbevölkerung, Intelektuelle und Arbeiter, Soldaten und Zivilisten.

Wilhelm II. wählt Bendikowski als eine der Personen aus, in dem bereits „zwei Herzen“ in der Brust schlagen. 25 Jahre Frieden unter seiner Herrschaft, darauf war er stolz. Aber auch dem Militarismus stark zugeneigt und mit „Großreichträumen“ ausgestattet.

Ihm zur Seite stellt Bendikowski den Historiker Professor Cartellieri, den 17jährigen Arbeitersohn und SPD Mitglied Weilhelm Eidermann, die ledige Lehrerin Getrud Schädla (27) und den Dozenten und Lyriker Ernst Stadler (30).

Ein Querschnitt somit durch die Schichten, die Herkunft, die innere Haltung, der sich in den einzelnen Reaktionen auf die Krise und den Ausbruch des Krieges deutlich widerspiegeln wird. Portraits, die Bendikowski flüssig, biographisch kundig und immer mit dem Blick auf die innere Haltung der Krise der Zeit gegenüber darzustellen versteht, so dass der Leser mehr und mehr emotionale Nähe aufbauen kann und mitten hineingezogen wird in die verschiedenen Lebenswelten der Personen und deren Erwartungen..

Eine fundierte Darstellung, die sich vielfach auf Primärquellen (überwiegend lagen Tagebücher der Personen vor) stützt und, wo ein Tagebuch nicht vorliegt (wie bei Wilhelm II,) ist überreichlich anderes Quellenmaterial vorhanden und von Bendikowski genutzt, um ein differenziertes Bild der „inneren Haltungen“ herausarbeiten zu können.

Durch den „Transport“ der unterschiedlichen Haltungen und „Gemütslagen“ in der Anhaftung an konkrete, historische Figuren gelingt Bendikowski, diese Unterschiede in der inneren Haltung und Wahrnehmung des „Sommers 1914“ überzeugend vor Augen zu führen und endgültig mit dem Vorurteil aufzuräumen, ein ganzes Volk wäre mit glänzenden Augen zu den Waffen gestürmt. Und selbst jene, die in dieser Form im August 1914 noch gedacht haben, werden bald erste Zweifel erleben (wie auch der Kaiser angesichts des raschen Vordringens russischer Truppen).

Eine sehr empfehlenswerte Lektüre.


Der Distelfink: Roman
Der Distelfink: Roman
von Donna Tartt
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,99

61 von 76 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Meisterwerk, 9. März 2014
Rezension bezieht sich auf: Der Distelfink: Roman (Gebundene Ausgabe)
Herrmann Hesse hat „das Korrigieren“ als die größte Freude an seiner schriftstellerischen Arbeit benannt. Das Wegstreichen allen Überflüssigen, das Einsetzen genau der richtigen Worte, bis, zu guter Letzt, die „Essenz“ auf dem weißen Papier sich eingefunden hatte.

Eine solche „Essenz“ stellt auch Donna Tartt in ihrem künstlerischen Schaffen her, wie auch dieser neue Roman wunderbar aufzeigt.
Weniger durch Wegstreichen von Worten allerdings, viel mehr durch die genaue Setzung ihrer Worte, die Dichte ihrer Schilderungen, die Auslotung aller Personen im Buch, eine Tiefe, die „wie nebenbei“ daherkommt und zugleich ganze Bilderwelten im Leser erzeugt.

Jeder Ort im Buch, jede Straße, die Zimmer in den Häusern und, vor allem natürlich, jede Person, werden so in mühelos wirkender Erzählung mit hohem Sprachschatz und wunderbarem Fluss der Worte in ihren Dimensionen fassbar und sichtbar, greifbar für den Leser.

Mal wie eine kleine, mit wenigen Worten seines energievollen Handelns erzeugten, Charakterstudie, führt man sich „Goldie“, den Concierge des Wohnhauses von Theo und seiner Mutter vor Augen.
Mal mit wenigen, poetischen Bildworten „wie bei einem jagenden Geschöpf mit scharfem Blick allein in der Prairie“, was das Äußere von Theos Mutter betrifft, bis hin zu Pippa, dem kleinen Mädchen, dass Theo beim Museumsbesuch schon auffällt und das später eine gewichtige Rolle noch spielen wird.

Die „Gastfamilie“ wird dabei in der Exklusivität der Gattin und der leichten inneren Abwesenheit des Ehemanns genauso getroffen, wie die verschiedenen „Hauptamtlichen“, Lehrer, Sozialarbeiter und Psychologen, die sich nach dem Anschlag, der Theos Mutter das Leben kostete, um den verwaisten Theo kümmern.

Dessen Geschichte erzählt Tartt auf den über 1000 Seiten des Buches.

Mal in schonungslos direkter Art und Weise, wie beim Erleben des Bombenanschlages und dessen direkter Folgen im Museum direkt durch die Augen Theos hindurch betrachtet. Eine Sequenz, in der man sich in einen Stephen-King-Roman versetzt fühlt.
Oder die bedrängenden Momente, präzise von Tartt beschrieben, wie Theo nach dem Terroranschlag allein in der Wohnung auf seine Mutter wartet und das ungläubige Entsetzen träge jeden Winkel der Wohnung und seines Wesens in Beschlag nimmt.
Und mal in breiter, auf das Milieu und die Atmosphäre gerichteter Erzählweise, die Charles Dickens oder Thomas Mann es nicht besser haben nutzen können.

Und das alles in sehr differenzierter, den Moment auslotender Art und Weise.
Schwarz und Weiß nutzt Tartt so gut wie nie zum Voranbringen ihrer Geschichte.

Alles hat viele Seiten, wie das Leben eben „in echt“ so ist.
„Reine Helden“ tauchen nicht auf. Der Leser weiß von den ersten Seiten an, dass der in der Gegenwart erwachsene Theo, in Amsterdam sich befindend, in Schwierigkeiten steckt. Zumindest eine dunkle Seite in sich trägt, grundlegend geprägt wurde vom Geschehen des gewaltsamen Todes der Mutter. Der aus dem Museum das Lieblingsbild seiner Mutter wie einen Halt „mitbekommen“ hat. Den „Distelfink“, der mit zunehmender Zeitdauer eine zunehmende Bedeutung im Buch erhält.

Theo, dessen größte Angst es in der Kindheit war, das seine Mutter nicht von der Arbeit zurückkehrt, dass er einsam und verlassen sich wiederfindet. Und genau dies tritt ein, diese „Nicht-Wiederkehr“. Mit all ihren vielfachen Folgen. Bis in die Gegenwart hinein.

Ein Verbrechen ist Geschehen, in Amsterdam. Mit Alkohol und anderen „Stoffen“ hat wohl dieser Theo der Gegenwart reichlich Erfahrung gesammelt. So sieht es aus, jetzt.
Was aber ist passiert, von damals bis heute in diesen Jahren?

Ein Entwicklungsroman sondergleichen, der jeder Faser der Personen und der tragenden Hauptfigur nachgeht. Ein atmosphärisch dichtes Buch, welches die Menschen und ihre Lebensweisen immer wieder in den Mittelpunkt mit rückt. Eine vollendete Sprache, die den Leser mitten hinein nimmt und keiner der über 1000 Seiten des Buches als Länge oder als überflüssig empfinden lässt. Die von Beginn an neugierig macht und neugierig hält, wie diesem Theo geschieht und allem, was ihm begegnet

Die 10 Jahre Entstehungsdauer dieses Buches merkt man dem Buch in bester Form schlicht in jeder Sequenz an. Und weiß gar nicht, ob man dem Sog des „schnell-Lesens“ nachgeben soll oder lieber langsam diese literarische „Entdeckungsreise“ liest. Aus dem Bedauern heraus, dass dieses Buch endlich ist und das nächste wohl wiederum lange auf sich warten lassen wird. Denn "Perfektion verträgt keine Schnelligkeit", wie Donna Tartt es für ihre Art des Schreibens sagt.
Kommentar Kommentare (4) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Apr 8, 2014 11:56 AM MEST


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